Chapter 20 of 47 · 3992 words · ~20 min read

Part 20

Alle solche unliebsamen Verwickelungen zu vermeiden, war natürlich des Majors Bestreben, daher auch von vornherein ausgeschlossen, was solche herbeiführen konnte. --

Wie immer, so wurden auch jetzt die gegebenen Befehle prompt und schnell ausgeführt; bald lag das große Boot weit hinter uns und wir folgten jener Richtung, in welcher ich, auf Rekognoszirung ausgesandt, das tiefste Wasser gefunden hatte, wobei ich einen hohen Bergrücken in der Ferne, der die Form eines langgestreckten Sattels hatte, als Richtobjekt im Auge behielt.

Schon nach halbstündigem kräftigen Rudern hatten wir uns durchgearbeitet und vor uns lag ein tiefer, breiter Wassergürtel, der nordwärts, wohin unser Weg lag, kein Hinderniß aufwies, ebenso nach dem Lande zu in gleicher Weise sich ausbreitete, nur, wie es den Anschein hatte, waren dort die Ufer niedrig und flach, sodaß an den meisten Punkten ein Landen wohl mit einigen Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre. Mit der Kursänderung, von Ost nach Nord, hatte ich gehofft, würde sich Gelegenheit bieten, eine weite Strecke segeln zu können, aber der frisch wehende Wind änderte seine Richtung nach +NNO+ und durch den schnell aufgewühlten Seegang wurde uns das Fortkommen sehr erschwert. Die kleinen, tiefbeladenen Boote, die im aufgeregten Wasser auf- und niederstampften, konnten bald nicht mehr folgen, -- das Kanoe hatte sich schon dem Lande zugewandt und suchte unter dem Schutz des Ufers besser fortzukommen, -- da, als die Boote immer mehr Wasser schöpften und ein Sinken nicht unmöglich schien, weil wir dasselbe nicht so schnell ausschöpfen konnten, gab ich dem großen Boote, worauf sich der Major befand, das Nothzeichen, und bald darauf längsseit gekommen, wurden diese nach Möglichkeit entlastet. Auch dem Kanoe, das zu tiefbeladen war, sollte Unterstützung werden, allein, dieses beachtete die abgegebenen Signale nicht, strebte vielmehr nach dem Lande zu, bis der Major des Wartens überdrüssig, die Fahrt fortzusetzen befahl. Leider wußten wir es nicht, daß das Kanoe, als es hinter eine vorspringende Landzunge verschwunden war und im flachen Wasser vorwärts zu kommen versuchte, von den am Ufer sich sammelnden Eingebornen angegriffen wurde, die dieses zwangen, aus dem Bereich der feindlichen Schußwaffen zu bleiben, wodurch es genöthigt wurde, das tiefe Wasser wieder aufzusuchen und hier selbstverständlich gegen Wind und See nur äußerst langsam weiterkommen konnte. Die abgegebenen Nothsignale hatten wir der großen Entfernung wegen nicht gehört, waren daher auch in völliger Unkenntniß von der Gefahr geblieben, welcher sich unser Artist Herr Franke ausgesetzt hatte. Nach vierstündiger mühevoller Fahrt näherten wir uns endlich dem Nordende des Sees und je näher wir der Einmündung des Schire kamen, die wie ein schmaler blauer Wasserstreifen von uns sichtbar wurde, desto ruhiger wurden die bewegten Wellen, sodaß die Boote schneller vorwärts kamen und die ermatteten Leute nicht mehr so angestrengt zu rudern brauchten. Indeß beim Näherkommen bemerkten wir erst die im weiten Kreise vorgelagerten Grasinseln, zwischen denen hindurch zukommen, da sie auf einer vorgelagerten flachen Barre festlagen, uns nicht gelingen wollte. Um das große Boot zu entlasten, wurde jeder Mann in das Wasser geschickt, aber ob wir auch mit aller Anstrengung schoben, selbst den Sand unter dem Boote wegzuschaffen suchten, mißlang es doch. An jeder freien Stelle, wo Aussicht vorhanden schien, noch durchzukommen, wurde der Versuch erneuert, jedoch immer wieder mußten wir zurück. --

Gleich anfangs hatte ich den Auftrag erhalten, die Wassertiefe überall zu untersuchen, aber mir wollte es auch nicht gelingen, irgendwo eine Passage aufzufinden, die tief genug gewesen wäre für das große Boot, bis ich schließlich, innerhalb des weiten Beckens, wo bedeutend tieferes Wasser, so weit nach Westen zu mit einem der kleinen Boote vorgedrungen war, daß ich es kaum noch für möglich hielt, hier einen Ausweg zu finden. Ein abgegebenes Signal hieß mich zum außerhalb der Barre umhersuchenden Boote zurückkehren und deshalb, die weitere Untersuchung aufgebend, glaubte ich schon einen Mißerfolg melden zu müssen, als ich doch noch auf dem Rückwege unter den äußersten Grasinseln einen schmalen Kanal entdeckte, der sich als tief genug auswies, hier das Boot hindurchzubringen. Vorher, als alles Suchen und Mühen vergeblich gewesen war, drängte sich in mir die Ueberzeugung auf, daß der projektirte Bau des Schiffes in Mpimbi an ein solches Hinderniß scheitern müsse, -- wie wollten wir wohl das wahrscheinlich noch tiefer gehende Schiff über solche Barre hinwegbringen, da uns doch keine Mittel zu Gebote standen, nöthigenfalls einen Kanal durch diese Barriere graben zu können. Mit der Auffindung einer Fahrrinne schwand nun diese Besorgniß und zum Boote zurückgekehrt, konnte ich die Mittheilung machen, daß ein Ausweg gefunden sei.

Längst schon war hinter dem dicht an den See herantretenden Höhenzug, dessen zerklüftete Gipfel gleich einer starren Felsenmasse kahl in die Lüfte hineinragten, die Sonne verschwunden, ihre letzten Strahlen umspielten mit schwachem Scheine nur noch die höchsten Spitzen, und bald mußte die frühe Nacht hereinbrechen; über uns aber stand schwarzes Gewölk, das am Horizont graugelb gefärbt dem Kundigen den heraufziehenden Sturm anzeigte. -- Ueberraschte uns das Unwetter noch auf dem Wasser mußte die Situation höchst ungemüthlich werden, wozu alle Aussicht vorhanden, als wegen der schnell hereinbrechenden Dunkelheit die zahlreichen Untiefen innerhalb der Barre nicht mehr zu erkennen waren und wir alle Augenblick mit dem großen Boot festsaßen. Schließlich aber kamen wir doch hindurch, und uns plötzlich in der tiefen Schiremündung befindend, strebten wir dem rechten Ufer zu, um auf der äußersten, ganz flachen, mit Rohr und Gras bewachsenen Landspitze zu landen. Wohl hätte das gegenüberliegende Ufer unserem Zwecke viel besser entsprochen, weil es bedeutend höher und trockener war, Baum und Strauch auch Schutz geboten hätten, indeß die Vorsicht gebot eine Landung hier zu unterlassen, da es immerhin nicht ausgeschlossen war, daß unter dem Schutze der Dunkelheit von feindlicher Seite ein nächtlicher Ueberfall ins Werk gesetzt werden könnte, der uns freilich nicht überrascht, aber doch eine unliebsame Störung verursacht hätte.

Sofort nach der Landung war die Aufrichtung der Zelte das nächste und Jeder griff zu, die schützende Leinwand am Erdboden mittelst Pflöcke zu befestigen, während Soldaten und Diener unter Aufsicht eines Europäers Kisten und Kasten nach der trockensten Stelle hinschleppten und aufstapelten, denn laut Befehl des Majors sollten alle Boote möglichst schnell entlöscht und zu der am nächsten Morgen beabsichtigten Aktion, dem verlassenen Boote Hilfe zu bringen, bereit gehalten werden. Schneller aber brach das Unwetter über uns herein! Mit dem ersten gewaltigen Windstoß, der die erst halb aufgerichteten Zelte wieder niederriß, stürzte die Regenfluth derartig hernieder, daß wir im Augenblick vollständig durchnäßt waren und gegen den heulenden Wind die flatternde Leinewand zu bergen suchten; auch glich der Erdboden um uns bald einem Teich, es hatte den Anschein, als wäre der Fluß ausgetreten, weil das mit dem Niveau des Flusses fast gleich hoch liegende Land schon vollständig durchtränkt, kein Wasser mehr aufnehmen konnte.

Zu all den Widerwärtigkeiten, welche uns dieser Tag schon gebracht hatte, kam nun noch das Schlimmste, daß wir kein Feuer anzünden noch irgendwie Aussicht hatten, etwas Warmes genießen zu können, denn Brennholz hatten wir nicht und schwerlich war auf dieser öden Landspitze solches zu finden, -- trockenes Rohr und Gras zwar hätte schon genügt, aber auch dieses war nun durch den heftigen Regen unbrauchbar gemacht. Endlich, als das Mannschaftszelt wieder aufgerichtet war, neben das des Majors vorläufig das Einzige, und die nothwendigsten Arbeiten beendet waren, konnten wir daran denken, dem knurrenden Magen, der den ganzen Tag gefastet, zu befriedigen; trockene Bisquits zwar und kalte Konserven, wozu ein gespendeter Cognac kam, mußten genügen, aber es war doch wenigstens etwas, um die Lebensgeister wieder anzuregen.

Zum Glück zog mit dem heftigen Wind auch die Regenfluth bald vorüber, -- und es konnte nun an die Aufrichtung einer Signallaterne gedacht werden, die dem einsam in dunkler Nacht auf dem weiten See umherirrenden Canoe als Wegweiser dienen sollte, aber ob auch Minutenlang das flackernde Licht im Winde aufblitzte, wollte es doch nicht gelingen, die Laterne brennend zu erhalten, soviel Vorsicht auch dagegen angewendet wurde, -- unsere Zeltlaternen waren eben nicht dazu eingerichtet, im Winde zu brennen. Große Besorgniß um das Schicksal der Insassen des Canoes, von denen immer noch kein Lebenszeichen bemerkt werden konnte und die unzweifelhaft vom Sturm und Regen überrascht worden waren, erfüllte Jeden; verschiedentlich patroullirte ich am Seeufer hin und her, in die Nacht und Dunkelheit hinaus horchend, ob nicht ein Ruf oder Schuß zu hören sei, -- war es doch kein Kinderspiel, in einem ausgehöhlten Baumstamm ohne jegliche Seitenstützen auf dem wildbewegten See umherzuirren. Und wenn ich meiner Befürchtung hätte Worte leihen sollen, würde ich wenig Hoffnung haben geben können, daß die Vermißten solches Unwetter glücklich überstehen würden, zumal das Canoe mit etwa dreißig Säcke Ugali (Maismehl) beladen worden war, fast unser ganzer Vorrath, auch mußte die Ladung dieses ungelenkig und ungeeignet machen, Sturm und Seegang zu überdauern.

Stunden voll ängstlicher Spannung gingen hin, jedes entfernte Geräusch ließ uns auffahren, wenn aber die ausgestellten Posten befragt wurden, hieß es immer wieder, es ist nichts zu hören, und jeder Rapport, der dem Major abgestattet wurde, mußte verneinend lauten. Hätte ich nicht die Nutzlosigkeit, in dieser rabenschwarzen Nacht mit einem Boote auf den See hinauszufahren, eingesehen, würde ich längst einen Versuch unternommen haben, -- aber leider war die Aussicht vorhanden, selbst irre zu fahren, -- in welcher Richtung auch sollte ich die schon halb Aufgegebenen suchen. Auch Signalschüsse wurden in Zwischenräumen abgegeben, da wir vergebens bemüht gewesen, Haufen von Rohr zu entzünden, um Leitfeuer am Seeufer aufflammen zu lassen, -- alles vergeblich, keine Antwort kam; nur der wieder beginnende Regen war wie ein leises Rauschen vernehmbar, sonst drang kein Ton durch die tiefe Stille zu uns herüber.

Es verursacht ein eigenes peinliches Gefühl, solch' unbestimmtes Warten -- zumal, wenn man mit dem Tode, als einen Faktor zu rechnen hat, der einmal da ist und sich durch keine findige Klügelei aus der Lebensrechnnng wegstreichen läßt, und in diesem Falle stand ein Gefährte zwischen den Faktoren Leben und Tod -- nach welcher Seite hatte das Zünglein der Wage sich geneigt? Das war eine stumme Frage an das Schicksal, die die nächste Stunde beantworten mußte; denn entweder bald oder niemals sahen wir die Vermißten wieder. So floh die flüchtige Zeit dahin -- im ängstlichen Harren für uns eine Qual -- für die draußen auf dem weiten See mit der tiefen Dunkelheit noch Kämpfenden eine Ewigkeit....

Wie eine Erlösung klang endlich der Ruf des äußersten Postens »es seien drei Schüsse gefallen« zu uns herüber, und zum Ufer eilend, horchten wir in die Nacht hinaus, konnten aber nichts mehr vernehmen; hätte der Posten nicht so fest an seine Behauptung gehalten, wir würden geneigt gewesen sein, es als eine Täuschung anzusehen, die aber hinfällig werden mußte, wenn man in Betracht zog, daß das Gehör eines Schwarzen, der Posten war ein Zuluneger, viel feiner ausgebildet ist als das unsrige, wenigstens durch ein freies Leben in der Natur die schwachen Laute viel besser unterscheiden konnte wie wir. Zweifellos mußte der Mann etwas vernommen haben, das nur als ein Nothsignal aufzufassen war, und von unserer Seite nun drei Schüsse abfeuernd, war es nach einiger Zeit wieder derselbe Posten, der eine Antwort vernommen haben wollte; während andere nur ein sehr schwaches Geräusch wie aus weiter Ferne gehört hatten.

Zunächst nun wurde nochmals der Versuch gemacht, an unserer längsten Stange die Laterne wieder aufzurichten, hatten auch die Genugthuung, wenigstens eine Zeitlang dieselbe brennen zu sehen, obgleich das stark flackernde Licht blos einen unsicheren Schein abgab -- wir thaten wenigstens, was wir thun konnten, um den Verirrten einen Anhaltepunkt zu geben, wohin sie, wenn überhaupt das schwache Licht sichtbar für sie sein sollte, ihr Fahrzeug lenken konnten.

Das unthätige zweifelhafte Warten wollte mir nicht recht in den Sinn und trotzdem ich nicht gewußt, wohin in solcher Dunkelheit ich mein Boot hätte lenken sollen, kam doch immer wieder das innere Drängen, hinausfahren zu müssen und sei es aufs Geradewohl; auch konnte ich mir es wohl am besten vorstellen, in welcher Verfassung sich die fünf Menschenkinder befinden mußten, waren es doch bereits fünfzehn Stunden, daß sie in solcher engen Nußschale Sonne, Sturm und Regen ausgesetzt gewesen.

Einmal entschlossen, Hilfe zu bringen, wenn es mir gelingen sollte das Canoe aufzufinden, hatte ich die Erlaubniß dazu vom Major einzuholen; eine solche wurde mir auch sofort gegeben mit der Bemerkung: Sie wollen wirklich in dieser Nacht hinaus, -- nun das ist recht, -- aber vor allen Dingen seien Sie vorsichtig.

Mit dem Boote, mit welchem ich die Fahrt unternehmen wollte, hatte es übrigens keine Noth; mit Luftkästen versehen, konnte ich in demselben jedem Unwetter trotzen. In der Voraussicht, daß die gewaltigen Seen Inner-Afrikas nicht die ruhigen Wasserflächen sind, wie sie nach Ansicht von Laien aufgefaßt werden, hatte ich neben der Zerlegbarkeit auf die Sicherheit der Schiffsboote bei der Herstellung derselben Bedacht genommen, und deshalb alle drei so konstruiren lassen, daß eine Gefahr des Untersinkens bei gewöhnlicher Belastung so lange ausgeschlossen war, als die luftdichten Behälter intakt blieben.

Da wie immer bei dieser Expedition alles bereit war, bedurfte es nur eines Kommandos und in wenigen Minuten schon schwamm ich auf der dunklen Fluth. Meine Aufgabe war es ja, speziell den Wasserverhältnissen des Schireflusses genaueste Beachtung zu schenken, deshalb bei der schwierigen Durchfahrt am Abend, hatte ich mir verschiedene Objekte, als festliegende Grasinseln, zwischen denen ich die tiefste Wasserrinne wieder aufzufinden im Stande sein würde, genau bemerkt. Demnach suchte ich auch in dieser Dunkelheit mich darnach zu orientiren, wobei die Falkenaugen der Bacharias, von denen ich fünf Mann mitgenommen hatte, mir wesentliche Dienste leisteten. Ich war bestrebt nach Süden zu die Barre mit dem Boot zu passiren, indem ich nach dieser Richtung hin am ersten das Canoe zu finden vermeinte, allein ein gefallener Schuß, der hier auf dem freien Wasser deutlich vernommen wurde und ganz von der rechten Seite, also westwärts, herübertönte, ließ mich diese Absicht aufgeben, obgleich es mir nicht recht einleuchten wollte, wie das Canoe soweit nach jener Richtung hin hätte fahren können; es war demnach an der Barre vorbei dem hohen Gebirgszug, der die westliche Seite des Sees begrenzte, zugesteuert. Zweifeln konnte ich aber nicht, denn der leichte Wind, der von den Bergen herüberwehte, hatte mir den scharfen Knall eines Mausergewehres zugetragen, ich wußte mithin, daß nach jener Seite das Canoe oder wenigstens die Vermißten zu suchen seien.

Anfänglich noch schimmerte das Laternensignal durch die Nacht und ich konnte an der geschätzten Entfernung ermessen, wie weit das Boot ungefähr vom Lande entfernt sei, hatte an dieses, da vom flachen Lande absolut nichts zu sehen war, wenigstens einen Anhalt, der es mir ermöglichte, annähernd die Richtung einzuhalten. Plötzlich verschwand aber auch dieses Licht, und, da kein Stern durch das tiefschwarze Gewölk zu dringen vermochte, mußte ich so gut es eben gehen wollte, das Boot zwischen den Untiefen hindurchzuführen suchen. Endlich, ins tiefere Wasser gelangt, gab ich drei Signalschüsse ab, um mich, wenn solche beantwortet würden, über die nun einzuschlagende Richtung zu orientiren, ehe ich mich auf die weite Wasserfläche hinauswagte. Es verging eine ganze Zeit bis das Signal beantwortet wurde, und darauf kräftig die Ruder gebrauchend, flog das Boot durch die Nacht über die dunklen Fluthen hin. In kürzeren Zwischenräumen feuerte ich immer wieder mein Gewehr ab, doch keine Antwort erfolgte mehr, sodaß ich annehmen mußte, Franke habe schon seine letzte Patrone vergossen. Auch als kein Ruf vernommen wurde, wenn ich zuweilen die Leute mit dem Rudern aufhören ließ, schien es mir schließlich das Beste, ruhig zu warten; denn, ist das Canoe noch aktionsfähig, würden die Insassen jedenfalls versuchen, von den Signalschüssen geleitet, das ihnen zu Hilfe gekommene Boot zu erreichen.

Ich hatte mich in dieser Voraussicht auch nicht getäuscht; zwar währte es noch eine beträchtliche Zeit, ehe wir Rufe vernahmen und von diesen geleitet das Boot dahin lenken konnten, woher das Canoe langsam sich zu nähern schien, doch hatte ich aber die Genugthuung, nicht vergeblich in die Nacht hinausgefahren zu sein. Wenigstens konnte ich den wohl aufs äußerste Erschöpften die erste Unterstützung leisten.

Und endlich lagen bald darauf Boot und Canoe Bord an Bord, worauf dann unverzüglich, so schnell es in der Dunkelheit eben gehen wollte, sämmtliche Lasten, die in dem Canoe noch vorhanden und zum Theil halb verdorben waren, in das Boot übergenommen wurden, und dieses so erleichtert, hatte uns zu folgen. Während der Rückfahrt konnte ich aus der Erzählung des Herrn Franke entnehmen, daß er alle Phasen einer solchen Irrfahrt Kampf, Sturm und vermutheten Untergang hat durchkosten müssen. Er hatte auch unsere Signalschüsse, deren Echo vom Winde getragen über den See verhallte, vernommen, jedoch aus keiner bestimmten Richtung, und daher sei es gekommen, daß das Canoe dem hohen festen Lande zugelenkt wurde, bis er dadurch wieder irre wurde, als hinter ihm deutlich vernehmbar plötzlich Schüsse abgegeben wurden. Dann, fast schon an eine Rettung zweifelnd, da das Canoe immer tiefer sank und sich mit Wasser füllte, welches er nicht allein mit seiner Mütze auszuschöpfen im Stande war, sei es ihm wie eine Erleichterung gewesen, als er durch die immer näher kommenden Signale die Ueberzeugung gewann, ein Boot sei ausgesandt worden, um ihn zu suchen. -- Gewiß nicht beneidendenswerth ist die Situation gewesen, in welcher er sich seit der Stunde befunden, als wir ihn aus den Augen verloren hatten und konnte von großem Glück sagen, daß das Unwetter so schnell vorüberzog und der Wind das Canoe nicht weit auf den erregten See hinausgetrieben hatte, wo in solcher Nacht jede Aussicht auf Hilfe schwinden mußte.

Sobald wir uns der Barre wieder genähert und flacheres Wasser fanden, saßen wir mit dem Boote bald auf Grund und es wollte nicht glücken, von den Untiefen freizukommen; durch Stromversetzung höchst wahrscheinlich, waren wir auf die südlichen Bänke gerathen. Eine ganze Zeit währte es, ehe ich darüber im Klaren war, wo wir uns eigentlich befanden, bis das Hin- und Hersuchen uns schließlich den tiefen Strom ausfinden ließ und wir glücklich, nachdem noch ein Regenschauer die letzte Strecke höchst ungemüthlich gemacht hatte, zu Lande kamen. Hier war es inzwischen doch gelungen, ein spärliches Feuer im Zelte zu unterhalten und nach abgestatteter Meldung beim Major von Wißmann erwartete uns ein warmer Trunk, wobei nun die Tagesereignisse im kleinen Kreise noch erörtert wurden, ehe alle zur kurzen Rast sich zur Ruhe legten, um im festen Schlummer sich zur neuen Anstrengung zu stärken. Der Befehl, daß am nächsten Morgen das Sektionsboot und das von mir bei der nächtlichen Fahrt benutzte Boot zur Abfahrt bereit liegen sollten, wurde, als der Trompeter die Schläfer weckte, schleunigst ausgeführt, sodaß, als der Major zur Abfahrt bereit, die Boote segelfertig bereit lagen. Neben der Mannschaft sollte ich allein den Major auf dieser Fahrt nach dem verlassenen Boote begleiten, das am vorigen Tage mit seiner ganzen Besatzung von einigen vierzig Mann hatte im Schlamm zurückgelassen werden müssen, und das nun durch Entlöschen aus seiner Lage mitten im See befreit werden sollte. Trübe, nicht wie sonst vom freundlichen Sonnenstrahl erhellt, war der Morgen angebrochen, das schwere Gewölk hing noch immer düster drohend über uns; die endlosen Wolkenscharen ballten sich Unheil verkündend, zusammen, und jene gelbliche Färbung derselben im Norden war wieder das Zeichen, daß der Sturm heraufgezogen kam, vor dessen Hauch die Dunstgebilde in die Höhe umherflohen. Ein Warnungszeichen war uns hierdurch gegeben, -- jedoch mit unseren guten Booten jedem Unwetter Trotz bietend, erachteten wir es als einen besonders günstigen Umstand, vor dem Winde laufen zu können und desto schneller unser Ziel zu erreichen; deshalb traten wir auch ohne Bedenken die weite Reise an, obgleich der mit dem Sturm zugleich niederprasselnde Regen uns keine angenehme Fahrt bereiten würde.

Sobald die Barre passirt war, setzten wir Segel und vor dem immer stärker wehenden Wind flog das Boot mit dem kleineren im Schlepptau über die schwarzen schnellerregten Wogen hin. Bald war der breite und tiefe Wassergürtel, der das mächtige Schlammmeer umfaßte, durchquert, und wir konnten dann auf der gelblich schmutzigen Masse den Weg genau verfolgen, den wir gekommen waren. Es lag in des Majors Absicht, den geraden Weg zu nehmen, indem wir voraussetzten, daß der Schlamm für die leeren Boote kein sonderliches Hinderniß sein würde; demnach lenkte ich das Boot jener Richtung zu, in welcher das große Fahrzeug liegen mußte, hoffend, daß es gelingen, und wir Wasser genug unter dem Boote behalten würden, um dieses manövrirfähig zu erhalten.

Bald wuchs der schon starke Wind zum Sturm, die Luft ebenso gelb wie die aufgewühlten Wasser unter uns, dazu der niederströmende Regen machte es unmöglich, auch nur wenige Meter voraus oder um uns irgend etwas zu unterscheiden; eingehüllt von einem undurchdringlichen Schleier waren wir völlig den rasenden Elementen preisgegeben. Vor dichtgerefften Segeln raste das Boot durch die Fluthen, -- trotzdem aber war die geführte Leinewand noch zu viel, da die Masten den gewaltigen Druck des wilden entfesselten Sturmes nicht auszuhalten vermochten, und mit Mühe nur konnten wir diese bergen, sodaß, so zu sagen vor Topp und Takel laufend, die Gewalt des Sturmes allein auf die Fahrt des Bootes ihren Einfluß ausübte. Die Schnelligkeit des Bootes wurde naturgemäß dadurch vermindert, und wir erkannten nun, da dieses nicht mehr mit Allgewalt durch den Schlamm vorwärts getrieben wurde, daß wir kaum noch einen halben Fuß Wasser hatten; in der weichen Masse mußte das Boot sitzen bleiben, wenn der Wind so plötzlich wie er gekommen, auch wieder aufhörte, denn sehr weit waren wir vorgedrungen, und rings um uns nur das gelbliche vom Sturm aufgewühlte Gewässer. Bekannt mit diesen gewaltigen Gewitterböen, deren Kraft schnell erlahmt sobald der Hauptstoß vorübergezogen, fürchtete ich sehr, daß die gewöhnlich nachfolgende Stille uns in einer der peinlichsten Situationen finden würde, aus der wir uns, selbst mit Hilfe des kleineren Bootes nicht zu retten vermochten, wenn der Wind uns nun im Stiche ließ; auf die Frage des Majors »was fangen wir nun an, um hier wieder herauszukommen und das freie Wasser zu gewinnen!« konnte ich nur der Hoffnung Ausdruck geben, daß der Wind lange genug anhalten möge und seine Kraft uns aus dieser bedenklichen Lage befreien möchte. In dem Augenblick als die Gefahr erkannt worden war, wurde das Boot auch sofort nach links soweit aus seinem bisherigen Kurse abgelenkt, daß dieses vom Sturm nun mehr seitwärts gefaßt, unter der zulässigen Segellast schneller wieder durch den Schlamm fortgetrieben wurde. Mit der abnehmenden Stärke des Windes wurde immer mehr Segeltuch gesetzt, soviel, als das Boot irgend nur tragen konnte und dadurch dessen Geschwindigkeit gesteigert, die jedoch im Verhältniß zur anfänglichen nur sehr gering war, weil die Schlammmassen zu großen Widerstand entgegensetzen. Immer näher an den Wind je schwächer dieser wurde steuerte ich das Boot so, daß dessen Bug schließlich ganz dem Lande zugekehrt war, welches uns die mittlerweile darüber hinweggefegte Dunstmasse wieder erkennen ließ, und konnten nach kurzer Zeit die erfreuliche Beobachtung machen, daß wir auf etwas tieferes Wasser gekommen waren. Mit Hilfe der Ruder, an denen die Mannschaft mit allen Kräften arbeitete, wurde die allmählig erlahmende Kraft des Windes einigermaßen ersetzt und wir hatten denn alsbald die Freude, das tiefere Wasser von der graugelben Masse, in der wir so weit und so lange umhergesegelt, unterscheiden zu können.

Schnell beruhigt waren die Fluthen, nachdem die überaus heftige Gewitterböe vorübergezogen, auch die durch das düstere Gewölk siegreich durchdringende Sonne ließ ihr Silberlicht auf die kräuselnden Wogen tanzen; das Boot aber glitt unter den taktmäßigen Ruderschlägen über diese hin, dem noch entfernten Ziel entgegen.

Nach zweistündiger Fahrt, etwa gegen 8-1/2 Uhr morgens, hatten wir, begünstigt durch wieder aufspringenden Wind endlich das Boot erreicht und fanden die Besatzung dabei, die Spuren zu verwischen, welche der über dasselbe hingefegte Sturm zurückgelassen hatte. Hatten wir im Lager schon eine ungemüthliche Nacht gehabt, so war dieselbe für die Insassen des Bootes, die auf den engsten Raum beschränkt den Unbillen der Witterung völlig ausgesetzt gewesen, gewiß nicht minder unangenehm verlaufen, aber ungeachtet dessen wurde die Entlöschung sofort vorgenommen und bereits nach Verlauf einer Stunde konnte die Rückfahrt angetreten werden. Die Führung des größten Bootes, das trotz der bedeutender Erleichterung noch halb beladen geblieben und deshalb schwerfällig war, hatte ich zu übernehmen, während Major von Wißmann das zweite führte, und unter diesen Umständen auch schneller vorwärts kommen konnte als ich. Vergebens sehnten wir einen auffrischenden Wind herbei, der uns die Arbeit erleichtert und auch die niederglühenden Sonnenstrahlen etwas gemildert hätte, aber erst nach fünfstündigem unausgesetzten Rudern kamen wir zur Barre. Häufig genug noch saßen wir in der schmalen Durchfahrt fest und mußten die Leute in das Wasser schicken, um das Boot zu erleichtern, bis wir schließlich nach drei Uhr Nachmittags den Lagerplatz wieder erreichten.