Chapter 17 of 47 · 3920 words · ~20 min read

Part 17

Die Vertheilung der Lasten unter den noch vorhandenen vierzehn Mann, wovon vier als Maschillaträger solche nicht annehmen wollten, sondern sich erboten mich zeitweise zu tragen, ergab, daß nun die Munitionskisten und andere Sachen zurückbleiben mußten, auch war es rathsam, lieber unverzüglich aufzubrechen und den Marsch anzutreten; denn ist der Träger einmal mit seiner Last in Bewegung, fühlt er sich gehalten, dieselbe auch am Bestimmungsorte abzuliefern, trotz vieler Scherereien, die man mit den Leuten sonst hat, wenigstens eine gute Eigenschaft.

Durch diese unliebsame Verzögerung, es war bereits zehn Uhr geworden, schwand die Aussicht bis Abend noch Zomba erreichen zu können, betrug doch die Entfernung einen tüchtigen Tagesmarsch, annähernd etwa vierzig Kilometer; dazu war die Gewißheit, nun doch unter freien Himmel kampiren zu müssen, keine besonders angenehme Zugabe, als fast täglich auf den hohen Bergkuppen Regenschauer niedergingen, deren nachtheiligen Wirkung ich schon zur Genüge erfahren hatte. Der Weg führte anfänglich bergauf und ab, über Bäche und blosliegendem Gestein, oft steilansteigend, um bald darauf wieder abwärts sich zwischen Wald und Busch hinzuschlengen, die Scenerie in ihrer wilden Schönheit war großartig; die Luft kühl und angenehm, trotz der Sonnengluth, die alles mit ihrem blendenden Schein übergoß, belebte die Glieder zum straffen Marsch und man fühlte sich großen Anstrengung gewachsen.

In einem Thalkessel, auf einer europäischen Ansiedelung, wo an den Berghängen die jungen Kaffeebäumchen in langen Reihen angepflanzt waren und noch viel urbar gemachtes Land von regem Fleiße Zeugniß gab, wurde noch kurze Rast gehalten, um den vor uns liegenden mächtigen Bergkegel mit frischen Kräften ersteigen zu können; war doch das Emporklimmen zur Höhe recht ermüdend und ein Jeder froh, wenn der schmale Fußpfad ebener verlief. In dieser Bergregion trat das Felsengestein mehr zu Tage, und mächtige Blöcke von den Höhen herabgestürzt, lagen vielfach am Wege zerstreut. War die Humusschicht auch nicht bedeutend, so hatte doch eine überreiche Vegetation feste Wurzeln in diese geschlagen und dem Auge bot sich nichts als Wald dar, von den Thälern aufwärts bis zu den Höhen, seltener an steilen Abhängen dichtes Gebüsch, oder wo das Erdreich vielleicht zu arm, hohes wogendes Gras. Jede Kultur hatte hier aufgehört und ringsum zeigte sich die Natur in ihrer wilden großartigen Pracht.

In den Bergen hatte es in früher Morgenstunde geregnet, und wo der Weg durch hohes Gras und Gebüsch führte, durchnäßten die schwer an den Halmen und Blättern hängenden Tropfen die Kleider vollständig, sodaß es keine besondere Annehmlichkeit war, naß und fröstelnd fortzuschreiten, zumal ein Kleiderwechsel doch zwecklos, weil die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach der Bäume nicht durchdringen und die Feuchtigkeit aufsaugen konnten. Hart an steilen Abgründen vorbei, wo in der Tiefe weiße Nebelschleier wie Dunstgewebe wallten und nichts erkennen ließen, oder unter einer überhängenden Felswand, kreuz und quer dem Fußpfad folgend, schritten wir auf einer Durchschnittshöhe von 5000 Fuß rüstig vorwärts. Obwohl die Leute schon sichtlich ermüdet unter ihrer Last, den engen Anschluß verloren hatten und auf dem Wege vertheilt, zu folgen trachteten, mochte ich doch nicht eher Halt machen, als bis die letzte Höhe erstiegen war, und sollte von dieser der Weg noch zu weit sein, wollte ich dort eben für die Nacht Quartier machen.

Einige Male, wenn der Weg eben verlief, hatte ich mich in der Maschilla tragen lassen, theils weil ich ermüdet war, theils um den leicht nebenher laufenden Trägern, die noch mehr Bezahlung als die Lastträger erhielten, auch was zu thun zu geben; allein immer nach kurzer Zeit schon konnten sie nicht mehr recht vorwärts kommen und auch einsehend, daß für nur vier Mann meine Körperlast zu schwer werden mußte, lief ich lieber zu Fuß, als mich der Gefahr auszusetzen, durch Stürzen irgend eines Mannes, auf dem steinigen Boden niedergeworfen zu werden. Aber auch diese Erfahrung sollte mir nicht erspart bleiben! Unaufgefordert wollten die Leute ein Uebriges thun und mich auf einer felsigen Strecke, wo es sich mit müden Füßen schlecht marschiren ließ, tragen; um den selten guten Willen nicht zurückzuweisen, ließ ich mich herbei die Maschilla zu besteigen mit der Mahnung, vorsichtig zu gehen, nicht wie üblich in einen kurzen Trab zu fallen, der auf diesem unebenen Wege leicht Unangenehmes zur Folge haben könnte.

Eine zeitlang ging es auch, aber ob den Leuten das langsamere Gehen zu anstrengend war, sie verfielen bald wieder in das gewohnheitsmäßige Traben und die Bambusstange im Laufen bald von der einen auf die andere Schulter werfend, liefen sie schnell vorwärts. Im Begriff halten zu lassen, weil ich keine Lust hatte mit dem harten Steinboden Bekanntschaft zu machen, sah ich, daß die Stelle gerade zum Aussteigen schlecht geeignet war, und bis ein kurzer Abhang mit schlüpfrigem Gestein überstiegen sei, wollte ich noch warten. Da, plötzlich gleitet der Hintermann aus, die Stange fliegt ihm von der Schulter und ich komme mit dem Kopf zuerst auf das harte Gestein zu liegen, während der Vordermann dieselbe krampfhaft hochhält, sodaß die Beine hoch, der Körper wie ein Klotz aus der Maschilla, ausgeschüttet wird. Ich kann nicht behaupten, daß diese etwas unsanftige Bettung zwischen harten Steinen irgend was Anziehendes gehabt hätte, im Gegentheil, mit schmerzenden Gliedern und geschundenem Kopf mich aufrichtend, war der erste Impuls dem Manne für sein Ungeschick einen derben Verweis zu geben, aber die ängstliche verlegene Miene desselben, sowie die Verletzungen an den blutenden Knieen dämpften den Groll, waren doch dessen Wunden schlimmer als meine paar Beulen, obgleich ich noch von Glück sagen kann, so glimpflich dabei weggekommen zu sein.

Ueber Steine und Felsstücke ging es mühsam weiter und als bald darauf der Weg thalwärts zu einem zwischen den Bergwänden wild in eine Felsschlucht abwärtsstürzenden Bache führte, rastete ich an diesen, um die Träger alle herankommen zu lassen, ehe der Weitermarsch, die gegenüberliegende wohl achthundert Fuß hohe Felswand hinauf, angetreten wurde. Hätte ich übrigens geahnt, wie anstrengend der von Anfang an eingeschlagene Gebirgspfad sein würde, der zwar um ein Beträchtliches kürzer und auch die ganze Großartigkeit und Schönheit der Gebirgswelt dem Auge des Wanderers vorführte, so hätte ich doch lieber den direkten breiten Weg von Blantyre bis Zomba genommen, aus dem Grunde schon, weil ich mir hätte sagen müssen, daß ein mehrtägiger scharfer Marsch in solchem zerklüfteten Hochland auf die Dauer ermüdend wirken muß. Freilich in Betracht ziehend, daß es mir nur einmal vergönnt sein möchte diese von Europäern so wenig besuchte Gegend zu sehen, hatte ich einige Strapazen und ein in Aussicht stehendes schlechtes Nachtquartier wenig geachtet und vorgezogen das Schöne dort zu suchen, wo es zu finden ist -- Alltägliches liegt genug am breiten Wege, ohne Mühe kein Verdienst, sollte dieses auch nur als Erinnerung das Herz erfreuen -- aber selbst für das Erhabenste schwindet allmählich das Interesse, wenn der Körper müde und matt dem festen Willen nicht mehr zu folgen im Stande ist.

Am Rande des Baches, dessen Fluthen zu Zeiten eine beträchtliche Höhe erreichen mußten, wovon die Anzeichen durch die Wassermassen selbst in das harte Gestein gegraben worden, erwartete ich hier die nach und nach eintreffenden Träger, die nach kurzer Rast, als das »Vorwärts marsch« wieder gegeben, wenig Lust bezeigten die steile Felswand mit den Lasten emporzuklimmen und lieber am rauschenden Wildbach Lager gemacht hätten. Mit großer Anstrengung, am Wege öfter haltend, um an einem Felsblock gelehnt neue Kräfte zu sammeln, war auch schließlich dieser letzte beschwerlichste Aufstieg überwunden! Hier oben nun auf diesem platten langgestreckten Gebirgsrücken würde sich eine wundervolle Fernsicht geöffnet haben, hätte nicht der dichte Wald, der dieses Hochplateau krönte, eine solche unmöglich gemacht, und nur über uns erglänzten die Ränder einer vorüberziehenden Wolke, die kurz vorher zum Ueberfluß noch eine Regenfluth herabgesandt, im puren Golde, daran mahnend, daß die Sonne schon tief am Horizonte stehen müsse und auch auf diese tiefe Einsamkeit sich bald die Schatten der aus den Thälern aufsteigenden Nacht lagern würde.

Nunmehr darauf bedacht einen geeigneten Platz zu finden, wo vielleicht etwas Schutz gegen die hier oben herrschende kalte Luft gewesen wäre, setzte ich die Wanderung noch bis 6 Uhr fort, um doch schließlich unter den Bäumen im nassen Grase Halt zu machen. Anstatt nun aber daran zu denken, nach so anstrengendem Marsche es sich in ihrer Weise bequem zu machen und höchstens noch Feuerholz zu sammeln, legten die Träger, welche bei mir geblieben, schleunigst die Lasten nieder und verschwanden, als ob ihnen von Müdigkeit nichts bewußt sei, schnellen Laufes in den Wald. Dieses Gebahren machte mich auch neugierig, umsomehr als herankommende Leute gleichfalls die Lasten am Wege niederlegten und hinterherliefen, doch bald schwand die in mir aufgestiegene Befürchtung, die Leute könnten etwas Unrechtes im Schilde führen, nachdem einer derselben zurückgekehrt war und mir eine Baumfrucht überbrachte, die ähnlich unserer Eierpflaume aussah. Diese Frucht, von angenehmen aber wiederum herben, beißenden Geschmack, sobald man die äußere Schale mit in den Mund führte und nicht das Fleisch allein nur herausschälte, wurde mir als Masuka-Nuß bezeichnet, welche an etwa acht Meter hohen Bäumen wachsend, zu bestimmten Zeiten in großer Anzahl hier zu finden ist.

Die schnell hereinbrechende Dunkelheit mochte es den Leuten schwer machen, die Nüsse im hohen Grase noch aufzufinden, denn nach nicht allzu langer Zeit kehrten die meisten mit trockenen Zweigen oder Baumstämmen zurück, und ehe noch die letzten Träger angelangt waren, außer meinem Diener Mzee, auf Suaheli »alter Mann«, der ziemlich schlecht auf den Beinen war, loderten helle Feuer auf, um welche auf Grashaufen sitzend, die als Nachtlager zusammengetragen, die nackten Gestalten sich wärmten oder auch ihre Maiskörner rösteten, die sie mit wahrer Gier, so heiß sie waren, in den Mund hineinwarfen und damit sich sättigten. Schlechter dagegen war es mit meinem Abendessen bestellt. Würde ich, wie ich es am frühen Morgen noch gedacht, bis Abend Zanba erreichen, war das Mitnehmen von ausreichendem Proviant eine unnöthige Last, und später in all dem Trubel, als ich nur bestrebt war fortzukommen, hatte ich nicht mehr daran gedacht; so mußte denn als Hauptmahlzeit ein kleines Stückchen Brot, einige Sardinen und ein wenig Cacao dem hungrigen Magen genügen, und wollte ich für den nächsten Morgen von Letzterem noch etwas behalten, mußte, da wir kein Wasser hatten mitführen können, mit diesem haushälterisch verfahren werden. So unangenehm zuweilen auch ein unbefriedigter Magen sein mag -- und ich kann sagen der Hunger ist ein schlimmer Gast, wo er sich ungebeten einstellt -- kann man es nicht immer auf solchen Expeditionen damit sehr genau nehmen, es muß dann eben den Verhältnissen Rechnung getragen werden, und findet man immer noch so viel, die Kräfte sich zu erhalten, ist es noch nicht schlimm bestellt.

Am nächsten Morgen aus erquickendem Schlummer zeitig erwacht, aber von der empfindlichen Kühle durchschauert, eilte ich, die zitternd um die Feuer hockenden nackten Menschen auf die Beine zu bringen; rasche Bewegung allein konnte das Blut auf dieser luftigen Höhe wieder schneller kreisen machen. So naß vom nächtlichen Thau auch Gras und Halm war, dessen wurde nicht geachtet -- im Sturmschritt ging es vorwärts, um nur das Schauergefühl, das jede Fiber zittern machte, durch körperliche Anstrengung los zu werden. Geradeaus ohne Steigung verlief der Weg und, als erst die Lichtfluth der über die Berge scheinenden Sonne auf das weite Waldgebiet ausgegossen war, der Thau wie Millionen Diamanten an Blatt und Gräser blitzte, fühlte sich auch der Geist in dieser morgenfrischen herrlichen Natur wie neu belebt! Die Gewißheit, heute noch am Weihnachts-Heiligabend unter dem Christbaum, vereint mit den Gefährten, stehen zu sollen, -- wo das »Stille Nacht, o heilige Nacht« von deutscher Zunge in einem fremden fernen Lande erklingt und die kleine Schaar deutscher Pioniere unter dem Sinnbild der Christenheit den Treuschwur erneut -- festzuhalten an das heilige Wort -- festzustehen im Tode und Gefahr, wie es deutscher Männer Art, bis das große Werk vollendet, wozu unser kühner Führer uns alle berufen -- diese Gewißheit beflügelte meine Schritte und fast wie Sehnsucht zog es mich zum Ziele!

Der bisher lichte Wald ging, als das Steingebilde in schroffen Bergspaltungen wieder mehr zu Tage trat, in einen dichten Busch über; wildromantisch wucherte Strauch und Baum auf diesem Felsengeröll -- zwischen den Senkungen der Abhänge aber sprudelte das klare Bergwasser über das Gestein, und in kleinen Mulden angesammelt, bot es dem Wanderer einen kühlen erfrischenden Trunk dar. In dieser Felspartie fand ich zuerst wieder die Spuren der fortschreitenden Kultur, denn in Umzäunungen, auf langgestreckten Beeten, diese gegen die Sonnenstrahlen mit Gestrüpp bedeckt, waren tausende junger Kaffeepflänzchen gezogen, die, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, auf freies Feld verpflanzt werden. Allmählich senkte sich der Weg; der Baumbestand, hier gänzlich von Menschenhand vernichtet, ließ den Ausblick über eine gewaltige Thalmulde frei, die fast ganz unter Kultur genommen, mit abertausenden jungen Kaffeebäumchen bestanden war, und im Gegensatz zu den bewaldeten Berghöhen, die wie ein mächtiger Kranz diese umschlossen, wie ein ungeheures Ackerland sich ausmachen.

Blickte man über das nach allen Seiten sanft ansteigende Land, fielen sofort die darauf gezogenen geraden Linien auf, die meistens rechtwinklich wieder von anderen durchschnitten wurden; man möchte sagen die weite Fläche war wie mit einem Zirkel in Parallelogramme oder Quadrate abgetheilt, so auffallend genau war die Eintheilung vorgenommen worden. Zu welchem Zwecke dieses geschehen, wurde dem Beobachter sogleich klar -- ließen doch die breiten Wassergräben zu denen all diese Furchen hinführten keinen Zweifel, daß hier eine Berieselung der bebauten Flächen im großen Maßstabe ausgeführt war. Guter Boden, Wasser und milde Luft sind die Bedingungen, welche der Kaffeebaum zu seiner Existenz gebraucht, und um dem Boden die genügende Feuchtigkeit, der Pflanze den Nährstoff zu geben, mußte dieses künstlich herbeigeführt werden, da in der trockenen Jahreszeit, unter der auch hier oben noch heißbrennenden Sonne, der Boden ausdörrt und die jungen Bäume im lockernen Erdreich verwelken müßten. Der starke nächtliche Thau zwar erfrischt die Natur beständig, ist aber, für die empfindlichere Kaffeepflanze nicht genügend, und doch würden wiederum ohne diesen, trotz der herbeigeleiteten Wassermengen, tausende Pflanzen zu Grunde gehen; mit überaus hoher Weisheit hat die Natur dafür gesorgt, daß die meisten Tropengewächse, wenn sie den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt sein müssen, die nächtlicher Weile reichlich gespendeten Thautropfen in Blatt und Blüthe aufnehmen können und dadurch befähigt werden, der auf sie niederbrennenden Gluth zu wiederstehen. Man hat, wie erfahrene Pflanzer zugeben, hier bei der Kultivirung einen großen Fehler begangen, indem durch gänzliche Rasirung einer zu bauenden Fläche, dieser dadurch alle Beschattung entzogen wurde, daß darauf kein Strauch noch Baum stehen geblieben ist, die von den jungen Kaffeepflanzen die direkte Sonnengluth hätten abhalten können; nicht, wie irrthümlich angenommen, entzieht der Baum dem Boden große Mengen Feuchtigkeit, sondern viel mehr, soweit die obere Bodenschicht in Betracht kommt, wird diese durch denselben darin erhalten! Geiz ist auch hier die Wurzel des Uebels, indem, wo tausend Bäume hätten stehen bleiben sollen, an ihrer Stelle nun tausend Kaffebäumchen mehr gepflanzt worden sind, die nun mühsam im Erdreich Wurzel fassen und eine unendliche Mühe und Pflege bedürfen. Haben hingegen die Bäume einmal kräftige Wurzeln getrieben dann bedürfen sie solchen Schutzes nicht mehr, und wie schon früher gesagt, ist der Anblick einer gedeihenden Kaffeepflanzung großartig, auch der Ertrag wird ein überaus lohnender; namentlich die Qualität des auf dem Schirehochland gewonnenen Kaffees soll eine besonders gute sein. Wir zahlten z. B. am Orte das Pfund mit eine Mark, während der Marktpreis in London dafür zwei und darüber beträgt.

Ganz zur Linken von uns, während der Hauptweg, den wir verfolgten mitten durch die Felder führte und man so eine Uebersicht gewinnen konnte in wie ausgedehntem Maße die Kaffeekultur hier betrieben wurde, lag das Haus des Pflanzers, das von weitem gesehen mit der Umzäunung und Nebengebäuden wie ein einfaches Bauernhaus aussah, über welches weithin Schatten spendend gewaltige Bäume ihre Aeste ausbreiteten. Hätte nicht die ganze weite Umgebung den Anblick einer Tropenlandschaft getragen, man hätte meinen können ein einfaches Gehöft des nordischen Landmannes vor sich zu sehen.

Es mochte etwa zehn Uhr Morgens sein, als ich mit den ersten Trägern die Einfriedigung erreichte und an dieser schon von dem Herrn des Hauses begrüßt wurde, der Empfang war um so freundlicher, als ich ihm sehnsüchtig erwartete Briefe aus seiner englischen Heimath übergeben konnte und die als eine Weihnachtsspende angesehen hätte sein können.

Obgleich bereit, mir nach besten Kräften zu helfen, auch meine Leute auf Kredit auszuzahlen, war der Pflanzer doch höchst überrascht, als ich ihn ersuchte, durch seine Vermittelung mir neue Leute anzuschaffen, da ich so schnell als möglich weiter müsse, um noch bis Abend Mpimbi zu erreichen. Er hatte es nämlich als selbstverständlich angesehen, daß ich wenigstens für eine Nacht seine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen würde und sich schon darauf gefreut das »+holly Christmas+«, Weihnachtsfest nicht so ganz allein verbringen zu müssen; alle Einwendungen, mich wankend zu machen, blieben fruchtlos, so gerne ich auch seinen Bitten bei ihm zu bleiben, unter anderen Verhältnissen nachgegeben hätte, aber die Aussicht, das heilige Fest mit den Gefährten verleben zu können, war mir denn doch lieber. So gab er denn schließlich nach und sandte mehrere Diener zu verschiedenen Häuptlingen der umliegenden Dörfer, dieselben ersuchend, umgehend einige Träger zu stellen. Allein, nach zwei Stunden kamen die Diener mit der Meldung zurück, sie hätten keine Träger auftreiben können und auch die Häuptlinge ließen sagen, die Bewohner trinken Pombe, keiner würde daher bereit sein, vor dem nächsten Morgen irgend welche Arbeit zu verrichten.

Ein solcher Bescheid ist übrigens nichts Seltenes, auch der Pflanzer beklagte sich bitter über die Unverfrorenheit, mit welcher die Dorfbewohner ihn öfters im Stiche ließen, namentlich in der Zeit, wenn die Auspflanzung der jungen Kaffeebäumchen beginnen muß und er allein auf den guten Willen dieser Leute angewiesen sei; später, wenn die Wangoni und Atonga kommen, hat es keine Noth, solange aber zu warten, sei eine Unmöglichkeit. Etwas Fataleres als diese Absage konnte mir kaum in den Weg treten, nach entfernteren Dörfern noch zu senden war Zeitverschwendung auch wohl ebenso erfolglos und nun doch noch bleiben zu müssen, wozu zwar Mr. White entschieden rieth, das wollte mir absolut nicht in den Sinn! Mit meinem halblahmen Diener allein zu gehen, und alles zurückzulassen ging nicht, weil keiner von uns den Weg kannte; da erzählte nach einer nochmaligen Ausfrage einer der Abgesandten, daß in dem Dorfe, wohin er geschickt worden sei, sich zwei Männer erboten hätten mit ihm zu gehen, aber da er mehr habe bringen sollen und nicht bekommen hätte, so habe er auch diese beiden nicht weiter zum Mitkommen aufgefordert. Das war, da ich nun doch einmal entschlossen war unter allen Umständen abzumarschieren, wenigstens eine kleine Aussicht fortzukommen und unverzüglich mußte der Mann zurück, um die beiden Träger herbeizuschaffen.

Ein »warum so spät« schwebte mir auf der Zunge, als die Leute endlich eintrafen, allein bedenkend, daß der Neger es doch nicht begreift wie ein Europäer es eilig haben kann, verschluckte ich die Worte und hastig die Instrumente, ein kleines Bündel Wäsche, Gewehr und Jagdtasche den Leuten gebend, war ich bereit den Marsch anzutreten. Ein kräftiger Händedruck noch, ein flüchtiger Dank, ein herzliches »+good-by+« an der Pforte und das gastliche Haus, unter dessen Schutz ich alles andere zurückgelassen hatte lag hinter mir! -- Es war schon gegen drei Uhr Nachmittags, als ich etwa zwei Kilometer von der Pflanzung erst entfernt, den stark aufsteigenden Felspfad betrat, der zur Höhe hinauf führte, wo um die Bergkuppen tiefhängende drohende Gewitterwolken sich gesammelt hatten, die, wenn sie ihre Schleusen erst geöffnet, eine wahre Regenfluth ausgießen würden und mich leicht auf meinen eiligen Marsch aufhalten konnten.

Wie es vorauszusehen empfingen uns, auf der Höhe angelangt, dichte Wolkenschichten, deren feuchtkalter Hauch die darin aufgespeicherten Wassertheilchen an unsern Körpern ablagerte und ohne daß es schon geregnet hätte trieften wir vor Nässe, ein Zeichen in wie großen Massen die Wasseratome um diese Bergkegel schweben mußten! Dieser Umstand nun trieb uns schon zur möglichsten Eile an, theils, um den Körper durch Anstrengung zu erwärmen, theils, um aus dieser hohen Region, wo die wogenden Gebilde jede Fernsicht benommen hatten, herauszukommen. An einem Abstieg angelangt, der so steil in die Tiefe führte, daß es großer Vorsicht bedurfte, auf dem glatten Gestein nicht auszugleiten oder gar durch die Neigung des Körpers nach hinten ins Laufen zu kommen und dann zu stürzen, mußte dieser wohl 800 Fuß tiefe Abhang recht langsam betreten werden.

Wir mochten aber noch nicht die Hälfte des beschwerlichen Weges zurückgelegt haben, als das Gewitter mit einer Vehemenz losbrach, die jeder Beschreibung spottet. Mit dem ersten zuckenden Blitzstrahl, der über uns das Wolkenmeer zertheilte, dem rollenden Donner, wie solcher nur in der Gebirgswelt das brausende Echo zu wecken vermag, war das Signal gegeben die Schleusen des Himmels zu öffnen -- eine Wasserfluth stürzte hernieder, die in tausend Bächlein Erde und Steingeröll mit sich führten. In solchem Wetter noch weiter zu gehen war fast unmöglich, doch nirgends bot sich dem suchenden Blicken der geringste Schutz, unter Baum oder Busch zu stehen war völlig zwecklos; bis, nahezu am Fuße des Bergkegels angelangt, der Neubau eines Pflanzenhauses wenigstens einigermaßen sichere Unterkunft versprach.

Wie festgebannt tobten die Elemente über uns mit ihrer ganzer Kraft, auch der Regen immerwährend niederstürzend, ließ die Wassermassen als unversiegbar in der Höhe erscheinen, gerade als sollte der durstigen Erde das Naß nun im Uebermaß gespendet werden!

Aus Erfahrung wußte ich ja, was es heißt, auf solchen Wegen und in solchem Wetter im Gebirge marschiren zu müssen, und besorgt sah ich daher der kommenden Nacht entgegen, die uns auf den einsamen Pfaden überraschen mußte! Zwar hätte ich warten und schließlich zurückgehen können, um doch noch durch die Gewalt der Elemente gezwungen, die mir angebotene Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen -- aber wo blieb dann der erhoffte Christbaum, dessen Lichterglanz zu schauen mein einziges Bestreben war! -- Ein Blick auf die auf der nassen Erde hockenden schwarzen Gestalten, die völlig unbekleidet vor Kälte zitterten, ließ mich den schon halbgefaßten Entschluß zurückzugehen, verwerfen, und trotz des Regens folgten die Leute willig der Aufforderung, weiterzugehen.

Immer bergab, bald auf steilen, bald auf ebener verlaufenden Pfaden, wollte es mir scheinen, als müßte die Strecke bis zur Ebene schnell zurückgelegt werden können, allein ein englischer Plantagenaufseher der von diesem Unwetter auch überrascht seiner Behausung zustrebte, belehrte mich eines anderen. Es fällt, wie er durch wenige Worte erläuterte, der Gebirgsstock in drei Terrassen ab, auf der ersten sind wir jetzt und das Schlimmste liege hinter uns, aber es würde auf den jetzt äußerst schlechten Pfaden ein schweres Fortkommen sein, namentlich wenn nach einer Stunde schon die Dunkelheit hereinbricht und ich dann einzig und allein auf die scharfen Augen meiner Führer angewiesen sei; vor Mitternacht könne ich sicher nicht Mpimbi erreichen, außer die beiden Schwarzen mußten ausnahmsweise sehr tüchtige Kerle sein.

Ein schlechter Trost, eine unangenehme Aussicht -- aber was half es! Ein kurzer Dank und Händedruck, und zwei Menschen schieden für immer, die das Schicksal auf eine flüchtige Minute auf einsamen Pfade zusammengeführt hatte. Es war kaum noch ein Gehen zu nennen, so eilig und sicher auf dem steinigen und glatten Wege schritten die Leute dahin, ihnen kümmerte nicht der Regen, der das um die Füße rauschende Wasser, während mir die triefenden Kleider am Leibe klebten, die Stiefel voll Wasser das Schritthalten ungemein erschwerten. Keine Hütte am Wege, kein Dorf in der Nähe, nur Felsen, Busch und Wald, und schon immer dichter senkten sich die Schatten der Nacht auf diese wilde Gegend herab, kaum daß ich, als wir den zweiten Abstieg erreicht, in der schmalen Felsenschlucht noch den Vordermann erkennen konnte, Stufenweise kletterten wir tiefer und tiefer, mit äußerster Vorsicht die kurzen aber steilen Abhänge hinab, wo jedesmal zwischen Bergspalten ein Sturzbach wilddonnernd die schäumenden Wasser über Felsblöcke hinjagte und nur ein Baumstamm als Brücke hinüberführte. Solchem unsicheren Steg vertrauten sich selbst die Träger nicht an und durchschritten, einander helfend, die brausenden Wasser, ich hingegen versuchte über die ersten zwei hinüberzureiten, was auf den glatten, schlüpfrigen Stämmen nicht leicht, aber doch auszuführen war.

Und weiter vorwärts ging es in die Dunkelheit hinein, -- durch hohes Gras, über Steingeröll, durch Bäche und Wasserlachen --, imstande, den Weg vor mir noch zu erkennen und mußte mich nur auf den voranschreitenden Führer verlassen.