Chapter 34 of 47 · 3917 words · ~20 min read

Part 34

Mit allen Kräften ging es nun an das Behauen der bereits vorher gefällten Bäume. Auch eine Abtheilung Atonga, 8 Mann stark, mußte die aufs Neue ausgesuchten Bäume fällen und, da eigenthümlicher Weise solche Riesen nur im dichtesten Gebüsch aufgewachsen waren, galt es erst, um solchen mächtigen Stamm Raum zu schaffen, was nicht so leicht war, als ein Netz von Luftwurzeln und Lianen eine Annäherung verhinderte. Von den oft 40-50 Fuß wagerecht nach allen Seiten vom Stamme abstehenden Aesten, in deren dichtem Laubwerk viel andere minder hohe Bäume verwachsen, waren die das ganze wie eine wirre Masse verbindenden Schmarotzerpflanzen nicht herabzureißen, und nur in Mannshöhe zu entfernen. Armdicke Pflanzen, die den Stamm schlangengleich umwunden und bis zur Krone hinauf ihre endlosen Fühler ausgebreitet hatten waren oft so mit dem Holz verwachsen, daß nach ihrer Entfernung, solcher Baumstamm von tiefen Furchen durchzogen war; übrigens im unglaublich dichten Dickicht konnte nur so weit Raum geschaffen werden, daß mit Aexten und Sägen ein freies Hantiren möglich wurde.

Die 4-6fach vom Stamme abstehenden, oberhalb des Erdbodens befindlichen Stützwurzeln eines solchen, oft über 12 Fuß Umfang haltenden Baumes, machten uns viel Arbeit; sie behinderten sehr das Durchschlagen des Baumes, dem nur wenige Fuß über der Erde anzukommen war. Zäh und fest gleich Eichenholz, konnte mit unsern Baumsägen wenig erreicht werden, und war nach 3-4tägiger schwerer Arbeit der Baum wirklich durchhauen, wollte einige Male, gehalten durch andere Baumkronen, solch Riese nicht stürzen; bei zweien gab ich den Versuch schließlich auf sie herunterzubringen, da sie sich in den Zweigen ebenso mächtiger Bäume verwickelt hatten und vom Stumpf abgleitend, aufrecht stehen blieben. Stürzte aber solch ein Riese, dann war es wie das Rauschen eines Wirbelwindes und mit furchtbaren Krachen Bäume, Aeste und Sträucher niederreißend im Fallen, war es für die Arbeiter rathsam sich eiligst aus der näheren Umgebung zu entfernen.

Zwei am Rande steiler Abhänge gefällte Baumriesen stürzten trotz angewandter Vorsicht doch in die Tiefe und mußten, so wie sie niedergestürzt waren, behauen werden, da keine Menschenkraft im Stande war, die mächtigen Stämme in eine andere Lage zu bringen. Den einen dieser Balken gelang es uns mit vieler Mühe mit 50 Mann und einem Wagen doch noch zur Höhe zu schaffen, den zweiten aber mußte ich liegen lassen, weil wir ihn nicht regieren konnten. Um nun aber die langwierige Arbeit nicht vergeblich gethan zu haben, wollte ich den noch 2-1/2 Fuß im Quadrat haltenden Koloß an Ort und Stelle zu Planken zersägen lassen. Zu diesem Zwecke wurde dicht daneben ein mannstiefer Graben aufgeworfen, dann der Balken auf starke Unterlagen gewälzt, mit dem Auftrennen begonnen. Diese Arbeit wurde den von Blantyre beorderten Brettschneidern übertragen und freute ich mich, daß aus einem einzigen Stamm fast der ganze Bedarf an Planken gedeckt werden konnte, auch achtete ich besonders darauf, daß die Schnitte möglichst gerade ausgeführt wurden. Als bis auf 2/3 der Länge jede Planke aufgetrennt war, glaubte ich nun getrost die weitere Aufsicht andern überlassen zu können, aber von der Werft zurückgekehrt, wohin eine nothwendige Anordnung mich gerufen hatte, auch dort zwei Tage vom Fieber festgehalten wurde, fand ich die ganze Arbeit verdorben vor. Nämlich: es nicht für nöthig haltend, die Leute anzuleiten und zu kontroliren, hatte der mit der Aufsicht beauftragte Europäer dieselben nach Gutdünken lustig darauf los schneiden lassen, sodaß die Säge in jedem Schnitt nicht mehr senkrecht, sondern unter einem Winkel von schließlich 20 Grad geführt worden war, und in Folge dessen sämmtliche Planken auf ein Drittel ihrer Länge fast unbrauchbar wurden. Den Leuten, die zwar auch ihre Arbeit verstehen sollten, konnte ich eigentlich weniger Vorwürfe machen, weil sie gewohnt sind, unter Anleitung und Aufsicht zu arbeiten, sie hatten aber auf meine Hinweisung, daß sie doch gar zu dumm wären, nur die lakonische Ausrede: wir machen es in Blantyre immer so! Es ist schwer, die vielen Widerwärtigkeiten, die ich mit den Blantyre-Leuten hatte, zu schildern, vor allem war ihre angeborene Trägheit und Gleichgültigkeit schwer zu überwinden; ich kann sagen, wenn ich mich nicht auf Ueberraschung verlegte, fand ich jeden Mann sehr eifrig bei der Arbeit, vorher aber, wenn sie mich weit entfernt wußten, hatten sie herzlich wenig gethan. Dennoch zwang ich sie ein bestimmtes Pensum fertig zu machen, das mir als Tagesarbeit genügend schien; hatten sie es vollendet, waren sie frei, wenn nicht, mußten sie bis zur Dunkelheit arbeiten. Dieses Mittel einige Male angewendet, half, sie wußten sich dann schon für die Folge einzurichten.

Panther, Hyäne, Leopard und selbst die Pantherkatze, die unserm auf Pfählen erhöhten Hühnerstall vergebliche Besuche abstatteten, waren beständig unsere nächtlichen Gäste; lautlos schlichen diese Raubthiere um Hütten und Lager, aber nie wollte es uns gelingen, auch wenn wir einen Theil der Nachtruhe opferten, einem dieser Besucher einen Denkzettel aufzubrennen. Nur eines Abends, als um die helllodernden Feuer die Zimmerleute versammelt lagen, gelang es einem der Kapitao, einer langsam und vorsichtig heranschleichenden Hyäne eine Kugel zuzusenden. Aufs Blatt getroffen, brach das Thier unter Feuer zusammen, schleppte sich aber doch noch eine Strecke weit und war verendet, ehe wir es erreichten. Sprichwörtlich ist die Feigheit der Hyäne, doch glaube ich, nach der Größe dieses ausgewachsenen Thieres und nach dessen furchtbarem Gebiß zu urtheilen, ist es kein zu verachtender Gegner, wenn es in die Enge getrieben, zur Gegenwehr gezwungen wird. Im Uebrigen aber verdient es die Nichtachtung als Leichenräuber und betrachtet man die kräftigen, mit großen Krallen versehenen Pfoten, nimmt es nicht Wunder, daß es schnell Gräber aufwühlen und tiefe Höhlen sich graben kann. Ungemein widerlich ist der Anblick solchen langhaarigen zottigen Thieres, mehr noch der Aasgeruch, der von diesem ausgeht.

Entfernt genug vom Lager ließ ich das todte Thier wegschleppen, ohne es zu verscharren. Ich war neugierig, ob nicht andere Hyänen es aus Hunger anschneiden würden, das war aber nicht der Fall, nur Geier konnte ich beobachten, die daran ihre ekelhafte Mahlzeit hielten.

Etwas anderes, als mit diesen schon gefährlichen Raubthieren, die doch eigentlich eine gewisse Scheu vor dem Menschen zeigten, war es mit dem König der Thiere, dem furchtlosen Löwen; drang dessen Stimme auch nächtlicher Weile durch den Urwald und machte alles verstummen, wenn er grollend sein dumpfes Brüllen erschallen ließ, das das Echo des Waldes weckte, so war es noch unheimlicher, sobald der Beherrscher des Thierreichs in unsere unmittelbare Nähe kam. Schon in der vierten Nacht meiner jetzigen Anwesenheit im Urwald, hatte uns die Stimme des Löwen geschreckt und nur wenige Tage später, in früher Morgenstunde, war einer im Lager selbst.

In tiefdunkler Nacht, die glimmenden Feuer von der schlafenden Wache vernachlässigt, schreckte uns plötzlich das mächtige Brüllen des Königs der Thiere aus tiefem Schlafe empor. Halb betäubt noch, hallte im ersten Moment seine Stimme wie ein grollendes Brausen uns in die Ohren und wie ich eigentlich von meinem harten Lager heruntergekommen bin und dann mit der Waffe schußbereit durch die Oeffnungen in die tiefe Dunkelheit hinausspähte, wußte ich und die Gefährten kaum; wenigstens war der erste Impuls, dem Ruhestörer entgegentreten zu müssen. Totenstill war es ringsumher, als erzitterten Mensch und Thier vor der Stimme des Gewaltigen, bis alles wieder aufathmete, als erst von ferne das Brüllen durch den Urwald drang.

Erkennbar war in solcher Dunkelheit nichts, und als ich aus meiner Hütte in die Nacht hinaustrat und vergeblich mit lauter Stimme nach dem Posten gerufen hatte, fand ich alle Leute wie eine Heerde Schaafe in ihren Behausungen zusammengedrängt vor, nicht einer hatte sich getraut, die Feuer wieder anzufachen. Bald darnach wurde es wieder laut im Urwald, und, als wäre ein Alp von allen genommen, so munter schrieen die Nachteulen und viele andere nächtliche Wanderer, als Leopard, Panther etc., das kreischende Lachen der Hyäne vollendete das Konzert.

Beim Durchwandern des weiten Waldes fanden wir auch eine vereinsamte im Dickicht verborgene menschliche Wohnstätte; niedergebrannt war das Dach und rauchgeschwärzt die Lehmwände. Eine aus einem Dorfe verstoßene Familie, wie mir die Wangoni erklärten, hätte hier eine Zufluchtstätte gesucht, bei der Abwesenheit des Mannes aber sei einst ein Löwe eingedrungen und habe ihm sein Weib und seine Kinder getödtet und geraubt, und nun als ihm sein Alles genommen, habe er Feuer an diese Hütte gelegt und der friedlichen Stätte den Rücken gekehrt.

Daß der Wald mit seinem vielfach undurchdringlichen Untergebüsch eine Zufluchtstätte für allerlei Raubgesindel sei, wozu neben anderen der blutdürstige Panther, Leopard und die mit der Schnauze immer am Boden umherwitternde Hyäne gerechnet werden muß, erfuhren wir mehrmals, denn namentlich in den Morgenstunden, wenn ich zu einer besonderen Arbeit eine Kolonne auf wenig betretenen Wegen, die uns als Richtsteige dienten, hinausführte, sprang plötzlich über Gras und Busch hinwegsetzend, ein Leopard vor uns auf und verschwand im dichten Grase; an den schwankenden Halmen konnten wir dann nur noch erkennen, welchen Weg, in kurzen Sätzen springend, das Raubthier genommen hatte.

Bevölkert sind die weiten Ebenen mit einem großen Wildstand, als Kudu, Busch- und Riedbock, Zebra, Büffel, Warzenschwein, Tauben, Perl- und Waldhühner etc., aber die Dringlichkeit unserer Arbeit machte es, außer Sonntags, unmöglich, Leute auf die Jagd zu schicken, um Fleisch herbeizuschaffen, so sehr wir solches auch entbehrten. Mit unserem Proviant war es übrigens auch nur spärlich bestellt, ohne Brot, das wir seit langen Monaten nicht mehr gesehen, ohne süße Kartoffeln, die Zeit der Ernte war noch nicht dafür gekommen, wollten uns allein mit Tomaten die Hühner nicht schmecken. Meine zum Einkauf ausgesandten Leute kehrten erst immer nach zwei bis drei Tagen aus den fernen Angoni-Bergen zurück, oft dann nur für wenige Tage Proviant mitbringend; weniger schwer war es für die Arbeiter, Matamamehl, welches durchziehende Wangoni in Körben oder Ziegenfellen zum Kauf anboten, zu erhalten.

So anregend die Jagd auch war, so war es doch eine zu große Strecke und ein zu beschwerlicher Weg, ehe das Ende des Urwalds erreicht werden konnte, wo das Wild in Heerden auf der Savanne gefunden wurde, außer einem Büffel, übrigens ein nicht zu verachtender Gegner, wenn das mächtige Thier verwundet den Jäger annimmt, einem Schwein und ein paar Antilopenarten, wurde nichts geschossen.

Eines Sonntags Morgens ging ich allein, nur begleitet von einem Angoni, zur Jagd; ich fand auch im mannshohen Grase, durch das ich stundenweit wanderte, eine große Menge Hühner, die meist unter den Füßen erst aufflogen, um sofort mit heiserem Geschrei wieder einzufallen. Mir schien es leicht zu sein eine Ausbeute zu erhalten, aber ich pürschte auf Großwild und wollte mir durch Schießen solches nicht verjagen. Am Rande eines Buschwaldes, aufmerksam geworden durch das Wiehern eines Zebras, überraschten wir drei dieser stattlichen Thiere, die auf einer Lichtung grasend, uns bald bemerkten und mit den Hufen den Boden stampfend, abgaloppierten. Angeschossen stürzte eines der Thiere nieder, sprang aber sofort wieder auf und jagte mit den anderen, die nicht wußten, was mit ihrem Gefährten passirt war, weiter, vergeblich folgte ich im hohen Grase der Spur der Fliehenden, aber selbst der Spürsinn meines Begleiters reichte nicht aus, das schwerverletzte Thier aufzufinden.

Ich mußte den Gedanken an weitere Verfolgung schließlich aufgeben, schon darum, weil Gefahr vorlag, uns in dieser endlosen Wildniß zu verirren, denn nirgends Weg noch Steg, das Gras zu hoch, um eine Orientirung zuzulassen, gebot schon die Vorsicht den Thieren nicht weiter zu folgen. Nur um jenen Buschwald wieder zu erreichen, sah ich mich mehrmals genöthigt, auf die Schultern des Angoni zu klettern, damit ich über die Grasfläche hinblicken konnte.

Sobald im Urwald einige Balken fertig behauen waren, schafften die Atonga diese auf dem jetzt in seiner ganzen Länge erweiterten und ausgehauenen Wege mittelst der Karren, etwa 8 englische Meilen vom Lager entfernt, zum ersten Abhang. Weiter zu fahren, gestattete ich nicht, da es die steilen Abhänge hinab mit den 30 bis 40 Centner schweren Hölzern zu gefährlich war, solche Arbeit von den Leuten allein ausführen zu lassen. Nur Planken und Klötze (von letzteren gebrauchten wir eine ganze Anzahl, um sie auf dem Schlitten, als mächtige Keile verarbeitet, dem Schiffskörper anzupassen), ließ ich bis zum Flusse gelegentlich durchbringen, mit der Weisung, dabei gleicherzeit den Weg so viel als möglich bei kleineren Schluchten zu ebnen.

Es wurde immer so eingerichtet, daß die Leute bis zum Abend zurückkehren konnten, dennoch fanden diese auf solchen Transporten noch Zeit, gelegentlich mit den ihnen zum Schutze beigegebenen Waffen auf eigene Faust im Busch und Wald umher zu pürschen und kamen manchmal mit der Nachricht im Lager an, da und dort auf saftigem Weideplatz stehe eine Heerde Busch- oder Wasserböcke; sonst war ihre Beute nur ein Vorder- oder Hinterviertel von einer in der Nacht vorher vom Löwen oder Panther zerrissenen Antilope. Solche aufgefundenen Ueberreste, welche das Raubthier sich für eine spätere Mahlzeit aufgespart hatte, waren mehrmals so frisch und gut, daß wir uns insgesammt das Fleisch schmecken ließen, selbst die starken Knochen wurden von den Leuten ihres Markes wegen zerschlagen und ausgekocht.

Ebenso pfiffig waren die Atonga beim Fischfang. Leider etwas spät erfuhren wir von einigen Wangoni, daß der kleine Fluß weiter unterhalb sehr fischreiche Bassins habe, was denn auch nach Möglichkeit ausgenutzt wurde; die Atonga, als geborene Fischer, machten sich diesen Umstand in der Weise zu Nutze, wie ich es in einem früheren Kapitel, gelegentlich meiner Rückkehr vom Nyassa-See, beschrieben habe, sodaß wir fortan fast täglich große schöne Fische zur Verfügung hatten.

Eigenartig und reizvoll, trotz der Entbehrungen und Gefahren ist doch solch Urwaldleben in dieser freien und ungebundenen Natur, es gestattet einem viele Einblicke zu thun in das geheimnißvolle Leben und Weben, auch der kleinsten und größten Geschöpfe und wie flüchtig man auch darüber hinsieht, so fordert doch der vor Augen liegende Kampf um das Dasein, den selbst die kleinsten Lebewesen um ihre Existenz zu unternehmen gezwungen werden, zum Nachdenken auf. Wie viel mehr würde der ernste Forscher hier finden, der gewohnt ist, mit klarem Verständniß in die Tiefen der Natur einzudringen, und auch das Kleinste nicht unbeachtet läßt, so weit Menschenwissen eben dringen darf und dazu befähigt ist! Der Reichthum der Fauna ist hier ein übergroßer -- ein solches Leben in so reicher Vielfältigkeit zu betrachten, ist für den denkenden Menschen schon ein Leben in der freien ungestörten Gottesnatur werth -- die Natur in ihrem Wirken und Streben betrachten zu können, wiegt allein schon die Einsamkeit und das Entbehren auf. Wundervoll und unfaßbar sind die Werke des allmächtigen Schöpfers, der mit gleicher Liebe auch das Kleinste und uns Unscheinbarste umfaßt! --

War auch das Leben im Urwald besonders durch die Vielfältigkeit der Fauna recht anregend, so trugen die Atonga, die immer lustig und zufrieden, solange nur ihren leiblichen Bedürfnissen Rechnung getragen und sie gut behandelt wurden, auch das Ihre dazu bei, die Einsamkeit zu beleben. Beim Abgang mit schwer beladenen Wagen oder bei ihrer Rückkehr, stimmten sie stets den Nationalgesang ihres Stammes an; wollte es aber mal nicht recht vorwärts gehen, begeisterten sie sich durch ihre Kriegsgesänge und weithin hallte der Wald wider, wenn sie ihr »ho, ho, Atonga« erschallen ließen. Diese Atonga, wie schon mehrfach erwähnt, waren mir die liebsten Arbeiter; man kann ihnen gewisse Intelligenz nicht absprechen, und schon durch ihr Wesen und Auftreten stellen sie sich über alle anderen Stämme mit denen ich im Innern Afrikas bekannt geworden bin. Persönlichen Muth freilich haben sie in einigen Fällen gerade nicht gezeigt, indes wie ich sie später in ihrer Heimath am Nyassa-See kennen gelernt habe, sind sie dem mit gleichen Waffen kämpfenden Gegner immer überlegen, und unbesiegt bisher, gaben sie noch niemals Fersengeld. Es ist ein schöner Menschenschlag, mit regelmäßigen Gesichtszügen; sie stechen gegen andere Stämme auffallend ab, obgleich auch unter ihnen viele Mißarten vorkommen, da viele die sich Atonga nennen, namentlich in der Gesichtsbildung eine andere Abstammung vermuthen lassen, was auf die Unsitte der Sklavenhaltung naturgemäß zurückzuführen ist.

Nur passionirte Schnupfer, sind die Atonga keine starken Raucher; gelegentlich nur am Feuer, wo sie meist immer eine animirte Unterhaltung pflegen, kreist die Pfeife, d. h. ein Stückchen Rohr oder ein abgekörnter Maiskolben, dessen Herz mit einem Stäbchen Holz ausgestochen und mit Tabak gefüllt wird, dient als Pfeife, die dann von Hand zu Hand geht und aus der jeder ein paar kräftige Züge thut. An ihren Schnupftabaksdosen, die meistens aus Bambusrohr gefertigt und mit Schnitzereien versehen sind, kann man einen gewissen Schönheitssinn auch erkennen. Der glückliche Besitzer einer Dose aber hat auch, so weit ich beobachten konnte, die Verpflichtung, dieselbe mit dem starken Reizmittel zu versehen, das er gewissenhaft in der Ruhepause austheilt. Mit Vorliebe aber benutzten sie auch dazu unsere abgeschossenen Metallpatronen; sie waren dadurch des geduldigen Wartens überhoben und konnten eine frische Priese sich leisten, wann immer es ihnen beliebte.

In rastloser Arbeit waren nahezu 3 Wochen hingegangen und nur das letzte Auftrennen zweier 28 Fuß langer Balken hielt mich noch zurück, da ich nicht zum zweiten Male so mühsam hergestellte Hölzer ruiniren lassen wollte. Als aber auch dieses Werk beendet war, nahm ich Abschied von der Stätte, wohin mein Fuß nie wieder zurückkehren sollte; der letzte wilde Gesang der Atonga, die unter den Wipfeln uralter Bäume noch ihren Kriegstanz aufführten, hallte durch die Stille des Waldes, wo fortan Axt und Hammerschlag verklungen waren. So schwer es aber auch alles gewesen, es hat doch einen eigenen Reiz, in dieser Einsamkeit zu leben, die Natur in ihrer wilden Schönheit zu beobachten und das Bewußtsein, fern aller zivilisirten Stätten, in einem jungfräulichen Urwald zu streifen, wo kaum je eines Menschen Fuß gewesen, lockt zu einem weiteren Forschen, auch die Jahrhunderte alten Riesen des Urwaldes zu schlagen und mit donnerndem Krachen stürzen zu sehen, gefällt von schwacher Menschenhand, ist auch eine eigene Lust. --

Welchen Kontrast bilden doch die stolzen Paläste der Heimath und aller Comfort gegen die elende Grashütte im Urwald und gegen die Entbehrungen und Gefahren! -- Unsere Hütten werden noch eine zeitlang den wandernden Wangoni eine Rast- und Zufluchtstätte bieten, bis sie zerfallen; bald werden die gewaltigen Gänge und Wege, die wir gehauen, von sprießendem Gras und Strauch verdeckt und unkenntlich werden, und wo deutscher Fleiß rastlos geschafft, um ein großes Werk zu fördern, rastet wieder des Waldes und der Thiere König, wenn er sein weites Gebiet, Beute jagend, durchzieht. -- --

17. Der Stapellauf des »H. v. Wißmann« und dessen Vollendung.

Unbehindert noch durch andere Arbeiten, da das Nieten am Schiff noch nicht ganz beendet war, begann ich den Transport der an dem ersten Abhang lagernden Balken und nachdem die Kronen der Abhänge etwas geebnet waren, wodurch der Steilheit derselben ein wenig abgeholfen wurde und auch das dichte Gebüsch für den Fahrweg niedergehauen war, konnte der erste Versuch gewagt werden. Der Balken wurde auf die Achse des Wagens so festgebunden, daß er mit seinem Hauptgewicht am Boden schleifen mußte, dann zwei gewandte, flinke Leute an die Deichsel postirt, die ein Ablenken verhindern sollten, fuhr der Wagen in wilder Hast in die Tiefe; wurde jedoch durch die Steilheit des Weges die Schwere des Balkens hinten aufgehoben, lief der Wagen mit solcher Gewalt in das dichte Gebüsch, daß es viel Mühe machte, ihn wieder herauszubringen. Tiefe Gräben auf unserem Wege wurden meistens in vollem Laufe genommen; es zogen oft dreißig Mann, um den Wagen nicht zum Stillstand kommen zu lassen. So ging alles gut, und nur der Durchzug durch das Flußbett, das Hinaufschaffen der steilen sandigen Ufer hinan, wohinein die Räder bis an die Achsen versanken, erforderte ungemein viel Arbeit, selbst 50 Mann schleppten den Wagen nicht hindurch, und erst auf herbeigeschaffte Planken war es möglich, die schweren Lasten durch- und hinaufzubringen.

Eine beträchtliche Zeit, bis zum Anfang Juni, erforderte es, diese Arbeit zu vollenden und mit den verfügbaren Kräften die Hölzer über den Schirefluß und zur Werft zu schaffen. Hier nun wurden die Balken und Bohlen von allen Handwerkern, die irgend ein Verständniß dafür zeigten, bearbeitet und beputzt; darauf legte ich, gut und fest im Erdboden versichert, die Bahn, auf welcher mittelst des Schlittens das Schiff zu Wasser laufen sollte. Nichts was irgendwie zur Sicherheit dienen konnte, unterließ ich, mit eisernen Bolzen, Schienen und Klammer wurde alles so in sich, namentlich der Schlitten verbunden, daß nach menschlicher Berechnung ein Nichtgelingen unmöglich schien. Und doch, nicht an dem Gelingen des Werkes, welches ich vor Augen hatte, zweifelte ich, vielmehr erfüllte mich ein Umstand mit geheimer Sorge, gegen den ich völlig machtlos war. Ich hatte nämlich lange vorher, bald nachdem der Fluß wieder auf sein gewöhnliches Niveau zurückgegangen war, durch Auspeilen gefunden, daß sich langsam zwar, aber doch beständig, gerade vor der Werft eine Sandbank zu bilden beginne, die während dreier Monate die Tiefe von 12 Fuß bis auf 9 bereits vermindert hatte. Es war deshalb beim Stapellauf zu befürchten, der Hintersteven des Schiffes könnte sich eventuell festlaufen, bevor dieses soweit von der Schlipp abgeglitten, daß das Wasser es hinten hochheben konnte; somit halb im Wasser, halb auf Land in eine schwierige Lage gerathen mußte. Auch konnte die Schlipp nur bis zum Wasser gelegt werden und nicht wie üblich, in dasselbe noch hinein, da gleich am Ufer eine beträchtliche Tiefe dies nicht gestattete. Ebenso konnte, wenn wirklich wider Erwarten etwas verkehrt gehen sollte, auch der starke Strom, der den Schiffskörper sofort abdrängen mußte, recht bedenkliche Folgen haben.

Allein nur mit dieser voraussichtlichen Gefahr bekannt, von deren Vorhandensein Niemand sonst eine Ahnung hatte, überdachte ich in manchen schlaflosen Stunden, wie dem Uebelstand abzuhelfen sei. Wohl gab es Mittel, aber solche hatte ich nicht zur Hand; so mußte ich es denn eben auf gut Glück ankommen lassen, mehr als gethan worden war, konnte nicht geschehen. Am Sonnabend den 10. Juni 1893 war alles vorbereitet, sodaß das Schiff nur auf der seitlichen Keilklotzung des Schlittens ruhte; von dem Gerüst und Stützen befreit, war es fertig zum Stapellauf. Wohl wäre es angängig gewesen, in den späteren Nachmittagsstunden dieses Tages das Schiff noch laufen zu lassen, allein ich widerstand der Versuchung und geduldete mich, beherzigend, daß der Wahrspruch: +procautia mater sapientiae est+ (Vorsicht ist die Mutter der Weisheit) sicherer ist, als eine unzeitige Ueberhastung; ein kleines Versehen nur konnte hierbei schlimme Folgen haben.

Der 12. Juni also wurde für den Stapellauf des »Hermann Wißmann« festgesetzt, und würdig einer solchen Feier, die den ersten Abschluß für ein deutsch-nationales Werk bilden würde, woran eine kleine Zahl Männer ihr ganzes Können und Wollen gesetzt, sollte auch die Umgebung dieser entsprechen. Zum letzten Male sandte ich die Atonga hinaus in die Berge, mit der Weisung, hoch in den Schluchten und Thälern des Schiregebirges das längste Bambusrohr zu schlagen, welches zu finden sei. Zweierlei Zweck war damit verbunden, erstens sollten die über 30 Fuß langen Stangen vorerst als Flaggenstangen, dann aber zum Staken dienen, um, wo nöthig, mittelst diesen das Schiff bei der Ueberführung zum Nyassa-See gegen den Strom den Schire hinauf vorwärts bringen zu können.

Der Morgen des 12. Juni tagte. Ein viel regeres Leben als sonst entfaltete sich auf Werft, wollte doch keiner fern bleiben und sich ein Schauspiel entgehen lassen, wie solches hier nie zuvor gesehen worden war. Was die Umgegend an Eingebornen aufweisen konnte, war am Ufer des Flusses oder an der Umzäunung der Werft zu Haufen versammelt. Schon die Aufrichtung der vielen Flaggenstangen, an denen die bunten Signalwimpel wehten, die Ansammlung aller in Mpimbi anwesenden Europäer, erregte die Neugierde der Bevölkerung auch ohne daß sie gewußt hätte, welcher Vorgang sich hier in Kürze abspielen sollte.

Die letzte Inspizirung war beendet, jede Klammer nachgetrieben, die Bahn mit grüner Seife und Talg gut geschmiert, unsere starken Daumkräfte zum sofortigen Gebrauch fest am Schlitten angesetzt, konnte in Gegenwart aller Europäer, Deutsche wie Engländer, zum Taufakt, den Herr von Eltz als Vertreter des Majors von Wißmann vornehmen wollte, geschritten werden. »Zur Ehre des deutschen Namens führe stolzes Schiff allezeit in Ehren die deutsche Flagge auf den Fluthen des Nyassa-Sees, sei es im Krieg, sei es im Frieden, zeige dich würdig des Namens, den du trägst immerdar -- fahre hin in dein Element« -- und schallend zerschellte am Bug die Champagnerflasche, ein edles schäumendes Naß netzte die Stahlplatten, die später in manchem wilden Sturm durch die aufgeregten Wogen des gewaltigen Sees sich Bahn brechen sollten.