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Part 40

In die Felslager der großen Tiefe nahe dem Meer, an der Südküste im Gebiet der South Downs, öffnete man weite Hallen für Vergnügungen. In diesen Steinhöhlen wuchs die Messingstadt, so genannt nach dem Behang der Häuser Theater. Im Dunkel lagen große Teile dieser Stadt; mit Riesenscheinwerfern erhellte man sie. Der Ort hatte seine eigene Polizei wegen der außerordentlichen Zahl Verbrechen, die hier Tag um Tag verübt wurden. Hierhin fluteten dauernd Massen. Berüchtigt war besonders bei den Siedlern dieser Ort, der die Menschen verführte. Aber auch die Senate, so gleichgültig ihnen das Einzelschicksal war, sahen sich veranlaßt, von ihren Waffen an die Polizei der Messingstadt abzugeben, weil hier das Chaos drohte. Die Menschen der westlichen Rassen, die in die Erdstädte einströmten, waren bald von einer unerhörten Hitzigkeit. Sie lagen nicht mehr schlaff herum; die Wildheit und Spannung der Senate schien auch auf sie geflossen zu sein. Die fremden begierigen Haufen vermehrten die Erregung. In den Vergnügungsbauten und Gewölben, in denen Männer und Frauen umgingen, kam es zu strudelnden Kämpfen. Die Vergnügungen, die die Menschen sich boten, genügten ihnen nicht; Kampf war eine Steigerung. Die Männer des Senats mußten eingreifen; mit kleinen elektrisch geladenen Stäbchen schlugen sie im Gedränge auf die Hände Stirnen Ohren der Kämpfenden, betäubten sie. Oder machten sich mit ihren Silberreifen Platz. Auf einen starken Druck der geballten Faust schoß aus dem silbernen Fingerreif eine zungenartige Spitze, nicht länger als ein Nagelglied. Die Spitze war ein durchbohrtes Röhrchen, eine Kanüle. Die stießen sie während des Ringens dem Gegner in eine beliebige Stelle seines Leibes, Brust Schenkel Hals, lähmten ihn mit dem Tropfen, den die Kanüle entleerte. Zogen sie den Ring nicht rasch zurück, so töteten sie den Gegner mit einem Stich. Sonst erwachte der Betäubte nach Tagen, kam aber nicht mehr zum vollen Gebrauch seiner Glieder; der gestochene Arm blieb lahm, die getroffene Brust wurde kurzatmig. Die Polizisten waren mehr gefürchtet als die Senatoren, die nur ab und zu unsichtbar erschienen, sich nie einmischten, nur beobachteten. Man sagte, diese Männer und Frauen des Senats erschienen in der Messingstadt, um die Leidenschaften zu erregen, ihre Polizisten zu gefährden und sich an den Kämpfen zu delektieren.

In der Messingstadt war die große Arena Londons. Man führte Stier- und Löwenkämpfe ein. Bisweilen wurden auch von unsichtbaren Händen über die Zuschauer Menschen in die Arena geworfen, zum wonnigen Entsetzen der Zuschauer. Es hieß, dies seien Verbrecher oder Attentäter auf Senate; man erfuhr nie Sicheres, weil kein Mensch die Arena lebend verließ. Die Tierkämpfe fanden immer in völliger Dunkelheit statt. In völliger Finsternis ließ man die Stiere in die Arena, über die gelegentlich ein Licht huschte. Das starke Tier aber war blendend hell. Blendend hell stürmte es, sich selbst leuchtend, in den schwarzen Raum. Stirn Nacken Beine waren mit einem besonderen Lichtgemisch bestrichen. Das war ein Stoff, dessen sich Schauspieler bedienten und von dem man ein wunderbares Gerede machte. Der Stoff, sehr verschieden von dem Lichtgemisch, welches die Leuchtfarben der Wände und der ganzen Erdstädte erzeugte, übertrug sich leicht, blieb an Fingern Kleidern hängen. Mit Stillschweigen und Angst saßen die Zuschauer. Die tierischen Körper liefen leuchtend durch den Raum, der unter ihren Tritten phosphoreszierend aufdämmerte. Die Erinnerung an Geschichten, die man sich zutrug, wurde in den Massen wach. Von einem belgischen ehemaligen Siedler wußte man, der sich Ibis nannte und nach der britischen Erdstadt London sich hatte locken lassen.

Der war mit einer jungen Frau gekommen, Laponie, die er einem andern entrissen hatte. Sie war wie er lustvoll in die unterirdische Stadtschaft gestürzt, hatte von dem Lichtgemisch gehört, das die Schauspieler auf den Bühnen verwandten. Und hatte sich’s verschafft. Sie strich es sich nicht auf das Gesicht und die Hände wie der Schauspieler, dem sie es abgekost hatte. Sondern auf die Spitzen ihrer Brüste und über ihre geheimen Organe. Wollte ihren Mann berauschen. Und wie es Nacht war und er sich ihr nähern wollte im finsteren Zimmer, wich sie ihm aus und hatte ihre Freude, wie sie sein Entzücken sah und hörte und fühlte. Wie er nicht ihr nachstürzte und nicht sie sah, sondern immer nur den Schein ihrer Brüste und das Flimmern um ihre geheimen Organe. Sie ließ ihn nicht gar zu stürmisch an sich, damit nicht sein Gesicht von dem Lichtgemisch empfinge. Aber dann lag er und sie; und sie schliefen in einer unendlich wohligen Heiterkeit. Ibis aber trug an seinen Lustorganen den Stoff mit sich fort.

Er war ein üppiger blonder Flame, der sich seiner neuen Kraft nicht genug freuen konnte. Mußte sie zu anderen Weibern tragen, denen er verheimlichte, von wo er sie hatte. Sie kamen mit der liebenden Laponie zusammen, sprachen nicht von Ibis, aber ihr Geheimnis behielten sie nicht. Da wurde Laponie von Eifersucht geplagt. Sie suchte das Gemisch von ihren Schamlippen zu entfernen, von ihren Brüsten; es gelang ihr nicht, so verzweifelt sie sich wusch und rieb. Und wie sich Ibis ihr nachts näherte, wollte sie sich verdecken verstecken. Er sah sie aber, sah ihre geheimen Organe und Brüste. Sie lief aus der Stube, in die finstere Straße. Und da sahen die Männer und Frauen die beiden laufen, Mann und Frau, aber nicht Mann und Frau, sondern hintereinander, bald getrennt, bald dicht zusammen, schimmernd die Muschel eines Weibes und Rute und Behang eines Mannes, zitternd, im Kreis herumlaufend. Laponie sah nur Ibis, wenn sie sich umdrehte und dachte nicht an ihre Scham, er sah nur sie und dachte nicht an seine. Sie flog in ihr Haus zurück, wollte ihm zürnen. Aber wie sie im Finstern so dastanden, lachte sie; sie konnte ihm nicht zürnen. Er merkte nur auf ihr Lachen. Sie fielen sich in die Arme.

Aber doch war etwas in der Seele der zarten Laponie stecken geblieben. Sie mochte ihren schimmernden Schmuck nicht mehr, ruhte nicht, bis sie von dem Schauspieler, der ihr für zehn Küsse das Licht geschenkt hatte, das Wasser erhielt, mit dem man es auslöschen konnte. Stolz lockte sie im Dunkel den kecken Ibis, der verblüfft sich drehte, sie nicht fand. Sie aber kicherte, schlug mit einem Stöckchen auf seine leuchtenden Geheimnisse, daß er schrie. Und wie ein Kobold lief sie um ihn, prügelte ihn klatschend. Er wollte sie fassen, um sie an sich zu drücken, diese Nacht und viele folgende. Aber sie hielt sich tapfer, ließ ihn die Schläge ihrer Eifersucht fühlen. Bis der Schauspieler, zu dem sie gern ging und dem sie ihr Leid klagte, ihr gute Worte gab und im Lauf der Unterhaltung ihr selbst wieder das Licht ansteckte. Zu Hause erst merkte sie, wie sie ihr Zimmer verfinsterte und den schönen Tag bedachte, was sie mitgebracht hatte. Konnte nicht zurücklaufen, um den Schauspieler, den schlimmen, um das grüne Salzwasser zu bitten; Ibis war schon im Haus. Da legte sie sich stracks in ihr Bett, ließ an sich leuchten, was leuchten wollte. Ibis polterte draußen, öffnete die Tür. Sie lag starr, hielt den Atem an; jetzt würde er es sehen. Und er sah es. Stand an der Tür, klatschte in die Hände: „Da bist du ja, Laponie. Da seh ich dich. Endlich.“ „Nein, ich bin nicht für dich da.“ „Für wen ist denn das, süße Laponie. Und warum diesmal nur die Muschel, die kleine Muschel? Warum nicht auch die Knospen an der Brust?“ „Es ist nicht für dich. Ich habe mich – gerächt.“ „Was für Rache! Laponie, du leuchtest. Wenn du mich prügelst, das ist schlimm.“

Und er hatte sie schon, die zappelte, gepackt. Sie warf sich einen Augenblick widerspenstig, weil er nicht zürnen wollte, auf die Seite, aber bald brannten sie zusammen.

Und es gelang ihr nicht ernst zu bleiben, wenn sie ihn abends anleuchten sah. Ja, sie bemerkte, daß sie fröhlich und fröhlicher wurde. Und auch er wurde von Tag zu Tag fröhlicher. Sie verbargen sich voreinander. Ibis sagte zu Laponie: „Wir lieben uns zu sehr. Wir müssen uns eine kleine Zeit trennen.“ Sie hielten es nur ein paar Tage aus. Sie wußten nicht, daß der Lichtstoff sie lustig und lustiger machte. Eine himmlische Fröhlichkeit erfüllte beide. Und so erging es den Frauen, die Ibis berührt hatte, und die sich nicht mit dem grünen Wasser wuschen. Sie konnten sich in ihrer Fröhlichkeit nicht lange behaupten. Fünf Monate, und dann lebte er nicht mehr und sie nicht mehr. Und all die Zahllosen, die sich von dem Lichtgemisch nicht getrennt hatten, die Mädchen die Schauspieler die Giftschlucker waren hingegangen. Das Flimmern Glimmen Glühen der bestrichenen Organe ließ nach, die Spannung verblieb. Und während die Menschen gelb und unsicher wurden, wurden sie ausgelassen. Trieben Possen von morgens bis abends. Es kam zur Tanzwut und Liebesraserei. Und wenn diese Menschen, das wußte man, anfingen zu tanzen und den Schemel unter sich nicht ertrugen, dann war ihr Ende nahe. Im wörtlichen Sinne tanzten sie ins Grab, in das Grab, das sie sich oft in Übermut selbst hatten schütten und schmücken lassen. Man warf die Toten damals aus der Erdstadt auf die Oberfläche zwischen die Schuttmassen. Diesen Tanzenden wählte man in einer besonderen Ergriffenheit in der Unterstadt einen Platz; es war ja fast ein Spiel, was da ablief. Es schien, als ob sie im Tanz die letzte Spur des Lichtstoffs verbrauchten. Nach einer Stunde Raserei, allein oder zu zweien –, so endeten Ibis und die Laponie –, konnten sie hineinstürzen, glücklich schreiend, und schon lagen sie ganz still, ohne Farbe fast ohne Fleisch. Und die Leute, die herumstanden, konnten staunen, welches Nichts diese wilden Bewegungen ausgeführt hatte. Nur bei einzelnen verschwand das Licht nicht völlig. Man sah über ihren Gräbern in der tiefen Finsternis ein zartes Leuchten. Besonders bei denen erschien es, die sehr früh verstorben waren. Da war auch der Fliederduft deutlich, der sich immer bei dem Licht fand; die Toten spendeten noch Heiterkeit um sich.

Im Zirkus sah man, in der ganz finsteren Arena, die Stiere stürmen, Menschen, Männer und Weiber mit ihnen kämpfen. Blut spritzte aus dem Nacken, den Flanken der Stiere. Es war ein Feuerwerk, ein brennender Strahl. Man sah das Eindringen des Lichtstoffs in den Leib, seine innige Vermischung mit dem Blut. Die Kämpfer und Kämpferinnen suchten dem Strahl zu entgehen, um im Dunkel zu bleiben. Übergoß sie der Stier oder geiferte sie an, so waren sie geliefert und nur die anderen konnten ihnen helfen. Nicht das Einwühlen in den Sand half ihnen: sie strahlten das hellste Licht. Waren dazu selbst geblendet, tappten in der Sonnenflut um sich herum. Sie waren das Gaudium des Zirkus, aus Kämpfern zu Clowns geworden. Und es lag ganz in der Hand der Mitspieler, wie das Spiel weiter geführt wurde. Verloren waren in jedem Fall die Übersprühten. So trieben sie im Finstern mit dem Stier und dem strahlenden Mann, der strahlenden Frau ihr Spiel. Es war ihre Geschicklichkeit, das Spiel lang abwechslungsreich spaßhaft und spannend hinzuziehen und nach Laune zu beenden mit Niederrennen des Menschen oder zum brüllenden Gelächter des Zirkus mit Abstechen des Stiers kurz vor seinem Ziel. Das Hänseln der überlebenden strahlenden Menschen, der Glühwürmer, folgte nach, die sich nicht zurechtfanden und zwischen Trauer und der schon anbrechenden Heiterkeit schwankten. Es gab keine Zirkusvorstellung, wo nicht die lustigen Glühwürmer sich zeigen mußten, die von früheren Kämpfen übrig geblieben waren. Mit ihnen verfuhr man später, als man jede Furcht abgelegt hatte, toll und unmenschlich; die Glühwürmer selbst ließen mit sich tun. Es gab eine Zeit, wo in der Londoner Messingstadt der Weg zum Zirkus und der Zirkus vor dem Beginn nicht von den Riesenscheinwerfern beleuchtet wurde. Die glühenden Männer und Frauen, die lebendigen Lämpchen ließ man zucken tanzen locken; wie mit Kerzen war der ganze Umfang des Zirkus durch sie illuminiert.

Bei den Massen, die in die Ton- Kalk- Mergelschichten, in die Felslager der britischen Inseln einströmten, war die Erinnerung an die Grönlandexpedition nicht verraucht. Aber kein Gefühl einer Niederlage lebte mehr in ihnen. Als die Urtiere über sie fielen, hatten sie geschauert. Dann tobte schon der eisige Delvil unter ihnen; sie wurden unter die Erde getrieben, von jedem Schwächegefühl befreit, als sichtbar vor ihnen die Turmmenschen errichtet wurden, die Flotte der Turmmenschen an der Südküste entlang den Kanal herauf nach Norden fuhr. So tief verachtet waren die Siedler noch nie. Delvil hatte wahr zu Ten Keir gesprochen: die Sache der Marduks und Siedler war grausam geschlagen.

Mit London hatte es begonnen. Mit Brüssel Hamburg ging es weiter. Stadtschaft um Stadtschaft verlegte ihre Anlagen unter die Erde. Die Menschen folgten. Kleine Kolonien blieben auf der Oberwelt zurück. Grenzenloser Stolz trieb die Ingenieure; in grenzenlosem Stolz tauchten die Menschen hinab. Hier hatten in den Anlagen bei dem Herabstoßen und Ausbreiten neuer Stollen und Schächte mehr Menschen zu arbeiten als auf der Oberwelt. Die Maschinen für Sauerstofferzeugung und Luftreinigung, für die Beleuchtung erforderten bei der Ausdehnung der unterirdischen Gebiete zahllose Menschen. Aber sie wurden mit vielen Lüsten bezahlt. Die Anlagen für die Physiker Techniker Biologen breiteten sich in abseits gelegenen Gebieten, den erdnächsten, bald über das Areal einer kleinen Stadt aus. Hochmütig zornmütig wie nie waren diese Männer und Frauen der Wissenschaft. Sie hatten die letzte Scham abgelegt. Die Massen wußten das; doch gaben sie sich an alle Dinge hin, die diese Herren ihnen boten.

In London, wo die Glühwürmchen aufgekommen waren, traten zuerst Menschen verschiedener Rassen auf, die sich den Herren und Herrinnen in den Anlagen als Sklaven, Leibeigene, anboten. Die Senate brauchten für die Mekifabriken und viele Versuchseinrichtungen Menschen, die sie immer unsichtbar sich aus den Siedlungen oder Städten selbst holten. Jetzt aber gaben Männer und Frauen von selbst jede Verfügung über sich auf. Sie waren in dem gepeitschten Zustand und der rauschartigen Gehobenheit der meisten in diesen Erdschichten. Sie wollten nur noch tieferen Rausch und wußten nicht, was mit sich anfangen. Es kamen auch schlaffe und leise Wesen vor die Häuser und an die Türen der Senatoren. Diese brauchten dieselben Worte wie die andern; aber man sah: sie waren hereingeirrt, hatten an vielem teilgenommen, weigerten sich an mehr teilzunehmen, liefen an die Schlachtbank. Hilflos sahen diese sonderbaren Menschen, besonders Weiße des Kontinents, aus. Die Männer in den Anlagen hörten sie an, ließen ihnen Ketten an die Füße legen und sie entfernen. Das waren Bösartige, man sah es; sie ließen sich nur in Verzweiflung und aus Widerwillen gegen ihre Ohnmacht versklaven. Wie in der Zeit vor dem Uralischen Krieg die Selbstmordepidemie kam hier der Verknechtungswahn auf. Auf Plätzen der Stadtschaften unter der Erde standen Tag um Tag kleine Menschenhaufen an Stellen, die man bald kannte und die diese Menschen selbst abzäunten. Dies waren die Männer und Frauen, die sich verkauften. Sie selbst bestimmten, wen sie annahmen. Einige gaben ein bestimmtes Geschenk an, das man ihnen zu geben hatte und betrachteten ihren Käufer nicht. Zum Bau von neuen Menschentürmen, zur Ernährung der alten nahm sich der Senat wöchentlich einen Haufen von diesen. Zu den Experimenten und laufenden Arbeiten in der technischen Stadt wurden viele verbraucht. Zahlreiche wurde von trägen Arbeitspflichtigen für sich an die Maschinen geschickt.

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Die Menschenmassen, die sich wie schäumendes Wasser in die Abgründe der Riesenstädte gossen, wußten nicht, was die starken Männer und Männinnen, deren Werk das alles war und von deren Hand sie lebten, über sie verhängten. Delvil war in seinen finsteren und ungeheuren Rachegedanken, seinen Kampfideen gegen die Gewalt, die die Urtiere geschickt hatte, ganz versunken; er nahm an den Zusammenkünften der Senate wenig Anteil. Ten Keir, der vierschrötige Belgier, hatte sich in den Hintergrund gestellt; die Gespräche mit Delvil hatten erschütternd auf ihn gewirkt. Der tapfere gesunde Mann war von Delvils Raserei abgestoßen worden. Mit Widerwillen hatte er dem Beginn des Baus eines Riesenmenschen zugesehen, dann sich abgewandt. Er war nicht wieder nach London geflogen. Als man ihm von den Erfolgen der Turmriesen erzählte, war ihm Ekel den Hals heraufgestiegen. Er konnte nicht weiter zuhören; man durfte ihm nicht davon erzählen. Es schien, als ob ihm der Angriff der Urtiere lieber gewesen war als diese Abwehr. Ten Keir spannte sich, als auch in Brüssel der Drang, sich in die Erde einzugraben, wuchs. Aber er konnte es nicht aufhalten. Erreichte nur, daß die ekstatische aus den Erdschächten zurückquellende Masse nicht die alten Oberflächenbauten vernichtete. Er selbst mit einer kleinen Anzahl Menschen blieb in einer unklaren Vergrämung auf der Oberfläche; wie er sagte, um die Siedlerbewegung zu beobachten.

In der technischen und Versuchsstadt Londons, die sich herausfordernd Grönlandeum nannte, über den Köpfen der Riesenmassen in den Ton- und Mergelschichten hängend, hatten sich die stärksten Herrenköpfe der Periode zusammengezogen und alle Stoffe um sich gesammelt, mit denen Menschen wirken können. Hier saßen in dem Bezirk Carthagon, der sich um die Pflanzenkräfte bemühte, Atkinson, ein kalter trüber Mann, wie es hieß Eunuch aus eigenem Willen und Weiberhaß. In Ozeana, das sich mit dem Wasser befaßte, der Berber und Spanier Escoyez, das Wasserwesen, der bei Beginn der Grönlandkampagne die Umleitung der Golfstromdrift geraten hatte und die Anlegung neuer Salzzentren im Meere geplant hatte. Die Hitze die Flammen das Feuer studierte Nadeja, eine Männin aus dem Hause Atkinsons. In dem Bezirk Tel el-Habs, Hügel des Gefängnisses, saßen mehrere senatorische Menschen, die man schon schwer mehr Menschen nennen konnte. Es waren jüngere und ältere Männer und Frauen, die am Bau der Menschentürme sich beteiligt hatten und wie Tiere, die Blut geleckt haben, ihre Gedanken von den Dingen, die sie gesehen und erprobt hatten, nicht ablenken konnten. Sie kehrten von den Schiffen und schottischen Bergen mit Widerwillen in die nüchterne und dürftige Landschaft der Menschenart, der zweibeinigen plärrenden nackthäutigen hinfälligen Geschöpfe zurück. Atkinson war Eunuch aus Weiberhaß, auch aus Menschenhaß geworden. Die Herren und Herrinnen von Tel el-Habs mochten sich, nach dem Anblick der Turmmenschen, selbst nicht mehr in ihren menschlichen Organen sehen. Was sie an den Sklaven ihrer Gefängnisse erprobten, das taten sie auch für sich. Tribord, vom Berge Glasmaol zurückkehrend, legte seinen alten Namen ab, nannte sich Mentusi. Er aß nicht mehr selbst. Wie ein Wagen stillsteht und nicht vorwärts kommt ohne das Pferd das ihn zieht, so machte er sich zum Wagen. Tiere und Pflanzen spannte er an sich. Mentusi sagte zu der Männin Kuraggara, die früher Frau Macfarlane gewesen war: „Meki und die Generation, die mit ihm lebte, hat recht daran getan, die Äcker Wälder Tiere preiszugeben. Was wir durch uns schaffen können, schaffen wir. Sie haben die großen Fabriken gebaut, die Anlagen. Wir schleppen uns seit Jahrhunderten mit diesen Anlagen herum. Sie erfordern Raum Bewachung. Was hängen wir nicht für Stolz an diese Anlagen. Sie sind jetzt überflüssig. Wir müssen den Angriffspunkt verlegen. Ich bin wieder für Äcker und Viehherden. Mag ein Hund für mich fressen, soviel er will, wenn er nur mein Hund bleibt. Hast du die Steine und die Eichen und Viehherden gesehen, die man den Türmen untergeworfen hat. Die haben für die Türme fressen müssen. Ein Hund will ich selbst sein, wenn ich noch lange in mich stopfe, was die Fabriken brauen.“

An ihm, der auf Tel el-Habs saß, hingen Polypen. Seine Bauchwand war durchbohrt. In die wüstliegenden Wälder hatte er seine Gehilfen geschickt; die brachten ihm Füchse Ottern afrikanische Zebras Schildkröten. Die uralte Schwierigkeit der Vermählung zweier Tierklassen war überwunden; Mentusi erkannte es beim Beobachten der Turmbauten. Die Netze mischten alle Arten zusammen. Wie er über Meki höhnte, höhnte er über Marduk, der Bäume auftreiben konnte: „Kuraggara, das waren Yogis und Fakire. Spaßmacher! Wir wollen sie gelten lassen. Bis zur Grönlandfahrt waren wir nichts. Der Mann, der das Feuer und die Strahlen aus den Vulkanen riß, ist mein Mann.“ Kuraggara hielt sich den Leib vor Lachen: „Ich will versuchen, eine Schildkröte zu gebären.“ „Warum nicht. Wer soll dich daran hindern.“ Sie trieben grausige unheimliche Dinge auf Tel el-Habs, dem Hügel des Gefängnisses.

Die Giganten, die Herren der westlichen Stadtschaften, hatten die Urtiere über sich gehen und sich nicht zerschmettern lassen. An dem Zauberschleier von Grönland hatten sie sich nicht ergötzt, wie die ersten Seefahrer und die Menschen der zweiten Erkundung, die in dem Rosenlicht aus den Schiffen stiegen, sich in Boote setzten und nackt – Wonne über Wonne – auf dem Wasser schaukelten. Die Herren und Herrinnen der Riesenstadtschaften waren kalt und gehässig hinter der Gewalt her. Wie Räuber sich in einem fürstlichen Park verbergen und hinter dem Gitter die geschmückten Schönheiten auf der Wiese sich bewegen sehen, unter leichten hellen Tüchern mit losen Haaren, die biegsamen Spielerinnen, und wie sie sie abschätzen, ihren Augenblick abwarten und sich auf sie stürzen, um sie zu fesseln und davonzutragen, so belauerten die unzähmbaren Menschen von Tel el-Habs das Geheimnis der Vulkane, ergriffen es, zwangen es unter sich.

Auf dem Hügel des Gefängnisses arbeiteten die von Tel el-Habs zusammen mit den Menschen der Basaltstadt, die wie ein zerfallener Bergkegel aussah. Hier bemühte man sich um die Wesen, die man Steine nannte. Roten Rubin, violetten Apatit, Blöcke glasigen Gipses nahmen sie: Die Strahlen Kylins, mit denen die isländischen Vulkane gesprengt waren, stellten sie auf sie ein. Die rubintreibenden rubinformenden Kräfte richteten sie nicht auf den Rubin, sondern auf den verwandten Korund. Sonst hielt der still unter der Wirkung dieser Kraft, die für ihn keine Kraft war; jedes Ding bewegte sich unter seinem eigenen besonderen Drang. Die Basaltmenschen aber hatten die Vulkangluten selbst in den Händen. Das schwere Geschütz dieser Gewalt richteten sie auf die Stoffe. Wie ein Brei, ein Kuchenteig, in den man Hefe wirft, quoll die Steinmasse auf. Die Basaltmenschen legten um die Schleierteile Röhren aus Gläsern; durch Gase ließen sie die Urkraft laufen und sich abdämpfen. Da bewegte sich allmählich in langen langen Stunden der Rubin, wie ein Leintuch an der Sonne bleicht. Und immer brannte zugleich der Kylinstrahl auf ihn, noch ohne Einfluß auf die Masse, die nur gärte. Es gab einen Punkt, den die Basaltmenschen nach schweren Anstrengungen, unter Zuhilfenahme von Abschwächern Dämpfern Verzögerern allmählich festhielten, den Indifferenz- und Umschlagspunkt. Dies war der Augenblick, der im Leben des Steinkörpers alles bedeutete. Es war der Moment, wo seine stärkste und widerstandsfähigste Stoffverbindung gesprengt wurde, der Stein selbst, obwohl nicht glühend im Begriff war zu zerstäuben, und von jedem festen Nachbarkörper geschluckt und angegliedert werden konnte. Die Kylinstrahlen brannten auf dem Stein; der Umschlag war da. Die Nachbarkörper hatte man niederzuhalten. Wie in einer übersättigten Lösung das eingeworfene Kristallstäubchen die ganze Masse zum Erstarren bringt, so erstarrte der erweichte Körper, ließ sich führen zu dem Wesen, das ihm das Kylinlicht vorzeichnete. Man hatte mühsam gearbeitet. Einen Granitblock, den gesprenkelt der harte Quarz, dunkle Hornblende, Glimmer, rötlicher Feldspat bildeten, hatten sie gelernt in einen einzigen zusammenschmelzenden Block von weißem Quarz zu verwandeln.

Während noch die Menschen der Basaltstadt die Umwandlung der Urstoffe selbst betrieben – auf Schritt und Tritt sahen sie sie sich umwandeln –, rissen die Herren des Gefängnishügels davon an sich, was sie brauchten. Die Tiere, die früher nicht zusammenfanden, es sei denn: eins kaute das andere, stießen sie aneinander; auf die Mutterstoffe mußte alles herabgezwungen werden, ins Elementare heruntergetrieben. Sie dachten zornig und rasend, in ihre Erdfestungen versteckt, sich in Hasen Mäuse Löwen Panther Käfer zu verwandeln. Darum fingen sie Menschen über Menschen aus der Erdstadt und von der Oberwelt, nutzten die Sklavenmärkte aus, verwüsteten die Menschen.