Part 18
Als sie am folgenden Vormittag und den Nachmittag nicht eingestanden, gab er sie den Kriegern am Abend zum Mord frei. Man hat von diesem Mord im Ausland nichts gehört, nur nach Hamburg sickerte es durch. Es ist Tatsache, daß an diesem Abend auf dem europäischen Kontinent wieder Menschenzähne Menschenfleisch zerrissen und Menschenlippen Blut tranken. Das Rasen der Krieger um die Gefangenen, die sie sich zu entreißen suchten, war beispiellos. Die Tötung wurde lange hingezogen. Die afrikanische Durchflutung des europäischen Blutes wurde deutlich. Aus zertrümmerten Schädelschalen tranken Krieger, Männer und Frauen, noch am nächsten Tage. Unter den benachbarten Horden wuchs mit der Kriegswut ein wollüstiger Drang, der sie schwächte und Marduk veranlaßte, andere Methoden gegen die lebenden Gefangenen anzuwenden. Es ist sicher, daß sich damals der Konsul Marduk, der als grauer matter Mann aufgetaucht war, verjüngte. Er ließ die Gefangenen fesseln. Die Lebensmittel waren zu strecken, Krieger, wo es anging, hatten auf die Äcker zurückzukehren. Den Horden und Häuptlingen gab er Kenntnis vom Stand der Dinge und gab ihnen Auftrag: da wo sich Hunger einstellte, sollten sie sich Nahrung holen. Der Hauptteil seiner bewaffneten Wache ging an die Grenze.
Es waren nicht alle Flüchtige aus den Mekifabriken, die Marduk fesseln und töten ließ. Nahe der Horde Lorenz lag in der Nähe von Ülzen an der Ilmenau die Truppe Jan Lubbocks, und nördlich davon, in der Gegend des alten Bewensee, die stark mit Weibern durchsetzte Truppe der Angela Castel, einer stillen harten Frau, die zu den Liebhaberinnen der Balladeuse gehört hatte, der Marion Divoise, von der es hieß, daß Marduk sie in Liebesscham zum Fenster hinausgeworfen hatte. Die hellbraune glattgescheitelte kleine Castel war die einzige Frau, die sich in der männlich verwandelten märkischen Stadtlandschaft unter den Führern hielt, sie, die sich und ihre Truppe mit Tannenzweigen an der Brust schmückte und verbitterte Frauen unter sich versammelt hatte. Spott lag auf dieser Schar; man ließ sie gewähren. Sie hielt die Flüchtigen aus den Mekifabriken mit Stolz bei sich. Und als klar wurde aus Bewegungen südlicher und östlicher Gruppen, daß der gehaßte Marduk gegen sie etwas im Schilde führte, brach sie los. Sie schuf sich erst Platz durch einen Angriff auf die Hamburger im Norden. Dicht an Lauenburg drang sie heran. Gegen die Hamburger wandte sie zum erstenmal ihre eigenen Fernwaffen. Zuerst den Wolkenbläser. Dies war ein Vergaser, der eine schwere schwarze wie kohlegesättigte Luftmasse von sich gab, die sich auch unter Wind kaum vom Boden und der eingeschlagenen Triebrichtung entfernte. Ohne giftig zu wirken und zu schädigen, hüllte die schwarze anschwebende bodenentlang kriechende Wolke jeden Menschen Gegenstand Baum Weg Berg Wagen Pferd dicht ein, so daß augenblicklich alles, was in ihren finstern Bereich kam, genötigt war halt zu machen, von tiefer Angst erfüllt. So dick war die Schwärze, daß Menschen, die sich bei den Händen berührten, sich nicht sahen, daß sie Auge an Auge drängend in Nacht hilflos dastanden.
Das Unheil, das unter den Gegnern entstand, als die erste Wolke, die sie für giftig hielten, bei Lauenburg am Boden in undurchdringlichen meterhohen Schwaden bauchig sich vorwölbend gegen sie anschwoll und sie überwogte, sie versenkte. Fahrende Wagen suchten zu entkommen; schrill und dumpf stießen sie Warnrufe aus. In Nacht vorrasend fuhren sie gegen laufende irrende stehende Menschen, rannten an Bäume Häuserwände auf, wuchteten zerschmetterten aneinander. Pferde auf den Weideplätzen brachen los, galoppierten hell und heiß wiehernd, warfen Menschen nieder, stürzten Stufen herunter, bissen entsetzt nach anderen Tieren, nach schlagenden Menschen, an Baumstämme, die vor ihnen nicht auswichen. Die Menschen, wo sie betroffen wurden, in Häusern auf Straßen auf Wiesen suchten zu entkommen. Liefen, riefen sich an, faßten sich, sahen sich nicht, tasteten blind weiter. Dann rasten Tiere und Wagen unter sie. Sie warfen sich hin. Wo sie ein Erdloch fanden, krochen sie hinein. Auf Geräusche lauschten sie nach allen Seiten, um zu wissen, wohin sie flüchten sollten. Und wie sie ruhig anhielten, in die Nacht gebannt, hatte sie die feindliche Truppe gefaßt. Wie man Sand in einem Sieb schüttelt, wurden sie von den Feinden ergriffen, mit Kugeln und Geschossen von oben und den Seiten durchlöchert. Blitze ließ man durch sie laufen. Einen brennenden, einen tötenden Augenblick war Licht unter ihnen.
Vor Lauenburg schickte die hellbraune Castel gegen eine dichtbesiedelte truppenbesetzte Landschaft einen Flußlauf. Das Wasser der Elbe, breit fließend, viele Meter tief in die Erde eingegraben, erhob sich wie abgerahmt aus seinem Bett, übersetzte in meterbreiter Ausdehnung den baumbestandenen steingefaßten Uferrand, stäubte spritzte hin wie unwillig, dann heftiger, schwemmte brauste mächtig wogend in die wiesen- park- straßenbezogene Landschaft. Flach ausgebreitet wälzte sie sich südwärts in die offene Heide ein. In die Häuser Zimmer, durch die Fenster sprang der Strom, Menschen Geräte Tiere Zäune aufhebend. Gärten Ställe Fabriken demolierte er, unablässig weiter schwellend, getrieben von der bald lautlosen bald orkanartig heulenden gegen das Flußbett gerichteten Gewalt, die das Wasser angefallen hatte. Man erfuhr später, daß Frauen der Gruppe Castels im Besitz der Erfahrungen waren, die bei der Insel Jan Mayen in so ungeheure Erscheinung traten und einen neuen Abschnitt in der Bezwingung des Wassers darstellten. Die Elbe war abgeschnitten bis zur halben Tiefe durch die sprühenden vergasenden Ketten, die ins Wasser tauchten aus starr überhängenden Drähten. Sie floß flach unterhalb dieser Sperre. Jenseits der Sperre aber wuchs sie wie geschleust mauerartig hoch, überlief, die schwere schlammwälzende Elbe, das Land, füllte es klatschend.
Die Castel legte um ihre bis zur Elbe vorgebrachte Truppe einen Verteidigungsgürtel mit Fernwaffen, wartete die Wirkung ihres Vorgehens auf Marduk ab. Wie der bei Ülzen stehende Jan Lubbock und Lorenz, über die Tat der schweigsamen Castel entsetzt nach Zimbo suchten, erschien der schwarze schmalköpfige Zimbo bei Lauenburg, fragte die Castel, die ihn kannte, nach ihren Absichten. Die gab ihm zurück, sie werde genau das tun, was sie erreichen könne. Er wollte bei ihr eintreten, die weiteren Operationen leiten. Sie lehnte ohne eine Miene zu bewegen ab. Zimbo röchelte einen Augenblick in Wut vor ihr, dann schlug er sich auf die Brust, nahm ihre geschlossene Hand, als sie lächelte, wünschte ihr Glück. Während die Castel sich um Lauenburg befestigte, hielt Zimbo Lorenz und Lubbock in der Gewalt, daß sie davon absahen, sich der gefährlichen Frau anzuschließen. Sie taten, was der schlaue Mann vom Kongo ihnen vorschrieb. Lieferten die siebzig Flüchtigen aus den Mekifabriken nach Berlin an Marduk ab, der sie zu den übrigen tat, versteckten ihre Waffen, gebärdeten sich unterwürfig gegen den grauen Konsul und den Senat. Der graue hohe Marduk legte sich wieder die Waffen an, die er im Beginn seines Konsulats trug. Die Wache des Ratsgebäudes und um ihn verstärkte er um Hunderte. Der schwarze schweigende Lucio Angelelli bezog seinen alten Posten.
Das weite Land, das die Stadtschaft an sich gerissen hatte, überflog Marduk mit Angelelli. Die wieder vorstoßenden Brandwerfer der Lüneburger Heide sahen sie, die Flammen in Celle, das Wallen und Schwemmen der Elbe am Standort der verräterischen Angela Castel, im Land verstreut halb aufgelöste plündernde Horden, Ackerbauern, die sich gegen Nachbarn verteidigten. Warnende Nachrichten erreichten sie in Hannover: die verfemte Castel bereitete einen Angriff auf Berlin vor, Hamburg und England stünden hinter ihr. Ein weiblicher Bote von ihr kam in Hannover an auf der Suche nach Marduk; in einem kurzen Brief ermahnte die Castel den Konsul, seine Waffen niederzulegen und sich außer Landes zu begeben; sie sei nicht die einzige gegen ihn in der märkischen Landschaft. Das wußte Marduk. Es kam ihm nicht darauf an. Er war, und ebenso Angelelli, sein stiller schwarzer Gefährte, geschüttelt von einem heftigen Gefühl, als er das schneebedeckte Land sah, die Flächen, die schon zum Acker aufgebrochen waren, Menschen beim Bohren von Brunnen, niedergebrochene Häuser und Fabriken und hinter dem stummen sich bäumenden Land die westlichen Riesenstadtschaften, die eindringenden Flammenschießer in der Heide, die Überschwemmung bei Lauenburg. Wie von einem Blitz war er getroffen, als er dies sah. Ein Schmerz und Glück: sein Werk!
„Angelelli, du kennst die Castel. Das ist ein anmaßliches Weib, die nichts vorhat, als die verruchte Frauenherrschaft über uns zu verhängen. Ihr liegt nichts an dem Land. Sie versteht nichts. Noch weniger als die Londoner, die doch etwas ahnen. Aber wenn sie für nichts, für ihre dummen Pläne sich der Vernichtung durch mich und die andern aussetzt, soll ich mich beschämen lassen. Willst du dich beschämen lassen, Lucio Angelelli.“ Der legte seinen strengen Kopf nach rückwärts: „Ich nicht, Marduk.“ Marduk hob die Arme: „Und ich!“
Ein Teil seiner Wache flog ihm nach auf Hannover. Als Marduk sie sich westlich von den letzten Ausläufern der Stadt setzen hieß, wurde Jonathan bei ihm gemeldet. In einem qualmigen mit Kohle geheizten Raum einer halb abgebrannten Fabrik stand Marduk, den ruhigen ernsten Blick gegen den blassen weichen Mann. „Marduk, ich suche dich seit drei Tagen. Ich freue mich, dich zu treffen.“ „Auch ich, Jonathan.“ „Du fragst, was ich will.“ „Nein, ich frage nicht. Du kommst doch zu mir.“ „Ich will nichts von dir, Marduk. Ich habe früher nichts gewollt und will jetzt nichts. Ich möchte dich warnen.“ Jonathan verschattete sich die Augen mit der Linken. „Von der Castel war ein Bote schon bei mir.“ Der Blasse flüsterte: „Kann sein. Du scheinst dich nicht darum zu kümmern. Geh außer Landes.“ „Gehörst du auch zu den Täuschern?“ Der jüngere verstörte zitterte wenig, dann bezwang er sich, richtete sich auf: „Ja.“ Marduks Hände hingen schlaff herunter. Die Augen in seinem Kopf waren geschlossen. Er stand eine Weile, als ob er schlief. Wie er die Augen öffnete, stand Jonathan noch da. Der Mann, sein einziges Glück einmal, war drängend näher an ihn gekommen. Marduk schüttelte den Kopf: „Du sagst mir keine Neuigkeit, Jonathan. Willst du mich warnen vor dir?“ „Ich weiß, daß du keine Furcht vor mir hast.“ „Nein.“ „Ich warne dich. Geh außer Landes.“ Marduk faßte den Jungen um die Brust: „Du willst mir das anbieten? So erbärmlich denkst du von mir? So fremd bist du mir?“ „Ich muß es tun.“ Marduk hauchte wie gelähmt: „Ein Täuscher. Es lohnte nicht, daß ich ein Wort an ihn verliere. Die Castel ist frech. Er, seinen Namen sprech ich nicht aus.“ „Marduk, ich hasse dich ja nicht.“ „Sitzt du bei deinen Maschinen gegen mich? Geht es dir gut dabei. Jonathan. Aber leb wohl! Du! Leb recht herzlich wohl.“ „Mir nützt es nicht, was du sagst. Darum kam ich nicht. Ich warne dich, Marduk! Wir sind viele.“ Marduk grimmig: „Laß mich los. Sprich nicht mehr zu mir. Ich verachte mich, wenn ich dich sehe.“ „Marduk.“ „Weg, weg! Es schüttelt mich. Daß du mir unter die Augen trittst! Daß du es wagst. Warum? Das heißt nicht, mich vor dem Tod bewahren. Du hast doch eine Geliebte. Geh zu ihr.“ „Ich will dir sagen, Marduk: erst hast du meine Mutter getötet, ich bin dir gefolgt, dann mußte ich von dir gehen. Ich warne dich jetzt. Schmäh mich nicht.“ „Sag mir du, bist du gekommen, um mir das von deiner Mutter zu erzählen? Weil es deine ganze Armut, Jonathan, deine ganze Trostlosigkeit enthüllt. Du hättest um deiner Mutter willen jetzt schweigen sollen. Von deiner Mutter hättest du nichts sagen sollen. Ich weiß, sie hat dich mit mir verbunden. Sie ist jetzt – gegen dich!“ Jonathan faßte sich an den Hals, wie gewürgt stöhnend, die Augen waren ihm vorgetreten: „Sprich nicht weiter, Marduk.“ „Ich spreche schon nicht. Warum erlöst du mich nicht? Warum gehst du nicht.“ „Ich habe mich schwer hergezogen, Marduk. Ich habe mich gewunden und geschämt herzukommen. Ich habe um dich und durch dich grenzenlos gelitten, Marduk. Du weißt es. Ich hänge an dir. Ich kann dich nicht loslassen. Ach ich warne dich, Marduk. Stirb nicht und stirb nicht mit meiner Hilfe. Ich bitte dich, flieh. Ich flehe dich an, hör auf mich. Ich flehe. Ich flehe. Marduk.“
Der wandte ihm den Rücken. „Du wirst außer Landes gehen, Marduk?“ Lucio Angelelli trat neben Marduk. „Du wirst meinem Rat folgen, Marduk? Gib mir eine Antwort.“ Dessen Augen blickten auf den Hauptmann. Der griff von hinten Jonathan um den Leib, schleppte den wimmernden aufheulenden schlagenden vor die Tür, warf ihn auf die Treppe. Ein zuspringender Krieger lähmte den Hingestürzten durch einen Kolbenschlag. Marduk, selbst vor die Tür tretend, wehrte dem Krieger, der zurückwich.
Wieder wurde der Konsul, wie er am nächsten Tage die Wache beging, verzaubert von den Schneefeldern. Über Ruinen legte sich der endlos rieselnde Schnee. Hing weiß an Vorsprüngen und Kanten der Gemäuer wie ein Vogelnest, wölbte sich zum Balkon, floß Stufen herunter, überlagerte in einem breiten leichten Schwung Mauerreste Treppen Erdboden. Die Flocken stiebend vom grauen Himmel. Verschüttete Bäume Häuser Wege. Der Anblick rührte Marduk, wie er im dicken schwarzen Lederumhang neben dem Hauptmann ging, heftiger und heftiger: „Es ist die Frage, Angelelli, ob wir feige sein wollen und unsere Zeit abwarten oder ob wir standhalten. Ich will deine Antwort nicht herausfordern. Ich habe keine Lust noch irgendetwas abzuwarten. Ich bin vollkommen da.“ „Sie müssen uns das Land aus den Zähnen herausziehen.“
Angelelli ordnete für die Horde eine Feierlichkeit an, die von England herübergekommen an die indianische Sitte des Medizintanzes erinnerte. Die dreißig kräftigsten Männer der Truppe suchte er aus; sie hatten einen nahgelegenen Berg zu umkreisen und zu überqueren, bis sie erschöpft zusammenbrachen. Zwei Tage und zwei Nächte gingen die Männer ohne Speise und Trank; ein großer Teil der Truppe lagerte, bald stumm, bald singend an dem Wege. Zwei Tage und zwei Nächte hatten die Führer vorgeschrieben. Kein einziger der dreißig Männer, die sich zuletzt schleppten und wanden, kaum die Füße hoben, mit stieren Blicken, die Köpfe hängend, sich über die weiße Fläche, selbst schneebeladen, vorwärtsschoben, keiner versagte unter dem letzten Schmettern der Bläser, dem Brausen des Männergesangs auf den begangenen Wegen.
Der schwarze Zimbo stand unbeachtet an einem dieser Wege. Grübelnd schlenderte er am Abend des letzten Tages davon, pfiff vor sich. Er schnellte mit den Füßen Steine hoch. Das war bei der Horde ein schönes Spiel gewesen. An den Yellalafällen hatte er so eins gesehen. Er lachte und knurrte vergnügt. Eine junge Birke faßte er mit beiden Händen an, bog den Stamm hin und her. Die Männer hatten schöne Muskeln. Und Lungen. Wie sie sich fortschleppten, als hätten sie einen Tritt ins Kreuz bekommen; aber es ging; sie machten es. Warum sollte man ihnen etwas tun. Er bog und drehte vergnügt an der Birke. Herr Delvil und die Brüsseler gingen ihn nichts an. Die Dicken in ihren Städten, die Dickköpfe. Sie wackelten mit den Köpfen, hatten Kürbisse oben; sie mußten behutsam laufen, sonst fielen sie ihnen herunter. Er kicherte: wenn ein Sturm kommt, fliegen ihnen die Hüte mit den Köpfen zusammen herunter. Sie müssen sich einen Haken am Kopf machen und eine Kette, damit sie ihren wiederfinden. Die Birke ließ er hin und her schießen. Welchen Grund hatte er, sich für die Glotzaugen und Kürbisse anzustrengen. Die Läufer gefielen ihm. Mit denen konnte man den anderen schon um die Nase blasen. Er trollte weiter in den Abend, rieb sich die Hände, sah sich nach der schmächtigen Birke um, die noch schwankte, nahm Steinchen zielte nach ihr, warf. Da war bloß noch Marduk. Er brüllte vor Vergnügen, warf eine ganze Hand Steine. Das war ein dummer verzagter Kerl. Den muß man umlegen. Das wird nicht schwer halten. Ladung auf Ladung gegen das Stämmchen.
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Marduks Ende begann mit dem Vorstoß der unbezähmten Castel. Offen zeigte sie die Fahne der Täuscher, die verhaßte westliche der brennenden Erde. Das halbleere von Hungernden Räubern Flüchtigen durchstreifte Land südöstlich Lauenburgs durchzog sie rasch. Ülzen, wo die intakten Horden Lubbocks und Lorenz’ sich gesammelt hatten, ließ sie in ihrem Rücken liegen. Sie war im Besitz von Brandwerfern, die sie den Hamburgern abgenommen hatte. Weder Boten noch Briefe liefen zwischen ihr und den beiden früher befreundeten anderen Täuschergruppen. Überall übte sie, durch das Schneegebiet wandernd, die Methode der schwarzen Einkesselung: Einhüllung der gefahrdrohenden Gegenden in Wolken, darauf Vergasung oder Veräscherung. Über Salzwedel stieß sie. Auf ihren Wegen zertrümmerte sie zweitausend Menschen, rechts und links hinschießend, die metallenen Stiere, das Zeichen der märkischen Revolution, die brüllenden bronzenen Wesen mit der aufgerissenen Flanke, die der blinde Konsul Marke aufgerichtet hatte. Zum Hohn umstellten männliche und weibliche Streifkommandos die Metallsäulen, warteten den Augenblick des furchtbaren langhingezogenen sich wiederholenden Klageschreis. Mitten im Schrei, im grausigsten Sterbelaut zerriß eine Granate den starren Riesenleib, warf zum Entsetzen, zum Abscheu der zugelaufenen Landbevölkerung Säulen und Erzstücke dumpfend auf den Boden. Das Sprengen der heiligen Stiersäulen fachte eine stumme Wut in den Umwohnern an. Ihre Tannenzweige breiteten Kolonnen nach der Zertrümmerung der Säulen über die Bruchstücke aus. Sie hätten schon, wenn sie nicht immer stürmisch abgerückt wären, schon eine Stunde später überall das Feuer an den Sprengorten sehen können, von den Holzhaufen, auf denen die trauernden Menschen die feindlichen grünen Nadelzweige verbrannten, nachdem sie inbrünstig, oft unter Weinen, die Bruchstücke aus Erz und Stein zusammengetragen und in den Boden vergraben hatten.
Zu ihrer Befremdung sah die sehr sichere kleine Castel, wie die Menschen, die sie zu kennen glaubte, vor ihrer Schar finster auswichen. Die durch Einzelläufer hingetragenen Worte von Befreiung und allgemeinem Zusammenschluß der westlichen Menschen fruchteten nichts. Sie erlebte dasselbe Erstaunen, das die Anhänger der alten Herrengeschlechter nach dem Tode Markes vor dem Einbruch Marduks erlebt hatten: der zuckende tiefe Widerwille der Masse vor den Apparaten, ihr zäher Hang an Markes Maßnahmen und seinem Weg. Die Bevölkerung hatte keine Möglichkeit, die Castelsche Horde anzufassen, aber in Irreführung auf Landwegen, massenhaften Einzelschikanen machten sie sich Luft. In der sehr männlichen Masse wechselte Spott auf die freche Weiberhorde der Castel mit Ausbrüchen der Erbitterung. Die Erinnerung an alte Weiberherrschaft lebte noch, reizte die vor den Pflug gejagten Männer aufs Blut. Die Horde der Castel, vorrückend, war wie von Spürhunden umgeben. Die Märker belauerten sie, warteten auf menschliche Beute. Die Frauen und Mädchen dieser Männer haßten die Castelschen Weiber am wildesten; blutgierig lauerten sie auf sie, griffen Zurückbleibende und sich Verirrende an. Zerschlugen sie, taten ihnen Schande an, sperrten sie in Ställe. In zynischer Weise vergriffen sie sich an jungen Geschöpfen, die kurz hinter Salzwedel, durch scheinbare Neugier der Umwohner verlockt, sich darauf einließen, vor ihnen zu sprechen. Kaum war der Hauptzug außer Sicht, warfen sich Frauen auf die Fremden, entkleideten sie vor den hohnlachenden Männern, zogen ihnen knappe Knabenhosen an, die in der Schamgegend geöffnet waren. Vorgebunden war da kein Feigenblatt, sondern eine derbe rote Rübe mit grünem Kraut. Die Hände wurden ihnen auf den Rücken gebunden; so mußten sie zu ihrem Hauptzug durch den Schnee. Und als ein Straftrupp zurückkam, die nahegelegenen Häuser verbrannte, da liefen hinter dem rückkehrenden Trupp, der keine Menschenbeute machen konnte, eine Schar Rinder her. Auf ihnen waren Leichen von gefangenen Kriegerinnen gebunden; den schamlosen Rübenschmuck hatte man zwischen ihre blanken Schenkel gepflanzt. Getrieben wurden die Rinder von zwei Frauen, die die Hände auf dem Rücken hatten. In kurzen Knabenhosen mit den schwankenden Rüben gingen auch sie, aber nicht stumm mit gesenkten Köpfen wie die früher losgelassenen: ihre Brüste waren entblößt, in einem Sack hatte man rechts und links an ihren Rumpf kleine wimmernde Schweine angebunden, deren Schnauzen hervorsahen und gegen die Brüste schnappten.
Die Castel wurde nicht unsicher gemacht. Bei Stendal näherte sie sich der Peripherie der alten Stadtschaft Berlin. Von zwei Seiten war sie belauert, von Marduk, der selbst bei Hannover stand, während sein Hauptmann die Hälfte der Wache in der alten Stadtschaft selbst befehligte, und vom schwarzen schmalköpfigen Zimbo. Und während noch der Hauptmann Marduks von Magdeburg heraufzog, um sie anzufallen, erschien Zimbo mit der Horde des Lorenz unerwartet bei Stendal neben der weit ausschwärmenden Horde der Frau, die sofort Halt machen ließ. Zimbo verlangte noch einmal offen die Führung bei der ganzen Aktion als Beauftragter des Völkerkreises. Dann führte er eine Unterredung herbei mit dem hellbraunen starken Weib, während er zugleich durch Ausbreitung seiner Horde die gegnerische zwang sich auszudehnen. Und wie die siegessichere Castel mit Zimbo verhandelte, ihren Tannenzweig in der linken Hand, wurde ihr Schicksal besiegelt.
Plötzlich, im Gehen und Fahren durch die knietiefen Schneefelder, war der Horde Castels, als ob alles vor ihnen und um sie auswiche umböge. Es war, als ob sie plötzlich in ein Element wie Wasser eingetaucht waren, in dem sie keine Fähigkeit, zu blicken und sich zurechtzufinden, hätten. Die in den schwarzen Rauch der Castel Gehüllten konnten, wenn sie sich Auge um Auge aneinanderdrängten, sich nicht sehen; jetzt hoben die Menschen, die Einzelläufer oder die in Gruppen, die hinter Wagen oder neben fahrenden Maschinen, Schnee auf, und die Hand, die den weichen kalten zusammenballbaren Schnee griff, – näherte sich ihnen nicht. Die Hand schien in Riesengröße ungeheuer weit entfernt. Sie zogen daran; ungeheuer und langsam, den halben Horizont bedeckend rückte sie näher. Etwas Schwarzes reckte sich vor den Menschen auf, die an den Apparaten standen. In den Himmel gewachsen waren sie. Die Menschen betasteten die Treppenstufen, die zu der Plattform der Apparate führten und die ein halbes Haus hoch schienen; mit mächtigen Händen konnten sie Stufe um Stufe angreifen, die Füße stellten sie, ängstlich, immer ängstlicher auf, sie konnten die Stufen hochsteigen und oben türmten sich die Apparate wie Kathedralen auf. Sie gingen am Boden wankend vorwärts. Sie hatten das Gefühl, die Erde wiche unter ihren Füßen aus, riesig ragte ihr Kopf in die Luft; ein fremder schwarzer Riesenkopf schwankte zu ihnen her. Die Menschen stöhnten in fürchterlicher Bangigkeit, rieben und kneteten an ihren wie gequollenen Armen, an ihrem Kopf, glaubten, sie müßten an sich schieben, sich zurechtdrücken und zusammenrecken. Wie die Menschen in den schwarzen Wolken standen sie da oder warfen sich hin, hielten sich die Augen zu. Sie riefen einander zu, hörten, daß andere in der nächsten Nähe waren, aber wagten nicht hinzuschauen. Und während sie lagen standen, entsetzt wieder zu blicken und schreiten versuchten, immer in Abgründe hinein, auf Felsgebirge hinauf, über Häuser her, liefen die Männer Zimbos, gegen die verzerrenden Lichtstrahlen geschützt, zwischen ihnen, stießen sie wie plumpe Hammel beiseite, nahmen ihnen die Wagen und Apparate weg, die sich an sie klammerten und brüllend um Gnade flehten.
Drei lange Stunden währte die Unterredung der hellbraunen Angela Castel mit den Führern der gegnerischen Täuschergruppe. Da trat ohne ein Wort zu sprechen der schlanke ernste Lorenz mit einer kleinen Zahl Männer in das Zelt der Castel. Die stand auf, wies die Männer hinaus. Lorenz, den Türausgang haltend, nickte Zimbo, der auch aufgestanden war, stumm zu. Da ging der Neger, der eine lose Pelzjacke trug, auf die befehlende stirnrunzelnde Frau zu, nahm ihr, die zurückwich und den Mund öffnete, den Tannenzweig aus der Hand, tat ihn mit zärtlichem Gebaren unter seine Jacke und knurrte lachend. Die Frau wollte zur Tür mit den anderen Frauen. Zimbo machte ihr selbst am Ausgang Platz. Die Castel schrie noch, warum ihre Wache, die versteinert schien, die Fremden nicht angriff, da stand sie neben Zimbo in der weißen Landschaft. Männer auf Männer zogen vorbei, schoben und trugen ihre eigenen Kriegsgeräte. Man trieb eine kleine Schar Frauen vorbei, die entgeistert blickten; allen waren die Hände auf den Rücken gebunden. Zimbo grinste; seine Leute hatten einigen schon das Rübenzeichen angesteckt. Angela Castel, tief erblassend, verbarg das Gesicht hinter ihren Händen.
Sie knirschte: „Du bist ein niederträchtiger Betrüger.“ „Was macht es.“ „Wirst du auch mich fesseln.“ „Ich weiß noch nicht. Ich werde wohl genötigt sein es zu tun.“ Sie atmete, die Hände herunternehmend: „Dann bitte ich, daß ich bald getötet werde.“ „Vielleicht wird das geschehn.“ „Ich will es selbst tun.“ Er wiegte den Kopf: „Überleg, Angela Castel, ob das gut für mich ist. Wie soll ich denn Marduk meine Ergebenheit und Treue beweisen. Ich kann es doch nicht besser, als wenn ich – dich zu ihm schicke.“ Sie sah ihn, vor Raserei vergehend, an. „Komm lieber ins Zelt, Angela Castel. Meine Leute sehen uns. Sie bringen dir vielleicht eine zudringliche Ovation. Sie haben noch Rüben übrig. Binde sie, Lorenz. Sei ruhig, Angela. Marduk wird mir sehr danken für meine sinnige Aufmerksamkeit.“