Part 38
Die Untiere, die weiter den Süden erreichten, Jütland bestiegen, sich nahe Hamburg zeigten, waren Quallen und Medusen mit Armen, die sich untereinander zu starken Schwimmflossen verbanden. Auf das flache Land, über die sandigen Küsten wälzten sich in einem wilden Trieb, in zitternder Verwirrung die riesenstarken gallertigen Wesen. Ihre Körper, unter dem grönländischen Licht blühend durchsichtig, hatten in der Kälte der Meere die Gelbröte des Dotters angenommen; blutige geschwollene Stränge durchliefen sie. Sie rollten fauchten; dellten sich krampfhaft zusammen, sprangen flogen vorwärts. Sie spritzten Schleim um sich, sanken mehr in sich zusammen. Über Flüssen hingen sie, pumpten Wasser in sich. Aber dies Wasser war nur eine Erinnerung an das Wasser, in dem sie gediehen waren; war schweres kaltes liebloses Wasser. Sie soffen mehr, spien es im Wirbel aus. Ihre Arme hangelten nach Blöcken an den Wegen, würgten sie sich in die Mundöffnung. Diese Blöcke konnten sie nicht zerknirschen; die stürzten ihnen durch die Darmwindungen. Über die Landschaften sanken die schattenhaften Wesen hin. Bräunlich und violett tröpfelte Blut von ihnen; sie fielen wie mächtige Spinngewebe über die jütischen Ebenen.
Wen die Fasern des Gewebes berührten, was von dem dampfenden blasenwerfenden Blut bespritzt wurde, veränderte sich im Augenblick. Schafherden leckten übergischt an dem Blut. Die Zunge quoll ihnen über die Zähne weg, fiel auf das Gras, sich verbreiternd verdeckend. Die Tiere standen da, zerrten an den fürchterlichen Organen, an denen sie sofort erstickten. Andere zogen glitzernd blökend an den roten Fleischmassen, die ihnen unaufhaltsam aus den Mäulern wuchsen; zugleich schwoll ihnen auch der Gaumen, Rachen, den der Saft berührt hatte. Die dehnten, wölbten sich. Riesenschädel, den ganzen Rumpf in Umfang und Gewicht übertreffend, trugen sie auf den Hälsen, die zu schwach für die Last waren. Die Schafe wurden auf den Boden hingezogen, zappelten mit dem kleinen Anhang ihrer Rümpfe. Rasch kamen eine Anzahl Tiere um, die gierig an dem Blut der Medusen geschluckt hatten und deren Leib Rippen Rückgrat von den anschwellenden Eingeweiden in Stunden zersprengt wurden. Bei Hamburg erfolgte das erste große Verderben der Menschen. Siedler und Einwohner der Stadtschaft wurden betroffen. In die Häuser hinein wurden im Bogen das Blut und der Schleim der verendenden Urtiere gesprenkelt. Menschen, die am Kopf oder den Gliedmaßen begossen wurden, verloren im Augenblick die Besinnung. Ihre wuchernden Organe erdrosselten sie selbst. In den Zimmern wurden Menschen, denen eine Hand bespritzt war, von den schweren wuchernden Fleischmassen aufgesogen; die Hand die Finger füllten den ganzen Raum, kleiner kleiner schrumpften Arme Beine der Rumpf dahinter. Das Herz schlug nicht mehr, die Menschen lagen weiß tot, nicht größer als eine Faust, manchmal wie ein Apfel, ein Karton einlaufend unter dem dunstenden Riesenorgan, dessen Haare wie Spieße aufrecht standen, die an den starren Wänden geknickt wurden. Die tolle Szene in der kleinen Bauernsiedlung, wo eine Bäuerin den Hahn gefaßt hatte, um ihn in den Stall zu tragen. Der Kopf des krähenden Vogels, seine bespritzten Füße jäh anwachsend machten sich nicht los von den Armen und der Schürze der Frau. Die Frau wurde von der Last hingeworfen; die Krallen des Vogels durchwuchsen die Arme der schreienden gellenden schlagenden bald ohnmächtigen. Das Tier lag auf dem Weib, wuchs auf ihm, über Menschengröße. Der Kopf und die Füße wuchsen. Der Rumpf aber hatte noch Leben, so dürftig er auch war; denn die Füße waren in das starke fette Weib verwurzelt. Aus der sogen die Organe ihre Stoffe. Das Weib rann in ihren Kleidern ein. War längst tot, ihr Kopf schon hinter ihrem Halskragen, unter dem Brustausschnitt verschwunden. Leere Hüllen der Ärmel; der Kalk der Knochen wurde aufgesogen. Nach langen Stunden erlosch an dem Vogel das schreckliche Wachstum. Das Tier war selbst schon tot, von seinen Gliedern aufgezehrt. Man sah Schweinsohren, Ochsenschnauzen durch die Dachsparren ihrer Ställe wachsen; noch kläglich brüllten die, dann verstummten sie. Es waren überall bewußtlose sterbende Wesen, die so wuchsen.
An der Westgrenze Hamburgs an der See verwüsteten die anwandernden Untiere ganze Stadtteile. Die starken Sicherungen des Senats nutzten nichts, sie fielen nur zum Verhängnis der Stadtschaft aus. Durch die brennenden Würfe, die Strahlen wurden die Tiere zerrissen, ihre Teile aber, Flüssigkeit spritzend, schleppten sich verendend und andere aufsprießende Wesen mit sich schleppend in die Straßen und Anlagen. Die grausigsten Mißformen wurden da sichtbar. Verbackene Bäume, aus deren Wipfeln lange Menschenhaare herausragten, übergipfelt von Menschenköpfen, toten entsetzlichen häusergroßen Gesichtern von Männern und Frauen. Die Schwanzflossen eines Seetiers in eine Siedlung vor der Stadt fallend sammelten um sich Haufen toten Materials, Eggen Wagen Pflüge Bretter. In die wandernde sprießende dampfende Masse gerieten Kartoffelfelder, laufende Hunde, Menschen. Das wallte wie ein Kuchen auf, quoll hoch, zappelte über die besäte Ebene, rollte sich wie eine Lavamasse verheerend langsam vorwärts. Und überall wuchsen aus der sich rundenden schlagenden Masse Stämme, stockhohe Blätter hervor. Die Arme Beine, die sich aus dem flirrenden dunklen Gewebe vorstreckten, waren aus Fleisch und Knochen, oft dunkel umborkt, mit Zehen und Fingern, die sich zu Blattfächern ausbreiteten. Lange Haarmähnen fluteten über die Oberfläche des weichtierartigen Wesens, der dünstenden schlingenden Schnecke; Ranken und Häuserbalken waren in die Haare verfilzt. Über den Tälern und Erhebungen der wallenden Masse rasten Gespanne, Pferde mit Wagen, abspringende Menschen. Sie liefen rissen sich los, bis sie einsanken festklebten, die Pferde an den Wagen, Menschen treibend daneben. Die Pferde wurden durchflutet, von den Hufen den Hinterbeinen hochwachsend, scheinbar sich aufbäumend, aber nur aufgespannt aufgerichtet. Ihr Wiehern Geifern erlosch, die Augen, die ängstlichen blutüberlaufenen Kugeln, sanken zurück. Sie zappelten mit den Vorderbeinen. Waren sie Stämme? Fraßen sie das Laub, die Halme Stauden, die ihnen aus den Mäulern wuchsen? Aus den Rippen quollen ihnen die Wagenbalken. Der Kutscher wuchs aus seinem Sitz, von den drängenden Stämmen getragen, mit ihnen verschmolzen. Dann erweichte alles, was das Urgeschöpf trug, verbreitete sich, quoll zusammen, ebnete sich in seine Decke ein.
Über das Wattenmeer der Friesischen Inseln drangen Einzeltiere, die noch kraftvoll waren. Sie stürmten gereizt gegen die Flammenmassen, die ihnen über den Jadebusen entgegengeworfen wurden. Das war ein vulkanisches Brausen, als die breiten springenden Reptilien das Feuer durchzogen. Aus ihnen selbst kam grünes Feuer, das das weiße Menschenfeuer zu dämpfen schien. Sie erreichten das Land, zerknickten die Maschinen am Land und kauten sie. Aber waren selbst zerbrochen. Sie tobten schleppten sich Meilen landeinwärts. Dann stießen aus den schwarzen plumpen vergeblich sich mühenden Leibern, aus den Augen Nüstern, zwischen den Schuppen des Leibes grüne steile Flammenbüschel. In denen verbrauste die Kraft der Tiere, die schnappten verzuckten. Von den brennenden puffenden Körpern, die sich wanden, machten sich Teile los. Unter den Flammen sprangen und spritzten von den Rümpfen ab die Zehen, Krallen der Zähne, Schuppen; die Flügel zerbrachen. Die Teile, Zehen Schuppen Hautfetzen rollten ins Land, die Weser entlang, mischten sich mit Grashalmen Birken Tannen. Riesenbäume wanderten da; die Erde unter ihnen wuchs mit ihnen, schwoll, als wäre sie flüssig gallertig und schäumte, an ihnen hoch. Die Bäume zogen ihre Wurzeln aus der Erde, schritten vorwärts, wackelnd, sich drehend, zogen im Zickzack hin, schlossen nahe Bäume in sich ein, rissen sie mit. Die Bäume schnaubten aus vielen Poren. Verlangsamten ihren Gang, standen gelähmt, schaukelten schwach ihre Kronen.
* * * * *
Der Einfall der grönländischen Untiere dauerte den Winter durch. Eine panische Flucht von den Küsten setzte ein. Die Ostsee war von Schiffen überladen. In wenigen östlichen Stadtzentralen verloren auch die Senate die Führung. Die Herren der großen westlichen Stadtschaften machten sich stark. Die einströmenden durchströmenden Massen der Siedler erhoben gegen sie ihr anklagendes Geschrei; der Boden der Stadtschaften zitterte unter dem Grauen vor den grönländischen Wesen. Gelähmt waren große Teile der Bevölkerung, auch der Führer. Und neben der Angst wütete unter den Menschen ein unbestimmtes finsteres Schuldgefühl. Ihm konnten sich auch die Wissendsten nicht entziehen unter dem Schauer der Dinge, die sie erlebten.
In London hatte Delvil mit Pember die senatorische Gewalt in Händen. Mit sechs anderen Männern und Frauen teilten sie sich in eine Diktatur. Von Brüssel rief Ten Keir, der kleine belgische Führer, sie herüber. Nichts wankte in den belgischen Stadtschaften. Aber der furchtbare Schwarm der Urtiere ließ nicht nach, die Brüsseler Vorstädte im Westen und Norden waren in Trümmer gelegt. Zu dem Entsetzen, das hier die Menschen zusammenballte, kam rasch Haß auf die Siedler, die zu der Grönlandexpedition getrieben hatten, und auf die englischen Führer.
In seiner unterirdischen Arbeitskammer empfing Ten Keir glühend den schmächtigen Delvil. Er dachte Zorn und Gift auf ihn loszulassen, schrie höhnisch, wie der nur die Tür öffnete: „Sieg! Sieg! Grönland ist enteist! Wir sind befreit! Wir laden Menschen auf die Schiffe.“ „Sieg!“ schrie Delvil entgegen, „wir haben gesiegt. Wer hat nicht gesiegt?“ „Wie sieht dein Sieg aus, Delvil? Du hast dich über den Kanal gewagt. Du bist nicht verschluckt worden. Ich wünsche dir Glück zu dem großen Sieg.“ Delvil schmetterte die Tür zu. Kalt und ruhig setzte er sich auf einen Schemel: „Wer die Nerven hat, hat gesiegt. Du siehst, ich bin über den Kanal geflogen. Ich habe die Bestien geifern sehen. Habe auf sie gespuckt.“ „Glückwunsch, o Held! Sieh dir Gent an. Hast du Kortryk gesehen? Kortryk im Westen, du mußt es gesehen haben; seit zehn Tagen verwest es.“ „Ten Keir, es scheint, wir spielen mit verkehrten Rollen. Mir kann es recht sein.“ „Und was tust du?“ „Ich bin Delvil. Ein Mensch. Glaubst du, Ten Keir, weil ich schwach bin, ich bin kein Mensch? Die Bestien mögen nur kommen. Jetzt, jetzt kann ich sie nicht besiegen. Im Augenblick nicht. Wir sind nicht darauf vorbereitet. Warte einen Tag, fünf Tage.“ „Das glaubst du, Delvil? Es sind ja nicht nur Tiere.“ „Es sind Tiere. Es sind Tiere; nichts weiter als das. Es sind schon andere Dinge an die Menschen herangetreten und sie haben sie bezwungen.“ Delvil stand. Er war blaß; sein Gesicht verbissen: „Ich bin ein Mensch. Du wirst mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Ich kam her, mit Pember, um dich zu fragen, Ten Keir, welcher Meinung du bist. Gibst du es auf, so sag es mir. Ich muß wissen, woran ich bin.“ „Ich hab mir im Grunde keine Fragen stellen zu lassen. Wenn du erbittert bist und wir entsetzt sind und unsere Stadt schon zur Hälfte verwüstet ist, so weißt du, wer daran schuld ist.“ „Ich will wissen, woran ich bin. Hier ist kein Gericht. Ich habe die Tiere nicht gerufen.“ „Das ist Grönland. Das ist der Zug der Siedler nach dem neuen Erdteil. Unsere Befreiung. Unsere Rettung vor dem Untergang.“ „Das ist die Rettung vor dem Untergang. Ich habe es nicht gewollt. Aber es ist recht. Wir wissen, woran wir sind.“
Delvil flüsterte: „Sag ja, Ten Keir. Ich warte auf dich.“ „Sprich lieber nichts. Spitz die Ohren, was über uns geschieht. Vielleicht bewegen sich die Wände. Man weiß nicht was geschieht.“ „Sag ja oder sag nein. Ich bin fünfzig Jahr alt. Jahrtausende haben für uns gearbeitet. Gedacht. Du hast es mir einmal klar gemacht. Ich habe es nun sehen gelernt. Ich bin ein Mensch. Ich gebe nicht auf, es zu glauben. Und du?“ „Ich auch nicht.“ „Dann gib mir deine Hand.“ „Was soll das.“ „Das ist deine Hand. Jetzt wirst du rasend grimmig heiß kalt wie ich werden. Laß sie mir. Laß nur. Du fühlst es schon. Jetzt wirst du in der Nacht auch nicht schlafen können wie ich, vor Wut und Verzweiflung! Du wirst bald röcheln in der Nacht. Ten Keir, hörst du! Du wirst mir Wut und Scham kennen. Du wirst dich verfluchen, wie ich mich, daß die Bestien das können, Städte verwüsten, unsere Städte, in unsere Anlagen fallen, daß die Siedler uns auslachen. Ich verfluche mich. Verfluche mich aber nicht lange.“ Delvil zog seine Hand zurück, schüttelte sie als wenn sie zu schwer wäre, blickte Ten Keir an, wich gegen die Wand, wo das Lichtauge blickte.
„Was habt Ihr vor. Was hast du vor, Delvil?“ „Du hast meine Hand berührt. Du weißt es. Es gibt nur zweierlei: die Bestien und wir. Die Bestien will ich nicht.“ „Und?“ „Nicht: und sie werden nicht sein.“ Die Fäuste hob Delvil über seinen Kopf, atmete: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem Herzen sag ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht mehr da. Sie sind weg. Sie sind schon – vernichtet, von mir, weil ich es will. Ich flüchte nur zum Schein vor ihnen und verstärke mich. Sie leben nicht mehr, Ten Keir. Wir haben sie besiegt. Laß ihnen eine Gnadenfrist von ein paar Tagen, ein paar Wochen. Gönn ihnen das. Sie sollen sich diese Welt noch anschauen. Unsere Welt. Dann ist es aus für sie. Aus! Delvil sagt es. Dann hat er genug. Der Tisch wird rein. Glatt. Blank. Spiegelblank. Hauchblank. Kein Stäubchen darauf!“ Ten Keir in dem Lichtkegel; ganz weiß die Vorderseite des blinzelnden Manns: „Ich will es glauben.“
Der Brüsseler suchte den starken Delvil in der Stadt zurückzuhalten. Der kehrte auf die britischen Inseln über den Kanal zurück. In die Kellerräume stürzten die Menschen. Man hatte gesehen, daß die weiche Erde, die offene Luft gefährlich waren; auf die schweren Betonplatten, Höhlen in sehr massiven Felsgründen erstreckte sich die Wirkung der Bestien nicht. In das Innere der Insel flüchteten Haufen von Menschen. Delvil sah sie mit Hohn und Gram. Es war sein erster Akt, als er von Brüssel zurückkehrte, daß er den Westrand der Londoner Stadtschaft mit schweren Waffen bestückte. Feuer und Strahlen ließ er in die chaotische Menge schleudern. Seine Megaphone schrien über sie: Er sei der Drache, der Drache käme. Und schon war der heiße Atem über ihnen, nicht aber aus den Mäulern der Riesenlurche, sondern aus seinen Maschinen. Und sie wurden angeglüht gebrüht gebrannt. Delvil ließ sie zu Kohle werden. Seinen Haß richtete er auf die Siedler, die Triumph über die Städter sangen; was hätten die westlichen Senate in Grönland erreicht, wo sei der neue Erdteil, welche Wüste sei geschaffen, schlimmer als die im Uralischen Krieg. Und wie fiele es jetzt auf die Städte zurück: kein neues Land, aber sogar das alte werde vernichtet. Die Wut Delvils schwang Peitschen über sie. Sie hatten vor den Drachen und Delvil zu flüchten. Er verband sich eine Schar von Männern und Frauen, die er fanatisiert hatte und die zu der Sache der Städte hielten. „Erretter“ nannten sie sich. Im Bereich der britischen Städte trieben sie die Menschen in die Keller und Höhlen, zwangen die Senate den Boden überall zu unterwühlen, die Betonblöcke zu schaffen, in denen die Menschen hausten. „Erretter“gruppen formierten sie in allen Städten hinter sich, sobald sie abzogen.
In das offene Land, auf die schottische Hochfläche aber drangen sie ein mit doppelter Inbrunst. Delvil hatte ihnen das mitgegeben: „Die Bestien, die scheusäligen Lurche und Drachen sind ein Unglück. Wir haben sie nicht gerufen. Man hat uns gezwungen nach Grönland zu gehen. Wir wußten keinen Ausweg. Man wollte eine Barbarei aus unserm Land machen. Wir waren schon am Erliegen. Jetzt kommen die Reptilien, die Untiere, verderben uns. Rache an denen da, die sie uns geschafft haben. Rache an den Verbrechern. Tötet sie! Säubert unser Land!“ Und mit Lachen, mit schwingendem seligen Zwerchfell sah er sie zu Haufen fallen, die Hetzer, die großartigen Lehrer neuer Weisheit, diese Erretter der Menschen. Es gab noch wirkliche Erretter. Nach dem Kontinent und nach Amerika gab Delvil diese Meinung: man möge den Augenblick benützen, um sich das Gesindel vom Hals zu schaffen, das ihnen allen das Leben schwer gemacht habe. Man möge den Ausgang der Grönlandfahrt richtig verstehen. Sie sei glücklich ausgefallen. Sie habe es ermöglicht, die westliche Menschheit neu zu befestigen und die Parasiten von ihr abzuschlagen. Man habe freie Ellbogen gesucht; jetzt habe man sie.
Inzwischen blickten er und seine Freunde darauf, Waffen gegen die Untiere zu finden. Sie waren von einem kalten Haß aufgerührt. Alle Strahlen durchbrachen die Tiere. Das Zerreißen der Mißgeschöpfe nutzte nichts; ihre Teile übten mehr Schaden als ihr unversehrter Leib. Wer diese Wesen anfassen und hinmachen könnte. Es war eine heftige und unerträgliche Scham, die Delvil und seine Mitkämpfer erfüllte, daß sie wie ein Urvolk, wie ein Buschmann vor einem Tiger dastanden und keine Rettung wußten.
Es war nicht Delvil, sondern ein unbenannter Mann aus Christiania, der Hilfe brachte. Der, aus einem Sturz der Reptilien gerettet unter Verlust des rechten Armes und der Schulter, fand einen überraschenden Weg. Unter ein sterbendes schon erstarrendes Tier war er geraten. Der vom heißen Blut angespritzte Arm war ihm gewuchert; keinen Schmerz hatte er empfunden, nur ein sonderbares Fluten und Zucken durch den ganzen Leib, ein Blitzen von Lichtern vor den Augen, besonders ein rosa Leuchten, das ihm Wohligkeit und Süße eingab und fast wehrlos machte. Aber das Wallen und Zucken im Rumpf, in der Wirbelsäule, an den Knien und Hüftgelenken nahm plötzlich eine furchtbare drängende Stärke an. Er sagte: so müsse wohl eine Frau fühlen, die gebäre, in den Wochen liege und das heraustreibende Kind stemme ihr den Leib auseinander. Unter dem dumpfen grausamen Schmerz hatte er sich, schon träumend, in der schwimmenden Süßigkeit verloren, hatte seinen Körper nicht frei bekommen. An einem entsetzlichen Stiel hing sein Körper, es war sein Arm, ein Riesenarm, eine weiße geblähte Fleischmasse. In Ekel griff er nach seinem Messer, schnitt hinein, wo er konnte mit dem Arm. Hieb in sich, um die gräßliche Fleischmasse von sich abzutrennen. Die Schnitte und Stiche schmerzten nicht, er hieb wie in ein fremdes Wesen, dicht an seiner Schulter. Und plötzlich stürzte er ab und war bewußtlos. Dieser Mann aus einer Mekifabrik war nach zwei Tagen von einer Rettungskommission gefunden worden, wurde da er noch atmete nach Christiania transportiert. Wo man ihm unter den größten Vorsichtsmaßregeln die Schulter entfernte, die noch nach der Selbstamputation des Mannes zu einer sackartigen Geschwulst gewuchert war. Der Mann war wie ein Kind klein geworden, seine Glieder gummiartig weich; ungeheuer hatte noch nach der Selbstamputation der parasitäre Stummel an ihm gezehrt. Sehr schwer war es ihn zu ernähren, die richtigen Stoffe in ihn zu werfen; der braungelb bis schwärzlich gefärbte Mensch schien ein völlig verändertes Blut zu haben. Sogar seine Augen, die Iris seiner früher blauen Augen hatte einen grauschwarzen Ton angenommen. Soviel er auch in einem Heißhunger verschlang und soviel er trank, er gedieh schwer, fror in seinem Bett, dieses Wunder eines Wesens, das die Urtiere nicht vernichtet hatten. Da erzählte er, dessen Geist nicht verworren war, aber immer unter einer Betäubung lag; von Blitzen die durch ihn gegangen wären, von dem Wallen und Zucken im Rumpf, als ihn das Untier berührte, dies Recken und Reißen und Schneiden in den Finger- und Kniegelenken, in den Wirbeln. Er hatte es jetzt nicht mehr. Noch wie der Stumpf an ihm sog, hatte er es gefühlt. Der träumende, mit dem Gespenst der Tiere ringende Mann meinte, ihm fehle etwas. Er wolle nicht mehr essen, es hätte keinen Sinn. Man müsse ihm das geben, was die Tiere hätten. Dann würde er gesund. Immer wieder drang er, halb bewußtlos, darauf. Die Ärzte, mit Elektrizität und vielen Strahlen arbeitend, konnten den Zustand nicht ändern. Als der Mensch immer trieb und bat, man möchte ihn nach Grönland bringen, an das rosa Licht, von dem die Schiffer berichteten, verfiel man darauf nach den Schleiern zu forschen, die die westlichen Senate für sich von Grönland geholt hatten. Es war ganz still von ihnen geworden. Sie waren in unterirdischen Riesengewölben an der belgischen Nordseeküste und in walisischen Bergen vergraben; niemand kümmerte sich um sie. Von zwei abenteuerlustigen Männern begleitet flog der Skandinavier über die Nordsee. An den flämischen Bänken fauchten Riesenlurche unter ihnen. Fast wonnig atmete der dem Tode nahe Skandinavier schon hier. Und als man ihn auf die grüne Wiese an der flandrischen Küste setzte in der Nähe des Tunnels, der zu den Turmalingewölben führte, veränderte sich sein Blick; er lächelte, suchte sich aufzurichten. In Eile schoben ihn die beiden Männer mit einem Speisevorrat an den Eingang des Tunnels, dem sie sich nicht zu nahen wagten; sie selbst schwirrten vor den nahenden Lurchen nach Osten.
Vor den belgischen Senat wurde nach zwei Wochen dieser Skandinavier geführt. Ein Schwarm von Menschen, aus ihren Kellern gelockt, begleitete ihn. Er predigte von dem Wunder der Turmalinnetze. In ihnen stecke die Seele des Lebendigen. Er war fast so groß wie ein Mann seines Alters, schwankte aber, war übermäßig erregt, blickte frisch; die Haut vorher schwärzlich, war durchsichtig blaß; man sah fast das Blut darunter fluten. Die Haut schilferte, die Haare waren blond, übermäßig lang, auf die Schultern heruntergewachsen. Ten Keir hörte im Keller des Rathauses von Brüssel nur kurze Zeit den sonderbaren phantasierenden einarmigen Skandinavier an, ordnete an, ihn nach Hause zu befördern. Er brachte im Augenblick die entsetzlichen Lurche mit den Schleiern zusammen: ob man gegen die Bestien mit dieser Waffe vorgehen könnte. Am selben Tage war sein Bericht in Delvils Händen.
Von seinem Verwüstungsfeldzug unter den Siedlern heimgekehrt saß der in London. Am Abend dieses Tages waren die beiden Männer einig, daß die Gewölbe der Turmaline besonders zu schützen seien; niemand war an sie heranzulassen, es durfte auch nichts nach außen gelangen von den Kräften der Turmaline und daß die Schleier noch wirksam waren. Den Skandinavier ließ Ten Keir in der Nacht fassen und einsperren. Die schon auftauchenden Gerüchte, von der sonderbaren Wiederherstellung des Mannes, den die Lurche fast getötet hatten, ließ er als Phantastereien zerstreuen. Eine Kommission von Physikern und Biologen prüfte die walisischen Netze. Delvil gehörte ihr an. Ein wütender Gedanke hielt ihn fest: in diesen Netzen waren die Kräfte, mit denen man Bestien Widerstand leisten konnte, und nicht nur den Bestien! Delvil war innerlich verhakt. Er haßte diese Welt, die Erde, die ihm dies antat, die phantastische blöde schreckenlose Macht, die sich vor ihm aufstellte und ihn wie ein wilder Bulle umwarf. Man hatte nicht dazu die Äcker verachten gelernt, das Korn weggeworfen, das der Boden gab, das Vieh, das sich selbst fortpflanzte, um dies zu erdulden. Es steckte eine Rache der Erde dahinter, die ihr aber nicht bekommen sollte. Wie hatten die Berge in Island dagestanden, wie hatten die Vulkane sich mit Donnern und Lava-Ausbrüchen gebärdet, man hatte sie aufgerissen. So hatte man sie behandelt wie die stolzen Flieger, die man segeln ließ, aber die Luft riß man unter ihnen weg – was nutzte das große starke Flugzeug; und wie die Schiffe, die mit einmal nicht mehr fahren konnten, weil kein Meer da war. Das waren Erlebnisse für Schiffe und Flieger.
In die unterirdischen Arbeitsräume ließ Delvil Schleier der Turmaline bringen. Die Physiker, obwohl den herrschenden Familien angehörig, ließ er unter Todesdrohung an die gefahrvolle Arbeit treiben; alle Gewalt war bei ihm. Den Männern und Frauen blieb nichts übrig, nachdem sie dem Schicksal oberirdischer Vernichtung durch die Urtiere entgangen waren, sich den Netzen zu nähern, den eigentlichen Gebärerinnen des Unglücks. Delvil, in wenigen Wochen ganz ergraut, mit magerem Gesicht, forderte sie täglich vor sich. Sie berichteten. Von seinem Haß auf die Urtiere war in allen; aber sie grollten ihm auch. Sie wußten nicht, wie er sie täglich rufen ließ, daß er sie beobachtete prüfte, ob sie nicht schon etwas gefunden hätten, womit sie sich zum Herrn über ihn aufwerfen könnten. Er sprach nur von seiner Wut auf die Tiere, von der Notwendigkeit, die Städte die Einrichtungen die Menschen zu schützen. Kein Wort sagte er davon, daß er auf Rache und Vernichtung aus war. Vermöchte er zu tun, wie der Skandinavier Kylin an den Bergen getan hatte: sie erschüttern, anschwellen machen, bis sie platzten. So Grönland von der Wurzel bis zur Spitze, kreuz und quer aufreißen. Einmal hatte ein persischer König das Meer peitschen lassen, weil es seine Brücke zerbrach: wie gut er den König verstand.
In Pausen, die sonderbar und unverständlich waren, kamen die Bestien von Norden. Das Meer verseuchten ihre Leichen. Unter der Erde arbeitete in London Delvil mit seinen Gehilfen. Sie brauchten Tiere und Menschen zu ihren Versuchen. Delvil war glücklich, als man so weit war, ohne Schaden die Schleier zu zerkleinern, und sie in kleinen Ausschnitten Kreisen Blättern auf Lebewesen tat. Er brüllte: „Die Bestien! Die Kreidezeit! Die ganze Kreidezeit! Was machts aus. Sie sollen kommen. Je mehr, desto besser. Sie sollen es fühlen.“