Part 33
Glück muß der Mensch haben, das hätte ich sagen können, als wir kaum 200 Fuß vom Flusse entfernt, rings umgeben vom mächtigen Wald, eine kleine, mit nur wenigen Bäumen bestandene Lichtung fanden, und dazu, wie der nähere Augenschein ergab, in der Nähe vier jener Baumriesen, wie solche unserm Zwecke nicht besser entsprechen konnten. Ohne langes Zaudern, beschloß ich hier das Lager zu erbauen, denn schwerlich hätte sich ein gleich günstig gelegener Ort im Urwald gefunden, der nicht erst von Menschenhand mit Axt und Messer gesäubert werden brauchte. Zwar blieb die Frage betreffs eines geeigneten Rückweges noch offen, aber ich dachte, auch hier wird sich ein Ausweg finden müssen, da niemals daran gedacht werden konnte, die Balken auf dem Wege zum Schire zu schaffen, auf welchem wir bis hierher vorgedrungen waren.
Passende dünne Baumstämme fanden sich zum sofortigen Aufbau der Hütten nicht vor und mußte sich Ottlich solche später erst, wenn er genügende Kräfte zur Hand habe, beschaffen; vorläufig mußte ein provisorisches Unterkommen genügen, sowohl für die Schwarzen als auch für den Europäer, und ein schnell gefällter Baum, dessen Aeste dem Zwecke entsprachen, gab uns das nöthige Bauholz dazu. Man lernt es in der Wildniß, sich mit den geringsten Mitteln zu behelfen. Auch in diesem Falle waren von Zweigen, die mit bindfadengleichen Lianen zusammengehalten wurden, mit Gras und Strauchwerk, bald von den Atongas das Nothwendigste geschaffen. Schon vorher hatte ich unsere Wangoni-Führer nach ihrem Dorfe zurückgesandt, mit der Weisung, möglichst schnell Mehl, Bataten und Hühner herbeizuschaffen, und auch ihrem Häuptling zu sagen, er möchte mir die angebotenen männlichen Einwohner nun senden, je mehr desto besser.
Bestrebt, nun das weite Revier kennen zu lernen, namentlich einen besseren Rückweg zu finden und nach mehr Bäume Umschau zu halten, brach ich, begleitet von dem Zimmermann und einigen Leuten, bald darnach auf, um im weiten Umkreis, so gut als dies möglich, den Wald abzusuchen. Unglaublich schwierig aber ist ein Marsch in solchem Urdickicht, tausend Hindernisse stellen sich einem entgegen. Besser vorwärts ging es nur, wenn wir den Wildpfaden folgten, führten solche aber entgegen unserer Richtung, dann waren die Schwierigkeiten wieder da und die Faschinenmesser bahnten uns Wege durch Dornhecken und mit Schlingpflanzen unzerreißbar durchwobene Luftwurzeln der Bäume.
Anfänglich westlich, nachher südlich vordringend, mochten wir wohl eine halbe deutsche Meile vom Lagerplatz entfernt sein, als plötzlich ein ausgetretener Fußpfad, nordwestlich nach den fernen Bergen führend, vor uns lag. Es war keine Frage, durch den Urwald führte dieser Weg zu menschlichen Wohnungen, aber rück- oder vorwärts, das war schwierig zu sagen. Indes verfolgten wir diesen in der angegebenen Richtung eine Strecke weit und kamen bald auf freieres Terrain mit zwischenliegenden Grasebenen, durch welche aber der Weg wieder nach Südwesten abschwenkte und uns in Zweifel ließ, ob dieser, der sich bald wieder im Dickicht und Urwald verlief, uns nicht gerade in die entgegengesetzte Richtung führte, da, soweit ich mich orientiren konnte, der Schirefluß südöstlich von hier liegen mußte. Sehr schwer ist es, auf Vermuthungen hin die Richtung eines gewundenen Negerpfades zu bestimmen, als nicht selten, nur um Hindernisse zu umgehen, ein solcher rechtwinklig abbiegt und man leicht auf die Idee verfällt, derselbe führe ganz wo anders hin. Aus freien Stücken wird der Schwarze nie einen anderen Weg wählen, als den ihm bekannten, selbst gewaltige Umwege ändern daran nichts. Freilich ein tüchtiger Fußgänger ist der Neger, er liebt glatte Wege, auf denen er ungehindert schnell fortschreiten kann und wird solche auf jeden Fall eher vorziehen, als daß er bedeutend kürzere benutzen sollte, auf welchen er Dornen und Gesträuch vorfinden könnte, die ihm seiner nackten Füße und Körpers wegen unangenehm sein würden, ihn auch zwingen vorsichtiger zu sein, welche Eigenschaft, wenn sie nöthig und überflüssig erscheint, gerade nicht seine Passion ist.
Mit dem festen Vorsatze, an diesem Tage noch, wenn die Führer zurückgekehrt sein werden, auszuforschen, wohin dieser Weg führe, traten wir den weiten Rückweg wieder an an der Stelle, wo wir vorsichtshalber den Austritt aus dem Dickicht mit unsern Handbeilen an Baumstämmen gekennzeichnet hatten, indes wir merkten uns nur solche Bäume, die schlank und hoch, zu schönen Balken sich am besten eigneten, da hiervon gerade keine große Auswahl vorhanden war. An einer Stelle, zu der wir mühsam uns durchgerungen, fanden wir ein paar prächtige Stämme, gleich zwei Zwillingen, die ihre prächtigen Kronen hoch in die Lüfte wiegten. Ihr Anblick erweckte in mir den Wunsch, diese beiden zum Ersatz unserer durch das lange Liegen und den Transport reduzirten Schiffsmasten zu verwenden; aber als die Zeit dazu gekommen und ich nach Wochen ausging, sie wieder aufzusuchen, war es mir nicht möglich, sie wieder aufzufinden. Wie manches Mal ich Leute darum aussandte, wie oft ich auch selber zum Suchen ausging, es war vergeblich, jede Spur verwischt, konnte im dichten Urwald, der sich überall gleich blieb, jene Stelle nicht wieder aufgefunden werden, und die Folge war, da keine gleich passenden Bäume aufzufinden waren, daß das Schiff keine neuen Masten erhielt. Großer Achtsamkeit bedurfte es übrigens, um in einem solchen Walde sich wieder zurechtzufinden, war doch das Untergebüsch und zum Teil auch das Gras so dicht, daß es jede Aussicht benahm und sehr aufmerksam mußte auf die Zeichen geachtet werden, welche wir uns durch Knicken von Zweigen, Anhauen der Stämme, oder Wegschlagen den Weg sperrender Luftwurzeln gemacht hatten. Die Zahl der brauchbaren Bäume, welche ich auf dieser Streife gefunden hatte, war noch unzureichend, doch hoffte ich, wenn Ottlich erst näher mit der Umgebung bekannt sei, würde er dann noch einige finden; obwohl manch anderer Baum sich wohl geeignet hätte, so waren doch die meisten nur von kurzem Stamm und ergaben von den untersten Aesten ab, selten mehr brauchbares Kernholz. Die größte Zahl der ungezählten Tausenden aber war verkrüppelt, d. h. der Stamm kurz und gedrungen, meistens krumm dazu, was erklärlich, da es dem jungen Bäumchen an Platz, Luft und Licht zur Entwickelung gefehlt hat.
Zum Lagerplatz zurückgekommen, trafen bald darauf die sehnlichst erwarteten Wangoni mit dem Proviant ein; sie hatten in 7 Stunden den weiten Weg hin und zurück gemacht und waren doch noch bereit, gegen eine Entschädigung sofort mit mir aufzubrechen, um den gefundenen Weg zu erforschen, der nach ihrer Ansicht ein aus den fernen Bergen nach Matope führender Angoni-Pfad sein müsse.
Den zurückbleibenden Leuten, unter Ottlichs Aufsicht, gab ich den Auftrag, vorerst möglichst gerade Wege nach den aufgefundenen Bäumen durch Dick und Dünn zu schlagen; solche hätten strahlenförmig vom Lager auszugehen und könnten später, wenn die Bäume gefällt wären, von den Wangoni nach Bedarf erweitert werden. Ich würde auch unverzüglich Nachricht senden und fehlendes Handwerkzeug, sobald ein besserer Weg und vielleicht eine nähere Verbindung zwischen hier und der Werft gefunden sei.
Als das Nothwendigste geordnet war, brach ich mit den Führern, einem Diener und einem Atonga auf, um den gefundenen Weg nun in der entgegengesetzten Richtung zu verfolgen, mit der stillen Hoffnung, daß derselbe durch ein weniger schwieriges Terrain führen werde, wie wir es Tags zuvor durchwandert hatten. Und es war wirklich so, der Weg führte Anfangs etwas bergauf, dann aber, nachdem der dichte Urwald hinter uns lag, schlängelte er sich bald von durch Busch umsäumte Grasebenen, bald durch lichten Waldbestand hin, auf einem gleichmäßigen Plateau. Hin und wieder nur wurde der Weg schlechter und, zerrissen durch abgeflossene Wassermassen, unebener.
Ueberraschend war es weiter, daß wir in später Nachmittagsstunde unter schattigen Bäumen und provisorisch am Wege hergerichtetem Grasdach, am lustig flackernden Feuer, eine Truppe Angoni, Männer und Frauen, letztere selbst mit kleinen Säuglingen auf dem Rücken, antrafen, die erschreckt und verwundert zugleich die Erscheinung des weißen Mannes anstarrten, der unverhofft ihnen hier entgegentrat. Schnell orientirt über das Wohin und Woher, erhielten wir von den Führern der Truppe den Bescheid, diesen jetzt westlich laufenden Weg nur zu verfolgen, bis sich ein Arm nach Süden, der andere flußaufwärts abzweigen würde, der letztere führe uns am diesseitigen Ufer des Schire nach Mpimbi.
Nach einer Stunde etwa, immer durch lichten Wald marschirend, standen wir endlich am Scheidewege und schauten von hier aus in die gewaltige Niederung des Schireflusses, die von unserm erhöhten Standpunkt terrassenförmig abfiel. Wie abgeschnitten war der Wald, der das weite Plateau umsäumte -- vor uns lag die wilde undurchdringliche Ebene, bestanden mit Busch und Rohr, die allein nur das Flußpferd und der Büffel zu durchbrechen vermochte. Müde und ermattet vom weiten Marsch, rastete ich hier im Schatten des Waldes und überlegte, wie ich wohl später die schwer beladenen Wagen die steilen Abhänge hinabbringen könnte. Es waren soweit keine unüberwindlichen Schwierigkeiten uns entgegengetreten, der Weg würde für Wagen nur zu erweitern sein, ob es aber möglich sein würde, die Abhänge und tiefen Gräben, wie solche durch abfließende Wasser entstanden, zu passiren, schien eine fragliche Sache, denn das Erdreich zu ebnen, eventuell abzutragen, würde eine ungeheure Arbeit kosten, die jedoch ausgeführt werden mußte, da sich bis jetzt kein anderer Ausweg darbot.
Meine Leute, nicht minder durstig als ich, waren ausgegangen, den hier nach der Angabe jener am Wege lagernden Wangoni vorhandenen Wassertümpel aufzusuchen und, allein zurückbleibend, wurde ich plötzlich von einer Anzahl mit Schildern, Speer und Bogen bewaffneter Angoni-Krieger überrascht, die aus dem Gebüsch herauskamen und eiligen Schrittes Mann hinter Mann den Waldpfad betraten. Wie angewurzelt standen sie, als sie mich erblickten und ihre geschulterten Waffen senkten sich unwillkürlich, aus Furcht, der ihnen hier unvermuthet entgegengetretene weiße Mann führe vielleicht Böses im Schilde. Scheu wichen sie zurück, als ich auf sie zutrat und machten mir Platz, dabei starr die Augen auf meine Waffe gerichtet, auf der ich mich stützte. Selbst meine freundliche Anrede verscheuchte ihren Zweifel nicht, da sie mich nicht verstanden, und wären ihrer so viele nicht dem einen gegenüber gewesen, sie hätten, glaube ich, am liebsten Reißaus genommen, zumal ein schriller Pfiff aus meiner Signalpfeife, der meine Begleiter herbeirufen sollte, sie erst recht erschreckte, soviel begriffen sie nur, daß ich die Absicht hegte, sie aufzuhalten. Scheu und Furcht war aber ebenso schnell geschwunden, sobald sie von den beiden Führern begrüßt und um Auskunft gefragt wurden, welcher von den drei Wegen hier, anstatt der uns angegebenen zwei, nach Mpimbi führe.
Die Leute erzählten, sie hätten, auf der Jagd begriffen, ein Kudu, die größte Antilopenart, am Wasser überrascht und schwer verletzt, es sei ihnen aber, dessen Spur sie sehr weit verfolgt, im Dickicht abhanden gekommen und von der nutzlosen Verfolgung absehend, wollten sie sich wieder an einen großen Wassertümpel im Hinterhalt legen, zu dem nächtlicher Weile das Wild zur Tränke komme. Ich habe später an jenem Wasser selber gestanden und muß bezeugen, daß der Ort nicht schlecht gewählt war. Aber da dorthin nicht blos die harmlose Antilope kam, um ihren Durst zu stillen, sondern ich auch die Panther- und Löwenspur, des Büffels und Zebras fand, so kann man wohl den beherzten Jägern persönlichen Muth zutrauen, zumal nur List und Verschlagenheit einen Erfolg verspricht, die entschieden dazu gehören, um sich an die vorsichtigen Thiere heranzumachen. Ihre Waffen, im Nahkampf so gefährlich, waren doch nutzlos, sobald sie solche nicht auf nur ganz kurze Entfernung schleudern konnten, auch daß sie sich nie damit an Raubthiere wagen dürften, war selbstverständlich.
Sehr zufrieden, daß uns der richtige Weg bezeichnet worden war -- ich hätte ohne diese Begegnung den falschen gewählt und wir hätten sicherlich, da der Tag zur Neige ging, in der Wildniß umhergeirrt -- brachen wir sogleich auf und verfolgten den wenig begangenen Fußpfad, der uns durch hohes Gras und Gebüsch führte. Drei Terrassen niedersteigend, erkannte ich erst, wie ungeheuer schwierig es sein würde, hier die Balken hinabzuschaffen und welche zeitraubende Arbeit es sein müßte, durch solches Gehege einen Weg zu bahnen.
Schon nahte der Abend, als wir Anpflanzungen und Felder der Eingeborenen vor uns liegen sahen, und bald darauf ein von einer Rohrwand umgebenes kleines Dorf betraten. Nur wenige Frauen fanden wir in der Umzäunung, die eiligst bei unserm Anblick in den Hütten verschwanden, nur ein altes Mütterchen stand uns Rede und Antwort; mürrisch zwar, ob der unliebsamen Störung, gab sie uns doch den Bescheid: wir sollten nur den hinter dem Dorfe zum Flusse führenden Weg verfolgen, den Fluß durchschreiten, so würden wir in einer halben Stunde etwa nahe Mpimbi sein. Und wirklich standen wir bald am hohen Ufer desselben Nebenflusses, den wir meilenweit oberhalb durchwatet hatten und auch hier, ebenso flach, bot der Uebergang keine Schwierigkeit. Hätte dieser Fluß nur durchweg einige Fuß Wassertiefe gehabt, so wäre es trotz allem der bequemste und kürzeste Weg gewesen, mittelst eines Bootes die Hölzer herunterzuflößen, so aber war dieses leider unmöglich und nichts anderes blieb übrig, als den erkundeten Weg für den Transport zu wählen.
In der Dunkelheit durch Gras und Busch folgten wir den einsamen Pfaden, kamen schließlich zu den Mais- und Mtamafeldern, die die Dörfer jenes Häuptlings umgaben, der uns einst den Durchzug verwehrt hatte; hier besser orientirt, drangen wir bis querüber der Werft vor, und bald scholl aus dem dichten Ufergebüsch in dunkler Abendstunde das »Boot ahoi!« hinüber.
Höchst zufrieden mit dem schönen Verdienst, welchen ich den beiden Führern auszahlen ließ, waren sie sehr bereit, mehrere Tage lang als Boten zwischen dem Lager im Urwald und der Werft zu dienen. Sie hatten demnach Proviant und Handwerkszeug tragende Atonga, sowie einzelne von Blantyre neu engagirte Zimmerleute den unbekannten Weg zu führen, auch die Verbindung mit ihrem Häuptling aufrecht zu erhalten und dafür zu sorgen, daß die 30 Mann schnell zur Unterstützung abgesandt würden. Mit der Verproviantirung so vieler Leute, die an und für sich schon schwierig war, hielt ich es dort im Lager ebenso, wie auf der Werft; jeder Mann mußte für das ihm ausgezahlte Poscho seinen Bedarf selber kaufen und, um diesen zu decken, hatten zwei Mann den Einkauf zu besorgen.
Da meine Anwesenheit auf der Werft nun für längere Zeit nöthig war, konnte ich die Arbeiten im Urwald keiner regelmäßigen Kontrolle unterziehen, höchstens eine Verständigung auf schriftlichem Wege erzielen, oder jeden Sonnabend, wenn Ottlich zur Werft kam und über seine Arbeit berichtete. Wohl hatte ich mich anfänglich, wenn die Nothwendigkeit vorzuliegen schien, auch Sonntags früh aufgemacht und die weite Wanderung bis zum Lager angetreten; indes einen Weg von nahezu 45 Kilometern in heißer Sonnengluth an einem Tage zurückzulegen, um zur rechten Zeit wieder am Platze zu sein, solcher Anstrengung war der Körper doch nicht recht gewachsen, und schon darum, weil sich jedesmal nach solchem Marsche Fieber einstellte, das mich für den nächsten Tag fast zur Arbeit unfähig machte, mußte ich mir an den Berichten genügen lassen.
Der Monat April, ein wetterwendischer Geselle, wie er mit Recht in der gemäßigten Zone bezeichnet werden kann, zeigte auch hier kein allzufreundliches Gesicht. Gewitter, Regengüsse, kalte Nächte und heftige Winde bildeten den Uebergang zur trockenen Jahreszeit. Solcher Witterungseinfluß war auf die Gesundheit der Europäer nicht günstig und ob nach Möglichkeit ein jeder Handwerker sein Theil an der schweren Arbeit auf der Werft zu thun suchte, war es doch den meisten nicht möglich; sehr selten nur konnte ich einen Tag bezeichnen, an welchem alle gesund und ihr Tagewerk zu schaffen im Stande waren. Eine eigentliche Verzögerung fand aber nur bei dem Aufbau der Dampfkesseln statt, insofern, als das Einziehen der Niete die Kräfte der Leute bei dieser schweren Arbeit stark mitnahm, während am Schiffe, wo schon mit dem Anlegen der Stahlplatten begonnen war, die Schwarzen hilfreiche Hand leisten konnten, und unter meiner und Zanders Aufsicht, namentlich die Atonga-Abtheilung, mit Geschick arbeiteten.
Im Anfang Mai, mit dem letzten Wagentransport und den letzten Trägern, war das ungeheure Schiffsmaterial über das Gebirge geschafft; also in weniger als drei Monaten annähernd 7000 Lasten, wenn das mit eingerechnet wird, was die Wagen an Arbeitskräften erspart haben, und das auf Wegen und zu einer Jahreszeit, die gewiß die ungünstigsten waren. Kein Stück der tausenden Theile, dank der scharfen Kontrolle, war verloren gegangen, nichts in der Weise ruinirt, daß es hätte verworfen werden müssen und was an minderwerthigen Sachen verdorben war, konnte dem Einfluß der Witterung und den gefährlichen Termiten zugeschrieben werden. Wie schon erwähnt, waren alle wesentlichen Holztheile aus Teakholz gefertigt, an das die weiße Ameise nicht heranging, und waren Beschädigungen, namentlich an den langen Decksplanken auch vorgekommen, so waren doch so viele in Reserve, daß der Ausfall uns keinen Abbruch that.
Um diese Zeit nun wurde mir die Aufsicht über alles wesentlich dadurch erleichtert, daß, nach erfolgter Ankunft in Mpimbi, der Führer der Transport-Expedition, Herr v. Eltz, den Aufbau unseres Leichters übernahm und diesen mit den Sudanesen vollendete. Als das Fahrzeug zu Wasser gebracht war, sollten mit demselben alle Gegenstände, welche erst später zur Vollendung des Schiffes gebraucht wurden, zum Nyassa-See geschafft werden, da es nicht rathsam erschien, den Dampfer mehr als nöthig zu belasten. Doktor Röver, nun auch vom Lagerkommando entbunden, erhielt den Auftrag, mit Unterstützung von etwa 30 Soldaten und des Artisten Herrn Franke, am Südende des Sees die Station Port Maguire anzulegen, damit nach vollendetem Stapellauf des Schiffes und dessen Ueberführung zum See dort alles vorbereitet wäre. Eile, um diese gewiß sehr umständlichen Arbeiten auszuführen, war um so mehr geboten, als es galt, in einem eigentlich feindlichen Lande sich festzusetzen, und die Schwierigkeiten, welche sich der Gründung einer Station entgegenstellen konnten, nicht vorher zu beurtheilen waren.
Zur Zeit als der Leichter nach seinem Bestimmungsort abgesandt wurde, waren auch alle Arbeiten am Schiffskörper soweit vollendet, daß mit dem Nieten begonnen werden konnte und jeder Europäer wurde herangezogen, um mit tausenden von Nieten die Schiffsplatten in sich und an den Spanten zu befestigen. Lustig klangen auf der Werft Hammer und Ambos, loderten die Feuer der Schmieden, und viel fleißige Hände regten sich, das große Werk der Vollendung näher zu bringen. Ging aber auf der Werft auch alles mit regem Eifer vorwärts, so wollte es mir scheinen, daß im Urwald das Fällen der Bäume, das Behauen derselben, nicht so rüstig gefördert würde, denn wiederholt lauteten die Berichte sehr unklar, so daß ich zweifeln mußte, ob die Arbeit auch zur rechten Zeit würde beendet werden. Auch zeigte Ottlich, des einsamen Lebens im Urwald überdrüssig, nicht mehr so viel Eifer für die Sache, da ihm ein Gefährte nicht beigegeben werden konnte.
So war ich denn gezwungen, sollte nicht eine unliebsame Verzögerung eintreten, die Aufsicht der Werft an Herrn v. Eltz abzutreten, was um so eher angängig war, als beim Nieten des Schiffes keine speziellen Anordnungen getroffen werden brauchten. Dringender noch wurde meine Anwesenheit im Urwald, als mir die Nachricht zu Ohren kam, daß der Zimmermann, aus Furcht vor einem Ueberfall von Seiten der Wangoni, wohl mehr noch vor den dreister werdenden wilden Thieren, zu dem uns bekannten Wangoni-Häuptling geflohen sei und das Lager während verschiedener Nächte schon preisgegeben habe; darum zögerte ich nicht mehr und siedelte mit dem zweiten Steuermann über, um für Wochen im Urwald ein einsames, abgeschlossenes Leben zu führen.
Da die Regenzeit vorüber war, deren Dauer die Natur verjüngt hatte, machte die glühende Sonne, von keinem Wölkchen mehr getrübt, nun ihren ganzen Einfluß geltend, und was ihr heißer Strahl aus der vom vielen Regen getränkten Erde zum Leben geweckt, das versengte sie jetzt wieder mit ihrer Gluth. Das mannshohe Gras in der Savanne war gereift; trocken und gelb hingen die Blüthenähren und die weiten Massen, wie ein ungeheures Kornfeld anzusehen, harrten nur des Feuerfunken, um sie zu vernichten. Auch Baum und Strauch, versengt, ließen die fahlen Blätter hängen. Wie ein Herbstgemälde war das Waldrevier anzuschauen, als wäre nicht mehr fern die Zeit, wann alles Leben unter dem Gluthhauch der Tropensonne ersterben würde, nur die Schmarotzer und Lianen prangten noch im frischen Grün und ließen mit ihrem Blüthen- und Blätterschmuck den Baumriesen, den sie umschlungen hielten, voll von Kraft strotzend erscheinen, während ihm doch schon der Lebenssaft zu schwinden begann.
Das Unangenehmste aber war der befiederte Grassame; federleicht, vom Windhauch hinweggeführt, setzte sich derselbe in den Kleidern fest, und, nadelscharf, zu hunderten das dünne Zeug durchdringend und die Haut spickend, verursachten die Körnchen eine höchst unangenehme Pein. Fast unerträglich wurden sie aber dann, wenn man gezwungen war, durch das Grasfeld selbst zu marschiren, jede Berührung schon schüttelte den Samen ab, und hätte ich es wagen dürfen, ich hätte mich gleich dem Neger aller Kleidung entblößt, um nur solcher Qual zu entgehen.
Sobald der Waldbestand auf dem Plateau erreicht war, fand ich hier, soweit es nöthig gewesen, überall solche Bäume aus dem Wege geräumt, die dem Wagentransport hätten hinderlich sein können, ebenso die zwischen den Waldflächen liegenden Grasmassen waren vom Feuer zerstört. Die Wangoni, um sich die Arbeit zu erleichtern, hatten alles was brennen wollte, in Flammen gesetzt, und im weiten Umkreis, wohin man sonst nicht wegen der wogenden Grasmassen hatte blicken können, war alles vernichtet und viele tausend Baumstämme standen geschwärzt bei einander, um welche die Feuersgluth getobt hatte.
Der gerade Weg, der auf diese Weise bis zum dichten Urwald geführt worden war, zeigte erst hier, welch eine Arbeit Axt und Buschmesser verrichtet hatten. In dem undurchdringlichen Gebüsch, das geradezu wie eine Mauer von Luftwurzeln und Schlingpflanzen verwachsen war, waren über 30 Meter lange Gänge geschlagen worden, in denen bei hellem Tage Dämmerung herrschte, und modernde Stämme gestürzter Baumriesen waren weggeräumt, um einen Weg für die Wagen zu schaffen. Breite, lange Wege, wie ich es angeordnet, waren von dem Lagerplatz aus nach den gefällten Bäumen geführt, und hatten solche auch nicht der dichtstehenden Bäume wegen in gerader Linie geschlagen werden können, so waren sie doch wenigstens so beschaffen, daß ein beladener Wagen passiren konnte. Vier lange Wochen hatten 30 Wangoni tagein und -aus gearbeitet, um solches Werk zu vollbringen und nur wer sich einen Begriff von der Beschaffenheit eines afrikanischen Urwaldes machen kann, wird eine solche Arbeit beurtheilen können, wie sie hier ausgeführt worden war.
Indes war nun auch alles Mögliche geschehen, geeignete Verbindungswege herzustellen, so war doch die Arbeit, worauf es hauptsächlich ankam, das Behauen der bereits gefällten Bäume, sehr vernachlässigt und thatsächlich fand ich von den benöthigten 400 Fuß Balken kaum 40 fertiggestellt vor. Die schwarzen Zimmerleute, in letzter Zeit sich selber überlassen, hatten ohne genügende Aufsicht nach Gutdüncken gearbeitet und wenn auch die Stämme durchschnittlich 3-4 Fuß Durchmesser hatten, aus denen Balken von einem Quadratfuß behauen werden sollten, so war doch bei weitem während so langer Zeit nicht genug geschaffen worden. Auf solche Weise konnte es nicht weitergehen und unbedingt nothwendig wurde es, daß ich selber die Leitung der Arbeiten in die Hand nahm, denn sonst wäre der Schiffskörper viel eher fertiggestellt gewesen, ehe noch an das Legen der Schlipp gedacht werden konnte.
Die Furcht vor den Wangoni, die zwar jetzt oft in das Lager kamen, um Lebensmittel zu verkaufen, war grundlos, wahrscheinlich, was ich nicht recht erfahren konnte, hatten die Zimmerleute Streit mit den Verkäufern gehabt, der zu einer Drohung von Seiten der Wangoni die Veranlassung gewesen, dagegen war die Furcht vor den dreister gewordenen wilden Thieren wohl berechtigt, allen eine gewisse Scheu einzuflößen; hatte ich doch vorher schon oft genug Nächte im Urwald verlebt, um genügend bekannt zu sein mit den nächtlichen Stimmen, die bald fern bald nah ertönen, die Anwesenheit unheimlicher Gäste zur Gewißheit machten, abgesehen von denen, die bei Tage aufgejagt, vor den Menschen scheu schnell im Dickicht und Gras verschwanden.
Da die 30 Mann starke Hilfstruppe der Wangoni-Arbeiter nun entbehrlich war, ließ ich die Leute mit schönem Verdienst wieder in ihr Heimathsdorf abziehen; dafür aber soviel Atonga von der Werft kommen, als zum Fällen noch benöthigter Bäume und zum Anschlagen derselben gebraucht wurden. Auch mehr Zimmerleute und Brettschneider mußten von Blantyre herbeigeschafft werden. Jeder der eine Axt nur zu handhaben verstand (und wer es nicht konnte, dem wurde es dutzend Mal gezeigt) fand als Vorschläger eine Anstellung d. h. die Leute mußten die Stämme nach vorgezeichneter Linie so einkerben, daß die Zimmerleute mit Leichtigkeit das überflüssige Holz abschlagen konnten und eigentlich nur das Beputzen auszuführen hatten. Weithin hallte der Urwald wieder von den Axtschlägen, die auf 6-7 Stellen zugleich ertönten, und die sonst hier herrschende feierliche Stille wurde von dem Gesang der immer lustigen Atonga unterbrochen.
Tagsüber hatte ich unablässig zu kontrolliren und anzuordnen, damit nur die Balken nicht verhauen wurden, kam es doch den Atonga garnicht darauf an, oft viel tiefere Kerben einzuhauen, als sie sollten; warum ihnen eigentlich der Strich vorgezeichnet war konnten einige absolut nicht begreifen. Ebenso hatte Ottlich genug zu thun Axtenstiele zu verfertigen oder Sägen zu schärfen; wurde am Abend das Handwerkszeug abgeliefert und überzählt, fanden sich jedes Mal verschiedene Beile und Äxte die unbrauchbar waren.