Chapter 20 of 48 · 3931 words · ~20 min read

Part 20

In dem starken Menschen war ein Wohlgefühl aufgebrochen: Freude an dem Land. Der böse Rest aus seiner Vergangenheit, Jonathan, einmal in schwerer dunkler nicht zu durchdringender Zeit, – niemand sollte daran rühren – sein Freund, war zu ihm gekommen, hatte ihn angespien. Ein Grabstein war darüber zu wälzen. Dieser Jonathan der sanfte schmerzliche, hatte zuletzt geglaubt, einen Giftpfeil auf ihn richten zu müssen, hatte die Elina geschickt. Einmal hatte ihn etwas zu dieser liebenden Frau gelockt; sie blickte ihn, wie die Horden sie auf der Straße aufgriffen und herschleppten, sonderbar zage an. Sie wußte nichts zu sagen, als er sie fragte, was sie wolle. Sie durchschaute offenbar das Spiel, zu dem sie der rachsüchtig triumphierende Jonathan mißbrauchte. Vielleicht hatte sie sich selbst dazu hergegeben. Wie böse dieser Jonathan geworden war. Ein Grabstein über Jonathan. Die Frau weg. Ins Gefängnis. Zu den anderen Weibern. Martern über sie.

Zu einem Zeitpunkt, wo niemand es erwartete, knüpfte der Konsul des machtvollen märkischen Stadtreiches Verhandlungen mit London an. Nach Frankfurt Bordeaux London ließ er Boten fliegen, die seine Bereitwilligkeit zu einem Waffenstillstand kundgaben. Er werde das Vordringen seiner Männer aufhalten, die Feindseligkeiten von drüben seien einzustellen. Eine zustimmende, fast freudige Antwort wurde ihm. Zimbo, erfuhr Marduk noch aus London, war nicht sicher in der Hand des neuen Völkerkreises. Wie Marduk seine Verhandlungen den Hordenführern bekanntgab, wurde er mit Stummheit und Widerspruch angehört. Mit Kälte erklärte er, er sei noch im Besitz seiner Garde und unüberwindlicher Apparate. Senat und Hordenführer vergaßen es ihm nicht.

Sie verbreiteten trotz seines Verbots die Nachricht von den Verhandlungen mit den Westlichen. Auch seine Worte gegen sie machten sie bekannt. Unerwartet erfolgten da geheime, dem Konsul bald nicht verborgene Besprechungen bei den Horden. Eine auffällige Zahl von Kampfspielen fand statt. Und dann ein Loswandern aus dem westlichen Gebiet, ein wachsendes spontanes Fortziehen aus dem Hannoverschen, eine um sich greifende Unruhe, ein panisches Strömen ostwärts. Marduk hatte eben erst Kenntnis von den ersten Abwanderungen der Horden und kleinen Gruppen nach Osten bekommen, da flossen Massen bis herauf zur hamburgischen Grenze wie eine Schneeschmelze auf Berlin zu. In einem Sturm, unter Verbrennen aller rückwärtigen Gebäude, Verschütten der Straßen, bewegten sie sich auf dieses Zentrum.

Eine Warnung zu Beginn der Bewegung kam von Angelelli. Er hieß Marduk sich seiner Wache versichern. Dann hörte die Verbindung mit Angelelli auf. Schwere Waffen mußten die Horden an sich gerissen haben. Marduk wollte mit einem Teil seiner treuen Wache auf Berlin fliegen. Die Avantgarde geriet an eine Strahlensperre. Es konnte Tage dauern, bis sie aufgedeckt war.

Wie Marduk aus seinem Flugzeug bei Hannover auf die nasse kalte Erde stieg, hielt an seinem Haus eine kleine unbekannte Reiterschar. Eine Zahl unberittener Pferde hinter ihr. Auf einem schmutzigen flankenschlagenden Pferd saß Angelelli, der schwarze Hauptmann, sprang ab, folgte Marduk ins Haus. Er drängte heftig mit ungewohnter Erregtheit Marduk zu fliehen. Ein großer Teil seiner eigenen Schwerwaffen hielte nicht mehr zu ihm. Marduks Fernwaffen und seine Wache sei, soweit sie nicht dicht um ihn sei, verloren. Der eigenen Leibwache Marduks sei nicht zu trauen. Der Besieger der Castel, Zimbo, der Schwarze, führe selbst Täuscherhorden. Dies sei nun erwiesen. Er zeige ein doppeltes Gesicht; gegen seine Krieger das eines Täuschers wie sie selbst, gegen Fremde das eines Freundes Marduks. Die Horden strömten Zimbo zu, der Marduks Verrat trompete. Die panisch verwirrten Horden lockte er an sich. Marduk solle fliehen. Draußen ständen Pferde. Er, Angelelli, fliehe.

In dem leeren abendlichterhellten Zimmer warf Marduk seinen schweren Ledermantel auf den Boden. Auch die Lederkappe mit dem Stierzeichen des Konsuls zog er ab und warf sie hin. Die Jacke knöpfte er sich langsam auf. Er atmete die Hitze seiner Brust aus. Dies hatte Jonathan gesagt, – mit einmal brannten die verschleierten Augen dieses jünglinghaften schrecklichen Menschen wieder vor ihm –: er solle fliehen. Die Horden zogen einen Reifen um sich und liefen diesem Zimbo in die Arme. Hart sah er an dem schwarzhaarigen Hauptmann vorbei: wohin er flüchte und wozu. Der, sehr leise, achselzuckend: wir können nur das Leben retten; sie müßten nach London. Da entließ Marduk den Hauptmann, nachdem er gefragt hatte, ob man bis morgen warten könne.

Kurz darauf, in der rasch niederfallenden Dunkelheit, wurde Pferdetrappeln und Gejohl vor dem Haus laut. Der Hauptmann klopfte an das Zimmer, in dem Marduk, sein Herz zerreißend, lag. Marduk möchte herauskommen, dies draußen sehen. Schnaufend, krank und lahm, mit halbgeschlossenen Augen schleppte sich Marduk an die Tür, ließ sich, wie gerichtet, kaum vom Boden aufsehend, ins Freie führen. Fackeln brannten. Es waren Männer einer Horde. Zwischen ihnen Pferde, die sie, wie Marduk sichtbar wurde, auseinanderscheuchten. Ein Strick wurde sichtbar zwischen den Pferden. Daran hingen ein paar Dutzend Weiberkörper. Langgezogenes Klagen Wimmern. Die meisten hingen stumm. Ein Kerl rief von seinem Pferd herunter: dies seien die letzten aus dem Gefängnis von Linden; sie seien mit der bloßen Hand, ohne Waffen, gefaßt worden. Ein anderer schrie: die Castel und die vom Konsul seien dabei. Die hingen in der Mitte, sagten aber gar nichts mehr. Marduk stöhnte, sein Gesicht eine tote Bitterkeit. Man solle die Kerls verjagen. Den Strick losmachen. Die Pferde weg.

Die Castel war tot. Man brachte nach einer halben Stunde auf den Gang ihre völlig zerbrochene und zertretene Leiche; sie war völlig ausgeweidet, der Kopf, zertreten, begann erst in der Mitte der Nase. Dann legte man drei Körper hin, die zusammenhingen. Die beiden außen waren tot oder sterbend. Ihre Rümpfe von innen mit ihren eigenen Kleidern zusammengebunden und verknotet; drin zwischen ihnen hing Elina, zwischen den weichen triefenden Massen eingekauert. Sie schrie, wie man die Körper trennte, das Bündel öffnete. Ihr einer Arm hing. Sie war blutbegossen, das Haar vor ihrem Gesicht und an Mund und Nase lehmig angebacken. Die stark gekrümmten Beine konnte sie nicht strecken.

Marduk im langen Schafspelz bloßhäuptig stand an der Tür, nahm mit weiten Augen Kenntnis von den Dingen in dem trüben Gang. Das war ein Zeichen der abziehenden Horden. Hohn, Hohn wollten sie ihm antun.

Elina wurde aufgehoben; von draußen liefen Männer herein, trugen sie fort. Bevor Marduk ins Zimmer ging, blickte er Angelelli an: „Ich habe gesagt: bis morgen. Nicht wahr?“ „Es wird morgen noch möglich sein.“

Im Mondlicht bückte sich nach Mitternacht Marduk über das Strohlager Elinas, neben der eine junge Frau wachte. Der pelzvermummte Mann betrachtete sie stumm, suchend, suchend, suchend. Er stöhnte auf dem Stuhl neben dem Bett; die junge Frau ging ins Dunkel.

Draußen klapperten die Pferde. Der Wächter gab ihm auf seinen Anruf ein braunes schweres Tier. Zwischen den Häuserreihen, die niedergebrannt, gesprengt waren, jagte auf dem Tierrücken auf und ab gestoßen Marduk. Im Norden der Stadt, auf einem Feld, das die Märker angelegt hatten, hielt er.

Sehr helles gelbweißes blankes gießendes Mondlicht durch die Luft auf den Boden. Neben dem braunen Tier ging Marduk. Stöhnte noch immer. Hätte er Täuscher werden sollen, hatte Jonathan recht? Die Täuscher siegten, England und Amerika siegten? Er griff in die kalte bröcklige Nässe der Erde. Legte sie sich beruhigend auf die Lippen, leckte daran. Das Pferd neben ihm, der Braune. Der Braune und er standen zusammen. Er war nicht verloren. Nicht er war verloren. Marduks Zähne knirschten. Sein Kopf wurde an den Pferdehals gedrückt. Dies alles Neueroberte, Land und Tier und Mondschein, hatten die Krieger stehen lassen. In Zimbos, eines gerissenen Betrügers, Netz liefen sie. Ah, die tobsüchtigen Apparate mußten weg. Ganz weg. Marduk schwang sich auf seinen Braunen und pfiff. Die tobsüchtigen Apparate mußten ewig weg.

Angelelli blieb noch einen Tag, suchte den Konsul. Abends floh er, westwärts, überzeugt, Zimbo hatte den Konsul wegführen lassen, Marduks eigene Wache hätte dabei geholfen.

* * * * *

Auf Wittenberg Stendal Magdeburg schoben sich die Banden. Zimbos Boten empfingen sie auf den Wegen, die von der Elbe herführten: der Konsul Marduk hat die Stadtlandschaft und die Sache der Mark verraten wollen; Angelelli ist flüchtig; er werde das Land beschützen.

Die Horden lagen mißtrauisch am linken Elbufer. Zimbo kämpfte in seinem Lager mit der stärkeren, schon kaum zu bändigenden Erregung seiner Krieger. Sie waren in Wut über die infame Behandlung, die die Castel bei Marduk erfahren hatte; Zimbo hatte sie ihm ausgeliefert; sie verlangten: Zimbo solle sein englisches Mandat ausüben und nicht länger hinter dem Zaun halten. Zimbo sandte Kuriere zu den Horden; dann erschien er selbst zu einer Führerversammlung bei Wittenberg. Den Hordenführern war der Kamm geschwollen, seitdem die schweren Apparate Marduks, die gefährlichsten des Kontinents, in ihrer Hand waren. Sie verlangten von ihm Beweise, daß er sie nicht verriet und sich ihnen unterwerfe, bevor sie sich mit ihm zusammentaten. Er flog, finster sinnend, zurück, bereit, seiner Truppe den Willen zu tun und sie rasch zu überfallen.

Da erfolgten in seinem eigenen Lager und im engeren Umkreis Berlins furchtbare Dinge. Eine teuflische Verräterschar schien es auf den Untergang der ganzen Stadtlandschaft abgesehen zu haben. Große Teile der Mekifabriken, sowohl leere wie eben wieder in Gang gesetzte, flogen in die Luft, wurden durch künstliche Blitze eingeäschert. Rätselhafte Überfälle auf Apparate innerhalb des Lagers fanden statt, mit gelegentlicher Vernichtung wichtigster Teile. Und dieses Unheil betraf sowohl Zimbo wie die Horden jenseits der Elbe. Es mußten Teile der Marduk treu gebliebenen Wache sein, Zimbo fürchtete in manchen Augenblicken, es war ein neuer und zuverlässiger Delegierter des Völkerkreises. Er ließ den Führern geheim sagen: der Völkerkreis wolle sie kirr machen, man müsse sich bald einigen. Inzwischen ließ er Jagd auf die Unwesen machen.

Aber Marduk selbst mit zwei Dutzend Ergebener leistete alles. Sie hatten Apparate Spiegelkleidung Blender. Marduk kämpfte für seine Sache. Er vertraute auf die Besinnung seiner Horden. England würde ihnen nichts antun, die Not würden sie überwinden. Er kämpfte mit einer ihn selbst durchschauernden Kraft. Die alten Namen Targuniasch und Zuklati, der makkabäerhaften Kämpfer früherer Jahrhunderte gegen die Apparate, wurden in ihm wach; er sprach sie aus. Jetzt erkannte er sie. Auf diesem Boden stand er. Ihm war, als wenn Schuppen von seinen Augen fielen. Wie ein Werkzeug, ein störrisch widerstrebendes, ein Hobel über einem Knollen und Baumstrunk hatte er sein Konsulat geführt. Alles war gut daran. Er hatte gelitten, nicht gewußt, wie wohl er tat.

Er dachte immer an die Menschen, die sich in die Maschinen gestürzt hatten, um sie zu vernichten, die Toten von Calais, Targuniasch und Zuklati.

Hart sicher und rasch handelte er. Strenger Frost. Zwischen den sich belauernden Reihen der märkischen Horden und Zimbos schlug sich Marduk mit seinen Leuten durch, immer zurück ins Hannoversche kehrend, in sein Quartier. Diese Ortschaften waren verödet, wenige Menschen hausten noch hier, die Landschaft fiel in ihre alte Versunkenheit. Zwei Wochen nach der Flucht Angelellis und dem Abfall seiner Wache ritt er zum erstenmal in die Moore südlich des Grinderwaldes. Nach zehn Tagen kam er das zweite Mal. Rechts und links hatte sich in die Einöde, bei seinem alten Standort, die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet. Seine Mannschaft suchte zuverlässige Gefährten, verheimlichte sich nicht. Marduk selbst erklärte, man müsse Menschen sammeln, nicht verzagen.

Und er suchte und sammelte in der Gegend seines alten Standortes. Ein dunkles Gefühl hielt ihn fest, ließ ihn nicht erschlaffen, trieb ihn weiter. Was war es. Er mußte es vollenden. Jonathan fiel ihm in stillen Augenblicken ein. Die Treppe heruntergestürzt. Und gleich hinterher Elina. Diese Frau bei den Pferden, zwischen den Pferden, an einem Strick hängend. Die Pferde geiferten, die Krieger höhnten. An dem Strick die Leiche der Castel, der verruchten, zwischen zwei Toten die andere, die noch zappelte. Das Haus, in das man die Opfer der Horde gebracht hatte, war ausgestorben; auf den Gängen braunschwarze Blutspuren.

Wie einmal Marduk, die großen Augen nach innen gerichtet, leicht verdunkelt, den langen goldweißen Theatersaal betrat, den sich ein flüchtiger Herr hier hatte bauen lassen, jetzt mit Proviant Flaschen Kisten Röhren gefüllt, klang neben ihm die Stimme eines Mannes, der einen Gürtel in der Hand trug: ob sie Frauen annehmen dürften. „Nein“ schüttelte Marduk den Kopf; nicht mehr Frauen, nicht mehr dies. Sie wollten aufbrechen, sie sollten das Quartier verlegen, östlicher, an die Elbe heran, sie sollten sich beeilen. Er ging, ohne den weißen Gürtel anzusehen, den der Mann ihm vorhielt.

Marduk stand auf dem Hügel, auf dem hartgefrorenen Boden, vor dem starren geborstenen Riesenskelett einer Esche. Die eisige Luft flog in Stößen über ihn. „Alle Dinge in der Welt müssen einmal beendet sein“, dachte er, „ich will aufbrechen.“ Er packte im Haus an einer Bank seinen Tornister. Da hatte ihm der Mann den Gürtel hingelegt, den er vorhin in der Hand hielt. Marduk wollte schon die Lippen öffnen, den Mann zu rufen, da führte er die linke Hand zum Mund, bedeckte ihn. Wessen, wessen, wessen Gürtel war das: weiß, mit silbernem Zierat. Das war, – seine Augen erweiterten sich – Jonathans Gürtel. „Woher hast du den Gürtel?“ „Eine Frau gab ihn mir; ich sollte ihn dir zeigen; sie wollte uns helfen.“

Nach einer Stunde Ritt hielten sie in einer Häuserreihe, die durch Brand und Sprengungen verschüttet war, vor einem niedrigen Gebäude, auf dessen flachem Dach Geröll eines niedergestürzten Nachbarturmes lag. Der Schutt häufte sich vor dem Eingang. Sie umgingen den Trümmerberg, ein Hund fiel sie an. Während der Krieger das bellende bissige starke Tier schlug, – es geiferte zuletzt oben auf den ungangbaren Steinmassen – rüttelte Marduk an der verschlossenen Tür. Neben der Tür war ein kleines Fenster. Marduk, im Gefühl, daß ihn seitlich einer anblicke, zuckte zusammen. Eine Frau streckte den zerzausten Kopf heraus. Ein blasses mageres Gesicht, das sich verzerrte und aufflammte. Im Augenblick zog sie den Kopf zurück. Marduk trommelte gegen die Füllung: „Mach auf.“ Zwischen dem Hundegekläff hörte er drin rumoren und dann dicht an der Tür eine leise Stimme: „Du meinst, ich mach dir auf. Ich mach dir nicht auf.“ „Mach auf.“ Jetzt erkannte er, es war Elina. „Warum willst du nicht aufmachen?“ „Glaubst du, ich werde mich noch einmal von dir in ein Gefängnis stecken lassen, du Hund. Ich bin da, damit du mich quälen kannst?“ „Mach auf, Elina.“ „Ja mach auf. Mach selber auf. Es wird dir gut bekommen. Versuch es.“ „Ich will dich sprechen, Elina.“ „Warte, ich will dich auch sprechen. Geh von der Tür zurück.“ „Was soll ich. Jag deinen Hund weg.“ „Geh von der Tür weg. Geh bis an den Schutt.“

Marduk trat, während der Krieger mit dem Hund kämpfte, der blitzschnell um den Haufen herumsauste, an den Rand der Steinmasse. Die Tür sprang auf. In der Öffnung wurde ein mannshohes schmales Gestell sichtbar, das, auf Rädern geschoben, metallen und gläsern blitzte. Ein Angriffsapparat. Die Hand an einem Glasgriff bewegte sich das Weib neben ihn; gerunzelte Stirn, sprühende Augen, ein Mund, der den Atem zwischen abgezogenen Lippen, zubeißenden Zähnen entweichen ließ und einsog. Der linke Arm hing schlaff. Sie trug ein weißes verschnürtes Schaffell wie Marduk.

„Nun, Marduk? Wie ist Ihnen jetzt? Da stehen Sie. Sie wollen mich etwas fragen. Sie sind wohl geneigt, erst mir zu antworten.“ Durch Marduk lief der Gedanke: Schade. Sie ist eine Täuscherin. Ich bin in eine Falle gegangen. So muß ich enden. „Ich wollte dich fragen, was mit diesem Gürtel ist.“ „Jetzt ist Ihnen bang, Marduk. Aber mich haben Sie in das Gefängnis gesteckt, zur Castel. Ihren Banden haben Sie befohlen, mit uns zu tun, was sie wollen. Sie wissen, wie es ausgelaufen ist.“ „Man ist wild mit Euch umgesprungen.“ „Ist man das? Feige sind Sie also auch. Hat es Ihnen nicht eine Freude gemacht, als man uns anbrachte, am Strick, hinter Pferden. War das nicht ein besonderes Vergnügen für Sie? Da hingen wir. Gestehen Sie’s.“ Das Schreien des Kriegers, das Heulen des Hundes war so stark, daß beide schwiegen. „Du bist eine Täuscherin, Elina. Du kommst von Jonathan. Ich bedaure nichts. Ich mußte dich festsetzen.“ „Weiter.“ „Was dann geschah, ist nicht meine Sache.“ „Was sprichst du von Jonathan. Seinen Namen, Bestie, Bestie.“ Und nahm die Hand von dem Griff, weinte laut in ihre Höhlung. Der linke Arm krümmte sich im Ellbogen; seine Finger drückten an die Brust.

Diesen Augenblick während des ununterbrochenen Tier- und Menschentobens zwischen ihnen benutzte Marduk, um im raschen Anlauf den Apparat zur Tür herauszureißen. Der rollte polterte die fünf Stufen herunter, stürzte vornüber, krachte, Glas- und Metallplättchen streuend. Elina hatte den rechten Arm sinken lassen, war zwei Stufen dem Apparat nachgesprungen, stand schlaff da, blickte entsetzt auf Marduk; die Tränen quollen noch aus den Augen. „So. Also das hast du erreicht.“ Marduk, der gebückt angelaufen war, richtete sich auf, einen Fuß auf der untersten Stufe: „Wir können so besser verhandeln.“ „Erst Jonathan. Dann mich. Daß Menschen wie du geschaffen werden.“ „Was wolltest du mit diesem Gürtel.“ „Jetzt fragst du. Ich habe es dir sagen lassen.“ „Du wolltest dich mir anschließen. Sag selbst, Elina, verdienst du nicht, daß ich dich umbringen lasse.“

Stumm blickte sie ihn lange an, sie weinte nicht mehr; ihr Kopf bewegte sich wie unwillkürlich auf und ab. Mit leiser Stimme: „Ich will dich nicht auffordern, in das Haus zu kommen. Warte. Ich will mir eine Kappe aufsetzen.“ Gleich erschien sie wieder; lächelte leicht, als sie Marduk nicht an der Treppe sah. Er rief hinter der Schuttmasse: „Heb deine Arme hoch, Elina.“ Sie ging die Stufen herunter: „Einen will ich hochheben, wenn es dir Spaß macht. Den andern hast du mir festgebunden. Komm nur vor.“ Sie ging, während die beiden Männer auswichen, frei an ihnen vorbei in der kalten Luft. Marduk hinter ihr: „Du hast nichts?“ Sie ging mit gesenktem Kopf weiter: „Komm. Geh mit.“ Erst nach einer Anzahl Schritte war er neben ihr. „Du willst wissen, Marduk, was ich mit dem weißen Gürtel wollte. Weißt du, was – ich – überhaupt – von dir wollte?“ „Wann?“ „Als ich in dein Quartier kam. Schick den Mann weg. Ich habe keine Waffen. Wenn du mich umbringen willst, kannst du es zur Not auch allein.“ Er ließ den Mann, der den Hund getötet hatte und den blutigen Körper an einem Strick hinter sich herzog, ein Stück zurück. „Du weißt nicht, warum ich kam, Marduk“, sie sprach seitwärts in ihren Pelz sich verkriechend, immer von ihm wegsehend, „es ist auch nicht nötig.“ „Jonathan hat dich geschickt.“ „Nicht sprechen, nicht sprechen“ ihr Kopf fuhr herum, ihre Augen glühten, „ich hab dir gesagt, du sollst ihn nicht nennen. Du sollst es nicht. Nein, du sollst es nicht.“ Und wie sie bitter krampfhaft den Mund schloß, füllten sich ihre Augen wieder. Sie sah weg, schluchzte.

„Wo führst du mich hin?“ „Komm.“ Der Straßenweg war zu Ende. Über einer gefrorenen Wiese, – das Eis, über Tümpel ausgespannt, knisterte – gingen sie. Ein lichter schmaler lang hingezogener Wald kam. „Hier. Laß den Mann draußen. Er kann auf der Wiese warten. Er darf mit dem toten Tier nicht her.“ Sie wanderten zwischen den Stämmen, unter dem Liniengewirr der Äste. An einer kleinen mit trockenen braunen Blättern überschütteten Bodenwelle stand Elina. „Komm.“ „Bist du müde? Willst du dich setzen?“ Elina den Kopf tief auf die Brust gedrückt zog sich die Kappe ins Gesicht. Sie hauchte: „Gib den Gürtel.“ „Hier.“ „Nein. Leg ihn selbst hin.“ „Wo soll ich ihn hinlegen?“ Elinas Knie sanken; sie drückte den Kopf in das kalte herunterraschelnde Laub. „Was denn, Elina?“ Sie weinte unten ganz leise, ihre Hände griffen in die Blätter: „Ja hierhin.“

Marduk seufzte, zwischen die Stämme blickend: „Was ist mit Jonathan?“ „Du siehst es ja. Dein Freund. Unser Freund. Mein Freund. Mit dem weißen Gürtel. Du trugst immer den weißen Gürtel. Einen weißen Mantel, deinen weißen Mantel trugst du immer so gern.“ „Was ist mit Jonathan?“ Sie schluckte unten, hell weinte wimmerte sie, zog die klagende Stimme: „Nicht fragen. Oh, oh. Nicht fragen.“

Er erzitterte, es überlief ihn. Vom Kopf bis zu den Füßen lief das Zittern. Er wehrte sich. Es rollte von den Knien und Schultern, es warf ihn hoch, zog ihn herunter. Er schüttelte seine Arme, wirbelte und riß an seinen Ellbogen, stieß seine leeren greifenden Hände nach vorn und rückwärts. Wie er den Kopf nach hinten bog, um seine übervolle Kehle zu entladen, schleuderte es ihn auf den Boden, dicht neben die klagesingende wimmernde sich einwühlende Elina, schräg über den Grabhügel. Laubwolken flogen über sie beide. Und da lag im weißen Pelz der große grauhaarige Marduk; die Kappe rollte den Hügel herunter. Er tobte, streckte die Arme aus: „Nein, nein, nein.“ Flehte zu Jonathan, rief ihn mit Kosenamen, suchte ihn. Auf den Rücken warf er sich herum; die Blätter hatte er in den Händen, rieb sein glühendes aufgedunsenes Gesicht. Er warf sich auf, am Fuß des Hügels kniete er auf dem Waldboden, den Rumpf hin und her biegend, im Flüstergespräch mit dem Hügel, den Kopf immer wieder tief einpressend. Und Marduk pries Jonathan, umarmte ihn, ließ den Sand das Moos das trockene Laub nicht los.

Sein Zittern ließ nach, den Kopf hob er, die Hände nahm er von dem blattbedeckten aufgerissenen zuckenden Gesicht. Elina, leeren Blicks, stand neben ihm, ein Knie gebeugt auf dem Hügel, hielt ihm die Hand hin, daß er aufstehe. „Nimm den Gürtel vom Grabe weg.“ Er suchte sie zu erblicken. „Komm, häng ihn hier auf. Neben dem – andern da.“ Marduk ließ sich zehn Schritt führen. Da war eine Eiche. Von einem knorrigen Ast hing ein kurzer Strick herunter. „Hierher ist er gegangen, Marduk. Ich weiß nicht wann. Ich lag noch bewußtlos in dem Haus. Er soll am Haus nach mir gefragt haben. Und nach dir. Du – warst auf der Flucht. Ich konnte nichts sagen.“ „Er hat sich – erhängt.“

Ihre klangreiche ruhige Stimme: „Er sprach bevor ich wegging, von dir. Und von seiner Mutter. Darum ist er zu dir gekommen. Er sagte, er könne dich nicht lassen. Er ist in den Wald gegangen, als du ihn nicht annahmst.“ „Wie sah er aus, als man ihn fand?“ „Ich weiß nicht genau. – Ich habe sein Gesicht noch gesehen. Es war – Marduk, Marduk, – als wenn – ein Mensch – im Feuer brennt.“ Ihre Schultern zuckten, sie stieß wieder die hohen Töne aus: „Er brannte. Es ist wahr. Ich konnte ihm nicht helfen. Ich habe ihm nicht geholfen. Hätte ich ihm doch geholfen. Und du.“ Marduk stand still. Er hatte die Augen geschlossen.

Den Gürtel hielt er in der Hand. Als er die Augen geöffnet hatte, hatte er einen gebundenen zärtlichen Ausdruck. Er schlang den Gürtel um den Ast, seine Muskeln waren ganz fest, die Augen hielt er starr auf den Strick, die Finger hielt er zusammengekrampft. So stand er. Als er den Mund öffnen konnte, flüsterte er mit noch unbeweglichen Augen: „Und jetzt ist alles vorbei, Jonathan. Jetzt ist es vorbei.“ Er wiederholte es tonlos. Den Hals konnte er bewegen, das starre Gesicht Elina zuwenden. Da fiel er gegen ihre Schulter. Sie hielt ihn mit ihrem rechten Arm, drängte sich mit der Brust gegen ihn. Er sank sank gegen ihre Brust; sie mußte sich anstrengen, den weichen absinkenden Körper hochzuziehen. Er war wie ein Schlafsüchtiger.

Sie ließ ihn vorsichtig auf die Erde herunter, sein Rumpf hielt am Stamm des Baumes nicht aus, streckte sich lang neben den pendelnden Armen auf den eisigen Waldboden. Schwer lag er. Atmete gleichmäßig, seine Züge lose. Elina neben ihm kniend sprach ihm zu. Dann öffnete er die Augen; die blickten ins Leere. Sie stützte seinen Kopf, rückte seine Kappe zurecht. Er ließ sich hochziehen, ging gleich. Sie führte ihn.

Sie kamen zu der Wiese. Der Mann mit dem Hund stand noch da. Stumm gingen sie über dem knackenden Eis an ihm vorbei. Kein Wort sprach Marduk, der noch zu schlafen schien, zu Elina, die seinen linken Arm festhielt. Die Reihe der demolierten Häuser. Der Mann mit dem toten Hund schurrte hinter ihnen.

Wie sie um den Schutthaufen vor Elinas Hause gingen, sprang der Mann warnend vor sie, stellte sich vor Marduk: „Wohin gehst du?“ Der sah ihn suchend lange an: „Warte hier draußen. Warte auf mich.“ Sehr langsam stieg er die Stufen hinauf, Elina hinter ihm.