Part 47
Auf den östlichen Hügeln, an deren Lehnen sich der Qualm heraufzog, zitternd und heulend warfen sich auf den Boden und verbargen sich manche Islandfahrer, Männer und Frauen weinten; hielten sich die Ohren zu; das Gespenst Grönlands und der Vulkane zog wieder über sie her. Die meisten blieben starr; verbissen drängten sie weiter. Kylin hielt sich kaltgesichtig unter ihnen, lachte, manchmal krampfhaft stolz: „Sie bereiten sich selbst ihr Ende. Die Giganten, verfluchte Gesichter. Verfluchte Arme, zu denen wir geholfen haben. Könnte ich sie zerreißen, wie ich sie geschaffen habe.“ Schluchzend, jammernd hob er die Arme über sich: „Ich will das nicht mehr sehen. Feuer, ich kann an dich denken. Feuer auf Island, im Himmel, Feuer in meinem Leib, vernichte sie. Verbrenne sie, schlag sie nieder. Bestraf uns nicht wieder. Sieh, wie wir leiden.“ Er weinte laut mit den andern. Die Hügel herunter in das Tal zog er sie. Sie mußten nach den Verbrannten Zertretenen, den grauenhaft Zerquetschten sehen. „Sage einer“, klagte Kylin, „daß ein Mensch ist wie ein Baum, ein Stock, ein Sandhaufen. Er ist nicht dasselbe wie die Luft und der Stein. Die Steine sind zertrümmert, die Riesen haben die Felsen zertreten; die Bäume jammern mich, die sie zertreten haben. Aber dies zu sehen: die Menschen. Seht es euch an: es sind Menschen. Es ist mehr als Muskeln und Knochen und Haut. Die Riesen haben es nicht gesehen. Ich selbst habe es nicht gesehen. Sie haben gelebt. Sie sind hin.“ Sie weinten um ihn: „Wir wollen von hier. Müssen wir durch dies Jammertal?“ „Wir müssen“, der Steile Absturz erblaßte, rote Tupfen auf seiner Stirn und Backen, „es kann nicht zuviel sein. Dies ist das Feuer, das für uns ausgelegt ist. Kommt hinter mir her. Biegt euch, schmelzt, zerbrecht. Es ist kein Schade. Blickt euch um, was hinter euch nach Nordwesten zieht. Es triumphiert, es wird noch wüten, so, so. Unsere Schande. Es kann nicht schaden, wenn wir zerbrechen. Wir alle.“ Und wieder schluchzte er, krampfte die Fäuste, kniff die Augen zu: „Vernichte sie, wer es auch immer sei. Feuer, vernichte, blase sie in die Luft. Zerstäube sie. Laß nichts von ihnen übrig.“
Und durch das schreckliche Tal gingen sie weiter, bis ein Floß von Osten eine Schar verstörter irrer verstümmelter Menschen gegen sie losließ. Da bestiegen sie selbst das Floß, setzten über den qualmbeladenen Strom nach dem andern Ufer über. Kylin hetzte, während sie fuhren: „Da ist Wasser. Seht es euch an, ihr. Es gibt nichts zu weinen. Hier kann man ertrinken. Wenn man genug gebrannt hat, hier kann man ertrinken. Weg von der Erde.“ Es war Grausen ohne Maß, was auf den weiten Flächen des östlichen Ufers vor sie trat. Unersättlich, geschüttelt war Kylin, mehr, mehr zu sehen, ihnen zu zeigen. Vor die gähnende Öffnung der zackigen Krater der Erdstadt Lyon schleppte er sie, aus der die schreckliche lachende Männin gefahren war. Kylin lockte mit Hohn und Grausamkeit: „Auch hier hinein kann man sich stürzen. Sie hatte nicht Asche werden können; für uns reicht es.“
Es gelang ihnen tagelang nicht, Kylin von der furchtbaren Totenebene zu bewegen. Schon erkrankten von den Fahrern welche. Mit Haß und Genugtuung betrachtete der harte Kylin sie. Er hörte mit leuchtenden Augen, daß einige davongelaufen seien, irr vor Ekel, andere unfähig die Qual zu ertragen. „Wir müssen bleiben; wir werden sehen, wer zuletzt bleibt.“ Sie faßten ihn an: „Du willst uns opfern. Wir haben noch mehr vor.“ „Uns kann nichts Besseres geschehen als verbrennen. Wir müssen es den Giganten nachmachen. Wir müssen auch in einer Wolke nach London fahren.“
Wie sie herumirrten eines Abends, nach Hunden jagend, von deren Fleisch sie lebten, stieß Kylin auf Venaska, die verschleiert und geduckt um ihn ging, ihm auswich. Er zog an ihrem Schleier: „Ah, Venaska. Daß du mir begegnest! Gut! Du versteckst dich vor mir. Bei uns, an der Rhone Venaska! Ich habe nicht mehr an dich gedacht.“ „Hojet Sala. Ich gehe hier herum. Du hast mir gestattet, mit dir zu ziehen.“ Er hielt sie am Schleier fest: „Venaska. Ich kann es noch immer nicht glauben. Von der Garonne, von der Loire: Venaska. Du bindest dir einen Schleier um, du zwinkerst mit den Augen. Du mußt die Augen zumachen, die Nase zuhalten.“ „Hojet Sala, was sprichst du. Laß meinen Schleier.“ „Nein, diesen Augenblick sollst du wenigstens sehen und hören.“ „Ich habe immer gesehen und gehört. Vor dir hab’ ich mich versteckt. Vor deinem Anblick. Wie bist du schrecklich geworden.“ „Sie leidet. Venaska leidet. Um mich. Es ist nicht nötig um mich. Schämst du dich nicht so zu sprechen. Sprich Liebesworte zu mir; dein Handwerk wird hier auch blühen. Oleanderbäume Feigenbäume der Provence, nicht wahr, das ist nichts gegen dies. Hier ist es süß. Das hier unten neben dir, was so stinkt, ist der Leib und der Mastdarm eines Mannes oder eines Weibes; ich kann es von weitem nicht unterscheiden. Und auf der braunen Haut ausgebreitet: sieh zwei Kinderbeine; aber das Kind fehlt. Venaska, was sagst du zu diesem Kind. Ist die Schnelligkeit des Kindes nicht bewundernswert, die Beine sind dem Kind zu langsam gelaufen, da ist es selbst – mit wem wohl? mit den Giganten gerannt, Rumpf Arm Kopf, hurra, hurra, hopp! Die sehen sich jetzt von der Fußsohle eines Giganten das Meer an, vielleicht schon London. Ein neugieriges witziges Kind. Ein Genie und so früh gestorben! Warum unterbrichst du mich nicht, Venaska; mit Freudenausrufen oder mit einem Gesang. Deine Kehle ist so geschickt darin. Tränen, Tränen, vorwärts.“ „Warum wütest du gegen mich? Was beleidigst du mich?“ „Du fielst mir nur als ein Farbenfleck in dieser Landschaft auf. Nein, Venaska, du schleichst mit Recht herum, der Schleier ist an seinem Platz. Du bist doch verflucht, siehst du es nicht. Ja, du. Du weißt wohl nicht, was verflucht sein heißt. Sieh dir diesen zermatschten Darm an, die Kinderbeine, die darauf kleben; das waren Menschen, das war ich, ich.“ „Ich nicht, ich nicht, ich habe sie nicht zertreten. Hör auf, Hojet Sala. Siehst du nicht, zu wem du sprichst.“ „Und weil ich dich sehe, spreche ich so. Ich dich nicht sehen. Daß du es wagst hier zu sein. Hier ist das Grabmal aller menschlichen Würde, du bist das Triumphlied dabei. Unsere Schande führst du uns vor Augen, bei unserer Schande sättigst du dich.“ Sie drängte an ihn. Er sank unter dem wilden wütenden Druck ihrer Umarmung in die Knie. Ihre Lippen zitterten, die Augen glühten; seinen Mund suchte sie zu küssen. „Mein Mund. Wäre ich dir gefolgt, wenn es so wäre, Hojet Sala?“ Er stöhnte und widerstrebte nicht: „Pfui. Umarmen! Mehr! Küssen. Hinwerfen. Deinen Schoß an meinen. Es ist gut. Was sagst du, daß ich dich nicht kenne. Zeig mir ganz, was ich bin.“ „Ich weine mit dir. Ich tue dir nichts. Vergrab dich nicht, Hojet Sala.“ „Umarmen, Venaska. Mir nutzt sonst nichts.“ Er hatte sich ganz hingeworfen: „Gurre, Venaska! Den dreckigen Boden müßte ich küssen. Von Grönland mußte ich bis Lyon fahren, um von dir enthüllt zu werden. Meine ganze Schande zu sehen. Deinen Schoß her. Unsere ganze Menschenschande.“ Sie zog an seinen Armen. Todblaß stand er, knirschte: „Komm mit Venaska.“
Er schleppte sie zwei Tage durch das grauenvolle Tal, sah sie leiden. Dann ertrug er es nicht mehr. Sie hatte sich nicht verändert, ihre Augen lagen in fast grünlichen Höhlen, sanft war sie geblieben. Da irrte er um den Trichter der qualmenden Erdstadt herum, immer dichter; er schien erst langsam zu wissen, was er wollte. Er trieb sie an eine der gräßlichen Spalten, in denen Verwesungsgase stiegen: „Riech das mit mir, Venaska. Das ist das Bad für uns, bevor wir Hochzeit feiern. Was bist du?“ Schmerzlich rang sie an ihm: „Ich bin nicht anders als du.“ Sie zitterte kreischte. „Nicht schreien, Venaska. Du bist nicht anders als ich. Zeig es mir.“ „Ich tue nicht, was du jetzt willst.“ „Doch. Venaska. Du bist wie ich. Du bist mein Leben. Wärst du nicht so schön, so süß. Geh weg. Geh hinunter. Was macht es aus. Keiner von uns ist ja.“ „Ich geh’ nicht.“ „Erreg mich nicht, Venaska. Reize mich nicht, Venaska. Verhöhne mich nicht mit Liebe. Habe ich nicht zu büßen. Unendlich unendlich zu büßen. Ich sterbe in diesem Gestank. Mach ein Ende.“ „Hier hast du mich hergeschleppt. Du willst mich hineinstürzen.“ „Nein. Du selbst sollst es tun. Du kannst es tun. Tu es, wenn du die Augen auf hast.“ „Ich tue es nicht. Ich bleibe bei dir, Hojet Sala. Jetzt mehr als sonst. Du wirst Reue um mich empfinden.“ „Ich will dich nicht. Sprich mich nicht an. Dich kenne ich. Grausige. Du – bist aus dem Geschlecht der Giganten. Du bist die letzte. Du bist selbst ein Untier, das Grönland ausgeworfen hat. Du lebst in mir, gräßlich: meine Besinnungslosigkeit. Laß dich anfassen, liebe Besinnungslosigkeit. Der Steile Absturz bin ich.“ Sie wimmerte: „Ich schäme mich. Wie bin ich geschändet. Süße Erde, nimm mich.“
In den Qualmwolken der Spalte flatterte Venaska, den Boden in ihrer sanften Art streichend. Sie kroch weg, verschwand vor Hojet Sala, der hinter ihr schäumte.
Am selben Tag verließen die Fahrer das Rhonetal. Der Steile Absturz hatte vor den andern geglüht: „Venaska ist weg. Ich habe sie erkannt. Wir sind Menschen. Sie war es nicht. Ich erkannte sie. Sie war aus dem Geschlecht der Lurche und Riesen.“ Als man neben ihm klagte: „Stöhnt. Schmerz her. Der Schmerz. Davon brauchen wir Eimer, Zentner jeden Tag. Für uns Menschen ist nur die Hölle gut. Wenn das Feuer nicht ist, werden wir zu Steinen. Nur die Hölle tut uns not. Der Schmerz ist unsere Seele, unser Gott.“ Und leiser: „Wißt ihr, sie ist in das Feuer gegangen und war ein Stück von mir. Gesegnet, wer Erniedrigung gibt.“
* * * * *
Venaska, die süße, flüchtete nach Westen. Den Dampf- und Verwesungsgasen der Krater von Lyon war sie entkommen. In Angst schleppte sie sich, allein. Sie weinte viel. Sie war das Glück der Entsetzten, zwischen denen sie sich bewegte und denen sie die braunen Hände gab. Wohin ging sie. Wohin wollte sie. Zu den Wesen Grönlands gehörte sie, hatte der Steile Absturz gesagt. Sie wollte hin zu ihnen, nach Grönland. Und dann kam sie im Westen unter die verzweifelten, oft kannibalischen hungrigen Völkermassen, die sich aus Orleans und Paris rissen. Von den Riesen sprachen sie, die sich in Cornwall versammelten. Zu den Riesen: das wollte sie. Ein bewußtlos tiefes Verlangen befiel sie, hüllte sie ein; sie lechzte zu den Riesen. Die hatte Hojet Sala geschmäht, die waren von ihrem Blut. Wie jäh das ihr gewiß war. Sie verstand nicht mehr das Klagen Heulen der Massen, das röchelnde Fluchen auf die tobsüchtigen Giganten. Ihre eigene Verzweiflung war wie die Nacht von einer Morgenröte ausgelöscht. Was ächzte und brüllte man. Wer nannte die Giganten, die fernen. Sie standen in Cornwall, gräßlich ihre Taten, grauenhaft ihre Leiber. Aber man kannte sie nicht. Nur sie allein kannte sie durch Taten und Leiber hindurch: ihr Blut, ihre Brüder.
„Meine Brüder, meine geliebten Brüder“ seufzte es Tag und Nacht in ihr. Die Landschaft der Loire blickte Venaska süß an: „Ich bin wieder da, liebe Bäche, liebe Birken, liebe Gräser. Ich habe euch lange nicht gesehen. Ich war verzaubert.“ Sie legte sich nackt in einen Bach: „Liebes Wasser, das ist mein Leib. Er ist ganz für dich. Ich will nach Norden. Hilf mir herüber.“ Sie stand blaß auf dem Bergabhang, ließ sich von der Luft trocknen: „Bist kalt, lieber Wind. Das ist mein Leib, meine Brust. Hilf mir nach England.“ Das warme Licht kam hervor: „Ach die Sonne. Wozu hab’ ich Augen und Ohren. Ich fühle dich durch die Haut, auf dem Rücken, am Nacken, an den Füßen. Auf meiner Wanderung kommst du mit.“
Sie fuhr mit Menschen, die sie berückte, lange Tage bis zur Seine hinauf. Dann wollte sie niemand mehr fahren; die Furcht vor den Riesen war zu groß. Sie lachte ging, war voll Sehnsucht: „Geht nur. Die Riesen sind nicht eure.“ Die Ufer der Seine lief sie entlang, über Wiesen, durch Buschwerk. Sie war glücklich und voll Sehnsucht. Die Landschaft hing an ihr. Je rascher sie lief, um so mehr hielten die Wesen der Landschaft sie fest. Die Gräser wickelten sich um ihre Schuhe. Sie mußte die Schuhe ausziehen und barfuß laufen. Die Bäume stellten sich nachts, wenn sie schlief um sie und ließen sie nicht heraus. Sie lief, lief. Das Buschwerk, die Gräser liefen mit ihr. Die Kastanienbäume, die Linden, sommerlich blühend, wogten bei ihrer Annäherung auf. Duftwolken brunsteten sie aus, dann senkten sie ihre Wipfel, griffen mit den Ästen nach ihren Haaren. Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß nach Cornwall. Laßt meine Haare frei. Helft mir nach Cornwall; ich muß zu den Riesen, meinen Brüdern.“ Das Meer kam nicht, das Meer kam nicht. Sie grämte sich, sie weinte. Die dichten Gräser schlossen sie ein. Venaska war glücklich in ihrer Liebe und schluchzte vor Verlangen.
Während sie ermüdete, Schritt für Schritt ging, von dem Lande umfaßt, streckte sie die Arme nach Norden aus. Die Tränen stürzten aus ihren Augen. Die Tränen liefen der Venaska voraus, fielen auf die Schultern der Giganten.
In Cornwall standen, stumme Gebirge, die Giganten im Halbkreis vom Bodminmoor bis nach Egmoor im Norden. Die Erde um sich hatten sie ausgehöhlt, Felsen und Wassermassen in sich aufgesogen. Mit Erzquadern wurzelten sie in den Gabbromassiven der Tiefe. Grüne Hornblendenädelchen durchwuchsen ihre Füße, schwarzbrauner Olivin, eisendurchzogen, schob sich bis an ihre Brüste herauf, ein steinerner Mantel. Die Strahlenträger, die gesponnenen Netze, hielten sie vor sich auf der Brust, gleichmäßig alle grünschwarzen zerklüfteten wasserüberflossenen Gesichter nach Nordwesten auf das Meer gerichtet, das Meer aufzureißen, den Meeresboden aufzuschmelzen, die Flamme die Lava hervorbrechen zu lassen, Länder zu verschütten. Keine jauchzende Wildheit Krampf war mehr in den Wesen. Die Gebirgsströme brausten durch sie. Die Erdmasse lähmte sie, wollte sie vergewaltigen; sie mußten mit allen Seelenkräften anringen, um nicht zu versinken.
Das Meer, die grünen Wasservölker, waren längst von der Cardiganbucht über Wales hingesprungen, durchtobten den Bristolkanal, schäumten bis zu den Füßen der steinernen Kuraggara im Norden. Tag und Nacht wallten vom Atlantischen Ozean mit Wut die ungeheuren hinpeitschenden Wogen an. Irland überdonnerten sie in ganzer Breite. Rasend stieg die Flut von Nord herunter, eine meilenbreite von schwarzen Gewittern überlagerte Straße schiebend, wühlte gegen Cornwall. Jenseits der Hebriden rissen die Wellen dampfend auseinander, entließen gähnend Dunstwolken. Neue Massen schwemmten herüber, kochten füllten die Spalten. Heller und heller von einer unsichtbaren Quelle wurde es von Woche zu Woche über der brandenden Kampfstraße. Durch Glimmen und Dämmer fuhren unaufhörlich die Blitze. Endloser Regenguß, brüllender Donner.
Auf Cornwall, die Erde einziehend in ihren Leib, Flüsse aufsaugend, rangen die Giganten mit ihrem Bewußtsein. Zu dem Brüllen des Donners gesellte sich ihr tiefes Grunzen Röcheln. Das Bewußtsein wollte ihnen schwinden. Und wenn einer stöhnte, stöhnten die anderen mit, um ihn durch ihren Lärm zu erwecken. Delvil, die Dartmoorwaldungen auf seinem Rücken, bewegte nur noch die Augenlider. Die Kiefern- und Tannenstämme, lose durch seine Adern strudelnd, bohrten sich durch die rauchschwarze Haut. Die Felsen wie in einem Trichter in ihn schwemmend, packten sich an seinem Hals hoch. An seinen Schultern, an der Brust trieben sie Kanten vor, waren Abhänge Klüfte, in dem sich das gischende Wasser verfing.
Und im Sturm, wie er stand –, woran dachte er, wollte sich erinnern – brannte ein Schmerz an seinem Nacken. Er achtete nicht darauf, sein bewaldeter seenwiegender Kopf sank tiefer. Da zuckten seine Finger, der Arm krümmte sich, es brannte im Nacken; welch Schmerz. Er tastete nach hinten. Etwas rief. Von wo rief es. Er murrte. Venaskas Tränen stürzten gegen seine Schultern, seinen Hals entlang. Ein Rufen: „Delvil Delvil Delvil.“ Über ihn hin dachte es: es ruft mich bei Namen. „Delvil. Delvil.“ Mit den Tränen kam der Schrei. Seine Finger tasteten hinein, warm waren sie; über seine Schulter rief es durch das Gewitter: „Delvil. Hilf mir doch. Ich bin im Gras verwickelt. Ich will zu dir.“ „Sie ruft mich bei Namen. Immer der Name. Der Name. Es ist wie damals, als Marduk entkam.“ Er brütete erregt, stöhnte: „Ich muß den Schleier halten.“ Die Tränen sammelten sich kitzelnd brennend hinter seinen Ohren. Es klagte; hörten die andern es nicht. Arme griffen über seinen Mund. Das waren Arme, über seine Augen. Er bewegte den Kopf keuchend rückwärts; ein heller Schreck durchfuhr ihn. „Delvil, ich kann nicht zu dir. Was stehst du hier. Heb du mich, süßer Bruder.“ „Oh“, bäumte er sich, grunzte hohl, „weg von mir“ und stöhnte mit den übrigen: „Die Steine. Es sind die Steine die Bäche. Sie nehmen mir das Bewußtsein.“ Das Gewitter prasselte, Schwärze, glühender Strahl. Er preßte den Schleier. „Meine Arme halten dich. Nun sind sie doch froh bei dir zu sein. Ich komme bald; nichts soll mich zurückhalten. Du bist mein Blut. Nach dir habe ich Sehnsucht. Sehnsucht, Delvil.“ Es zuckte züngelte durch sein Gehirn. Es trieb ihn an seinen Beinen zu ziehen. Was hing an seiner Brust; welche toten Körper waren seine Beine. „Du wirst mich nicht verwirren. Das Meer kommt an. Die Erde reißen wir auf.“ „Mein Blut, du, und du hast Verlangen nach mir. Ich kenne dich, wenn du dich auch wehrst. Mein Mund ist bei dir. Da ist er. Toter Bruder, sieh das Meer, es ist schön. Du fühlst mich, du fühlst alles. Du bist Wald Gebirge Fluß. Sieh das süße Leben an dir. Unser süßes Leben, Wald Fluß Gebirge. Laß sie heraufkommen zu dir. Laß sie nur kommen.“ Das Bewußtsein schwand ihm: „Ich muß stöhnen. Sie sollen mitstöhnen. Sie soll mich wecken.“ „Mein Herz kommt zu dir. Jetzt ist es da. Toter Bruder, blick dich um. Jetzt wirst du lebendig.“ Sein Kopf zuckte wild nach rückwärts. Durch die Schwärze, zwischen den Blitzen näherte sich, näherte sich ein blutendes triefendes Gebilde. Aderspielend, glühend kam das Herz Venaskas an, lautlos langsam. Senkte sich in den Berg. Den durchströmte es auf Sekunden warm. Ein weiches Dunkel bodentief brodelte durch Delvil. „Warum nicht, Delvil. Warum nicht.“ Sein Kopf war nicht mehr da, das rasende Meer war verdämmert. „Toter Bruder, nun ist uns gut. Nun hab’ ich dich. Streck dich aus. Du hast Beine, sink hin. Hin. Hin. Wir sinken. Ach ist es schön zu sinken.“ Es war nicht mehr Delvil, in Berg See Wald ausgedehnt, auseinanderfließend. Es war nicht mehr Delvil.
Und zu den andern Giganten, von Bodminmoor bis zum Egmoor am Bristolkanal schwoll Venaska. Sie rangen, in Syenitmassen versenkt, mit den grünen sprießenden sie durchwuchernden Augiten, den Sandmassen, die ihre Stirnen überschütteten, den Haufen von Trümmergestein, die durch ihre Adern türmten. Die Waldbäche strömten kühl an ihnen herauf; Quellen brachen auf, wogten durch sie. Es zuckte in ihnen. Ihre Lippen suchten sich zu spitzen. Flehen Singen nahe bei ihren Ohren. Sie wurden am Hals, an den Fingern berührt. Und wie sie noch staunten aufröchelten, um sich zu erwecken, wurden sie im Innersten beseligt und ihr Mund blieb offen. Hin schwanden wie Dunst ihre Gedanken. Ein Traum schoß zu blendender Helligkeit auf: bei Namen wurden sie gerufen, Kuraggara, Tafunda, Mentusi. Tränen über die Nacken stürzend, Gurren einer Stimme. Wer war das. Wärme Sinken. Eine erschreckend sanfte süße Stimme: Kuraggara, Tafunda, Mentusi. Ist das der Tod. Ach was gibt es in der Welt.
Es waren nicht mehr die Giganten, auseinanderprasselnd in Wälder Gebirge. Das donnernd sich anhebende Meer sprühte, wusch die Massen, die abstürzten, lose Stämme, leichtes Gestein und die Schleier ab. An Felsen zerrieb es sie, zersprengte sie in Lohe. Dann verebbte die schwarze Meeresstraße von Norden. Das tausendarmige Gewässer zog sich nach der Cardiganbucht zurück. Der Dampf über dem Meer verwehte. Irland hob sich seenflutend wieder aus dem Wasser. Auf Cornwall zerkrachten abrollend die steinernen Häupter und Arme der Giganten.
* * * * *
Aus den Löchern und Nestern der verschütteten Stadtschaften quollen die Verstörten. Sie waren ohne Nahrung; Haß Kannibalismus herrschte. Geschlossene Horden kamen von den dröhnenden britischen Inseln, Reste von dem überschwemmten Irland, schlugen sich mordend raubend durch das westliche Europa. Die Mekifabriken waren verschüttet, die Äcker nur wenig durch Siedler bestellt. Wie ein Wolkenbruch, ein Hagelwetter stürzten verheerend die Menschen, die von den Tritten der Giganten verschont waren, auf die Landschaften. Monatelang liefen sie. Leichen ließen sie hinter sich auf dem Boden. Was stark war, verschanzte sich in den wüsten Wäldern, auf Äckern, einzeln, meist in Kampfgenossenschaften, würgte was sich näherte, war hart wie Knochen, jagte Tiere. Die Ausschüttung und Überschwemmung des europäischen Kontinents, die ungeheure Katastrophe, war in einem Jahr in ihrem ersten Schwall beendet. Das Verschieben der Massen, Hin- und Herdrängen, Überwallen und neues Verschütten dauerte noch lange an.
Die Islandfahrer, im wildesten Strom, waren vorbereitet ihn zu empfangen. Sie stellten sich den furchtbaren Massen mit nicht geringerer Furchtbarkeit entgegen. Arbeiteten, als wenn sie über den Vulkanen schwebten. Hielten vertierte Menschengruppen, teilten sie, trieben andere weiter. Erschienen bewaffnet, überall miteinander im Zusammenhang, in den belgischen Gebieten, an der Seine, der mittleren Loire, der Rhone. Wallartig mußten sie sich vor den glücklichen Landschaften südlich der Garonne aufbauen, um ihre Zertrümmerung zu verhüten. Schleppten nach Calais Le Havre Antwerpen, an die Girondemündung Schiffe, die aus der Grönlandexpedition rostend und faulend in den nördlichen Häfen lagen. In die afrikanischen weiten und längst aufgeschlossenen Landschaften, nach dem nördlichen und südlichen Amerika führten sie große Massen.
Wie beim Uralischen Krieg, als die Feuerwalzen zusammenschlugen, das Kaspische Meer, wurde die Ostsee bei der Zertrümmerung der dänischen und skandinavischen Stadtreiche von entsetzten hungernden sterbenden Menschenwesen überschwemmt. An der südlichen Küste dieser See dehnten sich die Märker aus, bis nach Litauen im Osten, an den Rhein im Westen. Sie hatten fruchtbare bestellte Gebiete zwischen sich. Hier verdarb um diese Zeit der schwarze Konsul Zimbo, als er den Augenblick benutzen wollte, um die märkische Macht durch Überfälle nach Norden und Westen auszudehnen. Die bewaffneten starken ackerbauenden Horden erschlugen ihn in Berlin während einer Beratung, öffneten ihre Grenzen nach Norden und Westen, nahmen Scharen der Flüchtigen auf. Über die Rheingrenze gingen damals helfend märkische Horden. Die Erhaltung des größten Teils der späteren westlichen Bewohner war ihr Werk. Durch ihr eigenes Gebiet führten sie nördliche Scharen über die Warthe, die Weichsel. Die russische Tiefebene betraten sie, die wieder geglättet beruhigt begrünt war nach dem Flammenkampf. Nomadisierende mongolische und sibirische Stämme nahmen sich der einschmelzenden Städtereste an. Von den in die Stadtschaften Verlockten und Verschlagenen blieben nur die Nachkommen der älteren härteren Weißen und Dunklen auf dem Kontinent; der junge Zufluß, der nicht verkam, verebbte nach Süden. Dünn besiedelt war das Land, auf dem die gewaltigen Stadtschaften, die Mütter der Giganten gewachsen waren. Es waren in der Masse Nachfahren indianischer Mischlinge und noch nicht lange eingewanderte körperstarke Mestizen, versprengte Reste Weißer.
Dann war die Wut des Orkans gebrochen. Auf dem europäischen Kontinent rangen in furchtbarster drängender Arbeit die Menschen mit dem Boden. Amerika hatte keine Gebilde entwickelt wie Delvil Tafunda Kuraggara. Hier flossen die Stadtschaften früh aus, die Senate schwanden, Apparate und Wissenschaften verdarben. Als der östliche Teil des einstmaligen Völkerkreises sich selbst zerschmetternd zusammenbrach, hatte der amerikanische Kontinent noch viele kleine fröhliche Städte innerhalb der verfallenden, Berge und Wiesen überziehenden Reste der ungeheuren Stadtreiche. In Dorfstaaten, oft bei den schwach besiedelten Resten der alten Stadtschaften ballten sich in Europa die Menschen. Es kamen nicht viel später Angriffe afrikanischer Raubhorden, die den alten Hang zum nördlichen Kontinent nicht verloren hatten. Die Vorstöße führten zu Gegenbewegungen, zur Festigung europäischer Stammesgebilde und Volksgruppen und zur Ausdehnung am Mittelmeer.