Part 37
Die Gebirgszüge, die unterhalb Kap Rifu schon weiter zurücktreten und erst einige Meilen landeinwärts schnell bis 6000 Fuß ansteigen, lassen infolgedessen die ganze Küste auf eine beträchtliche Strecke nordwärts flach verlaufen und ebenso verflacht auch der See, obwohl auf einer Seemeile Abstand immer noch genügend Wassertiefe ist. Von 12 Fuß schnell zunehmend, bis 60, fällt der See bis zu hunderten von Fuß plötzlich steil ab und meine über 500 Fuß lange Lothleine hat selten nur den Grund berührt. Da das Wasser klar ist, so läßt sich jede Veränderung in der Tiefe leicht wahrnehmen, was für mich vorerst von großem Vortheil war, weil ich auf diesen unbekannten Gewässer vorsichtig sein mußte.
Schon dunkelte es, als wir uns den weitausliegenden Sandbänken vor Kota-Kota, die im Laufe der Zeiten niedrige Inseln geworden sind, näherten, und als diese nach Weisung des Kapitaos Kambajalika, der mehrmals hier schon gewesen war, umsteuert waren, mußte der geringen Tiefe wegen, wohl 2 Seemeilen vom Ufer entfernt, geankert werden. Wie überall im Nyassa-See, der seit seiner Entstehung eine sehr beträchtliche Tiefe hat, wo solche Verflachungen sich finden, sind diese Anschwemmungen durch im See mündende Flüsse, die das Material von den Bergen herabschwemmen, entstanden. Und wie bedeutend die Zufuhr sein muß erhellt daraus, daß, wo immer sandige Ufer oder sumpfige Niederungen sich finden, diese im Laufe der Jahrtausende auf dieselbe Weise gebildet wurden.
Obgleich es ganz dunkel geworden war, ehe das Schiff sicher zu Anker lag, wollte ich dennoch für die Landung der schwarzen Polizeisoldaten nicht den Morgen abwarten, sondern, um Zeit zu gewinnen, ließ ich sogleich das Boot in Bereitschaft setzen, und geleitet von dem Wunsch, den berüchtigten und gefürchteten Häuptling Jumbe bei dieser Gelegenheit auch kennen zu lernen, übernahm ich die Führung des Bootes selber.
Jumbe's Residenz, sowie das ganze Dorf Kota-Kota ist durch hohe Bäume und Gebüsch verdeckt und deshalb auch dieser verborgene Sklaventransport für jeden Unkundigen schwer aufzufinden. Zwischen hier und dem am anderen Seeufer gerade gegenüberliegenden Orte, Mluluka wurde seit langer Zeit die Sklavenausfuhr mittelst mehrerer Dhaus aufrecht erhalten; und ob auch englischerseits das Verbot erlassen war, der Menschenhandel habe aufzuhören, so waren die Sklavendhaus den Eigenthümern doch nicht genommen worden, vielmehr setzte Jumbe unter dem Schutze der englischen Flagge das schmähliche Handwerk fort. Denn wohl Protektor des weiten Gebiets, waren die Engländer doch nicht Beherrscher des gewaltigen Sees geworden, einfach aus dem Grunde, weil es ihnen bisher an Schiffen gefehlt hatte. Meine Unkenntniß des Weges und die Dunkelheit machten eine genaue Orientirung unmöglich, bald saßen wir auf Grund, bald befanden wir uns in tiefem Wasser und erst nach einer Stunde, als die scharfen Augen meiner Leute drei auf den Strand geholte Dhaus entdeckten mußten wir nahe Kota-Kota sein, wir hörten auch bald menschliche Stimmen am Strande, die das sich nähernde Boot anriefen.
Als wir mit dem Boote landeten, war ich sofort von einer Anzahl schwarzer Gestalten umzingelt, die meine Frage nach der Behausung des Häuptlings mit der Gegenfrage beantworteten, was das für ein Schiff sei, was da draußen liege; erst als hinter mir die bewaffneten Soldaten herangekommen waren, änderte sich das Benehmen der Kerle und mehrere, jetzt aufgefordert uns den Weg zu weisen, weigerten sich nun nicht mehr. Das Gerücht von der Ankunft eines weißen Mannes hatte sich mit Blitzesschnelle im Dorfe verbreitet und von allen Seiten strömten die Bewohner herbei. Dem Hause des Häuptlings nahe gekommen, waren vor und unter der vorgebauten Veranda schon hunderte Eingeborene versammelt, sodaß ich durch eine Phalanx von Neugierigen mußte, geleitet von entgegengesandten Boten, die den Weg freihielten. Zum Eingang gelangt, stand unter dem Vorbau, umgeben von seinem Hofstaat, der Häuptling, ein alter schwarzbrauner Araber, der meinen Gruß, »Jambo, Fumo«, mit dem Gegengruß »Jambo sana, bwana« erwiderte und mir die Hand reichend, lud er mich ein, neben ihm auf ausgebreiteten Matten und schmutzigen Polstern Platz zu nehmen.
Erst jetzt, beim flackernden Lichte einiger von Sklaven herbeigebrachten Talgkerzen, konnte ich mir diesen Sultan näher anschauen, der mit untergeschlagenen Beinen, umgeben von seiner ganzen Pracht, würdevoll auf seinem Throne saß. Alt und verfallen, das Gesicht voller Runzeln, der vorstehende Oberkiefer mit den schmutzigen, von immerwährendem Betelkauen rothen Zähnen, saß die zusammengedrückte Gestalt, fortwährend von hohlem Husten geplagt, vor mir und suchte sich einen Anstrich von Würde und Macht zu geben. Nicht die abschreckende Häßlichkeit, vielmehr der lauernde, trotz des matten Auges noch grausame Blick war es, der mich abschreckte, und das Vorurtheil, welches ich gegen diesen Menschenhändler gefaßt hatte, noch bestärkte. Auch später, wenn ich durchaus mit diesem Halbaraber verhandeln mußte, schwächte sich der erste Eindruck nicht ab. Seine geriebene Pfiffigkeit, mit welcher er mich später bewegen wollte, ihm Zucker, Mehl und Salz für einen Elfenbeinzahn zu überlassen, als wenn ich den Werth eines solchen nicht zu schätzen wüßte, wirkte unangenehm. Dieses Lockmittel, ein Wink mit dem Zaunpfahl, das Gewünschte ihm als Geschenk zu überlassen, beachtete ich aber nicht, worauf er mir wüthend sagte: »Die Engländer geben es mir dafür, warum giebst Du es nicht?«
Peinlich berührt durch die versammelte Menschenmenge, die dicht um uns zusammengedrängt, jedes Wort auffing und mich neugierig anstarrte, beeilte ich mich, ohne viel Worte zu machen, dem Häuptling das für ihn bestimmte Schreiben zu übergeben. Die 15 Minuten, welche vergingen, ehe von den Schriftkundigen die arabischen Zeichen entziffert wurden, waren eine Tortur. Während des darauf folgenden Disputs mit den Polizeisoldaten spielte Jumbe, der alle werthvolleren, ihm von Europäern gemachten Geschenke neben sich liegen hatte, anhaltend mit einer Weckeruhr, deren Glocke er erklingen ließ; er setzte diese bald vor, bald neben sich, und mir wollte es scheinen, als sollte dieses Hantieren eine Aufforderung für mich sein, auch mit meinem für ihn bestimmten Geschenk herauszurücken.
Endlich, als nach meiner Ansicht alles was nöthig gesagt war, auch meine Frage, ob die Soldaten hierbleiben sollten, bejaht wurde, übergab ich dem Häuptling zwei Maskattücher und empfahl mich, um aus dieser Gesellschaft fortzukommen. Mit wiederholtem Händedruck begleitete mich der alte Sünder bis zum Ausgang; die Höflichkeit schien sich nach dem Werthe des Geschenkes zu richten, denn auch die Vornehmsten streckten ihre schwarzen Patschen aus und wollten diese gedrückt haben. Sicher durch das Labyrinth von Hütten zum Strande geleitet, war ich froh, als ich mit meinem Boote in die Dunkelheit hinaus fahren und den Weg wieder zu dem fernab ankernden Schiffe suchen konnte.
Am nächsten Morgen setzte ich die Reise fort und folgte nordwärts steuernd, der niedrigen, landeinwärts mit dichtem Busch und Gras bestandenen Küste. Die weite tiefe Bucht von Marenga Sanga abschneidend, war ich gegen 3 Uhr Nachmittags in die Nähe der felsigen, steil aus dem See aufsteigenden Makusa-Hügel, die isolirt von dem weit zurückliegenden Gebirge abgetrennt liegen, angelangt und ankerte hier am Bestimmungsort Bandawe, in der sehr flachen Bucht zwischen dem Festland und einigen großen Granitblocks. Da diese Bucht offen und ungeschützt ist, so bieten die vorspringenden Felsen nur Schutz gegen den südlichen Wind; die westlichen Winde, die seltener und nur zur Regenzeit zuweilen mit einer Böe auftreten, sind fast immer schwach. Gefährlich nur wird der zu Zeiten äußerst heftige Südost-Wind. Fast immer ist eine langgezogene Dünung wahrzunehmen, die schnell zu hoher See anläuft, sobald aus der genannten Richtung der Wind zu wehen beginnt, und dann ist es nicht rathsam mehr, in Bandawe zu ankern, da es auch völlig ausgeschlossen ist, den Versuch zu wagen, hier landen zu wollen. Zugänglich für Boote ist nur ein schmaler Uferstreifen, denn große Steinblöcke, die durch das stetig anspülende Wasser stark zerklüftet sind und am Strande liegende Felsmassen machen bei Seegang eine Annäherung gefährlich.
Beim Betreten des Strandes fällt es einem auf, daß der freie Sand vollständig mit Glimmertheilchen durchsetzt ist, und namentlich wenn die Strahlen der Sonne darauf fallen, sieht es aus, als wären Millionen Silberstäubchen umhergestreut, die im Sonnenlichte blitzen und funkeln, ein Zeichen, daß die vom Zahn der Zeit oder anderen Einwirkungen allmählich zerstörten Felsmassen Glimmer in Mengen enthalten haben.
Wie überall, wo der »H. v. Wißmann« zuerst erschien, erregte das Schiff das Staunen der Eingeborenen und was Beine hatte, war am Strande versammelt. Fast mehr noch stieg die Verwunderung, als die gelandeten Atonga, mit reichen Schätzen heimgekehrt, ihren Landsleuten erzählten, woher das große Schiff gekommen sei und wie sie dieses hätten mit erbauen helfen. Umlagert von der Menschenmenge konnte ich mich am Strande kaum derer erwehren, die Lust bezeugten, an Bord zu arbeiten, und nur, wenn ich ihnen bedeutete, daß sie mitkommen könnten, wenn sie für die Engländer arbeiten wollten, dämpften die meisten ihre Neugierde, das wollten sie doch nicht. Hauptsächlich um Feuerholz zu erhalten, welches an Bord stark abgenommen hatte und womit ich nicht nach Monkey-Bay zurückkommen würde, war ich schon mit einem der ersten Boote an Land gegangen, um mit den Eingeborenen zu unterhandeln, damit sie mir solches in genügender Menge beschafften. »Kumi, Kumi« (Holz, Holz), hallte der Ruf, und bald stürzten Frauen und Kinder fort, aus dem Dorfe Holz herbeizuschleppen. Meine Andeutung, sie möchten die Knüppel, denn anderes Holz brachten sie nicht, nur aufzustapeln, ich würde ihnen dann am andern Tage mit Zeug bezahlen, war ihnen neu. Bald sah ich ein, daß solche Art Bezahlung hier nicht angebracht sei und so mußte ich mich bequemen, jedem Einzelnen sein bischen Holz mit Salz abzukaufen.
Wäre mir die Methode, für Salz oder Perlen Holz aufkaufen zu können, bekannt gewesen, hätte ich mir von ersterem einen Vorrath mitgenommen, und zwar nicht unser gutes Kochsalz, sondern von dem Erdsalze, wie es im Süden die Mpondaleute aus einer salzhaltigen Erde zu gewinnen wissen, das sie verhältnißmäßig billig verkaufen. So aber war ich nun gezwungen, für jedes Stückchen Holz eine Prise Salz zu bezahlen, das alle Weiber und Kinder gleich Zucker aufleckten. Raffinirt aber gingen sie dabei doch noch zu Werke; denn anstatt für ein ganzes Bündel Holz dem entsprechend eine Quantität Salz zu empfangen, mußte für jedes einzelne Stückchen ihnen eine Prise bezahlt werden, und meistens, da meine Leute es nicht so genau nahmen, kamen sie besser dabei weg.
Für zehn Pfund Salz kaum drei Boote voll schlechtes Holz zu erhalten, das war mir denn doch ein Bischen zu wenig, und hier wenigstens habe ich nie wieder mich zum Ankauf von Feuerholz verleiten lassen. Die drei Tage, welche ich hier in Bandawe bleiben mußte, um die Anwerbung neuer Atonga abzuwarten, die von schwarzen Kommissionären für das englische Gouvernement ausgeführt werden sollte, benutzte ich dazu, um der schottischen Mission, oben auf den Makusa-Hügeln erbaut, einen Besuch abzustatten. Von einem Führer geleitet, stiegen wir anfänglich durch verkrüppeltes Gebüsch auf schmalen Fußpfaden aufwärts und kamen bald zu einem langen regelrechten Weg, der zur Höhe des Bergkammes führte. Das erste, was sich hier den Augen darbot, war eine lange Reihe nach europäischer Art ausgeführter Häuser.
Etwa 400 Fuß auf dem zur Straße erweiterten Weg fortgeschritten, stand ich vor dem gefälligen Wohnhause des Leiters der Mission, Dr. Elmslie, einer netten schottischen Cottage, wie die Engländer ihre Landhäuser zu bezeichnen pflegen. Aufs Freundlichste von dem Doktor und dessen Gattin begrüßt, erkannte ich bald, wie die Nachfolger Livingstons unermüdlich und muthig vorwärts schreiten auf der Bahn, die der große Forscher sie gewiesen, das Wort des Heils verkündend den Völkern, die, in Nacht und Unglauben befangen, so schwer Christi Wort und Lehre begreifen können. Bereitwillig und mit berechtigtem Stolz konnte Dr. Elmslie mir sein seit etwa zehn Jahren begonnenes Werk zeigen und erklären; gab die beträchtliche Anzahl der Missionszöglinge schon Zeugniß von seinem Wirken auf geistlichem Gebiet, so erregte seine Vielseitigkeit, als Lehrer, Arzt und Bauleiter, ebensoviel Bewunderung. Alles was man sah, nur aus den Mitteln hergestellt, die das Land bot, war hier mit großem Verständniß eine kleine Industrie geschaffen worden. Jeder Ziegel ist selbst gebrannt, jedes Fenster (außer Scheiben), Thür, Tisch und Schulbänke ist aus dem Holze gefertigt, das vom Gebirge herbeigeschafft und in der Säge- und Tischlerwerkstatt bearbeitet worden war; alle Bücher, Lehr- und Schulhefte, sowie Bibel und Gesangbücher sind in der Sprache der Atonga gesetzt und gedruckt, und das alles ist unter Aufsicht weniger Europäer von den Zöglingen der Mission ausgeführt worden; man muß zugeben, daß der Leiter solcher Anstalt wirklich Großes gewollt und geschaffen hat. Aber nicht auf Bandawe allein, der Zentrale, ist das Wirken beschränkt, sondern weit landeinwärts im Gebirge liegen die kleineren Stationen zerstreut. Ausgebildete Lehrer und Prediger lehren in den Dörfern ihren schwarz-braunen Brüdern, was sie von den weißen Männern gelernt und begriffen haben. Langsam zwar, aber mit nie erschlaffender Energie, wird das Christenthum eingeführt und verbreitet.
Mit ganz besonderem Geschick weiß Dr. Elmslie das Interesse der Eingeborenen auch dadurch zu wecken, daß er alljährlich eine Ausstellung im Schulgebäude veranstaltet, zu der ein Jeder berechtigt ist beizusteuern, und zwar alles was von den Händen der Eingebornen selbst gefertigt ist, als Bogen, Pfeile, Speere, Pfeifen, Thongefäße, Messer etc. wird geordnet und wer seine Sachen verkaufen will, dem steht es frei. Die besten Arbeiten aber werden prämiirt, und mit wie großem Interesse die Bevölkerung sich solch nützlicher Beschäftigung hingiebt, wie jeder bestrebt ist, mit Geschick etwas Originelles und Schönes anzufertigen, das habe ich später selbst auf einer solchen Ausstellung gesehen und beurtheilen können. Ein wahres Museum von hunderterlei Dingen, lernt man erst hierdurch die Kulturstufe, auf welcher die Bevölkerung steht, recht beurtheilen.
Die Atonga, die ebenso wie alle anderen Stämme am Nyassa-See dem Ahnenkultus huldigen, haben vielfach die Gewohnheit, in ihren im Urwald angelegten Totenhainen, die Verstorbenen fest in Matten genäht, im Gezweige mächtiger Baumriesen aufzuhängen, und abergläubisch, glauben sie, daß die Grabstätten von den Geistern der Todten belebt werden, daher ist das Betreten derselben nur den Medizinmännern und Zauberern gestattet, die auch nur allein es wissen, wo solche Leichen verbleiben; kann freilich die Hyäne, die die frischen Gräber aufzuscharren liebt, nicht herankommen, so sind es die Raubvögel, die ihre scharfen Schnäbel daran versuchen.
Am Fuße der Berge, die etwa acht Seemeilen nördlich von Bandawe zum See herantreten und von Cap Chirambo in Gebirgsformation übergehend, eine hohe ununterbrochene Felsenkette bis Cap Mschewere 10° 25´ S. Br. bilden, haben die Atonga auf fruchtbarem Boden ihre Tabakpflanzungen angelegt, deren Erträge es ihnen gestattet, wie früher erwähnt, so weite Wanderungen bis nach Blantyre zu unternehmen, wo sie sich als Arbeiter und Träger verdingen; auf dem ganzen langen Wege also nur durch Austausch gegen Tabak sich ihren Lebensunterhalt erwerben können.
In der Nacht vom 2. zum 3. September unternahm ich die Einschiffung der neu angeworbenen Atonga, 176 Mann, verließ mit Tagesanbruch Bandawe und wollte noch am selben Tage Kota-Kota, von wo die dort gelandeten Polizeisoldaten wieder abgeholt werden mußten, erreichen. Der südliche Wind, der während der letzten Tage frisch geweht, hatte aber den See ziemlich unruhig gemacht, sodaß das Schiff gegen Wind und Wellen nur mit mäßiger Geschwindigkeit vorwärts kam und wir daher zu der 65 Seemeilen langen Strecke nahezu 11 Stunden gebrauchten. Soviel ich noch am selben Abend vom Ankerplatz aus erkennen konnte und was mir die von Kota-Kota zurückkehrenden Bootsleute bestätigten, lagen anstatt 3 Dhaus deren 2 nur noch vor dem Dorfe und so war ich etwas überrascht, am anderen Morgen etwa zwei Meilen nördlich vom Schiffe, die dritte Dhau vor Anker liegen zu sehen. Nun wurden mir die unauffälligen aber eingehenden Erkundigungen, welche Jumbe an jenem Abend an mich, mehr noch an die Polizeisoldaten gerichtet hatte, klar, denn ihm schien besonders daran gelegen zu sein, genau zu erforschen, wann ich wohl zurückkommen würde und wann wohl die »Domira« passiren könnte. Wahrscheinlich also wollte der alte Fuchs sich vor Ueberraschung sichern, was ihm leider auch gelungen ist, da sicherlich die Fracht, welche er nach Mluluka mit seinem Fahrzeug befördern wollte, gewiß nicht zollfreie Waare gewesen sein mag.
So oft ich auch den Nyassa-See kreuz und quer durchfahren, wie scharfe Ausguck ich auch nach Sklavendhaus gehalten habe, niemals gelang es mir oder einem anderen Schiffe eine solche aufzubringen, immer fand ich die Dhaus wohl geborgen am Strande liegen und keine Handhabe war gegeben, dieselben wegzunehmen oder zu zerstören.
Mein erster Impuls war, die zwar auf neutralem Gebiet liegende Dhau Jumbes einer eingehenden Besichtigung zu unterziehen und sie wegzunehmen, wenn sich irgend ein Anhalt dafür bieten sollte, daß mit derselben Sklaven befördert worden wären. Allein als ich den Kurs des Schiffes auf diese richtete und meine Absicht erkannt war, ging die englische Flagge hoch, und mir bekannt, daß Jumbes Fahrzeuge unter solchen Schutz gestellt waren, durfte ich nicht fremdes Eigenthum anrühren. -- Welchen Lärm hätten wohl die Engländer geschlagen, wenn ihre selbst auf einem Sklavenschiff geführte Flagge, als was ich diese Dhau wohl mit Recht ansehen mußte, niedergeholt worden wäre; zu sehr unliebsamen Erörterungen mindestens hätte solcher Gewaltakt geführt. Diese Bedenken, mehr noch, daß eine Untersuchung der Dhau jedenfalls resultatlos verlaufen würde und namentlich der große Holzmangel an Bord ließen mich davon abstehen.
Als der Kurs wieder südwärts gegen die hohe See gerichtet war, mußte ich nun mit der Thatsache rechnen, daß in wenig Stunden unser Holz verbrannt sein würde und unbedingt ein Ort gefunden werden mußte, wo es möglich war, solches zu schlagen, betrug doch die Distanz bis Monkey-Bai noch 75 Seemeilen und gegen Wind und See lief das Schiff, ohne genügend Ballast, kaum 5 Knoten Fahrt.
Einige meiner Leute, die den See schon befahren hatten, bestätigten mir, daß an den steilen Bergabhängen der Ostküste, deren Conturen am fernen Horizont sich abhoben, viel Holz zu finden sei, aber keiner wußte einen einzigen Ort anzugeben, wo mit Sicherheit könnte geankert werden. Soviel nur wußten sie, daß am Fuße der Felsenmassen kein Grund zu finden sei, kein Schiff, weder die »Domira« noch »Ilala«, jenes kleine Dampfboot, welches noch Livingston selbst zum See gebracht hat, liefe jene Gebiete an, und niemals hätte mit dem feindlichen Volksstamm der Yao, der die ganze weite Küstenstrecke und Gebirge bewohne, eine Verbindung stattgefunden. Auch ein Heizer, ein gepackter strammer Neger, ein Yao, Katiolola mit Namen, konnte mir keine Auskunft geben, und bestätigte nur die Angaben des Kapitao Kambajalika, daß mit seinen Landsleuten im Guten und Bösen nicht viel anzufangen sei, wir jedenfalls mit einem feindlichen Empfang zu rechnen hätten.
Schon weit in den See hineingesteuert mit der festen Absicht auf gut Glück die Ostküste anzulaufen, machten mich die Aussagen der Leute doch stutzig, und obwohl ich nichts zu fürchten hatte, da hinlängliche Vertheidigungsmittel, Geschütz und Gewehre an Bord waren, so war das Risiko doch zu groß, denn vorläufig wußte ich nur, daß die Wassertiefe dicht unter Land 180-600 Fuß betrug.
Kurz entschlossen -- es blieb mir auch nichts anderes übrig -- richtete ich den Kurs des Schiffes nun direkt auf die Westküste zu und im flacheren Wasser, auf eine Seemeile Abstand vom Lande südwärts laufend, fand ich endlich gegen 1 Uhr Nachmittags einen einigermaßen guten Ankerplatz. Daß ich mit dem Schiffe nicht eher hatte herankommen können, lag daran, weil die ganze Strecke, von 5 Meilen unterhalb von Kota-Kota bis wo die Bentje-Inseln in Südost-Richtung gepeilt wurden, also 12 Meilen lang, mit tausenden ober- und unterhalb der Wasserfläche liegenden Rocks und Steinen besäet war und es den Anschein hatte, als hätte der Zahn der Zeit oder eine andere Naturkraft hier eine einst kompakte Felsenmasse in Trümmern gelegt. Selbst die Ankerstelle war von solchen großen Steinen umgeben und nur Raum genug, daß das Schiff vor seinem Anker schwoien konnte. Sobald eine genügende Zahl der Atonga an Land gesetzt war, unternahm ich mit den Leuten eine Streife durch die nähere Umgebung, fand auch an den Ufern eines in der Nähe befindlichen kleinen Flusses viele Bäume, jedoch zu wenig trockenes Holz. Weiter landeinwärts, in einem mehrere Acker großen dichten Buschwald fanden wir zwar mächtige abgestorbene Bäume, allein das Unterholz war zu dicht, um an ein Fällen geeigneter Stämme denken zu können, auch war es aus dem Grunde schon nicht rathsam, in diesem zu verweilen, weil Schlangen und giftiges Ungeziefer den Beinen und nackten Körpern der Atonga gefährlich werden konnten. Besser gelang es uns außerhalb des Busches aufgefundene Stämme niederzulegen und zu zersägen, sodaß wir bis zum Abend einige Boote voll Holz am Strande aufgestapelt hatten. Während an Ort und Stelle das Zerkleinern des Holzes vorgenommen wurde, was bei hellen Feuern geschah, die genährt und unterhalten wurden durch herbeigeschleppte trockene Blätter der Fächerpalme, kam eine Kolonne von etwa 100 Atonga anmarschirt, die für die Nacht hier rasten wollten. Es waren Leute, die den weiten Weg von Blantyre zu Fuß zurückgelegt hatten, um in ihre Heimath zurückzukehren, und uns stolz ihre Schätze zeigten, den Lohn halbjährlicher Arbeit. Was mir besonders aber auffiel, war, daß sämmtliche Capitaos mit neuen Vorderlader-Gewehren abbezahlt waren, somit von den englischen Händlern, für die diese Leute gearbeitet hatten, das bestehende Verbot, »an keinen Eingeborenen Waffen zu verkaufen«, wieder einmal umgangen worden war.
Auf meine Erkundigungen hin erfuhr ich auch den Namen dieser Ortschaft: »Molomba«; es habe hier einst, wie ein Capitao mir versicherte, ein größeres Dorf gestanden, das von Sklavenhändlern überfallen, die die Bewohner getödtet oder weggeführt haben, von den Flammen zerstört wurde.
Unsere Feuer, hell in der sternklaren Nacht über die Wasser aufleuchtend, hatten wohl einige Flußpferde herbeigelockt, die ihr dumpfes Grunzen ob der Störung in ihrem sonst so stillen Gebiet ertönen ließen und nicht übel Lust bezeugten, das zwischen Schiff und Land hin und herfahrende Boot anzugreifen, auch als ich um 9 Uhr Abends an Bord zurückkehrte, tauchten mit dieser löblichen Absicht zwei Kolosse neben dem Boote auf und erst einige zugeschickte Kugeln ließen die aufgeregten Thiere in die Tiefe verschwinden.
Am nächsten Tage, der See war ruhig und die im Sonnenlicht blitzende Wasserfläche spiegelglatt, dachte ich die Bentje-Inseln zu umlaufen und direkt nach Monkey-Bai zu fahren, doch da Spenker, der Maschinenmeister, im Zweifel war, ob unser Holzvorrath ausreichen würde, so hielt ich auf Leopard-Bai, wo mehr Holz zu finden sein sollte. Wir ankerten hinter dem Berge Rifu auf 300 Meter Entfernung vom Lande, auf 12 Fuß Tiefe, weil die langgesteckte kleine Bai versandet und flach, eine weitere Annäherung für den Dampfer nicht gut gestattete.
Kap Rifu ist durch eine Ebene, etwa 2000 Meter breit, von dem über 2000 Fuß hohen Gebirgsstock Mont Isenga und dessen Ausläufer getrennt und erhebt sich dicht am See in felsigen Massen; hinter diesem Kap aber liegt das feindliche Dorf Kuturu, daher war es eigentlich etwas gewagt, hier zu landen, zumal der Dorfbevölkerung, Freunde und Verbündete des am andern Seeufer herrschenden mächtigen Häuptlings Makangila, nicht zu trauen war; denn immer besorgt, ihr Hauptgeschäft, die Sklavenausfuhr zwischen Kuturu und Losefa, durch die Europäer gefährdet zu sehen, standen sie gegen die Engländer stets in Waffen. Waren doch bei Pandimba, wenig unterhalb Losefa, wo früher die Domira einmal mit Streitkräften landete, um die Macht Makangilas in dem Sklavenport zu brechen, die Engländer unter Verlusten zurückgeschlagen worden (Kapitän Maguire wurde hier getödtet). Sobald alle verfügbaren Leute an Land geschafft und Vorkehrungen getroffen waren, etwaige feindliche Absichten der Bewohner Kuturus zu verhindern -- die an Bord befindlichen Suaheli standen Vorposten -- ging ich mit der Mannschaft, den Gängen der Flußpferde im dichten Rohr und Gebüsch folgend, vor, bis die vorgelagerte Niederung durchschritten, wir am Fuße der gewaltigen Felsmassen nach trockenen Bäumen Umschau halten konnten. Nirgends habe ich solch ein Chaos von Steinmassen gesehen, wie hier, die zu tausenden dicht am Fuße dieser Felswände zerstreut lagen. Ueber und nebeneinander gethürmt, schienen diese Granitmassen wie von Gigantenhänden umhergeworfen zu sein; haushohe Blöcke, durch die ungeheure Kraft der Sonne in Verbindung mit Feuchtigkeit senkrecht durchspalten, ließen erkennen, wie allmählig im Laufe der Zeiten das Zerstörungswerk vorgeschritten ist. In klaffende Spalten dieser riesigen Steinblöcke zwängte ich mich hinein und konnte dann sehen, wie schnurgerade diese harte Masse durchspalten war, und kühn behaupten kann ich, daß kein Sprengstoffe im Stande gewesen wäre, in gleicher Weise solche gewaltigen Blöcke mitten durch zu sprengen. Dies Conglomerat von umhergestreuten Felstrümmern, von der 2000 Fuß hohen steilen Gebirgswand abgesprengt, konnte nicht ein Produkt der alles zerstörenden Zeit und der einwirkenden Sonnenkraft sein, vielmehr, worauf ich eingehend zurückkommen werde, hat hier, wie überall an den Felsmassen, die den See umgeben, in grauer Vorzeit eine ungeheure Gewalt ihre Kraft erprobt.