Part 45
Wie richtig die Vermuthung gewesen, die Araber könnten vielleicht doch einen Handstreich unternehmen, zeigte sich, als in Wirklichkeit ein solcher geplant worden war, und zwar hatte sich die Kolonne in der ersten Nacht nicht weit das Rambirathal aufwärts gelagert, um durch einen nächtlichen Ueberfall sich wieder in den Besitz der Sklaven zu setzen. Wie eine zuverlässige Nachricht ergeben hat, war der Führer besonnener als die rachedürstenden Sklavenjäger und weil keine rechte Einigkeit erzielt wurde, unterblieb ein Angriff auf die Station.
Es war gewiß ein schwerer Verlust den die Räuber erlitten hatten, als sie ohne ihre Sklaven abziehen mußten; sie trachteten daher sich durch Jagden auf die im Gebirge wohnenden Wakinga schadlos zu halten, fanden aber solchen ernsten Widerstand, daß sie unter Verlust von Trägern und Elfenbein fliehen mußten.
Weit her vom Innern Afrikas, wo diese Räuberhorden die friedlichen Dörfer überfallen, die Männer, Väter und Brüder der befreiten Sklaven erschlagen lagen, wurden diese Opfer unmenschlicher Raubgier in die Sklaverei und einem ungewissen Schicksal entgegengeführt. Wie viele der Unglücklichen, in die Sklavenscheere gespannt, sind wohl am Wege niedergesunken, kraftlos und schwach, die selbst der unbarmherzige Treiber nicht mehr mit harten Schlägen vorwärts bringen konnte, und wurden verlassen in der Wildniß, ein Raub der Hyänen und anderer Thiere. Kann auf monatelangem Marsch, oft Hunger und Durst erleidend, eine Mutter, erschöpft und unfähig, ihr Kind, neben der ihr aufgebürdeten Last, nicht mehr nähren oder tragen, reißt ihr ein Unmensch den Säugling fort und schleudert das hungernde Wesen ins Gebüsch am Wege, um dann noch die Unglückliche mit Peitschenhieben weiterzutreiben. Barmherzig ist noch der zu nennen, der einen Sklaven, wenn er absolut nicht mehr fort kann, den Gnadentod giebt -- der Gefesselte kniet nieder und ein Schlag mit dem schweren doppelschneidigen Dolch macht dessen Leiden ein Ende. --
Hier hatte man den Müttern nur die Säuglinge und die kleinsten Kinder gelassen, sonst alle Bande mit grausamer Hand zerrissen. Was wunder, wenn sie mit stoischem Gleichmuth alles über sich ergehen ließen, selbst die Wiedergabe ihrer Freiheit für nichts achteten, in dem Befreier eher einen neuen Herrn als einen Wohlthäter erblickten. Was war die Freiheit noch werth für sie, wo man ihnen die Heimath und alles Liebe genommen!
Sieht man an Ort und Stelle dieses Elend, dann möchte man an das Schicksal die Frage richten, wann endlich werden die Völker Afrikas von dem furchtbaren Joch, unter dem sie seit Jahrhunderten seufzen und verkommen, befreit, wann wird die Macht der Araber gebrochen und ihrem schändlichen Gewerbe ein Ende gemacht sein! --
Segensreich ist das Wirken der Missionare, in ihrem Schaffen und Streben bethätigen sie die Liebe zur Menschheit und den Antheil, den sie an der Kulturarbeit haben, ist ein großer, es ist ein Pflichtgebot aller Kolonial-Staaten, den christliche Konfessionen das Feld frei zu geben, sie mit der ganzen Macht zu schützen; in dem Vertrauen, das sie sich durch stille mühevolle Arbeit erringen, liegt schon die hohe Gewähr für ein aufkeimendes Kulturleben. Dies erkennend, hat auch Major v. Wißmann den deutschen Missionaren im Norden des Nyassa-Sees freie Hand gelassen, ihnen Schutz und Beistand gewährt, soweit es in seiner Macht lag. Das dankten sie nun und nahmen in Ikombe und Wangemannshöhe die befreiten Sklaven auf, die auf die Dauer für die Station Langenburg eine Last geworden wären, insofern als die Verpflegungskosten für eine so große Zahl beträchtliche waren, auch lag es außer dem Bereich des deutschen Kommandos die Befreiten in ihre ferne Heimat zurücksenden zu können.
Um hier den Angriffen entgegen zu treten, denen Major v. Wißmann ausgesetzt gewesen, weil er konfessionelle Unterschiede gemacht haben soll, sei erwähnt, daß er den deutschen und den am Tanganjika-See wirkenden französischen Missionaren sein Schiff vorläufig auf ein Jahr zur Verfügung gestellt hatte, d. h. es wurde allen, welche mit dem »H. v. Wißmann« süd- oder nordwärts zu fahren wünschten, freie Passage gewährt, was schon allein in Betreff der bedeutenden Kosten große Anerkennung verdient, da eine gleiche Beförderung mit der langsamen »Domira« für den Betreffenden recht kostspielig war und ich selbst habe während der Zeit, in welcher ich den deutschen Dampfer geführt, eine ganze Anzahl Missionare befördert; trotz solchem beträchtlichen Ausfall an Passagiergeld aber doch noch in wenigen Monaten 8000 Mk. mit dem Schiffe verdient, so daß die Unkosten für Schiff und Station gedeckt werden konnten.
Die Bereitwilligkeit der deutschen Missionare, die armen Sklaven in ihre Obhut zu nehmen, führte dazu, daß so eingehend als möglich nachgeforscht wurde, in welchem Lande diese geraubt worden waren und das Resultat war, daß alle diejenigen, etwa 30 Weiber und 20 Kinder, die angaben, an der Grenze der englischen Interessensphäre aufgegriffen zu sein, zurückbehalten werden mußten, da der englische Vertreter in Dunp-Bai Mister Crawshay solche reklamirt hatte, um sie, wenn angängig, in ihre Heimath zurückzusenden. Viel zu ängstlich und nicht begreifend, was der weiße Mann mit ihnen vorhat, kam es vor, daß bei der Feststellung Mütter ihre Kinder irrthümlich zur Mission ziehen ließen und erst als die Einschiffung stattfinden sollte, nach diesen verlangten und weinend baten bleiben zu dürfen wo ihre Kinder sind, sie sahen nun erst ein, es würde eine Trennung für immer sein.
In Abwesenheit des Herrn v. Eltz, der am 13. Dezember auf die Nachricht hin, der Häuptling Marara sei gestorben, eilig hatte aufbrechen müssen, um, wie es von den Söhnen des Verstorbenen gewünscht wurde, aus ihrer Mitte den neuen Sultan zu wählen und einzusetzen, suchte ich der Schwierigkeit, die Mütter mit ihren Kindern wieder zu vereinen, dadurch abzuhelfen, daß, wo letztere nicht so schnell herbeigeschafft werden konnten, erstere auf ihren speziellen Wunsch zurückblieben und später ebenfalls der Missionsstation überwiesen wurden, bei welcher die halberwachsenen Kinder Aufnahme gefunden hatten. Die Einschiffung der Weiber und Kinder unternahm ich am 14. erst dann, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß alle, die bestimmt waren, den Engländern übergeben zu werden, keinen Wunsch mehr hatten, namentlich keine Mutter durch ihr eigenes Versehen von einem ihrer Kinder getrennt werde. Manch armes Weib, von übernatürlicher Furcht beherrscht, konnte aufgefordert nicht mal für sich sprechen, kroch auf Händen und Füßen heran und weinte nur, erst von den Schicksalsgenossen konnte mit Mühe erfahren werden, wie es um solches bestellt war und warum es weint.
Schrankenlose Furcht muß der Araber den geraubten Sklaven einzuflößen wissen, sonst ist es nicht verständlich, wie menschliche Wesen gleich gescholtenen und geschlagenen Hunden vor ihren Herren so sich beugen und im Staube kriechen können. Selbst das offenbare Wohlwollen, das der Europäer ihnen zeigt, selbst die Aufforderung aufrecht vor diesen zu stehen oder wenigstens zu sitzen fruchtet nichts, und wahrlich, jeden muß es mit äußerster Erbitterung gegen diejenigen erfüllen, die den freien Menschen solchen Sklavensinn einzuflößen vermochten. Herzlose Grausamkeit, die Beraubung alles dessen was solchen Geschöpfen einst lieb und theuer war, kann diese nur so tief beugen. Vor dem Richterstuhl menschlicher Gerechtigkeit müßten solche Räuber, die Feuer, Tod und Elend in die Hütten friedlicher, wehrloser Menschen tragen, niemals Gnade finden, unerbittlich dem Tode verfallen, der für all den Jammer und Elend kaum eine Sühne zu nennen ist; es sollte jeder erreichbare Sklavenjäger damit bestraft werden und so für seine Thaten büßen.
Mehrfach kam eine Kunde zu uns, die meines Wissens keine Bestätigung gefunden hat, daß weit im Innern Afrikas ein Volksstamm von heller Hautfarbe wohnen soll; kaum denkbar ist es, und befanden sich unter den geraubten Sklaven zwei, ein Mädchen und ein junger Mann, die ich für Geschwister hielt, von heller kupferbrauner Färbung. Auch diese gehörten zu der Zahl, welche ihre Heimat weit im Westen vom Nyassa-See liegend, bezeichnet hatten und auch an der englischen Administration in Pankanga ausgeliefert werden mußten. Ich war erst versucht, diese beiden für die Nachkommen eines reinblütigen Arabers zu halten, doch wiederum die Gesichtsbildung, die keinen Negertypus verrieth, ebenmäßig, hübsch sogar zu nennen, machte mich zweifeln, wozu die Annahme, daß, wäre meine Voraussetzung richtig gewesen, diese wohl nicht als Sklaven von den Arabern behandelt worden wären, das ihre beitrug, allein ich konnte nichts genaueres erfahren.
Noch am Abend des 14. Dezembers, nach einer stürmischen Ueberfahrt -- zu allem schon ausgestandenen Leiden mußten die Weiber und Kinder noch die Seekrankheit kennen lernen -- traf ich in Pankanga ein und übergab im englischen Fort dem in Abwesenheit des Mister Crawshay den Befehl führenden Sikhs Unteroffizier alle, dafür sorgend, daß ihnen Wohnung und reichlich Speise und Trank verabfolgt wurde.
In Bandawa angekommen erfuhr ich, daß etwa 20 Seemeilen südlich vor der Bana-Point, der Dampfer »Ilala« zusammengebrochen sei. Auf diese Nachricht hin, die von Eingeborenen vor mehreren Tagen schon an Dr. Elmslin überbracht worden war, beschloß ich dennoch unverzüglich aufzubrechen und das Schiff zu suchen, weil mir bekannt war, daß erstens an Bord der »Ilala« kein Boot sich befand und zweitens ein etwas heftiger Südost-Wind, der eine schwere See in der Marenga-Sanga-Bucht hineinfegen mußte, das Schiffchen äußerst gefährden konnte. Die ganze Küste von Bandawa südwärts und die große Bucht suchte ich ab, und schließlich fand ich den Dampfer noch unterhalb der Bana-Point auf flachem Wasser, in gefährlicher Lage vor.
Da es nicht möglich war, mit dem »H. v. Wißmann« der »Ilala« nahe zu kommen, war es das Erste, diese in tieferes Wasser zu bringen, dann erst wurde versucht ob wir den Schaden am Dampfkessel nicht repariren könnten. Dies indes stellte sich nach 36stündiger Arbeit als unmöglich heraus und dem Führer blieb nichts anderes übrig, als mein Angebot, sein Schiff nach Fort Johnston zu schleppen, anzunehmen. Zum Glück, was in dieser Jahreszeit seltener der Fall, behielten wir einigermaßen gutes Wetter, sodaß wir schon nach einigen Tagen ohne weiteren Unfall vor der Schirebarre ankern konnten.
Schon die Reise vorher, als ich kaum vor der Schirebarre vor Anker gegangen war, kam mit mehreren kleinen Kanoes, der mit der Bewachung der deutschen Nation betraute Suaheli Hamissi mit der überraschenden Nachricht an Bord, daß sowohl die deutsche, als auch die nebenliegende englische Handelsstation von Leuten Kassambe's und im Einvernehmen mit diesen, Mgonda-Leute, die Stationen überfallen hätten, aber, obwohl die Banden zurückgeschlagen wurden, wären die Angriffe doch nächtlicher Weile immer wieder erneuert worden. Mir blieb darauf hin nichts anderes übrig als von den für die englische Administration angeworbenen Abonga eine Anzahl guter Leute auszuwählen, alle gut bewaffnen und sie als Verstärkung in die deutsche Station zu legen; ich rechnete darauf, es würde den Feinden unbekannt bleiben, wieviel Gewehre in der Station seien und sie sich großer Gefahr aussetzen, wenn sie aufs neue einen Ueberfall versuchen sollten. Fast unter den Kanonen von Fort Johnston -- die beiden Stationen liegen nur etwa 10 Minuten oberhalb desselben -- wagten doch die Feinde, wohlunterrichtet wie schwach das Fort besetzt war, solche Angriffe und es blieb zum eigenen Schutz nichts übrig, als die unbeschützten Stationen ebenfalls durch Erdwerke und Pallisaden zu befestigen.
So war die Weihnachtsnacht herangekommen und in Sicherheit gewiegt, da seit mehreren Wochen alles ruhig geblieben war, hatten die drei auf der englischen Station anwesenden Europäer, wozu sich noch später der Führer der »Ilala« gesellte, auch ich war eingeladen worden, beschlossen, Christmas (Weihnachten) zu feiern.
Wie gewöhnlich, da der Engländer, die deutsche Sitte, einen Christbaum auszuschmücken, weniger kennt, besteht die Feier nur aus einem Festessen, das mit Whisky und Sodawasser oder anderen Getränken, wenn solche vorhanden und erhältlich sind, gewürzt wird. Mir lag an solcher Feier nichts, zumal ich an Bord einen provisorischen Christbaum ausgeschmückt hatte und es vorzog, mit meiner Mannschaft das Fest in deutscher, sinnigerer Art zu begehen, darum folgte ich der Einladung nicht, obwohl ich, hätte irgend ein Anzeichen vorgelegen, daß die Stationen gefährdet sein könnten, sicher Vorkehrungen getroffen haben würde, wenigstens die deutsche, nach Möglichkeit zu schützen. Fraglos war es, daß die Engländer scharf bewacht wurden und von Spionen umgeben waren, denn jeder nächtliche Angriff hatte gezeigt, wie gut die Feinde orientirt waren. So war es auch in dieser Weihnachtsnacht 1893. Die Europäer, die wohl nicht mehr recht taktfest gewesen, suchten erst in später Stunde ihre getrennten Lagerstätten auf um bald in festen Schlaf zu fallen. Da sie sich nur auf die fragwürdige Zuverlässigkeit zweier Wachtposten verlassen hatten, so wurden sie plötzlich durch heftiges Gewehrfeuer aufgeschreckt. Die Feinde, die durch Verräther unterrichtet waren und wohl im Glauben die Weißen würden zu einer schnellen Abwehr nicht fähig sein, hatten ihr Feuer auf die Lagerstätten der Europäer gerichtet und mit solcher Sicherheit, daß die Engländer nur durch Zufall den tödlichen Kugeln entgangen sind. Wie schnell aber auch die immer bereiten Waffen ergriffen und das Feuer auf die Feinde erwidert wurde, schneller war die Besatzung der deutschen Station; sie eilte zu den Erdwällen und, trotz der Dunkelheit, die Feinde auf dem rasirten Terrain hinter der englischen Station erkennend, eröffnete sie ein nutzloses Schnellfeuer, das aber doch die Feinde stutzig machte und diese zum eiligen Rückzug hinter deckendes Gebüsch veranlaßte.
Wohl war von Seiten der Angreifer versucht worden, Feuer an die Grasdächer zu legen, und hätten diese gebrannt, wäre der Ausgang des Kampfes wohl fraglich, zum mindestens der Schaden ganz enorm gewesen, diese aber zündeten zum Glück nicht, weil sie vom Regen durchnäßt waren, der am Abend vorher durch ein furchtbares Gewitter in Strömen niedergegangen war, das auch mich, auf der Fahrt nach dem Schiffe zurück, überrascht hatte. In früher Morgenstunde des ersten Festtages wurde ich durch Boten von den Vorgängen in der Nacht unterrichtet, und an Land gekommen, fand ich auf den Stationen alle noch in ziemlicher Aufregung. Eifrig wurde das Für und Wider erwogen, namentlich wie es den zahlreichen Feinden möglich geworden wäre, ihre Waffen so nahe den in den Häusern Schlafenden abzufeuern, was die Kugellöcher in den Wellblech- und Lehmwänden bezeugten. Die Posten, die nichts vorher bemerkt haben wollten, mußten entweder mit den Feinden im Einverständniß gewesen sein, oder was wahrscheinlicher, ebenso fest wie ihre Herren geschlafen haben.
Wie immer waren auch jetzt vom Fort unternommene Streifzüge im Urbusch vollständig nutzlos, längst hatten die flinken Feinde die sicheren Berge wieder erreicht und waren in Sicherheit, von wo sie wiederkommen, wenn ihnen die Gelegenheit günstig scheint und nicht eher werden solche Ueberfälle unterbleiben, als bis die Engländer stark genug geworden sind, mit dem Häuptling Kassembe gleichwie mit Makangila, abzurechnen.
Während der Regenzeit, die jetzt herangekommen war, liegen regenschwere Wolken über der weiten Fläche des Nyassa-Sees; starke Winde treiben die schwarzen Massen vor sich her, die tiefhängend, die mächtigen Felswände dem Auge entziehen. Plötzliche Sturmböen fegen mit rasender Gewalt von den Bergen herab und wühlen die leicht erregten Fluthen auf, Wind- und Wasserwirbel fliegen über diese hin, und im Gegensatz zum blinkenden Sonnenlicht liegt eine graue Dämmerung über die bald ruhigen, bald schaumgekrönten Wogen des Sees gebreitet. Nah und fern hallt der Donner, tausendfachen Wiederhall erweckend, und zuckende Blitze rings um den Horizont erscheinen wie hunderte glühender Schlangen, die das Wolkenmeer zertheilen. Die Atmosphäre ist mit Elektrizität überladen, die Luft schwül und drückend, bis das Unwetter hereinbricht mit einer Gewalt, wie nur die Tropenwelt sie kennt. Und unbeirrt durch alles dies zieht der »H. v. Wißmann« seine Straße, bald gegen Sturm und Wellen kämpfend, bald die beruhigten Gewässer durchfurchend.
Vor Likoma lagen wir in der Scheidestunde des Jahres 1893 zu Anker und begingen die Neujahrsfeier im Verein mit den englischen Missionaren an Bord des »H. v. Wißmann«. In mitternächtlicher Stunde donnerten die Geschütze, die an Felsen und Rocks von elektrischen Licht erhellt, tausendfachen Widerhall weckten, dem scheidenden Jahr zum Gruß knatterten die Gewehre und prasselnde Leuchtkörper zischten in die Lüfte, die bei dem am Strande versammelten Hunderten Staunen und Verwunderung hervorriefen.
Vor Langenburg eingetroffen, war der längere Aufenthalt daselbst in dieser Anfangsperiode der Regenzeit zuweilen recht unangenehm. Nordwestliche Winde, wenn auch nicht stürmisch, regten doch den See so auf, daß das dort vor Ankerliegen namentlich Nachts recht ungemüthlich wurde, dazu die furchtbaren Regenschauer, die über alle Beschreibung schrecklichen Gewitter. Die Feuerschlangen, die oft die dunkelste Nacht momentan wie mit magischem Lichte erhellten, zuckten unablässig aus der tiefhängenden Wolkenmasse hernieder, die an der Felsenwand des Livingstone-Gebirges sich aufgeballt; prasselnd folgte Schlag auf Schlag, der furchtbarste Donner hinterher, mit einer Gewalt, als würden die Felsen zersplittert, und der Furchtbarkeit der entfesselten Elemente steht Mensch und Thier schaudernd und zitternd gegenüber. Jeder Blitzstrahl, der in nächster Nähe des Schiffes herniederfuhr und heller als das Tageslicht die mächtige Dunkelheit durchzuckte, schien die hohen Masten des Schiffes treffen zu wollen. Obgleich keine unmittelbare Gefahr vorhanden, da gute Blitzableiter an denselben angebracht waren, so war es doch geradezu unheimlich, sich noch in geschlossenen Räumen, die nahe den Masten auf oder unter Deck lagen, aufzuhalten; der blendend zuckenden Gluth, die scheinbar aus einem wallenden Feuermeer herabfuhr, dem furchtbar wüthenden Elemente schaute man lieber im Freien zu. Schwefelgeschwängert war die Luft, schwer und drückend, wie ein Alp machte sie die Sinne befangen und selbst die That und Willenskraft erlahmte unter einem eigenthümlichen Gefühl der Bangigkeit, welches man nicht abzuschütteln vermochte. Auf den Ozeanen finden die wildesten Gewitterstürme, die rasenden Orkane und Pamperos etc., abgesehen von der alles zerstörenden Gewalt des Windes, sind mir die Entladungen der Elektrizität nie so furchtbar erschienen, wie hier auf dem Nyassa-See. -- Reich und üppig sprießt die Natur, nun der Regen die durstige Erde durchtränkt hat, auf Bergeshöhen und in den Thälern blüht und grünt es, als hätte eine Zaubermacht mit einem Schlage schlummerndes Leben geweckt --, den Frühling brachte die Regenzeit. Korn und Erdfrüchte, als Mais, Mtama, Bataten etc., hat, auf reiche Ernte hoffend, der Bewohner Afrikas in die Erde gebracht, alles treibt mit Macht zum Licht empor und verspricht den erhofften Segen, der nicht ausbleiben darf, den die gütige Mutter Erde tausendfach spenden muß, sollen nicht viel tausend Menschenkinder, die keinen anderen Ernährer finden, noch kennen, durch Hunger und Elend zu Grunde gehen.
Und sie thut es auch, sie lohnt dankbar auch die kleinste Müh und Arbeit. Aber was sie überreich gespendet, was sie fast mühelos dem unter einer heißen Sonne geborenen Menschenkinde in den Schoß wirft, ist doch mitunter gefährdet ehe noch die Frucht zur Reife gelangt; dann dem Hunger preisgegeben, wenn die Vorrathskammern leer, steht der arme Neger und schaut der Vernichtung seiner Felder zu, der er, machtlos gegenüber, nicht Einhalt gebieten kann.
Die Heuschrecke ist sein schlimmster Feind, zu Millionen in blühende Gefilde einfallend, vernichten sie jede Hoffnung, keinen Grashalm, Blüthe noch Blatt verschonen sie, und ziehen sie wieder, lassen die Schaaren Schrecken und Tod zurück. Vom Tanganjika-See herunter waren die gefräßigen Thiere gekommen, an den Abhängen des Livingstone-Gebirges eingefallen und hatten der Ernte der Eingeborenen und aller Vegetation Vernichtung gebracht. Tausende schwirrten auf Strauch und Bäumen, tausende in der Luft umher, jeder Grashalm war dicht besetzt und zahllos die unersättlichen Nager; jeder Fußtritt im kahlgefressenen Grase, selbst noch an den dürren Stengeln, scheuchte hunderte auf, die gewaltigen Blätter der Bananen und deren wohlschmeckende Frucht wurden eine willkommene Beute, kahl ragt der saftige Stamm dieser herrlichen Pflanze in die Lüfte, ein trauriges Bild unglaublicher Vernichtung darstellend; selbst die abertausend jungen Keime der gewaltigen Baumriesen, Baobab und Tamarinden, verschonte das Thier nicht.
Welche Verheerung in kurzer Zeit die Heuschrecke anzurichten vermag, sah ich hier auf der Rambira-Landzunge und am Fuße des Gebirges zum ersten Male, und doch waren es nur kleine Schwärme, die sich hier niedergelassen hatten. Viel verheerender haben sie die Länderstrecken ostwärts heimgesucht: später auf dem Heimwege, im ganzen Schirethal fand ich nur ödes Land, Vernichtung überall, die die bitterste Noth und den Hunger im Gefolge haben mußte.
Am 9. Januar 1894 trat ich wieder die Reise südwärts an und war erst wenige Tage von Langenburg entfernt, als dort ganz unerwartet am 13. die Nachricht eintraf, daß Seine Exzellenz der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Freiherr von Schele, mit einer gewaltigen Expedition am nächsten Tage in Langenburg eintreffen werde.
Auf einer militärischen Expedition begriffen, war Freiherr von Schele von der Küste aus bis zum Fuße des Livingstone-Gebirges vorgedrungen und nun dem Nyassa-See ziemlich nahe, beschloß er, sich persönlich von der Lage der deutschen Station und den Verhältnissen am See zu überzeugen. Wohl war das Ueberschreiten des hohen Gebirgskammes mit 600 Mann keine Kleinigkeit, aber quer durch das Gebiet der Wagwangwara, an steilen Abhängen entlang den Weg suchend, erblickten die zahlreichen Theilnehmer -- 17 Offiziere allein begleiteten den Gouverneur -- auf der Höhe der Kayser-Bucht den im Sonnenglanz gebadeten Nyassa-See zuerst. Schwieriger noch ward der Weg von hier nordwärts, entlang den tiefen Felsengründen, und mehrere Maulthiere stürzten vom schmalen Gebirgspfad abwärts in die Tiefe, die aufgegeben werden mußten, da keine Möglichkeit vorhanden war, diese Thiere aus den Abgründen wieder herauszuschaffen.
Nach Eintreffen des Gouverneurs in Langenburg wurde unverzüglich ein Eilbote über Land nach Karonga gesandt, der, wie gehofft wurde, dort die Domira vielleicht noch antreffen könnte, die mir dann den Befehl zur sofortigen Rückkehr überbringen sollte. Allein nur einen Tag zu spät traf der Bote ein, und obwohl dem Schiffe noch bis Pankanga nachgeeilt wurde, war dieses auch schon von dort wieder abgefahren.
In voller Unkenntniß der Ereignisse im Norden (mir Nachricht zu senden, war ja ausgeschlossen), setzte ich meine regelmäßige Tour südwärts fort; selbst in Amelia-Bai, wo ich einer sich sammelnden Araber-Karavane den Bescheid bringen sollte, daß sie mit dem Schiffe später abgeholt werden würde, wußte man von der Annäherung der deutschen Expedition noch nichts.
Am Südende des Sees feierten wir am 27. Januar noch Kaisers Geburtstag, und zur selben Zeit als im Süden der »H. v. Wißmann« im Flaggenschmuck aus dem ehernen Mund der Geschütze dem deutschen Kaiser den Gruß entbot, brachte im fernen Norden des Sees der Kaiserliche Gouverneur Frhr. v. Schele auf Station Langenburg seinem Kaiserlichen Herrn ein Hoch aus, und der Mund der Geschütze sandte auch hier der deutschen Pioniere Gruß dem deutschen Kaiser zu.
Am 28. Januar brach ich erst wieder von Fort Johnston auf, erreichte am 2. Februar Amelia-Bai und war überrascht, hier eine ganze Anzahl Araber versammelt zu finden, mehr noch, als der große Häuptling der Wagwangwara Raschid selbst mit an Bord kam und mir ein arabisches Schreiben überbrachte, das vom 28. Januar die Unterschrift des Frhr. v. Schele trug und in Langenburg ausgefertigt war. Was mir kaum glaublich schien, mußte dem Schreiben nach wahr sein, und jeder Zweifel schwand, nachdem Raschid mir den Inhalt desselben in Kisuaheli übersetzt hatte; darnach theilte der Gouverneur Raschid mit, daß er beabsichtige, in den nächsten Tagen mit seiner Expedition aufzubrechen und von Amelia-Bai den Weg über das Gebirge wählen würde, er solle für Proviant etc. in seinem Gebiet Sorge tragen.
Direkt nach Langenburg zu dampfen war mir nicht möglich, weil ich eilige Post und Güter für Karonga an Bord hatte, kürzte aber, dort angekommen, den Aufenthalt nach Möglichkeit ab und setzte die Reise nach Einschiffung des französischen Bischofs Monsigneur Laschaploir und dessen Begleiter, die vom Tanganjika-See hier angekommen waren, fort. Gegen Abend des 3. Februar 1894 vor der deutschen Station eingetroffen, donnerte im Moment, als der Anker in die Tiefe rauschte, vom Schiffe der Kanonensalut für den Gouverneur, und ehe noch der Dampfer wie üblich befestigt war, kam Frhr. v. Schele zur Besichtigung an Bord. Unter der Zahl seiner Offiziere aber fand ich manchen alten Bekannten wieder aus jener Zeit, wo an der ostafrikanischen Küste unter Führung des Majors von Wißmann der große Araberaufstand blutig niedergeworfen worden war.
Tag für Tag hatte man sehnsüchtig auf die Ankunft des »H. v. Wißmann« gewartet und, obgleich ich mit dem Schiffe doch erst zur bestimmten Zeit eintreffen konnte, waren schon alle Vorbereitungen getroffen, mit dem großen Stahlboot und der von Major von Wißmann seinerzeit gekaperten Dhau wenigstens einen Theil der Expedition nach Amelia-Bai abzusenden, selbst nach Ankunft des Dampfers sollte dieser Befehl noch zur Ausführung kommen. Mit der unbeständigen Witterung besser vertraut als jeder andere, war es meine Pflicht, auf die Gefahr aufmerksam zu machen, welche für das offene Stahlboot eintreten mußte, sobald der See vom Winde erregt unruhig werden würde.
Auf die Hinweisung, daß es unter solchen Verhältnissen besser und sicherer sein werde, der Dampfer nehme die Fahrzeuge im Schlepptau, änderte Se. Exzellenz den Befehl und die Abfahrt wurde um einen Tag verschoben.