Chapter 11 of 47 · 3958 words · ~20 min read

Part 11

Es hatte an diesem Morgen den Anschein, als arbeiteten unsere Leute mit größerer Lust; denn anfänglich, und bis wir durch das Dorf Umpassa hindurch waren, ging alles trotz der geringen Kräfte vorzüglich. Auch ein hinter dem Dorfe befindliches trockenes Flußbett, durch welches die Wagen mit voller Fahrgeschwindigkeit geführt werden mußten, um die hohe Uferböschung hinauf zu kommen, stellte hohe Anforderungen an die Leute; bis plötzlich beim abermaligen Vortragen des Geleises alle sich an der Tete sammelten und durch lautes Murren ihre Unzufriedenheit kundgaben.

Dieses auffällige Benehmen und die Weigerung weiter arbeiten zu wollen, welches ich mir erst nicht erklären konnte, hatte seinen Grund darin, daß den Leuten verweigert worden war sich Wasser zu holen; so groß unser Vorrath auch war, in wenig Stunden hatten die Leute alles ausgetrunken, und so stellte sich nun bei schwerer Arbeit und glühender Sonne großer Durst ein. Der Führer hatte dazu noch die Kapitaos für das Murren ihrer Leute verantwortlich gemacht, und die Folge war Gehorsamsverweigerung.

Das Nutzlose einsehend, die höchst erregten Menschen noch zur weiteren Arbeit bewegen zu können, mußte früher als sonst Pause gemacht werden; kaum aber war das Signal »das Ganze halt« geblasen, als alle Arbeiter in wilder Jagd zum Dorfe Umpassa eilten, mit Mühe nur konnte ich mich dem Strome entgegenstellen und die Leute veranlassen die Fässer und Wasserbehälter zum Wiederauffüllen mitzunehmen.

Vier Stunden später riefen Trompete und Trommel vergeblich zur Arbeit, Niemand folgte dem Rufe mehr, und zweifellos war es, daß unsere sämmtlichen von Port Herald mitgenommenen Arbeiter desertirt waren. Ausgesandte Suaheli und Soldaten bestätigten denn auch bald diese Befürchtung und als ich nach den vermißten Fässern forschen ließ, wurden diese jenseits des Dorfes unter Bäumen vereinzelt liegend aufgefunden; mithin hatte sich die Arbeiterkolonne nach beendeter Arbeit sofort auf den Weg gemacht, um in ihre Dörfer zurückzukehren.

Nicht das war das Schlimmste, daß wir nun weit vom Schirefluß in Busch und Gras mit 20 Suaheli und wenigen Soldaten saßen, und es ein Unding war mit dieser Handvoll Leute die Bahn noch weiter zu bringen, sondern daß die Expedition weit und breit bei den Eingeborenen in Mißkredit gebracht worden war; und in der Folge, da ich beim Bahntransport verblieb, konnte ich ein Lied davon singen, wie es thut, wenn man von aller, auch der geringsten Hilfeleistung abgeschnitten ist.

Das Nächste was in dieser schlimmen Lage nun zu thun, war einen Weg ausfindig zu machen, auf welchem wir die Bahn zum Flusse schaffen konnten und dann uns nach Hilfskräften umzusehen, die bereit wären uns die schwere Arbeit zu erleichtern; nächstdem galt es eine Uferstelle aufzufinden, wo später die Leichter bequem anlegen und beladen werden konnten.

Während der Transportführer flußaufwärts durch Gras und Gebüsch einen Weg zum Flusse suchen ging, wandte ich mich dem Dorfe Umpassa zu und erkundete hier von einigen Bewohnern bald, welches der nächste und beste Weg zum Flusse sei. Geführt von Eingebornen, stand ich schon nach etwa 15 Minuten am Ufer des Schire und fand hier, verdeckt durch eine kleine Bananenanpflanzung, sowohl einen guten Lagerplatz, als auch eine bequeme Anlegestelle. Darauf zum Dorfe zurückgekehrt, unterhandelte ich mit Häuptling Tengani wegen Leute, die uns behülflich sein sollten die Bahn fortzuschaffen.

Wider Erwarten zeigte sich der Fumo bereitwilliger, als nach der am vorhergehenden Tage bekundeten Weigerung uns Leute zu geben, hätte erwartet werden können und nach Uebereinkunft stellte der Fuma dann auch 42 Mann. Zur Feldbahn zurückgekehrt war Herr v. Eltz, der keinen bequemen Weg durch Gebüsch und Gras gefunden hatte, mit den vorläufigen Abmachungen einverstanden und nach längerem Schauri begannen wir rechts abbiegend mit den Leuten die Bahn fortzuschaffen.

Am Nachmittage des nächsten Tages, Sonntag den 6. November, waren wir nach angestrengter Arbeit denn endlich so weit, den Wagenzug in drei Reihen nahe dem Flusse auffahren zu können und uns so gut es ging dazwischen ein Lager einzurichten. Die Umpassa-Leute waren nun aber mit ihrer Ablöhnung nicht zufrieden, da, anstatt wie es richtiger gewesen wäre jedem einzelnen den Lohn auszuzahlen, dem Fumo der ganze Betrag überreicht wurde, der je nach Belieben seinen Leuten für ihre Arbeit entweder nichts oder nur wenig abgab. So war die Folge, daß wir es nun auch mit diesen gänzlich verdorben hatten und die vorher schon getroffene Verabredung, daß am selben Abend noch 20 Mann mit Herrn v. Eltz nach Chilomo abgehen sollten, wurde nun ihrerseits nicht eingehalten, so mußte derselbe, nur begleitet von einigen Suaheli, ohne Träger und Maschilla-Leute aufbrechen.

Die Feldbahn, als praktisches Transportmittel, steht ihre Verwendbarkeit außer Frage, selbst auf solchem Terrain, wie wir es zu durchziehen hatten; können nur die Bedingungen -- annähernd genügende Menschenkraft, dazu der benöthigte Proviant -- erfüllt werden, ist viel damit zu erreichen, der Führer nicht an die Zeit gebunden, kann dann die Kräfte seiner Mannschaft schonen, und langsam zwar, aber sicher zum Ziel gelangen. Verurtheilt, für voraussichtlich längere Zeit ein einsames Lagerleben hier zu führen, mußte ich zunächst darauf bedacht sein, für die Europäer eine einigermaßen sichere Unterkunft zu beschaffen, was in gänzlicher Ermangelung von Zelten -- für mich war nur ein kleines vorhanden -- nicht so leicht war, da wir an einen Aufbau von Hütten nicht denken konnten, weil der Wald zu weit und auch Arbeitskräfte fehlten. Man lernt aber in Afrika den Umständen Rechnung tragen und Noth macht erfinderisch, dazu, gewöhnt ein schützendes Dach schon als einen Vorzug zu betrachten, ist man in der Wahl eines solchen nicht gerade sehr penibel, sondern begnügt sich mit dem denkbar einfachsten, sofern es nur Schutz gegen Sonnengluth und Regen bietet. In dieser Hinsicht mußten wir uns denn auch zu helfen suchen so gut es gehen wollte.

Die bereits erwähnte längs dem Ufer liegende Bananenanpflanzung war das einzige schattenspendende Objekt weit und breit, und dieses benutzend, wurden einige entleerte Wagen in dieselbe hineingeschoben, darüber von Seitenwänden provisorische Dächer errichtet, diese mit wasserdichtem Tuch überdeckt, war unter den breiten Blättern der köstlichen Bananenpflanzen ein idyllischer Aufenthalt fertig gestellt.

Anfänglich war auch die Jagd noch ergiebig und mancher Busch- oder Wasserbock wurde in das Lager gebracht, sodaß zeitweise Ueberfluß an Fleisch im Lager vorhanden war. War aber mal ein Warzenschwein erlegt worden, überließ ich die Beute, bis auf die besten Stücke, dem Fumo Tengani, weil die Suaheli und Bacharias als Muhamedaner solches nicht essen, hoffend dadurch ein besseres Verhältniß zwischen uns und den Bewohnern wieder herstellen zu können. Allein es ist sehr schwer das einmal verlorene Zutrauen dieser einfachen Menschen wieder zu gewinnen. Es wollte sich trotzdem keiner bewegen lassen auch nur für kurze Zeit bei uns zu arbeiten; gleichen Mißerfolg fand ich überall, so weit ich auch meine Leute in die näheren oder entfernteren Dörfer senden mochte.

Später wurde unsere Lage bedenklicher, als Mangel an Proviant, Mtamamehl und Bataten eintrat, und tagtäglich 4 bis 6 Mann ausziehen mußten, um aus weitentlegenen Dörfern das Nöthigste für die noch über zwanzig Köpfe zählende Mannschaft heranzuschaffen. Dazu kam auch noch das Fleisch in Fortfall, weil das Wild schließlich scheu geworden und demselben nicht mehr so leicht beizukommen war. Es hatten sich auch, durch erlegtes Wild angelockt, Hyänen und Leoparden eingefunden, die nächtlicher Weile das Lager absuchten und uns freihängendes Fleisch verschiedene Male raubten.

Das Jui-i -- Jui-i der Hyänen, welches man als das Lachen dieses widerlichen Thieres bezeichnet, ist in stiller Nacht keine angenehme Musik, dabei aber so durchdringend, daß man stets davon aus dem Schlafe auffährt und sich versucht fühlt dem nächtlichen Störenfried, der unheimlich leise zu schleichen versteht, eine Kugel auf das Fell zu brennen -- wenn sie sich nur beikommen ließe -- was uns später nur ein einziges Mal gelang. Ich hatte die Erfahrung gemacht, es sei nicht immer wohlgethan mit mehreren Begleitern auf Jagd zu gehen, weil beim Erscheinen Mehrerer das Wild stutzig wurde und abging; man nahm die Leute auch nur darum mit sich, um etwa erlegte Thiere fortzubringen, da es schwer hält im wegelosen Wald einen bestimmten Ort wieder zu finden. Aus diesem Grunde machte ich mich eines Sonntag Morgen sehr früh auf den Weg mit dem festen Vorsatz Wild zu schießen, es sei was es sei; denn der Mangel im Lager war recht fühlbar geworden, da seit nahezu einer Woche kein frisches Fleisch mehr zu erhalten gewesen war und selbst die ausgesandten Leute nur wenige Hühner hatten aufkaufen können. Ehe im Urwald der Tag noch recht zum Durchbruch gekommen, war ich schon sehr weit vorgedrungen, indes alles vorsichtige Spähen war nutzlos, wo sonst auf den rasengleichen Grasflächen im weiten Walde meistens immer Riedböcke etc. zu finden waren wollte heute kein Thier sich zeigen, nur wilde Tauben und Perlhühner, oft genug schußgerecht, lenkten durch ihr Locken und Schreien die Aufmerksamkeit auf sich. Aber ich wollte mir nicht voreilig Großwild, das noch ungesehen auf irgend einer nahen Lichtung stehen konnte, verscheuchen, war solches doch stets zu finden, wenn auch nicht immer zu erlegen gewesen.

Langsam durch den Wald dahingehend, achtete ich nur darauf, daß ich die einmal eingeschlagene Richtung auch innehielt und hatte ich fast den eigentlichen Zweck vergessen, denn bald hier, bald dort unter den gewaltigen Bäumen, Nüsse oder sonstige Früchte sammelnd, zogen die mächtigen vereinzelt stehenden Schirmakazien und andere unbekannte Arten, sowie der reiche Pflanzenwuchs meine Aufmerksamkeit von der Thierwelt ab, bis ich plötzlich zwischen den lichteren Bäumen Wild sich bewegen sah. Es war ein stattlicher Wasserbock, der auf Vorposten äsend, meine Annäherung noch nicht bemerkt hatte, und wohl wissend, wie schwer es ist, gerade solchem Thiere beizukommen, schlich ich mich vorsichtig von Baum zu Baum, bis auf etwa 100 Meter heran. Im selben Moment aber, als das laute Echo des Schusses durch den Wald hallte, brachen dicht bei mir zur Linken aus einem weiten Grasgebüsch mehr als 30 Stück Wild heraus, die auf kurzer Distanz verdutzt stehen blieben und mich anäugten; erst der zweite Schuß brachte sie in Bewegung, und im Nu waren sie fort.

Das zweite Thier, das schnell verendete, ließ ich liegen -- an ein Fortschaffen war ja nicht zu denken -- und folgte dem ersten, aber trotz der Blutspur bemühte ich mich vergeblich die Beute zu erreichen. So weit ich auch durch Dick und Dünn dem Thiere nacheilte, hatte doch die schnellfüßige Antilope einen zu großen Vorsprung gewonnen; schließlich als ich die Verfolgung aufgab und mich recht besann, war ich in ein solches Urdickicht gerathen, wo jede Orientierung aufhörte. Ich fand jedoch bald einen Wildpfad, verfolgte diesen bis ich eine Grasfläche erreichte, wo es möglich war die Sonne zu sehen, um nach ihrem Stande die annähernd rechte Richtung zu wählen, welche zum Schirefluß zurückführen könnte.

Jede Lust zum Jagen war mir vergangen, obgleich ich eine Wildkatze, auch einzelne Kudus, die größte Antilopenart, und eine kleine Büffelheerde zu Gesicht bekam. Erst als ein Volk Perlhühner, etwa 40 Stück mir vor die Flinte kam, schoß ich wieder, fand aber im hohen Grase und dichten Unterholz keins der Thiere, weil sie gar zu flink im Gebüsch verschwanden, wohin ich nicht folgen konnte; sie sind nur zu erlangen, wenn sie unter Feuer liegen bleiben.

Sieben Stunden schon wanderte ich ohne Wasser und Proviant, der Wald wollte mir endlos scheinen und wäre ich nicht überzeugt gewesen, daß ich recht gegangen war, der aufsteigende Zweifel hätte mich leicht irreleiten können. Endlich aber sah ich doch durch die Walddämmeruug, rechts voraus einen hellen Schimmer, der ein Ende dieses mächtigen Reviers anzudeuten schien und vorwärts strebend, fand ich mich bald am Rande einer scheinbar endlosen Grasebene. Rechts oder links nun wenden, das war die nächste Frage -- doch die weite Einsamkeit gab hierüber keinen Aufschluß, darum auf gut Glück die bisherige Richtung inne haltend, bahnte ich mir einen Weg durch das übermannshohe Schilfgras, das gleich einer lebenden Mauer mich umschloß, keine Fernsicht noch Ausblick weiter gestattete, als nur das blauweißlich schimmernde Himmelszelt, wo die Lichtfluth das Auge blendete.

Nach längerer Zeit traf ich unerwartet auf einen Wildpfad, der Spuren vorübergegangener Zebras aufwies und da diese noch frisch, verfolgte ich sie in entgegengesetzter Richtung in der Voraussetzung, daß die Thiere von der Tränke gekommen sein mußten. Ich hatte mich auch nicht getäuscht, denn bald traf ich auf diesem Pfade dichtes Ufergebüsch an, daß sich erst lichtete, als ich eine Art Graben erreicht hatte, der aber so überwuchert war, daß es einzig nur für Thiere möglich schien, hindurchzudringen.

Wohl hätte ich am Ende des dunklen Ganges leicht Wasser finden können, wenn ich mich hindurch hätte winden wollen, aber ohne ein Mittel dieses zu schöpfen, scheute ich mich auch dort Wasser zu trinken, wo allnächtlich der Panther, Hyäne und andere Thiere zur Tränke kamen; mehr noch ließ mich die Unheimlichkeit des Ortes davor zurückschrecken, da unvorbereitet, eine Begegnung mit einer gefährlichen Katze keine besondere Annehmlichkeit ist, wie ich es im Somali-Land bei Kismaju erfahren mußte, wo ich mit einem Begleiter, anstatt Menschen zu finden, die uns und die Gefährten in bitterer Noth helfen sollten, im dichten Gebüsch einen sprungbereiten Panther antraf, und hätte nicht ein glücklicher Zufall das blutdürstige Raubthier verscheucht, würde ein Angriff dieser Katze doch wohl einen bedenklichen Ausgang genommen haben.

Den quälenden Durst bezwingend, wandte ich mich zunächst flußaufwärts und erkämpfte mir sozusagen Schritt vor Schritt einen Weg durch das dornige Dickicht, um zum Flusse zu gelangen, hoffend, daß es mir gelingen würde irgendwo doch noch Wasser zu erreichen; aber wie unglaublich schwierig es ist im glühenden Sonnenbrand durch solches Gestrüpp sich zu winden, kann man nur nach persönlicher Erfahrung beurtheilen. Endlich stand ich am Ufer, das aber überall steil abfiel und nirgends einen Zugang zum Flusse bot; ich sah unter mir nur Rohr und dichtes Schilfgras, welches die Wasserfläche weithin bedeckte, so daß, hätte ich auch herankommen können, dieses dem Fuße keinen Halt geboten haben würde, um zum fließenden Wasser zu gelangen.

Vergeblich also war alles Mühen gewesen -- so nahe dem erquickenden Naß und doch so unerreichbar -- da entschloß ich mich, um die Qual zu lindern, eine im Urwald gefundene Frucht, von breitästigen gewaltigen Bäumen, ähnlich einer Citrone, goldgelb und saftig, anzuschneiden und diese zu versuchen; allein kaum hatte der Saft die Lippen berührt, als sie, wie mit einer ätzenden Flüssigkeit besprengt, sofort entsetzlich an zu brennen fingen und zu dem qualvollen Durst kam noch der entsetzliche Schmerz! Nun fast völlig ermattet, suchte ich am Rande der Grasebene fortzukommen, in der Voraussetzung, daß das Lager flußaufwärts liegen müsse. Doch nach einiger Zeit kamen mir ernste Zweifel, ob ich wohl die rechte Richtung eingeschlagen hätte, da in dieser Wildniß nichts einen Anhaltepunkt abgab, und die schwerwiegende Frage war, flußaufwärts- oder -abwärtsgehen. Ein langes Besinnen in solcher Lage konnte nur von Nachtheil sein und Wankelmuth irreleiten, darum, ob falsch oder recht, weiter ging ich, das Gewehr als Stütze benutzend, denn die sonst leichte Last lag wie ein Centnergewicht schon auf den Schultern.

Bald sah ich auch eine kleine kultivirte Fläche Landes, die darauf hindeutete, daß in nicht allzu großer Entfernung menschliche Wohnungen zu finden sein müssen, ich fand auch nach näherer Untersuchung im Gebüsch verborgen eine kleine Wärterwohnung, die zur Zeit, wenn solche abgelegenen Felder bestellt werden von einigen Leuten bewohnt wird, um Nahrung suchende Flußpferde, welche mit Vorliebe solche Aecker nächtlicher Weile verwüsten, durch Lärm zu verscheuchen, jetzt aber unbewohnt war. Indessen war ich doch froh die Gewißheit zu haben, nicht irre gegangen zu sein, und einen in der Nähe stehenden verkrüppelten Baum erkletternd, gelang es mir über die Gebüsche hinweg Umschau zu halten. Ich erkannte in einiger Entfernung eine Vorrathskammer der Eingebornen und strebte derselben zu, hoffend, daß ich die würde erklimmen können, um mich dann besser zu orientiren, wo ich mich eigentlich befände. Es sind dieses etwa 15 Fuß hohe aus einfachen Baumstämmen aufgeführte Gerüste, auf welchen die Bewohner eines Dorfes in großen runden Korbgeflechten, mit einem ebensolchen Dache versehen, ihren Vorrath an Getreide, Mtama und Mais aufbewahren; namentlich in Gegenden, wo es vorkommt, daß der Fluß in der Regenzeit Alles überschwemmt und die Menschen dann Dörfer und Hütten den Elementen preisgeben müssen. Durch diese Bauten, die stets in solchem Falle noch mit Canoes zu erreichen sind, schützen sie sich vor Hunger und Noth.

Das Erklettern des Gerüstes war trotz der körperlichen Abspannnng nicht so schwer, doch über die vorstehende Plattform konnte ich erst nach mehreren Versuchen und Aufbietung aller Kraft gelangen; schließlich oben angelangt, hatte ich die Genugthuung, weite Umschau über den wie einen Silberstreifen sich hinschlängelnden Fluß und über die wilde Gegend in ihrer sich gleichbleibenden Monotonie, halten zu können.

In weiter Entfernung flußaufwärts glaubte ich denn auch eine bekannte Baumgruppe zu erkennen unter welcher ich einst nach mühseligem Marsch Rast gehalten hatte und die vor dem Dorfe Umpassa liegen mußte. Soweit nun orientirt, machte sich das Verlangen nach Nahrung geltend, die unmittelbar neben mir in Mengen lagerte, aber um einen Maiskolben zu erlangen, hätte ich das Geflecht zerschneiden müssen, ein Versuch, das Dach zu heben, war mißlungen; dieses jedoch mochte ich nicht thun und den Besitzer so schädigen, dem sicher an ein Paar Maiskolben nichts gelegen war, der aber später durch Vögel und namentlich Ratten einen beträchtlichen Schaden erlitten hätte. Herabgestiegen, nahm ich die beschwerliche Wanderung durch das wegelose Gras in heißer Sonnengluth wieder auf, bis ich endlich einen Fußpfad fand, auf welchem ich nach halbstündigem Wandern das Dorf erreichte.

Recht auffallend war die Ruhe im Dorfe, als sich weder Mann, Weib, noch Kind sehen ließen; erst nach längerem Suchen kam ein altes Mütterchen zum Vorschein, das mir auf Verlangen in einer Kürbisschale das langentbehrte Wasser geben konnte. Nach der Ursache, wo die Einwohner abgeblieben seien, brauchte ich nicht zu forschen, denn inzwischen hatte ich vom Lager herübertönend, wildes Geschrei und Halloh vernommen, welches mich veranlaßte, so schnell als es noch gehen wollte hinüberzueilen, um die Veranlassung kennen zu lernen.

Zum Ufer gekommen, bot sich mir an der Stelle, wo gewöhnlich die Frauen vom Dorfe Wasser schöpften, etwas unterhalb des Lagers, ein Anblick dar, der würdig gewesen wäre von der Hand eines Malers aufgenommen zu werden. Ich traute meinen Augen kaum; auf einem gewaltigen, noch halb im Wasser liegenden Flußpferde tanzten die schwarzen Gestalten herum, während einige meiner Leute mit langen Buschmessern die Hinterschenkel des Kolosses abzutrennen suchten; die Eingebornen aber, in Ermangelung solcher Instrumente, mit ihren Speeren die dicke Haut aufzuschneiden und Fleisch zu erlangen sich bemühten. Bald erfuhr ich auch, daß es dem Zimmermann Ottlich gelungen war einem mitten im Flusse auftauchenden Flußpferd einen tödtlichen Schuß beizubringen und, ehe das Thier in die Tiefe sinken konnte, von kühnen Eingebornen, die sich mit einem Canoe herangewagt hatten, mit einem starken Tau ans Land geholt worden war. Fünfzig Mann waren aber nicht imstande gewesen den gewaltigen Fleischklumpen höher das Ufer hinauf zu schaffen, sodaß mit der Zerlegung in der erwähnten Weise begonnen werden mußte, und, da die Europäer nach dem Fleische eines Cibokos kein Verlangen trugen, hatten sie es außer dem bereits abgetrennten Kopf den Leuten und Eingebornen überlassen.

Der Stärkung vor allem bedürftig, glich eine Mahlzeit, bestehend aus Biscuits und Sardinen, das zehnstündige Fasten wieder aus, und nachdem einige Leute nach der im Walde erlegten Antilope ausgesandt waren, denen ich noch möglichst genaue Weisung gab, wo das Thier zu finden sein würde -- ich hatte nämlich bis zu jenem Orte, am zurückgelegten Wege, wo Büsche standen, hin und wieder kleine Zweige als Merkzeichen niedergebrochen, die einmal aufgefunden, den Leuten nicht entgehen und sie zur betreffenden Stelle hinführen würden -- beschloß ich dem Streite ein Ende zu machen.

Ich sagte dem Fumo Tengani, der nicht minder eifrig wie alle Uebrigen bestrebt war sich einen Antheil am Fleisch des Thieres zu sichern, er und seine Leute würden alles unter sich theilen dürfen, wenn er mir dafür zusichert, sobald der erste Leichter ankommt, ein Dutzend Arbeiter gegen Bezahlung zu stellen, die nöthigenfalls wenigstens bis Chilomo mitgehen müßten; auch gelegentlich Boten geben wolle, welche ich nach dorthin oder Port Herald zu senden haben würde. Billig genug war das Verlangen, auch in Anbetracht der großen Gabe, von welcher zu eigenem Gebrauch verhältnißmäßig wenig genommen wurde, nicht zu viel verlangt. Ich ersah auch aus der hier versammelten Anzahl Dorfbewohner, daß die bisherige Ausflucht des Häuptlings »er habe keine Mannschaft« leere Redensart gewesen war.

Besonders hierauf hinweisend, ging er denn auch auf die gestellte Bedingung ein und überzeugt, daß im Lager überreichlich Fleisch vorhanden war, überließ ich bis auf die werthvolle Haut, die sauber dem glücklichen Schützen abgeliefert werden mußte, den Eingebornen das Thier. War aber vorher schon Zank und Streit bei der Zerlegung gewesen, war das Kämpfen um Mein und Dein bald nachher nicht mehr hübsch anzusehen; eine Begierde die an Habsucht grenzte, machte jeden auf den andern neidisch, dem es gelungen war ein besseres Stück Fleisch zu erlangen. Toll war es, wenn die Weiber sich die von den Männern zugetragenen Eingeweide gegenseitig entrissen, sie kämpften darum bis die Siegerin mit der Beute entfloh, um sobald diese in Sicherheit gebracht war, sogleich wieder auf dem Schauplatz zu erscheinen, damit sie sich einen neuen Antheil sichern konnte. Bis weit in die Nacht hinein -- das frische Fleisch wurde sogleich an hellen Feuern gebacken -- schallte das Lärmen zum Lager herüber; man hätte meinen können, die Theilnehmer am Gelage lägen sich fortwährend in den Haaren. Am anderen Morgen war aber auch nicht das Geringste von dem mächtigen Thiere übrig geblieben, nur vereinzelte Knochen und die sauber ausgeschrapte Haut.

Uebrigens labten wir Europäer uns nicht minder an einem Wildbraten, wozu der von den ausgesandten Leuten glücklich aufgefundene Buschbock das Nöthige lieferte; ich glaube das Flußpferdfleisch hätte im anderen Falle uns schadlos halten müssen! --

Wenige Tage später traf Brückner mit seinem Leichter beim Lager ein, hatte aber so wenig Leute bei sich, daß ich mich genöthigt sah ihm Ersatz zu verschaffen, damit es ihm möglich werde gegen den Strom fortzukommen. Gleicherzeit brachte er die Nachricht, der Major sei schon von Katunga aufgebrochen und habe wahrscheinlich mit seinen Lasten bereits das Schiregebirge überschritten, aber auch die traurige Kunde, daß der Kesselschmied Wedler, bisher sein Assistent, durch den heftigen Anprall seines Fahrzeuges gegen das Ufer sehr schwer verletzt sei; derselbe habe sofort von seinen Leuten nach Blantyre gebracht werden müssen, wo vermuthlich noch unser Expeditionsarzt Dr. Röver anzutreffen war, wenn nicht, ein englischer Missionsarzt sich des Verletzten annehmen könnte.

Es muß jedoch für den Verunglückten eine Höllenqual gewesen sein vier Tage lang in einer Maschilla zu liegen, ehe ihm Linderung und Hilfe zu Theil wurde.

Die Ankunft des Leichters gab mir Veranlassung, den Fumo Tengani laut getroffener Verabredung um Stellung einer Anzahl Leute anzugehen, aber ich sollte abermals die Erfahrung machen, daß Zusagen und Versprechungen bei den Eingebornen wenig Geltung haben und erst nach langen Verhandlungen bewog die Drohung, er würde im Weigerungsfalle bei dem englischen Administrator Mr. Hiller in Chilomo angezeigt werden, ihn, mir zehn Mann zu stellen, zu mehr wollte er sich nicht bewegen lassen; ich war aber auch mit dieser Zahl zufrieden, wenigstens konnte der Leichter expedirt werden.

Ein ähnlicher Fall trat eine Woche später ein. Wißmann war nämlich mit seinem Fahrzeug in Chilomo eingetroffen, und wie jedesmal, seine Leute desertirt, er hatte nur noch vier Suaheli Bacharias bei sich mit denen es unmöglich war die Fahrt fortzusetzen. Da in Chilomo absolut keine Leute zu bekommen waren, hatte ich nun auch Ersatz zu schaffen, war vielmehr dazu verpflichtet, als mir mit einem Eilboten von Katunga aus die Nachricht von v. Eltz zugegangen war, daß mir vorläufig der Befehl über die ganze Transportexpedition übertragen sei.

Ich wandte mich nun zunächst nach Port Herald und bat um einige zwanzig Mann; der Bescheid aber, den ich erhielt, ließ mich erkennen wie aussichtslos eine solche Bitte gewesen und wie wenig geneigt man dort war uns noch zu unterstützen, was selbstverständlich nur darauf zurückzuführen war, daß die früher gestellten und desertirten Leute sich bitter über uns beschwert hatten. Es spielt das Schicksal aber doch oft wunderbar im Menschenleben! -- Hätte jener Mr. Steavenson, an den ich mich gewandt hatte, wohl ahnen können, daß ein Deutscher ihm später das Leben erhalten sollte, zu einer Zeit, als er schwer verwundet in meiner Hütte lag! überhaupt meine Unterstützung ihn und seine Gefährten aus höchst bedrängter Lage erst befreite, jedenfalls würden dann seine Entschließungen anders ausgefallen sein.