Part 24
Die Fliegenwedel bewegten sich vor dem König. Er riß die Augen auf, rief. Hinter den Federn wankte nach links und rechts sich wiegend in dem Gang ein alter Mann, eine große Strohmatte über Kopf und Leib, die nur seine Augen und seine Nase freiließ. Er hatte das Aussehen den Gang die Stimme des Zauberers des Königs. Wollte nicht näher kommen, obwohl Mansu es befahl. „Du bist krank, Mansu“ flüsterte er von weitem, warf sich hin aufs Gesicht. „Bring mir einen Trank, daß ich gesund werde. Sonst schlag ich dich tot.“ Der Zauberer flüsterte an der Erde: „Ich habe den Trank. Ich habe gewußt, daß du krank bist. Ich hab ihn mitgebracht. Hier ist er, an meiner Brust. Vor einer Stunde habe ich ihn im Tempel gemischt.“ „Gib.“ „Ich kann nicht.“ „Gib. Gib her. Ich schlage dir den Kopf ab.“ „Du mußt ihn am Wasser trinken, bei Sonnenaufgang, draußen am Tempel.“ „Gib ihn her. Ich will nicht draußen.“ „Komm“ lockte der Zauberer, der zurückgewichen war, „er wirkt sonst nicht.“ Prustend erhob sich der König, schrie Hilfe nach seinen Weibern. „Du mußt kommen“, flüsterte der im Strohmantel am Boden. „Die Sonne geht bald auf, der Trank verdirbt, du kannst sterben.“ „Warte, warte“ drohte Mansu stehend, fuchtelte vom Thronsitz heruntertorkelnd sein Sichelschwert. Der Zauberer lockte: „Komm, komm. Ich stell dir den Trank hierher. Neben die Tür. Hier. Du kannst ihn sehen.“
Da war Mansu die Stufe des Thronsessels heruntergestolpert. Er raffte sich auf. Die schweren Riemen mit dem Prunkgehänge wollte er sich abreißen. Es gelang ihm nicht. Sein Arm verhäkelte sich in den Massen der Ringe und Ketten. „Hier steht der Trank. Neben der Tür. Beeil’ dich. Die Sonne geht bald auf.“ Der König ächzte, der Gang war zu eng. Die Löwenzähne rissen ihm seinen hohen Hut herunter, schlugen ihm vor den Mund. Er drehte sich zur Seite, er war zu dick, er kam nicht durch. Er brüllte nach dem Zauberer, nach seinen Weibern: „Ich kann nicht durch.“ Der Zauberer war verschwunden. Ganz lustig und leise summten sie hinter den Fellbergen die Hymne; sie klapperten; der König hörte es gern im Halbschlaf. Er rang mit den Massen der Tierfelle und Schwänze, die auf ihn niederrollten. Mit seinem Sichelschwert schlug er auf sie ein. Er focht mit ihnen. Immer neue fielen herunter. Er schob an ihnen. Der Trunk war da, die Tür war nicht weit. Er ließ sein Sichelschwert fallen. Die linke Hand war ihm im Halsgehänge gefangen; er bekam sie nicht ab. Da drang er wütend kreischend, mit den Beinen stampfend nach vorn vor. Mit dem Kopf wollte er sich durch die Berge wühlen. Er drehte sich um sich. Die schwere Masse der Giraffenschwänze rollte knatternd über ihn. Er machte sich frei, taumelte in einen Haufen getrockneter Bananen. Und wie er um sich griff, riß er die Riemen mit den Löwenzähnen und einen starken Elfenbeinzahn von der Decke. Die schlugen drückten auf ihn herunter. Sein Kopf wurde festgepreßt. Die Bananen zerpreßte sein Hals sein schreiendes Gesicht. Das weiche sämige Mehl quoll neben seinen Ohren hoch, rann in seine blasenden Nasenlöcher, stopfte seinen weit aufgerissenen Mund aus. Er schluckte, schluckte dran, spie, spie, wollte es mit den Händen wegräumen; die waren neben den Knien festgeklemmt, er fühlte sie nicht. Den Kopf warf er noch wie ein zappelnder Fisch hin und her. Dann überrieselte ihn das süße Mehl. Seine Kiefer standen still; der Krampf in seinen Augen ließ nach. Er erstickte zwischen den mehligen Früchten, in die seine tretenden Beine sich wie in ein Moor einwühlten. Seine Frauen fanden ihn nach Stunden, wie sie mit Flöten anzogen, völlig vergraben in der weichen zerwühlten Masse. Die Frauen, die Söhne priesen seinen Tod; sie weinten: es sei der Tod eines Königs gewesen.
Und die braunen Spieler holten den Erstickten aus seinem gelbweißen Sarg, stäubten ihn ab, stellten ihn auf seine Beine. Er stülpte sich seinen Riesenhut auf. Sie tanzten zusammen um den Hüttenbau herum, bliesen das Mehl fort. Der König war in einem Lachen, wie er auf seinen Fettbeinen tanzte.
* * * * *
Auf den waldigen Hügeln im Südteil der Stadtschaft London, bei Guildford am Wayriver, und bei Tunbadge, östlich davon, spielten sie. Viele kamen zu ihnen heraus. Bald zogen sie südlicher, ganz außerhalb der Stadtschaft. Im Westen der Stadt machten sich die kleinen von vielen geliebten Bühnen auf. Sie trugen die Possenstreiche des Hubeane vor.
Das waren Szenenreihen, bei denen die Spieler improvisierten. Der Knabe Hubeane zeigte seine Wunderlichkeit. Seine Mutter geht über ein Feld, den Krug auf dem Kopf. Da schläft in den Schoten eine Antilope, das kleine Tier. Sie nimmt einen Stein, erschlägt das Tierchen. Singend schlendert Hubeane an, schießt mit Schotenkörnern nach der Mutter. Sie schimpft. Er solle die Erbsen wenigstens essen, wenn er so junge Schoten abbreche. Da meint er erstaunt, deswegen schieße er ja nach der Mutter; er traue sich nicht Dinge zu essen, die nicht bei der Mutter gewesen sind. Sie gab ihm ihren Tragkorb, zeigte ihm die junge Antilope: „Hubeane, mein Kind, hilf mir die Antilope in den Korb legen. Und hole Schoten, damit wir sie ganz zudecken können.“ Er brachte einen Berg von Schoten, und ob man einem jungen Tier wirklich so viel Schoten geben solle. Die Mutter sagte, sie wollten das Wild damit bedecken. Sonst sähen es die Leute und nähmen es ihnen weg. „Trag die Antilope nach Hause. Und wenn du Leuten begegnest, die dich fragen, was du trägst, so sage: Ich trage meiner Mutter Schoten. Aber in deinem Herzen ist es eine Puti-Antilope.“ Hubeane nahm den Korb, wanderte los. Es kamen Leute, die fragten, was er trage. Er guckte einen nach dem andern an, lachte, lachte immer heftiger. Sie fragten, warum er lache. „Ihr habt wohl meine Mutter getroffen. Euch hat meine Mutter geschickt.“
„Deine Mutter ist mit einem Krug über das Feld zum Wasserholen.“ „Euch hat meine Mutter geschickt. Sie hat mir gleich gesagt, daß ich Leute treffen werde, die mich fragen, was ich in dem Korb trage.“ Und er schüttelte ihnen die Hände, freute sich über die Klugheit seiner Mutter. Die Leute gingen ihm aufmerksam nach: „Was trägst du in dem Korb.“ „Ich trage meiner Mutter Schoten. Aber in meinem Herzen ist es eine Puti-Antilope.“ Die Leute lachten; was der Junge für Zeug rede. Dann strichen einige Böse hinter ihm her, deckten die Schoten ab, sahen das junge Wild, wollten es ihm aus dem Korb nehmen. Er ließ es aber nicht zu. „Ich muß sie nach Haus tragen.“ „Trag sie doch zu uns nach Haus.“ Das wollte er gern. „So, jetzt habe ich die Puti-Antilope nach Haus gebracht“ seufzte er beruhigt und zufrieden, als er den Korb bei ihnen absetzte. Sie taten das Wild an den Spieß. Er durfte ein Stück mitessen, dankte oft. Eine Banane gaben sie ihm in die Hand. Seiner Mutter ging er entgegen: „Mutter, diese halbe Banane ist für dich, weil du so klug bist und alles vorausgewußt hast. Vielleicht, ja vielleicht gibst du sie mir aber wieder, damit ich sie den Leuten bringe. Sie ließen mich ja auch von der Puti-Antilope mitessen. Unsere Schoten, sagten sie höflich, schmeckten so schön.“
Man gab Hubeane Schafe. Er sollte immer an einem Stein sitzen, sie hüten. Einmal lag auf dem Wiesenplan ein totes Zebra. Am Abend trieb er die Schafe heim. Die Männer fragten ihn, wo er gehütet habe. Er dachte nach: „Heute – hab’ ich bei einem Stein gehütet, der lauter bunte Streifen hat.“ Die Leute lachten; einen buntstreifigen Stein gab es in der Nachbarschaft nicht. Am nächsten Morgen zog Hubeane wieder auf die Weide, setzte sich zu dem toten Zebra. Das war inzwischen angefault. Hyänen sprangen um den Kadaver. Und als der Junge abends nach Hause kam, sagte er, heute habe er am Hyänenstein gehütet. Die Männer wunderten sich, wie er spreche: gestern vom buntstreifigen Stein, heute vom Hyänenstein. Sie gingen mit ihm aufs Feld, fanden das faulende Zebra. Die Hyänen sprangen davon. Sie schüttelten den Kopf: „Was tust du, Hubeane. Das ist ein Wild, das gut schmeckt. Wenn du es liegen siehst, und es ist gefallen, so mußt du rasch Zweige abhauen, damit es keiner wegnimmt, damit es der Geier und die Hyänen nicht holen. Und dann lauf rasch nach Haus und schreie. Schreie. Wir kommen dann und holen es.“ Der Junge spitzte den Mund pfiff dankte. Und wie ein kleiner lahmer Vogel vor seinen Füßen sprang auf der Weide, setzte sich Hubeane auf ein Schaf, den schweren Stecken in der Hand, trieb es mit Gejohl auf das Vögelchen, Motantasana genannt, zu. Das Wild wollte er erlegen. Aber das Schaf wollte nicht rennen. Da trat ihm Hubeane in die Weiche, sprang ab, warf eine kleine Grube auf, versteckte sich hinter Laubwerk, das er abgebrochen hatte, und drang brüllend vor auf das lahme Vögelchen, das in die Grube hüpfte. Hubeane stieß ein Triumphgebrüll aus. Er stand schreiend vor der Grube, schlug blind hinein, schaufelte Erde mit den Händen in das Loch, warf seine Zweige hin, lief nach Hause. Aus vollem Halse johlte er: „Das Wild! Das Wild! Ich hab das Wild getötet. Mit eigener Hand getötet. Kommt. Tragen! Bringt. Tragen!“ Die Männer liefen mit Messern an, die Frauen schleppten Körbe, liefen auf den Wiesenplan hinter dem stolz hüpfenden Hubeane. „Hier ist es. Hier liegt es. Unter den Zweigen. Da!“ Die Männer arbeiteten, Zweig auf Zweig räumten sie weg. Die Frauen standen mit Tragkörben, warteten freudig. Hubeane johlte, kommandierte: „Alle Zweige weg! Und die Erde müßt ihr wegraffen. Ich habe das Wild in die Grube gescheucht. Es hat mich nicht gesehen. Hinter dem Laub war ich versteckt. In die Grube hab ichs gehetzt, hab es erschlagen und erstickt.“ Und von der Erde, die sie wegräumten, fielen Steine um Steine. Hubeane haschte nach jedem Stein: „Das ist es nicht. Das ist es nicht.“ Das Vögelchen fiel. Er juchzte tanzte: „Da, es zuckt. Da ist es. Es lebt noch. Nehmt die Messer! Schlagt es tot.“ Die Männer ließen die Hände sinken. Sahen ihn an, wie er mit seinem Stecken sprang focht. Sahen sich an. Betrübt schlenderten sie zurück. Die Mutter nahm ihn beiseite: „Kind. Das ist ein Vögelchen. Das ist ja kein Wild. Wenn man ein Vögelchen fängt oder man hat es getötet, so sagt man gar nichts, ruft gar nicht. Man bringt es ganz still abends nach Haus.“ Er stand mit gespitzten Ohren: „Ich will es tun, Mutter.“
Und einmal kam ein großer Lämmergeier aus der Luft, warf sich auf ein junges Tier, Hubeane sah freundlich zu unter seinem Baume, wie der Geier das Tierchen packte und davonflog. Er lachte über das schreiende Lämmchen: „Warum schreit das Lämmchen. Jetzt fliegt es mit dem Vögelchen durch die Luft und schreit noch.“ Der Geier kam nachmittags wieder. Strich sehr nahe über Hubeanes Sitz. Da dachte der: „Ich fang ihn.“ Machte seinen Gürtel ab, hielt den dicken Stecken in der Hand, schlug zweimal dreimal auf den herunterstoßenden Geier, schlug ihn nieder. Dann band er ihn an seine Jacke. Der Geier an der Schnur fuhr hackend gegen ihn an, zerbiß ihm die Arme, riß ihm die Kleider entzwei. Hubeane kämpfte den ganzen Nachmittag, erschöpfte sich. Er hatte Mühe abends, mit dem Raubtier springend fallend und es niederdrückend, seine Herde nach Hause zu treiben. Die Hunde liefen bläffend um ihn. Kreischend empfingen ihn, der blutete, die Kleider zerrissen hatte, die Frauen am Eingang des Dorfes. Er, immer schlagend, keuchte stürzte: „Es ist nichts. Es ist nichts. Ein Vögelchen. Man darf nicht schreien. Ich hab es angebunden.“ Und ließ sich auch nachher nicht davon abbringen, als man ihm sagte, daß der Vogel ein Lämmchen davongetragen und ihn fast umgebracht hatte. „Das Vögelchen?“ Hubeane ließ sich staunend verbinden, betrachtete vorwurfsvoll seine Mutter.
Der Vater hatte seine bösen Streiche über, nachdem Hubeane ihn vor der Dorfgemeinde durch Übermittelung falscher Aufträge, durch Berichte von nie stattgehabten Vorfällen lächerlich gemacht hatte. Er suchte sich Hubeanes zu entledigen. Er nahm ihn auf einer Tigerjagd mit, versteckte ihn, als man das Tier umzingelt hatte, in einem ausgehöhlten Termitenhügel, hoffte, der Tiger würde gejagt in den Hügel stürzen und Hubeane zerreißen. Das gereizte Tier wurde gegen den Hügel gedrängt. Der Vater brüllte scheinbar entsetzt: „Hubeane, Hubeane. Der Tiger!“ Hubeane kam nicht. Auch der Tiger war in dem großen Bau verschwunden. Die Männer drangen nach einiger Zeit unter Getrommel gegen den Bau vor. Über und über mit Erde bedeckt zeigte sich da in der Öffnung des Baus Hubeane. „Der Tiger ist nicht drin, ich habe gewartet, daß er hereinkommen würde. Hab ihm auf der anderen Seite ein Loch gegraben. Und wie er hereinstürzte, sah er das Loch. Flitz, schoß er gegen das Loch. War hinaus.“ Er gab dem Vater und den anderen dankend die Hand: „Wie habt ihr schön gebrüllt. Hättet ihr nicht so gebrüllt, so wäre er in der Höhle geblieben und hätte mich gefressen.“
Der Vater ließ nicht nach. Trieb ihn aufs Feld, verkleidete sich als Fuchs, der Hubeane angriff. Aber Hubeane riß aus, lockte, ließ den nachsetzenden Fuchs in eine Mistgrube. Wie der Fuchs drin zappelte, rief Hubeane die Leute zusammen, schlug von oben auf das Tier ein: „Ein Teufel!“ Bis die Männer den halberstickten Mann mit Stangen herauszogen und der Sohn ihn streichelte: „Es war ein Teufel, seine Haut schwimmt da, er hatte dich verschluckt. Nächstes Mal schlage ich ihn ganz tot.“
Um die Zeit des Vollmonds kam das Ende. Da stellte der Vater, der sich vor Wut nicht halten konnte, eine Leiter an die Hütte, in der Hubeane schlief, blickte durch ein Loch in den finsteren Raum herunter. Ein gelbes riesiges Mondgesicht hatte sich der Vater vorgebunden, das verhüllte seinen Kopf und die ganze Brust. In den Händen hielt er verborgen ein Bündel Speere. Grimmig war der Vater; mühsam stieg er die Leiter hinauf, noch lahm von den Schlägen des Sohnes. Er murrte drohend: „He! Da unten! Herauf! Herauf! Hubeane!“ Der richtete sich zitternd im Stroh auf: „Wer ist da.“ „Der Mond vom Himmel. Willst du nicht kommen, mich anbeten.“ „Der Mond. Zu mir! Oh ich fürchte mich. Ich will ihn nicht sehen.“ „Komm, daß du mich siehst.“ Und wie Hubeane aus dem Stroh langsam ankroch, sauste die erste Lanze gegen ihn. Er fuhr kreischend zurück. Der Mond dröhnte: „Her zu mir! Willst du mich anbeten! Das sind meine Strahlen. Meine Strahlen. He! Heran. Sonst verschlucke ich dich.“ „Ich fürchte mich nicht vor dir, guter Geist. Gewiß nicht. Ich komme gleich. Ich hole mir nur einen Schirm, weil deine Strahlen so brennen.“ „Sie brennen nicht. Komm heran.“ Der Vater lauerte, lugte herunter, sah den Sohn nicht. Er blies durch ein Horn herunter, drohte: „Auf! Auf! Steh auf, Hubeane!“ Da fühlte er die Leiter unter sich zittern. Sie schwankte. Und wie er sich umdrehte, hielt ihn einer an den Armen fest, umschlang ihm von rückwärts den Brustkorb. Der Vater schrie: „Hilfe! Hilfe!“ „Schrei nicht, lieber Mond. Die Leute bekommen Angst.“ „Hubeane.“ „Du kennst mich bei Namen, lieber Mond. Du siehst alle, kennst alle Menschen aus unserem Dorf, alle Hühner, alle Hunde. Ich hab meinen Schirm nicht finden können. Kann dich nur von hinten betrachten; von vorn brennst du so. Geh solang in meine Hütte, bis ich meinen Schirm habe.“ Und hob den um sich schlagenden Mann auf der Leiter hoch, stürzte ihn durch das Loch in die finstere Hütte, riß ihm im Fall das Lanzenbündel aus der Hand. „Jetzt will ich Licht machen, lieber Mond, damit du meinen Schirm suchen kannst. Du liegst auf dem Gesicht. Ich leuchte.“ Und schleuderte Speer auf Speer senkrecht herunter, raffte Steine, schmetterte sie durch das Loch in die Hütte: „Hier neue Strahlen. Sieh jetzt! Kannst du sehen. Noch nicht. Noch nicht.“
Er holte sich vom Nachbarhaus eine Strohmatte, kehlte ächzte die Leute zusammen: „Der Mond ist in meiner Hütte. Ihr sollt ihn verehren. Nehmt einen Schirm mit. Die Strahlen sind scharf.“ Verwundert liefen sie aus den Häusern, mit Laternen und Fackeln. Hubeane winkte vor der Hütte: „Nehmt einen Schirm mit. Er liegt drin auf dem Gesicht. Der Mond. Durch das Loch ist er vom Himmel in meine Hütte gefallen. Wenn er sich umdreht, brennt er.“
Und wie sie in die Hütte eindrangen, an Hubeanes Possen gewöhnt, doch ängstlich, lag da angespießt, von Steinen zertrümmert auf dem Gesicht ein Mann in einer großen Mondmaske. Sie machten den Blutbegossenen los, wandten ihn um. Der Tote war Hubeanes Vater, die Brust durchbohrt, der Schädel zerbrochen. Hubeane stand stumm, ließ heulend geifernd den Kopf hängen: „Ach, mein Vater.“ Sie faßten ihn: „Du hast ihn totgeschlagen, Hubeane.“ Er zeigte die Zähne, schlug die Leute: „Es war der Mond. Es war nicht mein Vater. Wenn mein Vater lebte, würde er es euch bezeugen. Der Mond hat mich mit Strahlen gebrannt. Er wollte mich verbrennen.“ Die Männer wußten, wie die Sache verlaufen war. Hubeane hockte in der Ecke, zerkratzte sich die Brust: „Was wird meine Mutter sagen. Sie wird mich vor dem Mond schützen.“ Sie taten ihm, der nach ihnen die Fäuste hob, nichts mehr von da ab.
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Zu Spielen dieser Art, Tänzen, erregter Geselligkeit auf den Wiesen, in den Wäldern, erschienen große Massen aus den Städten. Teile kehrten nicht in ihre Häuser zurück, hielten sich erst tagelang in der Nähe der Spiel- und Unterhaltungsstätten auf, siedelten sich dann an. Hatten die Städte noch im Rücken, aber bewegten sich gefesselt in diesen Landschaften, in denen es Tag und Nacht wurde, von deren dunkelblauem Himmel nachts die wimmelnde Unzahl der Sterne herunterblickte. Sie sahen die früheren Siedler, Zügel in der Hand hinter Pferden und Ochsenwagen fahren, Vieh treiben. Die Felder waren gleichmäßig mit einer Waldung von Ähren bewachsen, aus denen die Menschen sich Brot machten. Immer das flache Land Forsten Seen Wiesen überflogen von dem stoßenden Wind. Regengüsse Wolken in der hohen Luft.
In der Londoner Stadtlandschaft herrschte während der Neuorganisation des Völkerkreises straffe Arbeitswirtschaft. Neue Fabrikanlagen wurden geschaffen, große Scharen von Arbeitern benötigt, wachsende Mengen von Monat zu Monat. Um diese Zeit war es, wo das Fluten der Menschen an die Peripherie und über die Grenzen hinaus zunahm. Im Londoner Senat wurde festgestellt: es sind nicht genug Menschen für die projektierten Anlagen da. Delvil sprach mit Empörung. Es sei beispiellos, was jetzt geschehe. Man füttere dreiviertel der Bevölkerung. Im Augenblick, wo man ihrer Kraft, nur teilweise ihrer Kraft bedarf, weigern sie sich. Es kam in dieser und den folgenden Beratungen zwischen Delvil, der empfindlich geworden war, und der breitschultrigen White Baker zu ernsthaften Zusammenstößen. Sie hatte, wie man argwöhnte, um die gefährlichen Bewegungen dicht an die Stadt heranzuziehen, ihre eigenen Liegenschaften Siedlungsgruppen zur Verfügung gestellt. Ohne den Senat zu befragen oder ihm Mitteilung zu machen, hatte sie die Förderung von wichtigen Erden und Kalksalzen aus ihren Gruben untersagt und den Mekianstalten Schwierigkeiten gemacht. Sie verteidigte die Untätigen, die durch die lange Muße schlaff geworden wären; man könne sie nicht im Moment umschaffen. Delvil brauste: sie seien nicht schwach, seien erbärmlich, ohne Gefühl für das, was der Gesamtheit nottue.
Und seiner Macht und Kraft gemäß beschloß der Londoner Senat, wie er erklärte, im Bewußtsein seiner Verantwortung für die westliche Menschheit, die an neue Aufgaben heranginge: der Senat fordert die ganze Bevölkerung auf, am Wiederaufbau der durch Krieg und die allgemeine Resignation verfallenen Stadtlandschaft mitzuarbeiten. Man müsse ein Vorbild, ein fortreißendes Beispiel den andern Gliedern des neuen Völkerkreises geben. Hinter den Stadtschaften, die schon aufgerichtet seien, dürfe man nicht zurückstehen. Treulose und Entartete müssen wissen, daß der Senat über Machtmittel verfügt. Der Beschluß wurde von allen Senatoren unterschrieben bis auf die White Baker, die damals zum letztenmal im Senat erschien. Man trauerte nicht hinter der Eigenbrödlerin; nur Delvil war besorgt.
Mit Spott und Grimm wurde die senatorische Verfügung aufgenommen. Agitatoren Priester Landsiedler, in die Stadt eindringend, nahmen höhnend den Beschluß vor: „Was faselt der Senat von Verantwortung an der westlichen Menschheit. An welche Aufgaben soll die westliche Menschheit geführt werden. Man hat vielleicht in den Laboratorien eine Handvoll neuer Erfindungen, die an den Menschen exekutiert werden sollen. Der Uralische Krieg ist ergebnislos verlaufen? Wer das sagt! Er hat ein Ergebnis gehabt! Herrengeschlechter, senatorische Gewalten, Völkerkreise haben ihre Ohnmacht bewiesen. Und sie glauben, man hat es vergessen. Konnten es mit Marduk nicht aufnehmen, obwohl sie Waffen hatten und ihn hätten ausrotten können. Aber wagten es nicht. Hätten die Auswanderer nach Yukon und Alaska zerschmelzen und zerblasen können. Aber haben die Yukon- und Alaskamänner gelassen! Warum? Weil sie im Innersten gelähmt sind. Das Gewitter wird mit Hagelschlag und Donner auf sie fallen. Was können sie als drohen, ihre Angst verbergen!“
White Baker ließ dem Senat erklären, sie verzichte auf die senatorischen Rechte, die sich aus ihrem Besitz und ihrer Herkunft ableiteten. Sie hatte die Ratschenila bei sich. Die amerikanische Kommission war noch in London. Delvil äußerte in Unruhe, die Kommission möchte abreisen. Aber die Fremden sahen mit Vergnügen die Schwierigkeiten der Europäer, die Träger des Gedankens an einen neuen Völkerkreis waren. Sie gingen nicht einmal, als Delvil sie vernachlässigte. Der alte Klokwan sprach mit Neuyork: London werde niemanden zum Völkerkreis zwingen; die herrschenden Geschlechter Londons hätten Gelegenheit, ihre Kraft zu zeigen; man könne sie jetzt dabei beobachten.
White Baker, die nicht mehr junge Frau, schien gebrochen. Den Verzicht auf den Senatsitz, die Übergabe ihrer Liegenschaften an die Spieler und Siedler faßte man im Senat als eine träumerische franziskanische Handlung auf. Immer aber ging die kleine stolze elastische Ratschenila neben ihr, vorstehende Backenknochen, feurige dunkelbraune tiefliegende Augen unter schwarzen dünnen Brauen, pechschwarze Haare mit rötlichem Schimmer im Licht, die schlicht auf den Nacken fielen. Die Ränder der Ohrmuscheln vierfach durchbohrt; in den Löchern hingen Silberringe mit Federn Perlmutterstücken. Sie liebte ihr rundes Kinn rot zu färben, zinnoberrote Ringe um die Augen zu ziehen. Wo sie ging, trug sie über dem blauen Hemd, dem Oberkleid aus feinem gezackten Leder, eine bunte Wolldecke, ein breites Tuch, das sie bald um die Hüften, bald um die Schultern wickelte. Sie nahm nichts von den Schmuckstücken an, die ihr White Baker schenken wollte; nur hob sie der englischen Frau selbst einmal eine Perlenkette vom Hals, bat, sie behalten zu dürfen. Und lachte und drohte, als die Europäerin sie ihr freudig umlegte: man dürfe Perlen nicht leicht weggeben; man verliere etwas mit ihnen; sie sind versteinertes Wasser; in ihrer Höhle sitzen Geister, die von dem Menschen etwas mitnehmen. White Baker blieb aber glücklich; sie freute sich, ihre Perlen über Ratschenilas Brust zu sehen. Aus weißer Seide machte die Fremde für White Baker ein langes faltiges hemdartiges Gewand, hing ihr ein kleines Knochenstück von der Gestalt eines Krähenschnabels an einer Lederschnur um.
Nach Ashdown Forest, in den Bergen südlich der Stadtlandschaft, zog White Baker und die Ratschenila. Eine kleine Menschengruppe wohnte hier. Sie trugen oberhalb des linken Schuhs auf dem Strumpf oder am bloßen Knöchel schlangenförmige Metallringe, nach denen sie sich die „Schlangen“ nannten. Diese Schlangen suchten sich auszugleichen. Wie ihre Blicke hilflos staunend entzückt über Hügel, neu gerodete Äcker, Bäume liefen, wie sie sich in Arbeit erschöpften, so hatten sie angefangen sich selbst zu betrachten, einer den andern. Stumpf und mit überscharfer gereizter Erregung hatten sie in den Stadtschaften aneinander gehangen, kaum Mann, kaum Weib. Dann hatte sie das Wunder des Männlichen Weiblichen entzückt; sie waren, die „Schlangen“ in den Ashdownbergen, aus der Stadt gezogen, hatten sich zärtlich und ganz ohne Hohn offen das Zeichen der verführenden Paradiesesschlange angelegt. Sie hatten warme Hütten, aus Holz gebaut; die standen unter besonderer Hut der Schlangen. In denen trafen sich männliche und weibliche Schlangen, nackt und bekleidet, betrachteten sich, lagen sich in den Armen, berührten bestrichen einander die Haut. Auf hohen Blatt- und Heulagern, in Helle und Dunkelheit, erzitterten sie liegend in der tief geheimnisvollen Verwirrung, die ein warmer Leib in den andern warf. Und wie sie sich wanden, waren sie verschwunden, auf einer Reise oder Wanderung, wie sie sagten, von der sie seufzend wiederkehrten, liegend auf Blättern, in den Armen eines Menschen, der wie sie seufzte. Wegen dieser Wanderschaft ehrten die Schlangen einander aufs tiefste. Nichts wurde für heiliger von ihnen erachtet. In entlegener Forststille, abseits, standen die festgebauten Holzstätten, in die sich die Menschenpaare zurückzogen, die fühlten, daß sie auf die geheime Fahrt geschickt werden sollten. Wo ein Mensch ihnen begegnete, warf er Blumen Blätter hin, ließ sich von ihnen berühren.