Part 30
Basalt war die mächtige Decke, die über dem Boden des Atlantischen Meeres erstarrt war. Sie bedeckte fünfhunderttausend Quadratkilometer. Schottland Island Grönland erhoben sich auf ihr, tausend Meter war sie dick. In Treppen und Bänken lagerte sie hin, mit verkittetem zertrümmertem Tuff bestreut. Sturm und Wasser verwitterten ihre Oberfläche zu brauner gelber Wacke. Auf Island, der Insel des fünfundsechzigsten Breitengrades, hatte sie die Kegel und Kuppen der Berge gebildet, Gjaus, die Spalten gezogen, die von Süden nach Nordosten strichen, der steilwandige Spalt am Myrdalsjökull, die Lakispalten mit hundert Kratern. So standen die Berge da, Gemenge geknetet mit Gemenge wie eine Wiese, über die ein Sämann hundert Keime von hundert Arten wirft, die aufschießen, sich verfilzen. Die Gesteine waren zusammengeknirscht, zusammengeschauert, nachdem das Feuer sie losgelassen hatte. Nichts wuchs in dem wüsten Gemenge; sie wucherten noch unmerklich leise, das langsam lösende Wasser tat mit ihnen, Hitze und Kälte, der Druck der Schwere über ihnen, um sie. Chalcedon und Zeolith lag in den Blasenräumen des Basaltes. Seine dunklen Massen, meterdicke Kugeln Platten Fächer hielten fest die zerdrückten grünschwarzen Olivine, das Titaneisenerz, den eingewühlten Augit, Plagioklas. In den Bändern der tiefen Gesteinsgänge verschränkten sie sich glasig ineinander.
Jetzt kam über die geronnenen Wesen etwas, das von Art der Flamme war. Wie wenn ein Mensch, der jahrzehntelang in der Fremde herumgeworfen wurde, um die bittere Notdurft des Lebens Tag um Tag rang und nichts als das Ringen Rudern Schlagen unter den Fremden mehr kennt, eines Mittags einem unbekannten Mann begegnet. Der übergibt ihm einen Brief von Hause, spricht ihn in der heimatlichen Sprache an und fragt ihn, was er so lange getrieben habe, er möge doch wiederkommen.
Oder wie eine ungeliebt verheiratete Frau, die lange Zeit neben dem widerspenstigen rohen Mann lebt, ihm Kinder auf Kinder trägt, schon selber stumpf und gehässig ist, wie wenn sie sich plötzlich in einer Krankheit eines Jugendfreundes besinnt. Und er kommt, – es ist einer da, oh Wunder, der ihr die Bettdecke zurechtrückt, der ihr die Schnabeltasse an den Mund hält, während er mit der rechten Hand den schwachen Rücken stützt. Sie atmet stürmisch, und wie sie gesund wird, ist eine Stunde da, wo sie inmitten der kleinen Kinder in der Stube sich dem fremden Onkel an die Brust drückt, ihn küßt, ruhig küßt, und er führt sie mit den Kindern aus der Tür hinaus.
Wie ein Volk, das vor Jahrhunderten besiegt und zerschlagen wurde, dessen Männer und Frauen sich zerstreuten, die Sprache wurde verboten, der Volksstamm verhöhnt, seine Sitten lächerlich gemacht; als Sklaven gingen die Männer in fremde Dienste, ließen sich in fremde Kriege führen. Und eine Anzahl fiel ab, glänzte in den fremden Völkern, die sie verachteten. Wie in einem solchen Volk heimlich junge Männer und Frauen auftreten, halbe Kinder; die treten zornig leidenschaftlich den Alten ihres Volkes unter die Augen in geheimen Zimmern und sagen: sie hätten genug von ihrer Feigheit, von den Beschwichtigungen, womit man sie füttere, von dem Beschimpftsein und Getretensein. Sie würden ihr Leben gegen die Schande einsetzen. Und sie wandern herum, verteilen Blätter, reden heimlich. Ein Rauschen geht durch das Volk, durch alle kleinen Familien, durch die Mädchen, die fremde Stuben sauber machen müssen und den fremden Männern zum Opfer fallen. Und eines Tages ist ein Krieg da. Und eines Tages sind die Straßen frei. Und eines Tages weht eine Fahne von den Dächern, eine neue Fahne. Und durch die Straßen jubeln Züge in einer Sprache, – in welcher Sprache, – in der verspotteten siegreichen Sprache. Und alles weint hinter den Fenstern und auf den Straßen. Dies ist eine Stunde, wo die Toten der vergangenen Jahrhunderte ein Zittern befällt. Und sie flattern zu den Lebenden aus ihren wüsten unbezeichneten Gräbern in ungeheuren Scharen und sie ziehen mit in dem singenden Zug. Tausende, Tausende singen mit, fliegen den Fahnen voran und halten die Fahnenbänder und küssen den jungen Marschierenden die schmutzigen Stiefel und die Mützen.
Wie diese, Männer und Frauen und Volk, wurden die Felsen Bergkämme Krater Höhenzüge die todesstummen eisbedeckten riesigen Häupter ergriffen. Wurden angefaßt wie das Schloß von dem Schlüssel und mußten gehorchen. Folgten summend und alles wurde im Bersten licht um sie.
Erweicht wurden der große Dyngja Herdubreid Tögl Skjaldbreidur.
Und wie murrend der Einsturz der Berge begann, die Angreiferzüge die Berge losließen, Brückenweite auf Brückenweite überflogen, war es auch schon zu spät. Die Luft, noch schwarz und eisig hauchend, wurde rot aufgespalten. Glut und Blockauswürfe. Finsternis von tiefster Schwärze legte sich über die Hochflächen. Rütteln Rollen Wallen der Erde. In der Schwärze unter sich sahen die fliehenden Züge noch die braun überschütteten Schneefelder vor dem Senorfjall sich heben und senken, von Wasser schäumen wie einen schlammigen See. Dann zerriß die Insel vom Fuß des Herdubreid nach Osten bis zur Heraldsbucht. Das Sandtal zwischen Brücken- und Lagarfluß sank. Das Meer durchsetzte die meilenweite Fläche von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll vor dem Angesicht des gewaltigen Vatnagletschers, begrub sie in einem einzigen Schwall. Verschlungen die Züge, die von den Kyarkfjöll und Askja die Heraldsbucht erreichen wollten. Mit Brücken Pfeilern Trommelträgern Fahrbahntafeln ins Meer gefahren.
Das Beben lief über die Heraldsbucht hinaus. Lief, eine mauerhohe meilenweite Flutwelle hochbäumend, einen Orkan vor sich drängend, über die springende eiskäuende See. Zwanzig Längengrade lief es nach Osten, drang in die aufdonnernden skandinavischen Fjorde ein. Das Wasser stürmte schwarz in Bänken mit ungeheurer Geschwindigkeit. Lautlos versanken in dem Schäumen und Rasen Teile der Fär Öer. Die häuserhohe Flutwelle schlug an die schottische und irische Küste, brüllte gegen Dänemark, staute in den Kanal laufend die Elbe auf. Sie rollte um Jütland durch das Kattegatt. Die flache Ostsee schwankte bis in die Finnische Bucht. Der schrille aschenwerfende Wirbelwind strandete vor den skandinavischen Bergen.
Über Island aber war die Finsternis vergangen. Der Feuerstrahl, der aus den Herzen der Dyngja Herdubreid Askja fuhr, ließ es sich nicht genug sein, das weite nördlich hingedehnte dem Skalfanda angelagerte Odadahraun zu verbrennen. Die westlichen Gletscher des Hofjoküll und des Langjoküll hauchte er an. Und wie ihr Eis zu Tal fuhr, riß, durch Dämpfe gelockert, der schwere Basalt über ihnen. Sie lohten wie der Krabla und Leirhukr. Ihre schwer wankenden Köpfe stürzten ab in die vom Meer aufberstende Spalte.
* * * * *
In der Stunde, wo die Insel vom Fuß des Vatnagletschers bis zur Heraldsbucht aufriß, wußten die Männer und Frauen auf dem europäischen Kontinent, daß etwas Ungeheures Vernichtendes geschehen war. In dieser Stunde liefen plötzlich die Maschinen, die Kraft in die untermeerischen Kabel warfen, leer. Die Kabel, die die Expedition versorgten, zerbröckelten auf Kilometer unter dem aufkommenden Tiefengestein der See, von untermeerischen Lavamassen zerrieben. Wie ein Stier mit aufgeschnittener Kehle, mit peitschendem Schwanz daliegt und noch fürchterlich röchelt, so hauchten die Kräfte aus den Kabeln über die kantigen Steine und das Wasser. Milchig quoll vom Boden das Wasser hoch. Pflanzen Quallen Fische lähmte der Strahl. Es röchelte in der Tiefe aus dem Kabel, beruhigte sich nicht.
Einen Tag war Totenstille in den festländischen Stadtschaften. Da wurden in Höhe Kopenhagens die ersten Flieger gesichtet. Sie kamen, schwarz von dem vulkanischen Staub, der in großer Höhe über Europa getragen wurde, forderten neue Schiffe Flugzeuge Menschen. Angst hatte sich der Senate und städtischen Völker bemächtigt, wie das See- und Erdbeben anlief, der finstere Staub unablässig aus großen Höhen herabrieselte und es nicht Tag werden wollte. Die Boten schlugen die Furcht nieder. Kaum berichteten sie von den Vorgängen. Sie sprachen für Kylin De Barros Prouvas, die alle drei noch lebten. Die Senatoren waren verblüfft von der strengen verschlossenen Art der Boten. Sie waren selbst kampfgierig; der kalte Ernst der Boten beunruhigte sie leise.
Ein neues Geschwader verließ die Shetlandsinseln. Das schlackenschwemmende Meer überfahrend, in die Schwefeldünste einlaufend längs der Ostküste Islands, – eine dampfende, grün und gelb zuckende Masse im Ozean, – gerieten sie in eigentümliche neue Strömungen und Strudel. In der Höhe des fünfundsechzigsten Breitengrades, bei der zwölften Länge wurde das Wasser flach, Riffe Klippen ragten über den Spiegel. Sie bogen östlich aus. Heiße Luftströme schlugen in die gleichmäßige Meereskühle ein. Meilenweit bogen sie aus, nach Norden dringend, schwankten unter ständigem Sandregen vorsichtig westlich, umfuhren eine unbekannte breite Bodenwelle, die ihnen bankartig den Weg sperrte. Mühsam tasteten sie sich nordwestlich vor. Der Sockel der Insel hatte sich unregelmäßig gehoben, dabei dünenartig ins Meer verbreitert. Nördlich der unglücklichen Heraldsbucht trieben sie. Vergeblich hielten sie Umschau nach Trümmern des letzten Angriffsgeschwaders. Der finsterrote Brand durchbrach den schweren Qualm, leuchtete ihnen die Nächte, die immer länger wurden. Obwohl der Mond schien, von dem die mitfahrenden Boten sagten, er leuchte auf Island fast so hell wie Sonnenlicht, war eine zum Schneiden dicke Finsternis um sie ohne die Vulkanfackel. Dünste zogen ohne Nachlaß von der Insel ab über das Meer.
Sie wollten von dem Vorgebirge Langanes, der nordöstlichen Ecke der Insel mit einem schwachen Kabel, das sie hinter sich zogen, Funkzeichen und Worte nach dem Festland geben. Da merkten sie, daß das Entsenden der Sprachzeichen durch die veränderte Luft nicht gelang. Antwortzeichen trafen nicht ein; schon bei Proben auf wenige Kilometer verstanden sie sich selbst nicht. Die Luft war nahe den heißen Ascheausbrüchen, den vulkanischen Feuerstürzen von Strahlen durchwirbelt. Sie mußten Flieger aussenden aufs offene Meer, die viele Meilen ostwärts flogen, ehe sie die rings die Insel umflutende Spannungszone durchbrachen und Standorte für Meldungen nach dem Kontinent ermittelten. Die Schiffe suchten die gebrochenen großen Energiekabel ab. Jenseits des Ozeans ließen die Menschen Kraft in die Kabel einlaufen. Langsam mußten von Süden die Sucherschiffe das Kabel abtasten; sie stießen, im Norden es ergreifend, auf die Sandbank, die sie umfahren hatten. Ohne Zeichen verströmte die eingeworfene Kraft jetzt in die Bodenwelle. Eingeklemmt gewürgt gebrochen lag das große Kabel zwischen den Tiefengesteinen, glühte zerfraß den Sand. Die Sucherschiffe, von Süden vordringend, brannten mit eigener Kraft das Kabel aus dem Gestein, daß das hochsteigende Wasser sie von der Bruchstelle abtrieb. Zogen dann in weiten Bogen um die Insel, das Kabel verlängernd, bis sie westlicher des Langanesvorsprungs in den ruhigen Thistillfjord kamen, wo De Barros den Rest des Geschwaders massiert hatte.
Die neuen Schiffe hatten erwartet, man würde ihnen entgegenfahren. Einsilbig fanden sie Führer und Mannschaften bei der Ausbesserung von Schiffen und Maschinen, bei der Zählung der Vorräte; sachliche Worte wurden gewechselt. Die Gesichter dieser Islandfahrer waren völlig schwarz, verschwollen. Das kleine pulverförmige Steinpigment, das die Vulkane von sich gaben, hatte sich in die bloßliegende Haut der Arme Hände Gesichter wie Tusche an tätowierenden Nadeln eingebohrt. Heftige Entzündungen waren davon ausgegangen. Am furchtbarsten waren die betroffen, die in den ersten Angriffstagen ungeschützt durch den Staub geflogen waren. Sie lagen und standen in den Schiffsbäuchen, stöhnend im Finstern; Backen Stirnen Lippen wulstig dick, Augenlider zugeschwollen. Und wo einige die Lider offen hatten, war die Hornhaut schwarz wie das Gesicht; die Bindehaut mit dem Steinstaub gespickt. Sie wagten nicht zu zwinkern, rissen sich mit dem Lidschlag das Innere der Lider wund; in den Augenwinkeln standen ihnen Blutstropfen.
Das zweite Geschwader erfuhr, daß die Insel in ostwestlicher Richtung von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll, dann in südwestlicher von der Vopnabucht bis an das Vulkanfeld des Dyngja aufgerissen war. Das dazwischenliegende keilförmige Stück war überflutet. Die Vulkane hatten im Zentrum der Insel um das Odadahraun herum das Grundgebirge durchbrochen, mit Spalten Sprengtrichtern Explosionsgräben ihre Schlote riesenhaft erweitert. Die alten Krater waren eingeebnet. Neue Lavenkegel entstanden und versanken unaufhörlich. Die Kundschafter des alten Geschwaders hatten festgestellt, daß schon dickere Lavakrusten sich über das bloßgelegte Feuer breiteten. Wie Blut aus spritzenden Gefäßen gerann das Feuer. Aber aus der Tiefe der Insel und dem benachbarten Meer wurden immer wieder brennende losbrechende Massen ausgeschleudert.
Die Geschwader teilten sich. Gruppen der alten und neuen Islandfahrer wurden unter neu gegliederte Züge gemischt. Eine Möglichkeit das zentrale Inselfeuer nach Westen zu erweitern bestand nicht. Der im Thistillfjord zurückbleibende Schiffstrupp übernahm die Aufgabe, die stärkere Verkrustung des ausgeworfenen Magmas zu verhüten, durch Aufsprengung das Feuerfeld zugänglich zu machen, das flammende Land zu überwachen zwischen Myvatn Odadahraun und Vatnagletscher.
Anfang Juni verließ das Südgeschwader, geführt von dem strengen Kylin, den ruhigen Thistillfjord, ostwärts, dann südlich umbiegend. Hart und stumm war der blonde Kylin wie die andern. Hätte man ihn nach seinen Worten und Klagen bei der Beseitigung der Eingeborenen gefragt, er hätte sich nicht darauf besonnen. Die Wimpel, bunten Kostüme, mit denen die neuen angefahren kamen, waren abgelagert. Still waren die Transporter. Auf den technischen Schiffen fauchten die Maschinen. Maskierte rußbedeckte Menschen gingen herum auf dem ruhenden und fahrenden Geschwader. In Schlamm verwandelte sich das Wasser, das sie im Freien trinken wollten. Wenn einer ein Stück Brot im Freien in den Mund steckte, war es mit den spitzen Nadeln der Vulkane besetzt. Sie spien beim Essen. Aus den Schiffsbäuchen wimmerte es; die Blinden Hautkranken, dann die, die von den Schwefeldämpfen und der Einatmung des Staubes erkrankt waren, sich schmerzvoll die Brust faßten, husteten, husteten, Blut unter Räuspern und Winden aus sich warfen. Niemand sprach vom Kontinent. Man hielt stumm, sich verhärtend zusammen.
Die Schiffe des Südgeschwaders passierten in langsamer Fahrt weit außerhalb der Rauchlinie der Vulkane die Höhe der Heraldsbucht. Sie sahen – die Masken nahmen sie nicht ab – die glühende Sonne am Horizonte aufstehen, von einem Ring umgeben. Mit blendendem Gold stieg sie hoch. Wolken loderten unter ihr in wilden Farben. Die Menschen schwebten über dem unermeßlichen stahlgrauen Meer. Und erkannten es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der Herfahrt genommen hatten, das sie unter die Kiele ihrer Schiffe geworfen hatten. Sie spannten ihre Blicke auf das Wasser, das riesengroße wellige Ungetüm, suchten seine Tiefe zu durchbohren. Und schwiegen. Wenn die Nässe sie anspritzte, lachten sie nicht. Wischten sich ab, zogen sich zurück. Im Innern der Schiffe hockten sie, Männer und Frauen, die mit den furchtbaren Kräften der Maschinen umzugehen verstanden, träumten spielten schliefen. Ein aufschnellender Fisch erschreckte sie, machte sie nachdenklich, böse.
Von Osten her umringten sie die Insel. Das Tosen hatte sich abgeschwächt. Es war, als ob sie hinter einer großen Schutzmauer liefen. Eine weiße Masse schimmerte Island herüber, in die wagerecht hinziehenden Wolken verlief es, das Meer trug diese weiße hingedehnte Masse. Dies war das Eisgebirge des Vatna; es hielt alle Schwärze und den Schall der Vulkane ab, der Staub überschritt seinen Grat nicht. Die Fahrzeuge der stummen Menschen westwärts steuernd näherten sich im aufschäumenden Wasser der Küste. Die Luft fing wieder an zu vibrieren. Aus den Schiffsbäuchen stiegen die Menschen. Die Zähne beißend hörten sie das entfernte Grollen.
Flaches tiefbuchtiges Land. Das gelbe Sonnenlicht trübe umflossen. Ein eigentümliches fremdes Rot, das die Herzen der Menschen mit Trotz und Wildheit erfüllte, mischte sich, ohne zu weichen, im Nordwesten in die wechselnde Farbe der Wolken. Und wie die Dunkelheit einsetzte, stand allein dieses düstere erregende Rot am Himmel, das alle Menschen auf das Deck lockte, immer größer weiter heller, je westlicher sie fuhren. Die Fäuste ballten sie, wie sie das Rot sahen. Mit Triumphgefühl betrachteten sie das Wasser; sie zitterten, spannten sich, hatten die Zähne aufeinander. Ein wirbelnder Landwind jagte Wolken nach Süden, die Rauch von den Feuerherden schleppten.
Nacht. Da scholl das tiefe Murren und Rollen an ihr Ohr, das sie seit dem aschenverhüllten Thistillfjord nicht gehört hatten. Brustbeklemmend, daß sie aufhörten zu lächeln, klein herumgingen, den Atem langsam entließen und einnahmen, so fiel sie das Murren an. Sie hatten es fast vergessen. Sie wurden herumgetragen durch die Kraft der schraubendrehenden Schiffe und ihren eigenen Willen. Und wollten näher heran. Da war es schon kein Rollen mehr. Es sprang knallend an, fiel polternd hin. Rummste an unsichtbaren Orten am roten Horizont. Aber von Zeit zu Zeit verschwand es hinter einem erstickenden, alles überschattenden, Schiff Meer Meer Feuerschein in Nichts verwerfenden Aufkrachen, hinter einem aufwühlenden grundgeborenen Getose, das nicht aufhörte, Meer und Land minutenlang rüttelte. Und wie es abbullerte, ließ es Meer und Land in Betäubung. Tobsüchtiges Klatschen der Brandung, grauer zuckender Himmel. An Deck geklammert, neben Masten Drähten Maschinengittern, sahen sie das Zusammenziehen der Küste, sahen, wie das Land aufhörte, Land zu sein. Die Ufer, langgestreckte Hügelreihen, der flache Strand tauchten in das anrasende Meer ein, das sich turmhoch aufhob, in einer schnurgraden schwarzen Flutlinie über sie herschmetterte, unter Johlen der fortgerissenen Luft. Dann war das schwarze nackte Land wieder da; die Hügel rollten von seinem Rücken herunter; der Boden zuckte, glättete sich gegen das Wasser hin.
Die Schiffe drehten stärker seewärts. Als die Nacht vorüber war, waren sie in die Zone der Hekla und Katla getreten, der Feuerberge des Südwestens. Sie wurden ihrer nur angesichtig, wenn ein Seewind die Schwärze des Rauchs zerteilte. Heimvayz hieß eine von den vierzehn klippigen Westmannsinseln; vor dem seenartigen Erguß des Markerflusses ins Meer lag sie. Heimvayz war die größte der Inseln, eine halbe Quadratmeile im Umfang. Sie war früher von Menschen bewohnt; unter Schutt, zwischen den Lavabomben lagen zerschmetterte Hütten, eine Kirche stand weit offen da, die Türen unversehrt, der Dachstuhl eingebrochen, das Innere von Geröll wie ein Kasten erfüllt. In den Buchten Heimvayz’, einige Meilen vor der isländischen Südküste, schoben sich die hohen schweren Transporter obdachsuchend, in stickiger Luft.
Dann stießen leichte Angriffsschiffe gegen die Küste vor. Der Myrdalsjökull stand ihnen gegenüber, das Sumpftalgebirge, achtzehn Quadratmeilen bedeckend, einstmals unter einer Eisschicht verborgen. Mächtig stand der Myrdal da, eine erwachte Vulkanmasse. Seine Rippen klafften, nach allen Seiten war der Bergblock aufgerissen. Dampf und Aschesäulen spie er und verhüllte sich. Die Katla hinter ihm im Land flammte düster; oft versank sie in ihrem Qualm. Sie brauchten nicht viele Brücken zu schlagen. Die Küste entlang schwärmend, von den heiß aschigen schwelenden Ufern drangen sie vor. Nahmen sich zum Ziel die feuerbrünstige Reihe der Vulkane am Skaptarfluß, vom Rand des Vatnaeises bis zum Thjorsar, wo die achtkuppige Hekla ihre Mauern und Terrassen, Schlund bei Schlund aufbaute. Der Herkules, der nahte, kam nicht um den Drachen zu ersticken, ihm anspringend nicht ermüdend Kopf um Kopf abzuschlagen, ihn unter die Füße zu nehmen, zu zerschlitzen, die geblähten Eingeweide in die Luft zu streuen. Er wollte das Untier reizen, Mäuler um Mäuler aufzusperren, Hals um Hals hochzustrecken. Seine Wut sollte es zeigen für ihn, seine Kraft wollte er ihm entlocken. Er hielt es an einem Band fest, zog es hinter sich her. Und eines Morgens machten sich die Transporter von der kleinen Heimvayzinsel los, setzten sich meerwärts in Fahrt. Zugleich richteten sich die stillen Augen von Kylins Apparaten auf die Gebirge.
Die Hekla, den Kopf in den Wolken, machte einen Sprung, als wollte sie sich ins Meer stürzen. Ihre Wände, die sich getrieben aufgestellt hatten, die Mauern des Marklidar, die höheren Hilfall Grefjöll Malfall wurden zur Seite geschleudert. Über das brennende Land flog der Marklidar, der Bjölfall Grefjöll Malfall. Da versank der Torissee. Umgeschleudert wurde in derselben Stunde die Katla. Den Tjörsarfluß bedeckte der Tungna. Als am Vatnarand der Öräfaberg sich in seinem eigenen Feuer bog und drin verschmolz, stand keiner der Menschen, die das Geschwader um die Insel getragen hatte, mehr auf seinen Füßen, weder von denen, die jenseits der Westmannsinseln ins Meer flohen, noch von denen, die das Gestade entlang fuhren. Die auf den flüchtigen Schiffen wurden gegen Drähte Gestänge gestoßen, flogen über Bretter. Mit Masten Seilen Treppen, an die sie sich hielten schwirrten sie über die Böden. Die Schiffe machten plötzlich einen Satz nach vorwärts und dann noch einen, und einen zur Seite, wie ein Hund, der nach einem vorgehaltenen Bissen schnappt. Ihre Hinterleiber schnellten aus dem platten Wasser, die Schrauben surrten leer in der Luft, die Spitzen wühlten mit den Nasen in der See. Wühlten bei den landnahen Schiffen so tief in der See, daß die Leiber rückwärts sich schräg, fast senkrecht hochstellten, sich seitlich und nach vorwärts überschlugen, Menschen Tonnen Balken im Strudel hinterdrein. Die See hob sich auf den Druck der zerrissenen Luft langsamer, breit am Boden schleppend, schwer schwer über der Untiefe hängend. Die Schaumkämme der Wellen wurden angefaßt. Von den Ufern weggeblasen rollte sich die See wie ein Wurm zusammen, wulstete sich riesenhoch, lief, während es nächtig wurde, ein Schatten durch die Nacht auf das Land zu, loderte über Klippen, entblößten Strand, breite kochende Lavaströme, streckte sich über sie, zog sich entladen auseinander, gab alles frei, rollte sich wieder ein und, Trümmer Blöcke Geröll Aschen an sich nehmend, stellte sie sich auf, gebäumt höher höher wachsend, schlagprasselte in einem wallenden Sturz über das geifernde Land.
Die Menschen, die von Europa aus den wimmelnden Stadtschaften herübergekommen waren und, um das Feuer aus den Vulkanen zu holen, auf den Angriffsschiffen die Küste entlang fuhren mit den zauberhaften Apparaten, in der Stille hergestellten listigen Maschinen, wandten sich ostwärts im Augenblick, als die Feuersäulen der Vulkanschlote erloschen. Da wurden ihre zarten Schiffe, Gebilde aus Stahl und Holz, während ein Urlaut vom Firmament herunterscholl, im Wirbel um sich gedreht. Auf die fluchtbereiten Flugzeuge warfen sich die kleinen taumelnden Menschenwesen, die der europäische Kontinent geschickt hatte. Sie flogen auf dem winzigen arbeitenden Gerät über den drehenden Schiffsrand seewärts, ostwärts, dem unbewegt stehenden Eisgebirge des Vatna zu. Sie fühlten noch über dem Wasser schwebend, wie sie etwas anfaßte, rückwärts seitwärts, an Hals und Nacken. Blitzrasch waren sie geknickt, wie Bälle in die Luft geworfen, hochgeweht zwischen die flirrenden knatternden heißen Gesteine. Von den rotglühenden Backen der Bomben zerdrückt, vom spitzen Sand zerknabbert durchlöchert. Auf den Vatnajökull, nach dem sie verlangten, wurden viele gesprengt, gebunden an ihre lustig laufenden Apparate. In das blauweiße Eis des Gletschers wurden die verschobenen verknäulten Leiber getrieben, fellgeschützte Hände, durch die noch ein Zittern lief, weitgeöffnete Augen Ohren, die nach jenem Urlaut nichts mehr hören wollten. Das Eis sprang unter dem schußartigen Anprall der ungestümen Menschengäste auf. Die Gäste, zu blutenden Kugeln zusammengepreßt, machten sich selbst einen metertiefen Gang, an dessen Ende sie ausruhten. Steine Aschen stopften sich neben sie. Auf Brücken hatten fünftausend Menschengeschöpfe, die Europa hervorgebracht hatte, den Lakivulkan, den Katlaberg, die Hekla wachsen, sich mit einem Steinregen umgeben sehen, wachsen, sich erweitern, wachsen, sich heben, zerbersten. Sie waren vom Feuer verschlungen worden. Sie lagen, als die Nacht um sie zerfetzt wurde von einem überweißen Schein, greller als nahes Sonnenlicht, sekundenlang rechts und links bei ihren Maschinen, gekrampft verschrumpelt, in sich geschlüpft. Brauchten dann ihre Muskeln nicht mehr. Schwebten wie Dampfsäulen auf mit Pfeilern Brückentafeln Rollenträgern Fahrgut Schienenwerk. Wurden von dem Feuer angenommen, ihrer Gedanken, menschlichen Natur, Leiblichkeit entkleidet, waren nach drei Sekunden nichts anderes als die gasende Lava: Wasserdampf Kohlensäure glühender Kalk.
Das Land war in dem Augenblick, den Himmel Meer Schiffe Brücken Menschenwesen mit Tosen und rasenden Verwandlungen erfüllt hatten, antwortend auf die Frage der großen Glut, zu einem Feuersee geworden. Der See floß von der Linie des Tjörsarflusses bis zu dem Lakivulkane im Osten, nach Norden zum flammenden Tröllardyngar. Eingesunken in Flammen die Hekla, siebenhundert Quadratkilometer bedeckend, das ewige Schneefeld, von schwarzen Schlackenmauern gefeldert, in fünf Hügelreihen, sechs Terrassen sich aufbauend, Felsmauern längs der Vestri-Ranga, der Marklidar, dahinter der höhere Bjölfall der Malfall Grefjöll der Hauptgrat, die braunen verwitterten Schlünde. Der Raudukambur am rechten Ufer der Tjörsar versunken. Das Haupt des Myrdalsjökull. Der schreckliche Eyafjallarjökull.
In die Katla hatte sich einmal eine Hexe geworfen. Da war der Vulkan ausgebrochen, hatte das Gletschereis zum Schmelzen gebracht. Das Land unter dem Katlagletscher war fruchtbar, Kühe weideten, kleine Pferdchen überschritten die Furten, schüttelten sich, warfen sich in den Sand. Der Berg hatte seine Sand- und Bimssteinmassen und die schwarzen toten Landschaften geschaffen, das Myrdalssandur, das Kötlisandur. Dann brodelten warme Schlammflüsse von ihm herunter, zuletzt löste sich das Eis selber, rasierte die grünen südlichen Hügel, schwenkte sie in die See. In Flammen eingesunken die Katla, Fjorde Buchten Seen verdampften, mit Schmelzfluß ausgefüllt.
Der Brand überlief zwei Breitengrade, rauchte von der Skalfandabucht bis zum südlichen Vorgebirge am Myrdalsjökull. Die feurigen Massen gluteten im Osten den gewaltigen Vatna an, stießen ihren Hauch an die Ostküste, wo der Brücken- und Lagerfluß im Meer ertrunken war.
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