Chapter 42 of 48 · 3587 words · ~18 min read

Part 42

Nach Süden in die Landschaft, die immer reicher aufblühte, bogen die Fahrer um. In kleinen Trupps wanderten sie, hielten Berührung miteinander. Als die schwarzen Argonnerberge vor ihnen auftauchten und sie anfingen in der Menschenöde zu hungern, wartete Kylin eine Woche, bis alle Trupps zusammen waren. Im Flußtal der Aire sammelten sich an dreitausend Menschen, auf Wagen Karren Mauleseln Pferden Ochsengespannen. Die Tannen in den Wäldern hatten hellgrüne Triebe; in einem Wäldchen junger Nadelhölzer sprach Kylin mit einer kleinen Zahl ehemaliger Unterführer: „Wir müssen uns trennen. Jetzt müssen wir uns wirklich trennen. Wir haben keine Nahrung, wenn wir beieinander bleiben. Man kann uns zusammen erschlagen. Ten Keir von Brüssel ist hinter uns.“ Er ging unter den zwanzig Männern und Frauen herum. Der junge Idatto, ein sehr magerer Mensch, der die eigentümliche Fettsucht der Städter überwunden hatte, hielt ihn am Arm: „Und was soll aus uns werden?“ „Du wirst nicht wieder krank werden, Idatto.“ „Ich weiß. So nicht. So werde ich nicht wieder krank werden.“ „Wir müssen uns trennen.“ „Aber ich will bei dir bleiben. Ich werde wieder krank werden, kränker als vorher.“ „Glaubst du, Idatto?“ „Wir wollen uns nicht trennen, Kylin.“ „Wir bleiben in kleinen Gruppen zusammen, das will ich ja auch. Aber so wie bis heut können wir nicht reisen. Du weißt selbst, wie viele hungern.“ „Ich will hungern und alle wollen lieber hungern als daß wir uns verlieren. Frage Bersihand und Magin und wen du willst. Sie wollen alle lieber hungern als voneinander gehen.“ Kylin ließ ihn los, stand stumm, auf den Boden blickend, bewegte die Lippen. Dann: „So sollt ihr reden.“ Und nacheinander sprachen die Männer und Frauen dasselbe wie der kranke Idatto. Sie umringten Kylin, der sich immer wieder zurückzog. Sie wußten nicht, und fuhren zurück, als Kylin die hellen Augen öffnete, warum er drohte und zu schreien anfing: „Aber so tut was ihr wollt. Verhungert, laßt euch erschlagen, bleibt zusammen. Ich hindere euch nicht. Ich hab keine Macht euch zu hindern. Ihr habt auch keine Macht mich zu hindern. Ich geh von euch.“ Idatto bettelte: „Warum?“ „Ja, du fragst. Du fragst. Und daß du schon fragst, ist schlimm. Du bist jetzt gesund, Idatto: wozu bist du gesund? Ich staune, was ihr alle aus eurer Gesundheit macht. Nein, ich bin entsetzt, was ihr daraus macht. Ich muß es aussprechen: ich schäme mich eurer.“

Kylin ließ sich wie müde auf den Boden, streckte sich, legte den Kopf stumm zur Seite, schob die Hände in die weiche Erde. Es war als wenn einige diese Bewegung verstanden. Die kraushaarige breite Damatile nahm den unsicheren Idatto beim Arm, sah ihm ins Gesicht: „Willst du jetzt still sein, kleiner Idatto.“ Und während sie schwiegen, stand Kylin langsam auf. Damatile faßte ihn bei der Hand. Sie wollte sprechen. Aber Kylin hob beide Hände, sah sie an und sah die andern an. Und jetzt wußten alle, daß er an Grönland dachte, an die Vulkane Gletscher Urtiere. Durch sie alle schwang und dachte es. Kylin kaute an seinen dünnen Lippen: „Wir müssen uns trennen, Damatile, Freunde. Damit wir nicht zugrunde gehen.“ Jetzt verstanden sie es. Der junge magere Idatto weinte an der Erde. Kylin hörte ihm eine Weile still zu. Man hörte nur das Weinen des jungen Menschen. „Was wollen wir weiter miteinander sprechen, Freunde, und uns erregen. Sagt es den anderen draußen. Sagt es ihnen deutlich. Aber sie werden schon verstehen, wofür wir leben müssen.“

Noch tagelang blieben sie im Tal der Aire zusammen. Als bei Kylins Gruppe vor dem Tannenwäldchen abends ein großes Lagerfeuer brannte und die Unterführer sich bei Kylin versammelten, wußten alle Trupps, daß es jetzt zu Ende war. Aber in keinem war mehr Leiden Graus Schmerz wie am ersten Tage, als man von der Auflösung der Wanderschar hörte. Erst saßen die Führer bei dem riesigen blasenden Feuer, starrten zurückgelehnt auf dem Moosboden in den lebendigen roten Schein. Dann erhob sich Kylin, verneigte sich vor dem Feuer, warf, immer vor sich starrend, seine Jacke, seinen Gurt hinein. Den Kopf auf den Boden, kniend, verharrte er eine Weile. Stand auf, schweigend von den anderen beobachtet, berührte mit den Händen die Tannen in seiner Nähe, verneigte sich vor ihnen. Wie er sich an seinen Platz am Lagerfeuer setzte, öffnete er die Lippen, ohne von dem Feuer wegzusehen: „Ich hab euch das zu sagen“, – er redete tonlos, die Hände schlaff auf den Knien, – „nein, nichts habe ich euch zu sagen. Ihr seht es alle selbst. Dies ist, dies ist das Feuer.“ Und er drückte den Kopf fest auf die Brust: „Ich bereue“, er lispelte, „ich bereue.“ Unsicheres Zusammenrücken in dem Kreis. Kylin flüsterte: „Verdeckt es euch nicht. Ich – bin – stark. Ich lasse mich nicht zerbrechen. Ich sehe hin. Hinein. Ich sehe ihm ins Gesicht. Da. Ich stehe auf. Ich stelle mich ihm gegenüber. Ich sehe ihm in die Augen. Hindurch. Tiefer, in den Kopf. Tiefer, in den Hals. Ich sehe. Ich wag es. Ich halte aus. Ich bin auf den Knien. Aber ich falle nicht um. Meine Augen lassen nicht los. Und wenn man Beile nimmt, man schlägt mich davon nicht ab.“ Ein Breitschultriger Dunkelhäutiger stand auf, schlurrte schwer zu Kylin, kniete hinter ihm hin, starrte über seine Schulter mit verbissenem Gesicht. Der fiel knirschend um, grub die Stirn in den Boden. Sanftes Wimmern einer Frau; dann kreischte sie, die Sehnige mit dem warmen traurigen Gesicht, den Flaum über den Lippen. Die Arme hielt sie ausgestreckt: „Weg. Grönland Vulkan. Bestien. Weg. Weg das.“ Aufgesprungen, davongerast. Männer rückten von der Flamme zurück, ingrimmig, dem Rasen nah. Sie sahen, das Feuer, Island, sie hatten es ja schon erkannt. Und wie sie sich zwangen: sie würgten erbrachen bogen ihren Hals, trieben die Augen vor, erbrachen, ließen sich zurückfallen.

Kylin saß unbewegt; die Augen hatte er in einem wüsten Grimm in das Feuer gebohrt, an das Feuer gegeben: „Aushalten. Rühr mich keiner an. Entweder ich brenne aus oder ich bleibe.“ Damatile, das starke plattnasige Weib, jenseits der Flamme, schrie zu Kylin herüber: „Unser Verderber. Du! Wir haben alles überstanden, die Turmalinschleier die Drachen. Das schlimmste kommt zuletzt: Kylin. Das schlimmste heißt Kylin. Er hat die Vulkane aufgerissen und jetzt sind wir dran. Nicht zur Besinnung sollen wir kommen. Nicht genesen. Kylin, Bestie, Drachen.“ Der stöhnte: „Immer weiter. Für mich. Das ist Grönland. Das – ist – Grönland.“

Unter dem Erbrechen Murren Stöhnen der Männer und Frauen schleppte sich Idatto, der junge, gegen das Feuer. Sein Blick lechzte: „Weggezogen. Wiedergekommen. Ich komme schon. Du rückst vor mir nicht aus. Da ich, Idatto. Ich bin Idatto. Du bist das Feuer. Du bist Grönland. Ich knirsche nicht. Da, ich bin dicht bei dir. Komm nur, brenn nur, rase nur, sei mein Feuer, laß dich schlucken. Ah süße Hitze. Schlucken in meinen Rachen. Süße heiße strudelnde Luft. Hauch in meinen Hals. Ich halte aus.“ Kylin: „Mußt aushalten, Idatto. Es ist Grönland. Es ist das Feuer. Du darfst dich nicht entziehen.“

Der Schwarze Niedergefällte ächzte: „Kylin, du. Ich halte aus. Wie quälst du uns. Wir waren ja schon gesund.“ „Ich mach keinen gesund, keinen krank. Idatto, stütze mich, ich stütze dich, sei du mein Freund. Sprich mit mir: ‚Dies ist das Feuer, dies ist das Feuer.‘“ „Was soll ich sagen.“ „Dies ist das Feuer. Damit es nicht ausweicht, Idatto.“ „Ja, ich will es.“ Und sie umklammerten sich beide. Das rote Feuer glutwallte vor ihnen. Die Männer und Frauen hielten sich die Ohren zu. Die beiden hauchten: „Das ist das Feuer. Das ist Grönland. Das Feuer. Grönland. Grönland.“

Und die andern rafften sich auf, bewegten den Kopf abwärts, stotterten: „Ja, ja.“ Denn Kylin und Idatto gaben nicht nach. Von dem Würgen und Erbrechen waren die Menschen schwach. „Hier mein Tuch. Meinen Gurt“ murmelte einer matt, warf den Gurt von sich in das Feuer. Das fraß ihn, erhob sich knatternd in Flammen, spie Rauch. „Es muß geschehen. Es gibt keine Rettung.“ Und da stürzten schon welche vor die beiden umschlungenen Kylin und Idatto, die sich bestärkten: „Es ist gut. Ihr seid gut. Wir danken euch. Nehmt mich mit auf den Weg. Kylin, daß du uns nicht hast einschlafen lassen.“ „Das Feuer. Grönland. Das Feuer. Grönland.“ „Ich bin schwach. Ich bin nichts. Ich bete dich an.“ „Gewaltiges. Gewalt. Ach ich reiche nicht aus. Geschehe was will.“ Und da zogen welche ihre Jacken aus, mit fliegenden Fingern, betasteten sie, der Atem flog ihnen, sie ließen die Jacken in das Feuer fallen, hielten sich die Ohren zu, wie es knisterte und sprühte, schluchzten hilflos, bitter heraus: „Wo ist eine Rettung.“ Und immer riefen Kylin und Idatto, am Lichtschein hängend, unerbittlich: „Feuer. Grönland.“ Schmeichelnd, unter einem Zwang, nahmen manche sich die Tücher ab, Bänder, was sie lose an sich trugen, drückten sie sich schmeichelnd an das zärtlich entspannte Gesicht, warfen es in sanftem Bogen ab in die stolze aufprasselnde Flamme. Sie standen in der Umschlingung der Finsternis, vom Feuerschein überspielt, das Gesicht zogen sie nach rückwärts, dann tauchten sie es wieder ein in das weiß-rote Licht.

Idatto hatte sich mit einem schmelzenden Lächeln von Kylin abgelöst. Sachte bog er seine Knie, machte Schritte um das Feuer. Schlich um den Brand. In weitem Bogen schlich er um den Brand. Die Arme hielt er gehoben, sein Mund zum Frohlocken geöffnet, aber er sprach kein Wort. Der junge Schmächtige blickte nicht in das Feuer, nur gerade vor sich in die lichtdurchzuckte Luft, auf den nadelbestreuten Waldboden. Verneigte sich alle paar Schritt. Umkreiste das Feuer. Und die, neben denen er lief, standen auf. Seine Stimme kam: „Auf! Steht auf. Das Feuer gepriesen. Grönland gepriesen. Die Vulkane gepriesen.“ Und die gekrümmten Rücken, geduckten Schultern folgten. Seufzten noch, schauderten schluchzten in ihrer Angst, aber er kreiste weiter. Kylin kauerte am Boden. Wie sie stöhnend und flüsternd vorbeizogen, verlor er die Besinnung, lag rückwärts gestreckt im Dunkel.

Idatto löste sich vom Feuer, lief rufend in den Wald. Vom Flußtal der Aire stiegen einzeln, in Scharen Menschen her. Erschreckt beängstigt mischten sie sich unter die Herumziehenden. Drängten fragten. Sie wußten, man mußte sich trennen. Von Grönland ging das Gerede. Das Feuer wehte streng; man schob sich an den Brand, warf beschwörend bittend Tücher und Gürtel hinein, kaufte sich los. Wie viele knieten; die Angst bezwungen.

Man hob Kylin auf. Er stierte in das Gewimmel, horchte auf das Raunen Rufen Aufschreien. Idatto führte ihn. Kylin lächelte fremd: „Habt ihr Furcht vor mir? Ich bin der, der auf Island den Herdubreid und Krabla gesprengt hat. Ihr habt keine Furcht vor mir. Ihr seht ja, was wir hingebaut haben: das Feuer. Das große große Feuer. Keine Furcht. Weicht ihm nicht aus. Auch den Vulkanen und Grönland nicht. Sie sind sonst ein Gefängnisvogt, der auf euch wartet, euch in Ketten werfen will. Keine Furcht. Ihr müßt das Feuer ansehen, bis ihr es aushaltet. Seht das große Feuer. Seht es an.“ „Näher, näher. Es zerreißt nicht. Ach wie es blüht. Grüßt es. Grüßt es. Grüßt Island. Unsere Heimat. Verneigt euch. Grüßt.“ Viele stürzten hin. Die Rufe brausten durch den Wald.

Kylin trat langsam an den Brand, während die Flammen unter neuem Holz brodelten. Die Führer um ihn wurden still, schwärmerisch verzückt ehrfürchtig an dem Feuer hängend. Kylin ließ sein hartes Gesicht bescheinen: „Da brennt es. Wärmt. Brennendes Flammenfeuer. Es hat die Vulkane auf Island zerrissen. Die Gletscher gesprengt. Das ist wie Wasser, das die Schiffe zerschlägt und die Schiffe trägt. Wohl uns, daß wir nicht auf den Shetlands verdorrt sind. Die Angst hat uns verlassen. Ich verneige mich schon. Du brennst, wenn wir nahe kommen. Laß dich besänftigen. Sei uns gnädig. Sei uns allen gnädig.“ Idatto hielt Kylin umfaßt. „Nun frage ich dich, Idatto, ob du verhungern und sterben oder leben willst. Haben wir ein Recht zu sterben. Ein lebendiges Wesen die Welt: das ist ungeheuer zu denken. Ist es möglich zu sterben, nachdem wir dies wissen. Hör wie sie rufen. Sie verstehen alles wie wir. Dies verstehen alle Menschen. Es ist keine Zaubersprache, die wir verstecken können. Idatto, du junger. Wir werden uns bald trennen. Jeder wird einzeln gehen. Ich muß leben, du auch, die andern. Das Feuer preisen. Und was wir gesehen haben. Jetzt kommt das Leben.“

Damatile, die starke schwarzhaarige Frau vor ihnen, streckte wagerecht selig die Arme hin, lächelte durch die Spalten der geschlossenen Augen. Wie von einem Vogel lockte gluckerte ihre Stimme: „Wie kamen wir auf den Einfall, zusammen zu bleiben, um uns totschlagen zu lassen. Wie ein Bad ist dies, eine Wonne, in der ich liege. Eben ist uns das Bad gerichtet, das Wasser eingelassen. Eben sind wir aufgenommen.“ Die gelbliche langsame Schachara rief hinten: „Damatile.“ „Hier steht Damatile, macht die Augen nicht auf.“ „Ach, da bist du. Ich bin’s.“ „Wer denn?“ „Schachara.“ „Schachara sagst du.“ „Damatile, ich kann alles aussprechen. Das ist das Feuer, das wir in Island geholt haben. Ich bin über den Herdubreid geflogen. Er war schon aufgebrochen. Diese Flamme. Es war diese Flamme. Ich erkenne sie wieder.“ „Ja, Schachara. Und schließ die Augen, sage was du dann fühlst.“ „Was?“ „Die Augen geschlossen, Schachara?“ „Ja.“ „Leg deine Hände hinter den Kopf wie ich, halte den Kopf zurück. Hör nicht, was sie rufen. Fühl nur. Fühl in deine Finger, fühl in dein Gesicht, in deinen Mund, fühl in deinen Leib, deine Beine herunter, in deine Füße. Fühlst du. Ach, ich kann nicht sprechen. Nicht über meine Lippen. Ach Schachara, ich, ich kann es nicht aussprechen. Es ist wieder da. Hab keine Furcht, fühl es nur. Bleib stehen. Das Süße Sanfte Sanfte Wilde und Starke. In meinem Hals, in den Knien, über dem Rücken, in meinen Augen. Ach. Brennt fließt. So. So. Ich brenne selbst. Nicht zu sprechen. Nicht zu sprechen.“

Die andere lispelnd versenkt: „Nicht zu sprechen, Damatile.“

Idatto hatte einen alten Buchenstamm erklettert. Die Splitter des Strunks umfassend hing er oben, träumte über das Wogen der Menschen hinweg, in den immer gewaltiger angefachten Brand: „Die welken Blätter. Die Luft. Ich laß mich fallen. Ich laß mich fallen. Oh hilf mir einer, daß ich nicht verschwinde.“

An diesem Abend und in dieser Nacht rangen sich die Führer von der letzten Verstörung los. Kylin zog in der Nacht die Unterführer zu sich; er wolle, bevor sie sich trennten, ihnen etwas mitgeben. Es war ein Zeichen, das sie festhalten sollten. Er trug einen kleinen Dolch. Das Griffende aus Bronze zeigte hochgetrieben die Linien eines geöffneten Berges, aus dem eine züngelnde Flamme schoß. Den Griff des Dolches erhitzte Kylin, drückte als erster das Zeichen sich dann Idatto in den Unterarm. Das Zeichen nahm in dieser Nacht das ganze Heer der Führer. Sie bogen sich, wie der Schmerz in sie schoß, schlossen die Augen, waren stiller als vorher. Bei Morgengrauen lösten sich ohne Abschied die ersten kleinen Gruppen von der Schar. Als das Feuer mittags zusammensinterte, war das Wäldchen und Flußtal der Aire leer.

Neuntes Buch.

Venaska

Im Südosten des Landes stand ein uraltes Rumpfgebirge. Flach gewölbt war es, vom Wasser und Regen bis auf den Sockel zerstört. Senkte seine Oberfläche nach Westen unter die weiten eingeebneten Beckenlandschaften. Vulkane hatten die alten granitischen Massen durchbrochen. Dies war die Hebung der Cevennen, das Hochland der Auvergne, Fores, Lyonnes. Bergströme durchbrausten die welligen Plateaus, enge Felstäler, Basalt- und Trachytkegel, Lager von Schlacken Aschen. Ein Krater senkte sich hundert Meter ein. Von den Gletschern des Gotthard kam die Rhone herunter. Gießbäche verstärkten sie. Sie jagte durch Engpässe, tauchte ihr schlammiges Wasser in den sichelförmigen Genfer See. Tiefblau trat sie aus dem Becken. Und wie sie den Jura durchbrochen hatte, kam ihr von Norden die sanfte Saone entgegen. Wasser mischten sie mit Wasser, rollten nach Süden. Breiter und breiter strömte der Fluß durch die lavendel- und myrtenduftende Ebene. Die Nachbarländer schickten ihm neue Wasser zu. Noch einmal traten die Felsen der Alpen, die ihn erzeugt hatten, an seine Ufer. Dann öffnete sich das Stromtal. Versumpfende Ufer. Rollkiesel über dem flachen Bett. Kieselfelder bis zum Meeresgestade, ödes Deltaland. Die trägen Wasser schwollen verendeten im Meer.

Garonne, der wasserwälzende Strom im Westen durch das Schwemmland, zwischen sanften Hügeln und Weinbergen. Weiß blau rosa schimmernd im Süden die Ketten der Pyrenäen. An der atlantischen Küste warf der Wind einen Wall auf, die Landes; nahm Sand von der spanischen Küste, die das Meer zernagte, häufte sie zu Dünen im Norden.

Wenige Stadtschaften trug das weite Gebiet der beiden südlichen Flußbecken. An den Meeresufern strahlte drohten Marseille und Bordeaux. Toulouse an der Garonne zog seinen schmetternden Kreis. Die Städte stiegen wie die nördlichen mit der Masse ihrer Bewohner in die Tiefe. Auf den Flächen des fruchtbaren Landes nördlich der Pyrenäen, den Schuttablagerungen der Eiszeitgletscher, schlichen Siedler. Die palmen- und orangenbestandene Ebene der Provence bewohnten sie, hielten sich an den Ufern der starken Flüsse.

Noch bevor der Kampf um Grönland beendet war, verließen kleine Scharen der britischen Siedler die Inseln, auf denen man sie ausrotten konnte. Im Norden und um sie herum stiegen die Städte in die Tiefe, da berührten Gruppen der wandernden Schlangen das untere platanenbewachsene Flußtal der Garonne und das fette Weideland. White Baker stieß mit ihren Scharen in das Land, das einmal Melise, die grausame Königin von Bordeaux, beherrscht hatte. In das Becken zwischen den Pyrenäen, dem östlichen Gebirgsmassiv und dem Ozean flossen sie ein. Bewegten sich in den warmen Auen der Charente, unter grünenden Edelkastanien, dunklen Ulmen, den Laubkronen der Nußbäume, auf Wiesen und Rebenrücken. In den Forsten, besonnten Gauen, endlosen verwilderten Getreideflächen verloren sie sich unter die alten halbspanischen und afrikanischen Siedler.

Von den Stadtschaften losgelassen blühten sie im Tal der Charente, um das breite Bett der Garonne. Die Schlangen hatten von der britischen Insel ihre dunklen Lehren von der Wanderung in der Liebesumarmung und Entrückung mitgebracht. Um Perigueux und Bergerac bis zur Mündung der Gironde, wo die schwelgenden Römer Wälle gebaut hatten, bewegten sie sich, zwischen Sanftmut und Überschwang schwankend, Männer und Frauen. Die Finsternisse Nebel kalten Winde Fröste der britischen Insel waren nicht hier. Die Gewalten der Stadtschaften waren verschwunden. Hier war nur der Mistral furchtbar, die schmetternden Gewitter des Frühlings und Sommers, und die Springflut, die vom Ozean in die Mündung der großen Gironde lief und über die Äcker hinschlug. Schlafende Wildnis, Gartenfluren, goldener Ginster, zertrümmerte Straßenzüge. Ab und zu ein Blitz, vor dem sie sich duckten; die Flugzeuge und Wagen der in die Tiefe gesunkenen Stadtschaften, von der Erde rafften sie Sand- und Steinmassen, von den weichen Felsen klöppelten sie Stücke ab, fuhren sie in den Boden für die Mekifabriken. Die am Meer sahen auch die großen Luftfrachter, die regelmäßig täglich die Salze Säuren Steinlasten von Norden hertrugen. Von keinem gehindert siedelten sich die Fremden auf dem reichen Boden an. In Gehöften siedelten sie, auf den gras- und rebenbestandenen Fruchtäckern, den alten Sümpfen und Schwemmland, auf pflanzenbewucherten Bodenanschwellungen, unter dem hochstämmigen Kirschlorbeer, neben wilden dichtzweigigen Akazien, die ihre Blattbüschel über kleine Bäche ausluden.

Und wie die Menschen über den weichen dunstenden Boden gingen, der Wein und die Bodenwürze in sie stiegen, war ihr Drang zueinander nach der langen Entfremdung tief. Es gingen nach den Schlangen mit White Baker Gruppen nach Gruppen flüchtiger Siedler, britischer flandrischer fränkischer jütischer über den Boden, und wurden wie sie ergriffen. Dieses grenzenlos Heutige Frische Sicherneuernde. Jeder Lufthauch erregend sich zu entäußern, umzustülpen.

* * * * *

Servadak saß allein unter einem sattgrünen Kirschlorbeer, der junge noch gelbblasse Mensch, und lockte Light-for-me, Mein-Licht, die Frau, die am Dordogneufer neben ihm siedelte. Ach sie sollte zu ihm kommen. Sie war schon oft mit ihm in das Dickicht gegangen, wo eine heilige Hütte stand, hatte mit ihm die süße Wanderung angetreten. Er lockte immer von neuem, die braune Light-for-me ließ es sich gefallen. Er saß bewegungslos unter dem knorrigen astverschlingenden Kirschlorbeer. Sie lachte zwischen den Erbsenstauden: „Servadak, du sitzt an dem Baum, als wärst du seine Wurzel. Sieh einmal über dich: er wächst schon so grün aus dir.“ „Light-for-me, du hast schon genug gearbeitet.“ „Sieh meine Arme, Servadak, wie dick sie sind. Jeden Tag werden sie dicker. Sie werden noch platzen. Ich freue mich.“ „Für wen tust du so viel.“ „Und wenn ich Kinder bekomme, Servadak, wer wird ihnen zu essen geben.“ „Ich werde sie füttern. Und die andern auch.“ „Ich hab Arme, Servadak, und es sind meine Kinder. Ich sitz’ nicht unter dem Baum. Sieh meine Erbsen an.“ „Komm zu mir, Light-for-me.“ „So sagen auch die Erbsen: komm zu mir. Und meine Hähnchen. Und die Trüffeln.“ „Komm zu mir, Light-for-me. Mein Augenlicht. Meine Weide. Ich sitze nur hier, doch nur für dich, sehe deinen Acker an, bin froh, daß du darüber gehst. Sieh meine Erbsen. Taugen die nichts?“ Sie lachte: „Schlecht sind sie. Rotes Unkraut ist dazwischen. Ich helfe dir nicht, wenn es Schoten gibt.“ „Komm näher.“ „Willst du mit mir in die Hütte gehen? Aber ich will nicht.“ „Nur näher sollst du kommen.“ „Aber was hilft es, Servadak.“ „Mir hilft es. Mir hilft es, wenn du nur einen Schritt näher kommst.“ „Ach, lieber Freund. Ich bin traurig, wenn ich dich sehe. Du bist so blaß. Und wie lange sind wir schon von Bedford weg.“ „Ich bin schon hundert Jahre von Bedford weg. Als ich dich an der Kreideküste im Norden sah, waren die hundert Jahre um. Das war gestern. Oder heute. Heute hab ich dich zum ersten Male gesehen. Eben sehe ich dich zum ersten Male. Komm zu mir, Light-for-me.“ „Ach, was rufst du nur, Servadak. Wenn ich auf mein Erbsenfeld gehe, bist du wie die Drossel da.“ „Aber der Drossel antwortet eine andere.“ „Ich antworte doch auch.“ „Keine Drossel bist du. Nicht antwortest du mir.“ Er streckte einen Arm nach ihr aus. Sie senkte den Kopf an den Stauden, weinte, zupfte an den Stöcken, lief langsam, dann rascher zu ihm, ließ sich von ihm, der vor ihr hinfiel, küssen, küßte ihn sanft auf Mund und Augen.