Chapter 9 of 48 · 3850 words · ~19 min read

Part 9

Über allen wartenden getöserfüllten Städten erschien in diesem Augenblick das Gesicht der toten Landschaften. Unverhüllt erschien es. Hatte niemand Lust, etwas zu verbergen. Keine Niederlage war gemeldet. Sondern nur: es hatte sich nichts geändert. Die Jungen, Männer und Frauen, die Führer hatten die Fahne erhoben, geschrien von ihrer Kraft. Das Feuer aus der Erde, zwischen den Händen der Menschen, zu den Gestirnen aufbrennend: da war es, in der russischen Ebene, vom Ural bis zu den Waldaihöhen. Das Land zerrissen, Flüsse entleert, Menschen Bäume Tiere verzehrt. Das grauenvolle tote Land. Das war das Werk der Jungen mit den Standarten. Das konnten sie. Das war das Geheimnis der Apparate, die wunderbaren eingesperrten Naturkräfte in den Gewölben. Die Rückkehrer der Flotte meldeten, daß es keine Fabel war, was die Techniker und Gelehrten erzählt hatten von den Luftböen den Wasserböen Kurz- und Langstrahlern Brandsprengern. Aber nichts war zu leisten damit. Man lief um die Städte wie vorher, hatte Treibhäuser für Blumen Spiele Zirkus. Was sollte man damit? Versagt hatten die Jungen, die Herren und Herrinnen. Lächerlich ihre Fahnen. Die Erde konnten sie zerreißen, Städte vergiften. Wenn sie wollten, konnten sie auch die westlichen Landschaften vernichten.

Die Kundschafter vom Osten waren Menschen aus der Mitte dieser Städte. Man ließ sie ruhig unter die Massen. Es waren die Träger dieser Augen, sie hatten solche Gesichter, flüsterten wie Wahnsinnige, gellten warfen die Arme, bedeckten die Augen. Diese Landschaften, die aus den Betten gerissenen Riesenströme. Wälder Äcker Gewimmel von Tieren und Menschen: weg. Es gab Städte, in denen Attentate auf die Boten gemacht wurden, in hilfloser giftiger sich selbst zerreißender Wut, weil sie ihnen dies angetan hatten. So tief waren manche Boten, frieden- und spielgewöhnt, weich wie die Massen, von Grauen und Angst ausgehöhlt, daß sie durch die Straßen nur liefen weinten. Als hätte man sie bestraft und sie klagten deshalb, forderten Sühne, erzählten ihr Unglück, so liefen sie auf die Bühnen, in die Säle Ratshäuser und riefen. So hat der Held in dem alten Gedicht geschrien, als ihm sein lieber Freund erschlagen war, die Leiche geschändet und entblößt. Es war ein Rest des Schreies der fliehenden Tier- und Menschenscharen vor der Feuerwoge vom Ural, der Tausende vom Asowschen und Toten Meer, die zusammengedrängt, Kosaken Kirgisen Slawen, Bauern Weiber, die blauschwarze Meeresfläche anstarrten, während unter ihnen der Boden von dem wandernden Getier fortgenommen wurde, klatschend lohend in ihrem Rücken die Brandlinien anrollten. Überall schüttelten sich die trüben gemästeten Massen in der Qual des Verlorenseins. So tost der Vulkan und rast glücklich, voll Hohn und Wonne, daß schmerzliche Kräfte in ihm aufsteigen, die glühende Lava, von der er sich befreit, die er breit deckend über die Erde gießt. Die Landschaften hätten die Herren verbrennen können; sie wollten sich über die Herren gießen, Rache nehmen. Wo Stadtlandschaften nicht durch starke Senate gesichert waren, erfolgten lauffeuerartig Revolten Zertrümmungen von Straßenzügen Werken.

Nach diesen Vorgängen wurde kein Friede zwischen dem westlichen Völkerkreis und den Asiaten geschlossen. Es geschah nichts. Der Krieg war zu Ende, wie ein Tier, das einen Beilhieb in die Halswirbelsäule empfängt.

Die Staaten schnurrten zusammen. Jede Stadtlandschaft kämpfte um ihr Dasein.

Drittes Buch.

Marduk

Zuerst kam in Berlin der Konsul Marke auf. Er war Erkunder bei den technischen Truppen des Uralischen Krieges gewesen. Anfliegend aus der schwarzen Krim, die beladen war mit Sterbenden, verendenden Pferden Hunden Füchsen Katzen, über das verödete Bessarabien, die stillen Beskiden fuhr er. Als er sich Berlin näherte, sich über dem alten Bernau senkte, hatten sich da Massen angesammelt, ihn erwartend in den herbstlichen Alleen, zwischen den Plantagen und Baumschulen. Megaphone waren aufgestellt. Er vor dem Haus sich niederlassend, ging unter dem Gebrüll der Menschen wortlos zur Tür, schloß sie hinter sich. Rief, dessen braune Kleider den scharfen Geruch der Gase und des Brandes von sich gaben, seine beiden Töchter, forderte von ihnen, nachdem er sie unbewegt lange beschaut hatte, – sie weinten strichen Hände Gesicht des starren Mannes, – daß sie sich entleiben sollten. Gelegentlich wurde seine Starre durch Schluchzen Aufstöhnen durchbrochen.

„Ihr wollt euch nicht töten? Wollt ihr euch nicht töten?“ Eintönig und immer wiederholt seine Frage. Er sprach das hier übliche Englisch-Deutsch; bisweilen murmelte er in einem unverständlichen Jargon: russisch, der Leute zwischen den Feuerlinien. Die Töchter warfen sich vor ihn auf den Boden, weinten ratlos. Zwei alte Hausgehilfinnen holten sie; er sah sie nicht an. Der starkrückige Mann, die Fliegerkappe über die Stirn hochgeschoben, drängte weiter: „Ihr müßt euch töten.“ „Warum? Warum nur? Was haben wir getan?“ Er murmelte russisch. Dann stand er zitternd, zog die Kappe ganz über das Gesicht: „Ihr – habt nichts getan. Was soll einer getan haben. Oder zwei. Ich auch nicht. Wir haben nichts getan. Alle müssen hin.“ Er fuchtelte mit dem Stahlgürtel, den er sich abgeschnallt hatte, schlug auf den Boden, als ob er etwas niederpeitschte. Jourdane, die jüngere, bot ihm zu trinken. Er kippte das Weinglas, das er in seiner linken Hand hielt und anschaute, dem blonden schmächtigen Mädchen über die Brust. Sie wollte in einer Mischung von Zorn und Angst seinen Arm packen. Die Ältere hielt sie zurück. „Ich will dein Gift nicht nehmen, Weib.“ Marke stellte das Glas vor sich auf den Tisch, fuhr mit dem Gürtel wagerecht hin und her, schlug es vom Tisch herunter. „Ich will keine Luft mit euch. Es war nicht nötig, daß ihr in mein Haus kamt, wenn ihr nicht auf mich hört. Hier ist meine Luft. Ihr müßt weg. Alle. Tötet euch.“

Die Megaphone dröhnten über die Straßen. Marke schrie, an sein Fenster tretend: „Worauf wartet ihr. Ihr müßt weg. Weg müßt ihr, sag ich euch.“ Er gehörte nicht zu den Herrschenden, Leuchtmar, der in Hamburg getötete, hatte ihn nie gesehen. Die Menschen unten liefen ängstlich voneinander, verstanden nicht, was er wollte.

Jourdane blieb in der Nacht am Bett Markes, der wenig schlief. Sie glaubte, er sei von einem Gift des Krieges getroffen. Während sie sich über die Stuhllehne zu ihm bückte, schwoll ein Grauen von ihm auf sie über. Eine Weile saß sie noch, dann konnte sie nicht widerstehen. Mußte den Kopf heben, die Arme auf die Stuhllehne stützen, die Füße aufdrücken, aufstehen, gehen. Den Mann im Bett sah sie nicht mehr. Sie ging zur Tür. Nahm Markes dünnen Stahlgürtel ab, band ihn um einen Riegel, steckte, einen Stuhl besteigend, den Stuhl mit Freude unter sich wegstoßend, den Kopf in die Schlinge. Der Kopf mußte in die Schlinge gesteckt werden. Sie empfand, wie sie die Füße gegen den wankenden Stuhl stieß, eine tiefrieselnde Lust über den Leib die Knie und die Arme. Zum dargebotenen Hals, der sich an die kühle anschnellende Schlinge legte, rann die schreckliche Lust herauf.

Der Mann, im Fall des Stuhls zuckend, sah sie hängen. Er wollte vom Bett hin um sie zu retten, aber seine Beine kamen nicht auf. Seine Arme, die nach der Bettkante griffen, knickten krampften zusammen. Er hielt den Kopf in der Richtung auf die Hängende. Lauschte nach ihr. Langsam vermochte er zu schlucken, tönend die Luft durch Mund Nase einzuziehen, zu schnarchen, zu stöhnen.

Sein lautes wildes immer wilderes Stöhnen, – er saß gebunden auf der Bettkante, den Kopf starr nach der Hängenden, – rief die Tochter, die im Nebenraum schlief, herbei. Sie sah nicht, warum er keuchte lallte. Verfolgte seinen Blick. Schwankend, hoch die Luft aufziehend, hinsinkend, sich hinschleifend war sie an der Tür. Stürzte mit der abgehobenen Schwester vom Stuhl, über sie her. Marke im Hemd auf der Bettkante. Seine nackten Füße vibrierten auf dem Teppich. Weinend warf sich die Tochter, als Jourdane leblos dalag, an ihn, umschlang seinen Rumpf. Und während ihr verzerrtes Gesicht von Tränen überflossen wurde, blickte sie nach oben, zu dem Gesicht des Vaters. Der war stürmisch durchzuckt. In seinen Beinen Armen, dem Rücken krampften die Zuckungen Jourdanes nach, während sie hing. Immer schnellten seine Beine an, wollten sich seine Knie krümmen, die Füße stoßen. Er drückte sich fest, fester.

Das Aufwühlen seiner Muskeln bezwang er. Sein wieder erstarrender drohender verlangender Ausdruck gegen Janina. Die ließ ihn los. Ihr Entsetzen Abscheu vor diesem Wesen. Auf die Schwester lief sie, löste ihr den Gürtel vom Hals, hielt ihn, kniend, über die Schwester wegblickend, in der geballten Faust gedrückt, wie eine Peitsche, mit der sie auf den Mann losgehen wollte. Und stand, den Gürtel pressend in der Rechten, um den stummen Mann, den lippenbeißenden, der hörbar durch das Zimmer atmete, auf das Bett zurückzuwerfen, ihm anzutun, was sie konnte. Das Scheusal, das die junge süße Erhängte getrieben hatte. Da fühlte sie seine Augen. Er saß noch immer auf dem Bett. Sein Ausdruck so wechselnd: bald zitternd zerfließend, bald starr und unerbittlich befehlend, bald schmerzgespannt. Die Fäuste hatte er sich zum bloßen Hals erhoben, sie krallten in die Haut. Er war von der Verzweiflung verschluckt, verstrudelt, geschlagen an jedem Glied. Vor ihm kniete sie einen Moment. Horchte, sah zu ihm auf. Berührte seine Hände. Sein Ausdruck wurde drängender. Sie stand, getrieben, Muskel und Spannung, vor der Schwester, die auf dem Teppich lag, das Gesicht mit dem offenen Mund nach oben, die Knie an den Leib gezogen. Der Gürtel fiel Janina aus der weißen Hand; sie hatte die Hände wie die Tote geöffnet. Was saß hinter ihrem Rücken auf dem Bett. Der Stuhl. Sie zog ihn her. Der dünne Gürtel. Der Riegel. Verschließen des Gesichts. Der Stuhl polterte. Sie sollte erst, Janina, nach langen Stunden in der Helle des Vormittags neben Jourdane liegen, das Kinn nahe der zarten Brust, die Beine angezogen. Umschrien von den beiden alten Frauen. Marke saß noch immer auf der Bettkante. Stöhnte leise, antwortete nicht, als Männer ihn befragten. Zog sich gegen Mittag an. Mit dem Stahlgürtel rieb er sich die behaarte Brust aufs Fleisch blutig. Unter dem Hemd auf dem blutigen Fleisch schnürte er sich den Gürtel. Unheimlich stand er stundenlang wortlos im Zimmer, die Faust an der Brust.

Man hatte damals ein Verfahren, auf großen Plätzen, offenen Straßen im aufwirbelnden farbigen Rauch Gestalten und Landschaften sichtbar werden zu lassen. Die spiegelnde Fata Morgana der Wüsten war das Vorbild gewesen. Die Wissenschaft hatte ihr Geheimnis entdeckt; künstliche Wolken waren die Träger der Erscheinungen, Empfänger der über Prismen und Spiegel hingeworfenen lebenden Abbilder. Die Fernseher übertrugen augenblicklich auf jede Entfernung Vorgänge, die im beleuchteten Rauch der Fata Morgana leibhaftig erschienen. Die Megaphone dröhnten an diesem Abend. Der Bildrauch wirbelte auf den Plätzen, in den Anlagen, im Zirkus. Marke erschien. Sein vielen bekanntes Gesicht, aber die Haare grau, Strähnen wirr über Ohren Stirn; gramumwuchert sein Gesicht. Vernichtetes Gesicht, bald starr, bald zuckend, bald in Zittern aufgelöst. Er stand auf dem Balkon seines Hauses. Die Faust hielt er lange wortlos gegen die Brust. Unter seinen schlagenden verwünschenden Handbewegungen, seinen heißen Haßblicken stoben viele Menschen davon. Sein Mund öffnete sich. Ein Rollen Poltern Tosen aus dem Megaphon: „Ich lebe. Meine Töchter sind tot. Sie haben wohl getan. Weg auch ihr.“ Er schrie: „Das bin ich“, schlug sich die Brust, riß die Jacke auf, das Hemd weg. Den stählernen Gürtel packte er mit beiden Fäusten, schmetterte ihn gegen die aufgerissene zottige Brust, ohne daß sich sein Gesicht veränderte und ließ von diesem flutenden Hin und Her der Starre, des aufgelösten flimmernden Vibrierens. „Das bin ich.“ Die Menschen, die am Boden die Rauchapparate bedienten, lagen in halber Betäubung. Oft verschwand Markes Balkon, die Front seines Hauses, seine Figur im dicken unaufgelösten Qualm. Angstvoll schrie die Menge; immer trat die Figur wieder hervor. Man sah das Eisenstück, das er vom Gitter seines Balkons brach, das er gegen seinen eigenen Hals richtete, in diesem Augenblick, das er gegen seine eigenen Augen richtete. Jetzt Schläge über die Stirn rechts links. Tausend aufgreifende Hände aus den Mengen. Gurgeln Gröhlen Röcheln aus dem Megaphon.

Der blinde Marke lebte. Neue Boten kamen. Brachten Bilder vom Uralischen Krieg.

* * * * *

Im Kreis dieser Stadtlandschaft breitete sich eine Finsternis Lebenssattheit Todesverlangen aus. Die meisten Werke standen. Nur die notdürftigste Verbindung mit den Nachbarstädten wurde gepflegt. Wie abgehetzte Hunde mit lechzenden Zungen und grade von sich gestreckten Gliedern lagen die Herren der großen Werke, rührten sich nicht. Es konnte keiner verhindern, daß von den Massen nur dieser Anblick begehrt wurde: Marke, sein drohendes Stehen, seine Blendung. Er sprach nicht. Fuhr mit der Hand und seinem Gürtel durch die Luft, verlangte eintönig und stumpf: „Tötet Euch.“ Gleichmütig erhängten sich in diesen Wochen, hier wie in anderen westlichen Städten, kräftige Männer und Frauen.

Wie noch die Todessehnsucht durch die Menschen brauste, saß Marke in seinem Zimmer. Er richtete in der schweren Schwärze, die ihn umgab, seinen Kopf wie immer nach der Tür, neben der der Riegel war.

Da fühlte er sich an Knien und Hüften berührt. Er tastete hin, griff nichts. Ließ die Hände fort. Wieder berührte es ihn an Knien und Hüften. Tastete sich langsam langsam an seiner Brust hoch mit so großer Weiche. Wonnig ließ er es geschehen. Er hatte gar keine Furcht.

Es war die tote Jourdane, die schmächtige junge Tochter. Die streichelte über seine Augenhöhlen. Ein Fliedergeruch kam mit ihr. Sie hatte mit beiden Armen seinen Hals umschlungen, saß auf der Bettkante neben ihm. Er fühlte ihre kühle Wange. „Vater“ hauchte es. Er saß im Glück, rührte sich nicht. „Vater. Du bist blind. Ich bin nicht mehr bei dir.“ Er hielt immer still. Sein Oberkörper schwankte von rechts nach links. Sie ließ nicht von ihm. „Vater, wie viele Blumen Käfer Menschen und Kinder sind durch uns gestorben. Ich lebe nicht mehr. Du bist blind, Vater. Ihr guten Augen seht nicht mehr. Wieviel sollen noch sterben, Vater.“

Er fragte: „Wo ist Janina? Ist Janina bei dir?“ „Ich will sie rufen, Vater.“

Und da fühlte er sich losgelassen. Eine lange Minute saß er allein. Wehen Hauchen. Sehnsüchtig empfing er die Berührung an seinen Schultern, seiner Stirn, ein langes zitterndes Anpressen an sein Gesicht. „Janina, bist du Janina?“ Das antwortete lange nicht, ließ nicht von seinem Kopf, schluchzte: „Ja, ich bin Janina.“ „Liebe Janina. Liebe Janina.“ „Vater.“ „Bist du da, Janina. Bist du wirklich da. Mein süßes Kind.“ An seinem Körper neben ihm schwang es, hielt sich fest. „Wo hast du Jourdane gelassen?“ „Wir können nur einzeln kommen.“ „Komm öfter, Janina.“ „Wir sind so oft da, Vater. Du siehst uns nicht, du hörst uns nicht, du fühlst uns nicht.“ „Ich fühl’ dich ja.“ Da schwankte sein Oberkörper wie ein Mast im Sturm. Sein Rückgrat hielt nicht mehr. Er fiel zurück.

Am andern Morgen ließ er die beiden Frauen, die mit den Töchtern zusammen waren, zu sich kommen. Er war verwandelt, sprach sanft zu ihnen. Sie möchten öfter im Haus bei ihm sein. Aber leise gehen, damit er Jourdane und Janina höre, wenn sie kämen.

Sie kamen öfter. Die zarten abgeschiedenen Seelchen. Lächelnd saß er im Stuhl, bewegte sich nicht. Er streichelte den alten weinenden Frauen die Hände.

Den Werktätigen und Ruhenden, Fabrikherren, Weißen und Farbigen ließ er sagen, daß er zu ihnen sprechen wolle. Marke gab nach kurzem Zögern dem Drängen des Senats nach.

* * * * *

Mit ihm begann die Reihe der Konsuln in Berlin.

Er wirkte klar, allen sichtbar und verständlich. Gelöst wurden die Verbindungen mit anderen Stadtlandschaften und fremden Staaten. Nur die wurden aufrecht erhalten, die der unmittelbaren Erhaltung der Volksmassen dienten. So die für die dynamische Kraft, die, in Skandinavien und den Alpen aus Wasserstürzen für den ganzen Kontinent gewonnen, herströmte. Die Lebensmittelsynthese, – Marke wollte zuerst die chemischen Laboratorien, die großen Pilz- und Organanstalten niederlegen, – vermochte er nicht zu beseitigen, da die Äcker nicht genügten. Aber er trieb massenhaft Menschen aus der Stadt heraus auf die Felder zur Bebauung, drängte auf Entfernung aller Überflüssigen. Sein Konsulat begann mit der Wehrlosmachung der Stadt. Den Mastenwald an der Peripherie zum Fernschutz brach er ab. Alle Apparate, die der Bewaffnung und Verteidigung dienten, zerstörte er. Darauf erfolgte die staunenswerte, das Herz der Stadt zerreißende, Millionen Menschen, Senat und Volk aufs tiefste erschütternde Sprengung der zentralen Schaltanlagen und Kraftsammelstellen, der unnahbar geschützten, für heilig gehaltenen Energiespeicher. Erst als dies geschah, wußte Senat und Volk, daß sie eine Gewalt über sich gesetzt hatten. Die von fernher laufende Kraft wurde schon außerhalb des Weichbildes der Stadt zersplittert; sie lief von mehreren Seiten an; keine Anlage hatte mehr zur Verfügung als ihre Arbeit erforderte. Der Tod stand auf jeden Versuch eigenmächtiger Kraftspeicherung. Als dies geschah, gaben mehrere der stärksten Herrenfamilien ihre Werke selbst aus der Hand, verloren sich unter die Mengen der Ernährten und Arbeitenden. Aus diesen Kreisen Verstörter wuchsen die späteren Feinde des neuen Stadtwesens.

Berlin erstreckte sich über die meilenweite wellige Ebene zwischen dem unteren Elbetal und der Oder. Es überlagerte die lehmige tonige sandige Fläche, die die letzte Eiszeit bereitet hatte, vom roggentreibenden Fläming, dem Lausitzer Wall im Süden bis zu den wiesenreichen seenbestandenen baltischen Landrücken an der Ostsee. Es schloß Sümpfe Wälder Flußläufe in sich ein, Forsten Talzüge, die Baruth-Brücker Niederung, die Duberower Berge, die Kiefern Eichen Birken hochtrieben, das Höhenland der Havel, die dürre Zauche mit dem Schwielow- und Rietzer See. Den Oderbruch und Küstrin erreichte es im Osten. Das flache Rhinluch, das Havelländische Luch umzogen seine Anlagen, Schwedt und Prenzlau im Nordosten, die das sumpfige Höhenland der Uckermark im Nordosten trug, überlief es mit seinen Außenmarken.

Die Stadtschaft hatte zahllose weite Plätze und riesige Straßenkreuzungen. Mächtig wirkte an den großen öffentlichen Stellen das feierliche Bild eines Stiers, der in die Knie gebrochen war. Ein armlanges Messer stak in seiner linken Flanke. Einmal am Vor- und Nachmittag brüllte die Säule, stark wie eine Schiffsirene, täuschend ähnlich in Schrei und gliederlähmender Angst dem Ton eines sterbenden großen Tiers. Sie brüllte unregelmäßig unvermittelt in dieser und jener Stadtgegend. Dann mußte jeder auf Minuten die Arbeit verlassen, die nicht dringend war.

Unüberwindlich lang waren die Jahre der Lethargie, die heraufzogen. Nach Vernichtung der Bewaffnung der Stadt, Sprengung der Zentralen, Eröffnung der Äcker überließ Marke, mit dem Senat nur der Kontrolle dienend, die Stadt sich. Jeder lebte für sich. Mystische Bünde machten sich breit. Ihnen boten sich viele Menschen an; die Zahl der Untätigen Herumlungernden war nach der Sprengung der Zentralen, der Ablösung von der Umwelt gestiegen. In den Sekten wurde gegen die höllische Ernährung, das teuflische Menschenwerk gepredigt; die Wut finsterer Lehrer richtete sich gegen die geschonten Laboratorien, in die Tonnen mit Salzen Säuren Metallen einfuhren, aus denen Zucker und Fette geworfen wurden, Tiere und Pflanzenleiber, in denen Organteile Organsäfte als Arbeitskräfte dienten.

Am Müritzsee hatten sich Siedlungen aufgetan. Täglich wallten Menschen dahin, wo der hagere skeptische weiße James Maikotten mit ihnen sein Frage- und Antwortspiel anfing: Was sie vorhätten. Was sie von diesem blinden Konsul Marke erwarteten. Ob sie glaubten, daß die Welt besser würde, wenn ein paar Werke in die Luft flögen. Ein paar Werke. Er empfehle Kastration. Sie müßten den neugeborenen Knaben die Hoden abschneiden, dann könne man hoffen, daß in fünfzig Jahren die Erde besser aussehe: Unkraut auf den Wiesen, ein paar Häuser noch von alten Leuten bewohnt, aber wilde Tiere kommen schon wieder; die Erde beruhigt sich, die verkehrte Art Mensch ist erledigt. Die ganze Erde braucht Erholung von den Menschen. Nicht bloß Rußland. Eine Fehlart ist der Mensch. Surrur hat recht; aber seine Wind- und Wasserlehre war zu hoffnungsvoll. Es sei kein Zweifel, die Art Mensch hat keinen Bestand. Sie vernichtet sich, frißt sich selbst auf; ihre Gaben drängen sie dazu. Was tut der Konsul Marke? Eine Krankenheilung mittels Halsumschlags; der Kranke hat Gift in sich; ein Halsumschlag! Warum nicht gar gute Worte? Das Gift wird doch deutsch und englisch verstehen und sich zureden lassen und seiner Wege gehen. Sie hätten sich den neuen Putz eines blinden Konsuls sparen können. Aber schließlich, es schade nichts; er kleide sie gut. Es sei ein netter würdiger Konsul vor dem Schlafengehen.

Sie hatten sich längst an die künstlichen, sehr raffiniert aufgemachten Stoffe gewöhnt, die in jedem Überfluß zu jeder Zeit vorhanden waren. Der Geschmack reiner tierischer und pflanzlicher Nahrung stieß sie ab. Sie lachten in allen westlichen Stadtlandschaften, schüttelten die Köpfe, wenn sie den zarten und nach Belieben abwechselnden Geschmack ihrer Mekispeisen verglichen mit dem penetranten Geruch eines gebratenen Tiermuskels, eines Fischstückes. Zauberhaft konnten die Herrichter der Mekispeisen, die den Nährstoffabriken angegliedert waren, Geschmack Derbheit Zerreißbarkeit Geruch Farbe der Gerichte ändern. Es wäre den Menschen, die schon in dritter und vierter Generation künstliche Nahrung zu sich nahmen, schwer geworden, zur natürlichen Kost zurückzukehren. Ihre Mägen sonderten schon nicht mehr genug Säure ab für die Aufspaltung tierischer Muskeln, die Därme waren träge und schlaff geworden, die großen unbeschäftigten Bauchdrüsen eingeschrumpft. Leicht hätte die Menschheit dieser Epoche ihre Arme und Beine kraftvoll, ja eisern machen können. Aber ohne zu wissen, was sie taten, wählten sie, wie sie herumlagen spielten sich wenig bewegten, die mästende lähmende fette süße Nahrung. Ihre Glieder wurden plump schwach. Fremde Massen, die neu in den westlichen Kreis einstießen, staunten und lachten: so sehen die Meister aus, diese Herren der Erde. In einer instinktiven Furcht flohen immer wieder Negerstämme, hamitische und indianische Gruppen, und verbarrikadierten sich gegen die Europäer: sie mochten nicht so werden.

Auf den Tod des Konsul Marke warteten viele. Der Blinde umgab sich mit wenigen Männern, die er oft in steigendem Mißtrauen wechselte. Frauen wies er von sich, aber gerade Frauen hingen ihm viel an. Er entwickelte sich in eine apostolische Starre hinein. Seine Zustände mystischer Verworrenheit wurden viel besprochen. Die Nachwirkungen des Krieges waren bei ihm nicht auszulöschen. Er ging spiritistischen Neigungen nach. Zog durch das Gebiet der Stadtlandschaft mit einigen Vertrauten und Frauen, kümmerte sich um die Bekenntnisse Kirchen Tempel der Sekten. Er hielt diese Dinge für so wichtig, daß er zuletzt fast wöchentlich die Prediger und Lehrer um sich versammelte, sie anhörte, sie darauf hinwies, das Volk mit den frommen überirdischen Gedanken zu durchdringen. Er, dem die weißen Haare lang in den Nacken und seitlich über die Ohren fielen, war ängstlich, daß hierin etwas versäumt würde. Nichts hielt er für so wichtig wie dies.

Er wußte nicht, daß seine Haltung die Zahl der Opponierenden vermehrte. Die Männer und Frauen, die in den Laboratorien prüften und studierten, hielten ihre alten Vorstellungen verschwiegen fest. Eine Fronde bildete sich aus ihnen, Angehörigen der Herrengeschlechter. Diese Geduldeten, besonders in den Mekifabriken, von deren Gutwilligkeit man eigentlich lebte, führten zuletzt eine Art Nebenregierung. Sie hielten die Dekrete zur Überwachung der sich wieder regenden Technik, zur Ausbreitung der Frömmigkeit, zur fortschreitenden Zerstörung der Fabriken und Rückkehr zum Ackerbau, zur Viehzucht an der Quelle fest. Markes rechte Hand, den Chef seiner Spitzelpolizei, einen eisernen umsichtigen Mann, gewannen sie zu ihrem eigenen Erstaunen. Sie hatten bald leichtes Spiel. Die Kerker, in denen Saboteure der Verordnungen Markes saßen, Besitzer und Hersteller von Waffen, aufsässige Konstrukteure, die sich heimlich Kraftleitungen verschafften, wurden unauffällig nach und nach geöffnet. Man ließ aus fremden Stadtgebieten Verbannte hinein.

In dieser Zeit starb Marke, verwahrlost. Man hatte ihn wochenlang unter dem Vorwand ärztlichen Befehls nicht herausgelassen. Er war eigentlich Gefangener des Chefs seiner Spitzelpolizei. Tagelang lag er, dem ein weißer Bart wild das pergamentene Gesicht umwucherte, quer über dem Bett, diktierte, gab Anweisungen. Nur Frauen waren zuletzt bei ihm. Er träumte von den Ergebnissen seiner Regierung. Glaubte die Stadt in sichere feste Bahnen gelenkt. Tyrannisierte die Frauen mit Forderungen nach Speisen Milch Kräutern Packungen Umlagerung. Ließ keinen Arzt zu sich. Ein endloser Todeskampf.

* * * * *

Die Megaphone Glocken Flammenzeichen riefen zu Versammlungen. Die Fronde trat überall hervor. Sie erlebte eine ungeheure Enttäuschung.