Part 4
Das Nothwendigste indes war, sobald die Soldatenzelte herausgeschafft worden waren, entfernt vom Lager einen Platz zu suchen, wo ein solches für Pockenkranke aufgerichtet werden konnte; sollten doch laut Bestimmung des Majors die Kranken unter Aufsicht eines Suaheli, der früher schon diese Krankheit überstanden und somit keine Ansteckung zu befürchten hatte, auf dieser gänzlich unbewohnten Insel zurückgelassen werden. Ein günstigerer Ort konnte so leicht nicht gefunden werden, und siegte die Natur überhaupt über diese den Körper verheerende Seuche, so waren derselben hier die beste Unterstützung, kühle frische Luft und unbedingte Ruhe, gegeben. Meines Wissens kehrte aber nach Wochen, von einem späteren Transport abgeholt, der Wächter allein zurück, nachdem er seinen Kameraden dort ein einsames Grab gegraben hatte.
Nachdem den Soldaten freie Zeit zum Abkochen gegeben war, holten sich die Sudanesen das vom Major am Morgen erlegte Krokodil und begannen mit der Zerlegung des über drei Meter langen Thieres. Jedoch als es zur Vertheilung kam, wollten auch Suaheli und andere ihren Antheil haben und, um den entstandenen Streitigkeiten ein Ende zu machen, mußte ich jeder Abtheilung das Ihrige zuweisen. Besonders schienen die Sudanesen die Eier, von denen eine beträchtliche Anzahl im Körper des Thieres vorhanden waren, zu schätzen, denn eher ließen sie ein gutes Stück Fleisch fahren, als daß sie in eine Vertheilung derselben einwilligten, auch sprach ich sie ihnen um so eher zu, da sie doch die Arbeit der Zerlegung sich unterzogen hatten.
Die Gewohnheit des Negers von einem Thiere absolut nichts weiter übrig zu lassen als Haut und Knochen, bewog auch Einzelne den Magen des Krokodils einer näheren Besichtigung zu unterziehen. Kleine und größere, fast unledirte Fische, war das erste Ergebniß dieser Untersuchung, dann kamen noch haselnuß-große Steine, Glasperlen und messinge Armringe zum Vorschein. Diese letzten Funde machten es zur Gewißheit, daß dieses Thier vor längerer Zeit ein argloses junges Mädchen oder Weib vom Ufer geraubt hatte und mit seiner kostbaren Beute sich jeder Verfolgung zu entziehen gewußt hat.
Die Eingebornen sind gegenüber diesem schlimmen Feinde in der That vollständig machtlos. Ihre scharfen Pfeile vom straffen Bogen geschnellt, die jede Haut eines anderen Wildes durchdringen würden, prallen auf dem festen Panzer des Krokodil machtlos ab; selbst wo ihnen Feuerwaffen zur Verfügung stehen sind diese doch von solcher Beschaffenheit, daß die Kugel nur im glücklichsten Falle dem Menschenräuber eine Wunde beizubringen vermag.
Die Entdeckung, daß das Krokodil besonders wählerisch in Betreff seiner Nahrung gewesen war, hielt die Leute nicht weiter ab, das Fleisch des Thieres nach ihrer Methode sorgfältig zuzubereiten, was gewöhnlich in der Weise geschieht, daß es am Feuer oder in der heißen Asche geröstet wird. Soviel war gewiß, der größte Theil unserer Leute erfreute sich eines delikaten Abendessens, »geräuchertes und gekochtes Krokodilfleisch«, während wir Europäer mit Conserven vorlieb nahmen, die unserm verfeinerten Geschmack besser mundeten.
2. Bis zum Lager von Ntoboa und die Erbauung desselben.
Die Entdeckung und der befundene Beweis, daß die gepanzerten Unholde so kühne Menschenräuber sind, sollte manchem der Krokodile von unserer Seite Verderben bringen, und als ein Gaudium betrachteten wir es, wenn durch einen guten Schuß solch ein mächtiges Thier todeswund sein Heil in der Flucht suchte, oder auch auf der Stelle getödtet, als Trophäe in das Lager geschleppt wurde. Viel Unheil haben sie auch uns zugefügt, mancher unserer Leute wurde ein Opfer eigener Unachtsamkeit und eine Beute der gefrässigen Räuber, indes abgesehen von denen die ich selbst geschossen, hat jedes Mitglied der Expedition mehr oder weniger den Krokodilen nachgestellt und jeder Menschenraub ist an ihnen furchtbar gerächt worden.
Die Bemühungen des Majors in Vicente Proviant und Holz zu erhalten, waren von gutem Erfolg gekrönt; schon am nächsten Morgen brachten Eingeborne Canoes mit Brennmaterial und schließlich lebendes Vieh, als Schafe und Ziegen. Aus den Aeußerungen des Majors aber war zu entnehmen, daß die Portugiesen die Gelegenheit beim Schopf genommen und sozusagen mit Gold sich ihre Gefälligkeit hatten aufwiegen lassen. Am 21. früh, nachdem noch großer Apell angesagt und abgehalten, die zurückbleibenden Kranken und ihr Wärter genügend mit Proviant versehen worden waren, setzten wir unsere Fahrt flußaufwärts mit frischem Muthe fort.
Voraussichtlich, wenn nicht zu große Hindernisse zu überwinden waren, konnten wir an diesem Tage noch Schupanga erreichen. So weit wie der Fluß für den vier Fuß tiefgehenden »Pfeil« befahrbar war, ging es denn auch Volldampf vorwärts; wir konnten rechnen, als um 3 Uhr Nachmittags die Häuser der portugiesischen Station in Sicht gekommen waren, nach kurzer Zeit diesen Ort zu erreichen. Ein Creek, der zur Rechten in den Fluß mündete und ein Arm des Hauptstromes war, (hier ebenfalls wie bei Vicente unter denselben Verhältnissen ein Inselgebilde hat) hatte aber durch vorgeschobene Sandbänke, welche durch die Kreuzung der beiden Strömungen entstanden waren, in dem über tausend Meter breiten Flußbett nur eine sehr schmale Wasserstraße freigelassen, durch deren Windungen der »Pfeil« mühsam geleitet werden mußte.
Immer noch war es uns bisher gelungen, unter anscheinend ebenso schlechten Verhältnissen den »Pfeil« und die Boote hindurch zu bringen, hier jedoch schien jeglicher Versuch vergeblich zu sein; wieder und wieder rück- und vorwärts arbeitete die Maschine mit aller Kraft, nach Stunden hatten wir kaum einige hundert Meter gewonnen. Endlich, nachdem wir bis oberhalb der Mündung des Creeks gelangt waren, und unmittelbar unter der hohen steilen Uferbank der erwähnten Insel tieferes Wasser gefunden hatten, glaubten wir das Schlimmste überwunden zu haben; indes war die schmale Fahrstraße auch tief, so konzentrirte sich hier die ganze Kraft der Strömung und unser Dampfer, gehemmt durch seine Last, war nicht im Stande diese zu überwinden.
Wie oft wir auch die Versuche erneuerten, mit der zulässig höchsten Dampfspannung die Maschine arbeiten ließen, kamen wir doch nur bis zu einem bestimmten Punkt, an welchem der Wirbelstrom so rasend war, daß er Dampfer und Boote im Kreise drehend, augenblicklich aus dem Kurse schleuderte und mit sich hinweg riß; erst in ruhigem Wasser gelang es, Dampfer und Boote wieder gegen den Strom zu richten. Schon zogen die Schatten der Nacht herauf und mahnten uns bedacht darauf zu sein, ein Nachtquartier zu suchen; aber vor uns die wilde Strömung, hinter uns Sandbänke und flaches Wasser, war es unmöglich das Land zu erreichen. Aufs Neue ging es vorwärts, wir sollten und mußten hindurch; mit langen Bambusstangen stand die Mannschaft auf allen Booten zum Schieben bereit und auf ein gegebenes Zeichen tauchten die Stangen in die Tiefe, Menschenkraft vereint mit Dampfkraft suchte Herr der rasenden Strömung zu werden! Alles vergeblich, aus dem Kurse gedrängt lagen Dampfer und Fahrzeuge im Augenblick breitseits im Strome, jeder verzweifelten Anstrengung spottend und trieben machtlos den Sandbänken zu.
Was bei früheren Versuchen uns dieser Gefahr entgehen ließ, war der Umstand, daß jedes Mal die Strömung den Dampfer nach der offenen Wasserseite zu abgedrängt hatte und mit vorwärts arbeitender Schraube konnten wir so den Untiefen entgehen. Dieses Mal jedoch riß der Wirbelstrom die Fahrzeuge rechts herum; das Vordertheil des Leichters nun an das Ufer gedrängt, verursachte eine große Hemmung, und da die rückwärts arbeitende Maschine nicht im Stande war, diese zu überwinden, so lagen wir in wenig Minuten auf einer Untiefe in der Mündung des Creeks so fest, daß ein Abbringen der Boote die größten Schwierigkeiten machen mußte. Langes Besinnen in dieser schlimmen Lage konnte verhängnißvoll werden, auch befürchtete ich, sollten wir den Leichter nicht mehr frei bekommen, während der Nacht ein Versanden desselben, was bei den losen vom Strome leicht angehäuften Sandmassen immerhin möglich war.
Schnell wurde der »Pfeil« von seiner Last befreit, und nachdem der Dampfer wieder freieres Wasser gewonnen, mit dem Ausbringen eines schweren Ankers begonnen, was uns nach vieler Mühe denn auch gelang. Wie aber vorauszusehen war, konnte der Anker in dem losen Grund keinen Halt gewinnen, denn fünfzig Mann holten diesen durch den Sand, ohne auch nur den Leichter etwas aus seiner Lage zu bringen. Ein zweiter Versuch ergab dasselbe Resultat, und schon sollte eine Schlepptrosse zum »Pfeil« gebracht werden, um mittelst der Dampfkraft einen Erfolg zu erzielen, als plötzlich hinter der nächsten Biegung die beiden englischen Kanonenboote »Herald« und »Mosquito« in Sicht kamen, die unsere Lage bemerkend, so nahe als möglich zu uns hinüber steuerten und zu Anker gingen.
Da die Führer beider Schiffe dem Major persönlich bekannt waren, war wohl anzunehmen, daß ein Ersuchen um Hülfeleistung nicht abgeschlagen werden würde. Bald wurde denn auch vom »Herald«, Kapitän Robertson, ein Boot abgesandt, das Erkundigungen einziehen und den Major zwecks näherer Rücksprache an Bord bitten sollte. Im Kommando der Erste, wies Kapitän Robertson bald darauf den »Mosquito« an, querab unserer Boote sich gut zu verankern und den Versuch zu machen, zuerst den Leichter mittelst Ankerwinde frei zu bringen.
Doch die beträchtliche Entfernung zwischen Schiff und Leichter, dazu der starke Strom, machten das Herüberbringen einer langen starken Leine sehr schwierig. In weitem Bogen wurde diese von der Strömung fortgeführt, sodaß, als endlich der Leichter erreicht war und ich das Tau gut befestigt hatte, die Kraft und die Spannung desselben beim Einholen so gewaltig wurde, daß es entzwei riß und die Arbeit nochmals von vorne begonnen werden mußte. Beim zweiten Versuch wurde das Tau nicht mehr direkt durch die Strömung zum Leichter geführt, sondern erst eine Strecke geradeaus stromaufwärts gefahren und dann mit aller Kraft die Strömung durchrudert. Auf diese Weise wurde nicht zu viel Leine von den Wassermassen weggeführt, und es gelang, als die Ankerwinde in Thätigkeit gesetzt worden war, das Tau durch die aufgewendete Kraft über Wasser zu bringen. Es bedurfte zwar einer bedeutenden Anstrengung, den Leichter wieder frei zu machen, jedoch, als derselbe erst nur wenig vom Grunde gelöst war, machte es weiter keine Schwierigkeit, ihn gänzlich abzuholen und längsseit des »Mosquito« zu bringen. Ebenso machten wir auch die Sektionsboote frei, von welchen der »Herald« je eins an jeder Seite nahm und darauf über die Untiefen weiter dampfte, gefolgt vom »Mosquito«. So gering war die Entfernung von dem Orte, zu dem wir zu gelangen getrachtet hatten, noch gewesen, daß nach etwa 10 Minuten schon alle Fahrzeuge an einer gut geschützten Stelle anlegen konnten.
Wie schon erwähnt worden, ist die Konstruktion der »Stern-wealer« (Hinterraddampfer) für solche Flüsse, von so ungleicher Tiefe wie der Zambesi, die beste, die des »Pfeil« dagegen, so kräftig das kleine Schiff auch war, bewährte sich nicht, einzig allein dadurch, weil der Tiefgang von vier Fuß ein zu großer, freilich nach Art der Konstruktion auch nicht viel verringert werden konnte.
All die Hemmungen im Vordringen und der Zeitverlust wurden durch diesen Uebelstand hervorgerufen, wäre hingegen der Tiefgang des »Pfeil« nur 2-2-1/2 Fuß gewesen, dann hätte ein wesentlich anderes Resultat erzielt werden können, wenigstens wäre ein Uebereinkommen unterblieben, das uns in der momentanen Nothlage zwar von großem Nutzen, allein den Engländern einen unschätzbaren Vortheil sicherte.
Kurze Zeit nach unserer Ankunft gelangte auch der »Pfeil« zum Anlegeplatz, der, nun ledig seiner Last, mit besserem Erfolg die tiefe, reißende Strömung zu überwinden im Stande gewesen war. Sehr bald loderten die Wachtfeuer im weiten Kreise auf, an welchen die ermüdete und hungrige Mannschaft noch um 10 Uhr das einzige warme Essen an diesem Tage sich bereitete; auch wir Europäer, auf dem Sandboden hockend, ließen uns die karge Mahlzeit, gebratene Süßkartoffeln und aufgewärmte Wiener, gut schmecken, welche unsere Diener noch in Eile hergerichtet hatten. Es bedurfte aber beständiger Aufsicht und häufig selbstthätiges Eingreifen unserseits, wenn wir unsere Speisen reinlich und nach Umständen sauber zubereitet wissen wollten, denn der Neger kann es nicht recht einsehen, warum der weiße Mann in Betreff der Reinlichkeit so penibel ist und er so oft bei ertappter Unsauberkeit gescholten wird.
Wie friedlich auch die Nacht ringsum war, in der wir Stärkung zur neuen Thätigkeit und Arbeit zu finden hofften, so war doch der kleine blutdürstige Quälgeist, der »Mosquito«, hier in unheimlicher Anzahl vertreten und ein böser Störenfried. Zu jeder Abendstunde und in jeder Nacht waren diese Mückenschwärme unsere schlimmen Feinde, die uns die nothdürftige Ruhe raubten und deren empfindliche Stiche noch obendrein schmerzhaft waren. Das einzige Mittel gegen diese unglaublich zudringlichen Peiniger ist das dichtgewebte Mosquitonetz, das freilich diese kleinen Thierchen von einer direkten Belästigung abhält, indes ist ihr scharfes Summen nicht minder unangenehm und wer sich nicht eines festen Schlafes erfreuen konnte, dem hielt das singende Schwirren wach, bis trotzdem die Natur ihr Recht forderte.
Die Erfahrung, und namentlich das Festkommen der Fahrzeuge, hatte gelehrt, daß unser »Pfeil« trotz seiner starken Maschine und sonstiger guter Eigenschaften, für die Folge der Expedition keine sehr wesentlichen Dienste werde leisten können, nur soweit, als die Wasserverhältnisse es gestatteten, war er uns von großem Nutzen; der stromaufwärts immer flacher werdende Fluß setzte selber diese Grenze fest. Dieser Umstand bewog wohl hauptsächlich Major von Wißmann, den gemachten Anerbietungen der Engländer zuzustimmen, und nach den später in Kraft getretenen Abmachungen sollten diese in folgender Weise zur Ausführung gelangen.
Die beiden englischen Schiffe haben der deutschen Expedition ihre Unterstützung zu gewähren und diese zunächst bis Misongwe, dem größten Handelsorte am unteren Zambesi zu bringen. Von dort setzen die Kanonenboote ihre angefangene Reise den Schire aufwärts fort, kehren später zurück und bringen das gesammte Material der Expedition bis nach Port Herald, bis wohin der Schire in dieser Jahreszeit noch befahrbar sein würde. Major von Wißmann schafft in der Zwischenzeit seine Expedition mit Hülfe des »Pfeil« von Chinde nach Misongwe resp. dem Orte, wo die Nothwendigkeit gebietet, ein Lager zu beziehen. Ist nun nach einigen Monaten diese Arbeit vollendet und bis nach Port Herald alles hinaufgeschafft worden, erhalten die Engländer zwei unserer großen Leichter zur freien Verfügung, vermittelst welcher sie das Material für ihre Kanonenboote bis Katunga schaffen können.
Mit dem Grauen des nächsten Tages, sobald alles wieder eingeschifft worden war, holten wir die Leichter und Boote über die den ganzen Fluß sperrende Untiefe bis zum Ankerplatz der englischen Schiffe; eine mühevolle Arbeit aber war es, denn oft saßen die Fahrzeuge fest und es gelang erst diese vorwärts zu bringen, wenn Anker an langen Tauen aufgebracht worden waren; wollte auch dieses nichts helfen, mußten alle Mann in das zwei Fuß tiefe Wasser, um zu schieben, gleicherzeit aber auch, um die Last des Bootes zu vermindern.
Als der Leichter längsseit der »Herald« gebracht war, suchte das Schiff tieferes Wasser zu gewinnen, aber, abgedrängt durch die Strömung, saß es bald auf Grund und hatte, nachdem der Leichter wieder freigegeben war, Mühe genug, selbst flott zu werden. Dem »Mosquito« gelang es besser, an jeder Seite ein Sektionsboot, wurde die Steuerfähigkeit dieses Schiffes nicht so beeinträchtigt, deshalb gaben wir das kleinere unserer Boote an den »Herald« ab und der »Mosquito« nahm den Leichter auf; endlich nach vielen Windungen, bald rechts, bald links tiefere Stellen suchend, gelangten wir in freieres Wasser.
Oberhalb Schupanga dehnen sich weite Waldflächen aus, die bis zum Ufer herantreten und dem weiten Gebiete einen freundlicheren Anblick gewähren, als wie die bisher durchzogenen trostlosen Einöden, die nur mit Rohr und Gras, seltener Busch und Baum, bewachsen waren. Man darf sich unter der Bezeichnung Wald hier noch nicht eine Vergleichung mit den Forsten der Heimath vorstellen, denn, verwachsene Baumarten, untermischt mit schlanken Stämmen, nehmen die Beschaffenheit eines Urbusches an; keine Hand verhindert das Emporschießen des Unkrauts, der Schlingpflanzen etc., und in wilder Ueppigkeit sprießt die Vegetation empor, oft für Mensch und Thier undurchdringlich.
Etwa zwei Stunden oberhalb Schupanga, unter einem steilen bewaldeten Ufer, fanden wir die Holzstation. Hier sind jederzeit wenigstens einige Stapel Holz zu erhalten, die ein Halbportugiese verkauft, der den Ertrag dem Gouvernement einzuliefern hat.
Diese Mischlinge, dunkler fast als die Eingebornen selbst, kaum daß noch europäisches Blut in ihren Adern nachweisbar wäre, sind furchtbar stolz auf ihre Abstammung, und würde man versucht sein, sie mit dem Neger auf derselben Stufe stellen zu wollen, die bloße Andeutung nur wäre schon eine schwere Beleidigung und ihr Haß nicht ganz gefahrlos. An Gestalt sind sie fast klein und schmächtig, sie haben aber im Laufe der Jahrzehnte unter den Bewohnern des weiten Gebietes großen Einfluß erlangt, und, da vornehmlich das Beamtenthum durch sie vertreten wird, sind sie die besten Kenner der Verhältnisse, aber auch nicht minder schlimme Schatzmeister, die vom Eingebornen nehmen, was erhältlich ist. Da der Holzvorrath hier nicht beträchtlich war, bei weitem nicht den Bedarf der drei Dampfer deckte, so hatte ich gemäß der vom Major erhaltenen Ordre, sämmtliche Leute nach unserer Ankunft mit Aexten und Sägen ausgesandt, um Holz herbeizuschaffen. War bis dorthin, wo das Fällen abgestorbener Bäume sich lohnte, auch eine Strecke zu gehen, hatten wir doch nach einigen Stunden schon einen beträchtlichen Haufen Brennholz zum Ufer geschafft.
Inzwischen, um die Mittagsstunde, war auch der »Pfeil« mit dem Major von Wißmann angelangt, dieser hatte, da er absolut die Bank bei Schupanga nicht passiren konnte, einen weiten Umweg machen müssen, und in dem erwähnten Creek, der auch mit dem Hauptstrom in Verbindung stand, eine schmale, aber tiefere Fahrrinne gefunden. Uebrigens ist gerade an diesem Orte, wo der Fluß sich in drei Arme theilt, eine schlechte von vielen Untiefen verlegte Passage; das Fahrwasser ändert sich unausgesetzt. Nach Wochen findet man eine früher passirbare Stelle ganz versandet vor, ohne daß stärkere Strömungen Einfluß gehabt hatten, der lose Sand wird eben bald hier, bald dort abgelagert.
Ich war der Ansicht, daß wir uns tüchtig mit Holz für eine größere Tour versehen müßten, weil bis Misongwe kein Holzplatz weiter vorhanden ist; allein die Engländer, die das vorräthige Holz vom Portugiesen aufgekauft, hatten bald ihren Bedarf gedeckt und wünschten, um nicht Zeit zu verlieren, nun ihre Fahrt fortzusetzen. Daraufhin gab der Major Befehl, mit dem Heranschleppen von Holz aufzuhören und mit soviel Aexten als vorhanden wären sofort das Zerspalten und Zersägen vorzunehmen. Hätten wir ahnen können, wie schwierig das weitere Vordringen werden sollte, wie nach kurzer Distanz unüberwindliche Hindernisse sich uns in den Weg stellen würden, ein solches Hasten und Eilen wäre unnöthig gewesen. Wohl wußten die Engländer, daß voraus noch die schwierigste Stelle im ganzen Fluß zu passiren sei, hofften jedoch, die Boote über die Untiefen bringen zu können, sofern nur der »Pfeil« im Stande sein würde, allein hinüberzukommen.
Um 2-1/2 Uhr Nachmittags, nachdem die englischen Schiffe die Boote, der »Pfeil« den Leichter längsseit genommen, setzten wir unsere Fahrt flußaufwärts fort. Im Kielwasser des leitenden »Herald« folgend, ging anfänglich alles gut von Statten, bis nach etwa ein und einhalbstündiger Fahrt das erste Hinderniß uns entgegentrat. Eine schmale tiefere Rinne, welche den breiten Fluß quer durchschnitt, gebildet durch angeschwemmte mächtige Bäume, deren Gezweig noch hoch über Wasser emporragte, konnten wir wegen der sich kreuzenden Strömung nicht schnell genug passiren, und seitwärts abgedrängt, kam der Leichter auf Grund, und ehe noch die Taue gelöst werden konnten, auch der »Pfeil«. Während dessen wir nun uns aus der unangenehmen Lage mittelst Anker und Leinen zu befreien suchten, dampften die Kanonenboote voraus, kamen ihnen aber, als wir nach einer Stunde etwa folgen konnten, wieder näher. Der Grund dieser Verzögerung war bald ersichtlich, die beiden Schiffe, trotz 2-1/4 Fuß betragenden Tiefganges, waren nicht im Stande gewesen, eine über die ganze Wasserfläche sich ausdehnende Untiefe zu passiren und hatten sich nach vergeblichen Versuchen so fest gesetzt, daß sie nicht mehr rück- noch vorwärts konnten.
Für uns war diese Wahrnehmung eine schlechte Aussicht, den vier Fuß tiefgehenden »Pfeil« hinüberzubringen, denn was die flachgehenden Schiffe nicht vollbringen konnten, mußte für den »Pfeil« eine Unmöglichkeit werden.
Indes so leicht ließ sich Major von Wißmann durch entgegentretende Hindernisse nicht abschrecken; ehe das Unmöglich von ihm anerkannt wurde, mußte auch der ernstlichste Versuch gescheitert sein. Das Wollen und Müssen, gepaart mit Energie, war eine mächtige Triebfeder, die das ferne Ziel durch feste Willenskraft immer erreichbar scheinen ließ, so viele und große Hemmungen natürlicher oder anderer Art sich auch entgegenstellen mochten.
Nicht lange erst die Zeit durch Ueberlegen verschwendend, wurde nach Angabe des Lootsen die Fahrrinne aufgesucht und dann Versuch auf Versuch gemacht, um diese Untiefe zu passiren. Bald rechts, bald links von dieser, wo immer nur der Peilstock einige Zoll Wasser mehr ergab, arbeitete der »Pfeil« mit vollster Dampfkraft vorwärts; allein alles Mühen war vergeblich. Darauf wurden viele unserer Leute nach allen Seiten ausgesandt, um die Tiefe des Flußbettes zu untersuchen, und, als nahe einer großen Sandbank eine etwas tiefere Stelle gefunden wurde, ging es nochmals vor. Plötzlich aber saß der Leichter fest, durch die Maschinenkraft vorne auf den Grund hoch geschoben, brachen die Befestigungen; der »Pfeil«, ebenfalls gehemmt, erlitt durch den erschütternden Ruck am Inventar Beschädigungen; alles, was nicht fest versichert war, fiel an Deck, die starken Regelingstangen und Sonnensegelstützen brachen oder wurden stark verbogen.
So ging es also nicht; der Leichter wurde losgelöst und mir fiel die Ausgabe zu, denselben wieder flott zu machen. Der Major aber versuchte aufs Neue, mit dem »Pfeil« allein durchzukommen.
Gewaltige Anstrengungen wurden noch gemacht, nichts unversucht gelassen, um trotz alledem eine Durchfahrt zu erzwingen; hier aber scheiterte die größte Energie und Willenskraft an einem natürlichen Hinderniß, dem gegenüber der Wille machtlos war. Brachten wir nicht den »Pfeil« hinüber, war ein weiteres Vordringen, wenigstens bis Misongwe, wohin schließlich die englischen Schiffe, nachdem sie diese Untiefe nach angestrengster Arbeit überwunden hatten, unsere Boote gebracht hätten, zwecklos. Schließlich, als das Unmögliche nicht möglich gemacht werden konnte, gab der Major weitere Anstrengungen auf und kehrte zum Leichter zurück.
Was nun? Auf ein Steigen des Flußes in dieser Jahreszeit war nicht zu rechnen, im Gegentheil, derselbe konnte leicht noch mehr fallen. Der praktische Gedanke, den »Pfeil« zwischen Leichter und Boot zu heben, war ausführbar, indes, da es sich um mehr als einen Fuß handelte, so konnten wir das schwere Schiff mit unsern einfachen Mitteln nicht hoch winden, es blieb also nicht anderes übrig, als den Rückzug anzutreten, oder zu bleiben wo wir waren.
Das nahe, etwa fünfzehn Fuß hohe und steile Ufer, unter welchem eine Strecke weit tieferes Wasser gefunden wurde, eignete sich nicht besonders zum Lagerplatz; bis zu der vor wenigen Stunden verlassenen Holzstation zurückzukehren, wo die Uferbeschaffenheit fast dieselbe war, schien, nach den schon überwundenen Schwierigkeiten, noch weniger rathsam, so, kurz entschlossen, wählte der Major von zwei Uebeln das kleinere.
Weitere Schwierigkeiten, den »Pfeil« und Leichter unter Land zu bringen, boten sich nicht mehr; bald lagen auch die Fahrzeuge durch ihre Anker wohl befestigt am Ufer. Nachdem wir darauf die steile Uferwand erklommen hatten, suchten wir uns oben einen Platz zum Nachtquartier. Eine weite Grasfläche, im Hintergrunde Busch und Baum und 6-8 Fuß hohe Termitenhügel, war das einzige was sich unsern Blicken darbot, sonst kein lebendes Wesen im weiten Umkreise sichtbar. Das etwa mannshohe Gras verhinderte auch, genügende Umschau zu halten, und erst am nächsten Tage erfuhren wir, daß eine kleine Strecke flußaufwärts, verdeckt durch den nächsten Urbusch, das Dorf Ntoboa liege.
Es war in der glühenden Sonne eine heiße Tagesarbeit gewesen, die hinter uns lag, dennoch, bis zur sinkenden Nacht, mußten die von den englischen Schiffen weit über die Untiefe geschleppten Sektionsboote herangeschleppt werden, und die Bootsführer, Proviantmeister Illich und Sergeant Bauer, hatten vollauf zu thun, den ihnen zugegangenen Befehl, die Boote zum Lagerplatz zu bringen, auszuführen.
Die Erbauung eines großen Lagers an diesem Orte wollte Major Wißmann den Umständen anheim stellen und erst nach Rücksprache mit den englischen Schiffsführern eine Rekognoszirungstour bis Misongwe unternehmen, die ihm über die Wasserverhältnisse des Flusses weiter oberhalb Aufschluß geben sollte. Auch sollte der nächste Tag erst entscheiden, was gethan werden müßte, nachdem nochmals ein letzter Versuch gemacht wäre, und ob wir denn wirklich vor diesem Hinderniß Halt machen müßten und es absolut keine Möglichkeit gäbe, durchzudringen. Wie vorauszusehen, mißlang ein erneuter Versuch abermals; die unternommene Tour flußaufwärts ergab ebenfalls ein negatives Resultat -- so den Verhältnissen Rechnung tragend, beschloß der Major nach seiner Rückkehr, diesen Ort, den ich inzwischen hatte säubern lassen, als Stapelplatz beizubehalten.
Die Leitung und Aufsicht der hier vorzunehmenden Arbeiten sowie der Befehl über die ganze Mannschaft wurde mir übertragen, weil der Major beabsichtigte, nach Chinde zurückzukehren und den nächsten Transport abermals zu leiten. Seine Anwesenheit war dort auch nothwendiger als hier, da in Chinde fast das ganze Personal der Expedition noch des Aufbruchs harrte.