Chapter 26 of 48 · 3892 words · ~19 min read

Part 26

Durch die Tür trippelten Menschen, hielten sich an der Wand. „Was wollen die bei uns.“ „Das sind meine Freunde, allesamt. Sie haben mit mir geschluckt den ganzen Tag. Geschluckt gespuckt gekotzt. Ein herrlicher Nachmittag. He, war es kein herrlicher Nachmittag?“ „Und ein herrlicher Abend.“ „Und erst die Nacht. Ihr werdet staunen, was Kri kann. He, Löwe, aufgesessen.“ „Was redest du so grob mit mir.“ „Wird mir der Dickschädel vorschreiben, wie ich mit ihm zu reden habe.“ Den Atem hielt der Löwe an. Aufbrüllte er. Der Hund torkelte an die Tür, die Menschen schoben sich zusammen. „Dickschädel, ich Dickschädel?“ Kri kniff den Schwanz ein, machte sich Mut, torkelte an: „Löwe, wir verstehen uns.“ Er konnte seine Gedanken nicht zusammenhalten, knurrte wütend: „Jetzt angefangen. Man wird fertig mit Essen, mit Reden. Heran. Du willst doch, Löwe.“ Der blickte ihn lange an: „Ja.“ Der Hund böse: „Also.“

Die Gäste trugen Holzpflöcke unter den Armen, die spitz zuliefen, schlugen sie mit Beilen in den dröhnenden Boden der Hütte. Der Löwe erschauerte, seine Lippen wurden schlaff: „Was machen sie?“ Kri nachäffend: „Was machen sie? Was machen sie? Stöcke her. Glocken her. Beeile dich.“ Aus Liongos Krügen zog der Löwe die Pfoten, schleppte sich näher. Kri schnupperte an den Krügen: „Wer hat die hergebracht?“ „Liongo.“ „Ah, Liongo. Der. Der zarte. Der Schuft.“ Wieder hielt der Löwe den Atem an, brüllte grauenhaft. Der Raum war leer. Kri hielt sich an der Schwelle, zitterte vor Angst, daß er am Umsinken war. Scham und Wut hielten ihn fest. Herankriechend bettelte er süß verlogen: „Also dies sind die Pflöcke für die Pfötchen, dies die Stricke, in die du die Beine steckst. Kommt nur, der Löwe weiß, daß Ihr verschwiegen seid. Er wird solche Glocke im Bauch haben, wie ich, die Klingkling macht, wenn man geht. Ihr werdet vor ihm hinfallen. Und Mutiyamba, oh!“

Die Fackeln brannten in dem Raum. Die Leute lüstern eifrig. Der Löwe schleppte sich zwischen die Pflöcke. Senkte den ungeheuren mähnewallenden Kopf. An Mutiyamba dachte er. Dieser schlaue widrige Kri, der wilde Hund, würde machen, daß sie ihn küßte. Den hatte sie im Wagen geküßt, auf die Schnauze den. Den Kopf seitlich drehend weinte der Löwe im Finstern. Wo war Liongo? Der Löwe stand zwischen den Pflöcken. Das Ohr des Hundes zog er zu sich heran: „Tu mir nicht zu weh.“ Der Hund grinste heimtückisch, wedelte streichelte ihn.

Mit Seilen umschlangen sie die Beine des Löwen. Er legte sich auf die Seite, rollte auf den Rücken. Mit Gewalt rissen sie seine Beine auseinander nach vorn und hinten. Er knurrte, warf sich vor Angst. Die Gäste glucksten vor Freude, wie sie den weißen nackten Bauch des jungen Löwen sahen; die Angstwellen liefen über ihn. Betrunken warfen sie die Hälse zurück, torkelten um das liegende Untier. So laut war ihr Hohngelächter, daß Kassangi und Mutiyamba vor dem Haus erschienen und die Köpfe durch das Fenster steckten. Kri sprang herum, wetzte das Messer. Der Löwe, wie er das Scharren hörte, wilder vor Angst: „Und was tust du jetzt? Kri. Und was tust du jetzt? Und was jetzt?“ „Merkst du was?“ „Nein.“ „Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt?“ „Was tust du?“ Da hatte der Hund das Messer scharf. Mit einem Satz sprang er dem Löwen auf die Brust, knirschte: „Jetzt, jetzt Mut, Löwe.“

Und im Augenblick hieb er das Messer in den Leib, schlitzte stieß wühlte. Das heiße helle Blut spritzte ihm ins Gesicht, daß er spie und geblendet war. Unter ihm der Löwe wühlte sich, zerrte nach rechts, nach links. Liongo war am Kopf des Löwen: „Löwe auf! Sie töten dich! Löwe, er tötet dich.“ „Er tötet mich. Er tötet mich. Es ist wahr“ tobte es durch den Kopf des Löwen. Er schleuderte sich herum, die Pflöcke brach er ab. Das Fell riß er sich von den Füßen. Sein markerschütterndes Wehgebrüll. Kri erschlagen! Kri zerreißen! Kri mußte er erschlagen. Er toste, Seile und Pflöcke nach sich wirbelnd, in den Haufen der Gäste. Schlug erdrückte knackte riß biß. War Kri schon hin. Es war stockfinster in der Gasse. Mehr töten. Kassangi, Kassangi, den sah er fliehen. Schnapp ihm am Rücken, schnapp ihm ins Genick, stürzte ihn aus dem Leben.

Der Jubel das Weinen der Zuschauer! Jetzt weg, Löwe, aus dem Dorf, in die Steppe, weite grüne Steppe.

Sein rollendes unaufhörliches Brüllen. Er hatzte gegen die Pfahlmauer. Er kam nicht herauf. Was floß floß ihm heiß aus dem Leib, was hielt ihn zurück, was schleppte er zwischen den Beinen. Das schmerzte. Oh. Er trat darauf. Vor Schmerz, vor schwerem Weh verstummte er. Er trat auf die eigenen Därme. Noch einen furchtbaren Satz machte er. Grausiges abschnappendes Gebrüll. Auf den Pallisadenspitzen blieb er hängen. Stöhnend drehte und zerrte er da. Seine Augen rollte er; sie waren blind. Speere von unten gegen ihn. Er verblutete. Die Zuschauer weinten, als sie den jungen prächtigen Löwen oben auf den Pallisadenspitzen den sterbenden aufgerissenen Leib strecken sahen. Sie warfen Steine, als die Beerdigung der Opfer stattfand. Kassangi war tot. Den Hund schleppte man am Schwanz durch das Dorf. Eselskot hatte man in seinen Bauch getan; die rote senatorische Kappe mit den goldenen Bändern trug er vor dem Maul. Mutiyamba, die weinte. Allen Schmuck hatte sie abgelegt. Sie trat aus ihrem Haus. Ein neuer Häuptling stieß sie hinaus. Liongos Füße wollte sie hilfeflehend küssen. Er nahm sie in seine Hütte, auf sein Feld. Die Häuptlingstochter hörte nicht auf zu weinen. Er sang: „Erst hast du mich vergiftet, jetzt kann ich dich essen. Erst hast du meine Augen verbrüht, jetzt kann ich dich ansehen. Hast mich nicht schlafen lassen. Jetzt schlafe ich bei dir. Ich schwankte wie ein Boot, Mutiyamba, du hältst mich fest. Du hast keine Armspangen Brustgehänge Ohrringe. Mein Mund ist für dein Ohr, mein Mund für die Brust, mein Mund für die Arme.“

* * * * *

Sie spielten am Ouseriver sanfte Szenen vom Scheiden und Wiederfinden, die alte festländische Fabel von Melise von Bordeaux und ihrer Freundin Betise. Mit Schmerz und Wonne gingen die Fabeln in White Baker ein. Die Augen verhüllte sie. Sie sprach sich vor: dies ist das Leben.

Ohnmächtig der Senat bei dem Auslaufen der Stadtschaft. Die ersten Fälle von Eindringen der Siedler in die Stadt ereigneten sich, ungeklärte Brände von Fabriken. Delvil, belauert von der amerikanischen Deputation, schickte nach White Baker. Sie ließ sagen, daß das Fahrzeug nicht gebaut sei, das sie zurück trüge. Sie lockte Städter aufs Land, trieb Kampforganisationen bei allen Absonderungen zusammen. Verzweifelt höhnte Delvil im Senat: „Der weibliche Marduk!“ Man kam nicht weiter, war in der Defensive.

Aus amerikanischen Stadtschaften hatten sich nach Canada und Labrador Menschenmassen ergossen, von starken Männern und Frauen geführt. In Labrador entwickelte sich ein ländliches Reich an der Ungavabucht.

Die Menschen strömten aus den Stadtschaften Neuyork Quebec Ohio. Ein merkwürdiger Drang bestimmte alle Wanderer nach Norden; die großen Seen ließen sie hinter sich, östlich der Hudsonbai schoben sie sich vor. Ganz ohne Lärm vollzog sich die Bewegung auf dem nordamerikanischen Kontinent, nirgends sah man fanatischwilde Figuren wie Marke und Marduk. Aus dem Zentrum Europas drang Zimbo vor; die böhmischen Stadtschaften, die deutschen Nürnberg und Frankfurt schickten ihm aufgelockerte Massen zu.

Keine Bewegung machten die großen Senate. Aus London reiste während der sturzartigen Vorgänge die Kommission des Klokwan schweigend ab, nicht mehr lächelnd. In London Glasgow Newcastle, auf den festländischen Toulouse Nantes Lyon, die ruhig geblieben waren, wurden Straßenzüge leer, erfroren verdorrten in den Treibhäusern die Blumen, fielen die durchsichtigen Straßenbekleidungen; Wind Regen sauste wieder über die Plätze. Flugzeuge Wagen standen herum, als wäre ein Feind im Anmarsch. Eine Lähmung breitete sich über die westlichen Stadtschaften aus; unkenntlich, was ihre Ausbreitung beförderte. Sie wirkte in die Senate hinein. Es war eine zum Grauen auftreibende Erschütterung, als der schwarze Zimbo ohne Waffen zu gebrauchen mit rohen Schwärmen in der Hamburg-Bremer Landschaft und ruhig fortziehend am Meer erschien, Senate vertrieb, Lager und Anlagen zerstörte. Er drohte über den Kanal. Die Menschen der Seelandschaft bedeckten die Küste bis ins Holländische zum Zuidersee, wurden nach Westfalen, zum Rhein herunter gestoßen.

Der belgische Senat trat in Brüssel zusammen. Diese Stadtschaft bröckelte nicht. Man sah das Hungerverderben der über das Land Geschütteten Schwachen nichts als Willigen Sehnsüchtigen, ihr Liegenbleiben Erfrieren, das Wüten der Seuchen. Die Senatoren riefen lächelnd nach England. Betrübt zogen die Londoner sich aus dem Orkan ihres Landes, standen mit matten Gliedern in dem strahlenden Ratsgebäude der Belgier. Durch die Luft zuckten hier Fahrzeuge, buntes lärmvolles bewußtloses Wimmeln in den breiten winterlichen Straßen Brüssels. Die blassen Lippen verzog Delvil, als er aus dem überheizten Saal herunterblickte. Den Arm des breitschultrigen Belgiers Ten Keir drückte er: „Wie sieht die Welt bei Euch aus! Noch! Noch!“

„Noch lange! Noch immer!“ „So hat auch White Baker gesprochen. Es sind nicht viel Jahre her: Marduk müsse erschlagen werden, die Mark ausgeräuchert. Wo ist White Baker?“ „Ihr, Delvil! Wascht Eure Wäsche bei Euch.“

„Bin ich schlaff? Ist keine Schwäche, jetzt schlaff zu sein. Wenn ich deine Häuser und diese Menschenscharen sehe, so sehe ich sie und – sehe sie schon nicht mehr.“ Ten Keir machte sich von ihm los, betrachtete aus seinem kantigen Kopf den seufzenden Londoner, ließ ihn am Fenster. Die Belgier, zwanzig Männer und Frauen aus frisch heraufgekommenen Geschlechtern, nicht einheitlich in Rasse, nahmen auf die Engländer keine Rücksicht.

Von den durchwandernden Hamburger Flüchtlingen und Siedlern griffen sie welche auf, abgemagerte zerlumpte, stellten sie vor die Engländer. Ten Keir lachte: „Euer Ideal, liebe Gäste. Wie gefallen sie euch? Habt ihr Lust, eine Luftreise über Holland, an der Küste entlang zu machen? Ihr könnt etwas sehr Altes und Neues sehen. Kampf aller gegen alle. Das Spiel ist wieder aufgenommen: man genießt es, als sei es heute erfunden. Wozu gibt es Elend Tod Hunger? Doch nicht bloß für Erzählungen Geschichten Theateraufführungen. Heran an das Leben! Dichter, Dichter! Man lebt nur einmal und dann gründlich. Wer sich nicht zehn Zehen erfroren hat, weiß nicht, was Leben ist. Wer nicht morgens aufwacht im Wagen, – aber er liegt nicht in seinem Wagen, den Wagen hat einer über Nacht gestohlen, er liegt zwischen den Radspuren im Lehm, einen dösigen leicht angestoßenen Schädel hat, einen kleinen Schädelbruch, der versteht sich auf das Dasein nicht. Hat die Fülle der Existenz nicht durchdrungen. Steht, huhu, als Bettler vor dem Tor.“ Er wies mit beiden Händen auf die Aufgegriffenen, die blauen weiten Ärmel wehten zur Schulter zurück: „Hier haben wir Bewohner des Paradieses! Des wiedergeöffneten wiedereroberten Paradieses! Preis uns, die sie sehen! Der liebe Gott, von dem unsere Ureltern gesprochen haben, hat sich erweichen lassen. Er hat eine Ausnahme gemacht. Sie hat er wieder aufgenommen. Und nun: wie geht es euch, liebe Damen? Liebe Herren? Wie sieht der liebe Gott aus, nach so langer Zeit, befindet er sich wohl, donnert er sympathisch, hat er euch in seine Arme geschlossen? War es im ganzen großen ein schönes Wiedersehen? Gedeckter Tisch, wohlige Heizung? Was sagt ihr englischen Freunde, Delvil du, zu unsern Paradiesbewohnern? Es ist doch reizend, daß sie sich herbeigefunden haben, ein Stündchen bei uns zu verweilen. Uns zu beglücken. Sie hatten Mitleid mit uns, wollten erzählen. Aber ich errate alles, auch ohne daß sie sprechen. Diese Geheimnisse! Diese ätherische Schönheit der Gesichter, betrachtet sie, dieser perlmutterartige Glanz der Haut, an den Füßen Händen, im Gesicht. Sie haben dicken Schmutz aufgelegt, um uns nicht weh zu tun, durch ihren Anblick. Sie sind feinfühlig. Das ist Schmutz als Schminke. Ihr meint, sie tragen Lumpen? Delvil, Lumpen? Paradiesesbewohner und Lumpen! Haha! Ihr glaubt, sie sehen wie Skelette aus, wie Menschen, die seit Wochen Stoppeln von den Feldern, oder Baumborke essen und reichlich Flußwasser trinken. Und da nicken sie auch, unsere Gäste aus dem Paradies. Ach diese Feinfühligkeit! Die Übertreibung der Empfindungen! Warum seid ihr so bescheiden. Wir sind kräftige Männer und Frauen; wir vertragen schon einen Stoß. Ihr kommt aus dem Paradies. Habt unsere erbärmlichen Stadtschaften verlassen, in denen wir euch totregieren mit Essen, Trinken, mit überlebten Erbärmlichkeiten wie Essen Trinken, in denen wir euch geschunden haben mit wochenlangem Ruhen. Ihr seid ins Paradies zum leibhaftigen – nicht wegzuradierenden lieben Gott gegangen, fort aus den Nichtswürdigkeiten dieses städtischen Daseins, mit seinen bunten Lichtern Waren Flugzeugen Spielen Soßen, hundertfachen Speisen, Weinen, dem ganzen sonstigen Ekel und Folterzeug, auf dem ihr euch gewunden habt von Morgen bis Abend. Und es nahm kein Ende. Unerträgliche Pein, unerträgliche Pein. Das Paradies ging auf, die Straßen brannten ab, die Herren flogen in die Luft, explodierten Freudenfeuerwerk zum großen Einzuge. Ein bibelwürdiges Ereignis. Ihr habt es umschlungen, das Paradies! Habt alles wiedergefunden, wie es Adam stehen gelassen hat. Die ganze Einrichtung habt ihr übernommen. Man sieht euch an, wie ihr vor Rührung schluchztet bei dem Einzug. Eure Augen sind noch ganz rot. Wie habt ihr den Regen begrüßt, die Nässe, unermeßliche Nässe vom Himmel, an die Sintflut erinnernd, vom wirklich richtigen nicht gemalten Himmel. Nässe, die fiel, echt war, mehr, immer mehr. Es wurde euch wonnig klar, daß der Mensch aus dem Wasser stammt und ihr erschauertet! Ihr wolltet Tag und Nacht nicht aus dem Wasser heraus, ihr Glücklichen schwammt, plätschertet darin. An Gräsern und Halmen habt ihr gebissen. Wie hat es geschmeckt. Endlich, endlich eine Speise, unmittelbar wie aus dem Handteller aus der Erde, der alles tragenden gebärenden. Sie ist und bleibt eben die Urmutter! Sie wird es ewig bleiben! Weh dem, der es vergißt. Und dann immer mehr für euch. Krank seid ihr geworden, krank durftet ihr werden. Die Wohltat des Fiebers, die Gnade der Schmerzen, der Schlaflosigkeit kam. Diese Wonne! Kein Mensch, kein Herr, keine Fabrik hat sie euch in solcher Fülle und Ausgewachsenheit schicken können. Ihr wart selig im Gefühl: ich kann nicht schlafen, ich zittere vor Fieber, der Schmerz zerreißt meinen Kopf, mein Kinn, meine Knochen. Wie gut: niemand hilft mir, auf mich selbst bin ich gestellt, ich bin ein Mensch, im Paradies, an der Brust der Natur. Und ich selbst, Ten Keir, was hab ich Verbrecher getan? Ich laß euch aufgreifen! Verzeiht mir, liebe Freunde. Wir hatten Sehnsucht nach euch! Wir geben euch bald wieder hin an das Zauberreich. Denkt an uns Arme, die gesund und kräftig sind, zu essen, zu trinken haben, warm angezogen sind. Die dies alles erleiden müssen.“

Frau Atorai, füllig und ruhig, in rotem Samt, nickte, während man noch lachte: „Wir haben sehr Entsetzliches verbrochen.“ Der unerschöpfliche Ten Keir sprudelte: „Gott will uns strafen mit Milch und Honig. Die Strafmethoden haben sich im Lauf der Jahrhunderte geändert. Die Menschen haben sich auf Pech und Schwefel nicht gebessert, jetzt versucht es Gott so.“ Frau Atorai unverändert ernst: „Und er hat recht. Wir bessern uns schon. Aber noch nicht genug. Die Kur muß intensiver durchgeführt werden. Ich fürchte, er wird gegen uns nicht vor dem Äußersten zurückschrecken.“ „Was ist das, Atorai?“ Sie verdrehte die Augen, spitzte den Mund: „Ich möchte gerne, – ich möchte gerne – je nach Laune – Mann oder Frau sein.“ Sie tosten ein Gelächter. „Kommt!“ „Man hat schon etwas läuten hören.“ Und im Lachen immer ernst Frau Atorai, den Mund vorwurfsvoll spitzend: „Läuten! Ich möchte doch in diese Kirche gehen. Bin so sündig.“

Die gute Laune der Belgier schlug um, als später der stille Londoner Pember sprach. Es sei, gab der dicke von sich, über diese Leute nicht nur zu lächeln. Man müßte in der Tat ihre Haut, ihre Köpfe, die Leiber ansehen. Die seien nicht nur von der kurzen jämmerlichen Flucht so ruiniert. Wovon seien diese Menschen wohl so ruiniert. „Nun“ forderte ihn Ten Keir heraus. Pember schüttelte den Kopf: „Du mußt nicht so wild und sicher sein. Wir haben in London die Dinge näher betrachtet als ihr. Nicht freiwillig, sie kamen an uns heran. Ihr hättet sehen und hören sollen, was sich am Ouseriver ereignete. Trübsal, die ich nicht beschreiben kann. Fragt, ob die Menschen recht hatten betrübt zu sein.“ „Und?“ „Das ist alles. Wie können wir das Elend beenden?“ Ten Keir breitete hohnlachend, die Schultern hebend, die Arme aus: „Dazu sind wir hier versammelt, den Jammer der Leute zu diskutieren! Wir werden sie bitten, uns lyrische Gedichte vorzutragen mit Lautenbegleitung und Chor. Dazu sind wir versammelt. Und unsere Städte? Wir, was wir treiben, unsere Stadtschaften, das ist Schund! Was? Nichts! Nichts!“

Delvil und Pember schwiegen vor dem unerschütterlichen harten Belgier. Auch die amerikanische Kommission, die von London den Engländern nachgereist war, hielt vor den Belgiern still. Stachelnde Worte der Brüsseler standen sie aus, Wutausbrüche des unbeherrschten Ten Keir, der ein Pferd in einem Gespann war, in dem er nicht mitziehen wollte. Sein Groll auf die Stadtflüchtigen. Die beiden Kommissionen hieß er jeden Tag gehen, wo sie hingehörten. Die Fremden zitterten beim Gedanken an eine Begegnung mit ihm.

Man führte sie durch die Straßen Brüssels. Nach Norden die Häuserreihen Anlagen Waldungen bis an die Schelde, das alte Antwerpen ausschließend, die Schelde, die Brüssel im Westen bei der Vorstadt Oudenaarde erreichte. Nivelles und Soignies die südlichen Ausläufer der Stadtschaft. Man war nicht fern von dem Zentrum Mons. Halb widerwillig ließen sich die Fremden über das prunkende Gebiet tragen; den Belgiern weitete sich das Herz. In Sänften wurden die Fremden stundenlang durch die gewaltigen Hallen getragen, ausgesucht demütige Menschen neben sich, Bewaffnete im Zug. So fest war die Herrschaft der Belgier, daß sie sich von Schultern auf Schultern in voller Sicherheit gleiten lassen konnten. Dies Land hatte wenig Acker und Weide, Entartende Schwächliche wurden rasch beseitigt; in das Land strömten immer Fremde. In den Hallen lagen die erheiternden beglückenden Dinge. Es waren berauschende Schauhäuser. Und was auslag stand jedem der Menschen zur Verfügung, die sich den Herrschenden unterwarfen. Sie hatten außer den Gesetzen nichts anzuerkennen als die wechselnde Arbeit und die langen Pausen. Damit erhielten sich die Stadtschaften, erzeugten wie tropische Bäume ihre Früchte im Überfluß. Die senatorischen Herren und Frauen blickten, durch die Menge getragen, wenig auf die ausweichenden Menschen. Kundige gewandte junge Wesen gingen neben ihnen, traten zu ihnen, Einpeitscher und Einpeitscherinnen, Erforscher und Erfinder von Bedürfnissen, Wesen, die Aussicht hatten, selbst Herren zu werden. Die Lichtmassen Teppiche Kleider, erregende und einschläfernde Getränke, die Speisemischungen Speiseerfindungen der Mekifabriken, Badewasser mit erregender treibender einschläfernder Wirkung, Streichler Haucher für die Stirn die Backen die Brust die Arme. Forschend und kalt fuhren die Augen der herrschenden Männer und Frauen über die Dinge. Die Menschen standen gefangen davor, lösten sich von dem Anblick schwer, als wären ihre Blicke angebannt. Der stolze Ausdruck Ten Keirs, des üppigen, gegen Delvil und Pember. Der Ausdruck hieß: „Welche Pracht, welche Wonne für Menschen.“ Delvil dachte: „Was haben sie im Westen Londons geschrien, als sie die Hallen abbrannten? Hin die Kerker, Festungen der Herren. So haben Schweiger Krieger Schlangen gerufen.“

Am Abend dieser Fahrt hielten sie in einem unterirdischen Gewölbe nahe einer Aufschließungsstelle der synthetischen Fabriken. Hier wurde physikalisch und theoretisch gearbeitet. Mehrere der Senatoren hatten ihren Platz, begrüßten die arbeitenden schweigenden erschreckt auffahrenden Männer und Frauen, die von ihnen adoptiert wurden, wenn sie kenntnisreich stark und stolz genug waren. An den Wänden waren magische runde Lichtflecken, die von schwarzen Blenden umschlossen waren, Augen bunten Lichts, die man verkleinerte verstellte verschob schloß. Kristalle studierte man hier. Gesteinsstaub lag über den schwarzen Tischen. Große Tafeln mit merkwürdigen Zeichen Pfeilen Zahlen hingen von den Decken. Rasch schritt man durch, an niedrigen Türen vorbei, die in tiefere Keller führten zu ganz abgesonderten, der Oberflächenbewegung, den Wärme- und Lichtstrahlungen der Gestirne entzogenen Kammern.

An einer bezifferten Tür hielt Ten Keir. Sie fuhren auf einem Fahrstuhl abwärts. „Es braucht niemand zu wissen“ erklärte der sehr ruhig gewordene Ten Keir in dem völlig leeren Raum, an dessen Wand eine Zahl ungeöffneter flacher und hoher Kisten standen, „braucht niemand zu hören, was wir besprechen. Vielleicht äußern die englischen und amerikanischen Freunde, was sie zu sagen haben.“ Man kauerte sich hin in dem Raum, dessen Schwärze von einem Lichtbüschel durchzogen war, das wie aus einem Loch aus der Wand von einem Lichtfleck kegelförmig ausgestrahlt wurde. Als nicht gleich einer sprach, fuhr Ten Keir, neben dem Lichtfleck im Dunkeln stehend, fort: „Ich wiederhole, was ich gesagt habe: freiwillig danken wir nicht ab. Man wird uns zwingen müssen. Wie man das tun wird, will ich erwarten.“ Delvil: „Es wird dich und uns alle niemand zwingen.“ „Dann bleiben wir.“ Seufzte Delvil, ließ die Schultern sinken: „Es geht nicht. Wir kommen nicht weiter.“ „Wir kommen weiter. Seht auf uns und ihr kommt weiter.“ Bittend sah sich noch Delvil nach beiden Seiten um: „Will nicht ein anderer sprechen. Und will nicht, – verzeih mir, Ten Keir, – ein anderer Ten Keir ablösen.“ „Für mich braucht niemand zu sprechen. Meine Auffassung ist die der anderen.“ „Aber wir kommen nicht weiter.“ Schrie Ten Keir, fuchtelte: „Delvil, Euch ist nicht zu helfen. Wo stehst du eigentlich. Bist du auch ein halber Paradiesbruder? Wo ist dein Herz?“ „Mäßige dich, Ten Keir“ bat auch Frau Atorai. „Warum mäßigen? Ihr meint es ja auch. Delvil ist ein hoffnungsloser Fall. Er zerrt und zieht. Er weiß nicht, was er will. Er ist hilflos. Es ist ein Verbrechen, Delvil, in dieser Zeit hilflos zu sein. Wenn du hilflos bist, tu wie White Baker.“ Heiser Delvil: „Rate mir nicht. Laß mich aus dem Spiel.“ „Ich kann niemanden aus dem Spiel lassen, der hier ist.“ Heiser Delvil: „Ich will, daß du mich aus dem Spiel läßt.“ „Ah du grollst. Das ist ja recht. So kommst du zur Besinnung. Ich denke, so wird es den andern Paradiesbrüdern auch gehen. Dann werden sie sich wehren und dann wird sich zeigen, wer der Stärkere ist.“ „Wer der Stärkere ist. Wer der Stärkere ist. Es ist nichts damit geschafft, daß einer der Stärkere ist.“ „Weggerafft ist der andere. Und damit ist es geschafft!“ „Nein es ist nichts geschafft.“ Ten Keir trat an Delvil heran: „Was suchst du eigentlich hier. Bist du ein Spion?“ „Sei still, Ten Keir. Ich bin bewaffnet wie du. Du tust mir nichts.“ „Du bist in meinem Haus.“ Pember trennte sie mit seinem schwarzen kurzen Körper. Als wäre nichts geschehen, näselte er phlegmatisch: „Wir sind einig darüber, worin die Not besteht. Wollen wir nun unsere Stellung dazu verhandeln.“ Delvil hob die Hand: „Ich bin schon ruhig, Pember. Wir sind uns nicht darüber einig, worin die Not besteht. Wir sind uns nicht darüber einig.“ Erstaunt wich der schwere Mann zurück, blickte hin und her zwischen Delvil und dem andern. Triumphierend Ten Keir: „Laß ihn also ausreden.“ Pember: „Ja. Willst du die Schlangen und die Schweiger und wie sie heißen?“ Frau Atorai schlank und ruhig überlegen an der Wand gegenüber Delvil, öffnete die lächelnden Augen: „Er will ja die Schlangen.“ Mit plötzlich erschlaffendem Gesicht, klagend Delvil: „Das weißt du nicht. Das wißt ihr doch nicht.“ Er sank auf die Knie, hielt den gesenkten Kopf in den Händen; man hörte ihn schluchzen.

Grimmig kehrte Ten Keir zu dem Lichtfleck zurück, knurrend: „Da ist es. Er ist hin.“ Lächelnd und gleichgültig durch die Stille Frau Atorai: „Laßt ihn sich ausweinen.“

Ein Mann bewegte sich neben Ten Keir seitlich von der Lichtquelle, stellte die Iris des Strahls enger. De Barros, ein erst aufgenommener Wärmeforscher, leicht eingedrückte Nase, aufgeworfene Lippen, dunkle Hautfarbe. Er redete hart, ohne einen anzublicken: „Ich sehe, was Delvil will. Die Dinge, die er bezweifelt, bezweifle ich nicht. Die Führung durch die Stadtschaft sollte ihm zeigen, was wir verteidigen. Das ist mißglückt. Wir geben uns aber nicht auf. Und dann: Es sind Hunnen vor zwei Jahrtausenden gekommen, die alles wegrafften. Dann war Jammer und alles begann von vorn. Wir lieben das nicht. Warum nicht? Wir wollen nicht.“ „Eine einfache Rede, De Barros“, lächelte unverändert Frau Atorai. Pember bemühte sich um den hingesunkenen Delvil: „Es scheint, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen.“