Chapter 5 of 48 · 3926 words · ~20 min read

Part 5

Es kam am Ende des vierundzwanzigsten Jahrhunderts zu den ersten Verzweiflungsschlägen gegen die Maschine. Noch ein Jahrhundert später erzählte man von den mächtigen Taten. Die Richtung war von der Peripherie des Völkerkreises auf das Zentrum: Timbuktu gegen Rom, Sidney gegen San Franzisko, Nordafrika gegen Messina Palermo. In den außenliegenden Landschaften gedieh der Übermut und seine Reaktion am heftigsten. Niemals wurde wie einmal in Mailand der Herrscherschicht, die von London gestützt war, die Macht entrissen. Aber es ging gefährlich gegen die Machtmittel selbst. Die Bibel erzählt von den Makkabäern. Die Namen Targuniasch, Zuklati sind ihnen gleichzustellen. Die Europäerreste an der nordafrikanischen Küste, dem Zugriff der Europäer entzogen, offenbarten ihre Kraft. In den dudelnden verträumten Städten trieben sich plötzlich hetzende Menschen herum. Die Wut wurde aufgepeitscht. Die Apparate, die man hatte für Belustigung, die Gestaltenentwickler, wurden benutzt zur höhnenden Darstellung des Lebens der Königin Melise und anderer. Da war die Kathedrale bei Bordeaux, ihre Priester und Priesterinnen, die Lanzen der Söldner. Die bestialischen Totengerichte spielten sich ab, Männer Frauen von den Straßen Äckern, aus den Häusern gerissen. Die stummen gewaltigen Apparate zerstören. Die Köpfe zerstören, aus denen sie kamen.

Es fanden sich in den Landschaften, wie von einem Wind getroffen, Männer und Frauen, die gegen die Gehirne vorgingen, aus denen die Apparate wuchsen. In hinterlistiger Weise, durch Liebende Freunde Kumpane beim Trunk wurden in den gewaltigsten Stadtlandschaften Menschen der Herrscherschicht weggerafft. Der Mähende und seine Saat kam meist zugleich um: so wild war der Trieb die Apparate zu beseitigen, daß kein Angreifer an sich dachte. Oft schlummerte man unter Kokain und brasilianischen Giften ein, Angreifer und Angegriffene. Der Boden unter den Apparaten sank. Die Männer und Frauen, die sich so opferten, waren nicht zu zählen.

Targuniasch und Zuklati sind die Männer gewesen, die ohne Macht zu besitzen, ohne Menschenmassen hinter sich, an die Senate ihrer Staaten geradeaus die Forderung stellten, die Maschinen herzugeben und sich dem Volksspruch zu unterwerfen, welche Apparate zu erhalten seien. Die wandernden unsichtbaren Überwachungsausschüsse und Kommissare konnten sie nicht ermitteln. Denn beide Männer sprachen zu niemand, waren ihrer Umgebung selbst verhüllt.

Es kam die Zeit der schweren Erlebnisse für Antwerpen und Calais. Dort hielten die beiden sich auf. Eine Kraft, die man nicht kannte, arbeitete sich rasch in die gefährlichsten Geheimnisse ein. Die erschlaffte Herrscherschicht zuckte zusammen, merkte auf. Kein verdächtiges plötzliches Hinsterben beim Tafeln, kein fremder Zugriff; sie hatten Verräter unter sich. Die eintreffenden Kommissare Londons fanden nichts. In Antwerpen waren eines Tages alle Schalter der Zentralstadt zerstört, die Schutzwaffen der meisten Herren verschwunden. Die Stadt war wehrlos. Targuniasch rief zum Angriff. Die Masse hörte ihn erstaunt an, lärmte verlief sich. Als London erschien, war er untergetaucht. Targuniasch wühlte weiter. Vergebens. Die Oberen warfen neue Vergnügungen über die Menschen. Da stand eines Tages das Triebwerk Antwerpens still. Am Abend lief noch nichts. Zwei Tage nicht. Der Name Targuniasch war auf allen Lippen. Man fand den Mann verkohlt zwischen den Leitungen eines Hauptkraftspenders, den er damit zerstört hatte.

Zuklati endete ähnlich in Calais.

Die Besorgnis der Herrscher war aufs Höchste gestiegen. Man saß da, wußte keinen Rat.

Timbuktu spie Verzweifelte Attentäter auf Rom. Die zwei Frauen, die aufs tiefste erregend in Francisko am Großen Ozean erschienen, stammten aus dem kampfzerrissenen Sidney.

* * * * *

Der Umschwung erfolgte nach Jahrzehnten der Attentate und Repressalien durch die heraufsteigende Generation der Herrschenden. Die alten Köpfe, mißtrauisch traurig vergrämt unfruchtbar, waren schon auf Paktieren aus. Da warfen die Jungen sie um, setzten sich an ihren Platz. Die Jungen hatten das Gefühl der verlorenen verhängnisvollen Situation. Sie griffen ein, bundartig in den meisten Kapitalen zusammenhängend. Eng an die Massen schlossen sie sich an, die sie unfeindlich aufmerksam durchstreiften. Die Massen, gärend führungslos, nahmen enthusiasmiert den Wechsel hin. Erst wurden einige Stadtschaften von dem neuen Geist ergriffen, dann viele andere. In Europa vollzog sich der Bruch mit der Dünkircher Direktive in einer Schroffheit, die die ganze Spannung der Massen offenbarte. Die Überwachungsausschüsse mit ihren schrecklichen Geheimnissen verschwanden, die Abriegelung der Kenntnisse gab man preis, die Senate wurden geöffnet. Die aufrührende Kraft des Ereignisses war geheimnisvoll. Und dahinter fühlte man lockend fordernd in die Knie zwingend das Neue.

Und das Neue kam so rasch wie die junge Generation. Begrüßt von den Massen bewegten sich jetzt durch die Straßen Anlagen Werke Regierungsgebäude blühende Männer und Frauen. Ritten durch die Länder, erregten durch ihr Erscheinen maßlose Freude. Sie waren sachverständig wie die Alten.

Zum ersten Male seit vielen Jahrzehnten tauchten in Städten Frankreichs Deutschlands Italiens Fahnen auf, an Häusern Flugzeugen Wagen. Wie aus dem Dunkeln stiegen diese Zeichen mit den Jungen auf. Die noch lebenden Alten staunten, waren hingerissen, fürchteten sich, warnten.

Etwas Mächtiges war im Begriff auf dem Kontinent zu werden. Die Fahnen der neuen Demokratie, die in London Paris Calais Berlin und rasch über allen Landschaften erschienen, sehnsüchtig begrüßt, so daß die Frauen sich in sie hüllten, die öffentlichen Gebäude wie die Fabriken und Wohnhäuser ihre Fassaden dahinter versteckten, waren nicht von gleichen Farben. Oft üppige Zusammenstellungen, die an die alten Nationalfarben anklangen. Aber überall silbern weiße und goldene Sterne Sonnen und Monde. Die blühenden jungen Männer und Frauen der Herrscherschicht trugen die Fahnen über die Landschaften. Die Massen fielen der Sonne dem Mond den Sternen zu. Diese Sterne und der Mond blitzten an dem alten Himmel. Von der Erde schlugen jetzt Millionen Herzen heftiger bei ihrem Anblick. Dies waren keine Frühlingsträume Liebeslieder, was sie bewegte. Es legte ihnen nicht den Kopf auf die Seite, formte ihre Lippen nicht zum Seufzer, machte ihr Gesicht schmal, die Beine schwer. Hingezogen hinkrampfend: sie wußten nicht, was sie wollten. Aber aufs Innigste wußten sie: das waren ihre Zeichen. Die Wühlereien Insulte Attentate auf die Senate hörten auf. Die Menschen verschworen sich den Zeichen. Begehrten sich für sie zu zeigen.

Im Momente, wo die himmlischen Abbilder auf den Fahnen der Kontinente erschienen, brausten die Wasserstürze, die fern von den Zentren die Dynamos antrieben, heftiger siegreicher. Die Sonderturbinen der alleenlangen Werke sangen hoch und tief wie in Chören. Die Transmissionen die Drähte, rasselnd schnarrend, dumpf stöhnten kreischten. Etwas Lächelndes Freches blitzte aus den Kabelwerken den Rohrleitungen der Werkstätten.

In die Menschen der Städte, die um diese tonnenschweren Untiere von Maschinen liefen, ihre Hebel und Gestänge angriffen, über die Gestänge sich zogen, war eine Liebe zu diesen eisernen Wesen gefahren. Ihr Dröhnen Schnattern Einschnappen tat ihnen wohl. Es labte erregte sie wie eine Liebesbegegnung.

Es war nach dem Mißtrauen und Eigenbrödeln des vergangenen Jahrhunderts, dem Wuchern Vorsichhocken der Städte und Landschaften eine Verbindung hergestellt über Europa und bald über die großen drei Kontinente. In die Senate traten zu den Jungen der Herrscherschicht kraftvolle Männer und Frauen der fremden Massen der Völker der Versklavten. Die Massen waren Hände der anderen gewesen, genießende Münder gestreichelte gewärmte Haut. Über sie brauste der Geist so wild, daß sie, wie sie ihn fühlten, zu zerstörerischen Angriffen auf die getrieben wurden, die sie so lange davon zurückgehalten hatten. Die von den Alten vieler Stadtschaften befürchtete Ausrottung der Herrengeschlechter erfolgte an vielen Orten; das waren belanglose Vorgänge, die den Verlauf der Dinge nicht änderten. Die Menschen, die sich jetzt neu an die Apparate warfen, die Mysterien der Kenntnisse aufnahmen, waren heißer, als die sie ablösten. Kosend, in stürmischem Überschwang, glückschwellend krochen Männer und Frauen an die Maschinen, die jetzt ihre waren. Das Eisen erschien ihnen beseelt wie ihr eigenes Fleisch.

Während ein Branden die Kontinente erfüllte, die letzten Alten der Herrscherschicht alles verloren gebend ins Grab sanken, zeigte sich eines Tages in Süddeutschland eine junge Frau auf den Straßen einer großen Stadtschaft. Trug ein riesiges Banner mit den Zeichen der Gestirne. Aber es waren nicht nur Sterne Sonne Mond auf dem Banner, sondern ein Feuer, das von den Gestirnen ausging, die wie Früchte aufgebrochen waren und Flammen hochwarfen. Das Banner lehnte sie auf einem Platz an einen Baum, sprang vor den jäh erregten Tausenden, die mit ihr gezogen waren in einem ausbruchsüchtigen Drang, auf die Granitschale des Brunnens. Das Wasser der Fontäne stäubte im Wind über sie, ihre Füße standen im Becken. Oben schwang sie, gelbes sanftes rundes Gesicht braune Augen, die dünnen Arme, riß sich die Brust auf: „Wie lange wollen wir herumgehen? Die Straßen betreten? Den Staub, die Steine? Wozu? Wozu sind wir da, wozu bin ich da? Wißt Ihrs nicht? Ich weiß es. Wir lieben das Eisen; die Kraft ist in uns, die Stärke, die keine Zeit hatte. Man hatte uns davon abgesperrt. Jetzt haben wir sie. Jetzt fühlen wir sie. Sie ist unser Blut unser Leben. Es ist nicht die Erde. Was soll die Sonne auf unseren Fahnen, Mond Sterne. Nicht Sonne Erde Sterne. Wir! Wir! Wir! Wir Menschen! Die Sterne aufbrechen! Die Sonne aufbrechen! Wir können es! Wir haben ein Hirn im Kopf. Da stehen unsere Maschinen. Unser Fleisch. Ich liebe sie. Was ist kräftiger als sie. Was ist kräftiger als wir mit ihnen. Meine Seligkeit. Ich will nicht an mich halten. Kommt, Freunde Freundinnen, zu unserer Kraft! Zu unseren Kindern! Zu unserem Herz.“ Sie war mit dem Banner, geführt von ekstatischen Menschen zum nächsten Kraftwerk getragen worden. Ein Zittern befiel die Arbeiter beim Heranrauschen der Scharen. Durch den Riesenraum wogte das Banner, das ihnen an die Seele griff. Das Lied von Targuniasch, dem Befreier brauste. Die Frau schrie vor einem surrenden rastlosen Ungetüm: „Targuniasch, der Befreier. Er wollte die Werke zerstören. Wir wollen sie für uns erobern. Unser Blut ist bei uns. Meine Seligkeit! Meine Seligkeit! Wir wollen uns nicht zurückhalten vor ihnen. Hin! Ich muß hin!“ Und unter Aufschrei Hinsinken von Frauen und Männern, besinnungslosem tobsüchtigem Stöhnen und Kreischen stürzte sie sich von der steinernen Umfassung des Maschinenkörpers in seinen blitzenden wogenden eisenschmetternden Leib. Keinen Augenblick änderte die Maschine ihren Lauf, herrisch dröhnte sie in ihrer steinernen Umfassung. Sie wühlte in ihrem Bett, schlang den Frauenleib, salbte sich mit seinem gießenden hellroten Blut. Riesig überschmetterte sie Kreischen und Schreckensstille der Menschen. Ein Mann auf der Umfassung, klein geduckt, Gesicht, das nicht zeigte ob es lächelte oder weinte: „Hin ist hin. Was ist ein Leib für eine Maschine. Wieviel muß eine Maschine fressen, um ein Mensch zu sein. Sie muß nicht glauben, ihr genug getan zu haben. Das war für das Maschinchen ein Tropfen. Hört an, wenn ich ‚hi‘ schreie, was das Maschinchen dazu sagt. Hi! Hi! Da bin ich nichts; sie ist lauter. Das braucht mehr als einen Menschen. Wer will mit auf die Reise. Gurre, gurre, gurre!“ Er lockte. Zu zwei, drei, vier standen sie oben, blickten von der Umfassung. Der verzerrte kleine schrie: „Ein Sprung.“ Sie hatten sich angefaßt, waren hin. Die Körper warf die Maschine im Bogen über sich; es war, als spie sie sie noch mal aus, bis sie die Überkugelten Zurückstürzenden schluckte. Einen Moment schnurrte sie, als wenn sie sich innerlich riebe und zögerte; donnerschmetterte eisentoste weiter. Die Fahne der Frau hob am Schaft eine andere Frau, der die Zähne schnarrten. Sie war sehr groß; die Fahne hielt sie vor sich in gefalteten Händen; angstvolle Miene, die Knie vibrierten unter ihr; sie trat auf die Umrandung. „Keiner mehr heran. Laßt die Maschine ruhn. Sie schluckt. Für heute genug.“ So donnerwetterte die Maschine, daß sie flohen.

Sie waren in vielen Städten so hingenommen. Sie sprangen auf die Beute. Die Fahnen der jungen befreienden Männer und Frauen wehten über den Landschaften. Knechtend hinzwingend wehten sie über den Landschaften. Sie rissen die Blicke weg von den Äckern Straßen Fabriken. Wie ein Wurm schlich es hin zu den Männern und Frauen, die fühlen konnten; aus der Berührung der Werkzeuge, dem Blick auf die Werkfronten, den Reden der Menschen, den Gesten schlich es in ihre Arme, hob sie an die Brust, ließ sie an die eigene Brust sich legen, ließ die Kniee sich aneinanderdrücken, die Füße Knöchel sich aneinanderpressen, drückte das Kinn auf die Brust, daß sie standen und sich wieder frei machten sich schüttelten wild räkelten.

Um die großen Anlagen die Werften Fabriken, um die Lager der Flugzeuge, neben den Schienen den wandernden Häusern gingen in Dunkelheit die Menschen, die farbigen heißen die weißen gelben, schielten, waren bezwungen, wanden sich, barmten: „Was sollen wir tun?“ Sie trugen die losen und engen Arbeitskleider. Die Ruhe hatten, hatten bauschige Jacken Überwürfe an sich hängen, wallende Hüte Schärpen, schleppten sie die Dämme und Mauern entlang. Wie sie sich duckten: „Tu uns nichts. Was sollen wir tun. Sag uns: was. Sprich: was. Her den Mund zu uns, an unsere Ohren. Wie es uns knirscht in der Brust; wie wir klein sind. Nein, wir sind groß. Zeig uns, wie wir springen sollen; wir werden springen.“ Bäumten sich: „Wo ist Rettung.“

Sie litten unter dem Drang. Durcheinander von Liebe Inbrunst Zerstörungswut. Zerstören mußten sie die Apparate, die sie liebten. An vielen Orten taten sie es. Sie taten es nicht gern. Sie waren nicht anders als die Männer und Frauen, Herren und Herrinnen, die dann in großen Schleiern und Schatten, sichtbar und unsichtbar hinter ihnen waren, sie beim Nacken ergriffen, zum Hinrichten und Vernichten fortschleppten. Von diesen Händen, die sie steif hielten, hingen sie herunter. Sie waren eins mit ihnen, lachten und wanden sich zappelten tobten: „Tötet uns. Was macht es aus. Es wird uns nicht ändern.“ Die Leiber, die sie schleppten, – die Schatten, sichtbar und unsichtbar hinter ihnen, – schrien: „Warum habt Ihr Euch an unserem Blut vergriffen. Warum an unserem Blut. Ihr sollt es sagen. Dies sollt Ihr sagen.“ Von denen, die an ihren Händen hingen, lachend zuckend: „Sar Tiglat! Iddiu! Ihr wollt es wissen. Was wollt Ihr von uns wissen. Wir sind Euch voraus. Ihr werdet uns töten. Ihr nehmt uns das Leben ab. Wir danken Euch.“ Man warf sie in keine Maschine, um das Werk nicht zu schänden. Nahm keinen Stahl, um ihn nicht zu beschmutzen und zu kränken. Suchte Felsen Wasser Sümpfe Flußlachen auf, zerwarf erstickte sie. „Oh hätte ich mehr Hände“ schrieen die Richter. „Oh hätte ich mehr Leiber“, die Vernichteten. Wut und Entzücken in beiden.

Was war mit den Männern und Frauen. Wie sie tausendmal kampflos nebeneinander stiegen, von Inbrunst und Verwirrung vor dasselbe Ziel getragen, so hielten sie sich tausendmal bei den Fingern, an den Daumen Knöcheln Ellbogen Schultern. Die Finger zogen sich weg, krampften zusammen. Die Daumen stellten sich auf, bohrten sich ein. Die Ellbogen spreizten sich, stemmten sich, zuckten wie Scharniere zusammen, schlugen wie Türen zusammen. Die Schultern waren nicht anders wie Wasser. Wie ist das Wasser. Das Wasser ist weich. Faßt man auf das Wasser, so weicht es aus, schwindet hin, ist nicht da, schlägt über die Finger und ist da und nicht weg, hat Finger Hände Knöchel verschlungen. Die Schultern nahmen die Hände, sanken wie Tasten unter den Fingern herunter, bebten auf, wogten tiefer, schwankten wie ein Boot rechts und links, fegten wie Segler zur Wasserfläche herunter. Fuhren rechts aus, links aus. Das war wie Schilf unter dem Wind, flatterte ab, schnellte auf, schwamm in Ruhe. Spritzte wie Milch in Röhren herunter, drang hochgesogen empor. Die Schultern, – bis ihre Muskeln sich verfestigten aufsprangen sich versteinten und es hieß: leben oder sterben. Kein Geschlecht begehrte vom andern, es möchte schwächer sein. Jedes begehrte vom andern, es möchte stärker sein. Damit man es wilder eiserner fürchterlicher tiefer fassen und daran verderben könnte.

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Von Italien begann es. Die Landschaften waren plötzlich erfüllt von Scharen, die sich aus den Werken Siedlungen lösten. Die gaben vor, der Geist der Maschinen Apparate zu sein und ergossen sich über die Gebiete der Städte. Es waren wilde halbverwirrte Scharen. Mit Maschinenrädern schwarz blau rot ihre Brüste bemalt, die sie offen trugen. Die knatternden Riesenbanner mit Sonne Mond Gestirnen über und vor ihnen. Feuer brach aus den Gestirnen. Oft, viel öfter aber brach es nicht aus ihnen, sondern stieg Feuer aus der Dunkelheit unter ihnen. Der feurige Schwalch schlug zum Himmel, hüllte die erblassenden Zeichen ein. Die Dunkelheit war nichts als eine Wolke. Manchmal war sie ein Kopf eine Brust der schwarze Raum zwischen zwei hochgehobenen Menschenhänden. Zwischen denen brunstete knisterte flutwogte schwoll das Feuer auf, zur Seite, leckte herunter. Diese Menschen waren Mordsenger. Sie zogen autonom hin. Man wagte ihnen, die furchtbar finster durch Deutschland Frankreich Italien Irland schritten, nicht zu widerstehen. In Amerika, an der Ostküste zerstörten sie kleine Siedlungen. Dann äscherten sie große Teile von Chicago Washington ein. Wie der Blizzard erschienen sie, wie der Heerwurm machten sie unter sich den Boden kahl. Stiegen über Gebirge, hielten nicht vor Wüsteneien. Es war kein einziger unter ihnen Mörder Mordbrenner Mordsenger. Immer wurden sie, was sie waren, wenn sie zu den wandernden getriebenen schäumenden brandenden Scharen stießen. Sie schmolzen zusammen mit ihnen.

Stolz trieben sie an Flüssen vorbei, die sie austrockneten zerrissen umlenkten. Zu nichts trugen sie schwere Apparate mit sich, als um Erde und Himmel anzufassen. Sie suchten Widerstände auf. Rasierten vor sich mit zwei drei ihrer Flammenschleuderer Haine und Forsten, die ihnen im Wege standen, stampften über die heiße kahle Landschaft. Kinder, die geboren wurden, warfen die Mütter widerwillig hinter sich. Diese Menschen erstickten an sich selbst. Denn zuletzt drangen sie auf sich selbst ein. Die Gewalt, die sie hatten, mußten sie auch an sich zeigen. Aus Massenopfern wurden Massenselbstmorde. Es waren Ereignisse, die in den durchschrittenen Landschaften furchtbar und ansteckend wirkten. Zahllose wurden in den Wirbel hineingezogen. Grimmig fordernd blickten die brennenden Fahnen auf die Gebiete herunter. Ihr Knattern klang erregender als Kriegsgeheul. Die Fahnen riefen die Männer und Frauen aus den Häusern. Sie mußten sich stellen, in Reih und Glied, als wenn es zum Kampf ginge. Und dann wurden sie über fremde Stadtschaften geworfen, zerbrachen Wälder, rissen Flüsse auseinander, traten sich gegenüber, Mann und Frau, um sich hin zu ringen, den Strick von eigener Hand um den Hals, das Messer in eigener Hand, den Strahl den man selbst gerichtet hatte, gegen die bemalte Brust, schweißige Stirn, das heißblickende erwartende Auge.

Jahrelang fluteten und ebbten die Mordsenger und Scharen der Selbstmörder über die westlichen Landschaften. Bis aus ihren eigenen Massen die Gewalten entstanden, die sie vernichteten. Inka Stochod, ein Pole, dämmte die Welle, von der er selbst eine Zeit getragen war. Mit einer Handvoll Ergebener, kraftvoll nüchtern, dabei ekstatisch heiß wie er, tötete er im Ostdeutschen an einem Pfingsttage eine Anzahl der turbulentesten Menschen neben sich, Männer und Frauen, die schon übereingekommen waren, sich zu opfern. Stochod beseitigte sie, ehe sie es konnten. Den Scharen, die in der schlesischen und mährischen Landschaft in seiner Nähe waren, berichtete er das Geschehene, überzog sie, warf sie hin. Mit einigen weiteren Schlägen erstickte Stochod, Menschen und Waffen aus Berlin Hamburg heranziehend, die Erregung in Ost- und Mitteldeutschland. Schwankende Senate der südlichen deutschen Landschaften gewannen Kraft, gegen die Banden in ihrem Gebiet vorzugehen. Stochod konnte zur selben Zeit in London von der Befriedung des großen mitteleuropäischen Gebiets berichten, wo die mit ihm erschienenen Skandinavier und Italiener fassungslos von dem Schreckwesen sprachen, das ihr Gebiet heimsuchte.

Auf dieser Konferenz in London waren Stochod und Arsen Yorre aus Lyon sich gegenübergetreten. Stochod mittelalterlich lockenwallend, in der bunten prächtigen Tracht seiner Zeit, mit Pelzmütze und steiler Feder, ein schwerer immer lachender Mensch, der, dem furchtbaren Treiben entrissen, von Späßen übersprudelte, mit seinen fleischigen Händen sich selbst Beifall klatschend, listig aus seinen gelblichen Augen blinzelnd. Er umarmte Yorre, den sehnigen aus Eisen gegossenen Südfranzosen, der in Frankreich begonnen hatte, was Stochod schon beendet hatte.

Stochod sich dehnend brüllte von seinen einfachen Methoden. Sie standen im Nebel auf dem Balkon in der Downing Street. Das heraufknatternde Leben unter sich konnten sie nicht erkennen. Sie schwuren sich Hilfe. Stochods Geliebte und Mitregentin, eine junge aalglatte Polin, schwarz umrahmtes mit einfachen Linien gezogenes Gesicht, ließ ihre Augen blitzen, als sie die beiden zusammenfand. Sie sah Yorre streng an; als sie aber eine Weile zugehört hatte, griff sie den Franzosen bei den Schultern an. Er ließ sich betasten und spannte seine Muskeln an. Sie konnte ihre Finger nicht von seinen Armen lösen; er klemmte ihre Hände an seinem Brustkorb fest, daß sie schrie. Sie ließ sich dann von ihm umarmen und auf den Mund küssen, hängte sich rasch wieder an Stochods mächtige Brust, der ihnen strahlend zugesehen hatte, und ihren biegsamen schlanken Rücken unter freudigem Brüllen streichelte. Von Lyon aus warf Yorre in wenigen Wochen die zerstörerischen Fanatiker nieder. Vor Paris, wo sich die restlichen Banden eingeschlossen hatten, erschien er in einem märchenhaften Aufzuge. Er lagerte sich zehn Tage vor der Stadt. Die Fernwaffen von Paris konnten ihm nichts antun. Hinter ihm waren die Kenntnisse Londons Amerikas Deutschlands. Er ließ alle in seine Stellungen, die hereinwollten. In der Stadt Paris war die Tobsucht des Mordens und Selbstmordens nicht zum Stillstand gekommen; Yorre ließ sie ohne Bewegung sich ausrasen. Schauernd standen seine Massen vor der Stadt, hinter deren machtlosen Masten und magnetischen Riegeln das Feuer brannte, das von den Ebenen weggetrieben war. Draußen zuckte es in ihnen noch. Sie spannten die Muskeln an, drängten es herunter.

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Unter dem starren großartigen Zwang der Technik und ihrer bestrickenden Wirkung auf die Massen kam in der Mitte des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts die Wasser- und Sturmlehre auf. Es wurde von einigen Köpfen der Masse, – unter ihnen besonders der Indianerabkömmling Surrur in Edinburg, ein Guato von Paraguay, und der Norweger Sörensen – hingewiesen auf die sehr große Zweckmäßigkeit und das fast maschinelle Zusammenarbeiten in den Tierstaaten. Hier folge jedes Tier einem ganz bestimmten Arbeitsdrang, der für alle nützlich sei, trage Halme zusammen, zerbeiße Pilze, baue Waben. Dies seien Dinge, die eine Gruppe und Arbeitskategorie gleichmäßig nach ihrer Kraft verrichtete, unpersönlich triebmäßig reflexartig. Man könne nicht sagen, daß der menschliche Zustand der Zersplitterung dem gegenüber einen Fortschritt bedeute. Es sei unrecht ein Privatleben zu führen und Individuen zu dulden. Sie führten aus, es genüge, wenn eine gewisse kleine Anzahl Menschen sich dazu hergebe, bestimmte Sonderfunktionen auszuüben, zu denken planen Personen zu sein. Im übrigen sei es im Interesse der Menschheit, für die ungeheure Masse einen gleichmäßigen Dauerzustand herzustellen, ihnen das doch nie ausgelebte Eigenleben zu nehmen, sie vegetativ einzuebnen. So garantiere man Gleichmäßigkeit und Glück des Einzelwesens. Und nur so. Denn sicher könne weder durch Lehre noch durch private Bemühung der Einzelne zu einem Glück kommen oder vor Unglück bewahrt werden. Sie wiesen auf das Fluktuieren, das bekannte ganz ziellose Schaukeln der Weltgeschichte. Die Ursache für dieses Hin und Her, das Aufsteigen und Abstürzen großer Reiche, blühender Zentren liegt in der guten Absicht der Individuen und Völker, von sich aus etwas zu leisten. Die Massen sind aber zerspalten in Schichten Parteien bis herab zu Einzelpersonen; einiges gelangt zu dem, einiges zu dem, man versteht sich nicht, bekämpft sich, das ist der Keim des Untergangs. Die Einebnung zu einer Menschenmasse muß jeder anderen Bemühung vorangehen. Ein Soldat ist gesättigt, jenseits von Glück und Unglück, in seinem Dienst. Verläßt er Reih und Glied, geht er allein mit den Kameraden oder in eine Familie, so beginnt das Schwanken seine Unbrauchbarkeit Gefährlichkeit.

Die Wasser- und Sturmlehre Sörensens und Surrurs zeigte auf die Einförmigkeit der Wasser- und Luftteilchen; man könne nur als Phantast annehmen, daß es Luftpersonen und Wasserpersonen gäbe. Milliarden Luft- und Wasserteilchen sind völlig gleichartig zusammengeschoben, bilden Luft und Wasser. Luft und Wasser aber sind Dinge, gewaltiger an Kraft als Staaten und Menschenhaufen und von unglaublicher Beständigkeit. Surrur, dem die Technik der Lebensmittelsynthese Außerordentliches zu verdanken hatte, behauptete ernsthaft und nachdrücklich von Edinburg aus: es bliebe den Menschen nichts weiter übrig als Einzeltier oder vegetative Masse zu werden. Das Einzeltier sei unmöglich. Bliebe nur die vegetative Masse. Damit sei gegeben: Aufhören der Geschichte, Sicherheit der Art Mensch. Er dachte das durch staatliche Züchtung, über Jahrhunderte fortgesetzt, durch biologische Eingriffe, besonders Ernährung zu erreichen.

Mit Lehren dieser Art wurde ausgesprochen, was sich im europäischen Völkerkreis schon bewegte. Es sollte sich zeigen, daß sie ununterdrückbar immer wieder auftauchten und einem tiefen Drang der gehetzten Wesen entsprachen.