Chapter 16 of 48 · 3556 words · ~18 min read

Part 16

Sanft flog Jonathan mit der ächzenden Frau durch Waldlichtungen, über Wiesen Alleen. Sie lag hinter ihm unter Elinas Schal. Zierlich erhob sich die Heuschrecke, abwechselnd schnurrten und klangen die spiralenen Beinchen. Er wagte sich kaum nach ihr umzusehen; er fürchtete, sie könnte sterben. In wachsender Besorgnis fuhr er, verbog die Hebel, aber immer gleichmäßig schwebte und taumelte die Heuschrecke. Die Kinder lachten auf den Chausseen dem ansummenden Liebesgefährt zu. Er seufzte, als wenn ihm selbst eine Gefahr drohe. Das kleine rosa Krankenhaus auf einer baumumstandenen Wiese. Als die Schwestern die Frau herausgehoben hatten, blieb Jonathan lippenkauend bei seinem Apparat, stieg dann langsam die Treppe nach. „Sie werden sagen, sie ist tot. Sie werden aus einer Tür, aus einem Aufzug hervortreten und mir erklären, daß sie nichts mehr tun können.“ Er stellte sich an ein Fenster. „Es kommt niemand heraus. Ich kann hier lange stehen. Wie viele Menschen haben hier gestanden und die Bäume drüben angesehen. Die Bäume abgezählt. Sechs in einer Linie, fünf dahinter. Es sind gar nicht die Bäume, die sie gesehen haben; sie haben etwas anderes gesehen; die Bäume sind nur darin eingetragen, wandeln darin herum, kommen und gehen.“ Er stemmte den Kopf gegen den Fensterrahmen, stöhnte: „Ich wollte nicht nach Berlin. Ich wollte nicht hierher. Wenn ich hier weg wäre. Oh, wenn es eine Kraft in der Welt gäbe, die mir helfen könnte. Die mich forttrüge und dies alles rasch beendete. Daß ich die Bäume nicht mehr zu sehen brauch, daß ich dieses Haus vergesse und wie ich hier stehe. O du große Kraft, gib, daß hier nichts geschehen ist, hilf mir. Sie soll nicht sterben, es soll alles wieder gut sein, ich will ja weg von Berlin.“ Und hinter seinen Gedanken tauchte schon, er wußte nicht wie, Marduk auf, finster beängstigend, und hinter ihm, mit ihm noch Schlimmeres, so Schlimmes Dunkles Verhülltes. Gebunden stand er; er drohte ohne sich zu bewegen: „Wenn ich diesmal frei komme, kommen sie nicht so leichten Kaufs davon. Dann soll etwas geschehen. Ich will es nicht leiden. Ich will nicht. Ich will nicht. Ich setze mich zur Wehr.“ Er rekelte sich, er wußte nicht was er tat, keuchte mit vortretenden Augen, rang sich von dem Alp los. Eine Schwester rauschte sanft und tief ihn anblickend, neben ihn. Sie stand erst stumm vor dem Entsetzten, dann: die Frau sei durch den Blutverlust geschwächt; in zwei drei Wochen werde sie hergestellt sein. Finster wortlos zog sich Jonathan die Treppe herunter. Dann stürzte er, lief. Als er in seiner Heuschrecke saß und flog, schrie er und tobte, brüllte und weinte, während er auf und ab flirrte, wußte tränengeblendet nicht warum. „Es ist wieder gut“ ging es schwellend betäubend durch ihn, „es ist ja wieder gut. Jonathan, sei still. Jetzt fährst du ja zu ihr, zu Elina. Es geht vorüber. Jetzt ist alles vorbei.“ Und wie er ihren purpurroten Rock im Gehölz wehen sah an dem Wege, den sie hergefahren waren, streckte er aus dem Fahrzeug den Arm nach ihr aus: „Elina! Elina!“ Sie hielten sich umschlungen. Dachten nicht an den Mann, der stumm zur Seite blickte. Stammelten sich Liebesworte zu, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen und fänden sich nach einer schrecklichen Trennung wieder. Sie wurden glücklich und matt zum Umsinken. Zu Füßen eines Baumes ließen sie sich nieder. Erst jetzt fühlte Jonathan, was ihm Elina war. Er sonnte sich an ihrem Gesicht. „Jonathan.“ Elina drehte den Kopf nach oben, „du hast nicht gesehen, wer da steht.“ Er blickte auf, erkannte den Mann, dessen Kleid bräunlich war. Elina beobachtete lächelnd Jonathan, flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist ein Täuscher. Er ist verbannt.“ „Sonderbar.“ Jonathan blickte ihn weiter an, „ich hab es mir gedacht.“ Er stand auf: „Der Frau geht es nicht schlecht. Sie wird in einigen Wochen wieder gesund sein. Man braucht nicht für sie zu fürchten.“ Elina trat vor Jonathan: „Er glaubt, du verrätst ihn. Du sagst ihm etwas.“ Lange wiegte sich Jonathan hin und her; er fühlte: „So rasch erfüllt sich alles.“ „Ich bin Ihnen einiges schuldig. Ich werde Sie gewiß nicht verraten.“ „Zwingen Sie sich nicht, Jonathan. Ich brauche keine Hilfe. Es genügt mir, wenn Sie mir versprechen, mich nicht zu verraten.“ „Nein. Warum lachst du, Elina?“ „Ich freue mich über dich, weil du zu ihm gesprochen hast. Wie ich dir danke. Du bist mein Jonathan.“

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Nicht lange darauf wurde von einer Anzahl rachsüchtiger Verbannter Magdeburg zum bewaffneten Standquartier gegen Berlin gemacht. Marduk, der finstere Herumlungerer, schlug mit Wut zu. Rapide und mit rasender Verachtung der Verbannten organisierte er den Angriff. Man erzählte sich in der Stadtschaft, er hätte nur auf die Verräter gewartet. Sie hätten kommen müssen, die Esel die erbärmlichen Gerippe die Strohköpfe. Es war sicher, daß es ihm eine Freude machte, auf sie loszuschlagen, und daß es ihn, der schon halb hingesunken war, wieder erhob. Während er in Berlin hielt, ließ er Lucio Angelelli, den schwarzen stillen Hauptmann seiner Wache, auf Magdeburg. Die Fernbrenner machte er wirkungslos, gegen seine Besen, die menschenverdrängenden Lichter, kamen sie nicht auf. Nach dem Auseinanderfall des großen Staatenkreises bestand keine Einheitlichkeit in den Kampfmitteln. Der Austausch, die gegenseitige Beobachtung war mangelhaft, man konnte wieder kämpfen. Lucio Angelelli fuhr mit den gefangenen Hauptverschwörern, über fünfhundert Männer und Frauen, rund um und quer durch die Stadtlandschaft. Zwei Wochen lang wanderte er durch Straßen Alleen, über Plätze Berge, fuhr Flüsse ab, rief auf Äckern und in Anlagen die Menschen zusammen. In dem Fatamorganarauch der Markezeit zeigte er überall, wie er eine Verschwörergruppe am Tage zuvor beseitigt hatte. Darauf vollzog er sein Gericht an der nächsten, während in der ganzen Stadtschaft die metallenen Stiersäulen ununterbrochen brüllten. Auf die einfache Köpfung, das Zerschlagen der Glieder, die Erstickung kamen andere Methoden. Einzeln ließ er sie in die Luft sprengen, aus führerlosen Flugzeugen zerschmettern. Er übte die langsame Vereisung durch sprühenden Regen, der auf Schulter und Hals und nach und nach alle Gliedmaßen des Delinquenten fiel. Er, die rechte Hand Marduks, wies, im Besitz welcher Macht man war. Er war es, der auf offenem Platz vor seinem Zelt eine der hingebrochenen vereisten weißen Figuren auf unerhörte Weise sich bewegen ließ. Sie zog ein Bein an, das andere, den Rumpf schräg aufrichtend schwankend; unter tiefer Stille ließ er sie auf sich zu spazieren; sie schlug den schneeigen Kopf rückwärts, neigte ihn vor ihm, senkte sich auf die Knie und lag auf der Seite, kollernd auf dem Rücken, eine weiße vereiste Menschenfigur, ein Toter, eine Tote. Er ließ sie aufschnellen, drohend gegen die auseinanderstiebenden Menschen anwandern.

Um diese Zeit hatte Marduk es für nötig gehalten, um Ackerflächen zu erlangen, das Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nach Norden gegen Mecklenburg hin über Güstrow Demmin Anklam hinzuziehen. Schon kurze Zeit darauf erachtete der Senat, der mit ihm Hand in Hand arbeitete, es für ratsam, über Demmin Anklam hinauszustoßen und sich über die sehr fruchtbare brache Gegend von Stralsund bis Anklam auszudehnen. Erst damals trat bei Marduk und dem Senat der Gedanke mehr in den Vordergrund, wie willkürlich geschnitten das Gebiet der Stadtlandschaft war, wie ungeheure Landmassen bis zu den Nachbarstadtschaften ungenützt dalagen. Mächtig wogte südlich der Elbe die Stadtschaft Leipzig. Westlich von Magdeburg folgten Stadtreste auf Stadtreste, abgebaute ausgeleerte Städte, ehemals Sonderstädte überwundener Industriezweige. Hannover neben Hamburg war die nächste westliche Stadtschaft, im Besitz eigener Mekianlagen, stärkster Kraftapparate, gefüllt von erschlaffenden erlahmenden Millionen Menschen, unter der Obhut von eifersüchtigen Senatsgruppen, Abkömmlingen der großen Herrengeschlechter, jeder bedacht auf Errichtung einer Tyrannei. Während die Masse des Volkes vergnüglich höhnisch und fast verächtlich ihre Herren beobachtete wie einen gemeinen Spaß. Ohne gehemmt zu werden griff der Berliner Senat bis dicht vor Hannover, das Braunschweig und Wolfenbüttel, Hildesheim und Celle überlagerte. Die im Westen ließen es fast mit Neugier geschehen, wie vom Osten her Menschen die leeren Landstriche besiedelten und arbeiteten, als gäbe es keine Mekifabriken, keine Kraftapparate.

Damals stieß man auf die längst verlassenen Kohlenbergwerke einer vergangenen Periode. Die schwarzen Halden und Schächte, die offen liegenden Gruben umwanderten die Männer und Frauen, die das Land bestellten; Stiere Kühe Schafe konnten hier nicht weiden; Weizen Roggen Hafer konnte nicht wachsen; von dem mächtigen finsteren Gelände wandten sie sich ab. Aber hinter ihnen zogen prüfend und beobachtend Marduks Gehilfen. Sie hatten noch nicht gedacht, auch die Kraftzufuhr abzubauen. Mit unsäglicher Kraft lockte sie augenblicklich die schwarze Grube und der Abgrund. Dahinunter Menschen zu werfen, hier, auf der Stelle, die Last herauftragen zu lassen, wo sie gewachsen war: weg von den Wasserfällen Skandinaviens.

Wie ein Wunder staunten die Menschen, die mit ihren Tieren herumzogen, die glitzernden zerbröckelnden Steinlagen an, aus denen sich Wärme und Licht schlagen ließ. Die Stadtlandschaft war groß und menschenarm. „Wir werden sie zwingen. Wer friert sucht Wärme. Sie werden in der Nacht sitzen.“ Sie zerschnitten Teile der Riesenkabel von den skandinavischen Wasserfällen, die fanatischen Feinde der Apparate. Sie sprengten Gerüchte aus, man wolle sie zwingen, in den neu sich bildenden Völkerkreis einzutreten.

Die märkische Stadtlandschaft warf sich dann auf das anlagernde Straßen- und Fabrikungetüm Hannover. Rasierte in wenigen Tagen weg, was diese Stadt mächtig machte. Sprengte verwüstete vertrieb Zehntausende. Braunschweig Hildesheim Wolfenbüttel Celle durchschritten die Grauen und Abscheu erregenden märkischen Männer und Frauen, die von der Kultur der Umländer nichts hatten als Bewaffnung und Sprengstoffe. Hunger und Tod gingen mit ihnen in die überfluteten Stadtlandschaften. Sie waren nicht viel, aber ausgesucht stark an Muskeln und Knochen, grob bekleidet. In verfallenden Städten lebten sie. Ihre Gesinnung roh. Trübe Geschöpfe, aus vielen Rassen, durch Markes Marduks Regiment eine Art geworden. Die aus westlichen Stadtschaften sich ihnen näherten, erkannten: sie waren bekümmert finster, zu Streit geneigt, eine gärende furchteinflößende Menschenmasse. Die Lüneburger Heide, Aller und Weser entlang wanderten ritten fuhren die Märkischen. Überwältigten Menschenhaufen selten mit Waffen und Apparaten, die sie hinter sich schleppten, liebten Listen Verwegenheiten roheste Kraft. In dieser Zeit überließ der Berliner Senat die Gewalt an Hordenführer.

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Die Stadtschaften des Kontinents waren im siebenundzwanzigsten Jahrhundert allgemein in wilde Bewegung geraten. Was in Berlin unter Markes Konsulat begann, die Abtrennung von den Umstaaten, die Sprengung der Zentralen, erfolgte gleichzeitig in den westlichen Stadtlandschaften, hier intensiver, dort sehr oberflächlich. Immer blieben starke Verbindungen mit den Umstaaten bestehen, wenn sie auch nicht zahlreich waren, das Skelett des Riesengebäudes stürzte nicht mit ein. Ungeheuer die Schicksale von Stadtschaften im Süden und Westen in der Folgezeit; Vernichtungen Verderben großer Menschenmassen, verzweifelte Bündnisse von Staaten gegen andere tyrannische. Aber überall setzten rückläufige Bewegungen ein. Kluge bedenkenlose aktive Männer und Frauen in London verstanden die Bewegung auf dem Kontinent in Fluß zu erhalten. Es konnte sich, als zwanzig dreißig Jahre nach dem Uralischen Krieg vergangen waren, nur darum handeln, einen Völkerzusammenhang in neuer Weise herzustellen.

London suchte den gefährlichen Marduk zu gewinnen. Er, selber durch technische Gehilfen in Verbindung mit den anderen Kapitalen, genoß bei den schwer kämpfenden Senaten des Kontinents das größte Ansehen. Die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen lag allen vor Augen. Als er aber das Gebiet seiner Stadtschaft ausdehnte, wuchs die Furcht. Francis Delvil und Nelson Pember aus dem Londoner Senat suchten ihn zusammen mit Frau White Baker auf. Alle drei starke und verschlagene Menschen, im Kampf mit einer gefährlichen Bevölkerung aufgewachsen, begierig, Marduk auf ihre Seite zu ziehen, nicht aber, seine Gewalt zu dulden. Sie fanden in dem staatartig weiten Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nicht, wie sie erwarteten, eine unterjochte kleine waffenlose Bevölkerung, mürrische stumpfe Knechte. Man sprach mit Stolz und Liebe von ihm. Das gefahrvolle Feuer, das von den Grenzen ins Land strahlte, weckte ein anderes Feuer im Land. Wie die drei Fremden das Land überflogen, sahen sie unter sich eine Reihe festungsartiger Lager, dazu eine Anzahl eigentümlicher ihnen unbekannter Vorkehrungen, die zweifellos kriegerischen Absichten dienten. Längst brüllten nicht mehr in anderen Stadtschaften die metallenen Stiere, die im Gefolge des Uralischen Krieges aufgekommen waren; hier grollten sie rechts und links, war die Zeit stehen geblieben. Nur geringe Haufen der verkommenden Müßiggänger, der teilnahmslosen und abenteuernden Menschen gab es. Das dünn bevölkerte Gebiet zwischen Elbe und Oder durchzogen erstaunlich energische Männer und Frauen, die sich den fanatischen Ansichten Marduks angepaßt hatten, seine Tyrannei nicht empfanden, denen er unbedenklich Waffen anvertraute.

Im Ratsgebäude, das kriegerische Männer erfüllten, traten sie dem grauhaarigen großen Menschen gegenüber, der wie immer in dem berühmten Empfangsraume des Konsuls Marke stand neben der Schädelpyramide, vor den Wandgemälden vom Uralischen Flammenkrieg. Francis Delvil meinte, auf die Schädel weisend, es scheine, man vergesse hier im Lande nicht. Marduk, ihm die magere Hand reichend, lächelte kalt; es läge nicht an ihnen, wenn sie nicht vergäßen. Er trug ein braunes Wams, um den Hals einen bauschig gebundenen Seidenschal, der ihm breit über die Brust fiel. So wenig das Braun hier jemals vergäße, wenn das Licht auf das Wams fiele, braun zu sein, so wenig vergäße er, wenn er aufwache, der vergangenen Dinge. Aber das Braune blasse ab, – Francis Delvil schlug, wie sie sich setzten, die Arme zusammen, – es werde grau, auch der Tuchstoff zerfiele. „So bin ich kein Mensch, wenn ich tun müßte wie sie“ gleichmütig und ohne aufzublicken der Konsul. Und nach einer Weile, während sie zu viert auf die schreckliche Wand der Flammenbergwerke blickten, Marduk wieder: „Und wenn ich es könnte, vergessen: wofür sollte ich vergessen. Ihr seid gekommen, um mir zuzusprechen. Wozu wollt ihr mich überreden?“ Delvil: „Es ist etwas, dich zu sehen, Marduk.“ „Nein, nicht so“ knirschte unterbrechend den Arm ausstreckend Marduk. Delvil: „Marduk. Wir sind durch die ganze Stadtschaft geflogen. Man hat uns nirgends gehindert zu sehen, was wir wollten. Du hast die Grenzen deines Gebiets erweitert. Wir sahen Männer und Frauen arbeiten. Es hat uns ergriffen. Nur eins haben wir nicht verstanden: wozu dies ist. Du bist klug. Das alles ist vergeblich. Wir haben dich und diese Leute bedauert. Wir sehen keinen Sinn in dem, was ihr tut.“ „Sprich weiter.“ „Was in Marseille Florenz Chicago geschehen ist, die dauernden Kämpfe, dieses Hin und Her von Ausruhen und Losspringen, das ist dir bekannt. Wie wir uns ja immer gefreut haben, daß du in Fühlung mit uns geblieben bist und gar nicht so abgeschlossen für dich gelebt hast, wie andere berichten. Sind diese Kämpfe nun gut? Welches Mittel willst du uns dagegen sagen?“ „Wodurch seid ihr legitimiert für Chicago und Florenz zu sorgen?“ Frau White Baker bat Delvil sprechen zu dürfen: „Ich will dir antworten, Marduk. Gewiß nicht sind wir dadurch legitimiert, weil wir Chicago und Florenz beherrschen, vielleicht vernichten können. Die Städte ruinieren sich. Man kann sie sich nicht selbst überlassen.“ „So laß sie sich ruinieren. Hast du, White Baker, nicht davon gehört, daß es einen Tod gibt? Wie stellst du dir den Tod vor? Unter welchen Erscheinungen tritt Tod ein, wie ist Sterben? Sieh diese Städte an, und andere, die du nicht genannt hast, die die schlimmsten schwersten Todeszeichen noch nicht zeigen. So sieht Tod aus. Laßt sie sterben.“ Die stämmige breite rotgesichtige Frau trat auf Marduk zu: „Es richtet sich zuletzt gegen uns. Wir können uns doch gegen den Tod wehren.“ Marduk schlug auf den Tisch: „So wehr dich doch. Ihr könnt es nicht. Keiner von uns kann es. Selbst wenn ich zu euch trete, kann ich es nicht. Ich dreh es nicht zurück. Ich kurbele nicht ab. Ich will nicht.“ „Du meinst, wir liegen im Sterben. Nein, du, du Marduk, bist hilflos. Hier ist der Tod.“ „Das meinst du. Ich glaube nicht einmal, daß dus meinst.“ Die Frau richtete, sich bezwingend, auf: „Du mußt nicht lachen, Marduk. Du siehst, daß wir zusammen hier sind.“ „Um mir zu helfen? Ihr seid meine Gäste. Ich habe euch gewiß nicht gerufen.“ „Die Welt schließt sich zusammen.“ „Um mich auf die Knie zu kriegen? Nur zu.“ „Wir sind nicht dazu da, für die Ewigkeit zu sorgen. Vielleicht hast du recht, wenn du sagst, wir tragen Todeszeichen an uns. Wir sehen sie nicht, fühlen sie nicht, helfen uns von heute auf morgen weiter. Laß dich von uns bitten, Marduk, an unserer Arbeit teilzunehmen, wenn sie auch sehr vergänglich ist. Und – Delvil lacht so freudig: sprich du für mich.“ „Ich halte es nicht für Kleinarbeit, was wir tun, Marduk. Ich freue mich der Dinge, wie sie jetzt laufen. Wir sind Schwärmer, wir drei. Gut werden die Dinge laufen, gut.“ „Delvil, Pember, Baker, ich danke euch, daß ihr gekommen seid, mir das zu sagen. Ihr werdet an mir Widerstand finden, ich sage es euch heraus, so daß die Dinge nicht gut laufen.“

Delvil senkte den Kopf, erhob sich langsam. Marduk ging schon rückwärts. „Wir werden keinen Krieg gegen dich führen, Marduk. Es ist nicht nötig, daß wir mit dir Krieg führen. Du erliegst ohne Krieg.“ „Dessen bist du sicher, Delvil.“ „Ja.“ Marduk trat dicht vor Delvils Stuhl heran: „Wie kommst du dazu, dies zu mir zu sagen. Durchschaust du mich so, achtest du mich so wenig, daß du so sprichst.“

Die Fremden waren weiter in den Saal getreten. Marduk hatte sich umgewandt, war sich verneigend an seinen alten schützenden Platz zwischen den Flammenbergwerken zurückgewichen.

Pember, der spitzbärtige schlanke, der mit den andern geschwiegen hatte, pfiff vor dem Ratsgebäude: „Er ist verrückt. Habt ihr ihn gesehen. Er ist vollkommen hin. Was wollen wir mit ihm. Zieh in Frieden, liebe Seele.“ Die Frau zog sich einen braunen Schleier vor das verfinsterte Gesicht: „Pember, es gibt da nichts zu lachen. Er ist ein böser Mensch. Wir dürfen ihn nicht lassen.“ „Was willst du tun, liebe Freundin.“ „Er fürchtet sich vor uns und wird gegen uns ausfallen. Er ist ein Bube, ein Barbar.“ Delvil lachte und streichelte den Arm der Frau: „Ich zweifle, daß er Dummheiten machen wird. Sie würden uns auch nur nützen.“ Die breitschultrige stand still, blickte Delvil glühend hinter ihrem Schleier an.

Der krümmte den linken Arm, wog ihn wie ein Boxer: „Ich täusche mich über nichts. Ist dies Land still, so sind wir ein Regen, der es begießt und ihm wohltut. Wir sind ruhig und sanft. Will der Konsul es anders, so kann er es haben. Wir können auch Gewitter spielen. Ich hab keine Sorge, daß wir ihn nicht in die Hand bekommen.“

Im Befehlszimmer Marduks standen am Morgen die Senatoren. Der Konsul, Wachen vor sich, gestikulierte über die Schweigenden: „Man will uns ausrotten. Man wird uns offen und geheim bekriegen. Sie wollen uns in ihren neuen Völkerkreis hinein. Ich rate allen, die ihrer Sache unsicher sind, das Land zu verlassen. Ich warne die Lauen im Land zu verbleiben.“ Das Gerücht von der Absicht der kontinentalen Beherrscher hatte er verbreiten lassen. In die Höfe des Ratsgebäudes waren Menschen eingeströmt. Grüne Fahnen, darauf goldene Ähren, wurden ihnen vorausgetragen. Der Gesang „Ein friedlich Volk“ hallte gegen die Fenster, feierlich durch die heiße Luft. „Wir werden siegen. Man will uns vernichten“ es kam aus Marduk, tobte im Saal, auf den Höfen, durch die gewölbeartigen Räume. Er selbst riß sich aus dem Lärm. Das Gesicht der drei Abgesandten stand vor seinen Augen, die Macht des halben Erdkreises hinter ihnen. Unten auf dem Haupthof preßte man sich dichter. Völlige Stille trat ein. Plötzlich ein Tosen Zittern Armeausstrecken. Marduk am Tor des Hofes, ohne Hut. Schweißperlen auf der Nase. Sein Gesicht von einer bläulichen Weiße. Er machte einen erschöpften Eindruck. Seine Stimme war undeutlich. Er werde von jetzt ab das Ratsgebäude offen halten; der Schutz des Gebäudes werde aufgegeben. Seine linke Hand fuhr rasch nach dem Kopf; sie schien eine Hutkrempe herabziehen zu wollen, blieb dann, das Haar berührend, auf der Schläfe liegen.

„Ich werde mit ihnen gehen“ war es durch den grauen Mann gezuckt, „es ist auch meine Sache.“ Mit Macht schrie das durch ihn, war da. Er fühlte eine Schwäche; aber er war es, der es schrie. Er sah Delvil vor sich, dachte: „Er ist mein Feind. Ich werde mich diesen Jubelnden hingeben.“ Es bebte in ihm fern, wie damals, als die Balladeuse ihn anfaßte. Und während das gleichmäßige Singen wieder begann, stieg er allein die Treppe zum fünften Raum im Turm hinauf. Neben ihm, durch das Fenster, zitterten feine starre Drähte hinaus. Er sah unten die schwarze Masse, die bunten Fahnen: „Gewalt, Marduk! Sieh deinen Boden, Marduk! Dein Leben! Willst du dich hinunterstürzen?“

Seine Verwirrung Verzweiflung merkte niemand, wie er stark die Anlagen und Posten im Lande beging, fast täglich mit dem Senat sich besprach. Ein furchtbarer Abscheu stieg mit Gewalt von Zeit zu Zeit in ihm auf, vor dem Ratsgebäude der Schädelpyramide dem Senat dem Volk. Ein zum Ekel gesteigerter Widerwille vor sich und aller Welt, den er mit äußerster Anstrengung herunterdrückte. Inzwischen strahlte er nach außen und strömte Kraft aus. Als er eines Nachts einen Traum von einem Spiegel hatte, – er blickte in einen Spiegel, sah mit Schrecken seine weißen Lippen, die in der Mitte geplatzt waren, Blut verspritzten; er näherte sich der Spiegelfläche, rieb sie, daß sie warm würde, das Blut stünde, – verlangte ihn nach Jonathan. Er sprach sich vor: es fängt alles von vorn an. Plötzlich ganz unvermutet erhob sich vor ihm mit Gewalt das Bild Jonathans: er konnte nicht verstehen, welche tiefe Inbrunst ihn erfüllte und wie er mit tiefer Inbrunst an Jonathan dachte. Die Dinge liefen so schlimm in der Stadtschaft, dachte er, das wußte Jonathan, mußte er wissen: dies war sein Freund, er erfuhr nichts von ihm, er sollte ihm zur Seite stehen. Er zog sich an, einen hellgelben Überwurf trug er mit Silber bestickt. So erwartete er stundenlang Jonathan; an die Wand seines Befehlszimmers gelehnt, der graubärtige Mann. Er empfand zwischendurch einen Grimm auf sich, daß er die englischen Abgesandten frei aus dem Land gelassen hatte; man hätte sie zerschmettern hinwerfen massakrieren müssen. Jonathan, Jonathan würde kommen.