Part 1
Berge Meere und Giganten
Roman
von Alfred Döblin
1924 S. Fischer / Verlag / Berlin
Sechste bis neunte Auflage
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag A.-G., Berlin
Zueignung
Was tue ich, wenn ich von dir spreche. Ich habe das Gefühl, als dürfte ich kein Wort von dir verlauten lassen, ja, nicht zu deutlich an dich denken. Ich nenne dich „du“, als wärst du ein Wesen, Tier Pflanze Stein wie ich. Da sehe ich schon meine Hilflosigkeit und daß jedes Wort vergebens ist. Ich will nicht wagen euch nahe zu treten, ihr Ungeheuren, Ungeheuer, die mich auf die Welt getragen haben, dahin, wo ich bin und wie ich bin. Ich bin nur eine Karte, die auf dem Wasser schwimmt. Ihr Tausendnamigen Namenlosen hebt mich, bewegt mich, tragt mich, zerreibt mich.
Ich habe schon Vieles geschrieben. Nur herumgegangen bin ich um euch. Mit Angst habe ich mich vor euch entfernt. In meiner Demut vor euch war Angst vor Lähmung und Betäubung. Immer habe ich euch, ich gestehe es, als Schreckliches in einem dunklen Winkel des Herzens gehabt. Da hatte ich euch verborgen, hielt die Türe zu.
Jetzt spreche ich – ich will nicht du und ihr sagen – von ihm, dem Tausendfuß Tausendarm Tausendkopf. Dem, was schwirrender Wind ist. Was im Feuer brennt, dem Züngelnden Heißen Bläulichen Weißen Roten. Was kalt und warm ist, blitzt, Wolken häuft, Wasser heruntergießt, magnetisch hin- und herschleicht. Was sich in Tieren sammelt, in ihnen die Schlitzaugen nach rechts und links bewegt auf ein Reh, daß sie springen schnappen, die Kiefern öffnen und schließen. Von dem, was dem Reh Furcht macht. Von seinem Blut, das fließt und das das andere Tier trinkt. Von dem Tausendwesen, das in den Stoffen Steinen Gasen haucht, raucht, sich löst, verbindet, verweht. Immer neuer Hauch und Rauch. Immer neues Prasseln Verschmelzen Verwehen.
Jede Minute eine Veränderung. Hier wo ich schreibe, auf dem Papier, in der fließenden Tinte, in dem Tageslicht, das auf das weiße knisternde Papier fällt. Wie sich das Papier biegt, Falten wirft unter der Feder. Wie die Feder sich biegt, streckt. Meine führende Hand wandert von links nach rechts, nach links vom Zeilenende zurück. Ich spüre am Finger den Halter: das sind Nerven, sie sind vom Blut umspült. Das Blut läuft durch den Finger, durch alle Finger, durch die Hand, beide Hände, die Arme, die Brust, den ganzen Körper, seine Haut Muskeln Eingeweide, in alle Flächen Ecken Nischen. So viel Veränderung in diesem hier. Und ich bin nur ein Einzelnes, ein winziges Stück Raum. Auf meinem Tisch, dem weißen Tuch verwelken drei gelbe Tulpen, jedes Blatt daran unübersehbar reich. Daneben grüne Blätter von Weißdorn Rotdorn. Unten auf dem Rasen Stiefmütterchen Vergißmeinnicht Veilchen. Es ist Mai. Ich habe nicht gezählt, wie viele Bäume Blumen Gräser in den Anlagen stehen. An jedem Blatt Stengel Wurzelschaft geschieht sekundlich etwas.
Da arbeitet das Tausendnamige. Da ist es.
Singen der Drosseln, Rasseln Schmettern der Schienen: da ist es.
Stille, mit einer Bewegung gefüllt, die ich nicht höre, von der ich doch weiß, daß sie abläuft: da ist es. Das Tausendnamige. Sich unaufhörlich Wälzende Drehende Aufsteigende Zurückfallende sich Kreuzende.
Ich gehe auf dem weichen wippenden Boden am flachen Ende des Schlachtensees. Drüben die Tische Stühle der Alten Fischerhütte, Dunst über dem Wasser und Schilf. Am Boden der Luft gehe ich. Eingeschlossen in diesem Augenblick mit Myriaden Dingen an dieser Ecke der Welt. Wir sind zusammen diese Welt: weicher Boden Schilf See Stühle Tische der Fischerhütte, Karpfen im Wasser, Mücken darüber, Vögel in den Gärten der Villen von Zehlendorf, Kuckucksruf Gräser Sand Sonnenlicht Wolken Angler Angelrute Leinen Haken Köder Kindergesang Wärme elektrische Spannung der Luft. Wie blendend tobt oben die Sonne. Wer ist das. Welche Masse Sterne toben neben ihr, ich seh’ sie nicht.
Die dunkle rollende tosende Gewalt. Ihr dunklen rasenden, ineinander verschränkten, ihr sanften wonnigen kaum ausdenkbar schönen, kaum ertragbar schweren nicht anhaltenden Gewalten. Zitternder greifender flirrender Tausendfuß Tausendgeist Tausendkopf.
Was habt ihr mit mir vor. Was bin ich in euch. Ich muß sprechen von euch, was ich fühle. Denn wer weiß wie lange ich noch lebe.
Ich will nicht aus diesem Leben gegangen sein, ohne daß sich meine Kehle geöffnet hat für das, was ich oft mit Schrecken, jetzt stille, lauschend, ahnend empfinde.
Erstes Buch.
Die westlichen Kontinente
Es lebte niemand mehr von denen, die den Krieg überstanden hatten, den man den Weltkrieg nannte. In die Gräber gestürzt waren die jungen Männer, die aus den Schlachten zurückkehrten, die Häuser übernahmen, welche die Toten hinterlassen hatten, in ihren Wagen fuhren, in ihren Ämtern dienten, den Sieg ausnutzten, die Niederlage überstanden. In die Gräber gestürzt die jungen Mädchen, die so schlank und blank über die Straßen gingen, als wäre nie ein Krieg zwischen Männern in Europa gewesen. In die Gräber gestürzt die Kinder dieser Männer und dieser Frauen, die heranwuchsen, an den Häusern bauten, die sie übernommen hatten, die Fabriken bevölkerten, die die Toten errichtet und stehen gelassen hatten.
Geschlecht um Geschlecht war wie von einer langsam rutschenden Wand umgelegt worden. Sie begaben sich in die dunklen Wohnungen, die die Elemente bereiteten. Hinter ihnen wurden schon die neuen Geschlechter emporgehoben, fluteten aus geöffneten Schleusen über die verlassene Welt.
Immer waren wieder blanke junge Mädchen da. Junge Männer mit glänzendem zurückgekämmtem Haar, lebhaften Augen, frischen Mündern und Backen, die gern lächelten. In den Alleen Alte an Stöcken mit abwesenden Blicken, und winzige Geschöpfe in weißem Leinenzeug, die mit schrumpfligen Fingerchen sich vor das blinzelnde rosige Gesicht griffen. Am Himmel bewegte sich das stille blitzende Licht, das morgens erschien und abends unterging. Die Erde drehte sich in Tag und Nacht. Trug Erdteile Meere Gebirge Flüsse mit sich. Gab von Jahr zu Jahr neuen Sommer und Winter von sich. Wälder wurden von ihr hochgewälzt; sie stürzten ein; sie trieb neue auf. Schmetterlinge hauchte sie für ein paar Tage hin. Fische Landtiere Vögel Ameisen Käfer Schnecken wuchsen und zerfielen.
Die Menschen der westlichen Völker hinterließen ihren Nachkommen das Eisen die Maschinen, Elektrizität, die unsichtbaren stark wirkenden Strahlungen, die Berechnung zahlloser Naturkräfte. Man hatte Apparate von ungeheurer Macht. Wie die neuen Menschen ins Leben traten, jubelten sie über die Aufgabe, die vor ihnen lag. Es war ihnen gleich, daß ihnen der Weg vorgezeichnet war; sie und dieser Weg konnten sich nicht trennen. Diese Maschinen, Apparate, für die die glanzvollsten reichsten Lehrstätten gegründet wurden, die die anderen Wissenschaften verdrängt und banal gemacht hatten, unernst und ärmlich, wurden Saugapparate, die von Jahrhundert zu Jahrhundert, zuletzt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt intensivere Kraft entfalteten.
Wie die Apparate und Einrichtungen da standen, sprühend an Vermögen, wurden die Menschen gedrängt, sie über die Länder zu führen. Die Erfindungen waren Zauberwesen, die ihnen aus den Händen glitten und sie hinter sich herzogen. Die Menschen fühlten, es war ihr Wille, der vor ihnen flog.
Um Europa und Amerika lagen die Länder, denen man die Macht der Apparate zeigen mußte, wie ein Liebhaber seine süße Geliebte strahlend über die Straßen führt. Jeder bewundernde Blick fährt ihm wonnig ins Herz; er geht neben ihr, ihren Arm haltend, die ihn verschämt anblickt, blickt stolz nach allen Seiten. Sie drangen in die östlichen und südlichen Kontinente ein. Die Winde der Atmosphäre flossen um die Erdkugel, strömten von wärmerer nach kälterer Erde, stiegen auf, flossen oben ab. Sie wehten, die heiße Zone verlassend, nach Süden und Norden hin; die drehende Erde bog sie zur Seite. Gewaltig die Meeresströmungen, die das gleichmäßige Wasser durchdrangen. Von regelmäßigen breiten Furchungen waren die küstennahen Meere durchzogen, den Strandlinien parallel: Wellen in ungeheurer Bewegung setzten an, unablässig aus der Ferne nachdrängend; einförmig ihr Weg; sie schmetterten gegen den Strand. Den Apparaten der Menschen war nicht vorgeschrieben, wohin sie sich zu wenden hatten. Die fliegenden Menschen durchzuckten jede warme und kalte Luft, mochte sie über dem Boden östlich oder westlich schwimmen, oder in dem Kalmengürtel sich langsam über dem tropischen Boden erheben. Ölschiffe Unterwasserboote sausten fegten durch jedes Wasser; wie ein Messer in der Hand des Chirurgen, das das Gefäß umschneidet überschneidet. Die Menschen drangen in die weiträumigen Landschaften ein, Gebirge und Tiefebenen, heiße und kalte Gegenden tragend, die Asien heißen. Die schweifenden fellbekleideten Wogulen Ostjaken Jakuten Tungusen wichen von ihnen erschreckt und höhnisch ab. Die gelben Völker, Chinesen Japaner, wehrten sich nicht, aber nahmen ihnen die Apparate aus der Hand.
Auf Afrika richteten die blassen eisengetriebenen Männer und Frauen ihre Augen. Der uralte noch immer traumverlorene Erdteil. Über die blaugrüne Fläche des Mittelmeeres fuhren von Norden her wie Geschosse die Schiffe der weißen Völker. Die Randgebirge überflogen die leichten Menschen. Siebzig Breitengrade überdeckte der plumpe Erdkoloß.
Am Mittelmeer lagen die Reste der kleinen arabischen Siedlungen, noch von Räubern Entarteten Ungezähmten bewohnt, die Zufluchtsstätte der nordischen Verbrecher, Kampfzentra gegen die erdumspannende Gesellschaft und ihre knebelnde Sicherheit, auch Schmarotzerherde, wie Polizisten und Richter die Blößen der Gesellschaft erspähend, um sie auszubeuten. Sie züngelten viperartig vor. Aus den Jammerlöchern um die Große Syrta, aus Trabulus Lebda Masrata, die verfallen waren wie altbabylonische und ägyptische Städte, stiegen die zahllosen Männer und Frauen, die während vieler Jahrzehnte den europäischen Stier stichelten und quälten. Über sie brausten die weißen Männer und Frauen in kleinen fliegenden Apparaten weg, über die Randgebirge in die heiße große Wüste.
Die Wüste, das mächtige Wesen, zog sich fünfzehn Breitengrade hin, hinter den Bergketten von Marokko bis Tunis versteckt, von Mauretanien und den Zugstraßen der braunen Tuaregs bis zu alten Weideplätzen der berberischen Aulad Soliman. Sie streckte sich, von den Küstenterrassen herwachsend, mit Ebenen Gebirgsstöcken Dünen grau und weiß unter der Sonne aus, die fast gesichtsnah auf ihr lag. Kiesebenen und Steinwüsten ließ sie wechseln. Der Wind zehrte an den nackten glühenden Hügeln, zerrieb mit Sand die Felsen, die Hitze zersprengte zermürbte die Felsen. Wirbelstürme arbeiteten wetzend. Langsam zerfielen die uralten Gebirge der Erde. Aus der Masse des gelben und weißen Flugsandes stiegen schwarze Hügel Klippen hervor. Neben den Steinplateaus der Hammada al-Hamra lagen die niederbrechenden niedersinternden Trümmerfelder des zernagten Serirs. Der Kalk trat zutage, der den schwarzen zerriebenen Sandstein trug; in Dünen wurde alles zu Sand hingelegt. Tibesti das wilde Gebirge, das im Süden zwei Breitengrade überdeckte; dunkelfarbige Blöcke, massig aufeinander gestuft, kahl und nackt. Aus den senkrechten Wänden rieselte stäubte unter dem saugenden Gluthauch der bläuliche grüne weiße Kalkstein. Riesenwürfel bröckelten glitten langsam von den skelettierten Bergen ab, die Hügel flachten sich ab, schoben sich zu Steinflächen aus mit schwankenden Pfeilern und Säulen. Sechshundert öde Kilometer von Ost nach West das Steinland, die Hammada al-Hamra; der Boden gab sich nur dem Wind und der Sonne her; dünner Sand trieb über ihn hin. Zweihundert tote Kilometer wogte das Land südwärts. Wasserlose Ebenen nach Südosten hin. Dies war Fessan. In den kahlen Kalkebenen zwischen den schwarzen Bergen des Tibesti wohnten die Tedas. Lebten mit dem rasenden Wind, der in Wirbeln über die Platten ihres Landes strich, unter den graugelben Sandhosen, die über den Ebenen hinschwebten. Nadlige Tamariskenbüsche stiegen aus dem gedörrten Boden auf, Sajalakazien, breitkronige Bäume. Selten quoll trübes Wasser zur Oberfläche auf, zu den Disteln Dornbüschen Halfagras. In den zerstreuten spärlichen Pflanzungen stand die Dattelpalme; tief ließ das schlanke anmutige Pflanzengeschöpf seine saugenden Wurzeln in die feuchte Bodenschicht hängen, wiegte auf dem hohen Stamm seine buschige Krone. Die Tedas der Wüste hatten zierliche magere Leiber, dunkelgelblich ihre Haut, die platte Nase hing herab, wulstig die Lippen, der falsche lauernde Blick, nicht haftend wie der der Zwergvölker der Büsche. In ihren dunklen Hemden, den dunklen Schal vor Mund und Nase, Ledersäckchen mit Zauber an Turban Hals Arm zogen sie mit Kamelen von Brunnen zu Brunnen. Kamelmilch und Datteln ihre Nahrung, die ihre Zähne zu braunen Stummeln auflöste. Die Haut unter ihren Sohlen so hornig, daß sie über Kiesel und heißes Schiefergestein laufen konnten. Gebleichte Kamelknochen, die sie fanden, pulverten sie, rührten das Pulver mit Blut, das sie einer Ader der Tiere entnahmen zu Teig; daran sättigten sie ihren Leib. Die Lederringe an ihren Messern zerklöppelten sie mit Steinen, kochten zerschnitten sie, sättigten sich. Nachts schwieg der Sandwind. Wenn an dem tiefdunklen klaren Himmel glänzende Lichter hervortraten, die große Mondkugel im silbernen Äther hoch schwebte, erhoben sie sich stumm aus dem Felsschatten, ein Fatifa murmelnd, wanderten stumm unverschleiert weiter. Tuaregs wuchsen wie sie auf den Flächen der westlichen Wüste; magere mißtrauische Menschen mit zweizinkigen kurzen Wurfeisen und Speeren.
Über den Wellen und Bergketten der Wüste erschienen die weißen getriebenen Flieger. Von den Lagerplätzen der Nomaden trugen sie ängstliche junge mit Gewalt mit sich fort, setzten sie nach Stunden wieder bei ihrer hinstürzenden Horde aus. Die Tedaleute ließen sie bei sich übernachten. Wie der Mond aber sein weißes Licht über die Landschaft goß, lagen die bronzehäutigen Männer vor den Zelten der Fremden, im Schatten, lüfteten lautlos die Wand, warfen Speere. Kaum eine Handbreit flogen die ins Dunkle. Zum Entsetzen der sich hinwerfenden Tedas prallten die eisernen Spitzen wie von einer Wand ab; der lange vibrierende Stab rollte rückwärts. Wenn sich drin bei den schlafenden Männern nichts rührte, schlichen überall geduckt verhüllte Nomaden an die Lagerstätten der Fremden, Revolver in den Händen, die sie von ihnen geschenkt erhalten hatten zu dem roten Tarbusch, dem blauschwarzen Sudanhemd und Beinkleid, dem blauschwarzen Schal für Mund und Nase. Je dichter sie an die Fremden herankamen, um so gewichtiger wurden die Waffen in ihren Fingern. Sie mußten mit Gewalt die Revolver vorwärtsdrängen, die sich vor der Annäherung an ihren früheren Besitzer zu fürchten schienen. Wie aber der gespannte Hahn einschnappte und das Pulver krachte, warf das Explosionsgas das Geschoß nur wenig im Rohr vorwärts, dann drückte die Kugel rückwärts, das Rohr zersprang knatternd, zerriß den Angreifern die Hände. Die Fremden standen ruhig auf. Die kleinen Lederkästchen, die die eisenabstoßende Ladung enthielten, schnallten sie fester über ihren Brüsten, verbanden die Verwundeten, sprachen den Angreifern, die sich im Sand vor ihnen vergruben, zu, und denen, die im schwarzen Tamariskenschatten im Hinterhalt bewegungslos lagen.
Über Horden, die mit ihren Kamelen von versiegenden Brunnen zu versiegenden Brunnen sich schlugen, senkten sich fliegende Fremde, legten gefüllte Schläuche unter sie. Da kam Unruhe Ungeduld unter die Stämme von der Großen Syrta bis zum Tsadsee. Mehr und mehr von den Männern und den zierlichen Frauen blickten verlangend auf die weißen fliegenden Menschen, verschwanden mit ihnen. Die Alten saßen an ihren Lagerplätzen, in den Dattelpflanzungen, fühlten Grimm Haß Trauer Ohnmacht. Stämme im südlichen Tibestigebirge ließen ihre Pflanzungen im Stich, flohen in die Wüste bei der Annäherung der Weißen, zerrissen die Schläuche, die ihnen die fremden Zauberer zuwarfen, schlugen sich, vom Haß getragen, vorwärts. Das Abbröckeln unter der Verlockung der Europäer war nicht zu verhindern. Fessan, die Hammada von Murzug, das westliche Steinplateau der Wüste leerte sich von den dürren braunen Menschen, die sie gezeugt hatte. Sie schwammen durch die Luft, dienten den weißen Meistern, die Diener einer geheimnisvollen abenteuerlichen Weisheit, eines Zauberwesens waren, das sich in der kalten feuchten Region angesiedelt hatte. Die ernsten Wüstensöhne wurden in die warmen Küstenlandschaften des Mittelmeers, nach Sizilien, Unteritalien, dem Balkan, Spanien geworfen. Viele flohen nach Freiheit verlangend zurück, verkamen, unfähig die alten Sitten zu lieben, die neuen anzunehmen, von den einschmelzenden Resten ihrer Stämme geächtet.
Die Große Wüste dehnte sich unbewegt, stumm von den Küstenterrassen, mit Steinflächen Kiesebenen Dünen und Hochplateaus, mit Natronseen grünen Oasen über das heiße Festland bis zum Tsadsee, aus dem die Elefanten soffen, an dem die Antilopen sprangen, Pelikane flogen.
Die Massen des Sudan wurden ergriffen, Wangela Aschanti Sokoto Fallata, die vom Kongo Mantema Urua und südlich am Tanganika. Diesmal gab man ihnen nicht bunte Stoffe Glasperlen, nahm ihnen Elfenbein Kautschuk. Die Völker schmolzen nicht zusammen, als die Nordmänner und -frauen bei ihnen erschienen. Es hatte die längste Zeit Buschvölker Akkahs Pygmäen gegeben. Die kaffeebraunen Waldkobolde mit den tiefeingesenkten verkniffenen Augen, den großen Rundköpfen, den affenartigen Fratzen, die gehaßten scheuen Zwerge waren in Kürze von ihren Nachbarn, den Monbuttu, ausgerottet; und wo sie auf der Wanderschaft erschienen, saß man hinter ihnen her, tötete sie. Die gekrümmten Säbelmesser die Lanzen Pfeilspitzen mit Blutrinnen, die Bogen aus Rohr fielen den dunklen Männern zuerst aus der Hand. Es hatte keinen Sinn mit den alten Waffen umzugehen, die Weißen boten stärkere, leicht handliche. Sie brachten nicht nur die Waffen, sondern setzten sich unter die dunklen Männer und Frauen, zeigten, wie man gefährliche Kräfte aus der Luft und Erde holt, wie man sie steigern und anreichern kann. Auf nichts waren die Schwarz- und Braunhäute so aus wie auf Gewinnung der neuen Geschosse Gase Abwehrschilde und Masken. Und wie sie die Geschosse hatten und ihren Nachbarn überlegen wurden, – die zuerst ergriffenen von der Guineaküste, die von Joruba und Benin über die westlichen Aschantis, die Mandingoleute über die von Futa Djallon und die Gebirgsvölker am oberen Niger, die Makua von Mozambique über das Gasaland Matebelereich Lobise Uamba Batonga – gaben sie, sich kriegerisch ansiedelnd, die Holzscheunen die Rundhütten aus Lehm Akazienästen Strohdächern auf. Die eisernen gläsernen rasch zerlegbaren Wohnungen der nördlichen Striche zogen unwiderstehlich ein. Und die Menschen drängte es, zu wissen, wie man sie baute, um neue zu bauen, die entfernten Stämme zu unterwerfen. An der Westküste, am mittleren Niger, Tanganikasee, Senegal, wo feste Negerstaaten entstanden, gingen die ersten Bergwerke in den unerschlossenen Boden, getrieben von den kriegerischen Einheimischen. Stämme über Stämme wurden ausgerottet. Immer kämpfte die lähmende reiche Schönheit, üppige Fruchtbarkeit der Länder mit dem Ehrgeiz der Menschen, hinter denen die Wunderapparate der Nordleute standen. Da entstanden die ungeheuerlichen Reiche der Eingeborenen, wie die Gewächse des Landes sich rapid ausbreitend, andere umschlingend und in sich zusammenstürzend.
Und wie die Reiche stürzten sich befestigten, flogen und fuhren neue stolze Scharen Weißer, die Erfinder Entdecker, Herren der Gewalten, ein, gaben ihr Werk hin, schmolzen selbst unter den Farben und der Wärme des Landes. Die Braunen Schwarzen Graubraunen aber wurden verlockt, an die Quellen dieser Kräfte zu gehen; sie drängten nach Norden. Und es war ein sonderbares Geschick, das damals die eisernen weißen Volksstämme traf: ihre Fruchtbarkeit ließ nach. Während ihr Hirn zu immer glänzenderen Taten vordrang, verdorrte die Wurzel. Gleichmäßig sanken im Laufe der Jahrzehnte bei den europäischen Völkern die Kinderzahlen. Es war nicht erkenntlich, ob es die Berührung mit den neugefundenen strahlen- und gasförmigen Substanzen war, die dies verursachte, oder die Ernährung mit den sehr erregenden reizenden künstlichen Mitteln, die neuen Rausch- und Betäubungsstoffe. Um so fruchtbarer waren die lüstern an die strahlenden Zentren drängenden Farbigen, die schweißdunstenden Männer und Frauen mit den blitzenden und melancholischen Augen, die wie Dienende und Unterworfene erschienen und in einigen Generationen alles überfluteten.
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Wie Dämonenscharen durchzogen Einpeitscher die Kontinente Afrikas Amerikas Europas. Das waren Männer und Frauen, die die Menschen reizten mit Dingen, die sie ihnen boten, – reizten, versuchten, gegeneinander stachelten. Die Menschen waren ein wachsendes Bündel, ein Sandhaufen von Bedürfnissen, auf die die Einpeitscher neuen Sand bliesen. Durchzittert von Spannungen wurden die Menschen wie erhitzte Luft über Feuer. Von allen großen Stadtlandschaften nach allen Orten kamen Männer und Frauen, beobachteten, trugen Dinge Freuden Schmeicheleien Wohliges Mildes heran. Man sah die Wesen in den Städten und auf dem freieren Lande sich verändern. Die Einpeitscher hatten das Spiel in der Hand, hatten die Bewegung nur einzuleiten; dann drängten die Gehetzten schon, schrien nach ihren Hieben. Die früheren Generationen hatten sich damit begnügt, genährt gekleidet gewärmt mäßig unterhalten zu werden. Es war den Menschen an den Apparaten klar, daß dies nicht genügte. Die westlichen Menschen begehrten viel; es mußte ihnen noch mehr gegeben werden.
Nachrichten wurden verbreitet. Man hatte in den Stadtschaften kunstvolle zauberhafte Apparate, die nach allen anderen Orten meldeten, womit sich die Menschen hier befaßten, was sie zueinander sagten, wie sie ihre Einrichtungen veränderten, was sich bei ihnen hervortat. Fernbilder trugen die Gestalten der Menschen, der Gegenstände weiter. Ein Reiz, der aufstand, war eine Feuersbrunst, die eben noch Funken einer Flamme, jetzt das ganze Viertel, die Stadt einhüllte. In fernen Ländern, auf Gebirgen, an wilden wassertosenden Strömen, auf tropischen hitzeübergossenen tierwimmelnden Steppen saßen Menschen, Stämme, die in sich ruhten. Zu ihnen fuhr der Reiz das Wort die Gestalt. Die Bilder standen vor ihnen, traten immer wieder vor sie, rissen an ihnen. Daß sie sich vom Wasser lösten, aus der einwiegenden Hitze drängten. Wie eine Schaufel unter einen Steinhaufen, der am Boden liegt und bemoost ist, drang die Erregung knirschend unter die Menschen, hob sie an, zerstreute sie.
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Die alten politischen Staaten bestanden noch dem Namen nach. Wie die Hautfarben, die Gesichter arabisch ägyptisch negerhaft sich veränderten, die Sprachen zu einem Kauderwelsch wurden, in dem sich nördliche und südliche Zonen berührten, so verloren die Staaten ihren alten strengen Charakter. Eine fast gleichförmige Menschenmasse bevölkerte das Gebiet von Christiania bis Madrid und Konstantinopel. Wie im Sprachlichen so überwog hier die, dort die Art.
Langsam war in zwei neuen Jahrhunderten der westliche Völkerkreis unter das Imperium London-Neuyork gekommen. Das angelsächsische Imperium war es, in dem sich die Ströme dunkler grauer schwarzer brauner weißer Menschen miteinander langsam mischten. Dann zermorschten die politischen Gewalten. Als die Apparate und Erfindungen sich häuften, wuchs der allgemeine Reichtum. Eine Erleichterung, Abkürzung fast aller Tätigkeiten trat ein. Zugleich zeigte sich die Gefahr dieser Menschheitsperiode, deren Ungeheuerlichkeit sich erst nach weiteren Jahrhunderten entfalten sollte. Man bedurfte nicht vieler Menschen für die Apparate. Der Krieg früherer Zeiten ernährte sich selbst; jetzt konnte man die Menschen nur in Bewegung erhalten durch immer neue Erfindungen, die den Niederbruch alter Industrien, den Aufbau neuer mit sich führten. In einer Erschlaffungsperiode, als man von den Entdeckungen der vergangenen Jahrzehnte lebte und sie sich ungehindert auswirken ließ, setzte die erste große, nicht lärmende Katastrophe ein. Die Besitzer der Werke Erfindungen, denen die Reichtümer zuströmten, streckten zuerst, um die Menschen festzuhalten, die Arbeiten, fügten Zwischenarbeiten ein, ja legten wichtige Maschinen still, um Arbeit zu schaffen. Sie entwickelten für Aufsicht, Berechnung eine ungeheure völlig luxushafte Bureaukratie. Aber all diese krampfhaften ängstlichen und hilflosen Maßnahmen genügten nicht. Die Betriebe wurden fast erdrückt, aber noch stärker war der Zustrom der Menschen, die sich in den Städten versammelten. Die Beherrscher der Apparate wußten nicht mehr, wie sie den Schein der Arbeit aufrechterhalten sollten. Sie wußten nicht, ob sie ihre technischen Gefährten und Wissenschaftler zu neuen Erfindungen anspornen sollten oder nicht vielmehr selbst ihre Betriebe demolieren. Mit Grauen sahen sie die Reichtümer auf sich zufließen; ein sonderbares Schuldgefühl drängte sie, die Güter von sich abzulenken. Sie kämpften entsetzt mit der Technik, die über sie hergewachsen war, und mit den Menschen, deren Zahl und Furchtbarkeit wuchs. Es gab eine Zeit, wo die Industrien erst selbständig, dann mit Hilfe des Staates ein riesiges alle umspannendes System der Geld- und Warenverteilung organisierten. Das waren die freiwillig von den Industrien abgeworfenen Güter. Die Industrien ernährten den Staat, aber versteckten sich. Es war, als wollten sie Entscheidungen aus dem Weg gehen und sich loskaufen. Dann wuchsen sie in ihre Rolle hinein. Als Gelder und Waren aus ihren Becken wegschwammen, fühlten sie, wer sie waren und was sie hatten. Eine kleine Anzahl Industrieherren warf, unfähig die Verantwortung zu tragen, die Werke dem Staat in die Hände. Die Mehrzahl aber griff in die schon automatisch laufende Verteilungsmaschinerie. Mit zwei drei Zügen kämmten sie ihre gewaltigen Anlagen fast menschenleer. Sie wollten eine Regelung der Zuwanderung, selbständige Bestimmung über die Verteilung der Güter. Da auch der Staat und die politische Regierung nur durch sie lebte, wollten sie Macht über die Regierung. Während Hungersnot Menschenflucht einsetzte, stapelten die Maschinenherren Geld und Waren auf. Die Regierungen traten hervor. Sie wollten sich der gefahrdrohenden fluktuierenden Massen annehmen. Diesen Augenblick hatten die Industrien erwartet. Sie lehnten das alte Almosensystem ab. In allen Staaten näherten sich die politischen Machthaber den Industrieherren. Wie einen abgemagerten Fuchs hatten sie die Regierung aus ihrem Bau aufgestöbert. Es gab, wie man sich offen, der Besitzende und der Ausgehaltene, gegenüberstand, kein Halten mehr. Im Belgischen, in Brüssel, wurde zuerst der Schlag geführt, der längst erwartet war. Im Parlament erklärte zynisch ein Vertreter der Werkherren, den man geladen hatte, er lehne es ab, zu verhandeln oder die sogenannt öffentlichen Institutionen anzuerkennen. Dies Parlament sei vom sogenannten Volk gewählt; er kenne nur Werkherren und ferner Arbeiter und Ausgehaltene. Man möge den Ministern untersagen, vom öffentlichen Wohl zu reden; das seien Dinge, von denen ein Minister nichts verstehe.