Chapter 29 of 47 · 3946 words · ~20 min read

Part 29

Ein weiteres Vordringen oder längeres Verweilen in dieser von üblen Gerüchen geschwängerten Atmosphäre blieb mir erspart, da auf dem Rufe des kleinen Führers ein einzelner Mann erschien, der sich nach unserem Begehr erkundigte; unterrichtet davon, brachte er bald darauf den Bescheid, der Fumo ließe ersuchen nur ein wenig zu warten.

Hat ein Pomberausch gemeinhin auch keine nachhaltigen Folgen, so ist es doch erklärlich, daß die Zecher weit in den hellen Tagen hinein schlafen und sich träger Ruhe überlassen um gestärkt, am Abend vielleicht schon, die Fortsetzung zu machen; liegt doch kein Bedürfniß zu irgend einer Arbeit vor, die nicht aus freiem Willen unternommen wird, denn was häusliche Beschäftigungen oder Feldarbeit anbelangt, so sind ja die Frauen dazu da; darum konnte es mir weiter nicht Wunder nehmen, wenn noch um die Mittagsstunde alles im tiefen Schlafe lag.

Ich zog es also vor, außerhalb des Gehöftes die Ankunft des Häuptling abzuwarten, bis mir schließlich das Verweilen in der heißen Sonne etwas unbequem wurde und schon hatte ich einem Boten Ordre gegeben den Fumo zu fragen, ob ich noch lange auf seine Ankunft warten müße, als derselbe mit seiner Begleitung von einer Seite erschien, von wo ich ihn nicht erwartet hatte. Etwas überrascht, den Häuptling und seine männliche Verwandtschaft in halbeuropäischer Kleidung zu sehen, die freilich nur aus bunten baumwollenen Hemden bestand, konnte ich mir leicht die Verzögerung dadurch erklären, daß allerdings der Eingeborene zu solcher Ausstaffirung etwas mehr Zeit gebraucht als der Europäer.

Nach der üblichen Begrüßung konnte ich die mehrfache Aufforderung des Fumo, ihn zum Berathungsplatz zu folgen, als besondere Höflichkeit ansehen, aber mich zu einem Schauri zu bequemen, damit war mir nicht gedient und lehnte ich solches Ansinnen entschieden ab, aus dem Grunde schon, weil mir zur Genüge bekannt war, welche Bewandtniß es damit hat und auch, wenn erst das halbe Dorf sich dazu eingefunden, erstens viel Zeit verloren gehe, zweitens, ich nur wenig oder nichts erreichen würde. Darum den Zweck meines Kommens mit wenig Worten erklärend, drang ich darauf, mir die Gründe anzugeben, warum meinen Leuten der Durchzug durch das Dorf verwehrt worden sei und die Fährleute, die doch reichlich bezahlt würden, uns Schwierigkeiten bereiteten! Die Verlegenheit, in welcher der Häuptling durch diese bestimmten Fragen versetzt wurde, war natürlich groß, als er mit der Wahrheit, das Auftreten der Dorfbewohner ist nur eine Agitation gegen die Europäer gewesen, nicht herausrücken konnte, wußte sich aber zu helfen und gab mir den unerwarteten Bescheid, daß allein nur deshalb seine Leute, ohne seinen Befehl nebenbei, so gehandelt haben, weil sie einen geschlagenen Weg im Urbusch gefunden hätten, der vermuthen ließ, daß doch in ihrem Todtenhain der Europäer Bäume schlagen wolle und einige bereits zertretene Grabstätten gesehen haben wollten. Daß diese Angaben unwahr sind, wußte ich, hatte ich doch seinerzeit selbst, unter Wahrung der mir bekannten Gewohnheit der Eingeborenen, ihre vornehmeren Todten am Fuße der schönsten Bäume zu begraben, alle Anordnungen getroffen und war überzeugt, gegen diese ist nicht verstoßen worden.

Es war das zweite Mal, daß in gleicher Weise vorgegangen und die gleichen Beschwerden vorgebracht wurden; darum ließ ich den Häuptling fragen, warum er denn zur Selbsthilfe geschritten und den Anschein aufkommen lasse, als suche er Streit mit den Europäern, er wisse doch was ich mit ihm abgemacht hätte, und wirkliche Ungehörigkeiten durch eine Anzeige seinerseits sofort abgeholfen wären? Darauf wußte er aber nichts zu antworten. Meine Meinung, sagte ich ihm, hätte ich gestern seinen Abgesandten zu verstehen gegeben, komme er aber nicht mit vielen Gewehren und drohe wie seine Leute, sondern ganz allein, obgleich ich viele Waffen und viele Soldaten (Askaris) habe. Die Wege durch sein Dorf wolle ich nur benutzen, weil sie bequem und gut sind und auch keine anderen durch das Dickicht führen; ferner wiederhole ich es, kein Weißer noch Schwarzer soll das anrühren, was ihnen heilig ist, kein Baum noch Grab soll berührt werden. Wir sind nur hier, um unser Schiff zu bauen, ist das vollendet gehen wir zum Nyassa-See und kehren nie mehr hierher zurück, wir sind keine Engländer und unser Dorf erbauen wir sehr weit von hier, viel weiter noch als Makangilas Land -- diesen aufrührischen Häuptling am Nyassa erwähnte ich deshalb, weil dessen Name wohlbekannt war und um klar zu machen, wie weit fort von hier wir gehen würden. --

Unsere gute Absicht schien dem Fumo schließlich einzuleuchten, er gab wiederholt seine Zustimmung zu erkennen mit der Zusicherung, daß ich überall Bäume schlagen könne, so weit sein Gebiet reicht, wenn nur die Grabstätten verschont bleiben. Zufrieden mit dieser Zusage schieden wir dann im besten Einvernehmen und da von unserer Seite streng auf die Abmachungen gehalten wurde, kamen auch weiter keine Mißhelligkeiten vor.

Nun auf diese Weise das alte Verhältniß wieder hergestellt worden war, ließ ich auch sofort die schon drei Tage unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen, mit der Absicht, sobald mir nur erst unser Boot zur Verfügung stehen würde, lieber selbst einen Weg durch das Dickicht zu hauen, sei es auch mit noch so großen Schwierigkeiten, als noch länger gewissermaßen von dem guten Willen der Eingeborenen abhängig zu sein und meine werthvolle Zeit zur Schlichtung von Streitigkeiten opfern zu müssen, denn nur der Mangel eines Bootes hatte mich gezwungen, solche Maßregeln zu ergreifen, und der Zeitverlust, der entstanden wäre, hätte ich mir ohne genügende Mittel einen meilenlangen Weg durch Gebüsch und Rohr hauen wollen.

Indes ehe ich an die Ausführung dieser Arbeit denken konnte, mußten die Erdarbeiten nahezu beendet, auch von Katunga der erste Wagentransport eingetroffen sein, da ich mit zwei derselben die schweren Balken aus dem Dickicht herauszuschaffen gedachte; namentlich mir leichter Wege bahnen konnte, wenn ich, wo es angängig war, mit den Wagen durch Dick und Dünn fuhr. Auf der Werft ging alles seinen geregelten Gang, soweit es mit den vorhandenen Kräften möglich war, auch jedes Unternehmen hatte sichtlichen Fortgang und im Anfang März waren schon die Schmiedeschuppen mit Haus, sowie das große Lagerhaus nebst der Umzäunung beendet. Jetzt aber, wo schon die Feldschmieden und Handwerkszeug, Schiffsrippen und viel anderes Material durch immer zahlreicher eintreffende Wangoni-Träger herbeigeschafft wurden, galt es auch daran zu denken möglichst bald mit dem Zusammennieten der einzelnen losen Theile zu beginnen und die Frage, wie nun Kohlen beschaffen, drängte sich immer unabweislicher auf. Jeder Versuch, den ich hatte unternehmen lassen, war bisher mißglückt, zum wenigsten nicht dem entsprechend, daß wir hätten reichlich auf Vorrath rechnen können und der auch unter der beständigen Aufsicht eines Europäers hätte ausgeführt werden müssen.

So suchte ich denn nun selber eine Methode zur Ausführung zu bringen, die ich mir als praktisch ausgedacht, und die auch schon ein Handwerker früher im Lager ausführen sollte, aber verfuscht hatte, nämlich in Erdlöchern Kohlen zu brennen. Der feste thonhaltige Boden auf der Werft schien mir besonders dazu geeignet den Versuch zu wagen, nebenbei der letzte, da mir sonst keine bessere Idee kommen wollte; Steine brennen und mit Mühe einen Hochofen erbauen, dazu hatten wir kein genügend gutes Material, erst dann hätte ich von Blantyre Ziegelsteine herbeischaffen lassen müssen, verbunden mit vieler Mühe und bedeutenden Geldkosten, wenn dieser Versuch auch mißglückt und sich als unpraktisch erwiesen hätte.

Zuversichtlich ging ich ans Werk mit der Ueberzeugung es müsse gehen und ließ an jener Stelle, wo zwischen Ufer und der Grabstätte, die ich hatte von der Werft ausschließen müssen, noch reichlich Platz vorhanden war zuerst ein mannstiefes Loch graben, das oben eine möglichst kleine Oeffnung hatte, auf zwei Fuß Tiefe aber so erweitert wurde, das es die Form eines richtigen Kessels erhielt; damit dem Feuer aber der genügende Luftzug nicht fehle, ließ ich anfänglich einige Fuß davon noch ein kleineres gerade herunterführen und unten beide in Verbindung setzen, da letzteres als Luftzufuhr jedoch nicht genügte, so wurde noch ein zweites ausgehoben.

Bedacht darauf nur hartes trockenes Holz zu verwenden, mußten für einen Tag sämmtliche Atonga in die Berge und nach Möglichkeit Stämme herbeischaffen, die zerkleinert im Hauptloch aufgestapelt und in Brand gesetzt wurden. Sobald die Gluth groß genug war, wurde schnell jede Oeffnung mit Aesten, Gras und Erde zugedeckt damit kein Rauch mehr entweichen konnte, und die große Hitze noch nicht durchgebrannte Kloben als Kohle zurücklassen mußte. Der erste Erfolg entsprach noch nicht der Erwartung, die gewonnene Kohle wenigstens nicht der Menge des verbrannten Holzes, aber so viel war gewiß, ich hatte mit der Herstellung eines solchen Ofens keinen Fehlgriff gethan. Die Erfahrung zeigte mir bald, worin der Fehler lag, für die Folge konnte ich denn aber auch mit dem Ergebniß sehr zufrieden sein. Die Nothwendigkeit, noch einen zweiten und später einen dritten Ofen herzustellen, erwies sich als unabweisbar und zwar deshalb, weil die Abkühlung 36 Stunden dauerte, ehe sich ein Mann hineinwagen und die Kohlen herausschaffen konnte, in Folge also umschichtig jeden Tag einer geöffnet und wieder angezündet wurde, um den Bedarf an Kohlen zu decken.

Sehr gelegen kamen mir in diesen Tagen eine Abtheilung Wangoni 21 Mann und eine Frau, die um Arbeit anfragten; unter anderen seien hier einige Namen derselben genannt: Angola, Singano, Aligara, Tarejenji, Kamalami und die Frau Njapine. Diese Leute, die stets fleißig und bescheiden, hatte ich viele Wochen im Dienst, aber ob sie auch täglich Brennholz herbeischafften reichte ihre Zahl mitunter doch nicht aus, den Bedarf für die Oefen zu decken. Unter diesen Wangoni fand ich zuerst Leute mit spitzgefeilten Zähnen, die ihr sonst wirklich prächtiges Gebiß, auf diese Weise verunziert hatten; übrigens wird dies bei den Wangoni als eine Zierde betrachtet, und erfordert es gewiß eine gute Portion Geduld, wenn man bedenkt, mit welchen einfachen Mitteln diese Prozedur ausgeführt wird.

Das Leben auf der Werft war gewissermaßen für mich ein recht eintöniges, sofern ich als einziger Europäer dort lebte und jeder Gesellschaft entbehrte, denn auch Spenker, der anfänglich mit mir übergesiedelt war, wurde durch den Höllenlärm, den die Eingeborenen jede Nacht mit ihren Ngomas machten, vertrieben. Nach des Tages schwerer Arbeit, wenn ich müde und marode geworden, hatte ich auch kaum mehr Lust, den Weg zum Lager zu machen um dort Unterhaltung zu suchen, schon der weite Weg zurück in dunkler Nacht zwischen mannshohem Grase, durch tiefen Schlamm, abgesehen davon, daß um Lager und Dorf nächtlicher Weile der Panther und die Hyäne schlich, wog das Vergnügen nicht auf. Gewöhnlich nach einem erfrischendem Bade, dem frugalen Abendessen, das mein Koch und Diener bereitete, suchte ich schon früh das Lager auf, denn das Feldbett in Ermangelung von Stühlen, bot den bequemsten Ruhesitz, arbeitete ich denn meistens noch stundenlang bei flackerndem Kerzenlicht, bis die Abspannung den Schlaf herbeiführte. Hatte ich aber die Ruhe im traumlosen Schlaf gefunden und war trotz der durch die Stille der Nacht herübertönenden Ngomaschläge aus anderen Orten, fest eingeschlafen, dann antwortete im Dorfe bald eines, bald mehrere dieser dumpf dröhnenden Instrumente und rief an mehreren Plätzen zugleich die träge vor ihren Hütten sitzenden Einwohner zum Tanz und Spiel, und nur zu willig folgt Jung und Alt der lockenden Trommel und jeder nimmt Theil am nächtlichen Reigen, unbekümmert darum, ob sie die Ruhe anderer stören oder nicht.

Der eintönige Gesang, von der Ngoma begleitet, schwillt mehr und mehr an -- man kann füglich, wer die Tanzweise der Eingebornen kennt, an den rascheren und lauten Schlägen, sowie an dem Gesange erkennen, in welchem Stadium der Aufregung sich die Tänzer befinden -- bis ohrbetäubend, in schrillen Mißtönen plötzlich der wilde Tumult abbricht, um nach kurzer Pause in anderer Tonart, aber in gleicher Weise, als Reigentanz wieder zu beginnen. Wie bei den Volksstämmen am unteren Schire, so ist auch hier das Singen kein eigentlicher Gesang, also wirkliche Lieder, sondern ein Vorsänger leiert irgend eine Idee oder einen Vorgang, eigentlich mehr Erzählung, in roher Versform ummodelirt in singendem Tone her; ein Improvisator also, zu dessen Sing-Sang der Chorus mit Ngomaschlag und Händeklatschen Takt hält und entweder den Vorsang immer wiederholt, oder einen passenden Refrain dazu anstimmt.

Die Ngoma ist ein ausgehöhlter Holzblock mit Ziegenhaut überspannt und giebt einen weittönenden Klang; wunderbare Fertigkeit besitzen die Eingebornen im Schlagen derselben, sowie einen nie fehlenden Takt; durch dieselbe sprechen sie auf große Entfernungen, sie ist der Telegraph, der jede Kunde durch die Lande trägt und man kann sich nicht mehr wundern, wie so sehr schnell Nachrichten unter den Eingebornen verbreitet werden, wenn die Ngoma in Betracht gezogen wird. Es ist ein Instrument, womit sich die Völker zum Krieg und Frieden rufen, sowie zum Klagen und Weinen, zur Freude und Lustbarkeit.

Anfänglich hielt der Lärm fast bis zur frühen Morgenstunde an und kann ich sagen, daß ich kaum eine Nacht habe ruhig schlafen können, wenigstens nicht eher, als bis der Skandal aufhörte oder mich die Müdigkeit übermannte; im Laufe der Zeit jedoch habe ich mich auch daran gewöhnt und waren diese nächtlichen Aufführungen auch unangenehm mit anzuhören, so hatten sie doch nicht mehr den unleidlichen Klang wie im Anfang.

Sehr oft aber, in mondhellen Nächten, in denen die Eingebornen am liebsten ihre Tänze aufführen, übertrieben sie es derart, daß schon lange Gewohnheit oder recht kräftige Nerven dazu gehörten, um solchen Höllenlärm zu ertragen, namentlich, wenn sie unvermuthet in meiner Nähe ihre Ballerbüchsen abfeuerten, die sie hervor holten, sobald ihre Lustigkeit den Höhepunkt erreicht, oder wenn das in Mengen getrunkene Bier ihnen zu Kopf gestiegen war. Wurde mir der Spektakel zu bunt, dachte ich öfter, solchen durch die Wachtposten verbieten zu lassen, aber ich unterließ es stets, denn mit welchem Rechte hätte ich die Freude dieser Naturmenschen stören dürfen? Zeigten sie sich uns gegenüber auch nicht sehr freundlich, so hinderten sie uns auch nicht, und sehr lieb war es mir, daß ich nur allein auf der Werft wohnte, denn die Handwerker hätten doch Anlaß zu Klagen gegeben, und ich wäre dann genöthigt gewesen, um den Leuten die nöthige Ruhe zu verschaffen, die in unmittelbarer Nähe der Werft stattfindenden nächtlichen Aufführungen zu verbieten.

Oft aber giebt es noch ein Nachspiel, indem die Betrunkenen ihre Weiber prügeln, die dann ins Freie laufen und vor jeder Hütte durch Weinen und Heulen jedem der es hören will, ihr Leid klagen; durch die Stille der Nacht hallt ihr Wuthgeschrei solange bis sie nicht mehr können, dazu Gezänk, Kindergeschrei, mäckernde Ziegen und aufgescheuchte Hühner verursachen einen Lärm, vor dem man davonlaufen könnte, und mehrmals bei solcher Gelegenheit, wenn sie es gar zu toll trieben, schickte ich den Sudanesen Effendi (Wachtoffizier) hinaus und ließ Ruhe gebieten. Uebrigens soweit ich zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, sind die älteren Frauen den Männern gegenüber nicht blöde, sie ertheilen recht derbe Lektionen und ihr Redefluß bringt selbst wehrhafte Männer zum Schweigen. Widerwärtiger ist es, wenn zwei alte Weiber sich zanken; wie überall, so kehren sie auch hier die Furie heraus und ich glaube, verstände man ihre Sprache gut genug, würde man finden, sie drücken sich nicht höflicher aus, als wenn z. B. in Europa Xantippen aneinander gerathen; eine Vorstellung aber kann ein Laie sich kaum davon machen, wie solch' ein altes wüthendes Weib in schwarzbrauner Färbung aussieht!

Es war in diesen Tagen auch, als man mir die Mittheilung machte, in einer der nächsten Hütten liege ein schwerkranker sterbender Mann, der sehr alt und schwach sei und kaum mehr genesen würde. Ich sah auch den Medizinmann des Dorfes ein- und ausgehen, der seine Kunst mit Beschwörungen an dem Kranken versuchte, ihm aber zu helfen doch nicht imstande war. Die mir gemachte Mittheilung vom Zustand des Mannes zielte darauf ab, ich sollte mich herbeilassen, mittelst Daua (Medizin), wie solche nach dem Glauben der Eingebornen der weiße Mann besitzt, zu helfen, allein ich hütete mich wohl, dem würdigen Dorfarzte ins Handwerk zu pfuschen, denn das ist bei dem Aberglauben dieser Bevölkerung ein kritisches Unternehmen, namentlich wenn es nichts mehr zu helfen und zu verderben giebt. Auch die Hütte betrat ich nicht und sah mir nur im Vorübergehen den im Todeskampfe liegenden Mann an, davon überzeugt, es sei bei diesem keine menschliche Hilfe mehr möglich. Hätte ich hier wirklich, wie sonst bei vielen anderen, helfen wollen und der Mann wäre, was augenscheinlich war, bald darauf gestorben, so hätte ich nur dem Ansehen des Europäers geschadet, denn daß die Medizin des weißen Mannes nicht mehr hätte helfen können würden die Angehörigen nicht begriffen haben. So war es besser ich hielt die Hände davon und überließ alles dem Zauberer, der möglicherweise, wenn er seine Kunst mißachtet sah, durch seinen Einfluß mir hätte schaden können, und wäre es auch nur dadurch, daß die Arbeiter aus dem Dorfe von der Werft ferngehalten worden wären.

Schon um Mitternacht des nächsten Tages, während ich noch durch die Ngoma und das laute Geräusch im Dorfe wachgehalten wurde, hörte ich wie mehrere Männer und Frauen die Posten baten, sie einzulassen, sie wollten zu dem weißen Mann, der kommen und helfen solle, der Kranke sterbe sonst. Die Sudanesen aber öffneten nicht und sagten ich schliefe; einer aber kam doch und machte mir Mittheilung von dem Begehren der Leute und fragte an, ob er öffnen solle oder nicht. Ich war aber schon auf und dachte, wenn es nicht anders sein kann, um wenigstens den Bittenden den guten Willen zu zeigen, kann ich auch zusehen wie der Mann stirbt, denn ich war überzeugt, nur der letzte Kampf, der für den Sterbenden recht schwer sein mochte, hatte sie zu mir getrieben, und weil sie sich nicht mehr zu helfen wußten.

Wenige Minuten später, noch hatte ich das Thor nicht erreicht, tönte aber schon ein Schuß durch die Nacht und gleicherzeit ein wildes Klagegeheul, das Gesang und Ngoma übertönte; nun wußte ich, es sei alles vorbei und hatte, als ich wieder auf meinem Lager lag, nur den stillen Wunsch, das überlaute Klagen und Weinen der Weiber möchte ein Ende nehmen. Aber im Gegentheil, der Spektakel ging erst los, als die schnell versammelten Bewohner sich anschickten, vor jeder Hütte, in welcher meines Erachtens ein Anverwandter des Verstorbenen wohnte, eine halbe Stunde lang zu klagen und zu heulen; dazu feuerten dann noch die glücklichen Besitzer eines Gewehrs fortwährend ihre Donnerbüchsen ab, daß es wirklich das tollste Beginnen war, welches ich bisher in Afrika gehört.

Bei solchem Lärm zu schlafen war einfach unmöglich, recht heiter wurde es aber erst, als in der an meinem Hause anstoßenden Hütte, nur durch den Rohrzaun von einander getrennt, ein paar kleine Kinder mit einstimmten, die von den am Umzuge im Dorfe theilnehmenden Eltern allein gelassen, aus vollen Hälsen brüllten. So ging es mit wenig Unterbrechung zwei Tage und Nächte hindurch, bis am dritten der Spektakel einfach übertoll wurde. Wie schon früher erwähnt, glauben die Eingebornen durch solchen Höllenlärm den Geist des Todten im Grabe zu bannen, Ngomaschlagen, lauter Gesang, Weinen und Heulen sollen ihn zurückscheuchen, damit er auch mit in das Grab hinabsteigt und bei dem Körper verbleibt. Während der ganzen Zeit, in welcher das Grab in der Hütte noch offen ist, spricht der Medizinmann seine Beschwörungsformeln oder jagt phantastisch in Affen- und Pantherfellen gekleidet, wie toll um die Hütte mit dem Rufe +üich, üich+, als habe er den Geist erblickt und verfolge und jage ihn wieder zum Grabe zurück; hört er endlich athemlos auf, und erklärt, der Geist sei wieder in den Körper oder ins Grab gebannt, dann soll durch noch wilderen Lärm sein Wiederentweichen verhindert werden. Bei alten Leuten bricht gewöhnlich der Geist drei oder vier Mal aus und macht dem Zauberer, der ihn nur allein sehen kann, viel zu schaffen, bis er diesen schließlich, wenn alles bereit ist, zum letzten Mal in das Grab scheucht und dann eilig zuschütten läßt, damit er nicht mehr entweichen kann.

In kluger Berechnung, nur um sein Ansehen zu fördern, unterzieht sich der Zauberer gerne solcher Anstrengung, denn von klingendem Lohn kann überhaupt keine Rede sein; er betreibt den Hokuspokus mit einer Raffinirtheit, die unglaublich ist, damit alle in ihm den klugen Mann erblicken, der Geister sehen und mit ihnen verkehren kann, der einfach Dinge versteht, die für den beschränkten Verstand des Negers als übernatürliche gelten müssen. Diese Gabe der vorgespiegelten Hellseherei vererbt sich, indem der Nachfolger immer wieder aus der Familie des Zauberers hervorgeht und die streng gewahrten Geheimnisse somit zu keines Fremden Kenntniß gelangen. Der eigentliche Todtengesang vor und nach dem Begräbniß tönt aus in leiser, harmonischer Klage, ein Rhythmus, von allen gesungen, kommt die Melodie unsern lieblichen einfachen Liedern nahe und unwillkürlich lauschte ich, wenn dieser leise melodische Gesang ertönte, der in all dem tollen Lärm das einzig Erhebende war.

Nach der Ceremonie beginnt erst das Fest und die zuweilen recht zahlreiche Verwandtschaft des Verstorbenen singt und tanzt unter Anleitung des unermüdlichen Medizinmanns, sie trinken solche Mengen von Pombe bis alle, öfter mitsammt den Weibern, so betrunken sind, daß sie nach so langem Wachen und so großer körperlicher Anstrengung in einen festen langen Schlaf verfallen.

Jetzt wo auf der Werft mehr und mehr körperliche Arbeit von den Europäern verlangt wurde, da ja ausschließlich, was Nieten, Schmieden etc. anbelangte, solche nur von den Handwerkern ausgeführt werden konnten, zeigte es sich bald, daß die aus der bisher eigentlich geringfügigen Arbeit herausgerissenen Leute den Anstrengungen nicht gewachsen waren. Die Folge war, die jetzt ungewohnte Arbeit verursachte Störungen im körperlichen Wohlbefinden, die sich in Fiebererscheinungen und Schwäche äußerten, und von den bis jetzt Anwesenden lag die Hälfte immer krank im Lager. Ich will gewiß keinem den guten Willen am endlichen Gelingen des großen Werkes absprechen und bin überzeugt, es ist keiner ohne Grund von der schweren Arbeit ferngeblieben, nur das muß ich erwähnen, es wären nicht so viele Krankheitsfälle an Fieber eingetreten, wenn nicht bei jedem kleinen Anfall schon die Betroffenen die Arbeit niedergelegt und sich körperlicher Ruhe überlassen hätten, sondern mit festem Willen dem Fieber entgegen getreten wären.

So kam es dahin, daß ich verschiedene Male, als bereits mit dem Zusammennieten der Spannten begonnen worden war, mit nur einem Handwerker auf der Werft diese Arbeiten allein ausführte. Gewiß bedingte es einer eisenfesten Natur, um ohne Schaden am Körper zu nehmen, bei einer Hitze von 10° R. am Morgen aufsteigend meistens bis 38° R. um 11 Uhr Vormittags im Schatten, angestrengt zu arbeiten, dabei häufig der Sonnengluth noch ausgesetzt, die um letztgenannte Zeit 48° R. betrug und um Mittag in der Sonne so enorm groß war, daß man sich als Europäer nicht mehr den glühenden Strahlen aussetzen durfte, ohne Gefahr zu laufen vom Sonnenstich befallen zu werden.

Die Arbeitszeit war so eingetheilt worden: Morgens um 6 Uhr Beginn der Arbeit, um 8 Uhr bis gewöhnlich 8-3/4 Frühstückszeit, um 11 Uhr Aufhören. Nachmittags von 2 bis 5 Uhr; dabei ist aber zu erwähnen, daß während der Zeit von 10 bis 11 und 2 bis 3 Uhr meistens nur leichtere Arbeiten im Schatten der kühleren Schuppen vorgenommen werden konnten und seltener nur, wenn kühle Winde von den Bergen herüberwehten eine Ausnahme gestatteten. Gewaltige Gewitterregen, die in dieser Zeit häufig auftreten und während ihrer Dauer jede Arbeit unmöglich machten, kühlten zwar die heiße Luft ein wenig ab, jedoch so unmerklich, daß sobald die Sonne wieder hinter den Wolken hervortrat, die Hitze eine empfindlichere Wirkung hatte als vorher.

In den ersten Tagen des Monat März machte mir Ottlich die Mittheilung er habe annähernd 200 Fuß Balken im Urbusch fertig behauen und glaube in einer Woche die benöthigten 26 schweren Klötze, die je zwei übereinander gelegt zur Aufklotzung dienen sollten, fertig stellen zu können und schlug vor, hierfür von ihm näher dem Schirefluß aufgefundene Bäume fällen zu dürfen, deren Stämme zwar nur kurz aber doch die genügende Dicke hätten. Nach persönlicher Ueberzeugung pflichtete ich diesem Vorschlage auch bei um so eher, als uns die Arbeit erspart blieb abermals mehrere Baumriesen, die mit ihren Pfeilerwurzeln 5 Fuß über den Boden noch 16 bis 18 Fuß Umfang hatten, zu fällen, Bäume die ich ihrer Dicke und krummer Stämme wegen bei der Durchforschung des weiten Gebiets als ungeeignet übergangen hatte. Nun hieß es nur noch, ehe ich die gewaltige Arbeit unternahm, um die schweren Balken aus dem Dickicht herauszuschaffen, die Ankunft der Wagen abzuwarten, die als ersten Transport, die Kielplatten, Hintersteven des Schiffes und noch fehlende Theile des Kiels (der im Ganzen in sechs Theile des leichteren Transport wegen zerlegt worden war), über das Schiregebirge bringen sollten.