Part 31
Die Erdarbeiten waren inzwischen soweit ausgeführt, daß in der ganzen Länge des Grabens, 110 Fuß, eine glatte Fläche von 15 Fuß Breite hergestellt war, ich ließ die steilen Erdwände nur noch an einer Seite, links, vom Fluß aus gesehen, abtragen, um dort einen stufenweisen Abstieg herzustellen, der es ermöglichte leichter hinabzukommen, ich begnügte mich also mit der hergestellten Basis, da solche nach Bedürfniß immer noch erweitert werden konnte. Nur ein Umstand gab zu Bedenken Anlaß: nämlich das Steigen und Fallen des Flusses, der in dieser Regenzeit, um einige Fuß gestiegen, seine Wasser über 20 Fuß in die Ausschachtung hineindrängte und nicht allein den Boden durchweichte, sondern mich zwang noch 10 Fuß weiter vorzugehen. Es mußte deshalb der Zaun wieder eingerissen und der Steven des Schiffes dicht an das Grab aufgestellt werden, das sich rechts hinter meiner Wohnung befand und welches die Bewohner Mpimbis sich standhaft geweigert hatten, an mich abzutreten, jetzt aber weiter keinen Einspruch erhoben, als ich nun den Zaun einfach vorrücken ließ.
Das Legen der beiden Balkenreihen war in sofern mühevoll und schwierig, als erstens der Grund nicht so genau geebnet, zweitens die Hölzer auch ungleich behauen waren, so daß bald ein Balken etwas versenkt, der andere erhöht werden mußte und dabei war Bedacht darauf zu nehmen, daß die Balken fest und sicher lagerten; genaue Ausrichtung mit Leinen und Pfählen, namentlich die von mir aus Vorsorge mitgeführten Wasserwagen, erleichterten aber die Arbeit wesentlich. Schwieriger noch war es die Aufklotzung und die Keillagen auszurichten, da die Klötze, worauf der Kiel gelegt werden sollte (der mithin 3-1/2 Fuß über den Erdboden zu liegen kam, um auch unter dem Schiffe später nieten zu können) von den schwarzen Zimmerleuten nicht so genau gearbeitet werden konnten, denn jeder derselben mußte eine ganz bestimmte Höhe haben; es war deshalb so schwierig, als der aus 4 Theilen bestehende eigentliche Kiel, zusammengestellt und aufgerichtet, durchaus nicht die geringste Biegung haben durfte, sondern schnurgerade in seiner ganzen Länge verlaufen mußte. Viel Geduld und Umsicht war dabei erforderlich, um bei Zeiten alles zu bedenken, denn später, wenn erst der eiserne Körper aufgestellt sein würde, hätte ein Versehen oder begangener Fehler sich schwer gerächt. Trotz allem aber wurde es doch erreicht, daß am Abend des 9. März 1893 der Kiel des »Hermann von Wißmann« gelegt werden konnte! --
Wie erwähnt, war der Fluß beträchtlich gestiegen, überfluthete sogar den unteren Theil der Balkenlage und das Wasser durchweichte den Boden derartig, daß es mir sehr bedenklich scheinen wollte, den Hintersteven eher aufzurichten, als bis fester sicherer Halt gefunden war. Leicht könnte die schwere Last später die Balken wegdrücken, und wäre es auch nur um ein sehr Geringes, so würden die oberen Platten bei der Zusammenstellung nicht genau passen können. Den Gedanken, das Wasser durch einen Erdwall abzudämmen, der mir das Praktischste schien, mußte ich wieder aufgeben, da das Untergrundwasser doch durchdringen würde, ein Feststampfen des Bodens hätte auch wenig genutzt; darum die doppelte Arbeit zu vermeiden, riß ich lieber die letzten Balken auf und rammte, um eine feste Unterlage zu gewinnen, starke Pfähle in den Grund auf welchen wieder Querhölzer gelegt wurden, bis schließlich nach tagelangen Mühen ein fester Halt gefunden war.
Nun ich die gesammte Mannschaft wieder auf der Werft zur Verfügung hatte, vertheilte ich diese so, daß ein Stamm Atonga bei der Aufstellung des Schiffskörpers beständig verblieb, die übrigen, etwa 15, tagtäglich aber in die Berge gesandt wurden, um passende Stämme herbeizuschaffen, von denen wir nach und nach eine große Anzahl und von jeder Größe benöthigten, um das Gerippe des Schiffes zu stützen. Die Suaheli hingegen mußten die Feldschmieden bedienen und den Handwerkern nach Möglichkeit beim Nieten der Spannten zur Hand gehen. Ich hatte es zwar mehrfach versucht das Nieten einfacherer Stücke von den Suaheli ausführen zu lassen, indes, nicht intelligent genug, war ihnen die Handhabung eines Niethammers nicht beizubringen. Uebrigens von Natur träge, häufig widerspenstigen Charakters und eigenwillig, habe ich diese Suaheli oft mit Strenge behandeln und im Gegensatz zu den Atonga, Masaua und Wangoni haben sie häufig bestraft werden müssen, wo hingegen bei den letzteren, wenn Ungehörigkeiten vorkamen, eine einfache Rüge schon genügte. Namentlich hielt ich streng darauf, daß die Suaheli, welche die anderen Arbeiter als Sklaven betrachteten und deshalb verachteten, nicht, wie sie es beliebten, den Herrn herauskehrten, ich nahm ihnen den thörigten Glauben, daß sie mehr seien wie diese freien unabhängigen Menschen. Kamen mir Klagen zu Ohren, oder sah ich eine unwürdige Behandlung eines Eingeborenen Inner-Afrikas von seiten der Suaheli, die jedem mit den verachteten Namen »Waschensi« bezeichneten, dann entging der Attentäter seiner Strafe nicht, und sie hüteten sich in Folge, als einige Male Strafen in Gegenwart der Beleidigten sofort verhängt wurden, ihrer Mißachtung und Herrschsucht die Zügel schießen zu lassen; an den Beschützten aber hatte ich treue und ergebene Arbeiter, die sich willig jeder Mühe unterzogen und zum nicht kleinen Theil habe ich die schnelle Ausführung der schwierigsten Arbeiten, dieser Bereitwilligkeit und der gerechten Behandlung zu verdanken. Rief um 6 Uhr Morgens die Trompete zur Arbeit, wurden durch das gegebene Signal die noch auf der Werft beschäftigten Dorfbewohner, sowie die in der Nähe angesiedelten Wangoni und Masaua zusammen gerufen; die Leute kamen dann meistens zitternd vor Kälte in kleineren oder größeren Trupps an und standen in Reih und Glied bis ich alle gezählt und ihnen die Tagesarbeit zugewiesen hatte. Auch mit den Atonga mußte ich gleicherweise verfahren, da einzelne sich gelegentlich zu drücken gesucht hatten, sie merkten aber bald was die Glocke geschlagen, wenn durch Namensausruf die Fehlenden leicht herausgefunden wurden und ein abgesandter Wachtposten sie herbeischaffte. Zweimal aber kamen sie mit tiefbetrübten Mienen und erklärten, nachdem der Fehlende herausgefunden war, daß eine Mal Gabbujab, ein andermal Tasikana, beim Wasserschöpfen von einem Krokodile weggeraubt sei. Es war hier seltener der Fall, daß solche Unglücksfälle vorkamen, da wegen der belebteren Ufer diese Untiere sich nicht recht sicher fühlten, mehr aber, da keine Sandbänke vorhanden waren, worauf sie in träger Ruhe sich sonnen konnten. Manch einen auf der Oberfläche des Wassers schwimmenden Räuber habe ich, wenn er arglos mit dem Strome sich treiben ließ, vom Ufer aus die tödtliche Kugel zugesandt, wollten wir aber mal auf Krokodiljagd gehen, dann fuhren wir Sonntags gelegentlich flußabwärts und verleideten den gefährlichen Thieren die süße Ruhe auf den von zwei Nebenflüssen des Schire gebildeten Bänken.
Das Erste war von seiten der Atonga, ehe sie zur Arbeit antraten, sofort nach Ankunft auf der Werft ein Feuer irgendwo anzufachen, um welches sie sich niederhockten und die nackten Glieder zu erwärmen suchten, und hatte ich allen die Arbeit zugewiesen, so war ich sicher, daß solche, welche über den Fluß oder in die Berge gesandt wurden, nicht allzuweit gingen, sondern sobald sie sich im hohen Grase oder Busch befanden, sich gemüthlich um warme Feuer niederließen, und nicht eher an ihre Arbeit gingen, als bis die Sonne ihre heißen Strahlen niedersandte und die Luft durchwärmt hatte. Mehrmals, wenn sie glaubten, daß ich ihnen nicht folgen würde, um die Arbeiten zu leiten, und sie sicher vor Ueberraschung ein Stündchen am Feuer verplaudern konnten, dabei die primitivste aller Pfeifen im Kreise umgehen ließen oder schnupften, versetzte sie mein unerwartetes Erscheinen in nicht geringe Verlegenheit und aufspringend jagten sie in wilder Hast davon. Es war ja natürlich, daß ich solche Schwänzereien nicht dulden durfte, zumal die Leute oft einen weiten Weg zurückzulegen hatten, aber ich begnügte mich auch nur damit sie aufzutreiben, denn trotz warmer Kleidung fror ich selbst, und durchnäßt vom kalten Thau, konnte ich es wohl begreifen wie empfindlich die Kälte auf den nackten Körper einwirken mußte.
Wir empfinden es in Europa als unangenehm, wenn die Temperatur bis auf + 5.7 und 8° R. herabsinkt und hüllen uns in warme Kleidung ein, wie viel mehr aber muß der Unterschied empfunden werden, wenn Morgens um 7 Uhr die Luft nur 8° Wärme hat und erst rapide steigt, sobald die Sonne die kalte Luftschicht durchwärmt und bis Mittag eine Gluth erzeugt hat die unerträglich wird, im Schatten 38° R., in der Sonne weit über 50° R. Solche große Abkühlung während der Nacht, im Gegensatz zur Hitze des Tages, bedingt es auch, daß die Wassertheilchen in der Atmosphäre sich zu Tropfen verdichten und gleich Regen niederfallen und die ganze Natur erfrischen. Erde und Wasser noch von den Sonnenstrahlen erwärmt, erzeugen, sobald die kalte Luftschicht auf sie herabsinkt, ein gewaltiges Nebelmeer so, daß über die weiten Ebenen, in einer Höhe von ungefähr 15 Fuß, -- nach Mitternacht bis zum Morgen, selbst oft bis nach 7-1/2 Uhr früh, -- alles wie ein weißes wallendes Meer erscheint und vom Fluß und Grassavanne, vom niedrigen Gesträuch und Busch absolut nichts zu erkennen ist; nur in der Ferne ragen die blauen Spitzen der Berge in die klare Luft, deren Fuß von weißen Dunstgebilden umhüllt ist, auch jedes Thal noch so hoch gelegen wird mit solcher Nebelschicht überdeckt. Nicht eher, als bis die Sonne etwa 25° über dem Horizont gestiegen und ihr Strahl die kalte Luft durchwärmt, wichen gleich Gespenster die Nebel und hoben sich zusehends, bis sie in beträchtlicher Höhe in ein Nichts verschwanden.
Erklärlich ist es, wie solch' ein Temperaturwechsel auf die weniger widerstandsfähigen Europäer einwirken muß; die Naturen, solchen Wechsel nicht gewöhnt, bieten dem Fieberbacillus, der in den aufsteigenden Miasmen enthalten ist und sich verbreitet, (wie es namentlich in den sumpfigen Niederungen um Matope und Mpimbi der Fall) keinen genügenden Widerstand, häufige Anfälle von minderer oder heftigerer Art sind die Folge; selbst die Eingebornen werden nicht verschont und vielfach habe ich solche Krankheitserscheinungen bei diesen beobachten können. Empfindlich ist die Kälte namentlich in den ersten Morgenstunden, und die oben angeführten Temperaturen habe ich durchschnittlich in den Monaten März und April verzeichnen können; wußte man bei Tage sich nicht vor der Hitze zu retten, fand man in den luftigen Häusern wiederum nicht genügend Schutz vor der nächtlichen Abkühlung. Sogar zwischen 6 und 7 Uhr Morgens waren mir öfters die Finger noch so steif, daß ich mit Mühe nur schreiben konnte. Natürlich war es deshalb, daß morgens in der ersten Arbeitsstunde nicht viel gefordert wurde, da sowohl Weiße wie Schwarze erst das unbehagliche Gefühl, verursacht durch die feuchte Kühle der Luft, von sich abschütteln mußten.
Die Wangoni-Träger, die jetzt immer zahlreicher mit allerhand Schiffsmaterial eintrafen, nahmen meine Zeit auch beträchtlich in Anspruch, zumal eine scharfe Kontrolle geübt werden mußte; ebenso das Sortiren der vielerlei Sachen, die meistens sofort unter Dach gebracht und geöffnet werden mußten, da sie vielfach während des langen Transportes dem Regen ausgesetzt gewesen und nachzusehen und zu reinigen waren. Spenker mit seinen Arbeitern hatte sich der Einrichtung der Schmieden und der Werkstätten unterzogen, während die schon anwesenden Handwerker, soweit sie nicht krank lagen, die Spanten zusammen nieteten und ich nach vorhandenen Zeichnungen die Kielplatten nach Nummern aussuchte, reinigen und mit Farbe an solchen Flächen streichen ließ, wo nach Anlegen derselben später nicht mehr anzukommen war. Erwähnenswerth ist es, daß auf der Werft in Hamburg alle Platten und überhaupt jedes Stück mit Nummern versehen wurde, die auf den Eisentheilen extra noch nachgekörnt und so unverwischbar gemacht waren, auch wenn die Farbe der Zahl längst verschwunden war, und trotzdem haben wir oft lange suchen müssen, ehe die Nummer eines unbekannten Theils gefunden wurde und bis wir wußten, wohin es gehörte. Nach der Aufrichtung des Hinter- und Vorderstevens, begannen wir mit dem Anlegen der Kielplatten, die am Kiel mit starken Schrauben fest angezogen und vermittelst Ueberschienen in sich verbunden wurden. Das Festnieten der Platten und Schienen sofort ausgeführt, würde uns die Arbeit wesentlich erleichtert haben, da an vielen Stellen anfangs bequem anzukommen war, allein das durfte nicht sein, wir hätten, obwohl jedes Stück passen sollte, beim Weiterbau sicherlich die oberen Platten nicht in die richtige Lage bringen können; die ganze Masse würde steif und ungelenkig dadurch geworden und wir schlecht damit gefahren sein. Vielmehr mußte der ganze Körper so aufgeführt werden, daß er beweglich blieb und wo Theile nicht passen wollten, wurden sie mit Gewalt in ihre Lage gebracht. Tausende Heftschrauben, die wir zu diesem Zwecke mit uns geführt, dienten dazu, alles erst in dieser Weise fest, aber doch nachgiebig aufzubauen, ehe, mit wenigen Ausnahmen, ein einziger Niet angezogen wurde.
Allmählich nieteten wir Spant um Spant zusammen, über welchen die Decksbalken als Verbindung gelegt wurden, wodurch diese den Anschein langer Rippen erhielten und dann auf den Kielplatten festgeschraubt, gestützt durch lange Pfähle, sah man schon nach 14 Tagen, welchen Umfang das Schiff haben würde.
Höchst unlieb war es mir, daß die schwarzen Zimmerleute, nach Ablauf ihres zweimonatlichen Kontraktes, die Arbeit niederlegten und einen neuen nur eingehen wollten, wenn ihnen ihr Lohn bedeutend erhöht würde. Darauf aber wollte ich mich nicht einlassen, weil die Forderung nach Negerart unverschämt war. So ließ ich sie lieber ihres Weges ziehen, da doch, wenn ich erst wieder hinaus in den Urwald mußte, um Bäume zu suchen, diese von den Atongas ebenso schnell gefällt werden würden, wie von den von der Civilisation beleckten und auf ihr bischen Können übermäßig eingebildeten Leuten. Freilich hätte ich nicht lange zögern dürfen, da es mir wohl bekannt war, daß ich die Balken, zur Schlipp und Schlitten nebst Zubehör noch 360 Fuß, nicht so leicht wie die ersten 200 Fuß würde herstellen lassen können, sondern sehr weit ins Land hineinziehen müßte, um passende Bäume dazu zu finden, auch, daß mit der Entfernung die Schwierigkeiten wachsen würden. Weite Touren landeinwärts, gelegentlich Sonntags unternommen, hatten mir eine Wildniß gezeigt, durch die ich kaum hoffen konnte durchzudringen, es aber doch schließlich versuchen mußte, sobald ich irgend wieder einige Tage von der Werft abkommen konnte. Die Leute allein auszuschicken war zwecklos und da auch Ottlich krank war, so hätte ich an seiner Stelle keinen anderen Handwerker hinaussenden können.
Mit dem nächsten Wagentransport, der um diese Zeit von Katunga her eintraf, verstärkte sich meine Mannschaft bedeutend, als neben einer Anzahl Suaheli auch vier Europäer Zander, Eikershoff, Wedler und Dohmann ankamen, sodaß außer dem Maschinenkonstrukteur Spenker nun acht Handwerker auf der Werft waren und nur der zweite Maschinist Engelke und die beiden Steuerleute Gerloff und Wissemann fehlten.
Leider waren jedesmal nach so anstrengendem Marsche über das Gebirge und durch die fußhoch mit Wasser überschwemmte Matope-Ebene, alle so marode, auch theils fieberkrank, daß sie acht Tage und länger erst im Lager sich erholen mußten, ehe sie die schwere Arbeit auf der Werft beginnen konnten.
Mit diesem zweiten Transport waren auch die schweren Kesselböden angekommen, ebenso die zu den beiden Dampfkesseln gehörenden Platten, 16 an der Zahl, die nun zu je acht mit zwei Böden zusammengestellt werden sollten, was für die vier Kesselschmiede keine leichte Arbeit war, abgesehen von der viel schwierigeren, das Einziehen der zölligen Niete, deren zu jedem Kessel annähernd tausend nöthig waren. Die Kesselböden, jeder fünf Centner schwer, hätten wir unmöglich auf den Gebirgswegen fortschaffen können, wenn ich nicht schon seinerzeit in Hamburg darüber ernstlich nachgedacht und auf eine Möglichkeit gesonnen hätte, wie es wohl am praktischsten wäre, diese, außer unseren Dampfcylindern, schwersten Eisentheile, bequem und leicht fortbewegen zu können. Die Idee, solche als komplette Wagen zusammen zu stellen, war das einzige, und wurde auch vermittelst angeschraubter Lager, eiserner Achse und Deichsel ausgeführt.
Eifrig bemüht, nach besten Kräften vorwärts zu streben, suchte ich auch die Europäer, wenn Mißmuth und Unlust sich ihrer bemächtigt, wenn sie an das Gelingen des großen Werkes zweifelten und ihren schwachen Kräften es nicht zutrauten, die ungeheure Arbeit glücklich zu vollenden, mit gutem Beispiel voranzugehen, indem ich immer wieder darauf hinwies, daß jeder seine Kraft und Können dem nationalen Werk weihen muß; die kleine Schaar, die wir hier versammelt sind, darf nicht wanken noch weichen, wir sollen es beweisen, wie deutsche Energie und deutscher Muth auch vor dem Schwersten nicht zurückschreckt. Viel Tausende zwar zweifeln in Deutschland an das Gelingen des Werkes -- wir aber dürfen nicht zagen, nicht zurückschrecken und sei es noch so schwer. Ich konnte den Leuten Muth und Zuversicht zusprechen, als ich fest davon überzeugt war und nie gezweifelt hatte, daß ein fester, muthiger Wille alles überwindet -- mehr aber noch suchte ich den Ehrgeiz zu wecken, jedem es als eine besondere Ehre und Auszeichnung darstellend, wenn es heißt, auch er gehört zu jener kleinen Zahl, die unentwegt Großes gewollt und kaum Glaubliches ausgeführt hat.
Alle Bauten, selbst der große nachträglich noch errichtete Zimmermannsschuppen, waren bis Ende März aufgeführt und vollendet, ebenso war die Aufrichtung des Schiffsgerippes nahezu beendet und mit dem Anlegen der Versteifungen, der vielfachen Verbindungen und dem Einsetzen der wasserdichten Schotten konnte begonnen werden. Je weiter der Aufbau aber vorschritt, und mehr und mehr die Arbeiten, welche bisher im Schatten der Schuppen hatten vorgenommen werden können, wegfielen, ausschließlich nun am Körper selbst gearbeitet werden mußte, ergab sich die Nothwendigkeit, um die Leute vor der Sonnengluth zu schützen, daß Vorkehrungen getroffen werden mußten, ein Schutzdach über die ganze Länge des Schiffskörpers zu errichten. Ich trug mich erst mit dem Gedanken, ein mächtiges Grasdach aufzubauen, was jedem anderen vorzuziehen war, da immer unter solchem eine angenehme Kühle vorherrschend ist, ich machte auch Anstalten dazu und ließ die Atonga lange Baumstämme herbeischaffen. Indes bald sah ich ein, daß solch kolossaler Bau nicht aufzuführen war, schon aus dem Grunde, als ich dem Dache keine Mittelstützen geben konnte; daher auch nicht genügende Festigkeit erzielen würde, welche unbedingt nothwendig war, damit das Dach den starken Gewitterstürmen, die wöchentlich mehrmals heranbrausten, widerstehen könnte. In anderer Weise nun vorgehend, errichtete ich einen starken hohen Baumstamm, einige Fuß vor dem Schiffe und zog von den starken Aesten der beiden hohen Bäume, die dicht am Ufer standen, eine lange Kette in der Kielrichtung des Schiffes dorthin, sodaß diese straffgezogen, imstande war, unterstützt durch einige auf den Decksbalken stehende Stützen, eine beträchtliche Last zu tragen. Rings um das Schiff wurden dann hohe Stämme errichtet, auf deren Gabeln dann wieder Verbindungsstangen lagen, die an der Kette befestigt wurden. Darüber nach beiden Seiten hin Segel oder unsere getheerten Wagentuche ausgespannt und befestigt, war ein provisorisches Dach hergestellt, das genügend Schatten gab und selbst den heftigen Winden widerstand. Wollten wir uns aber noch, was später beim Nieten nothwendig wurde, gegen die schrägen Sonnenstrahlen schützen, zogen wir bewegliche Segel zwischen den Baumstämmen auf.
Furchtbare Gewitterregen, wie solche in der gemäßigten Zone fast unbekannt sind, behinderten in den Monaten März und April nicht selten die Arbeit, und mancher Nachmittag war für uns verloren, wenn Schauer auf Schauer folgte und in kurzer Zeit die weite Ebene, Dorf und Werft, in einen See verwandelt waren. Die Wassermassen, von der Erde nicht so schnell aufgesogen, setzten sich naturgemäß in Bewegung nach tiefergelegenen Stellen; aus Rinnen wurden schließlich wilde Bäche, die alles mit sich rissen, was ihren Lauf hindern wollte. Unmerklich, aber doch etwas höher als die Werft lag das Dorf und das hinter diesem liegende Terrain, und so kam es, daß nach jener Rinne hin, die früher schon vorhanden gewesen, ehe ich mit der Ausschachtung begonnen hatte, sich die Wassermassen einen Abfluß zum Flusse suchten, mit Gewalt durch den schwachen Zaun brachen und sich in dieser ergossen. Der anfängliche Schaden war nicht groß, auch suchte ich das Wasser abzulenken und einzudämmen, aber als eines Nachmittags in den letzten Tagen des März ein furchtbares Gewitter sich entlud und ein wolkenbruchartiger Regen niederstürzte, waren gegen die abfließenden Regenmassen alle Vorkehrungen Kinderspiel. Immer wilder strömte das Wasser in die Ausschachtung hinein, riß die feste Erde weg, unterspülte die Balken, worauf das Schiff erbaut wurde und rief die drohende Gefahr dadurch hervor, daß der schwere Körper durch das Nachgeben der Balkenlagen sich neigen und gar umfallen könnte. Die Wasser abzulenken, daran war nicht mehr zu denken, nur so viel konnte ich mit den eiligst zusammengetrommelten Leuten, Soldaten und Dienern thun, um einen Ausstich zu machen, der das Wasser nicht mehr neben die Balken, sondern seitwärts davon ablenkte. Der entfesselte Sturm peitschte dazu das ausgespannte Segeltuch und bog die schlanken Stämme, woran dieses befestigt war, wie Weidenruthen.
In mancher finsterer Nacht auch heulte der Wind, strömte der Regen und die angesammelte Elektrizität entlud sich mit furchtbarer Gewalt -- dann stand ich wohl stundenlang und schaute besorgten Blickes hinüber zum Schiff, prüfte, vor Kälte bebend, die Stützen, ob diese sich nicht gelöst oder nachgegeben hätten, denn die Erschütterungen des Körpers waren stark genug, solche in dem aufgeweichten Erdboden weichen zu lassen. Ein Glück ist es oft, das die entfesselten Naturgewalten, je heftiger sie auftreten, von nur kurzer Dauer sind, sonst würde die schwache Menschenhand wohl nicht im Stande sein, ein zerbrechliches Werk zu schützen; im Aufruhr der Elemente erst erkennt der Mensch, daß es doch noch Gewaltigeres giebt, als sein Wollen und sein Wille.
Einen nicht minder gefährlichen Feind, als die zeitweiligen Fluthen, fand ich in einem unsicht- und unscheinbaren Thierchen, das vieltausend an der Zahl sich in die noch kaum ausgedörrten Balken eingenistet und sein Zerstörungswerk begonnen hatte. Jeden Morgen war die Erde längs den Hölzern mit Häufchen Holzmull bestreut, die von den scharfen Zangen der kleinen Käfer herausgestoßen waren, kleine, oft noch wieder verkittete Löcher zeigten an, wo sie sich ein Luftloch geschaffen hatten. Wer die Wuth kennen gelernt hat, mit welcher die weißen Ameisen und auch die Käfer die verschiedensten Holzarten in unglaublich kurzer Zeit zerstören, wird sich erklären können, daß ich dem Treiben dieser kleinen Nager mit Besorgniß zusah, ohne ein Mittel zur Hand zu haben solcher Zerstörung Einhalt zu thun; diese konnte nach Monaten soweit vorgeschritten sein, daß ich mit Bestimmtheit die vollständige Werthlosigkeit der Balken voraussetzen mußte. Zwar schaute ich diesem Werke der allmählichen Zerstörung nicht unthätig zu, und den Beweis zur Hand habend, das solche Nager saures oder bitteres Holz, wie unser Teakholz, nicht angehen, machte ich freilich zu spät einen Anstrich mit schwedischem Theer, verdünnt mit Petroleum, erreichte aber damit nur das Eine, nicht mehr sehen zu müssen wie auch äußerlich das Holz zerfressen wurde.
Woher diese Thierchen kommen und wie zahllos sie sich vermehren können blieb mir ein Räthsel; so viel nur beobachtete ich, daß, wo durchaus keine Anzeichen von der Anwesenheit dieser Nager in der Erde vorhanden waren, sie sofort in Thätigkeit traten, sobald ein Stück Holz in ihrem Bereiche kam. Der Erdboden in meinem Hause, gewiß hart und trocken, barg diese gefährlichen Thierchen aber doch in solcher Menge, daß ich nie auch nur für eine Nacht eine Kiste auf der Erde stehen lassen durfte, wollte ich nicht am Morgen den Boden halb zerstört vorfinden. Vollständig feucht und klebrich war der Fleck, wo eine solche Kiste gestanden hatte und abertausend weißer Thierchen eilten beim Tageslicht besehen ängstlich hin und her, wenn sie plötzlich gestört und ihre in Bildung begriffenen Gänge freigelegt wurden.