Chapter 25 of 48 · 3981 words · ~20 min read

Part 25

In die Absonderung dieser Schlangen tauchten White Baker und Ratschenila ein. Die beiden Frauen küßten sich: „Wie bin ich glücklich dich gefunden zu haben, Ratschenila. Und daß wir herfanden.“ „Liebst du keinen Mann, White Baker?“ „Ich weiß nicht. Dich liebe ich. Deine Haare deine Zähne deine Zunge deinen Gaumen deine Wangen deine Finger deine Zehen, was alles an dir ist. Wenn du atmest, die Augen aufmachst und sie schließt. Dein Kleid deine Ketten. Ich muß dir wie ein glücklich demütiges Tier nachlaufen und bin selig, wenn du mich anfaßt. Du glaubst nicht, Ratschenila, wie es mir wohltut, daß du meine Perlen trägst.“ „Ich sehe, White Baker. Daß du dich gar nicht fürchtest.“ „Wovor.“ Ratschenilas Mundwinkel zuckten, ihre dunkelbraunen Augen bewegten sich. Sie zog ihre Schultern zurück: „Ich würde es zu Hause und in London nicht sagen. Hier, bei den Schlangen, ist eine gefährliche Luft.“

„Ja.“ „Du sagst so erwartungsvoll ‚ja‘, White Baker. Sieh, es könnte doch sein, daß ich auch –“ Die kreischte leise, wollte ihre Arme um den Hals der rötlichen Frau legen, die auswich: „Nicht, Baker. Wenn du dich nicht fürchtest, könnte ich mich doch fürchten.“ White Baker gurrte: „Wirst dich nicht fürchten vor mir.“ „Nicht vor dir. Vor dir.“ „Vor dir. Meine Freundin. Herzensfreundin.“ Die rötliche Frau drückte die Augen zu, ihre Knie zitterten. Hing mit geschlossenen Augen, tiefatmend an dem Hals der weißen starken Frau, der glücklichen, die ihr Gesicht mit Küssen bedeckte, liebestammelte. „Ach in die nächste Hütte, Ratschenila.“ „Ich fürchte mich. Daß ich dir etwas antue.“ „Meine Freundin, meine Geliebte.“ „White Baker. Bin ich das, deine Geliebte?“

Inbrünstig umschlang White Baker sie. Ratschenila ließ es sich gefallen; ja die Hände krallte sie in White Bakers Gesicht und Hals, die Augen nicht öffnend. Mund lag auf Mund. Es waren die versunkensten und hellsten Wochen der White Baker. Sie und Ratschenila ließen sich Äcker bei den Schlangen zuweisen. Mit Lachen nahmen alle das Locken und Drohen des Senats auf, in die Stadt zu kommen. Glücklich war White Baker. Sie sah die Freundin nicht. Bemerkte ihre Starre, ihre Kühle, ihr träumendes böses und fremdes Gesicht nicht; sie hatte sie. Die Fremde ächzte viel für sich, ging doch zu der Weißen, war hilflos sanft zu ihr. Eines Tages fand White Baker die rötliche Frau nicht in ihrem Blockhaus. Sie suchte in der Nacht, fragte. Sie erfuhr, Ratschenila war zu dem weiblichen Führer der Schlangen gelaufen. Und von der blonden sehr jungen schönen Frau hörte die erschauernde White Baker, Ratschenila hat gebeichtet und sich beschuldigt, nicht an den Sitten der Schlangen teilzunehmen. Sie beschuldigt sich, Sklavin einer andern Frau zu sein. Sie wolle frei sein, sie müsse sonst Gewalt gebrauchen. Die helle schöne Frau streichelte die kalten Hände ihrer Besucherin. Ratschenila hätte geweint, sie könne nicht anders, sie ginge nach London zurück zu ihren Landsleuten.

Die langen Tage, die Baker verwirrt und sich zerreißend im Haus dieser Führerin lag, immer nach Ratschenila verlangend, wachträumend von ihrem Gesicht ihren Händen Füßen Brüsten Lippen, an dem knöchernen Krähenschnabel kauend. Die rötliche Frau hatte die Siedlung verlassen, war allein in ihre amerikanische Heimat zurückgekehrt. Die Führerin, die schöne helle Frau saß bei Baker, mit in ihr Schluchzen gerissen. Ja, furchtbar sei die Gewalt, die in ihnen allen lebe. Es sei gut, sie zu verehren und zu besänftigen. Sie fragte nach Wochen die ruhigere ernstblickende blasse Baker, ob sie sie verlassen wolle. Die drückte ihre Hand: „Ich habe dir zu danken, euch Schlangen zu danken. Ich will – lieber nicht zurückkehren. Ich will – gewiß nicht zurückkehren. Sicherer und bestimmter bleibe ich hier als ich herkam. Wenn du mich hier läßt.“ „Das ist wahr, White Baker?“ Die war gezwungen sich auf die Knie herunterzulassen, an den streichelnden Händen der Frau entlang. Sie küßte den Boden zu ihren Füßen: „Und wenn ich, du Junge, bei euch nichts weiter gefunden hätte, als mein Verlangen, mich vor dir niederzulassen, und daß mich einer anspricht wie du, so bliebe ich hier.“

Es hielt White Baker, die die weißen Seidenkleider, die bunten Wolltücher der Ratschenila nicht ablegte, aber nicht bei den Schlangen. Sie wanderte mit einem jungen braunschwarzen Mann, der ihr als Kutscher diente, im Süden und Westen der Stadtschaft London herum. Die Insel war schon weit nach Norden von Menschen besiedelt. Immer neue Gruppen, Absonderungen. Massen, die kriegerisch wie Marduks Barbaren übten, viel Fleisch aßen. Gruppen dann nur aus Weibern bestehend, die auf den Feldern arbeiteten, noch Mekispeisen nahmen, und alles Unheil auf die Übermacht der Männer schoben; faustgroße Steine trugen sie am Hals zum Zeichen, daß sie sich unfrei fühlten. Im Norden, ganz zerstreut wohnend, Schweiger; Menschen, die sich jede Sprache versagten, nur frühmorgens sangen nach dem Sonnenaufgang; bei einer gewissen Höhe der Sonne begann das demütige Verstummen. Sie waren mit Erde beschmiert, wuschen sich nur einmal in der Woche, gingen Fremden aus dem Wege.

Die Befehle der Stadtherren wurden dringender. Da sammelten sich bei Bedford am Ouseriver eine Anzahl der Fulbe, spielten neue Possenstreiche des Tolpatsches Hubeane. Dann in wechselnden Gegenden, am Rande von Wäldern, auf Bergplateaus, auf Brachfeldern begannen sie ihre Liebesspiele. Eine dichte Menschenmenge um sie; fröhliche Schlangen, finstere fellbehangene Krieger, schmutzige Schweiger, trübe schlaffe Städter, Ängstliche, die die Zauberer herumgejagt hatten. White Baker unter ihnen. Die braunen zärtlichen Menschen spielten in Masken.

* * * * *

Das war die Fabel vom Löwen und dem wilden Hund. Das Haus eines Häuptlings war mit Stroh bedeckt. Vor der Tür saß der festlich geschmückte Mann mit einem jungen rottätowierten Mädchen, einem schönen Wesen, seiner Tochter. Eine kleine Schar Menschen um sie. Der Häuptling nahm die Hand vor den Mund, machte sie hohl: „Dies ist meine Tochter Mutiyamba. Ich will sie verheiraten an den stärksten und schönsten Mann. Ich bin reich. Er braucht mir nichts zahlen. Ihr sollt überall ausrufen, in der Steppe, am Fluß, in den Bananengebüschen, auf der Sandinsel: der Häuptling Kassangi will seine Tochter Mutiyamba dem Schönsten und Stärksten geben.“ Da war ein zarter Jüngling, Liongo, ein Waisenkind, der liebte das Mädchen. Er trug einen Lendenschurz aus Stroh, die Lanze konnte er nicht werfen. Ging mit in die Steppe, an den Fluß, in die Bananengebüsche, auf die Sandinsel, zu rufen, daß Kassangi die schöne schlanke Mutiyamba dem Schönsten und Stärksten geben wolle. Er tröstete sich, sang vor sich. „Die Fasern meines Herzens schwirren. Warum? Ich habe eine hohe Nelke gesehen; eine weiße Ameise zersticht sie an der Wurzel. Ich muß die hohe Nelke heilen.“ Er ging, der Zarte, den übrigen Trommlern voraus. An den Regenteichen, zwischen den lianenumstrickten großen Bäumen im Buschwald, unter Butterbäumen, auf denen kleine Affen sprangen, an den lederblättrigen Feigenbäumen, an Schluchten, aus denen dunkle Fledermäuse und dicke Wespen surrten, im wildaufgeschossenen tiefdurchstreiften Dickicht des Sorghumgrases, vor grünen Sümpfen, an denen wilde Kürbisse und Luffagurken ihr Gewinde trieben, von Würmern und Schnecken überlaufen, sang der arme Liongo schmetternd das Lob Mutiyambas, um die Stärksten und Schönsten zu locken. Besang die Bemalung ihres Körpers. „Wie junge Zwiebelknollen sind ihre Brüste; kein Baum trägt soviel Früchte wie sie Kleider trägt. Am Kopf, an den Ohren, den Lippen, den Armen hängt Schmuck, wie Blitze aus einem Gewitter zucken. Ihr Blick ist sanft und schmachtet. Ihre Beine sind schlank wie Kupfernadeln. Man kann sie nicht ansehen, ohne von Sehnsucht nach ihr verzehrt zu werden. Die Augen muß man schließen, als hätte man in einen Topf mit heißen Dämpfen geblickt. Und wenn man sie geschlossen hat, findet man keine Ruhe, weil die Augen weiter brennen. Wer Mutiyamba sieht, muß zeigen, daß er ein starkes Herz hat. In ein Gefängnis ist er geworfen, mit ihrem Bild allein. Sein Herz muß stark sein, um die Türen zu zerbrechen und sich zu ihr zu retten. Hundert werden um sie werben! Kassangi ist ein mächtiger Häuptling, einen starken Pfahlbau hat er um sie erbaut. Nur wer Schultern wie ein Berg, Hunger wie ein Schakal hat, kann den Pfahlbau einrennen.“

In der Steppe hörte den Gesang Liongos ein junger gelber Löwe. Und wie Liongo an der Fledermausschlucht das Mädchen pries, kroch auch ein wilder Hund hervor. Als der zarte Bote des Häuptlings vor seinen Palast zurückkehrte, waren schon viele Jünglinge dagewesen, hatten Proben ihrer Kraft abgelegt, waren von Kassangi verworfen. Mit dem armen heiseren Liongo zogen der Löwe und der wilde Hund an. Der Löwe warf die beiden stärksten Jünglinge um, übersprang mit einem Satz die höchste Einzäunung von Kassangis Gehöft, einen Eimer Palmwein soff er in einem Zuge, nachher schritt er gerade wie vorher. Kassangi gab ihm die Tochter; der prächtige gelbmähnige Löwe setzte sich neben sie. Mutiyamba erschrak, als das aufgrollende Untier ihr Mann geworden war. Aber sie war stolz über seine Kraft.

Tags darauf feierten sie Hochzeit in Kassangis großem Haus. Der wilde Hund Kri hatte sich nicht vor den Häuptling gewagt, als der gelbe Löwe erschien. Nun kauerte er im Saal neben dem jungen Löwen, der sich nicht wohl zwischen den Menschen an der Tafel fühlte. „Du kennst die Sitten hier nicht, Löwe. Du mußt den Brei zu dir herüberziehen, wenn du essen willst“, flüsterte der Hund herauf. Hintatzte der Löwe nach dem großen Napf, in der Mitte des Tisches, schlang ihn herunter. Die Gäste, die zulangen wollten, blickten betreten vor sich. Kassangi, der Häuptling, ließ sich nichts merken, befahl einen neuen Napf. Er nahm, schob ihn vor die Tochter, den jungen Bräutigam. Kri lauerte auf den Hinterbeinen: „Du bist Bräutigam. Du mußt Geschenke machen. Jedem Gast mußt du zur Erinnerung einen Löffel Brei in die Hand schütten.“ Der Löwe wischte sich das Maul, erhob sich, drückte sich den großen Napf vor die Brust, und die Tafel abwandernd goß er jedem Gast einen Löffel Hirsebrei auf die Hand oder klatschte ihn ihm plump vor die Brust. Die ersten hielten still, die nächsten warteten nicht. Sie liefen vor die Tür, platzten ihr Lachen heraus, schüttelten sich über das Untier, das zaghaft zu ihnen herübersah. Finster runzelte Kassangi auf seinem Platz die Stirn. Die Gäste ließ er säubern; die von draußen hereinrufen. Stumm verlief das Mahl. „Eine alberne Gesellschaft“, flüsterte Kri, als sie allein saßen, „du mußt dich nicht daran stoßen. Sie sind neidisch.“

Der Brautzug fuhr durch das Dorf. Neben Mutiyamba saß der prächtige Bräutigam auf dem bändergeschmückten Ochsenwagen. Man blies vor und hinter ihnen und trommelte. Sie kamen vor Kassangis Haus, wo der Häuptling mit seinen Frauen stand und winkte. Einen Satz von rückwärts auf den Wagen machte der wilde Hund, kletterte auf die Planke zwischen dem Paar: „Mutiyamba, dein Bräutigam ist so finster. Streichle mich, liebkose mich, ich bin sein Freund. Das wird ihn erheitern.“ Und sie umarmte Kri, küßte seine Schnauze, blickte ihn zärtlich an. Im Zug kicherte man, Kassangi erschrak. In seinem Zimmer nahm der Löwe rasch den Hund beiseite. „Wie hast du es gemacht, daß dich Mutiyamba, meine Braut, geküßt hat. Sie hat mich noch nie geküßt.“ „Sei nicht traurig Löwe. Tu ihr nichts. Ich will dir das Geheimnis verraten, aber du versprichst zu schweigen. Sieh her, ich habe mir beim Laufen einen Vorderfuß verstaucht. Das hat sie gesehen, Mutiyamba die Schöne. Sie ist so mitleidig, so zart. Da hat sie mich Armen gestreichelt und geküßt.“

Kassangi mit den Gästen erwartete den Bräutigam zum Trunk. Da hinkte der junge Löwe, der starke prächtige, zur Tür herein. Hinkte rechts, hinkte links. Und wie er bei Mutiyamba stand, quollen ihm die Tränen aus den Augen: „Ich habe mir die Beine verrenkt, beide Hinterbeine, gestern als ich dir zu Ehren sprang.“ Er blickte sie kläglich an. Sie zog das Brusttuch über das Gesicht, flüsterte beschämt dem Vater etwas zu, huschte, ihre beiden Mädchen hinter sich, aus dem Saal. Die qualmenden Männer rümpften die Nasen, schnitten spöttische Mienen, spuckten in die Luft. Da bot der Häuptling dem Bräutigam den Krug: „Trink, Löwe. Meine Tochter Mutiyamba, das schönste Mädchen, ist dir zugefallen. Wir wünschen dir Glück. Du hast keinen Kaufpreis zu zahlen. Deine Füße werden wieder heilen. Aber Geschenke wirst du ihr machen. Das ist Sitte bei uns.“ Der Löwe auf der Matte nahm den Trunk, verbeugte sich stumm vor dem Häuptling, stieg hinaus. Er wanderte durch das Dorf, in die Steppe, Kri hinter ihm. „Löwe, was läufst du so weit? Du mußt doch hinken, sonst erbarmt sich die Braut deiner nicht. Hinke hinter mir her ins Dorf zurück, gleich, damit der König sieht, wie demütig du bist, obwohl du Schultern wie Berge hast, wie der arme Liongo sang.“ „Und was soll ich ihr schenken, ihr und dem Vater Kassangi?“ „Daß du darüber nachdenkst. Zeige nur nicht, daß du reich bist, sonst ist er und das ganze Dorf beschämt. Bring ihm keine Antilopen, sonst fürchten sie sich vor denen. Was läufst du überhaupt so weit in die Steppe. Mach am Boden hier – deinen Kot hin. Ja deinen Kot. Ich will ein Körbchen aus Gras flechten, da tun wir den Kot hinein. Die Körbchen trage ich vor Kassangi und Mutiyamba. Sie haben gesehen wie stark und schön du bist; sie müssen deine Demut sehen und daß du sie gar nicht beschämen willst.“ Der Löwe setzte sich neben dem Feldrain in einen Acker Jams und preßte seinen Kot aus. Der Hund wühlte Jamsknollen aus dem Boden, die Zehen wie ein Menschenfuß hatten, raffte Blätter zusammen, schichtete den warmen Kot über Blätter und Knollen, glättete ihn, bedeckte ihn gegen Fliegen. Dann flocht er zwei Graskörbchen, hob den geschmückten Kot hinein, spazierte ins Dorf. Hinkend, den mächtigen gelben Kopf senkend, folgte der Löwe, stieß ab und zu einen jämmerlichen Ruf aus. Würdevoll knurrend betrat der wilde Hund die Halle Kassangis. Auf seinen Wink blieb der Löwe am Türpfosten, schielte hinein. Die Körbchen überreichte Kri mit strengem undurchdringlichem Ausdruck. In Weinen brach Mutiyamba aus. Vor dem Löwen, der sich ihr zärtlich näherte, floh sie. Der Häuptling warf das Körbchen von sich. Lächelnd und bescheiden anschleichend verneigte sich der Löwe. Unsicher setzte er sich auf seinen beschmutzten Platz. Saß noch allein, als Kassangi und die Gäste die Halle verlassen hatten.

Sie berieten draußen, was gegen den Löwen zu tun sei, der so stark war und dem die Braut schon zugesprochen war. Bewaffneten sich mit Speeren, wollten ihm sagen: er müsse nach Sitte dieses Dorfs noch einmal die Probe bestehen, und dann am dritten Tag noch einmal, um zu zeigen, daß ihm kein Zauberer beigestanden habe. Sie dachten, er würde das Spiel bei seinen kranken Gliedern verlieren. Den Hund Kri, der unter ihnen war, überhäuften sie mit Schimpfworten wegen seines Freundes. Er redete gewandt, warf hin, es werde alles zu ihrer Zufriedenheit ablaufen, zeigte ein gelehrtes geheimnisvolles Wesen: „Die Weisheit, wo sitzt sie? Im Auge? Nein, im Kopf. Herr Kassangi weiß das jetzt. Er wußte es nicht. Ich, Kri, bin nur ein Küchlein, aber man braucht mir das Scharren nicht beibringen.“ Die Männer waren erstaunt über seine Klugheit. „Warum seid ihr betrübt, liebe Herren? Hoffnung ist die Säule der Welt. Auf dem Grunde der Geduld ist der Himmel.“ Sie sollten, verwies er sie, ihren Plan jetzt nicht ausführen. Er bat sie im Vertrauen: er werde den Löwen besiegen. Sie schüttelten die Köpfe: „Er wird bezahlen, wenn die Vögel Zähne bekommen.“ Aber Kassangi reichte dem sehr würdigen Kri die Hand.

Und als am nächsten Tag Kri und der Löwe ihr Zelt verließen, war der Löwe erstaunt, wie alle sich vor Kri verneigten, Platz vor ihm machten, ihn selbst aber nicht beachteten und das Gesicht verzogen. „Du siehst, Löwe, was in meiner Macht steht und wer ich bin.“ „Kri, wie hast du das angestellt. Ich bin dein Freund, du wirst mich nicht im Stich lassen.“ Der Hund zog ihn zwischen zwei Zelte. Da stellte er sich hin, zuckte zappelte mit seinem Leib. Verwundert der Löwe: „Was machst du?“ „Merkst du nichts? Hör, jetzt, hör einmal.“ Der Löwe trat näher: „Ich höre nichts, ich höre nichts, Kri.“ „Du mußt auf meinen Bauch hören. Alle hören es. Darum verneigen sie sich vor mir. Ich habe über Nacht bewirkt, daß mich alle wie einen König begrüßen.“ „Was hast du gemacht?“ „Du hörst es noch nicht.“ Der Hund zappelte, sprang weiter hoch, „aber du wirst es bald hören, dein furchtbares Brüllen hat dich schwerhörig gemacht. Ich habe ja eine Glocke in meinem Leib.“ „Eine Glocke.“ „Eine klingende Glocke. Bei jedem Schritt schlägt sie an. Darum verneigen sie sich vor mir.“ „Wo hast du die Glocke her, Kri?“ „Kassangi, lach nicht, Kassangi, dem hab ich sie selbst gestohlen. Er weiß es noch nicht“ und Kri kicherte, der Löwe brüllte freudig mit, „nun habe ich seine Glocke im Leibe und er merkt es nicht. Drei, vier habe ich ihm gestern gestohlen. Die Häuptlingsglocken. Noch drei hab ich. Aber zeig mich nicht an. Ich vertraue dir.“ „Ich habe dir vertraut, du kannst auch mir vertrauen.“ „Nun wollen wir weiter gehen.“ Aber der Löwe hielt Kri zurück: „Sag mir, Kri, könntest du mir auch die Glocke einsetzen.“ Kri zuckte die Schultern, tat mürrisch, wiegte zweifelnd den Kopf; der Löwe werde die Schmerzen nicht aushalten, wenn man ihm die Glocke in den Leib versenke. Der Löwe bettelte: „Oh doch“, versprach ihm hohe Ehrungen, erklärte, er gebe die Glocken, die zwischen den Zelten standen, nicht zurück. Da ließ sich Kri herbei, nachdem sie sich geschworen hatten, sich gegenseitig nicht zu verraten. Er versprach heute nacht mit einigen Vertrauten die Glocke in den Bauch des Löwen zu versenken. Und beglückt zogen sie auf die Dorfstraße.

Mittags im Zimmer erklärte Kri, der sich schon siegesgewiß spreizte, dem die schöne Mutiyamba zulächelte: der Löwe müsse ihm vor Nacht noch einen Beweis seiner Widerstandskraft geben. Der Löwe fand sich zu allem bereit. Und als man zu Tisch in der großen Halle Matten ausgebreitet hatte und mit Perlschnüren und Brustgehängen beim Fleisch saß, verlangte Kri von Kassangi eine glühende Eisenstange. Dann mußte der Löwe, seine Angst verbeißend, sich Kri nähern. Ein zorniges Bellen ausstoßend schlug Kri ihm das heiße Eisen über die Hinterbeine. Nur einen kleinen Augenblick heulte Entsetzen verbreitend der Löwe, sperrte den Rachen gegen den Hund, der zur Tür huschte, dann zog er den Leib krumm, lächelte fade unter Schmerzen winselnd gegen Kri, der langsam näherkroch. Die Gäste, Kassangi und seine Tochter, sahen den beiden mit Staunen zu.

Von diesem Augenblick an war das Gesicht des Löwen verändert. Die Zuschauer bei den Spielen in Bedford sahen es. Sie fühlten sich tief berührt. Sie wußten nicht worin die Veränderung lag. Ihnen selbst war dieser Löwe ähnlich geworden. Wie ein Städter wackelte er hilflos mit dem großen Kopf, schnaufte nach wenigen Schritten ohne Atem. Seine Füße zitterten: grauenvoll und besorgt blickte er nach allen Seiten. Und der Hund war nicht mehr Kri. Er trug eine rote Kappe, von der goldene Bänder über Ohren und Hinterkopf herabhingen, die senatorische Kappe.

Still hockte der Löwe auf der Matte. Man bot ihm zu essen an. Er blickte mit schlaff hängenden Lippen nur auf Kri, der ihn ansah. Da schlang der Löwe gequält und wieder lächelnd seinen Teil herunter. Höhnisch boten ihm die Gäste mehr. Er wollte sich zurückziehen, um seine Schmerzen auszubrüllen, wollte trinken, hatte furchtbare Trockenheit im Rachen. Aber über den kleinen Krug hinaus bot man ihm nichts. Man spielte, speiste lustig, beachtete ihn nicht. Und bevor man aufstand, flüsterte Kri wieder mit Kassangi. Ein Diener brachte die glühende Stange. Der Löwe sah sie nicht, dumpf lag er über seiner Matte. Da schlug das Feuer auf sein Vorderbein. So brüllte er, so warf er aus dem Rachen sein Donnerrollen, daß im Augenblick der Saal geleert war. Er wollte springen. Er konnte nicht. Da erst erinnerte er sich, daß dies eine Probe Kris war. Er biß sich die Zunge, schielte um sich, lahmte zur Tür, sank platt hin. Die Gäste näherten sich lange nicht. Kri wischte seitlich herein, horchte auf das Stöhnen des Freundes, das Flüstern: „Kri! Kri! Nicht böse sein. Komm näher. Ich war nicht vorbereitet. Es ging so plötzlich. Sonst hätte ich nicht gebrüllt. Ich hätte es nicht getan. Verlaß dich drauf! Kri, verlaß dich drauf!“

Dies war eine Stelle im Spiel, wobei die Hörer in Wut gerieten. „Verlaß dich drauf, Kri. Hund, Hund!“ Drohten um sich, ihre Augen funkelten. Manche weinten.

Kri ließ sich herbei. Die Gäste vor der Tür sahen, wie der Löwe sanft den Kopf an dem elenden grauen Hund rieb. Ihre Angst legte sich, sie fingen wieder zu kichern an. Der Löwe beachtete es nicht, dachte an heute Nacht und die Glocken. Es waren auch Glocken, die im letzten Teil des Stücks ununterbrochen geläutet wurden. Unter den Gästen aber, die langsam mit Kassangi und Mutiyamba zurückkehrten, demütig vom Löwen begrüßt, der für seine Unart um Verzeihung bat, lachte einer nicht mit, der zarte arme Liongo. Ihm ging durch den Kopf: „Trüb ist mein Sinn. Die Fasern meines Herzens schwirren. Warum? Ich habe die stolze Nelke gesehen. Eine weiße Ameise zerbeißt zersticht ihre Wurzel. Die stolze Nelke ist bald hin.“ Liongo, wie es Abend geworden war und die Gäste mit dem frechen Kri schmausten, trat in das dunkle Gemach des Löwen, verneigte sich vor ihm. Der empfing ihn freudig in seiner trauervollen Einsamkeit. Der Löwe erkannte in Liongo den jungen Sänger des Häuptlings, der das Lob der schönen Mutiyamba in der Steppe Menschen Tieren Bäumen und Seen verkündet hatte. Er schüttelte seine Hand. Nicht zu viel hätte er verkündet von Kassangis Tochter; er sei ihm wohlgesinnt. Liongo strich ihm die Mähne: Ob er sich nicht wohl befinde. Er brachte ihm zwei Krüge kalten Wassers, in die der Löwe wonnig grunzend die Pfoten steckte. „Man hat nicht wohl an dir getan, Löwe.“ „Oh“ schüttelte der das Haupt, schwieg dann, denn er erinnerte sich seines Versprechens. So sehr Liongo in ihn drang, sich ihm zu offenbaren, der Löwe ging nicht aus sich heraus. Er zeigte dem jungen Menschen mit Lächeln und Worten seine Dankbarkeit. Er werde nicht vergessen, wie schön Liongo die Braut gepriesen hatte, wies geheimnisvoll auf die kommende Nacht hin.

Da wagte Liongo von Kri deutlicher zu werden, tuschelte: was Kri wohl jetzt täte, wer jetzt bei der schönen Mutiyamba säße, sie streichele, welcher schlaue schmutzige Steppenhund, der in Schluchten neben Fledermäusen Wespen Schakalen schnüffele. Der Löwe grunzte gleichgültig, zog dann die Stirn zusammen, blickte seitlich auf Liongo. Der gab nicht nach, warnte vor Schelmen. Versunken der Löwe: er wüßte, was er selbst gesehen hätte. Er hielte sich nicht für klug, aber Kri sei sein Freund. Da fragte Liongo bitter, ob sich der Löwe auch töten lassen würde, wenn Kri es befehle; gebrannt hätte er ihn schon, gelähmt hätte er ihn schon. „Proben, Proben“ murmelte der Löwe. „Was will er mit dir probieren, Löwe?“ „Was mir Freude und Ehre bringt.“

„Er wird dich beseitigen. Mutiyamba will er. Für ihn habe ich nicht gesungen.“ „Ach meine Braut“ sonnte sich der Löwe „ich nehme alles auf mich für sie.“ „Morden wird er dich.“ „Gib mir Wasser. Morgen redest du anders.“ Weinend ließ ihn Liongo im Dunkel.

Mit Sehnsucht erwartete der Löwe den wilden Hund. Finsternis. Die verging. Der Löwe drehte sich um. Mit einer Fackel stand Kri da. Flüsterte an der Tür, ohne sich zu nähern: „Löwe! He! Wie geht’s, Löwe?“ „Gut, Kri. Ich erwarte dich. Komm doch herein.“ „Ich komm schon. Wo sind die Glocken?“ Der Hund taumelte, hatte lange mit dem Häuptling und den Gästen pokuliert. Lallte: „Da sind sie ja. Die lieben Glocken. Wird eine schöne Sache werden. Wird alles gehen wie geschmiert. Was meinst du, Löwe? Tun dir noch die Pfoten weh?“ „Nicht sehr.“ Kri lachte schrill: „Siehst du, wie es ging. Herrlich. Die Stange genommen, hupp, auf die Pfoten: eins hupp, zwei hupp, drei hupp!“ „Da stehn die Glocken.“ Kri kraute ihm rülpsend die Schulter: „Halt still, mein Söhnchen. Liebes strammes Söhnchen. Wir werden alles machen.“ Und er sang: „Mutiyamba, Mutiyamba. Kein Baum trägt Früchte wie du Kleider trägst. Wer dich ansieht, Mutiyamba, muß die Augen schließen, aus Sehnsucht nach dir, als säße er vor einem Topf mit heißen Dämpfen.“ „Was singst du von meiner Braut.“ „Kein Baum trägt so viel Früchte wie sie Kleider trägt. Ihre Beine sind feine feine schlanke Kupfernadeln. – Kommt herein zu mir, hupp, ihr lieben Freunde.“ Er wirtschaftete im Raum, legte Stricke hin: der Löwe sah ihm beklommen zu.