Part 11
Wieder schwieg der Ältere; äußerte langsam: „Du wirst, Jonathan, die Häuser und Anlagen zerstören, in denen noch Apparate und Einrichtungen von uns, von euch stehen. Sie sind noch nicht völlig vernichtet. Auch nicht völlig gefunden. Und du wirst mir die Namen der Männer und Frauen angeben, die dir bekannt sind, die mit euch gearbeitet haben und noch am Leben sind.“ Der magere junge Mensch hielt seinen Blick aus. Er nannte mehrere Namen. Marduk gab ihm dreißig Bewaffnete, die gingen mit ihm. Nach einigen Stunden, am hellen Nachmittag stand er mit fünfzehn Männern und sechs Frauen vor dem Konsul. Der Jüngere trug den grünen Rock und den hellblauen Mantel, die er angehabt hatte, als er vor Marduk geführt war, und die noch die Flecke der Erde von Marduks Park trugen.
In der sanften gehaltenen Art, die Jonathan seit seiner Rückkehr von der See hatte, setzte er sich neben Marduk hin, öffnete seinen Mantel, sprach jeden bei Namen an. Bevor die Vernehmung zu Ende war, verfärbte er sich, fiel blaß vornüber. Er war am Abend nicht dabei, als die fünfzehn Männer und sechs Frauen seitwärts geführt und erledigt wurden.
Der Konsul, im schwarzen Seidenmantel, die großen ernsten Augen gesenkt, zog am frühen Morgen gleichmäßig seine Schritte durch die Stadt. Es wehte heißer Wind. Flieger jagten mit dumpfem Rollen in der Luft. Die riesenhaften Plätze. Die metallenen Riesentiere, Messer in den Flanken, hingesunken schweigend auf den Steinpiedestalen. Das Gewühl umspülte ihn. Die halb in der Luft schwebenden Tribünen, offenen Hallen, auf denen Mädchen und Männer Bälle mit Stöcken trieben. Es hatte sich nichts seit dem Beginn seines Konsulats geändert. Die grellrot bemalten, mit Masten und Wimpeln versehenen Häuser, in denen die künstlichen Nährstoffe ausgegeben wurden, auf den Dächern liegende gewundene Kennzeichen für die Frachtflieger. Die Hauptausgänge der unterirdischen Bahnen in der Nähe des Nahrungsspeichers; Heraufdröhnen und Surren der Züge, die aus Fabriken und zentralen Speichern liefen, der Züge, die in tieferen Stockwerken radial und peripher die Versorgungsbezirke abstreiften, Schacht und Aufzug zu jedem Haus. Das kecke Wandeln der Männer von südlichem Typus. Nonchalantes Trotten Pfeifen Rauchen von Mulattennachkömmlingen mit grauen Gesichtern, gedrückten Nasen; das sieghafte Strahlen der weißen Frauen; stumpfes geschäftsmäßiges Herumgehen der lange Ansässigen, ihre apathische Ruhe im Dasitzen vor den Trink- und Rauchstätten, leise Stimmen, wenig veränderlicher Gesichtsausdruck. In goldgelben Talaren gingen die Priester durch die Straßen, singend rufend lockend. Marduks Augen brennend auf allen. Unsicher stockend sein Atem. Wie sonderbar die Frauen zurückgetreten waren. Sie waren am raschesten verändert; es schien, sie hatten mit dem Nachlaß der großen Erregungen auch ihre Spannung verloren, hatten sich viel in Mütter, ja in Dienerinnen von Männern zurückgebildet. Jonathan, goldgelb in Seide wie ein Priester, den braunen Kopf bloß, trat leicht neben Marduk, lächelte, als der ihn fremd ansah. Jonathan wollte zur Stadt hinausfahren; Marduk hielt ihn: „Erdulde dies. Entzieh dich nicht, Jonathan. Ich verstehe dies. Der ungeheure unausdenkbare Bann, in dem wir leben. Blicke um dich.“
In der Ferne hörte man das schaurige Gebrüll eines Metallstieres. Es wurde im Augenblick auf den Straßen still, die Menschen verlangsamten die Schritte, standen; sahen auf die Steinplatten des Bodens. Marduk blickte zwischen sie, hielt Jonathans Arm, war sichtlich seiner nicht Herr; seine Schultern zitterten, die Augen blickten verschwommen: „Du kennst das nicht. Kennst du nicht die Stadt? Das ist wie ein Wind, der mir an den Mund fährt und mein Gesicht faßt. Ich fahre durch den Wind. Sieh diese Männer an, die Frauen die Bahn die Flieger die Straßen, du hast den Stier gehört. Das Mekihaus, Marke, der blinde Konsul, ich hier, du; wie das beglückt. Wie es mich beglückt, füllt, seelenselig macht. Trunken, Jonathan.“
Jonathan führte ihn schweigend am Arm. Der Ältere mit den großen brennenden Augen redete weiter. Plötzlich drehte Jonathan den Kopf zur Seite, ließ den Arm los, seine Schultern bebten lautlos. Er schluchzte. Marduk stand an einem Vorgartengitter, wartete, bis er endete. „Du bist zu früh nach Hause gekommen, Jonathan. Du hättest länger an der Ostsee bleiben sollen.“
Der sah ihn mit verdunkelten Augen an: „Hab ich dir nicht genug Beweise gegeben?“
„Ich – brauch meine Mutter nicht vergessen“, Jonathan sah den andern fast zärtlich an „Ich habe sie mit Schmerzen – wieder geboren. Wie sie mich geboren hat.“ Er hauchte: „Sieh auf die Eiche da. Sieh immer in das Laub der Eiche hinein. Dann erzähle ich dir. Du darfst aber nicht wegsehen. Sie ist zu mir gekommen. Meine Mutter. An der See. Stückweise. Ich habe sie deutlich am Wasser gesehen. Erst sah ich – ihren Arm. Oh der Arm, – er war zerpreßt. Was hab ich mich gewunden. Er bewegte sich, die Finger griffen auf und zu. Er krampfte. Aber ich, ich, Marduk, ich konnte ihn stillhalten. Er hielt still. Ich konnte das, Marduk. Und beim andern Arm auch. Ich konnte alle Finger langsam bewegen machen. Und dann kamen die Schultern, die Schultern meiner Mutter. Ich habe oft meinen Kopf auf die Schultern gelegt. Ich war zu Hause, wenn ich ihre Schulter berührte. Die Schulter – konnte ich – nicht erkennen. Du mußt in das Laub sehen, Marduk. Du tust es. Die Schulter war gespalten. Als wenn sie einer in der Mitte zertrennt hätte. Oder sie wäre auseinandergefallen. Das konnte ich nicht gut machen. Was ich mich anstrengte dabei. Ich habe lange Stunden verbracht, Marduk, um nur die Schulter heil zu machen. Diese Lücke. Ehe die Teile zusammengingen. Aber sie gingen dann zusammen. Und die Arme waren dabei und die Finger bewegten sich ruhig. Und zuerst konnte ich den Kopf nicht sehen. Es machte mir auch gar keine Sorge, daß sie statt eines Kopfes eine Blume zwischen den Schultern hatte, Klatschmohn, die schlaffen roten glanzigen Blätter, von denen welche herunterhingen, und ich konnte eine dunkle Kapsel drin sehen, die stäubte. Es kam mir vor, als wenn das ein Auge war. Sie hatte so schwarze Augen. Und am Abend waren es auch ihre Augen. Sie waren es wirklich. Sie hatte einen roten Hut auf mit roten Bändern und war so freundlich mit mir. Ich konnte mich stundenlang am Strand nicht bewegen, denn ich fürchtete, die Schultern würden wieder auseinanderfallen. Aber ich konnte alles gut zusammenhalten. Nur den Atem durfte ich lange Sekunden nicht von mir geben. Ich bin dann ohne zu essen schlafen gegangen. Lag die Nacht wie im Starrkrampf, war wie ein Toter. Als ich aufwachte und zur Türe hinausging an das Wasser, hielt ich gerade da, wo ich gestern aufgehört hatte. Stört dich, daß du immer in die Blätter sehen mußt? Aber ich kann dann besser erzählen. Ich habe sie dann schließlich ganz gemacht, lebend beweglich, in ihrem Kleid. So kam sie aus deinem Wald heraus. Durch eine Lücke. Ich habe entsetzlich darum kämpfen müssen. Es ist gelungen. Jetzt ist alles wieder gut.“
„Spricht sie nicht?“
„Noch nicht. Ich werde sie schon zum Sprechen bringen. Ich traue mir alles zu.“
„Du wirst sehen, sie wird mich verfluchen.“
„Ich glaub es nicht. Sie sieht mich doch. Sie weiß doch, wo ich bin.“ Stolz blickte Jonathan vor sich. Einen Augenblick, als er den Jüngeren so leiden sah, hatte Marduk vorgehabt, ihn von sich wegzuschieben. Er fürchtete, der Jüngling würde ihn schwach machen und zum Erliegen bringen. Jetzt – sah er von der Eiche weg, legte den Arm um die Hüfte des zitternden Menschen, dessen Augen in grauen Höhlen lagen. Beklommen, fast wonnig fühlte er das leise Vibrieren und das atmende Auf und Ab der Flanken. Er dachte: „Ich fühle ihn nach und halte mich. Er ist mein Schmerz und mein Führer. Ich will ihn behalten, solange er so bleibt. Solange er leidet und sich nicht helfen kann, soll er leben bleiben, – damit ich nicht vergesse.“
Zu Jonathan, an dessen grünem bauschigen Kleid er herabblickte, sagte er: „Wärst du ein Mädchen, eine Frau, würde ich dich zur Frau haben wollen. So aber habe ich Glück, daß du kein Weib bist. Du wirst keine Kinder gebären, für dich, gegen mich; wirst ungebunden gehen, wohin du willst. Du wirst nicht aus einer tierischen Laune über mich fallen, damit ich fühle: ich bin noch etwas anderes als dieser Marduk, dein Freund, der dich braucht und dir folgt; ich bin noch eine dumpfe Kraft, nein, ein dumpfes Leiden von irgendwoher, wie diese tausend Menschen, wie die Blätter die Steine.“
„Bedauerst du mich, Marduk? Du brauchst mich nicht zu bedauern.“
„Komm in den Garten.“
Sie gingen ungehindert in den Garten. Marduk stellte einen Fuß auf die Sitzbank unter der Eiche. Er hatte einen ruhigen kummerlosen Ausdruck; es schien, als wenn sie gar nichts miteinander gesprochen hätten. Er zog die Riemen seines silberbeschlagenen Halbschuhs fest. Jonathan sah erst zu, dann, während Marduk einen Ellbogen auf das Knie stemmte, legte er die Schnalle fest. „Das kannst du gut, Jonathan. Und du kannst noch anderes gut. Willst du durchaus ein toter oder schwacher Mann sein? So ein Ast, den man abgerissen hat und der nur so lange lebt wie er noch feucht ist? Willst du nicht noch eine Weile mit deiner Mutter zusammenleben? Du hast dich gestern gut gegen deine ehemaligen Freunde benommen. Sie leben nicht mehr. Nein. Ich habe deinen Willen ausgeführt. Es war dein Wille.“
Der Jüngere, dem die Hände heruntergefallen waren, legte den Kopf an Marduks Knie. Er hielt sich mit den Armen an diesem Knie fest.
„Ich biete dir eine Ehe mit mir an, Jonathan. Wie denkst du darüber. Du hättest keine Pflicht weiter als da zu sein, mir dein Gesicht zu zeigen. Es ist nicht nötig, daß du mit mir sprichst. Regen und Wärme sprechen auch nicht, und man braucht sie doch. Du sollst auch nicht mein Diener sein. Nicht einmal mein Gehilfe. Und nicht einmal mein Tischgefährte. Sondern, wie ich schon sagte: nur da sein. Es ist nicht nötig, hier. Aber doch oft bei mir.“
„Sonderbar, Marduk. Ich dachte, du willst mich als Gehilfen.“ Marduk nahm den Fuß nicht herunter. Er gähnte: „Also, es ist abgemacht.“
* * * * *
Marduk war mit einigen hundert Mann in die unverteidigte Stadt eingezogen. Er ließ noch am Tage seines Einmarschs eine Kraftzentrale in dem ersten, sogenannt Grünen Rathaus der Stadt errichten, in dem er sein Quartier aufschlug. Angriffs- und Abwehrwaffen, die er mit anderen seiner Gruppen aufbewahrt und vorbereitet hatte, wurden im Augenblick in der Nähe des Rathauses versteckt und an Marduks Zentrale angeschlossen.
Der Usurpator rief die Leiter der noch bestehenden Industrien, die Besitzer der Ländereien, Männer Frauen, in das Rathaus und gab ihnen, wie sie den Haupthof durchschritten, den Anblick der fünfzehn erschossenen Männer und sechs Frauen, dazu von dreißig lebenden Neuverhafteten, die unruhig auf dem Hof herumgingen. Er redete die Erschienenen an. Es waren graue und junge buntgekleidete Tiere, die sich neugierig hochmütig verschüchtert vor ihm drängten.
Glossing, der alte Mann aus englischem Stamme, der Lehrer Marduks in den chemischen und physiologischen Versuchen, der feine Botaniker, sah mokant und gelangweilt zu der hohen Kuppel des Saals und den herunterwogenden Seidenfahnen auf, den alten Verbrüderungszeichen, den Fahnen des englisch-amerikanischen Mutterreichs, denen des Uralischen Kriegs mit den Gestirnen, die vom Feuer der Erde gefaßt werden. Er dachte: Marduk wird reden: er möge reden; es mögen andere reden und handeln, sie werden nichts ändern. Er dachte zäh ruhig sicher: es wird niemand vermögen, mich und meinesgleichen auszurotten. Kühl betrachtete er die um sich; was war Marduk für ein Narr, daß er sich unter diese begab; er war gut im Zuge; wen lockt es, sich mit diesem einzulassen.
Mild bewegte sich im Gedränge, die große Brille auf der stumpfen Nase hin und her schiebend, Blue Sittard, von kreolischem Blut. Er sonnte sich an den Gesichtern seiner Umgebung, der heimliche Kristallforscher, von dem man sich wunderbare Dinge erzählte. Die rechte Hand war ihm in eine seiner Steinzertrümmerungsmaschinen geraten und bis auf die Mittelhandknochen abgepreßt worden. Er konnte mit den Stümpfen, die er sich wie Finger hatte präparieren lassen, kleine nickende Bewegungen machen und erschreckte Unbekannte, wenn er im Gespräch den hellgrauen Lederhandschuh scheinbar unabsichtlich abzog und mit der Hand gestikulierte, die sogar künstliche rosa Nägel an den Spitzen hatte und Glied um Glied mit Brillantreifen besetzt war. Eine kühle und laszive Seele. Marduk würde reden. Er möge reden.
Der schäumende Ekbert, der junge überlange gebückte Mann in schlottriger Arbeitstracht, ein höhnischer Mensch von großer Weichheit, der dazu bestimmt war, irgendeinem seiner Impulse zum Opfer zu fallen.
Die blonde ernste weiße Marion Divoise, die üppig, teilnahmslos an einer Fensternische stand, ihre graugrünen Augen schweifen ließ. Viele Mädchen und Jünglinge hingen ihr an. Sie war von einer großen Keuschheit, schmerzliche und sonderbare Liebesgeschichten wurden von ihr erzählt, La Balladeuse hieß sie. Sie hatte von den Industrien ihrer Familie nur noch den Boden in Besitz, kannte Marduk nicht. Wer ist es, dachte sie. Wenn er mich bewegen erregen könnte.
Am Boden, an den Fingern kauend, auf einer Steinstufe Drüttchen, die lange schwarze Weibsperson, die fanatisch für Marke gekämpft hatte, an der Zertrümmerung der großen noch bestehenden Frauenbünde arbeitete. Dutzende Männer nagte sie an, daher hatte Drüttchen, das vielbeachtete und gehaßte Weib, den Spitznamen die Landratte.
Sie sahen alle erstaunt den hochstirnigen Abenteurer eintreten, der mit Hilfe einiger Männer und Waffen diesen Streich verübt hatte, um ihn wohl nach einem Monat zu bereuen. Marduk, auf dem Platz des Senatsvorsitzenden, nahm den rotfedrigen breiten Hut vor ihnen ab, hieß sie willkommen. Als er sich setzte, stand seitlich von ihm Jonathan, den alle gut kannten, von dessen Zugehörigkeit zu Marduk noch wenige wußten. Eine starke Bewegung entstand unter den Menschen, als Jonathan auf ein Zeichen Marduks sich neben ihn setzte. Marduk gab ihnen von seinem Sitz aus Bericht. Markes Werk werde weitergeführt. Die Lehren des Uralischen Krieges sind voll und nachsichtslos zu ziehen. Er bestätigt den bisherigen Senat, werde sich seiner Mitarbeit bedienen. Dann schwieg er, Schweißtropfen vor der Stirn, schielte auf den Lederbezug des Tisches. Wie sich unten nichts regte, bat er den greisen Glossing, den Botaniker, den bisherigen Vorsitzenden, herauf. Er versprach sich, nannte Blue Sittard mit der großen Brille, der sich an die Tribüne gedrängt hatte, ihn mit einem ironischen Lächeln festhielt.
Glossing stellte sich nach einem gleichmütigen Kopfnicken neben Marduk, murmelte, so daß er sich unterbrechen mußte, während die Einberufenen sich vor ihm ballten. Die Sitzung werde kurz sein; sie sei nicht von ihm einberufen, sein Platz sei besetzt – Marduk erhob sich stürmisch; Glossing ablehnend: er danke – ob jemand sprechen wolle, ob jemand die Neigung habe etwas zu sagen.
Blue Sittard erhob den Arm; ging nur eine Stufe zur Rednertribüne herauf, lächelte ironisch bald Marduk bald Jonathan an, schmunzelte in die Versammlung: „Wir sind ja alle Marduk und dir, Jonathan, sehr dankbar, daß wir eingeladen sind, diesen Raum hier zu betreten, hier zu stehen zuzuhören. Wir sind alle gern hier. Seien Sie uns nicht böse, Marduk und du, Jonathan, wir sind beinah noch lieber in diesem Saal als mit Ihnen. Das soll keine Spitze und Feindseligkeit gegen Euch sein, wie es sich versteht zwischen guten Bekannten Arbeitsgefährten wie wir, fast möchte ich sagen: zwischen Brüdern in der Gefahr. Denn wir können es ja jetzt aussprechen: wir haben unter Marke manches Ding gemeinsam betrieben, das nicht beliebt war. Und warum sind wir lieber in diesem Saal, als mit Ihnen beiden? Weil wir schon oft diesen Saal betreten haben und jedesmal saß oder stand dort, wo Marduk sitzt, ein –; jetzt wirst du wieder lachen, Jonathan. Wir sehen dich gern lachen, übrigens. Wir haben gehört, welche Trauer über dich gekommen ist durch den Verlust eines Menschen, den auch mancher unter uns verehrt und geliebt hat. Es ist uns eine Wohltat zu wissen, wie rasch sich eine gesunde Natur über Unglück und Mißgeschick erhebt; wir können daraus Kraft für uns selbst schöpfen. Wer stand da, wollte ich sagen, wo jetzt Herr Marduk sitzt? Ein Konsul, den wir gewählt haben. Ganz recht, der war da. Wahrhaftig. Und das erfreut uns. Nun werden Sie fragen, Marduk, nachdem Sie uns so liebenswürdig angeredet haben: welcher Unterschied denn besteht zwischen Ihnen und dem Konsul Marke. Das ist eine Frage eine Sache, die über das Formale hinaus Interesse hat. Ich wartete jeden Augenblick, Sie werden mich unterbrechen. Aber Sie besitzen die große Güte mir zuzuhören, fast wie einem Freunde. Und ehrlich gesagt, Marduk: nehmen Sie an, Sie hätten nicht die Geduld und machten von ihrem unzweifelhaften Rechte Gebrauch, so wüßte ich doch nicht, wie ich der Frage ausweichen sollte.“
Er drehte sein stumpfnäsiges Gesicht voll dem Saal zu, sonnte sich am Anblick der Versammlung; manche sahen weg. „Also sprechen Sie, Blue Sittard“ gab Marduk herunter. Der verneigte sich, stärker grinsend gegen Marduk und den Vorsitzenden: „Ich danke. Danke auch dem Herrn Vorsitzenden, für den Marduk eben sprach, in Stellvertretung. Wir sind alle, die hierher gekommen sind, hocherfreut, daß wir sprechen und so sprechen dürfen. Es heißt sonst: unter den Schwertern schweigen die Musen, aber man sieht die Ausnahmen. Das will nicht sagen: ich sei eine Muse; Blue Sittard mit seiner Brille und seiner schlechten Hand hält sich nicht für eine Muse. Aber vor einer halben Stunde war ich alter Mann doch stark musisch gestimmt; ich will mich nicht schämen, es vor Euch zu bekennen. Das war, als ich in diesen Saal über den Hof ging und dort einige mir wohlbekannte Männer und Frauen traf. Diese Männer und Frauen, die ich wohl kannte, oft getroffen und gesprochen habe, von denen manche mit mir an einem Tisch gegessen haben, – einige habe ich erst vor einigen Tagen begrüßt und ihnen die Hand gedrückt, – die schwiegen plötzlich bei meinem Anblick. Ich habe nichts verbrochen inzwischen, es ist zwischen uns nicht das Geringste vorgefallen. Sie schwiegen so intensiv, sie hatten so hartnäckige, fast böswillige Gebärden an sich, daß ich annahm: diese Männer werden, und diese Frauen werden niemals mehr reden. Dabei hatten sie die Münder weit offen; sie lagen sehr bequem wagerecht auf dem Boden; das Steinpflaster schien sie gar nicht zu drücken. Sie schienen so entschlossen zu sein, diese unsere Freunde, daß sie nicht einmal einen Atemzug von sich gaben. Nun ist das zwar Privatangelegenheit dieser schweigenden Herrschaften. Jedoch wollte ich Sie bitten, Marduk, Sie möchten, da Sie von einer anderen Seite hereinkamen, nicht bloß durch das Fenster sehen, sondern ein paar Herren und Damen herunterschicken, um nachzuforschen, ob die Schweigenden da etwas Schlimmes, vielleicht ein Unglück betroffen hat.“
Marduk schwieg. Glossing neben ihm hielt die Augen gesenkt. „Wollen Sie uns erlauben, Herr Marduk, nachzuforschen, was die fünfzehn Männer und sechs Frauen bewegt, so hartnäckig zu schweigen. Besonders da Sie so gütig sind, uns sprechen zu lassen.“
Marduk schien von dem Ton Blue Sittards unberührt. Die Männer und Frauen seien heute nacht auf seine Anweisung erschossen worden.
Blue Sittard hob freundlich, fast entzückt die Arme: „Gut. Gut. Dacht ich mirs doch. Es ist ja auch einigermaßen wunderbar, daß einer so lange den Atem anhält. Machte mich schon ganz verwirrt, brachte mich in lyrische Erregung, diese Fähigkeit, diese Ausdauer der einundzwanzig. Nur entsetzt die Frage: was tun wir hier. Auf dem Hofe liegen einundzwanzig Erschossene. Und wir –“
Er lachte heftig, sah sehr blaß aus, rupfte seinen grauen Backenbart, streckte plötzlich weit die Arme aus, beugte sich schief und oft vor Marduk: „So steht es. Verzeihung. Verzeiht. Verzeiht mir. Dies wollte ich berichten.“ Er wandte sich zu seinen Freunden, buckelte wieder, verwirrt, wollte sich zwischen die Menge drängen. Aus dem unbewegt sitzenden Marduk war plötzlich etwas auf ihn gezuckt. Von der Tür bis zum Sitz Jonathans drängten sich die Freunde. Er schob sich, ein ärmliches Lächeln um den Mund, zwischen sie. Und wie er erst unter ihnen war, viele vor sich, zwei hinter sich, zwei neben sich, da zog er den Hals ein, hob die Schultern, gab helle winselnde Angstlaute von sich, quietschte aus geschnürter Kehle, die Hände vor dem Mund, um die Laute zurückzupressen, rieb sich das Gesicht, daß die Brille über die Stirn stieg. Wie ein Kind, das eine lange finstere Treppe heruntergehen soll, erst ruhig und tapfer steigt, Stufe um Stufe, bei jedem Absatz stehen bleibt, den Atem anhält, um sich schaut, zurückschaut, schon rascher läuft, rascher, seine Schulmappe hält es fest, es gleitet am Geländer entlang, die Angst, die panische Angst ist hinter ihm. Es läuft, es kann sich nicht halten, stürzt schreit stürzt weiter, gellt durch das hohe Treppenhaus. Und wie man mit Lampen aus den Wohnungen kommt, steht es an einem Fenster, späht zeigt um sich, keucht entgeistert, weiß nichts zu sagen, das Herz klopft ihm zum Mund, in die Lippen, in die Augen, über den Scheitel; es würgt, stößt auf, heult im Licht. So winselte Blue Sittard. Bestürzt umfaßten ihn die Freunde. Marduk ruhig von oben: „Macht Platz um ihn.“
„Nein“, winselte der, drängte tiefer.
„Ich will ihn sehen.“
Er wühlte sich unter die Freunde, die ihn nicht verstanden, in denen es vibrierte. Hinten öffneten welche die Türen. Sie strichen an dem besessenen Blue Sittard: „Was tust du uns an. Beherrsche dich.“
Leicht schäumte schon Angst aus ihnen selber, trieb sie zu fragen. Sie stolperten, drehten sich um sich, stießen nach den Türen. Was sie sprachen, war für niemanden gesprochen. Jonathan näherte sich Marduk, der seine aschgraue Maske zur Seite drehte. Keinen Blick konnte er von ihm erhaschen. „Halt sie in Schach“ ächzte Jonathan. Unten wälzte sich die blonde üppige Balladeuse, durch die erst Stürme von Zittern gelaufen waren, in Krämpfen, in denen sie ganz rasch sprach, mit mehreren Unsichtbaren gegen den Boden hin eine heftige Unterhaltung führte, wieder sich lang ausdehnte. Sie lag mit ausstoßenden Beinen seitwärts allein auf dem Parkett, während die Knäuel die Türen verstopften.
Marduk drohte am Tisch: „Was ist, Blue Sittard. – Was ist mit den Toten?“ Der winselte: „Er kann –; er kann –“ Und jetzt hatte er es; er schwang die Arme, heulte: „Er kann es. Er wird sie lebendig machen. Die Toten.“
Und schallend lachte Marduk, der aufgestanden war: „Ich werde es euch zeigen. Ich kann sie lebendig machen.“
Sie fluteten in Panik hinaus. Der Graus des Uralischen Krieges.
Marduk saß hin, mahlte mit den Zähnen, knipste die Finger der linken herabhängenden Hand am Daumen. La Balladeuse lag auf den Ellbogen über dem Parkett, drohte: „Das soll nur sein. Wenn sie es wagt, ist es ihre Sache. Aber an mir hat sie keine Hilfe, das soll sie wissen. Zum hundertsten Male, zum tausendsten Male. Ich habe es ihr gesagt, kurz und bündig. Ravaillac hat damit nichts zu tun. Was kommt ihr mit dem. Das ist ein übles Manöver. Geh weg, Ravaillac. Deine Schuhe? Habe ich nicht.“ Sie setzte sich auf, betrachtete ihre blauen Strümpfe, stand taumelnd, blickte vorwärts und rückwärts. Das Haar hing ihr um den Kopf. Ging wie eine Blinde im Zickzack, in den Saal hinein, bog ganz weit nach rückwärts den Kopf, steuerte auf das Podium mit den beiden Männern, oft tief Luft schöpfend, beide Hände auf die Brust gelegt.
Marduk zog sich zusammen, schwoll auf. Er blickte mit scheinbar lächelndem Ausdruck auf Jonathan, der eine Stufe unter ihm stand. „Bist du hier?“ er knipste unter dem Tisch weiter, „ich glaube, ich habe eine Schwachheit getan. Als ich hier hineinging. Die Erbschaft Markes antrat. Was geht mich Marke an. Ich hätte bei meinen Arbeiten bleiben sollen. Die Flammenbergwerke waren nichts.“
La Balladeuse torkelte in die Mitte des Saals, horchte dahin und dahin; schien nicht zu wissen, von wo das Gespräch kam; ab und zu zeigte sie mit der Hand nach einer Richtung, in der sie weiterspazierte.
„Sie sind wie Hasen davongelaufen. Haha, bin ich ein Dummkopf und sitze hier. Ich werde Tote lebendig machen. Und alle Lebenden tot. Haha. Komm einmal. Ich will die im Hof ansehen.“
Der andere blieb neben ihm stehen. Marduk ging an ihnen vorbei. Er polterte finster strahlend, prustend die Stufen herunter ohne Jonathan zu beachten: „Wir haben große Macht; er hat es von mir geglaubt, Blue Sittard, der Dicke. Ich will nicht versäumen, ihm zu gehorchen. Soll ihm nicht widersprochen werden.“