Chapter 44 of 47 · 3931 words · ~20 min read

Part 44

Die Frage nun, wie so weite flachere Strecken an beiden Seiten des Sees gebildet wurden, da doch angenommen werden kann, daß zusammenhängende Felsenketten von Nord bis Süd vorhanden gewesen sind, muß damit beantwortet werden, daß der breite Eisstrom, wo er an der einen Seite Widerstand gefunden, an der anderen weniger solide Massen fortriß und dadurch den seitwärts auf beiden Seiten vom Hochland herab andrängenden gewaltigen Gletschermassen den Weg frei machte. Wo immer aber die Eismasse durch den gewaltigen Gegendruck zum Stillstand kamen, häuften sie mitgeführte Felsentrümmer über einander, wovon die klarsten Beweise die öden Felsenkonglomerate an der Ostküste geben, als die Insel Neu-Helgoland, Prager, Lundo-Inseln und die Küste bis Mbampa-Bai einsäumenden Felsentrümmer. Vor der gegenüberliegenden Uziza-Bai findet man das gleiche, wenn auch nicht in so ausgedehntem Maße, wo ebenfalls Rocks und Inseln zurückgeblieben sind. Die solide Granitmasse des Mbampa-Berges, umsäet mit Felstrümmern, die sogar bis auf 5 Seemeilen vom Lande ab liegen, konnte, da der die heutige tiefe Bai gebildete Gletscherstrom zu schwach war, sie zu erschüttern, auch dem Druck des Hauptstroms widerstehen und ganz dasselbe ist an der Westküste wiederum mit den soliden Makusa-Hügeln der Fall gewesen. Die großen Inseln Likoma und Kissimulu: wie ich in der Beschreibung erwähnt, ein Conglomerat von Felsen und Hügeln, öde und arm, hat auch hier der von ostwärts herandrängende Gletscherstrom zu der Anhäufung dieser kolossalen Felsmassen beigetragen, wenigstens, da hierzu die granitene Unterlage vorhanden war, konnte auf dieser die mächtigen Felsblöcke mit Steingeröll und Moraine abgelagert werden; auch hier ragen mächtige Felsblöcke aus großer Tiefe auf.

Des weiteren sind der Sani-Berg, Cap Rifu, vor allem die eigenthümlich gestalteten Bentje-Inseln zu erwähnen, ihre Entstehung und Isolirung sind aus denselben Ursachen hervorgegangen. Das Trümmerfeld von Kota-Kota sowohl, wie auch das in der Leopard-Bai zeugt davon, welche Gesteinmassen die Gletscher mit sich geführt haben, und dennoch sind alle erwähnten nur ein kleiner Bruchtheil von denen die der Hauptstrom auf seinem Rücken fortgeführt hat. Ein größeres Hinderniß fand der Eisstrom erst am heutigen Cap Maklair; ohne Frage waren es hier die massiven Felswände, die eine gewaltige Anstauung der Eismassen verursachten und schließlich zu einer Schpaltung führten, die die Bildung der beiden tiefen Einschnitte zur Folge hatte.

Natürlich ist es, daß die Spaltung des mächtigen Eisstromes nun eine größere Ablagerung zur Folge hatte, Felsentrümmer und Morainen in Massen, vielleicht schon vom fernen Norden mitgeführt, häuften sich an, wodurch Inseln, Berg und Hügelketten am Rande des Eisstromes gebildet wurden, die zum Theil die ganze Oberfläche der Halbinsel bedeckten. Der östliche Strom wälzte sich nun längs der hohen Gebirgswand in südöstlicher Richtung fort, Berg und Felsenketten auf seinem Wege durchbrechend, bis in dem heutigen Schirwadistrikt seine Macht durch mehrfache Spaltungen gebrochen war, die einzelnen Arme aber zermalmte Felsentheile und Moraine aufstapelten. Vorausgesetzt ist, daß das heutige Zambesi-Schire-Gebiet in jener Zeitperiode ein tief einschneidender, vielleicht noch weit über den Moramballa-Höhenzug hinausreichender, wenn auch flacher Bestandtheil des indischen Ozeans gewesen ist, in welchem die Eismassen als Eisberge abflutheten.

Der westliche Strom hingegen drang südwärts vor, längs dem heutigen Kirks-Höhenzuge, dessen Verbindung zwischen Cap Maklair und Cap Rifu schon vom Hauptstrom zermalmt wurde, ehe es zur Spaltung desselben gekommen war. Kaum 10 engl. Meilen südlicher durchbrach er dann die Felsenkette, um den heutigen Malombwe-See gelegen und wälzte sich zum jetzigen Schire-Hochland fort. Eine Spaltung dieses Armes muß hier wiederum stattgefunden haben, da der östliche Strom sich im heutigen Michiru-Thal aufwärts schob -- thatsächlich aufwärts, als man erstens die Mächtigkeit des Gletscherstromes in Betracht ziehen und zweitens sich vergegenwärtigen muß, daß vom Nyassa-Hochland bis hierher ein starkes Gefälle die Gewalt des Eisstromes begünstigte -- und bei Blantyr den Durandi-Höhenzug durchbrach. Der andere, der sich über und neben die Murchison-Fälle (den Katarakten) fortwälzte, spaltete sich in viele Arme und füllte, zum Stillstand gekommen, durch die Erd- und Steinmassen das heutige Schire- und Zambesithal aus.

Die heutige Fruchtbarkeit des Schire-Hochlands, die mächtigen Thonlager um Blantyr, abgelagert in tiefen Schichten, daneben gewaltige Bergriesen aufgebaut aus granitenem Gestein, sind alles nur Ergebnisse jenes Gletscherstromes, dessen Gewalt gebrochen, hier Moraine in Massen aufhäufte.

Es ist ein kühnes Facit, zu dem man gelangt, auch nur möglich, wenn die heutige Gestaltung dieses weiten Gebietes als Folge einer viele Jahrtausende währenden Eisperiode zugeschrieben wird; ob darnach auch ein langsames oder plötzliches Schmelzen der Eismassen stattgefunden, jedenfalls hat die Kraft fließender Wasser das Werk vollendet, deren Gewalt um so größer sein mußte, als vom heutigen indischen Ozean bis zum Nyassa-Hochland das weite Terrain terrassenförmig ansteigt. Diese Wasserkraft hat denn auch im Laufe der Zeiten sehr viel verwischt, nicht nur, daß unablässig Material herabgespült wird, tiefe Furchen im harten Gestein gegraben worden sind, mußte zur Zeit, als die Eismassen verschwanden, die Kraft der fließenden Wasser eine ungeheure gewesen sein, die überall in Massen angehäufte Moraine weggeführt und an geeigneten Stellen abgelagert haben.

Ehe nach der Eisperiode Zeit und Wasser dieses alles vollbracht, ehe die heutige, muthmaßlich schon vor Jahrtausenden geschaffene Lage der Ländermassen beendet, waren die Grenzen des Nyassa-Sees in grauer Vorzeit ganz andere; weit ausgedehnt bis zu den im Norden und theilweise im Osten und Westen zurücktretenden Gebirgszügen bespülten die Fluthen fast ein Drittel an Flächenraum mehr als heute, namentlich, wenn man sich den im Verhältniß kleinen Malombwe-See mit dem Nyassa verbunden gewesen denkt. Der Malombwe-See, einst ein tiefes Becken, ist heute nahezu ausgefüllt. Mit wenig Mühe findet man die verschiedenen Stadien heraus, in denen sich der Nyassa-See befunden hat, da zu verschiedenen Zeiten die wellenförmigen Ablagerungen ganz bedeutende gewesen sind. Selbst der Abfluß dieses Sees, der Schirefluß, lag früher weiter östlich, dicht unter den hohen Bergen, Niederungen und Sümpfe lassen sein altes Bett heute noch erkennen.

Es bleibt späterer eingehender Forschung überlassen, diese Theorie, die wie jede andere noch gleiche Berechtigung hat, anzuerkennen oder zu verwerfen, wenigstens habe ich, aufmerksam gemacht, die mir gebotene Gelegenheit benutzt und mit prüfendem Blick, wie es niemand vorher sich hat angelegen sein lassen, nach Beweisen für diese gesucht. Wohl kann es gleichgültig sein und wird dem Laien wenig interessiren, wie dieses mächtige Seeengebiet entstanden ist, doch sieht man selbst die Werke der Natur, hat sich das Verständniß dafür durch weite Wanderungen geschärft, hat man das Walten schaffender Kräfte gesehen und beobachtet, werden überall auf der Erde tiefernste Fragen an einem herantreten, und man fühlt sich versucht zu forschen und nach einer Lösung zu suchen. Entschieden würde eine genaue Untersuchung der Tiefenverhältnisse des Nyassa-Sees, die heute noch gänzlich unbekannt sind, so daß ein vollständiges Bild, sich daraus ergäbe, welches die Beschaffenheit des Beckens klar erkennen läßt, dahin führen, der Wahrheit, zum mindesten der Wahrscheinlichkeit näher zu kommen, auch die Erforschung des tiefen Tanganjika-Beckens, über 100 deutsche Meilen lang, müßte ungemein zur Entstehungsursache des weiten Seeengebietes beitragen; meine zeitweilig auf dem Nyassa vorgenommenen Lothungen, da ich, wo es drauf ankam, keinen Grund gefunden, geben keinen Anhalt.

Die früher schon angeführten, in Stein gegrabenen Zeichen, die ich auf Neu-Helgoland, in Monkey-Bai und an anderen Orten beobachtet hatte, nach denen der See 12-15 Fuß höher gewesen ist, ja selbst nach Aussage alter Eingeborener soll derselbe noch in diesem Jahrhundert mehrere Fuß gefallen sein, lassen kein zweifeln und deuteln zu, wie mit einem Lineal so scharf sind sie abgegrenzt; die verschiedenen Linien aber lassen auf ein ganz unregelmäßiges Zurücktreten des Sees schließen.

Sind nun diese Zeichen Jahrtausende alt oder nicht, das wäre die nächste Frage, dann aber mußten an steilen Felswänden, wo die Fluten des Sees ungehindert anprallen, tiefe Auswaschungen im Gestein zu finden sein, was in der Höhe von 12 Fuß und darüber nicht der Fall ist, die ich gefunden, liegen 4-5 Fuß über dem heutigen Niveau des Sees. Und wäre dem so, daß der See solche Höhe gehabt hat, kann dieses nur vor sehr langer Zeit gewesen sein, denn dann müßten die schon benannten Ebenen, als Konde, Rambira, bei Amelia und im Süden alle unter Wasser gestanden haben, was freilich auch einst der Fall war, da diese erst durch Anschwemmungen entstanden sind; dann aber müßte ein solch gewaltiger Zeitraum die Zeichen, nach meiner Schätzung höchstens Jahrhunderte alt, auf diesen Granitblöcken verwischt haben.

So bleibt nur die eine Annahme übrig, daß hier, wie auf vielen Orten unserer Erde, geheime Naturkräfte, und zwar erst in neuerer Zeit, die Ländermassen periodisch gehoben haben, die es auch bewirkten, daß, wie wir es von den ersten Forschern wissen, der Schire- und der Zambesi-Fluß, die ein bedeutend tieferes Bett gehabt haben, heute flach und zu Zeiten unpassirbar sind.

Eine eigenthümliche Erscheinung auf dem See, meistens in der nördlichen Hälfte, sind die Kungu-Fliegen; zu Milliarden vereinigt erscheinen sie wie Rauchwolken, die vom Winde bis zu den Wolken säulenartig emporgewirbelt werden und aus der Ferne gesehen wie Wasserhosen aussehen. Oft zählte ich, soweit das Auge reichte, bis dreißig dieser Schwärme und ging später, da ich aus Neugierde unliebsame Bekanntschaft mit diesen Thierchen gemacht hatte, diesen wohlweislich aus dem Wege.

Als ich solche Erscheinung zum ersten Male sah, steuerte ich direkt in solche Wolke hinein, aber nur bis in die äußere Peripherie dieser wirbelnden Masse gekommen, war es unmöglich, noch die Augen aufzuhalten, selbst die Haut wurde wie mit Nadeln gespickt; im Moment war das ganze Schiff mit lebenden und todten Fliegen bedeckt, die der Wind zu kleinen Haufen zusammenfegte.

Wahrscheinlich auf dem Wasser erzeugt, enden sie auch wieder darauf, so daß, wenn solche Masse in sich zusammengefallen ist, weite Wasserstrecken vollständig mit todten Fliegen bedeckt sind; fegt der Wind eine Wolke aber auf das Land, dann verschwinden Baum und Strauch für einige Zeit, Schluchten und Einschnitte sind wie mit einer braunen Dunstmasse ausgefüllt, so dicht ist die Masse der Fliegen. An bewohnten Orten klatschen bei solcher Gelegenheit die Eingebornen die Fliegen mit den Händen zusammen und zu Kügelchen geformt, werden dieselben gegessen.

Nicht minder unangenehm ist eine Art Eintagsfliege, etwa 1 Centimeter lang, die während der Abendstunden unter Land dem Lichte zueilen und zu Tausenden verbrannt niederfallen; nichts konnte vor denselben geschützt werden und mit manchem Löffel Suppe wurde solches Thierchen als Zugabe verzehrt. War der elektrische Scheinwerfer des »H. v. Wißmann« in Thätigkeit, dann wirbelte es in dessen grellem Schein von unbekannten Nachtschwärmern, und wäre es möglich gewesen, solche zu fangen, manch seltenes Exemplar würde gefunden worden sein.

Zu bestimmten Monaten nur, und, wie ich beobachtet habe, während der Regenzeit, treten diese Fliegenschwärme auf, ebenso erscheint das sonst tiefblaue Wasser des Sees für einige Zeit schmutziggelb, es blüht, würde man sagen können, ob dieses aber hier zutrifft, ist eine offene Frage, wiewohl nicht unwahrscheinlich, als selbst tiefe stillstehende Gewässer häufig solche Erscheinung aufweisen.

Gefährlich für ein Schiff werden auch die vom wirbelnden Winde erzeugten Wasserhosen. Der Wasserdampf, bis zu den Wolken geführt, bildet nach der Entwicklung einen ungeheuren Trichter, in welchem das Wasser spiralförmig in die Höhe gezogen wird, die auf- und niedersteigenden, man kann sagen fallenden Massen, erzeugen auf dem Wasserspiegel im weiten Umkreis eine schäumende, zischende Brandung und erst wenn die Wolke schwarz und genügend mit Wasserstoff gesättigt ist, stürzt der Trichter in sich zusammen. Ratsam ist es nicht, sich in die Nähe einer Wasserhose zu wagen, mit großer Geschwindigkeit vor dem Winde eilend, können sie mitunter einem Schiffe, das nicht zu fliehen vermag, höchst gefährlich werden.

21. Schluß.

Mit der Uebergabe des »H. v. Wißmann« an das Reich hörten die bisher ununterbrochenen Fahrten auf, das Schiff der Station Langenburg zur Verfügung gestellt, wurden nun regelmäßige Touren eingerichtet und als Postschiff verließ der Dampfer an bestimmten Tagen sowohl die Station im Norden, als auch Fort Johnston im Süden; Passagier- und Güterbeförderung wurden ebenfalls nach einem bestimmten Tarif geregelt. Alle Stationen am See erhielten die Hauptpost durch den deutschen Dampfer und lief derselbe deshalb sämmtliche von Europäern bewohnte Orte an, als Karonga, Bandawe, Likoma und später noch das im Gebiete Makangilas neuerrichtete Fort Maguire.

Im Oktober 1893 schon, nachdem die englischen Kanonenboote in Kota-Kota den dortigen Aufstand gegen Jumbe gebrochen, wurden nach Eintreffen der erwarteten indischen Soldaten, 100 Sikhs, in Fort Johnston große Vorbereitungen getroffen, allen Ernstes nun mit dem unbotmäßigen Yao-Häuptling Makangila abzurechnen; der früher schon mit der »Domira« unternommene aber zurückgeschlagene Angriff auf Pandumba bei Losefa, wobei Kapitän Maguire gefallen war, sollte nun erneuert werden, auch ebenfalls mit dem zwischen Kuturu und Losefa bestehenden Sklavenhandel energisch aufgeräumt werden. Die gesammte Streitmacht der Engländer, die Truppen unter Major Edwards, die Schiffe, wozu die »Domira« und die kleine »Ilala« herangezogen wurden, unter Befehl vom Kapt. Robertson, wurde dirigirt durch den Kommissar Mister Johnston und in Monkey-Bai zusammengezogen. Unvermuthet sollte der Feind überrascht und geschlagen werden.

Wohl unterrichtet von der Annäherung einer Sklaven-Karavane, die von Kuturu nach Losefa über den See setzen wollte, führten die Engländer ein Manöver aus, wodurch die vorsichtigen Araber vollständig getäuscht wurden, und zwar passirten die Kanonenboote nordwärts steuernd Kap Rifu, um, aus Sicht gelaufen, in der Dunkelheit unter den Bentje-Inseln zu ankern. In der Meinung die Luft sei rein, beschleunigten die Araber ihre Abreise mit zwei Dhaus, um möglichst weit im Dunkel der Nacht zu kommen; allein in frühester Morgenstunde, ihre Fahrzeuge hatten noch nicht Kap Rifu passirt, tauchten unvermuthet die Schiffe auf und schnitten ihnen den Rückzug ab, so daß sie, auch von Leopard-Bai umgangen, eine Zuflucht auf dem Berg Rifu suchen mußten; nach zweitägigem Widerstande, abgeschnitten von jeder Hilfe, ergab sich mit seinem reichen Elfenbeinvorrath und seinen Sklaven denn auch der Führer der Karawane.

Was ich früher schon angeführt, bestätigte sich hier wiederum, die Sklaven, von den Arabern eingeschüchtert, bezeugten alle, daß sie nur freiwillig mit ihren Herren zur Küste zögen, sie seien keine geraubte Sklaven und die Araber nur Elfenbeinhändler. Furcht vor grausamer Strafe, die der Sklavenhändler über die Wehrlosen verhängt, wenn er geschädigt wird, schließt diesen den Mund. Sklaven, die noch nie einen Europäer gesehen und dessen Macht nicht kennen, verrathen ihren Herrn selbst dann nicht, wenn sie erkennen müssen, daß deren Einfluß über sie gebrochen worden sei, sie wählen lieber die Sklaverei als die Freiheit, denn wer schützt sie vor der weitreichenden Rache der Sklavenjäger; recht- und schutzlos in diesem Lande, wenn der Europäer sie wieder ziehen läßt, nimmt ein anderer ihnen wieder die Freiheit und ihr Schicksal wird nur ein um so traurigeres.

So weit ich unterrichtet bin, mußten aus diesem Grunde die Engländer die gefangenen Araber mit ihrem Elfenbein ruhig ziehen lassen, da diesen nicht nachgewiesen werden konnte, daß ihre Träger geraubte Sklaven waren, nur die beiden Dhaus, Makangila gehörend, wurden konfiszirt. Die Zahl der Angreifer auf Pandumba zu verstärken, war auch Jumbe verpflichtet worden, mit hunderten seiner Krieger sich am Kampfe gegen Makangila zu betheiligen. Plötzlich und überraschend geschah der Angriff auf Pandumba und Losefa, und ob der zahlreiche Feind auch die Landung zu verhindern suchte, gegen das Feuer der Schiffe und der indischen Soldaten hielt er nicht Stand. Er sammelte sich zwar und unternahm nach Art der Neger immer wieder zwecklose Vorstöße, indes da die Engländer nun einmal festen Fuß gefaßt hatten, schickten sie, geschützt durch ein schnell errichtetes Fort (Maguire benannt), die tausende Feinde immer mit blutigen Köpfen heim.

Längs der ganzen Küste, am Strande und auf den Hügeln waren die zahlreichen Dörfer nur Brandruinen; die Einwohner waren geflohen und die sonst so belebte Küste öde und verlassen. Aber auch dieser langwierige Kampf ging zu Ende; nachdem Major Edwards die Feinde mehrmals empfindlich geschlagen und Makangila die Macht der Europäer erkannt hatte, nahm er die Friedensbedingungen an. Jumbe und dessen Krieger, die herzlich wenig geholfen hatten, und die die Engländer sich beeilten mit der ersten Gelegenheit wieder los zu werden, nahm ich, Fort Maguire anlaufend, an Bord des »H. v. Wißmann« und brachte sie nach Kota-Kota zurück und war selber herzlich froh, als ich erst diese Gesellschaft mit Sack und Pack gelandet hatte. Ein halbes Jahr später schon war Jumbe, der nicht mehr Herr über seine widerspenstigen Häuptlinge zu werden vermochte -- die Engländer mochten den alten Sünder auch wohl nicht mehr schützen --, entthront und starb, seiner Würde und Macht entkleidet, bald darauf. Sein Nachfolger Jumbe +II.+, ein noch junger Mensch, erfreute sich nicht lange der Herrschaft, denn durch einen Akt brutaler Grausamkeit, indem er 5 Fremde, Leute eines anderen Stammes, die sich seit längerer Zeit in Kota-Kota niedergelassen hatten, tödten ließ, auch ansässige europäische Händler gefährdete, verfiel er bald dem Verhängniß.

Er hatte nämlich nichts Geringeres geplant, als die Engländer zu tödten und dann gegen die englische Macht einen Guerillakrieg zu eröffnen. Dieser Plan aber blieb nicht unentdeckt, zu offen zeigte der junge übelberathene Tyrann seine Absichten, und als eines Tages der »H. v. Wißmann« mit dem englischen Magistrat Mister Nikol in Kota-Kota einlief und dieser sehr bald von allem unterrichtet war, erklärte er den jungen Häuptling, der ihn ohne Scheu, auf seine Macht pochend, am Lande empfangen hatte, sofort für verhaftet. Zwar setzte der Häuptling mit seinem Gefolge seiner Gefangennahme Widerstand entgegen, war aber bald nach kurzem Messerkampf von den zur Vorsicht mitgenommenen indischen Soldaten (Sikhs) entwaffnet und überwunden. Als nun am nächsten Morgen noch die Kanonenboote einliefen, bemächtigte sich der Bevölkerung eine solche Panik, daß alle Einwohner aus der Stadt in die Berge oder zu den Schambas flohen, das Wenigste, was sie erwarteten, war, ihre Hütten in Flammen aufgehen zu sehen.

Bei einer Untersuchung der zahllosen Hütten wurden wohl 10 Centner Pulver gefunden, welches Quantum für den beabsichtigten Aufstand angesammelt worden war. Um nun für die Folge den Gefahren vorzubeugen, Leben und Eigenthum durch die Willkür eines Häuptlings gefährdet zu sehen, wird bald in Kota-Kota ein englisches Fort jeden Widerstand beseitigen und auch die Sklavenausfuhr wird für die Zukunft unmöglich gemacht werden. Während der Zeit noch, als die endlosen Festlichkeiten, Pombetrinken und wilde Tumulte, zu Ehren des neugewählten Oberhauptes stattfanden, kam hier ein Fall des krassesten Aberglaubens vor. Ein junger Mann, der der Hexerei beschuldigt ward, hatte sich, wie es bei solchen Fällen der Brauch ist, auf ein Gottesurtheil berufen und »pande« trinken müssen, und wie immer, stets zu spät, kam dieser Vorfall zur Kenntniß der Europäer. Man muß den Neger, wenn in ihm der Fanatismus geweckt worden ist, gesehen haben, um von solchen Scenen sich eine Vorstellung machen zu können; in Wahrheit, schwarze Teufel in Menschengestalt sind es, ohne Mitleid und Erbarmen, die gegen den- oder diejenige wüthen, welche durch ein solches Gottesurtheil schuldig befunden und verdammt werden. Der Schwerkranke wurde zwar den Händen der fanatischen Horde entrissen und gepflegt, starb aber trotz aller angewendeten Gegenmittel bald.

Als der Todte darauf seinen Verwandten ausgeliefert worden war, damit er von diesen begraben werde, übergaben dieselben statt dessen den Körper einer Anzahl junger Männer, die ein Tau am linken Fuß des Verstorbenen befestigten und ihn mit wildem Halloh aus der Stadt schleiften. Außerhalb derselben, an einem Orte wo zwei Wege sich kreuzten, ließen sie ihn liegen, bedeckten den Toten mit trockenem Gras und legten an dieses Feuer, wodurch er dann scheußlich entstellt wurde. Um die Wegschaffung und Beerdigung des Körpers zu erzwingen, mußte erst auf den betreffenden Häuptling, in dessen Distrikt solche Scheußlichkeit verübt worden war, ein ganz energischer Druck ausgeübt werden, ehe dieser sich bereit fand den Toten beerdigen zu lassen.

Auf diesen Vorfall hin wurden alle Häuptlinge und Aeltesten, die das +pande+-Trinken nicht verhindern oder zur Anzeige bringen würden, mit schweren Strafen bedroht, und dafür verantwortlich gemacht, wenn solches nicht unterbliebe.

Erst Ende November 1893 kehrte ich mit dem Schiffe nach Langenburg zurück und fand dort die Herren Prince und Wyneken auch zur Abreise bereit. Da der Kompagnieführer Prince den kühnen Plan gefaßt hatte, von Amelia-Bai aus quer durch das Gebiet der Wagwangwara zu marschiren, so hatte ich dort anzulaufen und bis zum Abmarsch der kleinen Karawane zu warten. Es bedurfte aber vieler Unterhandlungen, ehe von Seiten des Arabers Raschid die Erlaubnis zum Durchzug erlangt werden konnte und dieser hätte niemals solche gegeben, wenn nicht seine gestellte Bedingung, die ihm von Major Wißmann genommene Sklavendhau wieder zu geben, erfüllt worden wäre. Nicht minder schwierig war es, Träger zu erhalten, weil von den Wakissi und Wampotti keiner zu bewegen war weiter als bis zum Fuße des Gebirges mitzugehen. Erst als nach Tagen der Unterhändler Mirambo zurückgekehrt war, konnte der nicht ungefährliche Marsch längs dem Luhobu-Fluß aufwärts angetreten werden. Eine größere Schwierigkeit aber stellte sich dem kühnen Unternehmen nochmals entgegen. Nämlich ehe noch der Weitermarsch vom Hauptsitz Raschid's angetreten werden konnte, gelangte die Nachricht dorthin, daß eine Araber-Karawane in der Konde-Ebene durch deutsche Soldaten (Sudanesen) ausgehoben und nach Langenburg geführt worden sei; Herr von Eltz hätte derselben Träger und Elfenbein abgenommen und sie dann ziehen lassen.

Aus einem an mich gerichteten Schreiben des Leutnants Prince, das Mirambo, den ich auf der Rückreise von Amelia-Bai wieder abholte, mir übergab, ersah ich, wie sehr das Unternehmen gefährdet gewesen war und der glückliche Ausgang der endlosen Verhandlungen allein dem Eingreifen des Arabers Mirambo zu danken sei.

Mit der abgefangenen Araber-Karawane hatte es indes folgende Bewandniß: schon weit in das Gebiet der Wakonde vorgedrungen, versuchte eine große Sklavenkarawane das Livingstone-Gebirge zu erreichen, um auf einsamen Pfaden das Gebiet der Wagwangwara zu durchziehen und so Sklaven und Elfenbein in Sicherheit zu bringen. Allein die Wakonde sandten frühzeitig Boten nach Langenburg und hielten die Karawane, die einmal das Gebirge erreicht, sicher entkommen wäre, unter allerlei Vorwänden auf. Die Araber aber, doch wohl davon unterrichtet, sandten ihrerseits ebenfalls eilige Nachricht dorthin und ließen um ungehinderten Durchzug bitten; Sklaven hätten sie nicht, nur Träger für ihr Elfenbein. In kluger Voraussicht, daß sie in Sicherheit sein würden, ehe vom Fort aus ihnen Halt geboten werden könnte, da die Entfernung ziemlich groß war, hatten sie ihre Boten erst abgesandt, als sie befürchten mußten, gänzlich aufgehalten zu werden.

Wahrscheinlich ist, daß die Araber gewußt haben, daß der »H. v. Wißmann« zur Zeit weit im Süden sich aufhielt, ein schnelles Eingreifen also nicht befürchten brauchten, aber unbekannt muß es ihnen gewesen sein wie schwach das Fort besetzt war -- thatsächlich machten nur 15 Soldaten, einige Sudanesen und der Rest Suaheli, die ganze Besatzung aus -- sonst, da sie wohl bewehrt und zahlreich genug waren, würde es dem abgesandten Sudanesenchaus und seinen 3 Untergebenen schwerlich wohl gelungen sein die ganze Karawane nach Langenburg zu bringen. Wohlbedacht war es, daß Herr v. Eltz zu solcher Aufgabe keine Suaheli mitgesandt hatte, denn mit den Arabern sympathisirend, wäre, wenn diesen die wirkliche Stärke des Forts verrathen worden, das Aufhalten der Karawane und deren Ueberführung nach Langenburg der kleinen Truppe wohl nicht möglich geworden. Es gelang indes und stellte sich heraus, was die Wakondeboten berichtet, daß es eine Sklavenkarawane war. Mit Vorsicht, da Herr v. Eltz seinen Suaheli nicht allzusehr trauen durfte, wurden allen bewaffneten Männern zunächst die Gewehre abgenommen, dann wurde die Karawane im Bereich der Geschütze gelagert und eine Untersuchung eingeleitet, wer von den Arabern im Besitze von Sklaven sei. Ueber 200 Weiber und Kinder konnten als geraubte Sklaven frei gemacht werden, darunter nur 5 junge Männer, alle übrigen, vornehmlich die Träger des Elfenbeins, bezeugten, daß sie keine geraubten Sklaven seien und mußten deshalb den Arabern zurückgegeben werden.

Entschieden ungünstiger, namentlich für die Sklaven-Besitzer, wäre die Sache ausgefallen, wenn Herr v. Eltz eine entsprechende Macht hinter sich gehabt hätte, oder wenn wenigstens der »H. v. Wißmann« vor Langenburg gelegen hätte; keinesfalls würden dann die Sklavenjäger, die nach Recht und Gerechtigkeit für das Elend, welches sie über Hunderte unschuldiger Menschen gebracht, den Tod verdient hatten, so glimpflich weggekommen sein. Somit war es jedenfalls das Richtigste, die äußerst erbitterten Sklavenjäger mit den Elfenbeinhändlern, die Elephantenzähne und Waffen wieder zurückerhielten, weiterziehen zu lassen, und möglichst schnell solche Gesellschaft abzuschieben, weil ihre Zahl der Besatzung der Station nahezu zehnfach überlegen war, und es gewiß auch nicht rathsam war durch längeres Aufhalten den Arabern Gelegenheit zu geben, vielleicht einen Ueberfall zu versuchen; für die kleine Mannschaft würde es sehr schwer geworden sein einen nächtlichen Ansturm auf die Pallisaden abzuschlagen, und hätte bei dem ungleichen Kampf die Araberhorde möglicherweise das Fort überlaufen. Mit Recht führte Herr von Eltz an, daß er in solchem Falle den Suaheli nicht habe vertrauen können.