Part 24
Zwar hatten wir am anderen Ufer eine Strecke ins Land hinein, wo ein unabsehbarer Urwald sich ausdehnte, hunderte der schönsten Bäume erkennen können, doch nahm ich vorläufig davon Abstand, dieses näher zu untersuchen, einestheils weil der Fluß zu überschreiten war, anderntheils auch der Weg dorthin noch schwieriger erschien. Keinen Augenblick im Zweifel, wie groß die Schwierigkeiten sein würden, welche das Schlagen breiter Wege in solchem Terrain verursachen mußten, war mir das Eine klar, daß dieses Werk nur mit Energie begonnen und mit festem Willen zu Ende geführt werden könne. Major von Wißmann selber, in dessen Lexikon das Wort »Unmöglich« nicht verzeichnet steht, würde solcher Aufgabe seine Anerkennung nicht versagt haben, hätte er persönlich sich von den Mühen und Fährlichkeiten überzeugen können; so schwierig wenigstens hätte sich der große Kenner Afrikas diese Arbeit auch nicht vorgestellt. Und doch war es nur erst der Anfang!
In später Nachmittagstunde den Weg wieder kreuzend, den wir am Morgen verfolgt, nahm ich mir einen Mann mit und schritt rüstig dem Schire zu, um mit dem Häuptling jenes Dorfes nähere Vereinbarung zu treffen, uns die Fähre und Wege durch sein Dorf benutzen zu lassen, während Ottlich mit den Leuten weiter vordringen sollte, theils das Terrain zu erkundigen, theils Bäume noch auszuwählen, damit der vorläufige Bedarf an Balken gedeckt würde.
Um das einmal begonnene Werk nun auch fortzusetzen, da es das schwierigste war, welches vorläufig unternommen werden mußte, so suchte ich mir die besten Leute aus, die eine eigene Kolonne bilden und beständig für die Arbeiten im Urbusch verwendet werden sollten, wenigstens so lange, bis die erbetenen schwarzen Zimmerleute, ausgebildete Missionszöglinge, von Blantyre durch Dr. Röver übersandt werden konnten. Zunächst jedoch führte ich noch selber diese Abtheilung, bis im Dickicht gangbare Wege zu jenen Baumriesen geschlagen waren, dann überließ ich das weitere Ottlich, der nach Bedarf die Leute vertheilen und anstellen konnte. Wäre nicht die schwierige Frage der Proviantirung gewesen, hätte ich den Leuten in der Wildniß Hütten bauen lassen, um diesen den beschwerlichen Marsch von zehn englischen Meilen täglich zu ersparen und durch so verlorene Zeit die Arbeit zu fördern gesucht.
Die deutsche Expedition, in friedlicher Arbeit auf englischem Gebiet, hätte keine Ursache haben sollen, die Verwicklungen weiter zu beachten, welche den Engländern mit den Eingeborenen dadurch entstanden, daß sie deren Häuptlinge zur Botmäßigkeit zwingen wollten, die Ausdehnung der englischen Macht sollte mit dem Wunsche nach Landbesitz gleichen Schritt halten.
So war es möglich, daß zwischen Zomba und Fort Johnston der Aufstand ungehindert ausbrechen konnte, selbst wir Deutsche uns selber schützen mußten, ja mehr, die völlig unzureichende Macht mit allen Kräften zu unterstützen hatten, um von ihr und uns großes Unheil abzuwenden. Die Ursachen zu der allmählich sich entwickelnden großen Unzufriedenheit in der Bevölkerung liegen unzweifelhaft tiefer; zieht man aber die Methode der Engländer in Betracht, wie sie ihren Kolonialbesitz zu mehren suchen, geht man nicht fehl, zu behaupten, daß oft absichtlich der böse Same ausgestreut wird, der aufschließend die Empörung bringt, dann aber den Engländern nach der Niederwerfung eines Aufstandes auch das gewünschte Recht giebt, um den Empörern alles zu nehmen. Was nicht kaufmännische List und diplomatische Kunst fertig gebracht, vollbringt die Gewalt!
Ich greife zurück auf die unter der Asche glimmende Gährung in der Bevölkerung, die nur eines Anstoßes bedurfte, um blutig aufzuflammen; vielleicht war dieser zu früh gegeben, vielleicht auch nicht. Einzugreifen sah sich der englische Kommissar Mister Johnston genöthigt, als Sklavenjäger vom portugiesischen Territorium einfallend, selbst bei Zomba, dem Sitze der Regierung, einen Mann wegraubten, und später, oberhalb des Flusses bei Lionde mit der Bevölkerung gemeinsame Sache gemacht hatten. Unter dem Vorwande nun, daß ein Halbaraber in einem Dorfe am rechten Ufer einen Knaben als Sklaven erstanden habe, dieser wenigstens mit Wissen des Dorfhäuptlings verkauft sei, sandte der Kommissar eine kleine Abtheilung unter Befehl des Sergeanten Hoarse aus, den Sklavenhändler festzunehmen. Hoarse, der während unserer Anwesenheit in Mpimbi bisher die neben unserem Lager befindliche Station vorgestanden und eigentlich nur als Expedient für die mit offenen Booten nach Fort Johnston zu schaffenden Briefschaften und Regierungswaaren fungirt hatte, gleichwohl aber auch in Mpimbi Steuererheber etc. war, brach am 23. Januar auf.
Auf dem Marsche nach seinem Bestimmungsort traf es sich, daß der Kommandant von Fort Johnston, Capitän Johnston, flußabwärts kommend, im Begriff, eine Erholungsreise nach Blantyre zu machen, diese kleine Expedition am Schireflusse begegnete, daher die Weiterreise aufgab, um die Führung zu übernehmen. Es gelang dem Kapitän auch, des Arabers habhaft zu werden, aber, ob mit Recht oder Unrecht, er ließ zur Strafe das von den Einwohnern verlassene Dorf niederbrennen und die wohl hierdurch zur Wuth gereizten Eingeborenen eröffneten den Kampf.
Auf dem Rückmarsch im hohen Grase, wo auf schmalem Fußpfad nur Mann für Mann marschiren konnte, ging der wohlgedeckte, an Ueberzahl viel stärkere Feind zum Angriff über; im ersten Angriff zersprengte er die langgezogene Linie, schnitt die Fliehenden von dem Führer ab und die Nachhut unter Hoarse, ein aufgelöstes Häuflein, rettete sich durch Schwimmen an das andere Ufer. Nur eine kleine Zahl Makualeute blieb dem Führer treu, der, seiner Waffen und Patronen durch die Flucht seines Dieners beraubt, stundenlang die Feinde abwehrte und langsam mit den Verwundeten vordrang, während die Gefallenen liegen blieben. Die That und Opfermuth eines Mannes hebt Capitän Johnston besonders hervor. Umringt von Feinden sieht ein Makua im hohen Grase einen im Anschlag liegenden Feind, die Gefahr erkennend, in welcher sein Führer schwebt, springt dieser Mann vor und jagt dem Feinde einen Handspeer in die Brust, sinkt aber auch, von dessen Kugel getroffen, schwerverwundet nieder. Seinen braven Retter hatte Capt. Johnston nun auch noch mitzuschleppen. Dennoch müssen die Verluste der Angreifer durch das gutgezielte Feuer beträchtlich gewesen sein, denn der Feind zog sich schließlich langsam zurück und verschaffte dadurch den Bedrängten wieder Luft. Unzweifelhaft war es eine tüchtige Schlappe, welche den Engländern beigebracht worden war, es waren weniger die Verluste, die zu beklagen -- die meisten der anfänglich Vermißten fanden sich wieder ein -- als daß der zweifelhafte Erfolg nun den Aufstand mit einem Schlage ausbrechen ließ.
Entblößt von allen Soldaten -- Fort Johnston durfte um keinen Preis geschwächt werden -- lag es nun nicht mehr in der Macht des Kommissars, den einmal entfachten Brand zu dämpfen. Ueberraschend schnell waren die Ereignisse gekommen, unerwünscht für jetzt und unerwartet; die hundert längst schon erwarteten Soldaten eines indischen Regiments der Sikhs wollten noch immer nicht eintreffen, daher war es nicht zu verwundern, daß die schutzlosen Bewohner Blantyres den Maßnahmen des Gouvernements keine besonderen Sympathien entgegenbrachten.
Von allen Vorgängen unterrichtet, da solche unter meinen Augen sich abspielten, war es meine Pflicht, auf den Schutz des großen Lagers, das noch reiche Vorräthe der Vorexpedition enthielt, bedacht zu sein, daher ließ ich alle Außenarbeiten auf der Werft und im Urbusch aufgeben, im Lager aber an geeigneten Punkten Erdwälle und Bastionen aufwerfen, ebenso auch Schußlinien in den dichten Wald hauen, während hinter der englischen Station das Terrain rasirt wurde, um uns und dieser frei Feld zu schaffen.
Dem Gebote der Nothwendigkeit folgend, mußte ich auch den Holz und Bambusrohr aus den Bergen holenden Leuten Waffen mitgeben, hatten sie doch stundenweit bis zu diesen zu gehen, in deren Walddickicht und Schluchten sich Aufständige verborgen hielten, um gelegentlich Leute wegzurauben. Das Schicksal derselben war nächst Mißhandlung die Sklaverei, und manchem der frei Aufgewachsenen wurde hierdurch ein trauriges Loos bereitet.
Höchst überrascht wurde ich eines Morgens durch die Ankunft des Arabers Beccari ben Umari, der von Lionde kommend bei mir vorsprach, ehe er weiter nach Zomba und Blantyre marschirte. Mir wollte es scheinen, als wenn der schlaue Fuchs sich hier nur orientiren, in Zomba nur seine Ergebenheit bezeigen und den Verdacht ein Sklavenhändler zu sein von sich abwälzen wollte. Wie dem nun auch sei, er ist mit seinem Gefolge unbelästigt wieder nach Lionde zurückgekommen, betrat aber das deutsche Lager nicht wieder, weil ich ihm Vorhaltungen über seine Wortbrüchigkeit gemacht hatte, erwiederte er doch dreist darauf, ich hätte ihm Boote oder Kanoes sowie den Kaufpreis schicken sollen, dann hätte er das Versprochene übersandt, -- ebenso hatte die nicht besonders höfliche Aufnahme seiner werthen Person es ihm gerathen erscheinen lassen schleunigst wieder abzuziehen. Am 26. Januar traf die Nachricht ein, die Aufständigen hätten ein Boot der African Lakes-Komp. genommen, die Besatzung, die vom Nyassa-See zurückgekehrt sei aufgegriffen und getödtet worden. Zwei Tage später kamen zwei arg zugerichtete Leute zu mir ins Lager und baten um Hilfe, sie gehörten ihrer Aussage nach zu dieser Bootsbesatzung und berichteten, daß nur einer getödtet sei, ihnen beiden aber es erst gelungen wäre zu fliehen, nachdem man sie so zugerichtet und halbtodt hätte liegen lassen. Der eine war sehr schwer am Fuß verletzt, sein Rücken durch die Mißhandlungen eine offene Wunde, der andere hatte zwei Speerstiche in der rechten Seite, die Kopfhaut und das rechte Ohr waren stark verletzt, im übrigen hatte er wie sein Kamerad einen ebenso zerschlagenen Rücken. Vollständig nackt durch Blutverlust und Schmerzen aufs Aeußerste erschöpft hatten sich die Kerle zwei Tage lang in glühender Sonne und gequält von den gierigen Insekten bis hierher geschleppt. Es scheint fast übermenschlich, was diese Leute haben aushalten müssen, -- ein Europäer wäre sicherlich mit solchen Wunden nicht weit gekommen, er hätte erliegen müssen; die Negernatur dagegen ist anders geartet, das Nervensystem zum mindesten nicht so ausgebildet und feinfühlend, wie das des weißen Mannes.
Da die englische Station in dieser Zeit tagelang nicht besetzt war, denn nach dem Kampfe war alles mit den Verwundeten nach Blantyre marschirt, hatte ich die Sorge für die verstümmelten Leute zu übernehmen. Aber auf alle Fälle vorbereitet, hatte ich die Mittel zur Hand, ihre schlimmen Wunden zu reinigen und zu verbinden; in der That von den schwarzen Körpern blieb nicht mehr viel zu sehen übrig, nachdem die Prozedur beendet war!
Durch solche Vorgänge wurde natürlich die Besorgniß immer mehr gesteigert; schlimme Gerüchte über die Grausamkeit der Feinde waren im Umlauf und in Folge dessen wurden auch alle Stationen bis Matope verlassen, sodaß wir vier Deutsche mit unserer kleinen Anzahl Leute allein in all dem Aufruhr standen. Ich sandte auch bewaffnete Abtheilungen bis zu den nächsten Dörfern, theils um Proviant zu kaufen, theils um Nachrichten zu sammeln, und diese benachrichtigten denn auch, daß die Sachlage nicht so schlimm sei wie die Gerüchte sie machten; erst wenn die Bevölkerung hinter uns in den Aufstand mit eingriff konnte es gefährlich werden, denn dann gänzlich abgeschnitten von allen Verbindungen, wäre die Proviantirung eine heikle Frage geworden, -- gab es doch jetzt schon Tage, an welchen ich den Leuten kaum mehr die halbe Ration austheilen konnte! --
Die Macht im deutschen Lager mußte aber doch auf die nächste Bevölkerung eine gewisse Wirkung ausüben, denn ungehindert konnte ich wieder die Suaheli unter Ottlich in den Urbusch senden, wobei täglich die Eingeborenen sich davon überzeugen konnten, daß wir Waffen genug haben, uns zu wehren, und obgleich diese nur mehr zur Schau getragen wurden, da die Nothwendigkeit es einmal bedingte, so sollte doch unter keinen Umständen davon Gebrauch gemacht werden. Nur ein Mal ist der Fall eingetreten, daß eine kleine Abtheilung in den Bergschluchten angegriffen wurde, aber einige aufs Geradewohl abgegebenen Schüsse schon genügten die Angreifer zu verscheuchen.
Am 4. Februar kamen in den Nachmittagsstunden gegen 30 Leute in das Lager und berichteten mir, zwischen Lionde und Perisi sei ein Europäer ermordet worden, sie, seine Träger und Diener hätten vor den Feinden fliehen müssen und alle Sachen, Gewehre etc. seien diesen zur Beute gefallen. Mir fielen die unsicheren Angaben des Kapitaos auf, und eingehender die Leute examinirend, da es für mich von Wichtigkeit war, über die Stellung der Aufständigen genaue Auskunft zu erhalten, wurde es mir klar, daß schon bei den ersten Schüssen die feige Gesellschaft geflohen und ihren Herrn im Stiche gelassen hatte. Ich übergab darauf die Kerle, welche steif und fest behaupteten ihr Herr sei todt, dem Sergeanten der englischen Station, der sie nach Blantyre expedirte, wo später, nachdem der Todtgeglaubte wiederkam, den Händen der Feinde glücklich entronnen, der Kapitao und einige andere bestraft worden sind. Jedenfalls aber setzte diese Nachricht und die Nähe der Aufständigen alles in Alarm, und als mir gemeldet wurde, die Straße nach Blantyre sei nicht mehr sicher, ebenso der Weg nach Zomba, auf ersterer seien schon Träger überfallen worden, durfte ich nicht länger zögern, sondern fertigte Eilboten nach Katunga ab, die dort um schleunigste Unterstützung nachsuchen sollten.
Der Sachverhalt dieses Vorganges war folgender: Vor Monaten waren zwei Sportsleute, englische Offiziere, ein Mister Wetterly und Koe in dieses Land gekommen, um der Jagd nach unsern größten Vierfüßlern den Elephanten obzuliegen. Ich kann nicht behaupten, ob sie Erfolg gehabt, nur soviel ist gewiß, daß sie der mit solcher Jagd verbundenen Strapazen überdrüssig, sich auf dem Rückmarsch befanden, sich aber getrennt hatten und Mister Koe, ohne vielleicht eine Ahnung von dem kürzlich ausgebrochenen Aufstand zu haben, hatte sich sorglos dem Schirefluß genähert. In dieser heißen Gegend empfindet man es als eine Wohlthat, wenn nach beschwerlichem Marsche oder der Tagesgluth ein Bad den erschöpften Körper erfrischen kann, und dieser Gewohnheit gemäß hatte sich Mister Koe verleiten lassen, am Nachmittag des 2. Februar im Schirefluß zu baden, ahnungslos, daß verborgene Feinde nur eine Gelegenheit abwarteten, den Ueberfall in dem Augenblick zu wagen, wenn der weiße Mann wehrlos sein würde.
Er hatte sich weiter vom Ufer entfernt als es nöthig, und der Krokodile wegen wohl rathsam gewesen wäre, da plötzlich umsausten ihn die Kugeln und das Ufer von Feinden besetzt, blieb ihm nichts anderes übrig als durch Tauchen den feindlichen Geschossen zu entgehen. Lieber wollte er dem gefräßigen Krokodil zur Beute fallen, als wehrlos und verwundet den martervollen Tod von den Händen unbarmherziger Menschen sterben. So nackend wie er war mußte er nun am rechten Ufer seinen Verfolgern zu entgehen suchen; durch Gras und Busch, zerschnitten von dem scharfen Schilf und geschunden von Dornen und Hecken in wegloser Oede wandte er sich landeinwärts.
Was die Kälte der Nacht für einen Europäer in solchem Zustand auf sich hat, ist wohl kaum zu beschreiben, noch weniger die glühende Hitze am Tage, die blutgierigen Mosquito und andere Insekten hatten ihn dazu furchtbar geplagt. Wollte er nicht elend verkommen, mußte er am anderen Morgen in der Sonnengluth vorwärts und auf unbetretenen Wegen mühsam sich auf gut Glück weiterschleppen, bis er schließlich vollständig erschöpft an einem Fußpfad niedersank und seine eventuelle Rettung aus dieser qualvollen Lage dem Schicksal anheimstellte. Halb schon bewußtlos schreckte ihn das Geschrei einiger wasserholenden Weiber der Angoni, an deren Landesgrenze er angelangt, aus seiner Apathie auf, wohl flohen diese, als sie den weißen Mann im elenden Zustande liegen sahen, brachten aber doch ihrem Häuptling Nachricht, und dieser, so gut er es vermochte, hat ihn gekleidet und gepflegt bis ein Bote von Mpimbi schleunige Hilfe herbeigebracht hatte. Was für Strapazen, welche Empfindungen dieser Mann durchgemacht, kann wohl keiner nachfühlen, er weiß es nur allein, was es heißt nackend in kalter Nacht, in glühender Sonne, geschunden, bis zum Tode matt vor einem grausamen Feinde fliehen zu müssen; bleich und still verblieb er tagelang auf der Station, ehe er transportfähig war, und ich habe von den verschlossenen Lippen nur wenig vernommen. --
Dieser Vorfall nun, der keineswegs die Gefährlichkeit des Aufstandes mehr unterschätzen ließ, brachte Leben und Bewegung in die englische Verwaltung, vor allem, da es sich noch um das unbekannte Schicksal des Mister Weterly handelte, der ebenso abgeschnitten und vielleicht getödtet werden konnte. Alles was an Makua, Suaheli und Atongaleuten aufzutreiben war, etwa 200 Mann, wurde bewaffnet nach Mpimbi geführt und hier vor dem deutschen Lager unter Kommando von Kapitän Jonston und von anderen, als Mister Sharp, Steavenson und Hoarse gedrillt. Es war eine bunt zusammengewürfelte Mannschaft, von der etwa 30 Makua das beste Material, mit der ein Kriegszug eröffnet und der Aufstand niedergeworfen werden sollte.
Die Feinde, deren Zahl nach den Nachrichten zu urtheilen beständig anwuchs, hätten leicht, wenn eine einheitliche Führung vorhanden gewesen wäre, alles überlaufen können, und ich bezweifle, ob ich mit meiner kleinen Schaar gegen solche Uebermacht, abgeschnitten von aller Hilfe, hätte Stand halten können, sobald die Bewohner Mpimbis mit ihren Freunden gemeinsame Sache gemacht hätten. Mir wäre nichts anderes übrig geblieben, als bis zum Letzten zu kämpfen und mich unter den Trümmern des Lagers begraben zu lassen. Aber wie ich schon früher erwähnt, liegt die Schwäche dieser zahlreichen feindlichen Krieger in der Uneinigkeit ihrer Häuptlinge, ihre Macht und Stärke kennen sie eben nicht und lassen durch unnütze tagelange Schauri die günstigste Zeit verstreichen. Schon ein kleiner Erfolg versetzt alle in Extase, und ob sie auch nicht feige, werden sie doch, durch Uneinigkeit getrennt, von dem sehr viel schwächeren Gegner geworfen.
Obgleich die Lage in diesen Tagen bedenklich genug war, kann ich doch ohne Rühmen behaupten, daß die deutsche Vorhut, deren Macht der Feind zum Glück sehr überschätzte, das einzige Bollwerk gewesen ist an welchem der Aufstand sich brach, insofern als die Bevölkerung diesen Vorposten zu sehr gefürchtet hat; sonst, da der Aufstand lawinengleich anwuchs, hätten, die Völker zu den Waffen gerufen, ob uneinig oder nicht, solche Schaaren die wenigen Engländer erdrücken müssen!
In dieser Zeit war ich gezwungen alle meine Leute im Lager zu behalten und alle Arbeiten außerhalb aufzugeben, es wurden nur noch Proviantpatrouillen ausgesandt sonst aber tüchtig exerzirt. In dunkler Nacht, worauf es hauptsächlich ankam, ließ ich durch Schüsse öfter das ganze Lager alarmiren, und fand ich jeden Mann auf seinem Posten, dann rief die Trompete auch wohl zum Rückzug oder schnellem Avanciren -- so übte und drillte ich mir die Leute, um allen Eventualitäten nach Möglichkeit gewachsen zu sein. Ottlich zwar, der nun einige Zimmerleute zur Verfügung hatte, Eingeborene dieses Distrikts, ließ ich immer noch in den Urbusch hinausziehen und das Behauen der gefällten Bäume fortsetzen. Diese Leute, die bei freier Station gut bezahlt wurden, 15 bis 20 Rupien den Monat pro Mann, dazu für längere Zeit engagirt waren, konnte ich nicht unthätig im Lager behalten, auch lag mir viel daran der Dorfbevölkerung zu zeigen, daß wir unbeachtet aller Vorgänge weiter oberhalb des Flusses, uns nicht abhalten lassen friedlicher Arbeit nachzugehen.
Mehrmals berichteten mir die Zimmerleute und namentlich Ottlich, der es vorzog öfters im Urbusch Streifzüge zu unternehmen, unter anderen verfolgte er jenen von uns früher begangenen Fußpfad und fand an dessem Ende ein Wangonidorf, auch überschritt er den Nebenfluß des Schire und untersuchte jenen schönen Waldbestand, den wir früher gesehen und der herrliche Bäume aufzuweisen hatte aber eine Begräbnißstätte war, daß sie nebst anderen wilden Thieren Löwen gesehen hätten, auch einst den Thieren unvermuthet nahe gekommen wären und nur durch schnelle Flucht sich ihnen entzogen hätten. Mir war es nichts Neues das zu hören, machte ich doch später selber in jener Gegend die unliebsame Bekanntschaft mit dem König der Thiere, aber die Besorgniß wollte mir etwas übertrieben erscheinen, ich beschwichtigte diese jedoch indem ich einige Leute mehr und alle gut bewaffnet, mit hinausziehen ließ.
Fataler war ein Vorfall der am 6. Februar passirte: Ottlich war wie gewöhnlich am frühen Morgen mit seinen Leuten ausgezogen, und bereits an das andere Ufer des Schire mit der Kanoefähre gesetzt worden, als ihm beim Durchmarsch durch das Dorf von den Bewohnern der Weg verlegt wurde, die drohend die Waffen schwangen und denen er schließlich weichen mußte ohne sich erklären zu können aus welcher Ursache diese feindliche Haltung hervorgegangen war. Er verstand leider kein Wort der Landessprache ebensowenig Suaheli und brachte daher diese Haltung der Dorfbewohner in Zusammenhang mit dem Aufstand, die Zimmerleute indes, die den Sachverhalt erkannten, suchten auf gütlichem Wege den Streit beizulegen und brachten es dahin, daß zwei Abgesandte mit zum Lager gesandt wurden, die mir ihre Beschwerden vorbringen sollten. Als diese ins Lager gekommen waren beklagten sie sich darüber, daß der weiße Mann ihren geheiligten Todtenhain betreten hätte mit der Absicht Bäume zu fällen, worunter ihre Todten begraben liegen, dieses aber würden sie nicht dulden, und voraussetzend meine Leute wollten nochmals dorthingehen, haben sie es verhindert. Obwohl ich wußte, daß Ottlich ohne Auftrag gehabt zu haben jenen Hain betreten hatte, stellte ich mich doch so, als wenn mir dieses neu wäre, konnte aber den Abgesandten die Versicherung geben, daß kein Baum angerührt noch irgend ein Grab beschädigt worden sei, in Zukunft auch Niemand mehr jenen Waldtheil betreten werde. Ein kleines Geschenk stellte sie denn ganz zufrieden. Die Abtheilung aber ließ ich sofort wieder mit ihnen gehen, indem ich die Abgesandten aufforderte sich von jenen Orten zu überzeugen, wo wirklich Bäume gefällt sind und gearbeitet wurde.
Dieser Vorfall bewog mich indes, da ich in dieser Zeit der Aufregung dem geschlossenen Frieden nicht mehr recht traute, an diesem Tage die Leute zum letzten Male hinauszusenden, denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß die Abtheilung im Urbusch gelegentlich mal leicht gefährdet sein könne. Auch durch die jetzt schnell heranstürmenden Ereignisse wurden wir verhindert vorerst daran denken zu können diese Arbeit wieder aufzunehmen. --
Eigenthümliche fast kuriose Anschauungen fördert der Ahnenkultus zu Tage, der von allen diesen Völkern geübt wird. Der krasse tief eingewurzelte Aberglaube ist es, der fast immer die Handlungen der Einzelnen sowie der Gesammtheit leitet, auch zu bestimmten Gebräuchen hat dieser die Veranlassung gegeben, namentlich bei den Todtenfesten. Der Medizinmann (Zauberer), die geachteste Persönlichkeit in jedem Dorfe, ist sozusagen die Verkörperung des Unbegreifbaren für Jedem, und achtungsvoll lauscht Jung und Alt seinen Worten, wenn er gelegentlich seine prophetische Gabe zum besten giebt oder Beschwörungen vornimmt. So bannt z. B. dreitägiger toller Lärm den Geist eines Verstorbenen in der Hütte, die über dessen Grab eingerissen wurde; Grabstätten vornehmerer Todten aber, die an einsamen Orten unter den schönsten Bäumen errichtet wurden, dürfen nie zerstört werden damit die dort weilenden Geister nicht vertrieben und umherwandernd Unheil anrichten, namentlich an dem Lebenden sich rächen können, die diesen einst Uebels gethan. Solcher Aberglaube hat mir später noch genug Scherereien und manche schlaflose Nacht bereitet -- doch ich will nicht vorgreifen, sondern die Ereignisse wie sie auf einander folgten, aufzählen.
13. Der Kampf.
In Mpimbi also wurden nun die in größter Eile von den Plantagen zusammengerafften Leute von den Engländern einexerzirt so gut es eben gehen wollte. Einem Offizier, wie Kapitän Johnston, konnte es natürlich nicht zweifelhaft sein, daß mit solchem Menschenmaterial so gut wie nichts anzufangen sei, vielmehr im ersten Kampf schon die Gefahr nahe lag, es würde die größte Unordnung vorherrschen, war doch zu befürchten, daß Leute, die nie an Ordnung gewöhnt, nie ein Gewehr in Händen gehabt, mit den Waffen Freund und Feind leicht verletzen konnten. Die Exerzitien liefen denn auch nur darauf hinaus, den Abtheilungen beizubringen, auf das Kommandowort ihres Führers zu hören, den Gebrauch der Gewehre zu erklären und Zielübungen vorzunehmen.
Damit auch Freund und Feind zu unterscheiden sei, wurden den Atonga rothe Turbans und Armbinden, den Makua und Suaheli aber gleiche weiße Abzeichen gegeben; die Kapitaos der Atonga, von denen jeder 10-20 Mann hatte, trugen dazu als Abzeichen hinten herabfallende Decken, in allen Farben schillernd, und bunten Federschmuck in den wolligen Haaren. Uebereifrig und kampfbegierig wie diese Leute waren, machte es einen imposanten Eindruck, die so geschmückten Krieger vor der Front hin und her springen zu sehen; führten sie aber ihre Kriegstänze auf, bot die bunt durcheinander, bald im langsamen Tempo, bald im wilden Ansturm tanzende und laufende Menge ein groteskes Bild. Angefeuert durch einen wilden, unharmonischen Gesang, konnten die Leute sich bis zur Wuth dadurch aufreizen lassen -- die Wildheit ihrer Bewegungen, das Geheul und Waffenschwingen, wenn sie urplötzlich gegen die Zuschauer anstürmten und kaum einige Zoll vor den Europäern dieselben parirten und zurücksprangen, mußte in Jedem, der nicht mit solchem Waffentanz vertraut war, ein etwas unbehagliches Gefühl erwecken.