Chapter 21 of 47 · 3955 words · ~20 min read

Part 21

Da die Weiterfahrt auf den nächsten Morgen in aller Frühe festgesetzt worden war, gab es nun Arbeit vollauf, doch ehe die Nacht hereinbrach, war auch diese beendet, und beim Scheine der Lagerfeuer, wozu von einer bewaffneten Abtheilung, von den nächsten Hügeln an der anderen Seite des Flusses das Material inzwischen herbeigeschafft worden war, konnten wir uns eines herrlichen Abends und einer friedevollen Nacht erfreuen.

Wie erwähnt, war die Stelle wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten, nur wenig höher gelegen, als das Niveau des Wasserspiegels, und dieselbe Beschaffenheit zeigte mit wenigen Erhöhungen auch das ganze umliegende Terrain, das dicht mit hohem Rohr und Gras bewachsen, aus einer allmählichen Anschwemmung entstanden war. Diese weite Fläche nun, mußte, sobald der Schirefluß im Steigen begriffen war, zu gewissen Zeiten fast ganz unter Wasser gesetzt sein, was der Fall, wenn die ungeheure Wasserfläche des Nyassa-Sees plötzlich durch große Regenmassen, welche aus den diesen See umgebenden Gebirgszügen zuströmten, um ein weniges erhöht wurde. Zwar steht das Steigen des Flusses hier, gegen seinen Unterlauf, wo er oft bis 10 Fuß Höhe sich anstaut, in gar keinem Verhältniß; einen Fuß oder noch etwas mehr über den gewöhnlichen Wasserstand, ist hier schon ein hoher zu nennen, und einzig davon abhängig, ob dem See während der Regenzeit große Wassermassen zugeführt werden oder nicht. Diese zeitweiligen Ueberschwemmungen machen das erwähnte Terrain für eine Ansiedelung völlig ungeeignet, obgleich der Boden als ertragreich bezeichnet werden kann, denn dessen Zusammensetzung aus Thon, Sand und Erde versprechen mancher Kulturpflanze ein gedeihliches Fortkommen. Aber der Eingeborne braucht ja nicht zu kargen, er hat Land im Ueberfluß und aus diesem Grunde wohl war in weiter Runde von einer menschlichen Ansiedelung auch nichts zu sehen. Desto reicher war diese Niederung von Wasservögeln bevölkert, wenn hier auch nicht so zahlreich und vielartig vertreten, wie auf den Bänken des unteren Zambesiflusses, so konnten doch neben dem schwerfälligen Pelikan, verschiedene Reiherarten, wilde Enten und Gänse etc. bemerkt werden, die in ungestörter Ruhe hier ein beschauliches Leben führten.

Das Gesammtbild der weiten Umgebung trägt den Charakter der Urwildniß mit dem Unterschied nur, daß rechts und links die Gebirgszüge den im Sonnenlicht blitzenden Malombwe-See umziehen; nach Norden hin streben die Felsenmassen höher und kompakter auf, die somit einen anderen Eindruck hervorbringen, als wenn einzig die üppige Vegetation dieser Scenerie ihren Stempel aufgedrückt hätte.

Zur festgesetzten Stunde, am 5. Januar, sagten wir dem Malombwe-See Valet; die nächste Krümmung des Flusses benahm bald die freundliche Aussicht auf diesen und zwischen den Ufern des tiefen Stromes hinziehend, die zur Rechten höher und stark bewaldet sind, wurde manchem Krokodil, das zu spät erwacht oder durch unsere Annäherung sich nicht hatte stören lassen, die tödtliche Kugel zugeschickt. Längere Zeit blieb das Ufer zur Linken so niedrig, wie es am See gewesen, auch dieselbe Eintönigkeit blieb vorherrschend, bis mit einem Male, als wir die Mündung eines Nebenflusses des Schire passirten, der stark strömend, sich in diesen ergoß, die Gestaltung der Ufer eine ganz andere Form bekam, denn fortan blieb dieses steil und hoch, oft 15-20 Fuß, sodaß jeder Einblick in das hinterliegende Gelände benommen wurde.

Die Gewißheit an diesem Tage noch Fort Johnston erreichen zu können, aber über die eigentliche Entfernung im Zweifel, hielten wir bei jeder Biegung des Flusses scharfe Ausschau, ob über Busch und Bäumen nicht irgend etwas zu entdecken sei.

Gegen elf Uhr Morgens, querab vom Dorfe Towowo, glaubte ich wider Erwarten die englische Flagge voraus zu erkennen und als etwas später auch die Masten des Dampfers »Domira« über die Büsche zu erkennen waren, wußten wir, daß das Endziel dieser langen beschwerlichen Reise nun nicht mehr allzu weit entfernt sei. Bald tauchten, als auch Busch und Wald zurücktraten, rechts von uns eine weite Grasebene freie Umschau gestattete, die langgestreckten Bauten der Garnisongebäude auf, denselben gegenüber aber viel hundert Hütten der Eingebornen, sodaß beide Ufer aus der Ferne gesehen, wie ein einziges mächtiges Dorf sich ausnahmen, über welches vom Fort Johnston die buntgestreifte englische Flagge zu wehen schien. Näher und näher gekommen, zu guterletzt noch von einem günstigen Wind getrieben, landeten wir endlich am Fuße dieser kleinen Festung; wonach wir aber vergeblich Ausschau gehalten -- uns am Anblick des gewaltigen Nyassa-See zu erfreuen, das sollte uns vorläufig verwehrt bleiben. --

10. Von Fort Johnston nach Mpimbi.

Fort Johnston, unter dessen Wällen Major Wißmann vom Kommandanten Kapitän Johnston, einigen Zivilpersonen, unter denen vornehmlich Mr. Nikol, Leutnant Bronsardt v. Schellendorf und einer militärischen Ehrenwache empfangen wurde, entsprach bei Weitem nicht der Vorsetzung, welche wir uns von einer so isolirt liegenden Festung gemacht hatten, wenigstens konnte es dem Beobachter erscheinen, als mußten diese niedrigen Sandwälle, nur von einem nicht tiefen, etwa sechs Fuß breiten Graben getrennt, von einem energischen Feind im ersten Anlauf genommen werden können. Aber so beschränkt auch der Raum, der geringen Zahl der Besatzung angemessen, mußte doch dieser Vorposten der englischen Macht, inmitten einer unruhigen und zweifellos feindlich gesinnten Bevölkerung den Anforderungen genügen, da bisher jeder Ansturm abgeschlagen werden konnte und die Feinde sich solche Lektionen geholt hatten, daß sie es nicht mehr wagten, gegen die Verderben speienden Wälle vorzugehen.

Eine günstige Lage hat dieses Fort insofern, als es, am Ufer des Flusses erbaut, die weite Ebene, nur hin und wieder von einigen Gebüschen bestanden, beherrschen kann, also ungesehen ein zahlreicher Feind sich nicht nähern könnte, was aber besonders beachtenswerth, ist das hohe, aus den faserigen Stämmen der Fächerpalme erbaute Gerüst, von welchem aus der Wachtposten im Stande ist, die Ankunft eines jeden Bootes, sowie eines jeden Dampfers auf dem Nyassa-See zu bemerken, nebenbei kann ihm in der Ebene keine auffallende Bewegung entgehen. Ein Maximgeschütz ist auf diesem Wartthurm aufgestellt und würde einer feindlichen Kolonne jedenfalls einen recht warmen Empfang bereiten. Unmittelbar am anderen Ufer, unter den Kanonen des Fort und beherrscht von der so hoch postirten Kugelspritze, liegt das gewaltige Dorf Mponda, dessen Einwohner, etwa 20000 an Zahl, die größte Bevölkerung ausmachten, die wir auf unserem weiten Wege, an einem Orte zusammengedrängt, angetroffen haben.

Nicht immer so friedlich, wie zur Zeit unserer Ankunft haben sich die Bewohner dieses Dorfes verhalten, denn die jeder Zeit 5000 kampfbereiten Krieger sind eine Macht, mit der die vordringenden Engländer zu rechnen hatten; erst allmählich konnten sie Herr einer Bewegung werden, die mit allen Kräften sich gegen die aufgenöthigte Protektion sträubte und die unwillkommenen Eindringlinge aus dem Lande zu jagen versuchte. Anlaß zu verschiedenen Empörungen gab auch die Eintreibung der ausgeschriebenen Steuern, die jedesmal niedergeschlagen, den Eingebornen Freiheit, Rechte und Besitz gekostet hat, und heute ruht die Verwaltung und Gerichtsbarkeit in den Händen der Engländer.

Anders hingegen verhält es sich mit den Volksstämmen hinter Fort Johnston, die sich in die schwer zugänglichen Gebirge zurückgezogen haben, hier hat englischer Einfluß und Macht ein Ende gefunden, denn die noch unbezwungenen Stämme haben sich ihre Freiheit bewahrt, benutzen aber jede Gelegenheit, durch kleine Einfälle die Garnison in Aufregung zu erhalten. Einen Unterschied zu machen sind sie freilich wenig fähig, denn es gilt ihnen gleich, gegen wen sie die Angriffe richten; den Unterschied der Nationalitäten vermögen sie nicht zu fassen, der weiße Mann ist ihr Feind und wo sie diesem Schaden zufügen können, versuchen sie es. So waren auch später bei Anlegung der deutschen Station »Port Maguire«, die ersten Ankömmlinge gezwungen, solche Ueberfälle blutig zurückzuweisen, ehe sie vor den umherstreifenden Banden endlich Ruhe fanden.

Das kameradschaftlich-freundliche Entgegenkommen des Kommandanten Kapitän Johnston gegen Major v. Wißmann und Dr. Bumiller erleichterte nicht unwesentlich unsere Aufgabe; dazu konnte es auch als ein glücklicher Umstand betrachtet werden, daß wir zur rechten Zeit hier eintrafen, um mit der Unterstützung des englischen Dampfers »Domira« die Reise nach dem Norden des Nyassa-Sees fortsetzen zu können. Die anfängliche Absicht des Majors, die Reise mit den offenen schwerbeladenen Booten zu unternehmen, kam zum Glück durch das Entgegenkommen des Führers dieses Schiffes nicht zur Ausführung, denn gänzlich unbekannt mit diesem unruhigen, zu Zeiten gefährlichen Gewässer, würde es eine unglaubliche Leistung gewesen sein, die Boote zum Ziele zu bringen; viel eher würden diese durch die Wogen an den felsigen Küsten zerschellt worden sein und die Vorexpedition hätte aufgegeben werden müssen oder ihren Untergang gefunden.

Einmal nun entschlossen mit Hilfe der Domira die Reise fortzusetzen, wurden die dahinziehenden Anordnungen des Majors schleunigst ausgeführt, und der nächste Tag fand Europäer und Soldaten in vollster Thätigkeit, die nothwendigen Vorkehrungen zur schleunigen Abreise zu treffen.

Viele fleißige Hände regten sich, die Einschiffung der Geschütze, Munition und sonstige Bestände der Expedition auszuführen, der Befehl, daß am Nachmittage des 6. Januar alles beendet sein mußte, gestattete auch kein langes Besinnen. Eine Revue, verbunden mit einer militärischen Uebung, über die gesammte Streitmacht, welche der Major noch abnahm, zeigte, daß unsere Soldaten noch nichts von der Exaktheit im Dienst verloren hatten, und im Vergleich zu den englischen Soldaten, angeworbenen Makua-Leuten, in jeder Weise diesen überlegen waren. Die strenge Disziplin, der Drill, welcher den Leuten beigebracht worden, erweckten die Ueberzeugung, daß in jeder Lage auf eine solche Truppe unbedingter Verlaß ist, was sie später in so manchem heißen Kampf bewiesen, -- eine Söldnertruppe zwar, bluteten und starben sie, und ließen niemals ihre Führer oder die deutsche Fahne im Stich. Wie viele ihrer auch die kühle Erde im Herzen Afrikas decken sollten, immer waren sie bereit, ihrem Führer willig zu folgen, und keine Noth, Gefahr noch Entbehrung konnte sie in der Ausübung ihrer Pflicht wankend machen.

Klar und schön, nach einer stürmischen Gewitternacht, brach der Morgen des 7. Januar 1893 an, mit dem ersten Strahlengruß der über die Berge emporsteigenden Sonne schmetterten auch die Trompetensignale, alle mahnend, daß die Stunde gekommen, in welcher die schwankenden Planken des Schiffes betreten und von diesem in die weite Ferne einem unbestimmten Schicksal entgegengeführt werden sollten. Kompagnieweise ging die Einschiffung der Soldaten mit unsern Booten gemäß der Bestimmung vor sich; um zehn Uhr war alles beendet, zum letzten Abschied schüttelten sich brave Deutsche und Engländer die Hände, unter einem brausenden Hurrah stießen darauf die Boote ab und wandten sich dem seeklar liegenden Schiffe zu.

Allein am Ufer zurückgeblieben, mit mir nur unser Artist Herr Franke, dessen Hoffnung, die Expedition begleiten zu können, vereitelt worden war, wurde in mir nicht minder der Wunsch lebendig, das Schicksal jener Kameraden theilen zu können, die jetzt wohlgemuth über die glitzernden Wogen hinzogen und bald auf den Fluthen des Nyassa-Sees die Herrlichkeiten einer unbekannten Ferne schauen durften. Aber die ernste Pflicht war ein strenger Mahner, und zurück mußte ich, das mir anvertraute große Werk zu beginnen und auszuführen, um dessen Willen diese ganze gewaltige Expedition begonnen und ins Werk gesetzt worden war. Lange im Zweifel, ob ich über die Tiefenverhältnisse des oberen Schire, auf welchem der Dampfer später bis zum See geführt werden mußte, mit voller Ueberzeugung ein günstiges Urtheil abgeben könnte, da ich für diese Ueberführung ungeheure Schwierigkeiten voraussah, entschloß ich mich, doch die Möglichkeit dafür einzuräumen, schon aus dem Grunde, als eine entgegengesetzte Ansicht beim Major wenig Anklang gefunden hätte, ich auch nicht zum zweiten Male hören mochte, daß es »keine große Aufgabe und kein Kunststück sei, das Werk auszuführen, wenn wir alles fänden wie wir es wünschten!« Nun aber die Entscheidung gefallen, der Auftrag, den Dampfer in Mpimbi zu erbauen, mir als Befehl mitgetheilt worden war, mußten gehegte Bedenken schwinden; für die glückliche Ausführung hatte ich fortan die Verantwortung zu tragen und sollte bald beweisen, daß für mich kein Hinderniß zu groß, keine Mühe zu schwer, um das auf mein Können gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.

Bis die Mastspitzen des Schiffes hinter Busch und Baum den Blicken entschwunden, solange schauten wir in ernste Gedanken versunken diesem nach, dann trat die Pflicht in ihre Rechte und mit der Wirklichkeit uns abfindend, beschlossen wir zwei nun ebenfalls unsere Abreise zu beschleunigen. Den freundlichen Vorschlag des Mr. Nikol, uns mit einem Boote flußabwärts senden zu wollen, wenn wir uns zwei Tage gedulden wollten, schlug ich aus und wollte, wenn ein Boot nicht zu bekommen sei, lieber mit einem größeren Kanoe unverzüglich die Reise antreten, als unthätig hier zu warten, auch konnte mit solchem leichten obschon unsicheren Fahrzeug der Weg bedeutend schneller zurückgelegt werden.

Nach kurzer Zeit lag denn auch, auf Anordnung des freundlichen Engländers, ein Kanoe mit fünf Mpondaleuten bemannt zu unserer Verfügung, und während ich im +store+ (Magazin des Fort's) noch Einiges, als Kochgeschirr und namentlich Streichhölzer zu kaufen suchte, besorgte Herr Franke das Einladen unserer Effekten. Unserm Bedarf entsprechend, konnte ich auch einen passenden Topf auftreiben, aber von Zündhölzern war auch nicht eines zu bekommen, vielmehr bot der Manager (Verwalter) für eine einzige Schachtel den enormen Preis von 3 Penni = 28 Pfennigen, wenn aus den Beständen der Expedition ihm solche würden abgelassen worden sein, und unter 6 Penni = 50 Pfennig würde er im glücklichen Besitz von einer Anzahl Schachteln keine wieder verkaufen. So abgebrannt wie die Engländer waren wir zwar noch nicht, wir wollten unsern geringen Vorrath nur etwas ergänzen, aber deshalb auch außer Stande den großen momentanen Mangel an Zündwaare abzuhelfen.

Ehe ich mich den Ereignissen wieder zuwende, welche uns auf der Rückfahrt nach Mpimbi entgegentraten, will ich zur Erläuterung erst etwas über die militärische Expedition des Majors von Wißmann anführen, eine Ergänzung aber gelegentlich später, als ich über deren Verlauf besser orientirt war, folgen lassen.

Zuerst wurde in Monkeybai, nahe der nördlichen Spitze der Halbinsel Levingstonia, dem besten Hafen am ganzen See, geankert. Dieser Hafen von mächtigen Felsenmassen eingefaßt und durch vorgelagerte Granitinseln geschützt, ist abgesehen von seiner guten Lage der einzige Punkt im Süden, wo eine größere Menge Brennmaterial für die Schiffe erhältlich ist, und deshalb ein Anlaufen hier nothwendig, weil auf eine Strecke von über 150 Seemeilen keine weitere Holzstation angelegt werden konnte. Von hier über das Vorgebirge Kap Maclair hinaus, in nordnordwestlicher Richtung, erscheint von diesem etwa 30 Seemeilen entfernt, der isolirte Bergkegel Rifu, dessen mächtige Felsenmassen die flache und offene Leopardbai abschließen.

Die Boote im Schlepptau, die nothwendiger Weise stark bemannt wurden, weil es an Deck des Dampfers für so viele Menschen an Raum gebrach, war bis hierher die Reise gut verlaufen, denn die Winde, in dieser Jahreszeit unbeständig, wühlen den See seltener auf, wodurch dieser in seiner erhabenen Ruhe wie ein ungetrübtes klares Gewässer erscheint, das den Anschein erweckt, als würden diese Fluthen niemals vom Winde erregt im wilden Tanze umhergeworfen und gefährlich werden können. Hinter diesem hohen Bergkegel -- Kap Rifu -- tritt das flache Land, umkränzt nur von niedrigen Hügeln weit zurück und hinter Busch und Baum verborgen, vom See aus schwer zugänglich, liegt hier das Dorf Katuru, von welchem aus nach dem anderen Ufer des Sees, dem Orte Losefa, im Lande Makangilas, eine arabische Fähre mittelst Dhaus unterhalten wird, hauptsächlich zum Zwecke im Dorfe Katuru angekommene Sklavenkarawanen über den See zu führen.

Dem Major war es bekannt, daß sämmtliche arabische Fahrzeuge auf dem Nyassa-See allein nur dem Zwecke dienen, die aus dem fernen Innern Afrikas herangeschleppten armen Sklaven meistens in das portugiesische Gebiet überzuführen, von wo sie dann weiter bis zur Küste des indischen Ozeans gebracht werden, deshalb griff er, als unvermuthet eine solche Sklavendhau hinter Kap Rifu in Sicht kam, sofort ein und nahm die Verfolgung mit seinem großen Boote, in dessen Bug wir noch in Fort Johnston eine kleine Schnellfeuerkanone angebracht hatten, auf. Die Besatzung dieser Dhau, unter Land von Windstille befallen, suchte mit allen Kräften noch zu entrinnen und ihr leichtes Fahrzeug vorwärts zu bringen, was bei der beträchtlichen Entfernung zwischen Boot und Dhau auch wohl gelungen wäre, wenn nicht eine vor deren Bug auf dem Wasser einschlagende Granate, als Warnungsschuß, dem Bestreben ein Ende gemacht hätte. Wie auf Kommando stürzte die Besatzung vollständig kopflos sich auf die eine Seite und in das Wasser, wobei durch das plötzliche Uebergewicht die Dhau zum Kentern gebracht wurde und ihr Inhalt, von welcher Beschaffenheit auch immer, verloren ging, während die Leute sich durch Schwimmen an das Ufer zu retten suchten.

Eine nähere Untersuchung ergab, sobald das kieloben treibende Fahrzeug erreicht war, daß nichts weiter übrig blieb, als es zum Gebrauch unschädlich zu machen, es aufzurichten und eventuell mitzuschleppen, wäre eine unnütze Mühe gewesen; darum, nachdem einige Planken durchgeschlagen waren, zum Sinken konnte es nicht gebracht werden, überließ man es dem Spiel der Wogen. Die Zerstörung dieser Dhau vom Standpunkt des internationalen Vorgehens gegen das schändliche Gewerbe der Sklaverei betrachtet, müßte man diesen Akt unbedingt billigen, schon aus dem Grunde, als den verschlagenen Sklavenhändlern sonst so schwer beizukommen ist; die Vernichtung ihrer Hilfsmittel, wo immer solche zu erlangen sind, aber als ein Gebot der Nothwendigkeit ansehen, um ihnen das Handwerk, wenn auch nicht gänzlich zu legen, so doch nach Möglichkeit zu erschweren. Indes ist die Verurtheilung der Sklaverei auch im Bund der Völker eine allbekannte Thatsache, und werden Anstrengungen aller möglichen Art zu deren Unterdrückung ins Werk gesetzt, so muß man doch sich fragen, ob auch alles Nebeninteresse dabei ausgeschlossen ist. Daß die Leiter der verbundenen Staaten mit redlichem Willen das Ihre thun, ist selbstverständlich, nur wo die Ausführung nicht in bewährte Hände gelegt ist als z. B. im portugiesischen Gebiet, wird auch die beste Verfügung illusorisch -- was aber weit auffälliger ist, daß die erfahrene und selbstbewußte englische Verwaltung das Vorgehen des Majors von Wißmann als einen Eingriff in ihre Rechte auszulegen suchte, ohne jemals vorher die ernste Absicht und Mittel gehabt zu haben, auf dem weiten Gebiet des Nyassa-Sees den Sklavenhandel zu steuern.

Freilich das Prinzip auf dem Handelswege möglichst weit die Vorposten vorzuschieben und dadurch sich das allmählige Uebergewicht in unbekannten Ländern anzueignen, hat sich als sehr vortheilhaft bewährt, dabei aber nur auf sehr beträchtlichen Entfernungen einzelne Militärstationen als Stützpunkte anlegend, mußte die unglaubliche Gier nach Länderbesitz das Näherliegende außer Acht lassen und wie weit sich auch im Laufe weniger Jahre das englische Protektorat, was in den Augen des Engländers gleichbedeutend mit Besitz bezeichnet werden kann, über ungeheure Ländermassen ausgedehnt, blieben doch aus Mangel an geeigneten Machtmitteln die bekannten Sklavenausfuhren eine ungehinderte Thatsache. Und hätte nicht der Neid, mehr noch die Besorgniß, das Vorgehen der deutschen Expedition und die in Dienststellung des Dampfers »Herrmann v. Wißmann« könnte dem englischen Einfluß Abbruch thun zu einem energischen Vorgehen Veranlassung gegeben, hätte sich in den letzten beiden Jahren die Sachlage wohl unwesentlich geändert. England, Alleinherrscher auf diesem weiten Gebiet, Portugal kommt garnicht dabei in Betracht, sieht in dem Erscheinen der jungen deutschen Macht einen überaus gefährlichen Konkurrenten und wacht daher um so eifersüchtiger über seine angemaßten Rechte!

Was nun speziell den erwähnten Vorfall betrifft, der auf dem freien Gewässer des Nyassa-Sees stattgefunden, so wurde nach Bekanntgabe des Vorganges darauf von Seiten der englischen Verwaltung Gewicht gelegt, daß das durch die Verfolgung gekenterte Fahrzeug überhaupt keine Sklavendhau, vielmehr ein mit werthvollem Elfenbein beladenes Fahrzeug gewesen sei, und dadurch eine Schädigung englischer Interessen stattgefunden habe. Diese Behauptung zweifelhaften Ursprungs aber fällt in sich zusammen sobald man bedenkt, daß weder das Dorf Katuru noch Losefa in Makangilas Land von einem Engländer betreten werden durfte; diese kriegerischen feindlich gesinnten Volksstämme hatten bisher jeden Eingriff blutig abgewiesen, und, als im Jahre 1894 die englische Flotte aus drei Schiffen bestand, da erst wurde vorgegangen und am selben Orte, wo Major Wißmann die Dhau zerstören ließ, wurden zwei andere voll Sklaven und vielem Elfenbein abgefangen. Dieser große Erfolg schwellte natürlich den englischen Stolz, -- aber, als sie noch machtlos waren, solche Dhaus abzufangen, da mußten sie ein gleiches Vorgehen von deutscher Seite einer abfälligen Kritik unterziehen, -- würden wir in den Herzen unser uns äußerlich freundlich gesinnten Vettern schauen können, würden wir auf tiefem Grunde wohl herzlich wenig Wohlwollen für uns entdecken können, -- dieses ist die ausgesprochene Meinung aller, welche in der weiten Welt auf gleichem Terrain mit den Engländern den Kampf um die Güter der Erde aufgenommen haben. Der englische Leu fühlt die Krallen des deutschen Adlers und sucht ihn vergeblich von sich abzuschütteln, -- nicht mehr blos mit dem Volke der Denker, das seinen Idealen nachgestrebt, hat er es heute zu thun, die geistige Erstarkung, verbunden mit der erwachten selbstbewußten Kraft des deutschen Volkes tritt ihm hindernd auf allen Gebieten entgegen, er wehrt sich, aber seine Klauen sind stumpf geworden.

Im weiteren Verlauf der Reise machte zwischen den Bentje-Inseln und Kota-Kota die Expedition auch die Erfahrung, daß der Nyassa-See auch ein anderes Gesicht zeigen kann, wenigstens gab er eine kleine Probe wie ungemüthlich seine Gewässer gelegentlich werden können. Von Bandawe der schottischen Missionsstation, nach Deep-Bai (Pankanga) und von dort querüber nach Amelia-Bai, heute Wind-Hafen, wo anfänglich der Major beabsichtigte, eine Station anzulegen, wurde über Karonga der einzig günstige Platz im Norden des Sees, die Landzunge Kambira, nach großen Schwierigkeiten erreicht. Hier wurde dann die Station Langenburg vom Major v. Wißmann errichtet, die für die weiteren Unternehmungen der Stütz- und Ausgangspunkt sein sollte, später als dann unter diesem Schutz die etwa sechs englische Meilen nördlicher gelegene deutsche Missionsstation Ikombe erbaut war, wurde auch das friedliche Werk der bis hierher vorgedrungenen Missionare gefördert.

Lange Monate später erst gelangten diese erwähnten Vorgänge zu meiner Kenntniß, nachdem ich schon selbst Gelegenheit gehabt hatte, mit dem See und dessen Umgebung mich etwas vertraut zu machen, und werde ich weiterhin bei der Beschreibung des Sees und der Bevölkerung eingehender auf die einzelnen Punkte, sowie auf den weiteren Verlauf der vom Major von Wißmann geleiteten Expedition zurückzukommen suchen.

Indem also nun im Moment der Abfahrt von Fort Johnston die große Expedition thatsächlich getheilt worden, war es der wegen des gewaltigen Materials nur langsam vordringenden Transportexpedition überlassen, die Verfügungen und Befehle des Majors, der von allen Vorgängen nach Möglichkeit unterrichtet werden mußte, nach bestem Können und Wissen auszuführen.

Zwölf Uhr Mittags mochte es geworden sein, als wir das zur Abfahrt bereitliegende Kanoe betraten, um die Rückfahrt zu beginnen. Da mir die nähere Untersuchung des ganzen Flußbettes zur Aufgabe gemacht war, war ich bestrebt, die Tiefenverhältnisse eingehender zu untersuchen, als wie es auf der Fahrt zum See hatte geschehen können, und gleicherzeit möglichst genaue Karten und Entwürfe vom ganzen Flußgebiet anfertigend, brachte mich diese Beschäftigung über das Beschwerliche dieser Reise hin; namentlich bestand das Letztere darin, daß man in solchem schmalen, ausgehöhlten Baumstamm viele Stunden lang ganz still sitzen mußte, höchstens den Oberkörper und die Arme bewegen konnte.

Unkenntniß in der Handhabung eines Kanoe oder Unvorsichtigkeit nur, bringen Gefahr, leicht mit solchem runden Stamm umzukippen, jedoch hat eine Kanoefahrt in den Händen bewährter Leute nichts Besonderes auf sich; wir freilich mit unserer tiefbeladenen Nußschale mußten etwas vorsichtiger sein.

Die Absicht, an diesem Tage nur bis zum Malombwe-See zu fahren, ließ uns Zeit finden, unter dem Berathungsbaum, einer mächtigen Tamarinde, inmitten des Dorfes Towowo (Fumo Towowo) längere Rast zu halten, eigentlich nur aus dem Grunde, eine Zeit lang den glühenden Sonnenstrahlen zu entrinnen. Die Scheu, welche sonst die Eingebornen Europäern gegenüber an den Tag legen, war bald überwunden und dem Beispiel des weißhaarigen Fumo folgend, der neugierig allerlei zu wissen begehrte, kamen selbst Frauen und Mädchen und boten bescheiden ihre geringen Landprodukte an, von denen wir um ein Geringes auch unsern kleinen Vorrath ergänzten; wir stellten auch die schwarzen Schönen durch den Ankauf zufrieden, was hingegen bei den Männern weniger der Fall, als diese von uns Pulver begehrten, welches wir nicht besaßen, auch nicht als Tauschartikel hätten benutzen dürfen.

Späterhin dem Malombwe-See näher gekommen und bis zur Mündung des bereits erwähnten Nebenflusses angelangt, nahm ich mir die Mühe, denselben näher zu untersuchen, war es doch gleichgültig, wo wir zur Nacht unser Quartier aufschlugen, jeder trockene Platz eignete sich dazu, sofern ein solcher nur frei gelegen war und nicht allzu viele blutdürstige Mosquitos uns lästig wurden. Gegen den starken Strom trieben wir also das Kanoe vorwärts und sahen zur Linken bald eine üppige Bananenpflanzung vor uns, hinter welcher, wie wir aus Erfahrung wußten, meistens immer ein Dorf, zum Mindesten einige Hütten verborgen liegen. Bedacht darauf, die in Aussicht stehende Annehmlichkeit, anstatt unter freiem Himmel, die Nacht in einer selbst räuchrigen Hütte verbringen zu können, uns zu Nutze zu machen, suchten wir das kleine verborgen gelegene Dorf auf und hatten auch wirklich den Erfolg, die Gastfreundschaft über Erwarten ausgeübt zu sehen, indem uns die beste Hütte mit zwei Kitanden darin, zur Verfügung gestellt wurde.