Part 44
Und während noch der andere Körper rauchend lag, hob sich Venaska mähnenschüttelnd von ihm ab, stand an einem Pfosten, atmete, tiefer, tiefer. Als wäre die Luft ein Getränk, nahm sie sie zu sich, schlenderte auf den Hof, senkte die Hände in das dunkle Feigengebüsch, ließ die Blätter und Äste um sich schlagen. Kam als die fließende weiche Venaska hervor, die die schlanken Schenkel im Gehen bewegte, den glatthäutigen wiegenden braunen Leib trug, spöttisch lächelnd. Musik sogar ihr tonloser Ruf, Schrecken Sehnsucht um sie. Sie legte ihr karmoisinfarbenes Hemd über, das goldgestickt war, saß im Gras, der bunt behängte schlafende Vulkan.
Toulouse war in die Erde gestiegen. Die zerfallenden Straßentrümmer Anlagen Forste überzogen die Siedler. In Toulouse setzte sich Venaska nieder. Die Steine Schienen der versunkenen unterirdisch tosenden Riesenstadt ließ sie von den Scharen, die sie mit sich zog, beseitigen. In dieser Ebene wollte sie sitzen, die dunklen Berge der Pyrenäen sehen, die weißgefurchten Kämme am Horizont, bei der uralten prunkenden Serninkirche, die die Stadtschaft nicht angerührt hatte. Die Schlangen bei ihr wußten nicht, was sie zu der Stadtruine zog. Venaska mochte gern zwischen den stummen zersprengten Mauern, in den toten langen Straßen gehen, ihre Schritte furchtsam behorchen. Neugierig umschlich sie Schuttmassen der Fabriken, versteckte sich, wenn Frachtflieger der Stadtschaft in der Luft waren. Entzückt, selig sich anschmiegend stand sie an dem kalten Gestein der Serninkathedrale; sie liebte das gewaltig aus dem Boden strebende Gebäude. Oft sagte sie: dies Gebäude, seinetwegen säße sie hier, das so herrlich sei, und sie wache, daß ihm nichts geschehe.
In den Reichen der Diuwa und Venaska dehnten sich Schlangen und fremde Siedler aus. An der Garonne und der breiten Rhone gediehen sie. Neben den flachen Fabrikhallen Ruinen, standen die römischen Triumphbogen mit Inschriften über aufrührerischen Hallen. Zwei- dreitausendjährige römische Amphitheater bauten ihre Ränge und Treppen an Hügeln auf. Beim grauen Avignon stürzte der Domfelsen gegen die blaue Rhone ab; die düsteren neununddreißig Türme der Papstburg oben waren zerbröckelt, von Pinien Eichen Blütenbüschen überwachsen. Siedler, kranke genesende, aus den brüllenden krampfenden europäischen Stadtschaften legten ihre Leiber an das unerschöpfte Land zum Sterben oder Auflodern. Venaska zog im karmoisinfarbenen goldbestickten Hemd durch das üppige Tal der Garonne bis in die Gegenden, die die starke Melise beherrscht hatte. Sie weckte die Landschaft auf. Ein Schmelzen um Venaska. War sie vorbei, so knirschten die Menschen vor Verlangen. Etwas Blindes Schreiendes wurde in manchen Widerstrebenden erregt; das riß sie fort. Raubsüchtig gingen Männer und auch Frauen umher. Von der Geheimlehre der Schlangen, von der Wanderung und ihrer Heiligkeit, wollten sie nichts wissen. Das Niederstürzen von Mann und Weib war ihnen eine Lust. In der Gegend des alten Bistums Perigueux sperrte ein Mann, der sich Siwri nannte, sechs Frauen wider ihren Willen in sein Gehöft mit Hilfe seiner Mutter ein. Er war eben genesen, stark, nicht jung; man sagte, seine Mutter hätte ihn angespornt. Die Frauen ließ er für sich arbeiten. Andere Frauen quälte er zu seiner Freude. Er zeigte auf Schritt und Tritt, daß er Frauen für nichts achtete. Die Schlangen waren machtlos gegen ihn, da er sich ihnen entzog.
Gestalten, nicht Mann und nicht Weib, zeigten sich in der Garonnelandschaft aus mehreren der hier vagierenden Rassen. Das war die höchste Bezauberung, die viele erfuhren. Weiße, auch gelbbraune Menschen mit weicher Rundung der Schultern. Graziös bewegten sie sich auf den Wegen unter dem Blütenregen der Akazien, schlenderten über die Wiesen, stiegen in die Forste. Die Städte hatten vielen Mißwuchs begünstigt; man hatte unter den Krankheiten und dem schweren Zugrundegehen wenig auf Einzelnes geachtet. Jetzt warf die Landschaft üppig diese Wesen hin, die als Mädchen gingen, wie sie aufgewachsen waren, die fülligen Becken leicht wiegend, manche scheu und ihr Geheimnis nicht offenbarend, manche in verwegener Mischung der Tracht: die Kappe und Feder eines Mannes auf dem Haar, dabei Brüste, die in Wölbung und Umriß unter der straffen Bluse hervortraten. Sie schwärmten auf Mädchen aus, die sie erst nicht erkannten, sich launig von ihnen halsen ließen. Und im zarten Andrängen ließen sie die Sonderbarkeit ihres Geschlechts fühlen, fühlten bebend und heiß die Erschütterung und Bannung des Mädchens, der Frau mit, die nicht wußte, was sie genoß, die eine Freundin und einen Geliebten umschlang. So starke Würze hatten sie noch in keiner Umarmung empfunden. Und junge Männer wurden heftig zu Mischwesen getrieben, die sie für schnippische Frauen hielten. Ein fremdartiger Reiz lockte. Sie fielen vor diesen Mädchen hin, waren erschreckt, im Geheimsten aufgerührt, fassungslos, wie das Rätsel, der weibliche Jüngling, sich in ihren Armen bewegte, drängend und saugend. Viele erschienen auf dem grünen Boden und erregten die Mädchen und Jünglinge. Welche Schrecken Verwirrungen Tränen erregte das rothaarige Wesen Tika On, das purpurn und rosa gekleidet von der Auvergne herunter kam, nichts arbeitete, sang und das die Venaska selbst erschütterte. Ein wildes Geschöpf war Tika On, mit heller Knabenstimme sang sie, lachte. Über ihr Geschlecht war sie selbst nicht klar. Sie küßte hitzig Männer und Frauen. Es genügte ihr, die Menschen zu umschlingen, um sie in Ekstase zu bringen. Meist riß sie sich gehässig von dem los, der von ihr mehr verlangte. Und wer gewaltsam nach ihrem Leib griff, ließ sie selbst los, so schrecklich schrie weinte sie, lief in stundenlanger Verstörung weiter. Als wenn das Geschlecht an ihr eine furchtbare Wunde wäre. An Venaska hängte sie sich, die immer milde und süß war. Schließlich mußte die Frau in Toulouse sie von sich abreißen. Zum erstenmal sah man an der braunen zarten spöttischen Frau ein Grauen. Ihre Beängstigung war so tief, daß sie andere zu Hilfe rufen mußte, die bei ihr wachten, das rote Wesen, die Tika On, von ihr fernhielten. Die keifte bei der Holzhütte an der Serinkathedrale, wo Venaska in diesen Wochen wohnte. Die Venaska weinte: „Sie fühlt, wer sie ist. Sie ist eben im Begriff es zu fühlen. Ihr müßt mir nicht böse sein, ich kann ihr nicht helfen. Sie ist in der Geburt; ich kann ihr nicht helfen.“ Tika On umschwärmte noch monatelang die Venaska, verscholl im Norden.
Der König Karl von Valois, vor einem Jahrtausend in einer nördlichen Landschaft begraben, riß sich lechzend aus den Wäldern los, tauchte in das Gestrudel. Jauchzte tobte wie einstmals. Die Forsten, in denen er einmal gejagt hatte, waren wild zugewachsen. In die Schneeberge der Auvergne, am Plomb de Cantal, brach er zur Wildschweinhetze ein, strudelrasselte am Talboden der Allier, suchte Händel. Seine Adlernase glühte von Wein. Eseln schlug er die Köpfe ab.
Heiße Wesen wurden auf die Landschaft geworfen, von dem Menschengewimmel hochgerissen. Die Bodengeister, seit Jahrhunderten in die Hölzer und Steine getrieben, wogten wie ein Bienenschwarm über einem Kleefeld auf, drangen, schlangen sich, quollen in das warme treibende Menschenblut, flossen in helle und schwarze glänzende glatte Haare ein, ließen es sich in springenden Männerknien, vollen Weibesbusen wohl sein. Nicht ein einzelner Mensch genügte dem wüsten la Mole, der unter Steinen bleich und dünn geworden war, nachdem ihm, wie er noch die ersten Knochen hatte, jede Messe eine neue Geliebte geschenkt hatte –, bis ihm sein König den Kopf abschlug. Die Jahrhunderte hatte er gelauert, schon war er fast abgestorben. Da schwoll dieser Wolkenbruch über den verdorrten Boden. Frenetisch schoß er auf die Leiber, die er besetzte. In sechs Menschen lief la Mole, dem ein rasch erloschener Mann einmal den Kopf abgeschlagen hatte. Sechs Leiber regierte er. Ein Cyklop war er, die Leiber wechselte er. Er hauchte in ihnen, trieb sie wie einen Wagen, ließ sie wie schlechte Maschinenteile fallen. Blaise de Montluk, blitzjung, der Gaskogner, stieg ohne Hut aus dem Wasser der Garonne, in der er vor einem Jahrhundert ertrunken war. Das Wasser hatte ihn nicht verspülen können. Er zuckte über die kieferbestandenen Ufer, stolzierte als kecke Dirne mit knappem Busen über die gelben Äcker und zwischen den Weinbergen, suchte in die flüchtige Tika On zu fahren. Dann stürzte er eines Mittags im prallen Sonnenschein einem schwarzen Hengst in den Hals und jagte mit ihm. Es dünstete und schauerte über das vertrocknete Land. Venaska zog von Flur zu Flur, die Diuwa sänftigte an der Garonne.
* * * * *
In den Cevennen, an dem kräuterreichen grünen Rasenkegel des Puy-de-Dôme erschienen die ersten Islandfahrer, in das aquitanische Tiefland sickerten sie. Kleine Gruppen lederbekleideter ernster noch matt blickender sehnsüchtiger Menschen. Langsamer wanderten sie und trieben ihre Pferde, wie sie unter dem blauen und blaueren Himmel den Fruchtboden der alten verwitterten Lavaschichten betraten, meilenweite Gärten sich auftaten, Rosenbüsche Gelb und Purpur warfen. Blühende Touraine. Waldbedeckte Flußufer. Frischgerodete Erdfläche. Die Islandfahrer, die Männer und Frauen, die auf den Ölwolken gestanden hatten, schnupperten, blickten um sich, schüttelten sich unter dieser Luft. Welches fremde Wühlen. Mißtrauisch trieben sie durch die schimmernde Landschaft. Kylin, die grüne Loire hinter sich lassend, stand auf dem Felsen Amboise, durchirrte die Höhlen Klüfte Gänge des Gesteins. Gefangene nach Gefangenen waren hier versickert; sie tosten um ihn, trieben ihn hinaus. Aufsässigen hatte man auf den strahlenden Plätzen die Köpfe abgerissen, blauäugige Blondinen hatten dazu gelacht. Idatto seufzte neben Kylin: „Dort hinten ist Süden. Ich möchte hier fort. Und dort wage ich mich nicht hinein.“ „Idatto, fürchte dich nicht vor dem Nebel. Da war Brand und Nebel im Norden, durch den wir mußten. Da ist einer im Süden.“ „Ich sehe es. Aber es reißt an mir. Ich will keine Versuchung.“ „Wir müssen hinein, enthalte dich nicht. Wir sind durch Island gekommen. Fürchte dich nicht. Da war ein Nebel, und hier ist ein Nebel.“
Langsam zogen sie durch die Landschaft. Sie waren zu Marduk nicht durchgedrungen. An der Loire erzählte man sich von White Baker. Sie hatte noch die Kraft gehabt, die britischen Siedler nach dem Festland hinüberzuführen, sank dann in sich zurück. Wie ein Baum, der lange üppig geblüht hat und dann alternd Borke um Borke ansetzt, sich selbst vermauert, ein Visier über sein Gesicht schiebt, seine Wurzel verhölzert versteinert, so grub sich White Baker ein, an der warmen Gironde, nahe der Diuwa. Wie ein Käfer fiel sie in das Moos und ließ die weichen Lagen über sich zusammenrollen. White Baker bewegte sich an dem Fluß wie die andern, griff auf den Äckern, in den Gärten zu. Hatte aber einen leeren großen Ausdruck, der wie Ernst schien. Rot runzellos ihr Gesicht. In der Kammer bei der Diuwa saß sie stundenlang, blickte durch die offne Tür, ließ den Wind um sich wehen. Die braune Siedlertracht trug sie; ihre schwere fette Hand ruhte auf dem Tischchen, auf dem zusammengeknäult Kräuter Halme lagen, darunter ein zerrissenes weißes Seidenkleid, gebündelt mit einer Lederschnur. Der knöcherne Krähenschnabel Ratschenilas hing daran. An der Wand bauschig völlig unversehrt das brokatene Senatorenkleid. Von der Diuwa geschützt war sie. Hatte sich zum Sitz von berauschenden Geistern gemacht, die nur sie verstand.
Nahe dem ehemaligen Montauban schwirrte die rote Tika On in Kylins Gruppe. „Welchen Vogel hat man uns geschickt“ staunte der harte Kylin, ließ sie gewähren. In seiner Gruppe war schon eine Unruhe, ein süß leidendes Bedrängtsein. Kylin sah, wie man sich wehrte. Tika On, die rothaarige, hatte einen Stachel in sich. Sie mußte sich an menschliche Glieder hängen, sich versuchen. Als Kylin sie die Frauen seiner Gruppe umschlingen sah, Idatto vor ihr hinfiel, zog er sich einen halben Tag zurück. Dann tat er, als hätte er Verlangen nach ihr. Schnurrend, mit dem Kreischen der Erregung folgte die Wilde in ein Buschwerk. Dort erdrosselte er sie.
In dem Gesträuch zwischen gelbem Ginster und Brennesseln fanden ihn abends Männer, die ihn suchten, bei dem kleinen verkrampften roten Körper. Sie wollten den Körper anfassen, wegheben, um ihn zu begraben. Kylin drohte: „Nicht anrühren. Ruft die anderen. Wo sind die Frauen.“ Er wartete, bis Frauen und Idatto kamen. „Wer ist das? Seht! Tika On, die rothaarige. Ein Weib oder ein Mann. Seht sie noch einen Augenblick an. So! Seid ihr ertappt? Ins Gebüsch mit ihr!“ Er selbst rollte den Leib tiefer ins Gebüsch, kam hervor, blaß: „Ich hab’ sie erwürgt. Weißt du, Idatto, warum ich sie erwürgt habe.“ Idatto in Tränen, bitter mit zuckendem Mund: „Sie war keine Verbrecherin.“ „Das ist’s. Ich wußte es. Der Nebel. Er packt dich. Aber wir sind gegen ihn nicht wehrlos. Ich nenne ihn bei Namen, ich sehe ihn, dann ist er weg.“ Idatto biß sich die Lippe, weinte laut, hatte das Gesicht hinter seinen Fäusten. Eine kleine Schwarzhaarige brach in plötzliches Schluchzen aus. Streng beobachtete sie Kylin. Er brüllte rot anschwellend: „Habt ihr gesehen, was hier gelegen hat? Ihr habt es noch nicht genug gesehen. Bringt sie wieder her. Ja. Her!“ Er riß das Buschwerk zurück von dem kleinen liegenden Körper: „Da ist sie. Ich habe sie erdrosselt. Hab’ es getan. Was habt ihr darauf zu sagen, Idatto? Und du?“ „Bedeck sie doch, Kylin.“ „Ich hab’ den halben Tag hier gelegen bei der Leiche; ihr habt sie noch lange nicht genug gesehen.“
Ein bärtiger bronzefarbener Mann trat auf Kylin, nahm ihm die Zweige des Busches aus der Hand: „Es ist nicht leicht für Idatto und für andere. Wir wollen nicht mit ihnen rechten. Und wer weiß, wie unsere Wege gehen. Laß ihnen Zeit.“ Da stand Kylin still, kreuzte die Arme auf der Brust: „Das Land fordert Opfer; es kann nicht genug Menschen schlucken. Es ist gut, ein Brandmal am Arm zu haben; es ist gut auch daran zu denken.“ Vor ihm schluchzte trotzig Idatto an der Schulter des bärtigen Mannes: „Sage du, war Tika On eine Verbrecherin? War sie nicht lebendig, ein Lebendes, vor dem ich hinfallen darf?“ Kylin murmelte etwas, Flimmern in den Augen. Er ging rasch fort. Vor Beginn der Nacht wollte man den Leichnam verbrennen; Kylin schrie: „Die Flamme? Keine Flamme! In die Erde. Ich sage: in die Erde.“
Eine Spannung und Entfremdung trat zwischen Kylin und seiner Gruppe ein und wuchs, je mehr sie südlich stießen. Sie wollten sich in der fruchtbaren Landschaft hier und da niederlassen, aber Kylin schob sie kalt und ohne Erklärung weiter. Viele dieser gehärteten Menschen schmolzen, wie sie sich über dem Land verbreiteten. Rechts und links blieben sie in den Siedlungen. Sie pflügten sangen lachten mit den Starken Wonnigen an der Garonne, im Languedoc, an den Rhoneufern. Sie kamen sich erlöst vor. Die Urtiere verloren erst jetzt ihr Grauen, Island ließ sie los.
Wie ein Zeichen hatte Kylin an der Schwelle des Landes den Mord an der Tika On aufgepflanzt; es wirkte nicht. Nur eine Anzahl mit Kylin war sicher. Man sah, daß er rang wie die anderen und litt und nicht sprechen konnte, daß er in einem zornigen Gefühl tiefer und tiefer in das Land hinein verlangte. Ein graublonder langer Backen- und Kinnbart war ihm gewachsen; leicht gebückt ging er. Selten wagte ihn einer anzusprechen.
Und eines Tages hieß es bei Toulouse, daß Venaska in der Nähe sei. Die gelbbraune Frau im karmoisinfarbenen Hemd, goldgestickten Hosen, gab ihm auf dem Erdbeerfeld die Hand. „Venaska, du bist es. Ich irre herum. Ich wollte dich lange sprechen.“ „Und nun hast du mich getroffen.“ „Weißt du, wer ich bin?“ „Nein, ich werde dir einen Namen geben.“ „Laß. Ich bin Kylin. Mit mir sind andere Männer und Frauen aus Grönland.“ „Grönland ist weit. Nun freue ich mich, daß ich dich sehe.“ Sie strich seine Schulter; er erschrak über ihre Sanftheit: „Venaska, ich wollte dir erzählen, was nicht mit Grönland zusammenhängt. Wir sind bei Montauban einer rothaarigen Frau, einem fremdartigen Wesen begegnet, Tika On. Die habe ich erschlagen.“ Sie hielt noch ihre Hand an seiner Schulter, zog sie zurück. Sie beugte den Kopf: „Oh.“ Auf den schwarzen Boden sah sie; still mit schlaffen Armen stand sie, rief matt einen Namen. Zwei Frauen erhoben sich aus dem Feld, liefen neben sie. Klagend schwach Venaska: „Dieser Mann heißt Kylin. Er hat Tika On erschlagen. Bei Montauban ist er ihr begegnet.“ Drohend verwirrt die Frauen. Venaskas Kopf hing auf der Brust. Kylin: „Ich habe nichts mit diesen zu sprechen. Ich will dich allein sehen, Venaska.“ Sie bewegte den Kopf nicht: „Das kann ich nicht. Du wirst mich umbringen.“ „Ich bin kein Mörder.“ „Du bist es. Ich fühle es.“ Sie nahm den Arm einer Frau: „Komm mit in den Hof. Wir wollen uns setzen.“
In ihrem Haus ließ sie die Türen und Fenster offen. Sie setzte sich in einen Winkel. Eine Zeitlang sprachen sie nicht. „Was willst du von mir, Kylin? Du heißt Kylin. Du bist Hojet Sala. Der steile Absturz.“ „Ich muß dich erfahren.“ „Was ist das.“ „Wir sind nach Grönland gefahren, weil man uns schickte, Venaska. Die Stadtschaften, die jetzt zugrundegehen, hatten uns geschickt. Wir waren in Island, einer Vulkaninsel, und über Grönland. Ich selbst habe geholfen den Plan der Senate auszuführen. Das ist das Erste. Das Zweite: es hat uns etwas Furchtbares überschüttet, uns gerüttelt mich und die anderen, die noch leben blieben. Das war das Zweite. Dann haben wir, habe ich zugebissen. Das habe ich, Venaska. Ich wollte das, was mich zuschüttete. Ich habe mich ihm unterzogen. Genauer kann ich es nicht sagen. Und weil ich das getan habe, habe ich Tika On beseitigt. Da blieb nichts weiter übrig. Ich habe sie nicht aufgesucht, sie ist gekommen.“ „Hojet Sala, ich höre nur den Ton deiner Worte. Was willst du von mir.“ Kalt blickte der langbärtige Mann auf sie: „Du bist nicht gekommen. Dich habe ich aufgesucht. Komm näher, daß ich dich fühle.“ „Weißt du, was du sagst.“ „Ja.“ In ihm dachte es: „Dies ist der Nebel. Ich bete an. Wenn ich erliegen soll, so soll es sein. Dann tauge ich nichts. Es kommt nicht auf einen an.“ Sie stand in dem Winkel auf: „Dreh mir den Rücken zu. Sieh mich nicht an.“ Er wartete, immer dachte er: „Es kommt auf mich nicht an.“ Aber nur Sekunden. Plötzlich erweichte er: es ist die Entscheidung; ich wage die Probe; entweder steh ich unter Schutz oder nicht. Er drehte ihr den Rücken zu. Venaska hatte sich nicht aus dem Winkel entfernt. Ihre sanfte Stimme: „Wohl tust du mir, daß ich dich sehen kann. Ich habe dir Unrecht getan. Ich komme schon zu dir.“ Glitt von rückwärts zu ihm, zog ihn ans Fenster, lächelte das Mädchen an, das in die Türe trat: „Bleib nur draußen.“ Sie drückte, in der Mitte des kleinen Raumes stehend, ihr Gesicht an seine stumpfe zerschrammte Lederjacke, umfaßte seinen Kopf mit den Händen. „Ich habe dich vorher tönen hören, Hojet Sala. Jetzt mach ich mich auf die Reise nach Grönland. Da. Mir begegnet nichts. Der steile Absturz schadet mir nicht. Hör draußen! Unsere Vögel. Vögel! Nichts schadet!“ Sie löste sich lächelnd, nahm summend seine Hände: „Angst habe ich doch vor dir, Hojet Sala. Aber du tust mir nichts. In dir keimt etwas für mich. Laß es nicht verkommen.“ „Warum gehst du?“ „Milch bringen lassen.“ Sie trank von ihrem Glas, gab es ihm: „Tu mir die Freude. Damit ich die Angst verliere.“ „Hätte ich etwa“ dachte es in ihm, „die Tika On nicht töten sollen. Ich hätte sie auch so erlegt.“ Er trank aus ihrem Glas. „Und jetzt willst du gehen, Hojet Sala?“ „Ich dachte zwei Tage bei dir zu bleiben. Ich war auf Schlimmes gefaßt, Venaska.“ „Und jetzt?“ „Jetzt gehe ich zurück.“ „Und kommst nicht wieder?“ Er lächelte: „Du hast noch Furcht vor mir, Venaska. Deine Milch war gut, ich trank auch aus deinem Glas. Ich will meinen Freunden sagen –“ „Was?“ „Ich weiß noch nicht. Daß du mich steiler Absturz, Hojet Sala, genannt hast. Und –“ Da legte er sich in seinem Stuhl zurück, faßte seinen Dolch, schloß die Augen. Sie betrachtete ihn lange. Er öffnete die Augen: „Gut war es bei dir. Ich habe keine zwei Tage gebraucht. Ich kam her, ich gestehe es dir, Venaska, mit dir keine Gnade zu haben. Tika On, es lohnt nicht über sie zu sprechen, mußte hin. Ich hatte vor dir Furcht, daß du zunicht machst, was uns in Grönland – geworden ist.“ „Und jetzt? Und wieder jetzt? Erkenne ich dich nicht, Hojet Sala? Gleich wie ich dich sah, wollte ich dir den Namen geben.“ Sie wollte vor ihm hinfallen.
„Küß den Dolch.“ „Das ist der Dolch, mit dem du sie –“ „Nein, mit den Händen tat ich das. Du mußt den Dolch küssen.“ Sie umarmte Kylin, weinte an seinem Gesicht. Er murmelte finster: „Nicht das, Venaska. Küß den Dolch.“ „Muß ich das?“ Er zitterte, machte sich von ihr los, ballte die Faust, seine Augen waren weit: „Küß den Dolch.“ Er hielt ihr den Griff mit dem Vulkanzeichen hin. Sie beugte den Kopf mit der Feigenblüte, zog den Dolch an den Mund. Er keuchte noch: „Wie kannst du es wagen“, und rührte sich nicht. „Geh nicht so, Kylin. Was hab ich getan.“ Er ging aus der Tür, über den Hof. Venaska hinter ihm: „Verzeih mir.“ Erst an dem Fuß des Hügels, auf dem sie wohnte, stellte sie ihn. Er blickte sie nicht an: „Warum läufst du hinter mir?“ Dann war er ruhiger: „Wir haben nichts zu besprechen, Venaska.“ Sie griff nach seiner Hand: „Gib mir den Dolch.“ Sie küßte ihn lange, inbrünstig: „Möge dir jeder Kuß wohltun, lieber Dolch. Mein Kuß wird trocken: vergiß ihn trotzdem nicht.“ Kylin betrachtete den Dolch: „Lieber Dolch, lieber Dolch“, lächelte er, umarmte sie. Sie standen unter einem Oleander: „Zittere nicht. Jetzt nehme ich selber deine Küsse an. Ich weiß wieder, wie süß Menschen sind. Du bist sicher das Süßeste von ihnen. Ruhig, Venaska.“ Sie nahm den Feigenzweig vom Haar, gab ihn ihm. Wie sie vor ihrem Haus war, brach sie in Weinen aus, weinte lange auf der Bank vor dem Haus, von den Frauen gehalten. Kylin kehrte nach wenigen langsamen Schritten zu dem Oleanderbaum zurück, den Feigenzweig an der Brust: „Gesegneter Ort.“ Streichelnd legte er den Zweig von sich an den Boden, berührte die Erde, ging davon.
Östlich von Toulouse auf der Hochfläche von Sidobre warfen sich bei der großen Zusammenkunft der Islandfahrer die ersten Menschen in das Feuer. Den fünf Geopferten ging Idatto voran freiwillig in die Glut. Der Zarte war schon lange nicht mehr bei Kylin; die schmachtenden Geister hatten sich seiner bemächtigt. Er fand nicht den Entschluß, sich von Kylin zu trennen; das Brandmal auf seinem Arm blickte ihn an. Und wie die Flamme brauste auf Sidobre, süß geheimnisvoll und streng, wußte er seinen Weg.
Das Gerede von den Islandfahrern verbreitete sich in den Landschaften. Die strengen bändigenden Feuer sah man bald überall brennen. Der Steile Absturz, wie man Kylin nannte, blieb mit ihnen auf Sidobre. Die Islandfahrer blieben auf Sidobre, bis sie fühlten, daß sie die anflutenden Erdgeister bezwangen. Dann blickten sie weiter um sich. Die reinen niederwerfenden Feuerbrände waren schon weit vor ihnen nach Norden getragen worden. Die Siedler sammelten sich um das Licht; die sicheren harten entschlossenen Menschen, die vom Meere kamen, heischend sich bewegten, überwältigten sie.
Die Islandfahrer drangen durch das ganze südliche Land. Als Kylin sah, daß die Feuer sich nach Norden bewegten, die Siedler sich zusammenballten, verließ er Sidobre.
Er spannte frische Pferde vor seinen Wagen, lenkte ihn, sein Innerstes stählend, auf die erdversunkenen Stadtreiche.
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Aus den Erdgewölben, in denen Mentusi und Kuraggara saßen, waren neue Wesen hervorgelaufen; die Giganten hatten sich mit ihren Gehilfen zusammengetan, die ihnen die Türen der Versuchsgewölbe öffnen mußten. Als Wiesel, kleine grauhuschende Mäuse fuhren sie aus den Türen. Flitzten durch die Straßen, immer in Gefahr erschlagen zu werden, kratzten pfiffen vor den Versuchsgewölben. Und nach Tagen flogen sie als Reiher mit dicken Köpfen, schwerhängenden Köpfen über die Plätze der Erdstadt, spreizten die Flügel, streckten die Hälse aus, fuhren durch die Schächte auf. In den Laboratorien mußte man sie in Menschen zurückverwandeln. Da standen sie dann, schüttelten sich, als kämen sie aus dem Wasser hervor, murrten, fanden sich nicht zurecht, machten sich zu einem neuen Sprung bereit. Dumpfer heißgewalttätiger kamen sie aus den Verwandlungen hervor. Ihre Gehilfen und Gehilfinnen waren Männer und Männinnen wie sie. Die Giganten fielen die Gehilfen, wie sie aus den Bädern Feuern Spannungen der Verwandlung stiegen, oft noch in dem Drang des Tierischen an, schlugen sie, zerstörten Apparate. Man hatte schwer die wieder Menschgewordenen zu bändigen. Die Lust, sich in Tiere zu verwandeln, erlosch bei vielen Giganten Londons und Brüssels, als man einige von ihnen erschlagen und in Stücke reißen mußte, wie sie nach ihrer Wiederkehr über die Gehilfen, kostbare Apparate fielen.