Part 6
Dem aufkommenden einförmig strengen Massenideal konnten sich die Frauen am leichtesten unterwerfen. Damals forderte niemand Milde. Erbarmungsloses Sichten und Ausscheiden wurde als selbstverständlich angesehen. Man vernachlässigte planmäßig den Schutz der Schwachen. Unglückliche wurden nicht bedauert, sondern verachtet. Das Humanitätsgefühl, das ererbt war, schwand. Überall blieben am Rand der großen Menschengesellschaften, in den größten Städten, Organisationen zurück, die, von Abkömmlingen der alten Herrengeschlechter geführt, es sich nicht nehmen ließen, Sieche Greise Kranke zu pflegen. Sie waren in vielen Landschaften, in manchen Jahrzehnten, verfemt, konnten sich nur unter Decknamen im tiefsten Dunkel am Leben erhalten. Und besonders das anströmende Volk war es, das diese Wohlfahrtsgesellschaften haßte, ihre Niederlassungen oft sturmartig vernichtete. Einzig am Glanz der Apparate teilzunehmen, ihre Kraft vorwärts zu treiben, beseelte die Menschen: hier gediehen die Frauen. Der schwächliche Typ der westlichen Frau verschwand. Die neu aufkommenden Frauen haßten nichts so als zarte Frauen, die die Wonne der Männer gewesen waren. Sie mißbrauchten sie, machten sie zu Dienerinnen, demütigten sie grausam, deren Art nach wenigen Generationen einging. Überall taten sich die Frauen beim Absterben der Familie zusammen, übernahmen die Initiative für den Schutz und die Aufziehung der Säuglinge und kleinen Kinder. Sie hatten die gleiche Sachlichkeit und Kälte wie die Männer, dazu größere Brutalität. Lebten in gewaltigen Kameraderieen, die sich über die größten Stadtlandschaften ausdehnten, saßen aber auch in den einzelnen Werken und rangen mit den Männern, die sich gegen die Frauen wehrten wie gegen andere Männer. Die Männergesellschaften, die sich dann bildeten, konnten an Kraft nicht mit den Frauenbünden wetteifern.
In diesen Bünden organisierten die Frauen den Dienst und die Verteilung der Geburten. Sie waren sich bewußt, welche Einbuße ihr Geschlecht durch Schwangerschaft Geburt Stillen der Kinder erlitt. Es hieß den Nachteil möglichst gering gestalten, die Fähigkeit der Frau, Kinder zu gebären, aus einer Schwäche zu einer Stärke zu gestalten. Die Frauen waren es, welche lange Zeit allein unter sich bestimmten, wer von ihnen und wie viele sich zum Gebärakt herzugeben hatten. Denn es war klar, daß man ebensoviel Kampfeinheiten verlor. Erst in diesem Augenblick wurde die jahrhundertelang diskutierte Frage der Menschenzüchtung beantwortet, gelegentlich der Lösung einer anderen Aufgabe. Die Frauen stellten sehr widerstandsfähige starke ihnen genehme Exemplare für die Kindererzeugung bereit, von denen sie erwarten konnten, daß sie durch Geburten nicht niedergebrochen wurden und daß sie kräftige Kinder bringen würden, an die nicht überflüssige Kraft vergeudet wurde. Die Einrichtungen, die die Frauen aller Kapitalen nach Absterben der Familien für die Mutterweiber schufen, waren die einzigen von humanitärem Anstrich und gehörten zu den großartigsten und bestgeschützten Gesellschaftserzeugnissen der Epoche. Allein die Frauen, und zwar eine lange Zeit die der Bünde, bestimmten und gaben bekannt die zur Vaterschaft geeigneten Männer. Früchte unbekannter Herkunft wurden rigoros vernichtet.
Hätte diese Epoche der westlichen Menschheit länger gedauert, so wäre die weibliche Vorherrschaft besiegelt gewesen. Denn die Frauen hatten es in der Hand, und erfaßten es rasch, daß nach Verfall des sanften Hin und Her zwischen Mann und Weib das Gebären der Kinder die furchtbarste Waffe gegen die Männer war. Frauen konnten zwar vergewaltigt, aber nicht zum Gebären gezwungen werden. Sie hatten es in der Hand, die Zahl der heranwachsenden Männer zu vermindern. In den Frauenbünden lebte schon der Gedanke, nur eine geringe Zahl männlicher Kinder am Leben zu erhalten. Sie hatten vor, das Andrängen fremder Volksmassen abzuwarten, dann diese Waffen gnadenlos zu gebrauchen. Man hörte schon aus nördlichen Stadtschaften, in die langsamer Fremde eingeschwemmt wurden, daß die Frau in den Senaten die Oberhand hatte, in ihrem Gebiet Vielmännerei durch ihre Geburtenpolitik erzwang.
Da machte das Übermaß plötzlich auftauchender Entdeckungen und Erfindungen, dieser so leidenschaftlich und streng von allen betriebene Fortschritt, allen Plänen ein Ende.
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Wilder als je erhob sich um das Ende des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts und den Beginn des neuen das Gespenst der neuen Erfindung, des vernichtenden Fortschritts. Erfindungen nahmen ganzen Industrieen den Boden, leerten wie ein Krieg ein Dutzend blühender Städte aus, die sich auf die Wanderschaft begeben mußten. Es war eine Wanderung von Völkern, derer sich die Nachbarstaaten annehmen mußten, falls sie sich nicht kriegerischer Überflutung aussetzen sollten.
Nichts ist an Wut zu vergleichen dem Kampf, der gegen die Erfindung des Lichtanstrichs geführt wurde. In dem dunklen Helsingfors wurde einmal das Geheimnis des Anstrichs von einem Mann gefunden, den das Fluoreszieren der Fluorite, Sodalithe, des Berylls nicht losgelassen hatte.
Frau Garner, deren Sklave er war, oder Freund oder Gehilfe, griff die schwärmerischen träumerischen Einfälle Tikkanens auf, mit scharfem Durchschauen. Zielbewußt arbeitete sie jahrelang, ohne Tikkanen davon zu sagen. Als sie Tikkanen in ihr völlig finsteres Versuchslaboratorium kommen ließ, aus einer Stahlbombe an der Tür die Wand neben sich anspritzte, und ohne daß der stumm und sanft wartende Mann einen Apparat sah, die bereitgestellten Gasflaschen gegen die feuchte Wand hauchen ließ, schwoll zu seiner maßlosen Verwunderung eine Helligkeit neben ihm auf, grünlich, dann rötlich, gelb, zuletzt ein Weiß, das alle Gegenstände Gestalt, Farbe annehmen ließ. Das Staunen des bezwungenen Mannes war grenzenlos.
Tikkanen erkannte nicht die Elemente der Erfindung. Erst wie die Frau ihm die Analyse der Spritzmasse gab, fand er sich zurecht. Ihm dämmerte schwermütig etwas. Er sprach es aus, als sie die Verbesserung und Vereinfachung der Methode überdachten: im Grunde schiene ihm die Entdeckung mit seiner Beobachtung am Strand der Insel Smölen zusammenzuhängen. Er lächelte dabei diskret. Sie hatte dies Lächeln schon lange erwartet. Sie ging mit ihm ohne ein Wort zu sprechen in den Versuchen weiter. Sie forderte ihn auf, die Verstärkung der Leuchtkraft beim Auftreffen der Masse auf pflanzliche oder tierische Gewebe zu prüfen. Die Hunde, deren sie sich bediente, reagierten, wie sie schon wußte; sie husteten ihn an. Der Mann überlebte die Hunde nicht lange. Nach einem Jahrzehnt war die Substanz fertig. Sie bedurfte einer großen Zahl geübter Sonderarbeiter und Sonderfabriken. Aber hebelte hundert Werke aus, die Licht Lichtträger Lichtfortführer erzeugten. Es war so geworden: niemand war vor Erfindungen sicher, die aus dem Hinterhalt auf die Menschen fielen. Wie früher Epidemien die Menschen verheerten, Städte ausrotteten, so jetzt das ruckweise Anwogen neuer Erfindungen. Werke Anlagen Städte Landschaften wurden auf Grund von Erfindungen von den überterritorialen, meist London–New-Yorker Konzernen hingestellt, die Menschen aus allen Erdteilen für den bestimmten Zweck ansiedelten. Bis ein neuer Fortschritt sie niederwarf verschwinden ließ. Die planende Industriegruppe zog sich von ihrer Gründung zurück; auf dem Kontinent aber wallten ziellos neue Hunderttausend. Wie sie drohend entwurzelt ausgehalten von den Nachbarstädten und Landschaften über ihren Boden fluteten, verlangten sie Schutz vor den Erfindern, oder wie sie sagten: vor den Konzernen.
Da griffen die örtlichen längst verblaßten Senate dies Stichwort auf. Sie kamen den Massen entgegen. Die Senate schworen, jeder Zertrümmerung der Stadtschaften durch fremde kriegerische oder technische Angriffe Widerstand zu leisten. Dann stellten sich die Stadtschaften, stolzer als je aufwachsend, auf eigene Beine. Die zertrümmerte Gewalt der großen Familien wurde neu gekräftigt. Die Stadtschaften mußten sich zum Teil nach rückwärts entwickeln, vielseitig arbeiten und erzeugen, um nicht durch einen Stoß umgeworfen zu werden. In den Stadtschaften bewegten sich die gezügelten Massen sehr ruhig. Sie durften brüllen: „Weg mit neuen Erfindungen!“ Dieser Haß war es auch, der den neuen Herren es erleichterte, die Zahl der zur Technik und Wissenschaft zugelassenen Menschen wieder zu rationieren und sich selbst zu befestigen. Die Senate ließen sich offen das Mandat geben, neuaufkommende Techniken zu prüfen und ihre Verwendung zu genehmigen. Die Stadtschaften hängten sich eng aneinander. Es bestand ein Ring der Stadt- und Landschaften. London, sehr aufmerksam, kontrollierte sie mit ihrem eigenen Einverständnis.
Die Herren der Städte aber, mit Volkszustimmung zu großer Macht gelangt, saßen hohnvoll hoheitsvoll da, Männer und Frauen, und lachten. Lachten, wie die Völker ihnen vertrauten; sie wollten gewiß helfen, daß den Städten nicht der Boden durch neue Erfindungen entzogen wurde. Lachten: „Wir werden euch nicht den Boden wegziehen lassen. Wenn Ihr nur wüßtet, auf welchem Boden Ihr steht.“
Es liefen damals Vertreter von Sekten und Kirchen in allen Landschaften herum, warnend vor Fortschritten, vor den schamlosen Weltkonzernen und ihrem zerstörenden Wirken. Sie warnten, wie sie wieder starke Männer und Frauen an der Spitze der Städte und Landschaften sahen, vor diesen Geschwistern der Melise von Bordeaux, den immer wiederkehrenden Bösen. Man könne nicht erraten, was die Macht, dieses höllische Untier, das diese überfallen habe, mit ihnen anfangen werde. Die Oberen strahlten. Gaben allen Sicherheit Beschäftigung Glanz.
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Mit dem Aufkommen der künstlichen Lebensmittelsynthese im sechsundzwanzigsten Jahrhundert trat ein beispielloser allgemeiner Umschwung ein. Es erfolgte eine Veränderung aller Lebensverhältnisse, zugleich die Nötigung, zu strengen ja strengsten Herrschaftsformen zurückzukehren. Der Gewalt dieser Nötigung konnte kein gutgemeintes Protestieren standhalten. Die aus den Massen Kommenden waren es, die am intensivsten die furchtbare Entdeckung betrieben und die Reaktion herbeiführten. Die führenden Senate hatten vehement die Arbeiten betreiben lassen; ihr Fortschritt stürzte sie in Verwirrung. Als die ersten glücklichen Resultate nach Jahrzehnten des Tastens vorlagen, erschraken sie. Ließen die Arbeiten erst unterbrechen, neu beginnen; dann hielten sie die Resultate zurück. Die Erfindungen durften nicht heraus, die Erfinder saßen in ihren eigenen Reihen. Jahrzehntelang lagen in den Laboratorien von Chicago und Edinburg die Versuchsanordnungen fertig, deren Ausführung katastrophale Wirkungen auf das Zusammenleben der Menschen üben mußte.
Man war nicht den Weg der einfachen anorganischen Zusammenstellung gegangen, sondern drang von Beobachtungen des pflanzlichen und tierischen Organismus aus vor. Die ultramikroskopische Beobachtung und Feinregistrierung an überlebenden Organen hatte nach ungeheuren Schwierigkeiten Fehlgehen, bei unermüdlicher Arbeit ganzer Bataillone von Chemikern Physikern Physiologen Klarheit geschaffen über die Umsetzungsvorgänge im lebenden Körper. Es hatte der größten Fortschritte in der Physik, im Bau der Ultramikroskope, der elektrischen Maßapparate bedurft. Von Alice Layard in Chicago, einer weißen Frau, einem Wunderexemplar der Menschheit, die von phantastischer Schönheit war, kamen entscheidende Anregungen, in der Registrierung, der automatischen Aufzeichnung von begleitenden mikroelektrischen und Wärmevorgängen in den Organzellen. Darauf lief die Zerlegung der komplizierten Aufbau- und Abbaumechanismen rasch ans Ziel.
Die Physiker und Chemiker emanzipierten sich vom Tier- und Pflanzenkörper. Man dachte längst mit Widerwillen und halbem Lachen an die Hungersnöte, die ein einziger dürrer Sommer über ganze Landstriche bringen konnte; diese absurde Abhängigkeit der Menschen von Hitze und Trockenheit. Diese Chemiker und Physiker haßten nichts so wie grüne Saatfelder Wiesen, die burleske Ansammlung von Viehherden. Wie aus früheren Erdperioden ragten noch in diese Zeit Schlachthöfe Wurstläden Bäckereien hinein. Bäckereien: das waren Dinge, die man auf altassyrischen Tontafeln meldete.
Der große Meki in der Stadtlandschaft Edinburg hatte das führende Laboratorium. In ihm arbeiteten zweihundert ausgewählte Menschen. Wer nicht mit belangloser Teilarbeit beschäftigt war, verließ das Gebiet jahrelang nicht. Meki, der dem Edinburger Senat angehörte, war vom Senat gehalten, die Bewachung seiner Gehilfen streng durchzuführen, bei Verdacht auch nicht vor Internierung sich zu scheuen. Man erzählte damals und später viel von der grünen Tafelrunde Mekis. Grüne gleichmäßige Kleider trugen die Männer und Frauen Mekis. Sie saßen zweihundert an ihren Tischen in dem großen Wohngebäude hinter den Instituten. Im selben Raum standen, in dem hufeisenförmigen Zwischenraum ihrer Tische, kleine Tafeln, an denen in violetten Kostümen Menschen aßen und tranken, die man Gäste nannte. Sagte man „Gäste“, so zog man, wenn man frisch in das Institut kam, leicht die Oberlippe zum Lächeln an; ältere runzelten die Stirn. Es waren die Menschenopfer, die man für die Versuche brauchte, sobald sie in ein gewisses Stadium getreten waren. Sie sahen aus wie die anderen; allmählich veränderte sich ihr Anblick, sie wurden durch andere ersetzt. Der Senat schickte aus der Stadt auf einen Hinweis die Menschen herauf, niemals unruhige ängstliche, noch Menschen, die Verdacht schöpften, sondern stets Beliebige, unter dem Schein der gewünschten Mithilfe und Einweihung in die Geheimnisse. Aber man weihte sie nicht ein, diese hundert Menschen, die sich wunderten, wie man sie täglich wog, ihre Körperwärme maß, sie in Gastzimmer tat; aber sie nahmen keinen Anstoß daran, denn sie sahen, daß auch die Grünen sich selbst untereinander so wogen und kontrollierten. Sie gingen in den Wäldern mit den anderen, liefen trieben Sport, aber immer wieder verschwanden welche. Sie kannten nicht das weit zurückliegende riesige Lazarett, das neben den Stallungen für kranke Pferde und Hunde tausend Betten für Menschen hatte. Denn so viel Leidende häuften sich von Zeit zu Zeit an. In Einzelräumen lagen sie; zu keiner Zeit sprach einer den anderen; und wer genesen war, wurde nach Chicago gesetzt in die Nähe der Station Alice Layards, die die Menschen unter Augen behielt.
Die Violetten Mekis kannten auch nicht den weiten sonderbaren Friedhof. Das waren in den Boden gebaute kleine Betonkeller, die hell zu beleuchten waren. Ging man die Treppe herunter, so stand vor einer tief ausgekehlten Wand eine Zahl von Kolben Gläsern Becken, die Öffnungen teils verschlossen, teils mit Hähnen versehen, durch die zischend Gasartiges ein und aus lief. Kleine Ventilatoren trieben surrend die scharf säuerliche Luft des Kellers durch ein Schornsteinrohr aus. Jedes Glas und Becken war signiert; angekettet an der Wand hing ein mächtiges Buch voller Eintragungen. Über ihren Tod hinaus wurden die Violetten verfolgt, die Veränderungen ihrer Organe nach dem Aufhören der Verbindung mit den andern weiter geprüft. Es wurde niemand den Grünen gleichgültig, wenn er starb und das verlor, was man oberflächlich seinen „Geist“, sein „Leben“ nannte. Aus den Speisesälen und Laboratorien stiegen sie auf den Friedhof, maßen weiter Wärme, entnahmen Flüssigkeiten, setzten Stoffe zu, regulierten die Gaszuführung, führten elektrische Ströme durch, jagten Strahlen durch die ruhenden Teile. Die Violetten wußten nie, was mit ihnen geschah. Sie glaubten zu leben zu essen zu trinken zu atmen wie die anderen. Aber sie aßen Scheinspeise, tranken Scheingetränke, atmeten Luft in ihren Zimmern, in ihren gut abgesonderten, verschlossenen Gastzimmern, die mit geheimen Substanzen gesättigt war. Was man ihnen vorlegte, im hufeisenförmigen Zwischenraum zwischen den plaudernden Tischen der Grünen, sah aus wie Braten, schmeckte wie Soße Wein Kuchen Kaffee Schokolade. Bisweilen und fast immer im Beginn war auch der Braten, die Soße da, Träger der Prüfstoffe. Später gab man nur Scheinnahrung: fleischähnliche Massen Gallerte, die gehärtet war oder leberartige Dichte hatte. Sie war angereichert je nach dem Versuch mit den Substanzen, die man prüfte.
Hier gingen, in den Wäldern Zimmern Sälen, die Violetten, die Gäste, junge Männer und Frauen aller Rassen, als wäre nichts. Bisweilen abends wurde einer geholt, ein Mann und eine Frau. Zwei drei der Grünen standen in der stillen Schlafkammer vor dem aufgerichteten Wesen, das seine bunten Kleider an den Boden geworfen hatte, fragten das Weib den Mann, ob es bereit sei eins seiner Glieder zu opfern. Das zuckte zusammen schrie, war im Moment narkotisch betäubt. Oder es senkte langsam, Blick um Blick mit den ernsten Grünen tauschend, den Kopf, sann und fragte zitternd. Es gab viele, die nicht schrien, sondern sannen und fragten. Sie erhielten jede Aufklärung. „Warum nicht, warum nicht?“ knirschte es zwischen den Zähnen „wenn es Euch nur gelingt“. Und sie gingen zwischen den Grünen in einer Auflockerung ihres Inneren, ganz schwebend und abwesend, weggetrieben durch die Korridore. „An mir soll’s nicht liegen. Zeigt, was ihr könnt.“ Und triumphierend überflogen sie, als hätten sie es selbst hergerichtet, die blendend erleuchteten weißgekachelten Beobachtungshallen mit ihren Blicken, die Tische, auf denen Apparate standen, die eigentümlichen Glaskästen, Särgen ähnlich, in denen Menschen und leinenbedeckte Gliedmaßen lagen, die sich bewegten, sonderbar die Finger spreizten, griffen. Freudig nahmen sie den Anblick auf. Es surrte rauschte um sie. Eigentümliche Hitze wehte überall, kam aus den Spalten der Glaskästen, in denen Menschen, von Röhren Drähten umgeben, von Flüssigkeiten umrieselt lagen, geschlossenen Auges, hell beleuchtet, deutlich die Brust hoben und senkten. Sie hatten selbst bald, glückgeschwellt wie sie waren, die entrückende Maske vor dem Gesicht.
Um sie, in gläsernen Schränken, in Kästen Wasserbetten, bei wechselnder Temperatur von Erdkälte bis zu hoher Wärme lagen auf Watte, schwammen in Behältern umhüllt und bloß, weiße und rote Organe und Organteile. Aus Standgefäßen floß ihnen in dünnen Röhren die ernährende Durchblutungsflüssigkeit zu. Sie rieselte auch in die Leiber die Muskeln der bewußtlosen schlafenden geöffneten Menschen, der Männer und Frauen aus Uganda aus Kapstadt London, wie sie herangetrieben waren. An alle, lebende Organismen, lebende Organe, durchpulste Organteile waren die beobachtenden Apparate herangeschoben. Die Grünen gingen hin und her, entnahmen Zellen, trugen sie in Schalen an andere Kästen. Die ungeheuer hohen Glaszylinder, in denen sich weiße rotgeäderte Därme an ihrem Gekröse langsam wurmartig bewegten, getrennt oder verbunden mit dem Organismus. Substanzen goß stäubte strich man auf sie, beobachtete die Verwandlung, die sie auf der triefenden Schleimhaut, an der dünnen Darmwand erfuhren. Die Schädel waren manchen der Menschen geöffnet, die behaarte Kapsel lag neben ihnen. In ein flüssiges warmes Bett war nach rückwärts das vorquellende pulsierende Gehirn gelagert. Dick zogen sich die blauen strotzenden Venen über die weißliche gefurchte Masse; sie war auseinander gezogen, Drähte und Röhrchen führten in ihr Inneres. Drähte und Röhrchen führten auch zu den Därmen, in das Blut, in die Leber. Mit blitzenden Metallapparaten, schickenden registrierenden, war alles verbunden. Auf Gummisohlen gingen Männer und Frauen mit schützenden Gesichtsmasken durch die Räume, in denen kein Laut gehört wurde außer dem gelegentlichen gesangartigen Stöhnen, das aus den Glassärgen kam.
Schwere Eisenwände, verschiebbar, trennten die gekachelten Räume von stark gemauerten, in denen auf Beeten Erdaufschüttungen Pflanzen, niedrige und hohe Bäume wuchsen. Auch sie waren umgeben von einem Wirrsal von Drähten und Röhren. Sie waren gespalten, angebohrt; in die Kronen Stämme Wurzeln führten Leitungen. Kühl waren einzelne hohe Säle durchweht; in anderen brütete die Luft; rote grüne phosphoreszierende Lichter lagen auf den Pflanzen.
In kleinen und unscheinbaren fabrikartig finsteren Seitenräumen und Kellern, in Bottichen, hitzeschwebenden Kesseln und Schranken geschah die Hauptarbeit dieser Anlage: die Nachahmung Nachbildung der beobachteten Vorgänge, erst mit reichem lebendigem Hilfsmaterial aus Tieren und Pflanzen der Nachbarräume, dann mit immer weniger. Die Hilfssäfte und Zellen wurden aufs äußerste eingeschränkt; es ging so weit, daß Meki sagte, er brauche zur Erzeugung einer Fettsorte, einer Eiweißgruppe, nicht mehr lebender Substanz als der frühere Bierbrauer Hefe zu seinem Getränk. In der Tat vermochte auch Meki nie ganz organisches Material auszuschalten. Und die Arbeit, die den ersten Schritt des Unternehmens in die Praxis bedeutete, war die Errichtung riesiger Hallen zur Konservierung und Züchtung bestimmten Zellenmaterials aus tierischen und pflanzlichen Leibern.
Zuletzt ließ sich der kleine langbärtige Mann, der ein skeptischer Philosoph war, Meki, der mit den Augen zwinkerte und wenn er jemanden sprach, seitlich zu Boden blickte, im Wald seiner Anlagen, entfernt von den Prüf- und Wohngebäuden, ein Haus errichten, das zum freudigen Schreck der nicht eingeweihten Gehilfen völlig den Charakter einer Fabrik hatte. Sie sahen die Apparate, die sie für die Organe in den Hallen der Lebenden und in den Friedhofshallen benutzten, antransportiert in die hundert zellenartigen Räume des Gebäudes; man schleppte Tonnen chemischer Stoffe an, stellte Gaserzeuger. Man sah, wie die Räume, Stock um Stock, eine Einheit bildeten, wie Substanzen, schlüpfend von einem Raum in den anderen, unter Wechsel der Temperaturen, einen Weg gingen, dort kürzer, dort länger verweilend, mit anderen gemischt geschmolzen gelöst sich veränderten. Das kleine, von Gärten und Mauern umschlossene Gebäude, das völlig fensterlos war und nur in einzelnen Zimmern Luft durch Röhren erhielt, das gegen Licht und Luft abgedichtete Haus war von einem Durcheinander schniefender blasender rumpelnder Geräusche erfüllt. Es knurrte, wenn man sich ihm von außen näherte, in allen Ritzen wie ein böses Tier; die gemauerten Wände waren außen zum Abschluß der Lichtstrahlung mit einer schwarzen zusammenhängenden Glasmasse überzogen.
Als in Chicago zuerst Einzelheiten der künstlichen Lebensmittelsynthese bekannt wurden, unter stärkster Erregung der Stadt, machten Neuyork und London alle angegliederten Staaten und Stadtverbände auf die Gefährlichkeit rascher Entschlüsse aufmerksam, warnten vor übereilter Herausgabe der Arbeitsmethode. Da Chicago aber schon selbständig vorgegangen war, auch Alice Layard offen erklärte, sie habe die Mittel in der Hand, um ganze Völker ackerlos und sonnenlos jahrzehntelang zu ernähren, so blieb nichts übrig, als die Gefahren der neuen Entdeckungen möglichst gering zu gestalten. Von Alice Layard wurde bekannt, daß sie an der Spitze der nordamerikanischen Frauenkameraderie stand. Sie war von ihren Verbänden auf die Furchtbarkeit der Waffen hingewiesen, die die Frauen sich schaffen könnten, wenn sie sich die Synthese reservierten; man wollte Alice, dieses kapriziöse Wesen veranlassen, die Arbeitsmethode zu verheimlichen und Chicago zum Zentrum eines Weiberstaates zu machen. Alice konnte sich den Triumph des Siegs über Millionen Männer nicht entgehen lassen; sie konnte nicht schweigen. Im Chicagoer Senat aber war sie dann bald allein neben den Männern. Das ertrug sie nicht. Sie verlangte ihren Einfluß in der Kameraderie wieder; die Frauen verfolgten sie aber mit Haß. Da leistete sie sich eines der Stücke, wie man sie viel von Frauen hörte. Sie trat in ihrer Kameraderie auf, redete dunkel davon, daß man sie und ihr Handeln jetzt mißverstehe, daß man später klar sehen werde. Darauf hörte man monatelang nichts von ihr. Im Bereich der Stadtschaft Chicago aber, nach der ein unerhörter Zustrom von Menschen stattfand, stellte sich bald Siechtum unter den künstlich ernährten Menschen ein. Meki wurde von dem Senat nach Chicago zur Aufklärung der Vorgänge berufen. Meki war ein ruhiger Mann, an rasches Handeln gewöhnt. Er hatte von weitem geglaubt, es handle sich um Beri-beri oder Skorbut; als er aber die Menschen auf den Straßen und in den Häusern sah, die Tausende, die von Zuckungen und Lähmungen befallen waren, wurde ihm klar, daß planmäßig an einer Diskreditierung des Verfahrens gearbeitet wurde. Die Giftstufe einiger Eiweißkörper wurde immer beibehalten. Beobachtend erkannte er Alice Layard, zu seiner Verblüffung, als die planmäßige Störerin der Arbeit. Er fand das schöne weiße scharfsinnige Weib traurig liegen in ihrer Wohnung; sie war verstört, versunken, nicht geneigt ihm Rede zu stehen. Sie war nicht getroffen von dem Unglück, das sie anrichtete, sondern von der rachsüchtigen Härte ihrer Geschlechtsgenossinnen, die sie auch jetzt zurückwiesen. Sie konnte sich nicht rein waschen; sie grub sich noch tiefer ein. Der benachrichtigte Chicagoer Senat, bestürzt und tief ergriffen, ließ das schöne Wesen, das großen Ruhm genossen hatte und der Stolz der halben Welt gewesen war, in ihrer Wohnung von fünf Negern totknütteln. Die Frauen schwiegen.
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Nicht wie einen Regen, den man aus einer Berieselungsanlage auf das trockene Beet fallen läßt, sondern wie eine Bestie, die man auf die Straße führt, mit eisernen Stangen rechts und links gehalten, so, zwingend fesselnd, ließen im zweiten Drittel des sechsundzwanzigsten Jahrhunderts die großen westländischen Stadtschaften die ungeheure Neuerung unter ihre Menschen hinaus. Senate, neue Herrenschichten wurden wie durch kein früheres und späteres Ereignis in diesem Moment zusammengeschweißt, zu Stein befestigt. Jetzt mußte man zur Erkenntnis kommen, wer man war. Vor aller Augen stand das großartige Beispiel Englands selbst, der weisen erfahrenen Führerin dieser Völkermasse, die den großen Meki behandelte wie einmal Spanien den viel kleineren Christoph Kolumbus: sie kerkerte ihn fast zehn Jahre in seiner Edinburger Anlage ein. Meki selbst legte, freigelassen und nach London zu einer Besprechung geladen, Hand an sich.
London faßte, daß man sich in den alleinigen Besitz aller Geheimnisse der Synthese und aller Anlagen setzen mußte und daß man damit in den Besitz eines beispiellosen Machtmittels kam. Während die Schwesterstadt Neuyork noch zögerte, hatten Londons ruhige stille Männer und lächelnde langsame Frauen schon Anlagen nach Anlagen in Wales und Cornwall errichten lassen. Und während die Senate der Kontinente die Verzögerungsmaßnahmen berieten, die Dosierung der Herausgabe an die Massen, gab plötzlich an einem bestimmten Maitag der Londoner Senat allen ihm direkt unterstehenden und befreundeten Landschaften die bedrohende Neuigkeit bekannt, gab bekannt die Zahl und den Ort der stark geschützten Fabriken, nannte den Namen des toten ruhmreichen Meki, dem der Senat zum Jahrestag seines Freitodes Säulen in allen großen Zentren zu errichten befahl.
Wie einen Schlag ließ der kühle Senat auf seine europäischen und afrikanischen Gebiete die Nachricht niedersausen. Er zeigte auf die sehr geringe Arbeitsleistung für den synthetischen Zucker Fette und Fleischmassen, ermahnte sich der Neuerung zu bemächtigen und äußerlich die von der Wissenschaft hergestellten Substanzen zu erfreulichen Genußmitteln zu machen; kündigte an, daß eine neue Ära in der menschlichen Arbeit beginne: dieser Triumph entlaste die nach Freiheit und Würde ringende Menschheit.