Chapter 33 of 48 · 3979 words · ~20 min read

Part 33

Der weiße Ingenieur berührte den Arm Bou Jelouds, der sich ihm zudrehte. „Ich habe dich seit dem Unglück El Iraks nicht gesehen, Jeloud. Gehst du mir aus dem Wege?“ „Dir? Wer bist du?“ „Es macht dir keine Freude, sagtest du, wenn ich dir Sand unter die Füße blase, auf dem gefrorenen Wasser. Daran liegt dir nicht, sagtest du.“ Bou Jeloud legte den Arm um den Hals Djedaidas: „Sieh diesen Mann an, Djedaida. Er wird Grönland enteisen. Mit mir will er spaßen.“ Die Frau den Blick zu Boden: „Komm. Wir gehen von Deck.“ Auch der Weiße blickte zu Boden: „Ich konnte El Irak nicht retten, Jeloud. Aber ich möchte dich fragen, ob du Geduld haben willst. Willst du Geduld haben, Jeloud, und du, Djedaida?“ Der gelbbraune Syrier, die Augen gelangweilt schließend: „Was will der gelehrte Mann aus London?“ Holyhead hob den Blick; er freute sich über den Schmerz Jelouds: „Komm auf mein Arbeitsschiff, Bou Jeloud. Ich will dir etwas zeigen.“ Djedaida hielt zuckend Jelouds Arm: „Geh nicht.“ „Ich komme nicht, Holyhead. Du willst mich verführen, ins Wasser zu springen, wie Irak.“ „Ich bin euch wohlgesinnt, dir und deiner Frau Djedaida. Mir liegt nicht viel an Grönland. Die Sache der großen Stadtschaften, wem ist sie noch etwas. Komm, und wenn du willst, du auch, Djedaida. Wir wollen etwas tun, damit ihr eure Sehnsucht nach der Wüste El Horra verliert. Das Meer ist auch schön. Ihr werdet froher sein.“ „Ich will dir etwas sagen, Holyhead, weißer schlauer Ingenieur. Du glaubst, ich bin ein brauner Tölpel und mit zehn Worten zu verwirren. Ich werde auf dein Schiff kommen. Ich fürchte mich nicht.“ Djedaida ließ seinen Arm los. „Ja, ich werde auf dein Schiff kommen. Ich fürchte dich nicht. Ich fürchte mich nicht vor ihm, Djedaida. Er hält mich für den und jenen. Ich komme mit, Holyhead.“ Djedaida war zurückgetreten. Sie hielt den Kopf gesenkt, den Arm über der Brust gekreuzt. Flüsterte: „Versprich mir, Holyhead, daß ihm nichts geschieht.“ Der schwarzbärtige Ingenieur: „Komm doch mit, Djedaida.“ „Versprich mir, daß ihm nichts geschieht.“

Mit dem beglückten im Innersten erzitternden Weißen ging Bou Jeloud. Seine Stammesgenossen sahen ihn ganze Tage nicht. Er warf sich eines Abends vor Djedaida, grub seinen Kopf in ihren Schoß. Drückte seinen Mund gegen ihre Brust, rieb sein Gesicht an ihren kalten Wangen, stöhnte. Es ging ihm gut. „Süße Heimat. Liebe Wüste. Lieber Felsen. Lieber Sand. Wir kommen, Djedaida, auf die Wellen, die Wellen, denk dir, die Wellen. Es wird geschehen.“ Sie sah zu ihm herunter: „Was hat er aus ihm gemacht.“ Aber Bou Jeloud zog sie in seine Kammer, umarmte sie, bis sie schmolz. Er schlief stundenlang in der Kammer bei ihr, fest wie nie seit sie auf dem Schiffe waren.

Sie ließ ihn, wie er schlief, liegen, huschte zu Holyhead: „Was ist mit Jeloud?“ „Sag du, Djedaida.“ „Er stöhnt. Er ist wild. Er liegt in seiner Kammer.“ „Er war froh. Er klagt mich nicht an.“ „Du hast mir versprochen, es soll nichts mit ihm geschehen. Ich – freue mich nicht über ihn.“ Sie ging in die Kammer zurück, wo er noch schlief, legte sich zögernd neben ihn. Als sie seine Atmung belauscht hatte, drückte sie sich an ihn. „Djedaida“, flüsterte er träumend in der Finsternis, „ich werde über das Wasser reiten. Das Wasser treten wir mit den Hufen. Wir können es. Das Wasser. Wir werden nach Grönland reiten.“ Sie wand sich.

Bou Jeloud lag nur noch im Schiff des Ingenieurs. Einmal schlich die Frau herüber, ihn zu beobachten. Da stand dünner Rauch vor einer Tür. Der Rauch war zerflossen wie ein Spinngewebe, aber er verschob Djedaidas Schleier über dem Scheitel. Sie faßte hinein. Er war wie Gummi, widerstrebend, ließ sich hochdrängen, stellte sich nachgiebig wieder her. Der schwarzbärtige weiße Holyhead trat im Arbeitsmantel vor die Tür, sah, die Lippen verziehend, der Frau zu. Er faßte, die Frau anblickend, mit zwei Bewegungen hinauf, zog den Rauch, als wäre es ein sanfter tierischer Körper, zu sich herunter an die Brust, wo er ihn wie eine Katze drückte und verwahrte. Kleine Fetzen hatten sich bei dem raschen Zugriff gelöst, die zog seine linke hohle Hand sanft nach, schob sie gegen seine Brust. „Komm, Djedaida. Jeloud ist hier. Wir freuen uns, dich zu sehen. Wir verbergen dir nichts.“ Sie blieb unsicher vor der Tür, die er offen hielt, blickte in die Luft, an Holyheads Brust: „Was war das? Der Rauch. Was war das?“ „Komm, Djedaida, wir bitten dich zu uns. Bleibe nicht vor der Tür.“ „Was ist der Rauch? Was machst du damit? Du hast ihn an der Brust.“ Der Weiße lächelte: „Ja, siehst du. Das ist der Rauch, und das ist kein Rauch. Wir haben es gemacht. Jeloud und ich. Es ist schön, nicht wahr? Aber komm herein zu uns.“ Die gelbbraune, schmalschultrige Frau stand da, bekam den Blick nicht frei von seiner Brust, die Stirne hochgezogen. Tonlos stieß sie hervor: „Ich danke. Ich will gehen. Ich kam ja nur für einen Augenblick.“ Und als Jelouds Stimme aus dem brodelnden Raum sang, drehte sie sich rasch um, rannte die Treppe hinauf, neben einem Rauchballen, vor dem sie schreiend abwich. Zwei Seeleute machten Jagd auf diesen Ballen. Sie haschten ihn. Er schwebte plötzlich unbeweglich über einer Stufe. Die lachenden Männer suchten ihn zu zertreten, höher zu pressen. Mit den Schultern drängten, schoben sie an ihm. Djedaida, stehengeblieben in einem unbezwinglichen Drang, angstbeklommen, einer Verwirrung nahe, sah ihnen von oben zu, beide Hände an dem verschleierten Hals, sah, wie sie spaßend mit einem Brecheisen auf den Rauchballen schlugen, das Eisen von unten in die weiche Masse stießen, die Stange gegen die Treppenstufe stemmten. Wie ein Pendel bewegte sich das Eisen ohne Stütze mit den Schwankungen des Schiffes. Vor Lachen schütteten sich die Männer aus, auf die Knie gebückt, winkten der Frau herunter. Sie hastete über das Deck.

Jeloud, der junge stolze Beduine, ihr Mann, fragte nicht nach ihr, sah sie wenig. Glühend prahlend stand er unter den anderen Beduinen. Wild freudig, mit schweifenden Augen wie ein Betrunkener lief er manchmal der Frau nach, suchte sie zu fangen, die sich ganz verschleiert hatte. Sie rang von ihm ab, bat hinterhältig leise: er möchte sich doch nicht seinem Werk entziehen, er möchte sich doch nicht unwürdigen Zerstreuungen hingeben. Jeloud klatschte in die Hände: „Habt ihr gehört? Mein Werk hat Djedaida gesagt. Ja, es ist mein Werk und Holyheads auch. Du bist süß, meine Frau Djedaida. Bald werden alle alle sehen, was wir geleistet haben.“ „Wer sind ‚wir‘?“ „Holyhead, mein Freund Holyhead und ich. O, er kann viel. Wir werden etwas Wunderwunderbares schaffen.“ Sie hauchte: „Ja, ich bin stolz auf dich.“ Ihre Zähne knirschten. „Wir werden über das Meer reiten, Djedaida. Das wird geschehen. Was meinst du. Ich füttere schon mein Pferd unten im Schiff mit doppelter, dreifacher Ration. Es soll sich mit mir freuen auf die große Stunde. Da, sieh das Wasser an.“ „Ich sah es schon, Jeloud.“ „Nimm den Schleier herunter. Du kannst durch den Schleier nicht sehen.“ „Ich kann durch den Schleier sehen.“ „Nein, nicht genug. Gib doch, gib doch. Siehst du, da ist er. Nun wirst du sehen. Sieh da, Djedaida, meine süße Frau, mein Honig, mein Labsal, dies sind die Wellen. Das sind sie. Die grauen und grünen und weißen. Sie sind noch schöner als unser Sand in Il Horra. Da werde ich eines Tages heruntersteigen, mein Pferd mit mir. Denk dir, das wird geschehen. Wie El Irak werde ich heruntersteigen, aber nicht stürzen. Ich nicht. Bei Allah, ich nicht. Auf meinen Braunen werde ich springen, auf meinem Sattel werde ich sitzen, wie damals, Djedaida, als ich dich holte. – Aber warum weinst du?“ „Ich weine? Gib mir meinen Schleier wieder.“

„Du meinst, ich stürze, Djedaida? Ich stürze, es geht mir wie El Irak! Oha! Keine Furcht, du Süße. Ich werde nicht stürzen. Wie schön du bist. Weine doch nicht. Wir erproben alles gut, Holyhead und ich.“ „Gib mir meinen Schleier!“ sie schrie, „gib mir meinen Schleier. Du bist mein Mann. Du kannst mir meinen Schleier nicht verweigern.“ „Was ist, Djedaida?“ „Meinen Schleier. Ich bitte dich.“ „Da. Da ist er. Da hast du ihn. Ich wollte dir das Meer zeigen. Nun habe ich dich gekränkt? Was habe ich getan? Jetzt seh ich dein Gesicht nicht. Jetzt muß ich träumen, wie lieblich du bist.“ Sie ließ ihm ihre Hand. Ihre Schultern zitterten heftig. Er aber warf, als sie ging, selig die Arme hoch: „Sie trauert! Sie hat Furcht um mich! Und ich werde es doch können!“

Ein neuer Menschentransport nach Grönland war abgegangen. Holyheads Versuchsschiffe blieben zurück. An dem Sammelplatz wurde bekannt, daß Holyhead, dem Engländer, etwas Besonderes Unerhörtes geglückt sei, ein Syrier sei sein Gehilfe gewesen. Eines Nachmittags ordneten sich Boote vor Holyheads Arbeitsschiff von allen Fahrzeugen. Die Luken von Holyheads Sitz wurden mittschiffs geöffnet, dicht über der Wasserlinie weite schornsteinartige Röhren aus den Luken geschoben. Aus ihren trichterartigen Mündern quollen in breiten vollen Lagen weiße Dampfmassen, die sich, wie sie die Trichter verließen, senkten, auseinandergingen, über dem Wasser sich ausbreiteten, die Wasseroberfläche überzogen. Flach und dicht legte sich der Dampf auf das Wasser, an das Wasser. Mit den Schlägen des Meeres hob er sich. Nach den Seiten quoll und flatterte die schwebende Watte, der Nebel in Fetzen auseinander; die Boote in der Nähe schob der Dunst unwiderstehlich beiseite. Sie schlugen mit Rudern gegen ihn; als wenn sie auf starken Kautschuk oder Kork schlügen, prallten die Hölzer von dem weißen andrängenden Hauch ab.

Eine schräge Holzbahn wurde auf das Wasser geworfen. Ein Pferd heruntergejagt, stand angstvoll wiehernd, im Kreis um sich springend, auf der nicht weichenden, sich dellenden Nebellage. Ein gelbbrauner Mann im Burnus mit bunten Bändern am Gürtel stolzierte winkend die Holzbahn herunter. Streichelte das scheue Tier, das sich hinwarf, zog es auf, bestieg es, ritt einen Kreis auf der Nebellage. Jubelndes Pfeifen, Sirenenschreie von den Schiffen.

Glücklich hielt am Abend der ernste Holyhead die Hand des Syriers. Jeloud umarmte ihn. Es war fast mehr, als der Weiße ertrug. Sie feierten die Nacht durch. Jeloud wollte am Morgen von Schiffen begleitet seinen Plan ausführen: über das Meer reiten; wenn es ging, wenn es ging bis an das arktische Wasser.

Am Morgen dieses Tages verließ Djedaida, die sich eingeschlossen hatte, ihre Kammer. Suchte Holyhead, der noch von der Nacht schlief. Sie wartete geduldig auf dem Deck seines Schiffes. Um Mittag sah sie ihn, zog ihn, im Gang beiseite: „Wie lange denkst du noch zu leben, Holyhead? Schwarzbärtiger Teufel, was hast du noch vor? Du hast keine Furcht vor mir.“

„Djedaida, ich kann nicht hinter deinen Schleier sehen, ob du ernst bist.“ „Ich mache solchen Spaß mit dir, wie du mit mir gemacht hast.“ „Djedaida.“ „Der Name ist nicht für dich bestimmt. Der ist nicht für dich.“ Wortlos betrachtete Holyhead die Zitternde. Heiser, sich an die Brust fassend: „Komm auf meine Kammer. Steh nicht hier.“ Sie schlich hinter ihm, schloß die Tür, warf tief atmend den Schleier über die Schulter ab, an der Wand stehend. Er kauerte auf einem Schemel: „Was habe ich getan? Habe ich dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese Freude bereitete?“

„Du bist ein Teufel, dem ich keine Antwort schuldig bin. Man sollte dich zurückjagen in deine Stadtschaft. Aber jetzt hast du dich verfangen. Jetzt ist es vorbei.“ Holyhead betrachtete sie, betrachtete seine Hände, seufzte: „Oh bin ich traurig.“ „Sprich nichts. Deine verfluchte sanfte Stimme. Du Heuchler. Hinterlistiger Bösewicht. Verführer, Menschenverderber, wie die Weißen alle.“ „Frau des Jeloud, wenn ich dich bitten könnte, mir zu verzeihen.“ „Höhne, höhne nur, Holyhead. Ich ertrag es. Bereuen wirst du, bereuen, bei Allah.“

Er hob den bärtigen Kopf, seine Hände fielen neben die Knie: „Was soll geschehen?“ Sie glühte aus dem Winkel: „Ich betrachte dich noch. Hab Geduld.“ Durch die Kammer lief sie, der Schleier fiel hinter ihr. Sie suchte mit den Händen auf dem Tisch; in dem Wandschrank: „Was hast du hier? Du hast doch eine Waffe. Womit du mich vergiften oder verwirren oder verführen oder erschlagen willst. Zeig. Wo hast du sie?“ Sie lief auf ihn zu, zerrte ihn hoch: „Du hast sie auf der Brust. Mach auf. Nimm das Leder weg. Da.“ Sie griff die revolverartige Waffe, drehte sie. Er hielt die Augen geschlossen. Sie wartete. Er öffnete sie nicht. Sie schüttelte sich verächtlich: „Was hattest du gegen mich vor?“ Die Waffe fiel vor seine Füße. Da sank Holyhead noch tiefer zusammen, öffnete seine ganz fernen nicht sehenden Augen, die in die äußeren Außenwinkel auseinanderwichen, bückte sich nach der Waffe: „Ich werde mich auslöschen.“ Ihre Hände krampften sich: „Tu’s. Du verdienst es.“ Er stand, hauchte, das Metall in der Hand: „Ich verdiene es. Wer weiß etwas davon? Im Leben vom Tode umschlungen. Ich weiß nicht, ob ich den Tod verdiene. Nun habe ich auch mit dir eine Berührung gehabt.“ Sie irrte durch seinen Raum: „Was hat er hier? Was hat er hier? Maschinen zum Verführen, zum Verzaubern. Zeig sie mir. Mach mir die Schränke auf, ich will alles sehen. So. Das hat Jeloud gesehen. Muß ich jetzt ins Wasser springen? Das hast du alles gemacht. Laß dich ansehen.“ Sie stierte ihn an, suchte in das fremde Gesicht einzudringen: „Allah. Ein Weißer mit einem langen Bart. Ich muß zu Jeloud.“ Sie ächzte, lehnte matt an einem Schrank, wimmerte: „Ich bin verloren. Was soll ich tun?“ Und winselte eine Zeitlang, bis sie plötzlich innehielt, ihr Gesicht leer wurde; gedankenlos lächelte sie: „Was tu ich. Es ist ja schon gut.“ Und wiederholte: „Es ist schon gut. Gut. Ja, es ist schon gut.“ Unter einem öden Gefühl, einer aufsteigenden Finsterheit, einer Furcht, – was für einer Furcht –, bewegte sie den heißen Kopf. Holyhead stand an der Tür. „Ich will dir sagen, Holyhead, was jetzt geschehen wird. Du hast ihn verführt. Warum hast du das getan? Warum hast du ihn von unserem Schiff geholt?“ „Er sollte mich anlächeln.“ „Und ich?“ „Was?“ „Ich war seine Frau.“ „Ich habe dir nichts genommen. Bin ich ein Weib?“

„Gut!“ schrie sie, „das hast du gut gesagt. Hast du ihn gesehen? Hast du Jeloud nicht gesehen? Ein stolzer Beduine, ein Anaze, ha! Glühend, tanzend; auf Wolken reitend! Hast du gesehen, bist du selbst verzaubert? Das war mein Mann. Ich bin auch kein Weib. Gut hast du gesprochen. Ich hasse, hasse ihn. Morgen wird er mit seinem Pferd unten reiten. Er füttert es selbst. Wenn es ihm vorher krepiert. Wenn das Brett bricht, auf dem sie herunterlaufen. Wenn deine Nebel nichts taugen und er verschlungen wird mit dem Pferd und weg ist.“

Sie hielt sich den Schleier vor das Gesicht. Holyhead atmete heftig, stützte sich am Tisch: „Ich will gehen. Oh ich mag nicht mehr. Ich will gehen, Djedaida.“

Sie schluchzte krümmte sich über dem Boden, zerriß sich die Haare: „Ich kann nicht leben.“ „Oh. Ich gehe schon.“ Sie hielt ihn an den Händen, zog sich an ihm hoch, winselte stöhnte: „Warte einen Augenblick, sanfter Tiger. Ich sehe dich noch an, sanfter Tiger. Lauf mir nicht weg. Du hast mich arm gemacht. Du bist mir von ihm zurückgeblieben. Bereu, was du getan hast.“ „Ich kann nicht bereuen. Ich kann jetzt nicht lügen. Er war mir ein Glück. Eine süße Freude.“ „Siehst du. Das sagst du mir noch. Wirst du tun, was ich will?“ „Ja, Djedaida.“ „Alles?“

„Alles.“ „Willst du den Jeloud umbringen?“ „Du bist irrsinnig.“ „Den Jeloud umbringen.“ „Nein.“ „Tu es“, sie keuchte, „ja tu es.“ „Ich tu es nicht.“

„Für mich, Holyhead, bring ihn um. Ich bitte dich drum. Du kannst alles. Du hast die Wolken gemacht. Bring ihn um, mach ihn weg. Für mich.“ „Ich tue es nicht.“ Erst brach ihr Schluchzen hemmungslos auf. „Für mich. Für mich.“ Dann griff sie ihm an den Bart. Haßstarre Züge, leere nicht sehende Augen. Sie preßte seine Hände: „Du mußt, – du mußt mit, mit mir. Es bleibt nichts übrig. Dann mußt du mit mir. Dann laß ich dich nicht los. Dann kommst du mit. Was – sagst du?“ „Du verlangst, ich soll mit dir.“ „Ja du kommst mit. Wir fahren heute. Oder morgen. In meine Heimat. Du wirst Jeloud nicht mehr sehen.“

Und am Abend verabschiedete sich Holyhead von seinen Ingenieuren Technikern Physikern. Die Shetlandinseln bekämen ihm nicht gut. Er ginge sich erholen. Nicht mehr brachte er hervor. Verfallen, wie vergiftet sah er aus; vielleicht hatte er zuviel mit den neuen Stoffen gearbeitet. Als am Vormittag Bou Jeloud, der Syrier, von Booten und Schiffen begleitet, den ersten Ritt über dem Meere antrat, – nach allen Stadtschaften der Kontinente wurden die stolzen erschütternden Bilder geleitet, – flogen Djedaida und Holyhead schon über die deutsche Tiefebene. Nach Süden und Osten flogen sie. Die Menschenansammlungen und Riesenstädte wurden seltener. Das blaue warme Meer kam, kleine Inseln. Die Küsten eines neuen Landes tauchten auf, gelbe Berge, weite leere Sandflächen. Bei Damaskus bestiegen sie Pferde. Während der ganzen Fahrt hatte der Weiße nicht das Gesicht Djedaidas gesehen. Als ein Trupp schwärmender Beduinen sie auf der steinigen Hochebene anhielt, Djedaida sich nannte, wurde der Weiße von ihr getrennt, zwischen die Männer genommen. Anaze mit Djedaidas Sippe lagerten bei Ed Daba.

Die Frau bestellte ein Gericht, erklärte vor dem Scheich: „Bou Jeloud, meinen Mann, wollt ihr sehen. Ich hab’ ihn nicht. Er hat sich mit Wolken beschäftigt, auf denen er reiten will. Er hält nicht mehr zu uns. Ist kein Anaze.“ „Wo ist er jetzt?“ „Ich hoffe, er ist tot. Er wollte nach Island reiten, wo die Städte die Erde zerreißen. Ich hoffe, er ertrinkt mit seinem Pferd oder er verbrennt.“ „Du haßt ihn sehr.“ „Ich war seine Frau. Er hat mich verraten.“ Der Richter blickte Holyhead an: „Berühr den Sand mit der Stirn, bevor du sprichst. Wer ist der Mann?“ „Der Jeloud verführt hat. Ein Wesen –“ sie brach in leidenschaftliches Weinen aus – „ich wünschte, das Meer hätte ihn verschlungen, bevor wir ihm begegneten. Wir hatten nichts als die Reise vor, Jeloud war neugierig, ich konnte ihn nicht zähmen. Der Mann hat sich Jelouds bemächtigt und sich alles Schlechten in Jeloud bedient. Bis er nicht mehr mein Mann war, sondern sein Diener, dieses Affen Diener, dieses Affen, der Spiegel für sein häßliches ziegenbärtiges Gesicht. Du Hund, sag belle, warum ich dich hergebracht habe. Bring es heraus, wenn du es fertig kriegst. Da steht der Richter.“

Holyhead, die Hände auf den Rücken gebunden, zwischen zwei Lanzenträgern, betrachtete aus leeren braunen Augen die Frau. Sprach nichts. Sie warf sich auf den Boden: „Gib ihn mir. Ich will mich rächen. Muß ich mich nicht schämen, an diesen habe ich Jeloud verloren. Seinetwegen hat er mich verlassen. Gebt ihn mir.“ Der Richter flüsterte lange mit den Männern: „Djedaida. Es tut uns leid, daß du ohne Bou Jeloud zurückgekehrt bist und uns nicht berichten kannst, wie lächerlich sich die Städter benehmen. Und wie die große Expedition nach Grönland, von der sie solch Aufhebens machen, verläuft. Deine Brüder sagen, es würde dich trösten, wenn du diesen Mann umbringst. Wir wollen ihn gar nicht ausfragen. Es lohnt nicht zu hören, was ein Ungläubiger sagt. Nimm ihn. Was du willst, tu mit ihm.“

Darauf stellten die Brüder der Djedaida zwei Mann, die ritten und Trommeln an ihren Sätteln hatten. Auf einen Klepper hoben und banden sie Holyhead. Mit ihm ritten sie durch die Wüste und Hochebene, nach Südosten in der Richtung auf Beni-Sochr, trommelten durch die Ansiedlung und Lagerplätze.

Djedaida in Witwentracht ritt neben ihnen. Der gebundene Weiße stöhnte. Einen Mundschleier trug er, fast nie öffnete er die Augen. Verlangte nichts zu trinken und zu essen. Schräg nach vorn abgesunken saß er, die Beine mußte man ihm unten zusammenbinden, das Pferd schaukelte ihn hin und her, kippte ihn fast um. Man flößte ihm abends Wasser und breiige Datteln ein. Er schlief nicht. Kniete halbe Nächte, verfluchte sich, Holyhead, sein Schicksal, die Städte, in denen er gelebt hatte, seine Eltern, seinen Leib und seine Seele. Der schwarze Bart wuchs ihm lang, die Backen fielen ihm ein. Wenn er sich zerrissen hatte, strömten ihm Tränen über das Gesicht. Bei Tag rüttelte ihn Djedaida wach, betrachtete ihn. Er sah nicht, daß sie manchmal von ihm weglief, sich versteckte, Gesicht und Brust schlug, sich in die Finger biß und nicht zum Weinen kam. Wenn er sich wie einen Klotz rütteln ließ und torkelnd dastand, zischte sie: „So will ich dich nicht. Was ist mit dir? Bist du ein Mann? Ha, du. Wir reiten weiter. Sieh mich an.“ Aber er sah sie nicht an. Man trieb ihn auf den Klepper. Die Frau ritt neben dem zerlumpten hängenden Weißen. Kinder auf den Lagerplätzen warfen Sand und Hölzer nach ihm. Der Haß der Beduinenfrauen war groß, sie ohrfeigten ihn, hetzten ihn aufzuhängen, bespritzten ihn mit Pferdejauche. Wie sein Schatten Djedaida neben ihm. Bewachte jede Bewegung, die an ihm geschah. Mißtrauisch, die Lider senkend, drohend still.

Die Männer von Beni-Sochr, als sie das hängende stumme Menschengerüst auf dem Klepper sahen, wollten ein Ende machen, die unersättlich rachsüchtige Frau von ihm unter einem Vorwand entfernen und ihn beseitigen. Djedaida fiel das Flüstern und Abseitsstehen auf. Sie hockte mit einem Hund in der Nacht vor dem Zelt, in dem der Weiße lag. Da wagten sich die Männer nicht an sie heran, wurden erbittert. Sie hielten sie durch falsche Wegangaben einige Tage in ihrer Nähe. Durch einen Trommler erfuhr die Frau, man hatte sich verabredet, den Weißen bei Tal Reinah zu erschießen. „Erschießen. Von weitem erschießen. Das glaub ich. Die Räuber.“ Wie es finster war, weckte sie die Trommler, sie sollten die Pferde rüsten. Sie tastete sich im Dunkeln zu Holyheads Lager, schüttelte ihn. Er stammelte: „Wer schüttelt mich. Ich bin ja wach.“ „Holyhead. Ich bins, – Djedaida. Steh auf. Wir müssen weg.“ „Was ist?“ „Auf. Wir müssen weg. Sie wollen dir ans Leben.“ „Wer bist du?“ „Djedaida. Oh Allah. So hör doch. Mach dich auf. Wir sind in einem Räubernest.“ „Sie wollen mich töten? Sie wollen mich töten?“ „Die Minute, die Minute, komm rasch Holyhead, wir können nicht warten. Wer weiß, was dir geschieht.“ „Sie wollen mich töten? Oh guter Ort! Oh liebreicher Ort. Meine Segensstunde. Meine selige Nacht.“ Er kniete in dem Sand. Sie packte seine Hand, griff an seine Schulter, faßte über seinen Mund! „Ich will nicht. Oh Allah. Erheb dich. Schrei nur nicht, Holyhead. Nur nicht. Nur nicht. Du wirst nicht schreien. Sie horchen. Du bist im Fieber, du weißt nicht, was ist und was du sprichst. Du wolltest nie essen; jetzt bist du so schwach. Sie wollen dich erschießen, es sind Anaze, aber Räuber, von fernher erschießen. Ich weiß nicht warum und wann. Vielleicht weil du ein Weißer bist. Sie sind schlecht. Mach dich auf.“ „Ich will nicht! Ich will nicht. Ich werde nicht.“ „Komm.“ „Ich will nicht.“ „Warum willst du nicht? Allah, Allah, was soll ich tun?“ Sie lag auf dem Boden im Finstern, warf Sand über sich. Er tastete mit den gefesselten Händen nach ihr, die Haare hingen ihr verklebt vor dem Gesicht. Er stammelte, seine Stimme gebrochen, er lallte fast: „Das Spiel ist aus. Soll ich jetzt lachen? Jetzt läßt du mich los. Jetzt ist es zu Ende. Sie werden mich erschießen. Und ich soll dir helfen, daß alles weiter geht. Du bist süß, bist süß, Djedaida. Jetzt mußt du mich loslassen. Sie werden mich erschießen. Du kannst es nicht verhindern. Da fühl mich an. Ich bin es noch: Holyhead aus London, das ist er, Ingenieur Physiker, der die Ölwolken gemacht hat. Bald liegt er, war nichts, wie seine glänzenden Städte. Aber ich freue mich doch. Ich kann befehlen. Wenn ich schreie: Eins zwei drei, – bin – ich erschossen.“ Er tastete nach der Zeltwand, stellte sich ganz auf die Beine: „Und du – bist gesättigt, meine Djedaida?“

Sie ließ sich von ihm hochziehen, murmelte zitterte: „Schreckliches hat Allah über mich verhängt. Ich kann nicht von dir lassen. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Du mußt leben. Ich muß dich bei mir behalten. Schreckliches hat Allah mit mir vor.“ Er schwankte stöhnte: „Was ist das, mein Gott. Ich sagte, es ist aus. Du willst mich nicht loslassen.“ Und er zog an der Zeltdecke, riß den Mund auf, mit gräßlich überschlagender Stimme gröhlte er: „Ich – will – nicht.“