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Part 25

Am 8. Februar, Nachmittags, kaum daß etwas Disziplin in die ungeordneten Haufen gebracht war, brach der Kommissar Mr. Johnston mit seiner Kolonne auf und in langen Zügen, voran die Krieger, denen die Träger-Abtheilung folgte, marschirten alle durch unser Lager, um durch den Wald den freien Fußpfad nach Perisi zu gewinnen. Man kann sich kaum denken, wie stolz und selbstbewußt der Neger einherschreitet, sobald sein Lieblingswunsch erfüllt ist, ein Gewehr zu besitzen, unüberwindlich dünkt er sich -- obwohl er die Waffe kaum zu hantiren versteht -- Pfeil und Speer in seiner Hand sind viel gefährlichere Dinge als das beste Gewehr. Gebräuchlich ist es heute bei den kriegführenden Parteien, die Macht nach der Anzahl vorhandener Gewehre abzuschätzen; der Kampf wird dadurch weniger blutig, weil sie mit diesen Waffen noch nicht recht umzugehen verstehen, allein das Bewußtsein schon, dem gleichartigen Gegner überlegen zu sein, verbürgt oft den Sieg. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr aber erwächst den Europäern, sofern nicht der Gewehrhandel, der im Geheimen trotz aller Verbote schwungvoll betrieben wird, nach Möglichkeit unterbleibt -- der Neger lernt schließlich auch das Schießen -- und wo heute noch eine Handvoll Europäer gefürchtet wird, ist diese späterhin nicht mehr zureichend, schreitet auch die Kultur unaufhaltsam vorwärts, wird doch der Kampf immer heftiger entbrennen! Ich kenne Volksstämme, deren Unterwerfung sehr viel Blut gekostet hat, ehe die Schuld Weniger ausgetilgt wurde; sicherer noch im Gebrauch der Waffen wie der Europäer, waren die Eingeborenen furchtbare Gegner, -- ich will hier nur der Anstrengung Erwähnung thun, welche es den Spaniern gekostet hat, die Carolinen-Inseln zu unterwerfen.

Ich kann wohl sagen, als die kampfesmuthigen Schaaren im Lager an mir vorüberzogen, stieg doch ein leiser Zweifel in mir auf, ob nicht dieser zur Schau getragene Enthusiasmus sehr bald schwinden würde! Mir wollte es scheinen, als könnten solche Leute nur zum Niederbrennen der Dörfer, Marodiren etc. gut genug sein, zu einem geordneten Widerstand gegen einen energischen Feind aber nicht tauglich wären. Meine Leute, in deren Augen die Atonga namentlich, nicht für voll galten, meinten: bwana, diese laufen beim ersten Bumbum weg, indes beide Theile hatten noch kein Pulver im Ernstfall gerochen und es kam erst auf eine Probe an, ob die Atonga nicht besser seien als ihr Ruf. Ich habe freilich im Kampfe sehr schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht, in allem Uebrigen sie aber viel höher schätzen gelernt als jeden anderen Volksstamm. In ihrer Heimath am Nyassa sind sie ein kleines aber tapferes Volk, das seine Unabhängigkeit gegenüber mächtigen Stämmen bis heute gewahrt hat.

Vorläufig noch mit dem Schicksal der kleinen englischen Truppe unbekannt, die allem Anscheine nach auf einen gewissen Sieg rechnend, so frohgemuth dem Kampf entgegengezogen, war ich in den nächsten Tagen nur darauf bedacht, durch scharfe Wachsamkeit bei Tag und Nacht jeden Angriff oder plötzlichen Ueberfall, wie ich einen solchen auf gewisse Nachrichten hin erwarten konnte, unmöglich zu machen. Aufreibend war der Wachtdienst, namentlich für uns Europäer, da in jeder Nacht eine scharfe Kontrole ausgeübt werden mußte; wußten die Posten auch, was bei einer Sorglosigkeit ihrerseits auf dem Spiele stand, so war doch die unausgesetzte Gegenwart eines Europäers nöthig, damit jeder seine Pflicht erfüllte.

Am 10. Februar traf in den Abendstunden die erbetene Verstärkung von Katunga im Lager ein, es waren drei Europäer, 14 Sudanesen und worauf ich nicht gerechnet hatte, ein Schnellfeuergeschütz. In Gewaltmärschen hatte diese Abtheilung die beträchtliche Entfernung von Katunga bis Mpimbi zurückgelegt und glaubte, nach dem was in Blantyre über den Aufstand erzählt worden war, hier sofort in den Kampf eintreten zu müssen, sämmtliche Neuangekommene waren demnach im gewissen Sinne etwas enttäuscht, alles äußerlich so ruhig zu finden, sie hätten sich dann nicht so furchtbar beeilen brauchen, um einer Katastrophe vorzubeugen, die man stündlich in Mpimbi erwartet.

Von den eingetroffenen Handwerkern, als Brückner und Grünhagel, erfuhr ich unter anderem, daß der ganze Schiffstransport bereits in Katunga eingetroffen sei und wohl selbst schon die Etappestation um diese Zeit aufgegeben sei. Die Schwierigkeiten um mit dem Transport zu beginnen, seien aber noch immer dieselben; wohl sind bereits leichtere Sachen bis Blantyre befördert worden, jedoch weigern sich die Träger aus der Umgegend von Katunga weiter als bis dorthin zu gehen und muß daher mit dem Beginn des ganzen Transports gewartet werden, bis tausende Wangoni-Träger ins Land gekommen sind, was erst nach der bevorstehenden Ernte der Fall sein wird.

Ich hatte nun 6 Europäer und 35 Soldaten und konnte den kommenden Dingen ruhiger entgegensehen, wäre nur nicht die leidige Frage gewesen, woher für so viele Menschen, mit Diener, Köchen und den Zimmerleuten über fünfzig, genügend Proviant zu beschaffen sei! Während wir Deutsche im Lager nun die Lage von einer besseren Seite betrachteten, ahnte Niemand in welche äußerst bedrängte Situation die Engländer seit ihrem Abmarsch gerathen waren -- bis wenige Stunden später, um zwei Uhr, in dieser selben Nacht ein Abgesandter, der Sergeant Inge, im Lager eintraf und mit der dringenden Bitte um Unterstützung für die gänzlich von Feinden umschlossene englische Kolonne, ein Bild entwarf, das auf eine trostlose Lage schließen ließ. Dieser Bote, der sich beherzt im Schutze der Nacht von Perisi, wo die Engländer fest umschlossen waren, in einem Boote flußabwärts geschlichen, erzählte Folgendes: Die Truppe sei am nächsten Morgen, nachdem sie das Lager von Mpimbi verlassen hatte, von zahlreichen Feinden angegriffen worden, die gedeckt durch das hohe Gras sich unbemerkt nähern konnten. Unausgesetzt wären die feindlichen Kugeln in ihre Reihen eingeschlagen, kein Vorstoß und kein Feuern hätte genützt -- der unsichtbare Feind wäre unvermuthet gekommen und wieder verschwunden, ehe daran zu denken gewesen, die ausgedehnte Kette der eigenen Leute zum ersten Angriff zu formiren. Die Zahl der Schwerverwundeten sei zwar nicht groß, hätte aber doch so demoralisirend auf die Atonga und Makua eingewirkt, daß an einen ernstlichen Widerstand nicht mehr zu denken sei. Die Kolonne wäre schließlich zum Flusse abgedrängt worden und nun der Weg durch die verlassenen Dörfer gewählt worden, um allenfalls in diesen Rückhalt zu gewinnen. Jedes Dorf wurde beim Verlassen den Flammen preisgegeben, was die Wuth der Feinde, die durch solche Vernichtung ihrer Heimstätten beraubt wurden, nur noch steigerte, und diese setzten alles daran, ein weiteres Vordringen zu verhindern.

Nunmehr nur von einer Seite angegriffen, hätten sie am zweiten Tage Perisi erreicht, wo, wie sie wußten, seit mehreren Tagen schon der Dampfer »Domira« festsaß. Ein weiteres Vordringen war mit solcher Mannschaft ausgeschlossen und das Rathsamste, sich an diesem Ort gegen die Uebermacht der Gegner so gut es ging zu decken, da auch im schlimmsten Falle das Schiff einen gewissen Rückhalt bot. Bisher seien außer einer Anzahl Schwarzer auch Mr. Steavenson sehr schwer verwundet worden und selbst der Kommissar, sowie Kapitän Johnston nur wie durch Zufall schweren Verletzungen entgangen. Tag und Nacht greife der Feind an, der durch Baum und Gebüsch gedeckt, ungesehen heranschleiche und ihre Stellungen beschösse; die unausgesetzte Wachsamkeit habe die Europäer schon so erschöpft, daß bei einem energischen Vorstoß der Feinde das Schlimmste zu befürchten stehe. Selbst vom gegenüberliegenden Ufer würden sie beschossen und wären zeitweise ohne jeden Schutz dem hartnäckigen Feuer der Feinde ausgesetzt. Der Kommissar bitte daher dringend um schleunige Hilfe, und wären es auch nur zehn Sudanesen, die ich abgeben könnte -- diese Soldaten würden wenigstens Stand halten und er würde sich, selbst mit so kleiner Zahl Luft zu schaffen suchen. Bisher hätten sie nur aus Zweigen und Büsche eine leichte Hecke errichten können hinter welcher sie Deckung gefunden -- die wenigen Hütten, die stehen geblieben bieten ihnen vor den feindlichen Geschossen auch nur wenig Schutz! -- Der Bote nun, dessen Begleiter der Maschinist Fairbrain von der Domira war, machte nebenbei noch allerlei Versprechungen in Bezug auf abzusendende Soldaten; ich habe später nie darnach geforscht, ob derselbe dazu autorisirt gewesen oder nicht, was aber jedenfalls der Fall, da derselbe als dienstlich Untergebener des Kommissars nicht aus eigenem Antrieb Handeln und Zusagen machen konnte, sondern gemäß seiner Instruktion nur den erhaltenen Befehl auszuführen hatte. Ich muß es heute als eine politische Klugheit ansehen, daß der englische Kommissar selbst in seiner bedrängten Lage seine Bitte um schleunige Unterstützung nicht schriftlich aussprach, denn solches Dokument in meinen Händen würde ihn verpflichtet haben für die gemachten Zusagen seines Abgesandten einzustehen. Allein in jener Stunde, wo die volle Verantwortlichkeit der zu treffenden Entscheidung auf mir lag, habe ich allem Nebensächlichen keine Beachtung weiter geschenkt, sondern nur die Gefahr erwogen in welcher sich die Engländer befanden und in welcher ich gerathen mußte, sobald es den Feinden gelänge die Eingeschlossenen zu vernichten oder sie nur zum Rückzug zu zwingen. Ich mußte mir sagen, daß in solchem Falle die feindliche Macht riesengroß anwachsen würde, und hätte ich auch den Ansturm der siegesgewissen und übermüthigen Feinde widerstehen können, so hätte der Umstand, daß mir die Lebensmittel abgeschnitten worden wären, meine Leute doch zu einem längeren Widerstand bald unfähig gemacht.

Es war ein harter Entschluß, meinen Posten zu verlassen, denn da ich Niemand hatte, der die Sudanesen kommandiren konnte, mußte ich selber gehen, oder die Bitte abschlagen. Auch erwägend, daß zwei starke Posten, Perisi und Mpimbi, eine Conzentrierung der feindlichen Macht unmöglich machen mußten, für die eigene Sicherheit es auch gerathener war, wenn ich die erbetene Hilfe nicht abschlug, -- so entschloß ich mich kurz und sagte meinen Beistand zu.

Einmal entschlossen den Weg zu gehen, der in dieser Lage mir der einzig richtige erschien, theilte ich den inzwischen versammelten Europäern meinen Entschluß mit und forderte zwei derselben auf, freiwillig mich zu begleiten. Hatte ich aber auf eine freudige Zustimmung auch nicht rechnen können, so waren mir die vielen Einwendungen dagegen, daß ich das Lager verlassen wolle, in Gegenwart der Engländer doch etwas unangenehm, zumal Fairbrain etwas deutsch verstand, und die Bemerkung der Handwerker, daß sie sich nicht berufen fühlen, »für die Engländer sich die Knochen zerschießen zu lassen«, wenigstens dem Sinne nach verstanden worden war. Die Leute hatten freilich Recht und ich befahl auch Keinem folgen zu müssen; als ich ihnen aber alle Eventualitäten klar gelegt hatte, meldeten sich doch zwei gediente Pommern und erklärten sich zu allem bereit.

Die fünfzehn Sudanesen dagegen, trotzdem sie von dem beschwerlichen Marsche über das Gebirge noch ermüdet waren, begrüßten die Aussicht auf einen Kampf mit Freuden und hätten, wenn es angängig gewesen wäre, sofort den Marsch angetreten.

Versetze ich mich heute zurück in jene Zeit der Kämpfe und Sorgen, in jene Rohrhütte, deren Dunkelheit nur vom flackernden Kerzenlicht erhellt, wo ich im Kreise der kleinen Schaar den Entschluß gefaßt, meinen Posten zu verlassen und diese selbst aufforderte zum ernsten Kampfe, selbst mit Blut und Leben zu schützen, was uns anvertraut, dann kommen sie wieder, die quälenden Gedanken jener Nacht und Stunde, in welcher ich den heißen blutigen Kampf der Ungewißheit vorzog und auf jede Gefahr hin einer andern Nation Hilfe und Beistand zugesagt hatte, zur Sicherung der eigenen Lage und für fremde Noth das Blut meiner Leute opferte!

Die wenigen Stunden bis zum frühen Morgen vergingen mit Anordnungen und Vorbereitungen sehr schnell, während dessen die Engländer ein von Matope gekommenes Boot mit welchem der Sergeant Inge von Perisi gekommen, in Stand setzten. Unser Schiffsboot, das mit der am Abend vorher eingetroffenen Abtheilung zerlegt mitgebracht worden war, konnte ich nicht so schnell zusammensetzen lassen, um die anderen Boote, die durch eine während der Nacht noch von Blantyre angekommene Kolonne von 40 Atonga stark besetzt werden mußten, zu entlasten. Den Wasserweg zu nehmen, war ich mit den Engländern nach eingehender Berathung übereingekommen, da es das Sicherste schien, diesen zu wählen, denn zu Lande hätten wir uns Perisi, ohne vorher die feindliche Linie zu durchbrechen, schwerlich ohne heftigen Kampf nähern können, was zu Wasser jedenfalls leichter möglich war.

Nachdem nun noch zum Zweck etwaiger Vertheidigung die Aufwerfung eines Schützengrabens im Lager angeordnet war, der sofort durch die zurückbleibende Besatzung der englischen Station in Angriff genommen wurde, die werthvollen Instrumente, die ich zurückließ, sicherer Obhut anvertraut waren, ließ ich zum Apell blasen. Das Kommando übergab ich dem ersten Maschinisten Herrn Spenker und ermahnte die zurückbleibenden Soldaten den striktesten Gehorsam zu leisten, auch in einem Kampfe nicht feige von der Seite der Europäer zu weichen, ihre Pflicht sei es, als Soldaten des Majors von Wißmann zu stehen oder zu fallen. Die Europäer aber mahnte ich nochmals, unter allen Umständen das Lager zu halten, ein Rückzug, wenn es wirklich zu einem Angriff kommen sollte, könnte allen nur verderblich werden. Ich sah zwar keine unmittelbare Gefahr, dennoch wollte mir scheinen, als wäre die Kampflust, nachdem es nun bitterer Ernst geworden, nicht allzu groß, und nicht gerade leichten Herzens schied ich von meiner Station, vielleicht alles für eine fremde Sache aufs Spiel setzend. Viel schwerer aber wäre es mir geworden meine Zusage einzulösen, hätte ich ahnen können, daß schon in der nächsten Nacht der Muth der Besatzung auf die Probe gestellt werden sollte, die aber von allen, sobald die ersten Schüsse der wachsamen Posten das Lager alarmirt hatten, glänzend bestanden wurde.

Gegen 8 Uhr früh am 11. Februar, nachdem Geschütz, Soldaten und die Atonga eingeschifft waren, konnte endlich der Befehl zur Abfahrt gegeben werden, und fort ging es einem gewissen Kampf entgegen. Die Führung des größten Bootes, das außer der Mannschaft mit 35 Atonga, vier Sudanesen, dem Geschütz und zwei Europäern, Ottlich und Fairbrain, besetzt war, hatte ich übernommen, das kleinere mit 10 Sudanesen, 15 Schwarzen, Knuth und Mister Comaran besetzt, führte der Sergeant Inge. Gegen Wind und Strom die schwerbeladeten Boote mittelst langer Bambusstangen vorwärts zu bringen war für die Besatzung keine leichte Arbeit, dazu thaten die glühenden Sonnenstrahlen das Ihrige. So viel als möglich hielten wir die Mitte des Flusses, wenn nicht Untiefen uns zwangen, den Ufern näher zu gehen, beobachteten auch namentlich die linke Uferseite, da gedeckt durch dichtes Gebüsch die Feinde ungesehen uns folgen und bei gezwungener Annäherung an diese, leicht in die Boote hineinfeuern konnten. Es war aber nichts zu sehen; wo sonst eine friedliche Bevölkerung am Flußufer ein sorgloses Dasein geführt und durch freundliche Zurufe ein vorüberziehendes Boot begrüßt hatten, herrschte jetzt tiefes Schweigen, die Hütten und Dörfer waren rauchgeschwärzte Trümmer -- kein menschliches Wesen weilte mehr in den Ruinen, kein Hahn rief mit lauter Stimme sein Volk zusammen und am steilen Uferrand suchte keine Ziege sich saftige Kräuter -- todtenstill war es ringsumher, selbst am rechten Ufer, wo die Kriegsfurie noch nicht gewüthet und die Dörfer unversehrt geblieben, war alles in tiefes Schweigen gehüllt.

Die vielen kurzen Windungen des Schireflusses verhinderten jede Aussicht vor und zurück, daher war es mir nicht besonders auffällig, daß ich das zweite Boot aus Sicht verlor und in der Meinung, dasselbe könne nur eine kleine Distanz hinter uns sein, fuhr ich bis Mittag ruhig weiter. Schließlich als die Bootsleute durch die Sonnengluth und angestrengte Arbeit ermattet waren, gab ich dem wiederholten Dringen des Kapitaos nach und landete am rechten Ufer an einer Stelle wo ein Flußpferdpfad durch das dornige Gestrüpp führte, mit der Absicht, hier die Ankunft des zweiten Bootes abzuwarten. Den ausgetretenen sumpfigen Pfad, der in der Regenzeit den Wassern als Abfluß dienen mochte, durch das Dorngebüsch folgend, öffnete sich hinter diesem eine weite Grassavanne ohne Baum noch Strauch in der Nähe, worunter wir gegen die glühenden Sonnenstrahlen hätten Schutz finden können. Wollten wir eine kurze Erholungspause machen, war dieser Ort zufällig am ungeeignetsten dazu, und als das Boot immer noch nicht kam, ließ ich wieder einschiffen, um einen besseren zu suchen. Ich wollte eigentlich ungern am linken Ufer landen, sah mich aber doch dazu genöthigt, wenn ich im Schatten hoher Bäume den Leuten kurze Ruhe gönnen wollte; deshalb, als weiter flußaufwärts an steiler Uferwand einige niedergebrannte Hütten in Sicht kamen, wo das Ufer frei von Gebüsch erschien und eine freie Aussicht auf den Fluß vorhanden war, ließ ich das Boot an einer Stelle, die vom Flußschilf nicht bedeckt wurde anlegen. Wohl war es ein schattiger Ort von breitästigen Bäumen bestanden, den wir betraten, auch genügend Aussicht vorhanden, so gut wie man sie an solchen Ufern eben finden konnte, allein landeinwärts rings um uns, was ich erst zu spät erkannte, war ein hohes mächtiges Maisfeld, bereits soweit ausgewachsen, daß in kurzer Zeit die Ernte hätte beginnen können.

Alles schien ruhig und die Gegend verlassen zu sein, selbst eine ausgesandte Patrouille von zwei Mann, welche die nähere Umgegend absuchte, hatte nichts bemerkt. Die Atonga nun, deren Sprache leider keiner verstand, konnten trotz einem Verbot das Marodieren nicht lassen, der Reiz war zu groß, als daß sie die schönen reifen Maiskolben in unmittelbarer Nähe hätten ungebrochen gelassen. Sie widerstanden nicht der Versuchung, die begehrliche Frucht, wonach sie nur die Hände auszustrecken brauchten, zu pflücken und einzelne, die sich ins Feld geschlichen, kehrten nach wenig Minuten mit Beute beladen zurück. Bald loderte ein lustiges Feuer, an den halbverkohlten Ueberresten einer Hütte entzündet, empor, in welches die Kolben zum Rösten gelegt und dann so heiß wie sie waren von den Leuten verzehrt wurden. Den Gewehr bei Fuß stehenden Sudanesen, die ebensowenig etwas zu beißen hatten, da der geringe Proviant, den wir überhaupt besaßen im anderen Boot sich befand, ließ ich denn auch durch einen der Ihrigen einige Kolben rösten, sonst aber die zuverlässigen Leute nicht von ihren Posten weichen.

In Ermangelung von etwas Besserem suchten wir Europäer schließlich auch den knurrenden Magen mit frischen Maiskörnern zu befriedigen bis Fairbrain mit einigen Bisquits und einer Dose Jam, die er unter seinen Sachen vermuthete, aufwarten konnte. Während wir nun auf der Erde saßen und die frugale Mahlzeit uns schmecken ließen, dabei erörternd aus welchem Grunde wohl das zweite Boot noch immer nicht sichtbar wäre, das wir doch nicht allzuweit hinter uns vermuthet hatten -- stieg in mir plötzlich das Gefühl einer drohenden Gefahr auf und der Gedanke an einen Ueberfall wurde so lebendig, daß ich besorgt die Augen im Kreise herumlaufen ließ und hinter der grünen Wand, die uns umgab, fast mit Gewißheit heranschleichende Feinde vermuthete. Wie durch einen übermächtigen Impuls gezwungen sprang ich auf, ehe ich aber den Befehl geben konnte die Gewehre zu ergreifen, sausten im selben Moment die feindlichen Geschosse auf uns.

Als wenn ein geistiges Empfinden vor einer unmittelbaren Gefahr warnen will, so urplötzlich stellt sich die Gewißheit vom Vorhandensein einer solchen dem Geiste vor; es ist als ob das seelische Leben fähig ist, bei abnormen Fällen eine große Gefahr zu erkennen und zum Bewußtsein bringen kann d. h. mit einem für uns unbegreifbaren äußeren Empfinden in Verbindung tritt. Es scheint mir, als wenn diese unmittelbar gegebenen Warnungen zur Erhaltung des Lebens dienen sollen und dem Seelenleben die Möglichkeit gegeben ist, selbst die Fessel, welche die Seele bindet, zu erhalten. Dieses Unfaßbare, das in ungewöhnlichen Momenten nur zum Bewußtsein kommt, muß zur Erkenntniß führen, daß wir ein Theil des gewaltigen Urgeistes sind, mit dem der unsrige, obgleich nur im beschränktesten Maße, zuweilen in Verbindung treten kann. Ich vermag außer diesem noch auf zwei Fälle hinzuweisen, wo in gefährlicherer Lage zwar, doch in gleicher Weise solche Vorwarnung, wie ich das Empfinden nennen möchte, mir das Leben gerettet hat.

In diesem Falle entging ich der tödtlichen Kugel, indem ich aufsprang und dadurch einen neben mir stehenden Sudanesen veranlaßte einen Schritt vorzutreten, dem im selben Moment das auf mich gerichtete Geschoß auch traf, dessen rechte Hand zerschmetterte sowie durch den rechten Oberschenkel noch hindurch fuhr. Der Feind hatte sich tollkühn von einer Seite herangeschlichen von der wir ihn nicht erwarten konnten und trotz der Wachposten ungesehen aus sicherem Hinterhalt feuerte. Dem dumpfen Schall nach zu urtheilen war die Salve mit Vorderlader abgegeben worden, und da nun ein schnelles Laden dem Feinde nicht möglich war, so mußte sich dieser zurückziehen, während wir sofort ein Schnellfeuer nach jener Richtung hin von welcher die Schüsse gefallen waren eröffneten.

Eine große Verwirrung herrschte im ersten Moment, verursacht durch die wilde Flucht der Atonga, die Ottlich und Fairbrain mit sich reißend, vom Ufer in den Fluß sprangen und zum größten Theil hinter dem hohem Schilf Deckung suchten; erst von dort aus feuerten sie ihre Gewehre ab und gefährdeten die unvernünftigen Kerle, denen ich mich vergeblich entgegengestellt hatte, die Zurückgebliebenen derartig, daß ich mit den Sudanesen weichen mußte, wollten wir nicht von den um uns pfeifenden Kugeln der Atonga getroffen werden. Diese zügellosen Kerle, auf keinen Zuruf achtend, feuern blind drauf los, und ehe sie abdrücken wenden sie den Kopf weg oder machen die Augen zu.

Die Absicht der in das Boot geflüchteten Atonga, die dasselbe vom Ufer abzustoßen suchten, veranlaßte mich, wenn ich nicht mit den Sudanesen abgeschnitten werden wollte, ebenfalls hineinzuspringen und die vergeblich gegen das kopflose Hantiren der Atonga ankämpfenden Europäer zu unterstützen. Sofort entriß ich den Atongas die Waffen, trieb die im Boot zusammenhockende Besatzung auf und ließ, nachdem Fairbrain den Schwerverwundeten hineingeholfen hatte, dasselbe abstoßen.

Während nun das Boot langsam abtrieb kamen die im Wasser und Schilf sitzenden Atonga, die ich erst mit drohend erhobener Waffe zum Gehorsam zwingen konnte, heran, klammerten sich fest und ließen sich mit in die Tiefe des Wassers reißen. Es währte wohl acht Minuten, ehe der Kapitao alle über das Heck ins Boot geschafft hatte; ich lud sie zwar auch nicht mit sanften Worten ein sich zu beeilen, denn aufgebracht durch solche Feigheit, dazu behindert das wieder eröffnete feindliche Feuer erfolgreich zu erwiedern, half ich den Zögernden handgreiflich nach.

Sobald wir indes aus dem Bereich der feindlichen Geschosse gekommen waren, die meistens über das Boot hinweg sausten, brachte ich erst wieder unter die von der Panik erfaßten Leuten Ordnung, dann aber hieß es abermals vorwärts. Möglichst schnell suchte ich mich alsdann, da mir zwei Gewehre als verloren gemeldet wurden, darüber zu vergewissern, ob die Waffen am Lande zurückgelassen seien, weil ich den Angaben der Leute, sie hätten solche schwimmend fallen lassen müssen, nicht recht glaubte, so beschloß ich denn an derselben Stelle nochmals zu landen.

Das zweite Boot, wie ich bald erfahren sollte, hatte nicht allzuweit von uns entfernt ebenfalls Station gemacht und die Insassen sich an dem mitgeführten Proviant gütlich gethan, ohne weiter daran zu denken, daß im ersten absolut nichts zu beißen sei; sie wurden durch das nahe heftige Gewehrfeuer aus ihrer Mittagsruhe dann plötzlich aufgeschreckt und so sah ich dasselbe um die nächste Flußbiegung herumkommen, als ich gerade im Begriff war wiederum zu landen. Als dann beherzte Leute, gedeckt durch schußbereite Waffen, auf den Kampfplatz zurückgesandt waren, brachten diese nichts weiter als einen vergessenen Riemen mit; daraus wollte ich im Wasser weitersuchen lassen, konnte aber keinen rechten Erfolg erzielen und mußte, um nicht zu viel Zeit zu verlieren, das Suchen nach den Waffen aufgeben.

Die nächste Sorge war den Schwerverwundeten zu verbinden, der leise stöhnend auf meinen Sachen niedergelegt worden war; der Mann ertrug die großen Schmerzen wie ein echter Soldat und hatte während der Zeit, wo sich niemand um ihn kümmern konnte kaum einen Schmerzenslaut hören lassen, nur ein leises Klagen, vom Gewehrfeuer übertönt, konnte ich mitunter vernehmen. Aus Vorsicht genügend mit Verbandstoffen versehen, hatte ich die Hand, die in ihrer ganzen Breite durchschossen war, bald verbunden und sah dann erst, als der Mann sich nicht erheben konnte, daß die Kugel durch das dicke Fleisch des Oberschenkels gegangen war; konnte aber anfänglich nicht verstehen wie eine Bleikugel so glatt durch diese Körpertheile hindurchgehen konnte -- eine solche hätte eine viel schwerere Wunde am Ausgangspunkt verursachen müssen -- bis mir die Gewohnheit der Eingeborenen, mit eisernen Kugeln zu schießen, einfiel.

Noch mit dem Sudanesen beschäftigt, der so gut als es der Raum im Boote gestattete gebettet wurde, hatte der Feind, unsichtbar für uns, vom hohen Busch und Gras gedeckt, das Feuer wieder eröffnet und den Kampf aufs Neue begonnen. An Zahl uns bedeutend überlegen, was aus den zahlreich auf uns abgegebenen Schüssen zu vermuthen war, in sicherem Hinterhalt hinter Baum und Strauch wohl geborgen, blieb uns nur übrig auf solche Punkte zu zielen, wo der Pulverdampf aufstieg, und unsere sicheren Kugeln belehrten dem Gegner bald, daß es nicht rathsam sei sich bis zum Uferrande vorzuwagen.