Part 12
Die Blonde Flüsternde Gestikulierende rumorte auf ihn zu, wie er über das Parkett strich. Sie standen sich gegenüber: „Mein Junge. Ich will dir sagen, wir lassen uns in keine Debatten ein.“ Er schüttelte sie von sich. „Keine Debatten, mein Junge. Hirn muß man haben im Kopf. Wenn man Hirn hat, muß man wissen, was die Hühner für Eier legen. Wirst du mir das ausreden?“ „Was will das dumme Weib?“ Sie stopfte taumelnd die Fäuste in die Weichen: „Das sag ich dir, wer du bist, Ravaillac, der Trompeter oder die Balladeuse selbst, ich werde mit dir fertig. Mich kriegst du nicht unter. Versuchs mal, Herzchen. Hopp. Du kommst an meine Schuhe nicht heran. Die sitzen fest. Frag den Trompeter, was mit seiner Lampe geschehen ist. Schaum, nur Schaum.“ Marduk war vorbei. „Schaum“, schrie sie und torkelte hinter ihm, kam nicht von der Stelle. Sie ging in falscher Richtung, fuchtelte mit den Armen: „Greif ihn, das ist Ravaillac. Ich hab noch Waffen, er soll mir nicht entgehen. Marion, das ist ein Schuft.“
Jonathan löste sich von der Stufe, auf der er stand, lief hinter Marduk, der aus der Türe ging. Marduk drängte auf den Hof, war verzaubert: „Ich habe es nicht von den Menschen. Das hat in mir unter einer Decke gelegen. Die Propheten und Heiligen sprachen davon. Ich werde Wunder geschehen lassen. Es ist zum Schütteln. Nicht sterben lassen. Dann müßte man noch mehr tun: frisches Leben hinzutun, frisches anderes Leben aufgießen. Die Natur kann die Zähne fletschen.“
Sie standen auf dem Hof. Die lebenden Gefangenen wurden davongetrieben. Rasch ging er auf die Leichen zu. Sie lagen auf den Steinplatten in drei Reihen hintereinander. Eine weibliche Leiche, die Beine bis über die Knie bloß. Dünne, unter der Lederdecke leicht angezogene gelbweiße Beine, die Zehen gespreizt und nach oben gestreckt. Marduk bückte sich, einen Fuß zu berühren. Er umfaßte mit der ganzen Hand den Fuß um den Spann, ließ ihn nach einer Weile los; der Fuß war von einer hochsteigenden durchdringenden Kälte. Er verschränkte, sich aufrichtend, die Arme. Ging um die Köpfe der letzten Reihe herum. Ein Mann, dem ein Strohhut über dem Gesicht lag, hatte die Ellbogen seitlich ausgestoßen, als ob er etwas in den Händen hielt und nähte. Marduk faßte einen Ellbogen. Der ließ sich anheben. Und als er ihn stärker aufzog, drehte sich der ganze Mensch an dem Ellbogen auf die Seite, als wäre er ein Stück, rollte losgelassen wieder zurück. Der Hut war von seinem Gesicht gerutscht; ein älterer vollwampiger Mann mit kahlem Schädel; sorgenvoll runzelte er die Stirn, mit dem halboffenen Auge schielte er an seiner Nase herunter; da war seine Oberlippe zerrissen, der blutige Kieferknochen lag splittrig bloß. Als Marduk sich die Hand vom Gesicht nahm, runzelte der alte Mann noch immer die Stirn, schielte.
Marduk zog das Ledertuch über den Hals hoch. Blendend die Sonne von oben. Scharfe schwarze Schatten über dem Hof. Er wollte sich abwenden, da stöhnte es hinter ihm. Jonathan stand da, mit dem vollen Blick auf den bedeckten toten Mann, wischte sich die Tränen von den Backen, ging vor Marduk zum Hoftor.
Der Ältere, den Korridor betretend, murmelte vor sich: „Es war schon gut, daß ich davon gelassen habe. Wir werden weiter so machen.“
Schnürte den Rock fester, schlich, von Wachen gefolgt, weiter. Voll Abscheu sah ihm Jonathan nach.
* * * * *
Jonathan trat morgens in Marduks Empfangszimmer im Stadtgebäude, gab ihm die Hand: „Wunderst du dich, daß ich komme, Marduk? Nein, nicht wahr, du wunderst dich nicht; du darfst dich nicht wundern.“
Ein schönes saalartiges Zimmer hatte Marduk; Marke hatte es herrichten lassen. Links und rechts Riesengemälde vom Boden bis zur Decke. Auf der einen Seite farbige Massen, Balken Drähte Maschinenteile, die, als wenn sie nicht zu halten wären, plastisch aus der Wand heraustraten. Auf der anderen die Überschwemmungen Schuttanhäufungen, versinkende Tiere und Menschen. Eine Knochen- und Schädelpyramide in der Mitte des Zimmers. Jonathan zuckte: „Hier wohnst du, Marduk.“ Der gab keine Antwort. Dann, hinter dem Tisch: „Was bringst du.“ „Ich weiß es nicht. Aber ich kann nicht mit dir in Unfrieden leben,“ seine Augen schielten, „und bitte dir alles ab, was ich gestern gedacht habe. Und bitte dich inständigst, du möchtest nicht davon sprechen, nichts zu mir davon erwähnen.“
„Ich glaube, Jonathan, du kommst nicht meinetwegen, sondern deinetwegen her.“
„Ich kann nicht mit dir Ruhe finden, Marduk. Du wünschest, daß ich dein Spiegel sei. Ich will mehr als dein Spiegel sein. Ich habe zwei Hände einen Kopf ein Gefühl; ich bin ja dein Freund.“
„Wir wollen zusammen essen. Nicht mehr sprechen.“
Marduk faßte den Jungen unter den Arm; sie gingen in das kleine schmale Nachbarzimmer, sprachen bei der Tafel lange nichts. Marduk dachte: „So unterwürfig ist er, weil er um seine Mutter leidet. Er ißt viel, weil ich neben ihm sitze. Er sitzt ruhig. Er schielt nicht. Er lächelt mich immer an. Was für ein gequältes Wesen ist er. Und solch kaltes Tier wie mich muß er zu seinem Freund haben. Freund sagte er; ich bin ihm so Freund, wie ihm das Brot der Wein da Freund ist. Ich bin ihm Lebensbedingung. Er war auf einem Fluchtversuch.“ Marduk lehnte sich zurück, die Hände vor der Stirn: „Ich habe heute vor, mich mit einigen, die ich erschreckt habe, zu unterhalten. Ich muß sie beruhigen. Ich will selbst in mein Landhaus fliegen, ihnen einige Anordnungen vorführen.“ Er unterbrach sich; ihm flog durch den Kopf: „Was nutzt es, daß ich alle Weisheiten der Erde besäße und hätte der Liebe nicht.“ Gleichmütig sanft Jonathan, die Serviette faltend: „Ich komm gern mit.“
Marduk, weiter zielend: „Wir begleiten die Herren zu den Versuchen über Wachstumsunterbrechung und -antriebe bei jungen und älteren Tieren.“
„Wie du magst“, nickte Jonathan zum tiefen Erstaunen Marduks; „ich bin nur froh, daß du mir nichts nachträgst.“
Als der Konsul, wie um etwas abzuschütteln, aufstand, hatte er das Gefühl allein zu sein: „Ich habe einen Freund verloren. Ich bin allein. Wer hilft mir weiter.“ Er summte, den leeren Blick gegen das regentriefende Fenster, eine traurige Melodie. Als der Jüngere leuchtenden Gesichts einfiel, schlug sich Marduk die Brust mit kurzen drückenden Schlägen, hielt sich verzweifelt den Kopf: „Ich bin allein. Hier sitze ich. Wer hilft mir weiter. Wer hilft mir weiter.“ Er ließ sich auf einen Schemel neben dem kleinen runden Weintisch fallen; um die anderen niederzuschlagen, um über ihnen zu stehen, war er aufgebrochen, hatte alles gelassen. Was ließ er zurück, was war dies Neue, das er gewann. Die Macht über diese. Über alle. Was. Was. „Verflucht“ stöhnte er; sein Glas in der losen Hand kippte um, der rote Wein rieselte auf den Teppich. Den Widerwillen, die Selbstverstoßung, Empörung, die die Fingernägel in die Handteller einbohrt, sah Jonathan, der sich nach ihm weit vorbeugte. Fahl matt wurde plötzlich sein Gesicht, die Schultern sanken ihm langsam herunter, die Unterlippe hing sehnsüchtig traurig; der Schlimme saß da, der Schlimme, wieder der Schlimme, rang mit sich. Und Marduk kam herüber zu ihm; das Glas stellte er auf den Tisch; in Brust Schultern Armen fühlte er sich durchbebt: „Mein Spiegel“, dachte er, „er ist es.“ Gierig blickte er ihn an, sog seinen Anblick ein. Nein, er war nicht, vielleicht nicht verloren. Dies war ein Schmerz; dieser litt. Dies war Jonathan, sein Freund sein Kind sein Herz. Traurig berührte Jonathan, bittend, als er ihn fühlte, seinen Arm: „Soll ich?“ wühlte es erstickt, schluckte es in Marduk. Er hörte wie ihn der Jüngere Sanfte mit verschleierter zarter Stimme ansprach: „Du mußt mir von deinen Versuchen, den letzten, erzählen. Du kannst es ruhig tun.“ Marduk wand sich; es war nicht möglich, daß einer so sprach; dies war Jonathan. Er hielt sich, die Hände rückwärts aufstemmend, an der Tischplatte fest, stieß, die Augen schließend, durchflutet, von einer Kühle übergossen als wäre er entblößt, einen tiefen Seufzer aus. „Mach das Fenster auf“ bat er Jonathan. Wie der Regen draußen trommelte; nasser Wind flog herein. Nur mit Mühe arbeitete Marduk eine Stunde. Dann legte er sich, nicht einmal über sich erstaunt, am hellen Mittag in sein Bett. Wühlte sich tief und tiefer in das Kissen, schlang die Decke als wenn er sich verkröche, fest über sich. Wie von einem Zauberfinger berührt schlief er ein, fest. Ein Schlaf, der sein Mark durchfloß.
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Die Toten wurden am folgenden Tage öffentlich beerdigt. Der Konsul beteiligte sich an dem feierlichen Zug. Er erklärte keine Rache üben, keinen Schrecken verbreiten zu wollen. Abends bebte die Erde wie im Beginn von Markes Konsulat: zahlreiche entdeckte Anlagen und Versuchsstätten, auch Marduks eigene wurden in die Luft gesprengt.
Er selbst sammelte um sich eine große Anzahl von Männern und Frauen, die ihm ergeben waren, Waffen trugen, Angriffs- und Abwehrapparate herstellten und vervollkommneten. Er umgab sich wie ein Tyrann mit Hunderten Spionen und Wächtern.
In der Zeit seines Konsulats verminderte sich die Einwohnerzahl des Stadtgebiets um Millionen. Der Zuzug hörte ganz auf. Nicht nur Versuchs- und Arbeitsstätten sprengte Marduk, sondern in rascher Folge eine Zahl von Fabriken und Anlagen, die er für unnütz hielt. Er griff damit in den Besitz der stärksten Herrschaftsgruppen ein, die er verelendete. Die planmäßige Zerstörung dieser Einrichtungen, die der Bequemlichkeit und Annehmlichkeit, aber auch dem Austausch mit anderen Stadtschaften dienten, hatte zur Folge die Herauslösung der märkischen Stadtschaft aus dem allgemeinen großen Verkehr der Industrien und damit weitere Entblößung des Landes. Die Mekifabriken hielt Marduk in der Hand, stieß die Menschen aber mit Gewalt in die Wildnis der Forsten und Felder. Es entstand die erste wirkliche Revolte, als er ohne Befragen des Senats auch eine Anzahl Nahrungsspeicher sprengte. Er zerstörte diese kunstvollen Anlagen, ließ sie nicht zerfallen, um durch die tosende Zertrümmerung seinen Willen zur glatten Abwendung von ihnen bekanntzugeben. Der Senat, der bald aus einer Mehrheit ernster Anhänger des Konsuls bestand, – viele Frondierende zogen sich verzagt, überdrüssig in die näheren und ferneren Landschaften zurück, – stellte sich gegen ihn. Aus allen Gegenden der Stadtschaft rückten damals gegen die Ratsgebäude die Menschen mit den schlaffen apathischen Zügen, den unsicheren dünnen Gliedmaßen, den starken Leibern, auch härtere Ackerbauern. Kinderscharen wurden losgelassen. Entsetzen unter ihnen. Sie sollten umkommen; wer nicht Boden und Vieh besaß, sollte verhungern. Man verlangte vor dem burgartig gesicherten Stadtgebäude nach Marduk, der sich nicht sehen ließ, forderte seine Absetzung. Die Menschen zerstreuten sich zum Schutz der noch unversehrten Mekifabriken und Anlagen, organisierten ihre Bewachung. Marduk ließ wochenlang diesen Zustand. Als der Senat sich weigerte, die Menschen zu beruhigen, gab der Konsul bekannt, daß er selbst die Anlagen schütze. Das Recht der Auswanderung stünde jedem frei. Die Erregten kehrten sich nicht an Marduks Warnung. Da kamen ihm Haufen Landsiedler zu Hilfe. Nachdem eine Zahl der Unruhigen von den Speichern und Anlagen verdrängt war, ein Teil von Marduks Wache im Innern der Anlagen unschädlich gemacht war, zerfloß die Revolte. Ein neuer Strom Menschen ergoß sich aus dem immer wüsteren Land.
* * * * *
Die blonde ernste weißhäutige Marion Divoise stand bei dem Streit des Konsuls Marduk mit den Senatoren in einer Fensternische des Saales, ließ ihre graugrünen Augen schweifen. Viele Mädchen und Jünglinge hingen an ihr. Sie dachte, als sie Marduk oben sah: wer ist es; wenn er mich bewegen erregen könnte. Bei dem folgenden schrecklichen Tumult brach sie zusammen, wurde verwirrt nach Hause gebracht.
Marion Divoise, die üppige vollbusige Blonde, die Freude vieler Männer und Frauen, drängte seit da zu Marduk. Sie verlangte, wie viele, vergeblich Zutritt zum Konsul. Der lebte eingeschlossen bald im Stadtgebäude, bald in seinem ärmlichen Landhaus; es war nie sicher, wann er da und dort mit seiner schwer bewaffneten Wache erschien. Marion hörte auf, die Strenge zu sein, die Männer und Frauen durch ihre geheime Süße anlockte, die sich ernst und verstehend, warm und dann wieder fremd unter ihnen bewegte. Der schauerliche Tumult bei der Parlamentsrede Glossings am Tage nach Marduks Staatsstreich war ihr nicht aus der Seele gegangen. Sie suchte sich beängstigt davon wegzuziehen. Weder Männer noch Frauen hatte sie bis dahin ernsthaft angehört. Sie folgte immer Lockungen und Erklärungen mit ihrer Güte und Sanftheit, aber leicht obenhin. „Was ihr alle sonderbar seid“ war ihr heimlicher Gedanke bei den Begegnungen mit ihren Freunden; allein saß sie oft zu Hause in ihrem Schlafzimmer und lachte, lachte über die Menschen. Bisweilen riß sie einer in seiner glühenden Neigung weit hin. Aber wenn die jungen Menschen dringlicher nach ihren schönen Armen, ihrem Hals, ihren Hüften griffen, stieg der Widerwille in ihr auf. Ohne Maß beleidigt war sie, mit Haß und Demütigung überfiel sie den schmerzlich Getroffenen, der sich wand. Ein Vieh nannte sie ihn. Es hieß, daß sie sich früherer Liebhaber bediente, um einen Menschen, der ihr zu nahe gekommen war, tief und raffiniert zu kränken, ihn nackt aus dem Bett seines Hauses auf die offene Straße zu werfen.
Sie hatte, wie Marduk seine gefürchtete Wache, eine Schar von Männern und Frauen, die der weißen strengen Person jeden Dienst leisteten. Aus ihnen suchte sie sich jetzt zum ungläubigen Staunen der anderen, denen es zugeflüstert wurde, selbst Freunde Liebhaber aus. In Scham zwang sich die Balladeuse dazu. Sie wollte zu einem Mann. Es waren für sie Szenen furchtbaren Leidens, wo sie neben einem freudigen glücküberschwellenden jungen Wesen saß, das sich ihr zu Füßen warf, ihre Zehen küßte, und dann von ihrem Hals, ihren Armen, ihrer Brust nicht ließ. Sie fror und glühte, bebte am ganzen Rumpf. Das sprang wie ein Käfer an ihr herum, suchte seinen Speichel mit ihrem zu vermischen; sie wandte durchschauert ihr Gesicht ab, das sich versteinte. Sie litt, wollte es dulden, wenn sie auch zerbrach. Sie wich zurück, versuchte es mit neuen.
Und dann saß sie einmal mit einem Mann zusammen, den sie nie gesehen hatte, einem farbigen sie selbst anwidernden Mann, der eine Viehherde angetrieben hatte. Im Augenblick, wo sie ihn sah, verlangte sie nach ihm. Starr stand in ihr fest, sie wollte nicht zurückweichen. Ohne Narkose; ganz gewiß von diesem Kerl. Er trank schon nach einer halben Stunde neben ihr. Sie rührte kein Glas an; umschlang erschauernd seinen runden Wollkopf. Er verstand. Er dachte eine Canaille zu vergewaltigen; trug sie in seinem Kittel vorsichtig auf ihr Bett. Da hatte sie sich ein Kissen vor das Gesicht gedrückt, bettelte um Gnade. Weinend betäubt rasend vor Selbstverachtung gab sie sich der Schändung hin. Sie stand den Kopf zurückgelehnt an einem Schrank, schluchzend flehend: „Ist jetzt fertig? Ist jetzt gut?“ Reichte dem Mulatten, ohne ihn anzusehen, die feine zitternde Hand, die eiskalt und bis zum Gelenk abgestorben war. Und sonderbar, wie sie seine hitzigen Finger fühlte, der schreckliche Dunst dieses Tieres, das vor ihr stand, zu ihr herüberschwoll, fühlte sie sich bewegt, die Augen zu öffnen, ihn, wie er zärtlich süßlich und dienerhaft gemein grinste, mit dem Blick zu umfassen, ganz ruhig zwei Schritt auf ihn hin zu tun, den weißblonden Kopf an seine Brust zu senken. Mitten in den schrecklichen Dunst hinein. „Geh jetzt“ flüsterte sie, wie er es wagte, leicht über ihre Schultern zu streicheln. Sie zuckte hoch. Er war fort; sie hatte nun dies getan, hatte es hinter sich. Sie blies wehte die Luft von sich. Und wie sie an das Tier dachte, rutschte rauschte sie mit einem leisen Ton aus, zu Boden, lachte flüsterte schimpfte verwirrt gegen den Boden hin, wie im Saal des Ratsgebäudes.
In ihren Gliedern, ihrem erlahmenden Rückgrat blieb die ungeheure Erregtheit stecken, die sie nicht schlafen ließ, die mit einem hohen gequälten Ton in ihre Stimme stieg. Nun wagte sie es mit anderen Frauen ihres Hauses über sich zu sprechen; die jungen und älteren zarten und starken Männer aber, die um sie waren, betrachtete sie jetzt aufmerksamer. Sie versuchte die Männer, versuchte sich an den Männern. Sie saßen neben ihr, hängten sich glücklich und fiebernd an ihren weißen schamüberglühten Hals. Es regte sich nichts in ihr; sie streichelte sie, tiefer und tiefer geängstigt vor sich. Weinend mußte sie ihren Kopf auf die Kissen und Polster legen; man sollte sie nicht quälen, sie seien ja alle so gut. Nur nach dem Mulatten hatte sie öfter ein bitteres schauriges fast kindliches Verlangen. Der durfte nicht gehen, wenn er sich in der Nähe ihres Hauses zeigte. Es zog sie etwas zu ihm, etwas Vertrautes, er mußte zu ihr kommen. Es war schrecklich, wie sie ihn einmal auf ihr feines einfaches Zimmer nahm, ihn, was sie nie tat, mit Kuchen und Likören bediente, den farbigen Mann in der gelben Viehtreiberjacke, der sich grinsend breit machte vor der demütig ernsten Frau, wie er ihr den Rest seines Likörglases an die Stirn spritzte, sie im Moment herriß. Sie schrie im Schreck. Die starke Frau rang und schlug sich besessen mit ihm, zerbiß seine Hände und lag dann, krachend auf den Boden gestaucht, winselnd still. Er ließ sie grimmig atemlos, Glas um Glas des Likörs herunterstürzend, den Mund mit Kuchen vollstopfend, liegen. Diesen Mann ließ sie noch manchmal zu sich rufen; sie wußte nicht, was sie zu ihm trieb; er tat mit ihr wie mit einer Sache, sie erduldete alles.
An einen jungen fast knabenhaften Mann, den sie Desir nannte, hängte sie sich, war ihm öfter aufgelöst, Trost suchend, abwesend, bettelnd, gut. Sie träumte in dieser Zeit oft von einem Wasser, auf dem sie fuhr. Desir war ein weißer Schwan, der vor ihr schwamm; sie lag in einem Boot, er zog sie, zog sie immer weiter, weit fort.
Als Marduk die stärkere Nutzbarmachung des Landes betrieb, das ihr gehörte, verlangte sie wieder mit ihm zu sprechen. Und als es ihr abgeschlagen wurde wie jedem sonst, wandte sie sich an Marduks jungen Freund Jonathan. Die schöne weiße Balladeuse war erschreckt, als nach einem durch Kurier überbrachten Brief, sie hätte mit ihm zu verhandeln, eines Mittags Jonathan selbst im Flugzeug auf dem Dach ihres Hauses erschien. Oben neben seinem leichten Apparat, den er sicherte und abstellte, stand sie, betrachtete den feinen braunhaarigen Jüngling, der sich an das Dachgitter lehnte, lächelnd sagte, er sei gekommen. Er wisse wenig, was er mit seiner Zeit anfangen solle; ob sie ihm böse sei, daß er gekommen sei. Wie hatte sich dieser Mensch, den sie kannte, in den letzten Jahren geändert! Wie gleichmütig versunken lächelte er, wie hob sich manchmal seine linke Augenbraue und zuckte schmerzlich. Er sprach so leise und freundlich, und wenn sie antwortete, so wußte sie aus seinem leeren Blick, seinem Mund, der sich bewußtlos öffnete, dem Kopf, der sich zur Seite bog, daß er meist nicht zuhörte. Dies war der Freund Marduks. Sie nahm ihn in ihr Haus herunter; er wollte kein Zimmer, im Garten saßen sie. Bald sagte sie, sie wolle Marduk sprechen. Er zog Holunderäste über sich: „Warum wollen Sie Marduk sprechen? Er hat so wenig Zeit. Lassen Sie ihn doch, Marion.“ Sie saß aufrecht, war, je mehr sie Jonathan sah, stier und steif in ihrem Begehren, den Konsul zu sprechen. Sie wurde zornig. „Ist er mehr als ich. Warum versteckt er sich? Er ist Konsul, er nennt sich so, er muß hören, was man von ihm will.“ „Muß er das, Marion? Er meint es nicht. Er denkt umgekehrt, wir müssen hören, was er will.“ Sie stand blaß auf: „Das wußte ich, daß es so ist. Es ist mir recht, daß Sie hergekommen sind, Jonathan, und daß Sie es mir noch sagen. Ich will ihn sprechen, so steht es, ich muß es, und das verlange ich.“ „Seien Sie nicht wild, Marion. Es sind schon manche wild gewesen und sind nicht mehr wild.“ „Nicht ich. Nicht ich.“ Sie stand und flüsterte. Jonathan drückte sie auf ihren Sessel: „Sagen Sie, Marion, was ist. Ich will mit ihm sprechen.“ Sie schwieg; dann: „Gut.“ Und wie sie fertig gesprochen hatte, dachte Jonathan: wie recht hat Marduk, daß er sie nicht hört; Weiber sind Räuber. „Gut Marion, ich wills ihm sagen. Gehen wir.“ Wie sie aber ein paar Schritt gegangen waren, drückte ihm Marion plötzlich heftig die Hand, sah ihn so dringlich an, daß er ein Erstaunen fühlte und ihm der Einfall kam, zu Marduk von ihr zu reden.
Man ließ die schöne Balladeuse vor Marduk. Als er in seinem Zimmer des Ratsgebäudes von dem ungeheuren Wandgemälde der Uralischen Flammenbergwerke und der flüchtenden versinkenden Menschen sich herbewegte, braunschwarz wie die Menschen des Bildes, zitterte sie zum ersten Male. Er schien mit seinen unsicheren Beinen dem Riesenkopf den dunklen ernsten Augen aus dem Bild herauszuwackeln. Jonathan führte sie. Marduk gab ihm die Hand, lächelte: „Wen bringst du mir.“ Er sah nur Jonathan an, bat, als der gehen wollte, er möchte bleiben, lächelte schweigend, als er gegangen war, noch in der Richtung seines Weges. Mit demselben Lächeln drehte er sich automatisch Marion zu, die Jonathan auf eine Sitzbank geführt hatte: „Was willst du, Marion. Was tust du?“ Geheimnisvoll fühlte sie sich berührt, entwaffnet. Schwach und still sagte sie, sich verwirrend, wieder zitternd, es müßten die Ländereien der Stadt nach Norden und Nordwesten ausgedehnt werden. Marduk fragte, ob der Senat sie dabei im Stich ließe. Sie mußte es verneinen, log, sie fürchte sich vor dem Widerstand ihrer eigenen Leute, wollte Bewaffnung und Schutz auf ihrem Besitz. Dies sei unmöglich, gab Marduk von sich, versprach, mißtrauisch sie anblickend, seine Hilfe für weiterhin, stand auf, wieder auf seinen Platz zwischen den braunschwarzen Versinkenden zurückzukehren.
Sie war nur wenige Minuten bei Marduk gewesen, da ging sie langsam durch mehrere Türen, über Treppen hinaus. Jonathan sonnte sich auf der großen Freitreppe; er hielt einen Schmetterling auf seiner Kappe, schaukelte ihn; sie wich ihm aus. Von der Begegnung mit Marduk brachte sie nichts mit als einen Groll auf Jonathan, eine bis zum Zorn gesteigerte dumpfe Wut auf diesen, auf diesen. Sie ging aufgelöst in ihrem Zimmer umher; nachmittags ritt sie mit Desir aus, unterwegs liebkoste sie ihn, weinte wild, neben ihrem Pferde über die Felder gehend.
Die starke Frau arrangierte Gehässigkeiten gegen Marduk. Die Frauenbünde, fast zerfallen, waren damals in den fremden Stadtschaften erneut rege; sie streckten ihre Arme nach der Mark aus, wo sie heimliche Frondeure unterstützten. Die Berührung mit ihnen tat der Balladeuse wohl. Sie machte sich Mut, unterstützte Frondeure. Dann spielte sie wieder mit Desir. In das Leben dieses Desir wurde sie eigentümlich hineingezogen. Der Feine fesselte sie nicht. Erst, wie sich an ihn andere begehrliche Frauen hingen, merkte sie auf, wollte seine Zärtlichkeit nicht vermissen, las mit Beklemmung die Zettel, die er von anderen Frauen erhielt, sah die Blumenkränze, mit denen sie ihn behingen. Und sie seufzte und wollte es nicht dulden. Sie fühlte sich gedrängt, auf diese Frauen loszugehen mit einer Erregung; aber dahinter stand schon die Trauer. Sanft ließ sie Desir mit einer anderen Frau, sanft hängte sie sich selbst an die andere Frau, forschte sie aus, sah ihre Neigung Glück, ging wieder zu Desir, stand kopfsenkend da, fiel neben ihn, der sie verlangte, seufzte mit leeren Augen, eingehüllt von seiner Weichheit, den unaufhörlichen Flüsterworten, von den Händen an Stirn und Hals gefaßt, die in sie nichts strömten. Sie tat froh auf den Fahrten, Desir war ihr Mann, von ihm wollte sie ein Kind. Nein, nicht ein Kind, viele Kinder. Ihre Ruhe wollte sie vor Augen haben, festhalten. Es sollte alle Vergangenheit ruhen.
In dieser Zeit gebar sie zwei Kinder, zwei Mädchen, die sie selbst an der Brust aufzog und pflegte. Groß war die Zärtlichkeit der mütterlichen Divoise zu ihren Kindern; sie hatte von ihrer Schönheit und Art nichts verloren. Und eines Tages erkrankte das jüngere Kind. Die Erregung der Divoise; blitzrasch veränderte sie sich. Wen sie erreichen konnte von Ärzten zog sie herbei. Geschüttelt saß die dunkel verhüllte Divoise am Bette des Kindes, schrie nach Hilfe. Mit Angst Haß Bangigkeit verfolgte sie das Agieren der stillen Männer und Frauen am Bett. Saß zuletzt nicht mehr in der Nähe des klagenden und heftig atmenden Kindes, saß nahe der Wand, wo sie niemand sah, über sich gebeugt, ein Tuch, das ihr Desir auf die Schultern gelegt hatte, über dem Kopf.