Part 27
Da wir mit Recht vermuthen konnten, die Bewohner des schon am vorigen Tage mit Granaten überschütteten Dorfes wären über den Fluß gesetzt und hätten den Angriff unternommen, so wurden schnell sämmtliche Atonga beordert, einen Ausfall dorthin zu machen, mit der Ordre das Dorf im ersten Anlauf zu nehmen und in Brand zu setzen. Hierbei war in erster Linie die Absicht, den festen Halt des Feindes zerstören zu lassen, maßgebend, sollte es nicht gelingen, dann ließe sich der Gegner vielleicht verleiten, die Atonga zu verfolgen und würde, ehe er sich zur Flucht wenden könne, durch das sichere Feuer der Europäer schwere Verluste erleiden. Ohne jeden Beistand, geführt nur von den Kapitaos, war es den aufziehenden Atongas überlassen, die Methode ihrer Kriegsführung in Anwendung zu bringen. Mit begreiflicher Spannung erwarteten wir Europäer den Ausgang des kommenden Kampfes und, als es übermäßig lange still blieb, bemächtigte sich unser die Ungeduld. Bis plötzlich dumpf herüberhallende Schüsse anzeigten, die durch Gras und Maisfelder schleichenden Atonga hätten den Feind erreicht, der wachsam und noch zahlreich zu sein schien, den Angriff abzuwehren. Es schien anfänglich, als hätten sich die Atonga zur Flucht gewandt und würden verfolgt, was auch der Fall gewesen ist, sie haben sich aber schnell gesammelt und trieben nun ihrerseits durch ihre bessere Bewaffnung den Feind zurück in das Dorf, begnügten sich indes eine Zeitlang aus sicherem Hinterhalt zu schießen, ohne das Dorf zu nehmen. Bald nachdem das Feuern eingestellt worden war, erscholl ihr Triumphgeschrei, auch währte es dann nicht mehr lange, bis sie, ihren Kriegsgesang heulend, in langer Linie anmarschirt kamen.
Als Siegestrophäen überbrachten sie Bogen und Pfeile, sowie das auf einen Speer gesteckte Ohr eines gefallenen Feindes; diese Beute legten sie zu Füßen des Kommissars nieder und schickten sich dann an, ihren Kriegstanz aufzuführen. In langer Linie aufgestellt, von den Kapitaos schnell geordnet, sprangen einige Vorsänger vor die Front und begannen unter grotesken Sprüngen, die Waffen schwingend, ihre Kampfweise aufzuführen, wobei der ganze Chor mit in den Gesang einstimmte. Waren die Tänzer ermattet, sprangen immer wieder andere vor, die jedes Mal einen anderen Gesang anstimmten; klang die Melodie auch etwas eintönig, so lag in manchen Strophen doch ein harmonischer Zusammenhang, der selbst für das Ohr eines Europäers etwas Angenehmes hatte. Man gewann aber doch einen Einblick, wie diese Volksstämme, wenn sie zu tausenden von einem siegreichen Zuge heimkehren, endlos ihre wilden Tänze aufführen und Siegesfeste feiern. -- Endlich erschöpft, hielten die Atonga inne und im Bewußtsein, große Krieger zu sein, erzählten sie sich an ihren Feuern im Lager ihre Heldenthaten.
Der Commissar Mister Johnston, der vorläufig einen größeren Ausfall nicht beabsichtigte, bevor nicht der Pallisadenbau in einer Weise fertig gestellt war, daß die aufzuführenden Befestigungen einem kleinen aber starken Fort entsprächen, hatte, als ich ihm meine Absicht mit der an diesem Tage freigekommenen »Dormira« abzureisen, mittheilte, nur den Wunsch, Soldaten und Geschütz für einige Tage noch behalten zu dürfen. Die Lage habe sich ja auch so weit geklärt, daß der Feind es nicht mehr wagen werde, gegen seine bedeutend stärkere Position anzustürmen und so könne er die von Katunga erwartete Verstärkung getrost abwarten.
Am 14. Mittags war die »Dormira« endlich bereit. Die Abfahrt des Schiffes hatte sich durch Herbeischaffung von Feuerholz, sowie durch die vorgenommenen Befestigungen an Bord, (namentlich war die Kommandobrücke mit allem möglichen Material geschützt worden,) sehr verzögert. Aus dem Grunde, weil im Lager für die Europäer herzlich wenig zu essen war, hätte ich die Handwerker, die ungern zurückbleiben wollten, gerne mitgenommen, aber den Engländern Soldaten und Geschütz ohne spezielle Aufsicht zu überlassen, das ging nicht, darum mußten diese bleiben.
Beim Abschied versicherte mir der Kommissar noch seiner vollen Unterstützung in allen Fällen, wo wir solche bei unserm großen Unternehmen bedürfen würden, sonst aber that er keiner der Zusagen Erwähnung, die vor wenig Tagen sein Abgesandter im deutschen Lager gemacht hatte und was erstere anbetrifft, so haben wir späterhin jede Gefälligkeit überreich vergolten.
Gleich anfänglich, sobald das Schiff die Anker gelichtet hatte und mit dem Strome flußabwärts glitt, wurde die beträchtliche Anzahl Schwarzer an Bord in den Vorder- und Hinterräumen untergebracht, damit sie den feindlichen Kugeln nicht ohne Schutz ausgesetzt wären, während die Europäer auf der Kommandobrücke mit Waffen bereit standen und scharfe Ausguck nach den Ufern hielten. Mit Strom und Dampfkraft ist es auf solchem Fluß ein schlechtes Fahren und große Aufmerksamkeit nöthig, den vielen Untiefen sicher aus dem Wege zu gehen; läuft das Schiff aber fest, kostet es viele Mühe es wieder frei zu bekommen. Indes während der Zeit, daß wir auf feindliche Schüsse gefaßt sein konnten ging alles gut, auch ließ sich kein Feind blicken und das linke Ufer schien vollständig verödet zu sein. Erst weit unterhalb Perisi sahen wir auf dem rechten Ufer wieder Menschen, die jedoch friedlich das vorbeiziehende Schiff betrachteten und kein Zeichen irgend welcher feindlichen Gesinnung gaben; nebenbei war unter allen an Bord ausgemacht, daß, sollten sich Leute am Ufer zeigen, keiner eher Feuer geben solle, als bis genügende Veranlassung dazu vorhanden sei, es wäre zum wenigsten nicht hübsch gewesen wehrlose Feinde niederzustrecken.
Etwa eine halbe Stunde oberhalb Mpimbi, liefen wir, da der Führer im Glauben war, er habe freies Wasser vor sich und deshalb mit voller Dampfkraft fuhr, plötzlich so fest auf eine Untiefe auf, daß es stundenlanger Mühe bedurfte, das Schiff wieder frei zu bekommen. Mit vereinter Dampf- und Menschenkraft, und allen in das Wasser gesandten Schwarzen, die den Sand unter dem Schiff wegschafften, gelang es denn doch schließlich, den Dampfer wieder in tieferes Wasser zu bringen, so daß wir, wozu anfänglich wenig Aussicht vorhanden war, doch noch gegen Abend Mpimbi erreichten. Ehe wir noch die Insel, auf welcher der Häuptling Tschikusi seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, etwa eine Viertelstunde oberhalb Mpimbi gelegen, erreicht hatten, sahen wir mächtige Rauchwolken hinter dem das Lager verdeckenden Wald aufsteigen, und unwillkürlich drängte sich mir die Besorgniß auf, das deutsche Lager müsse in Brand stehen. Diese Annahme, von allen getheilt, da sich keine andere Erklärung dafür finden ließ, war keine angenehme Empfindung für mich, meinen Posten als einen Trümmerhaufen wiedersehn zu sollen und die Befürchtungen, immer von der Hoffnung niedergehalten, der Feind werde nicht so kühn sein und das Lager angreifen, lebten doppelt wieder auf. Mit großer Erwartung näherten wir uns endlich dem Walde -- welch' eine Erleichterung aber war es für mich, als ich das Lager unversehrt vor mir liegen sah und wir erkannten, daß hinter demselben die weite trockene Grasebene nur in Flammen stehe, die wahrscheinlich von Feindeshand angezündet, die Vermuthung erweckt hatte, alles sei zerstört! --
Im Lager angekommen fand ich daselbst unsern Expeditionsarzt Dr. Röver schon vor, der wenige Stunden vor mir von Matope eingetroffen war, und bald von allem unterrichtet, erfuhr ich Folgendes:
Mit der Absicht direkt von Blantyre nach Mpimbi zu marschiren, hatte Dr. Röver auf die Zusicherung hin, der Weg durch die Ebene sei von Feinden besetzt, sich genöthigt gesehen nach Matope abzubiegen und von dort zu versuchen, ob er die Reise zu Wasser fortsetzen könne. An diesem Orte war es, wo am Nachmittag des 12. Februar der Transport mit den Schwerverwundeten eintraf und die halbtodten Menschen von Dr. Röver in Behandlung genommen wurden, der auch eine Ueberführung nach Blantyre mittelst Maschilla als gefährlich erklärte und das Boot nach Mpimbi zurückzubringen befahl.
In meinem Hause hatte Mister Steavenson Unterkunft gefunden mit dem ich das einzig darin vorhandene Zimmer fortan theilte; für die Schwarzen wurde so gut es ging anderweitig gesorgt bis alle so weit hergestellt waren, daß sie nach Blantyre geschafft werden konnten.
Weiter erfuhr ich, der nächtliche Alarm am 11. Februar sei dadurch hervorgerufen, daß die Posten herumschleichende Feinde gesehen hatten, die gedeckt unter dem Schutze der Dunkelheit wohl einen Handstreich auszuführen gedachten, aber die Wachsamkeit der Soldaten unterschätzten und mit Gewehrfeuer begrüßt wurden, ehe sie ihre Absicht ausführen konnten. Die sofort unter die Waffen getretene Besatzung gab dann auf solche Punkte Salvenfeuer wo man den Feind vermuthete, der aber, als er sich entdeckt sah, hatte schleunigst das Weite gesucht. Das heftige Feuern in der stillen Nacht hatte auch die Bewohner des Dorfes aufgeschreckt, selbst Herr Scharrer und Berenger, die zufällig die Nacht in ihrer Station anwesend waren, kamen mit den bewaffneten Dorfbewohnern herbeigeeilt, um die Gefahr abwenden zu helfen. Diese Willigkeit von seiten der Einwohner der Aufforderung des Herrn Scharrer zu folgen und das deutsche Lager zu schützen ist um so auffälliger, als sich die Bevölkerung bisher zwar neutral verhalten, doch entschieden mit den Aufständigen harmonirte, und ist es nur dem persönlichen Einfluß dieses Herrn zuzuschreiben, wenn die schwankenden Bewohner Mpimbis anderen Sinnes wurden und insofern die Lage änderten, als sie die Sache des Feindes nicht mehr zu der ihrigen machten. Ihr Häuptling Tschikusi, freilich ganz anderer Meinung, hatte sich aber bisher ruhig verhalten, wenigstens deutete nichts daraus hin, daß er seine Leute zu beeinflußen getrachtet hätte.
Am Abend des 15. Februar kam bei strömenden Regen die vom Commissar von Katunga herbeigerufene Hilfe unter Führung des Kapitän Car und Dr. Harper im deutschen Lager an; es war die Besatzung der Kanonenboote »Herald« und »Mosquito«, 36 Marinesoldaten und 2 Feldgeschütze nebst einigen in Blantyre ansässigen Händlern und Beamten, sowie 200 Träger. In Gewaltmärschen hatte diese Truppe den weiten Weg in wenigen Tagen zurückgelegt; unter der Sonnengluth und Regen dazu viel zu leiden gehabt, sodaß alle aufs Aeußerste erschöpft, froh waren als sie unser Lager erreicht hatten.
Die weite Ebene am Fuß des Schiregebirges war durch die furchtbaren Regengüsse in einen See verwandelt worden, daher mußten die Leute viele Stunden durch fußhohes Wasser waten und dazu die Geschütze auf den aufgeweichten Boden fortschleppen; der große Nebenfluß des Schire, den ich in der Weihnachtsnacht durchquerte war jetzt ein reißender Strom geworden, den zu durchwaten es der größten Anstrengung gekostet hatte. Mithin war es kein Wunder, daß die Hälfte der Mannschaft zu jeder weiteren Aktion vorläufig unfähig geworden war und mehrere sich recht böses Fieber weggeholt hatten.
Wir Deutsche thaten denn auch was in unsern Kräften stand, um der augenblicklichen Noth zu lindern und halfen mit Zeug und Kleidern nach Möglichkeit aus, was freilich bei so vielen Bedürftigen nicht viel sagen wollte. Bei der herrschenden Dunkelheit in dieser so stürmischen Nacht passirte es dazu einigen Europäern, die zum englischen Stationshause, worin die Marinesoldaten Unterkunft gefunden, Ordre zu überbringen hatten, daß sie des schmalen Pfades über dem aufgeworfenen Schützengraben nicht achteten und seitwärts zu Fall kamen, wobei sie, wenn sie nicht ein kühles Bad in dem mit schmutzigen Wasser angefüllten Graben nahmen, so doch sich die Stiefel gehörig vollfüllten; derbe Ausrufe des Unwillens und höchsten Unbehagens zeigten jedesmal an, wenn Jemand, der allzueilig dem Regen sich entziehen wollte, dafür ein nasses Bad eintauschte! Es stellte sich auch als eine Nothwendigkeit heraus, den erschöpften Leuten möglichste Ruhe zu gönnen, um sie nur wieder so weit herzustellen, damit sie fähig würden die Strapazen des Weitermarsches zu ertragen und in den bevorstehenden Kämpfen ihre Kräfte nicht durch körperliche Ermattung versagten. Somit blieben die Engländer zwei Tage noch unsere Gäste. Am 17. traf auch unser Transportführer Herr v. Eltz mit dem Proviantmeister v. Liebermann und noch vier englischen Marinesoldaten als Begleitung von Katunga ein, sodaß nun über fünfzig Europäer in Mpimbi versammelt waren, die sich rüsteten, um die kleine Macht des bei Perisi sich verschanzenden Kommissar Meister Johnston zu verstärken und von dort aus dann die Offensive gegen Lionde zu eröffnen. In diesem Theile Afrikas war noch nie eine so zahlreiche englische Macht versammelt gewesen, zu der wir Deutsche außer den in Perisi weilenden noch ein Kontingent von 15 Soldaten und 3 Europäern, v. Eltz, Dr. Röver und v. Libermann, stellten, sodaß ich, nachdem am 19. früh alle abmarschirt waren, zum Schutze des Lagers nur etwa 20 Mann behielt.
Hatte Mister Johnston auch einmal, als er in große Bedrängniß gerathen, um deutsche Hilfe gebeten, so war ihm die jetzt freiwillig zugeführte doch höchst ungelegen, was ich später aus englischem Munde mehrfach vernommen; es mußte ihm erstens unwillkommen sein, für noch ungebetene Gäste sorgen zu müssen und zweitens die deutsche Hilfe mit in Rechnung zu ziehen, deren er nicht mehr bedurfte. Kam doch hierbei der Nationalstolz in Betracht und fühlte sich verletzt dadurch, daß es nun den Anschein gewann, als könne auch jetzt noch nicht die englische Macht die Situation beherrschen und wäre nicht stark genug ohne fremde Hilfe sich der Feinde zu erwehren. Wie dem nun auch sei, der Kommissar war höflich genug, diese neue Unterstützung nicht zurückzuweisen; mit deutscher Hilfe wurde der Vormarsch auf Lionde angetreten und dieses große Dorf nach kurzem Kampf zerstört. Man war übereingekommen, mit der deutschen Macht auf dem einen, mit der englischen auf dem anderen Ufer vorzudringen, damit der Feind, gleichzeitig angegriffen, nur geringen Widerstand zu leisten im Stande sei; jedoch vertheidigte er sich aber gegen die deutsche Truppe hartnäckiger und der Verlust betrug mehrere verwundete und einen gefallenen Atonga. Mit der Zerstörung von Lionde war auch der Kampf beendet, denn mit dem Verlust des letzten Haltes waren die Feinde auch zersprengt und flohen auf dem linken Ufer meistens in die unzugänglichen Berge, auf dem rechten hingegen nach rückwärts in die längs dem Schire oder landeinwärts unzerstörten Dörfer.
Wohl erforderte es noch manchen starken Druckes, ehe die besiegten Häuptlinge sich ergaben und zu Friedensverhandlungen sich herbeiließen; vor allem die unbedingte Auslieferung der Waffen war eine Forderung, der sie sich nur mit größtem Widerstreben fügten. Auch die geraubten Waffen und das Eigenthum des Mr. Koe, sowie die des später ebenfalls überfallenen Mr. Wetterly mußten wieder herbeigeschafft werden. Die Führer jener Banden aber, welche die Ueberfälle geleitet hatten, büßten ihr Vergehen mit dem Tode.
Die Engländer hatten durch den heraufbeschworenen Kampf nun ihren Zweck erreicht, die Widerspenstigkeit der Häuptlinge war gebrochen und die englische Macht über ein bisher noch freies Land entfaltet. War der Druck der englischen Herrschaft vorher unangenehm, wurde jetzt den Unterlegenen der Fuß in den Nacken gesetzt und harte Bedingungen machten die Macht der Häuptlinge fortan illusorisch.
Auch dem Araber Baccari ben Umari, der seine Hand mit im Spiele gehabt hatte, aber zu schlau war, um gänzlich überführt werden zu können, wurde der Prozeß gemacht; als einflußreicher Mann war er gefährlich, als vermutheter Sklavenhändler wurde er schleunigst des Landes verwiesen.
14. Die Erbauung der Werft.
Auf wie schwachen Füßen die englische Herrschaft hier in Central-Afrika steht ist aus der Anstrengung zu ersehen, welche es gekostet hat, diesen Aufstand niederzuwerfen und hätte nicht die Besatzung der in Katunga liegenden Kanonenboote herangezogen werden können, denen es möglich geworden, soweit den unteren Schirefluß hinaufzudampfen, würde wohl, sofern nicht die gesammte deutsche Macht thatkräftige Unterstützung geleistet, der Kommissar zum Abschluß eines faulen Friedens gezwungen gewesen sein, denn den Kampf fortzusetzen, wäre gegen die zunehmende Siegeszuversicht der Feinde mit so unzureichenden Kräften eine Thorheit gewesen. Die Folge davon war eine beständige Unsicherheit auf allen Land- und Wasserwegen; ist doch der Neger ein unleidliches Subjekt und zeigt seinen Charakter im schlechtesten Lichte, sobald nur ein Schein von Macht in seinen Händen ist und er weiß, daß er ungestraft sich frech und ungebührlich betragen darf. Es wäre auch von englischer Seite zur unbedingten Nothwendigkeit geworden, die Uebergriffe der Häuptlinge zu strafen und den Kampf abermals zu eröffnen in dem Augenblick, wenn die sehnsüchtig erwarteten Sikhs in Blantyre eingetroffen sein würden.
Politische Klugheit und die Einsicht, selbst mit der momentan starken Macht den Kampf nicht lange fortsetzen zu können, bewogen den Kommissar auch nach dem letzten Schlage Unterhandlungen mit dem Feinde anzuknüpfen, der, eingeschüchtert, sich nun zu solchen herbeiließ und willig das Joch der englischen Herrschaft auf sich nahm. Der Feind, wäre er einig gewesen, hätte durch seine Stärke die Kräfte der Engländer schließlich aufgerieben, und daher mußte der Friede geschlossen werden so lange noch die imposante versammelte Macht beisammen und dem Gegner imponirte.
Es ist ein Glück, daß die Bewohner des schwarzen Erdtheils die Macht des Europäers als eine unbegrenzte noch ansehen und solche leicht anerkennen, sobald sie im Guten oder Bösen eine Probe davon erhalten haben, ist aber dieser Nimbus einmal zerstört, dann wehe der kleinen Schaar, die sich in ihrer Mitte wagt, nur ein Aufgebot starker Macht zwingt dann den grollenden Gegner wieder zur Unterwerfung.
Während nun die geschilderten Vorgänge bei Lionde sich abspielten, die Feinde vor der eilig vordringenden Macht in die Berge oder rückwärts flohen, wurde meine Stellung in dem schwachbesetzten Lager gefährlicher als früher insofern, als ich mich viel eher auf einen ernsten Kampf gefaßt machen konnte und gezwungen war, namentlich Nachts die größte Wachsamkeit zu üben. Nach den gemeldeten Nachrichten, es haben sich auf beiden Ufern des Schire Feinde um Mpimbi gesammelt, konnte ich einen Angriff auf meine schwache Stellung erwarten, sobald irgend eine Kunde vom Kampfplatz eintraf, die geeignet war, die im Rücken der Engländer versammelten Haufen mit neuem Muth zu beleben. Ich exerzirte daher meine paar Leute täglich ein, um auf alle Eventualitäten diese möglichst sicher zu haben, ohne jedoch irgend jemand von meiner Voraussetzung auch nur etwas mitzutheilen, denn was so den Anschein einer Uebung hatte, wäre, wenn alle die Besorgniß erfüllt hätte, plötzlich überfallen zu werden, bei den maroden Abessiniern und zu Soldaten untauglichen Suaheli nur von nachtheiliger Wirkung gewesen.
Um die Mittagsstunde des 21. Februar, ein jeder hatte, sofern er nicht durch Ausübung seiner Pflicht davon abgehalten wurde, in Hütte und Haus vor den glühenden Strahlen der Sonne Schutz gesucht und sich im kühlen Schatten der Ruhe hingegeben, ertönten plötzlich in dem das Lager umschließenden Buschwald dumpfe Schüsse aus Vorderladern abgefeuert und so nahe, daß es schien, als habe der unsichtbare Feind die Absicht, aus dem deckenden Dickicht hervorzubrechen. Im Moment war das Lager alarmirt, jeder Mann auf seinen Posten und den Heranziehenden wäre ein schlimmer Empfang bereitet worden, wenn ich nicht jedes voreilige Schießen verboten hätte und keiner eher Feuer geben sollte bis es von einem Europäer befohlen worden war. Diese Instruktion verhinderte zum Glück sofortiges Schießen, auch war ich schnell genug herausgesprungen um noch ein voreilig gegebenes Kommando an der Ausführung zu hindern; kurz nach den Schüssen erschallte auch das deutsche Hornsignal, woraus ich entnahm, daß kein Feind im Anzug war. Gleich daraus erschienen vor der verschanzten Waldpforte die erste Kolonne Atonga, denen in langer Linie viele andere folgten, die Einlaß begehrten.
Der führende Offizier, Leutnant Bronsardt v. Schellendorf, war nicht wenig erstaunt, das Lager so kampfbereit zu finden; klärte aber schnell das Mißverständniß auf, das so leicht sehr üble Folgen hätte haben können, wenn nicht auf beiden Seiten mit Ueberlegung gehandelt worden wäre. Es hatten nämlich gegen sein striktes Verbot einzelne Kapitaos nicht unterlassen können, ihre Vorderlader abzufeuern aus Freude darüber, endlich am Ziel angelangt zu sein, und um die Wirkung dieser unzeitig gegebenen Schüsse sofort abzuschwächen, ließ er schnell das deutsche Signal blasen, was das einzige Mittel noch war, da er nicht so schnell nach vorne springen und dem Feuern Einhalt gebieten konnte. Diese Atonga, 275 an Zahl, waren auf Befehl des Major von Wißmann durch v. Bronsardt in Bandawe angeworben worden, zu der Zeit, als die Vorexpedition an jenem Orte für einige Tage mit der Domira dort gerastet hatte, und von hier, vom Westufer des Nyassa-Sees, durch diesen Offizier bis nach Mpimbi geführt wurden. Der Major, bestrebt, für seine Expedition möglichst viele Kräfte heranzuziehen, da die Trägerfrage der Transport-Abtheilung große Schwierigkeiten bereitete, hatte diese Anwerbung vornehmen lassen, um einen Arbeiterstamm zu beschaffen, der für die Dauer des Schiffbaus zur Verfügung stehen würde und erst entlassen werden sollte, wenn das ganze Werk vollendet wäre. Es war keine kleine Aufgabe und eine nicht zu unterschätzende Leistung mit nur wenigen Soldaten diese Kolonne den weiten Weg von der Mitte des Sees, durch Grassavannen und Gebirgsland, durch das Gebiet unzuverlässiger Häuptlinge, in dieser Zeit des allgemeinen Aufstandes zu führen und obwohl die feindlichen Stämme verschiedentlich den Weitermarsch zu verhindern gesucht, einige Male ernste Rekontre auch stattgefunden hatten, wagten sie doch keinen ernsten Widerstand zu leisten, da der großen Truppe genügend Gewehre mitgegeben worden waren. Anders verhielt es sich mit der Verproviantirung so vieler Leute und es ist sehr erklärlich, daß in den langen Wochen öfters empfindlicher Mangel an Lebensmitteln vorgeherrscht hat, wenn der Verkauf derselben verweigert wurde oder tagelang unbewohnte Gegenden zu durchziehen waren.
Ein tüchtiger Jäger, schaffte v. Bronsardt immer Wild herbei, wo solches zu finden war, und diesem Umstande hatte er es zu danken, daß er oft der Noth gesteuert und noch so viele Leute hatte mitbringen können, denn die Aussicht auf frisches Fleisch hielt in Tagen der Entbehrung die Leute zusammen, die sonst dem Beispiel vieler anderer gefolgt und desertirt wären, so lange es noch Zeit und nicht feindliche Stämme dem einzelnen den Rückweg abgeschnitten hatten.
Erwähnen will ich hier gleich, daß die Kultur des Tabakbaues von den Atongas am Nyasse-See als Spezialität besonders betrieben wird und sie dadurch ein Mittel in Händen haben, die weite Wanderung von ihrem Heimathland bis nach Blantyre und weiter unternehmen können, ohne besonders Mangel zu leiden, denn der in Rollen mitgeführte Tabak, in kleinen Stücken verkauft, giebt ihnen die Möglichkeit Lebensmittel einzutauschen, was sonst unmöglich wäre, da sie an anderen Dingen ebensowenig besitzen wie alle umwohnenden Stämme, auch der Neger gegen den Angehörigen eines fremden Volkstammes nicht gerade freigiebig sich erweist, er reicht dem Hungrigen nichts umsonst. Die Atonga, die kurz nach der Ernte ihre Wanderung nach dem Schirehochland antreten, um bei den Europäern sich auf den Plantagen oder als Träger zu verdingen, versuchen es auch häufig gleich Vagabonden sich durchzuschlagen und wo es angängig aus den Feldern sich Lebensmittel holen, theils um ihren Vorrat an Tabak zu schonen, theils weil der Hunger sie dazu treibt. Freilich laufen sie Gefahr, von den wachsamen Besitzern niedergeschossen zu werden, die diese Selbsthilfe in Anwendung bringen, ohne je für solche That zur Rechenschaft gezogen zu werden, wie es bei Mpimbi vorgekommen und oft geschieht, um die Langfinger, die das Mausen nicht lassen können, abzuschrecken.
Die Atonga behandeln auf folgende Weise den Tabak: die stattliche Pflanze, wie schon früher erwähnt, erreicht oft die Höhe von fünf Fuß und darüber, die Blätter, die lang und breit sind, werden, sobald die Zeit der Blühte vorbei ist, noch grün abgepflückt, um sogleich, ohne eine Art von Fermentierung vorzunehmen, in dicken Strähnen aufgeflochten zu werden, dann in Rollen, die oft von 30 bis 50 Pfund schwer, gewickelt und in Bananenbast gut verpackt, lassen sie den Tabak allmählich trocknen, der aber in sich selbst Feuchtigkeit genug enthält und nicht, wie wohl anzunehmen, von den heißen Sonnenstrahlen ganz ausgetrocknet wird. Gewiß ist solches Kraut etwas kräftiger Natur und erfordert, wenn man dieses zu rauchen sich gewöhnen will, einen gerade nicht empfindlichen Magen, giebt aber in Ermangelung von etwas Besserem doch eine leidlich schmeckende Pfeife Tabak.
Auch starke Schnupfer sind diese Atonga und würde manchem Gewohnheitsmenschen in Europa, für dessen Riechorgan kein genügend kräftiges Fabrikat mehr gefunden werden kann, das noch zum Niesen reizt, der von den Atonga bereitete Schnupftabak als ein Mittel dazu zu empfehlen sein. Sie bereiten sich denselben aus den Blättern ihres Tabaks, indem kleine Stücken desselben gewöhnlich auf einem Stückchen Blech überm Feuer geröstet und durch die Hitze pulverisirt werden, und gerade diese feinen Körnchen, von der Schärfe des Pfeffers, bewirken, wenn sie sich in den Schleimhäuten der Nase festgesetzt haben, ein urkräftiges Niesen, derart, daß der Körper durch diesen übermächtigen Reiz gewaltig durchgeschüttelt wird und ein Nichtschnupfer sobald nach einer zweiten Dosis kein Verlangen trägt.
An den beiden folgenden Tagen, den 22. und 23. Februar kehrten v. Eltz und Dr. Röver mit den Soldaten zum Lager zurück und wurde nun, was mir sehr lieb, das Kommando des Lagers Dr. Röver übertragen. Die soweit getrennt liegenden Orte, Lager und Werft hätten sich doch nur schlecht unter ein Kommando vereinigen lassen, da jedes für sich eine gesonderte Leitung nöthig machte, weil an beiden vorläufig große Arbeiten ausgeführt werden mußten. Entlastet war ich insofern, als die gesammte Verpflegung laut Befehl des Majors, der Kommandant das Lager zu übernehmen hatte, ich mich mit dieser leidigen Angelegenheit fernerhin nicht mehr zu befassen brauchte.