Part 45
Gierig machten sich da Giganten Londons daran, Menschen aufzugreifen, in Massen, in immer größeren Massen, um ihre Kräfte zu zeigen. Vor ihren stierwilden Gehirnen stand die Erinnerung an die schrecklichen Gebilde, die die fallenden zerschellenden Urtiere unter sich geschaffen hatten: die mit Mensch Tier Pflanze Stuhl Tür aufbrausenden kochenden Häuser. Die Fahrt nach Island und Grönland war nicht vergeblich gewesen, die Urkraft war in ihren Händen, sie wollten sich ihrer bedienen. In zwei Wochen vollendete Kuraggara, die Männin, selber in eine Fledermaus verwandelt, in London ein schreckliches Werk. Sie konnte wie ein grönländischer Drache speicheln; ein Tropfen des Speichels lief über den Schleier, den sie, selber geschützt, an ihrem Hals trug. Schon wuchsen unter ihr die Balken, die Eisenträger dunsteten auf und quollen, entsetzlich dicke Menschenarme schwollen lang aus den Fenstern, zerbrachen die Fensterrahmen. Die Gebäude wurden von Fleisch umwuchert. Die unterirdischen Gewölbe mit Menschen, Häusern, Wagen wuchsen zu, durchwühlten einander. Von der Erdoberfläche waren die Menschenmassen vor den Grönlandbestien geflohen; jetzt saßen sie, hingen wie ein Korallenstock unter der Erde. Und Kuraggara, von Tag zu Tag wieder Mensch, jauchzte. Mentusi, Kara Ujuk, Schagitto, Dejas Tessama wurden von ihrem Fieber angesteckt. Über die fliehenden vor Angst wahnsinnigen Menschen im untersten Teil Londons fielen sie, surrten als Kolibri, schrien als Goldfasan Häher Elstern, ließen sich jagen, tropften ihr Gift. Der unterste Teil Londons, die Wasserstadt, wurde von den täuschenden flatternden Tieren begraben, Stein Sand Mensch Eisen ineinander gequirlt. Der Boden dort sank ein; Wasser schwemmte in die Spalten, die Hohlräume, die sich bildeten. Delvil, der Gewaltigste von ihnen, tat den flatternden Tieren Einhalt, erschlug einige von ihnen, kämpfte die anderen, die wieder ihre Gestalt angenommen hatten, nieder. Er drohte ihnen: „Das tat not, daß ich mich für euch mühte. Es tat not, daß wir für euch Menschen nach Island schickten. Der Schleier für euch! Nehmt euch in acht. Vier leben nicht mehr.“ Sie brüllten, was er vorhabe. Er tatzte eisig nach ihren Gesichtern: wenn sie begriffen, was er vorhabe, wäre es ihm recht; vorher sollten sie ihren Verstand bei ihm legitimieren.
Mentusi und Kuraggara, die noch lebten, zwang er zu sich nach Cornwall herüber in die Dartmoorwaldungen. Auf Tieren, die sie sich geschaffen hatten, flachen Riesengeschöpfen, in deren Brustkorb sie saßen wie das Herz der Tiere, flogen sie an. Er zerbrach den Tieren die Hälse: „Kuraggara, das war dein Tier, das braune. Und das war deins, Mentusi. Das sind eure Späße. Damit glaubt ihr mir vor die Augen treten zu können.“ Kuraggara, wie eine Tanne hoch, hatte den Rumpf eines Menschen. Als Baumkänguruh war sie zuletzt gesprungen; braun und behaart war noch ihr Gesicht, schnauzenförmig verschoben Kiefer und Nase, kleine spitze Ohren drehte sie am Hinterkopf vor. Sie stand eingesunken auf den plumpen bekrallten Hinterbeinen, den buschigen Schwanz schlug sie vorn um den Leib. Schläfrig hörte sie auf Delvil. Mentusi hatte den langen rostbraunen Hals eines Gänsegeiers. Mit klatschendem Flügelschlag senkte er sich auf den Steinboden vor Delvil, hob den spitzen Menschenkopf, sträubte die Rückenfedern. Er hauchte dehnte sich: „Schlag nur den Kasten tot. Wir machen uns neue.“ „Du unsauberes Tier. Sieh, was hängt an dir, an deinem Federkragen. Das sind Därme!“ „Gut gesehen. Pferdedärme, Delvil. Die Menschen früher hatten nicht unrecht, Tiere zu fressen, die aus den Leibern anderer kamen. Das schmeckt mir besser als Meki. Ich werde noch Siedler.“ Delvil patzte ihm eine Handvoll Steine an die Stirn. Mentusi schnurrte zurück, lüftete die Schwingen, kreiste mit eingezogenem Hals zweimal um Delvil, ließ sich krächzend nieder.
„Und du, Kuraggara, was stehst du.“ Delvil, ein Mensch von Gestalt, haushoch sie überragend, griff sie am Nacken an: „Schläfst du. Du hast gesehen, wen ich in London totgeschlagen habe. Willst du’s auch. Brauchst nur sagen. Mach dich zu einer Ameise oder zu einer Laus, das ist bequemer für mich.“ „Du bist neidisch auf uns, Delvil. Du gönnst uns unser Vergnügen nicht.“
„Was ist euer Vergnügen.“ Mentusi flog an ihm hoch: „Ist wohl Delvil zu guter Letzt Hüter der Menschen geworden. Was gehen dich die Menschen an. Mich gehen die Läuse und Ameisen ebensoviel an wie die Menschen.“ „Mich kümmern die Menschen auch nicht, du Aasfresser.“ Delvil kollerte über das Steinfeld: „Ich und Menschen. Ich und mich um die Menschen kümmern. Du hältst mich für einen Propheten und Führer. Ich sehe wie Marduk aus. Das ist vorbei, Mentusi. Die kümmern mich nicht mehr. Sie mögen siedeln oder Städte bauen oder Baumborke essen oder Schwefelsäure trinken. Aber trotzdem seid ihr Schufte, du und Kuraggara und Schagitto und die andern, die ich totgeschlagen habe. Ihr könnt spielen soviel ihr wollt. Ihr treibt es zu wild.“ Kuraggara hob sich auf ihren Sohlen auf: „Da war nichts wild. Du gönnst uns nichts.“ Delvil stieß mit dem Knie gegen sie. Sie klapperten unter seinem Steinregen in das Dickicht.
Delvil dachte nur daran zu wachsen. Er verließ die Berge Cornwalls selten. Eine kleine Zahl inbrünstiger Gehilfen hatte er. Dejas Tessama schickte er nach Irland, einen Mann wie er. Sie wollten Grönland und die Urtiere nicht vergessen. Die Kette der Turmmenschen stand noch auf dem Gebirge, am Meer. Mit Inbrunst Weinen Haß betrachtete sie Delvil: „Das waren meine Freunde. Sie haben die Bestien aufgehalten. Wir haben sie opfern müssen.“ An den dunklen traurigen Wesen ging er vorüber. Er ließ sie verfallen, man brauchte sie nicht mehr. Sie vertrockneten zwischen den Steinen und Balken; ihr entsetzliches Gestöhn, tierartiges müdes Blöken hallte monatelang über den einsamen Bergen, über den wüsten Wasserflächen von Schottland nach Skandinavien. Die lockenden Schleierteilchen senkten sich mit den schrumpfenden Riesen. Steinmassen über Menschen- und Tierreste. Herab von den Flößen in die See.
Delvil dachte nur zu wachsen. In Cornwall hielt er wochenlang. Sehr langsam ließ er sich auftreiben; er wollte nicht wie die Turmmenschen mit dem Boden verkitten. Felsblöcke konnten sich um ihn werfen, Wasser Balken. Oft wurde sein Bewußtsein dunkler und man mußte lange anhalten, damit nicht die Geister der Steine die Oberhand über Delvil gewönnen. Als ein ungeheures menschenähnliches Geschöpf schob sich Delvil vor London. Hatte Füße Zehen Knie eines Menschen. Dunkelbraune fellartige Haut. Sein schilfernder Leib trieb Warzen Beulen Brüste vor wie Erker und Kuppeln. Ein glockenartiges armbewegendes Geschöpf stieg aus seiner Magengrube. Aus den Weichen wuchsen schwarze und graue sich ringelnde spielende Schlangenleiber, bewegliche augenöffnende Röhren, die sich um seine Beine legten, um ihn zu liebkosen, die für ihn soffen und fraßen. Die Brust oben schwoll in langsamem Takt. Bäche sogen die Schlangenleiber auf; ihr Bett wurde leer; die Bäche liefen durch Delvils Leib. Er sah die Siedler unter sich laufen: „Krautfresser. Menschen. Das ist die Erlösung der Menschen. Erlösung! Kraut zu fressen! Menschen!“ Die Gräser Bäume Pferde Rinder betrachtete er mit seinem trüben Blick. Der Wind blies um ihn. „Der Wind, das ist etwas. Der Berg.“ Er stampfte um London, weil er sich fürchtete, den Boden zu zerbrechen. Über den sturmbrausenden Kanal stieg er; das Brausen hielt er aus, bis es ihm den Atem benahm. Bei Calais setzte er sich schnaufend hin, rüttelte an Strandfelsen. Ten Keir schweifte um Brüssel. Er sah die Verfinsterung des Himmels, den wolkenhoch anschaukelnden Giganten, hörte das meilenweit vernehmbare Grunzen Gurgeln Wasserrieseln Pfeifen der Schlangen. Voll Ekel floh er unter die Erde.
Trübgierig irrte Delvil über den Kanal zurück, suchte tastend den Weg nach Cornwall. In Fudern schluckte er das Gestein. „Menschen. Krautfresser. Das ist ihre Erlösung.“ Er dachte dunkel: „In der Erde wurzeln. Wie die Berge. Es wird sich alles herausstellen.“ Und kaute mahlte schloß die Augen.
* * * * *
Die Giganten zogen auf Jagd. Kuraggara wollte nach Grönland. „Laß mich über das Meer fahren“ lachte sie den brütenden Mentusi an „komm mit. Ich jage auf Wunder. Du schläfst.“ Mentusi flog auf: „Laß sehen.“
Sie waren zwei Geier, die über das Meer schossen. Sie stießen durch den Sturm, Möwen zerrissen sie und trieben sie sich zu. Das Meer wogte, eine schwarze schillernde Platte, unter ihnen. Sie fuhren herunter, hackten Walen in die Köpfe. Schrie der Sturm: „hi!“ schrien sie: „hi“. Sie durchbrachen den Wind. Eisberge, die weiße Kälte flimmerte unten auf. Kuraggara schleuderte sich lustig in der Luft herum: „Wir sind bald da. Mentusi, wir haben es. Es war kein Drache da. Ist keiner gekommen. Sie sitzen im Eis fest. Wir wollen sie aufstöbern.“
Kein rosafarbenes Licht glomm mehr um sie. Das weiße Dämmern. Wallen des Nordlichts. Da war Jan Mayen. Wo war der Mutumbo, der sich in die Flachsee ein Loch gebrannt hatte, mit den Schiffen sich herabgelassen hatte auf den Meeresgrund. Das tosende Wasser war über ihn gekommen. Das Rosenlicht blühte vom Himmel, in gleichmäßiger Seligkeit machten sie Steinchen, Hölzchen, kleine Wellen, große Wellen zu Geliebten. Dann rollten schwarze Gewitterwolken an, Zyklone; und sie jauchzten noch. Und dann die flimmernde gleißende Wolke der fliegenden Lurche, der langhalsigen mit knochigen Kragen, Füchse in ihrem Gefieder. Spritzen Gießen von Tieren. Dröhnen der durchbrochenen Schiffsmauer. In das gewalttätige Wasser waren sie in einer Minute eingewühlt. Wie Öl die See schillernd über den verschwundenen Schiffen. Vorbei Jan Mayen.
Bergketten tauchten im Ozean auf. „Das ist es“ jauchzte Mentusi, senkte sich. Es waren Inselgruppen. Und neues Wasser, stärkeres Schäumen, Brandungslinien. Weiße Gipfel, flache hüglige Ebenen. Die Geier krächzten, die Schwingen weit entfaltet, unbeweglich, ließen sie sich herab. „Grönland, Mentusi.“ „Kuraggara, ist das Grönland.“ Wonnig kreischte Kuraggara: „Weißt du, was du vergessen hast die ganze Reise? Weißt du? He? Die Drachen.“ „Die Drachen.“ „Ja, Mentusi. Jetzt greifen wir sie an. Hast du sie gesehen. Ich keinen einzigen. Wo sind denn aber die süßen Tiere, die uns solche Angst gemacht haben. Wo haben sie sich denn versteckt und wollen mit uns spielen.“ Sie prustete, tanzte auf dem Schnee, schlug mit den Flügeln, daß der Schnee stob: „Tot! Tot! Verreckt! Krepiert! Verendet! Vernichtet! Drachentod. Komm, wir wollen sie suchen. Ich möchte mit ihnen spielen.“ Sie sausten im Fluge die Berge ab. Schneemassen Eisplatten überall. Durch gelles weißes Licht schossen sie einen Tag, das Land endete nicht, dehnte sich unermeßlich weiß hin. Wie die Schwärze vom Himmel ausgebreitet wurde, Schneegestöber sie blendend einhüllte, lockte Kuraggara: „Ich seh eine Kluft. Wir warten die Nacht ab.“ Müde saßen sie unter einem Fels, schliefen träumten. Sie segelten über dem Meer, hoch in der Luft, die Flügel ausgespannt, ohne Bewegung, und wurden getrieben.
Bei stechendem Sonnenschein wachten sie auf, Kuraggara wollte weiter fliegen. Mentusi, die Federn gesträubt, knurrte: „Warte, ich habe etwas geträumt. Ich will nicht in den Schnee. Wo sind die Drachen. Ich habe geträumt, sie liegen hier.“ Und sogleich fing er an über der Kluft zu kreisen. Der andere Geier ihm nach: „Ich sehe nichts.“ „Sie liegen hier. Unter dem Schnee.“ Sie krallten sich in den Schnee des Abhangs ein, schlugen mit den Flügeln um sich, wehten ihn fort, mit Klauen wühlten und kratzten sie. Der Schnee lag locker. Das Eis war lose bröcklig; es war ein Firn, blau weiß, der sich eben bildete. Sie warfen ihre warmen Körper an das Eis; es rann und floß weg. Wie ihre Klauen ermüdeten, nahmen sie die Köpfe, bohrten und hämmerten mit den Stirnen. Sie wälzten sich wie Räder, bis sich ihre Fänge wieder erholt hatten. Da brach auf einmal knarrend die Eis- und Schneemasse über ihnen von der Abhangsspitze herab. Ein Stück wurden sie abwärts gerollt, fast erstickend unter den Schneelasten. Dann schossen sie seitwärts hoch. In der Luft trafen sie sich: „Bist du es, Kuraggara?“ „Lebst du, Mentusi. Ich kann nicht weiter. Ich kann nicht, Mentusi.“ Sie saßen verschnaufend in der Ebene, eine Stunde. Mentusi jagte auf, zögernd flatterte die andere.
Kreischte Mentusi, war verschwunden. Angstvoll erhob sich die andere, höher, höher. Sah den andern, den Riesengeier. Er hing an der Wand, bewegte sich hackend auf und ab. Sie näherte sich, erschrak. Stieß ein Kreischen wie Mentusi aus. Die Wand war schwarz und braun. Dünner Schnee überrieselte sie. Da ragten die Äste einer Baumkrone hervor. Starke Äste eines schief lagernden niedergebrochenen Baumes. Die kleine Lawine hatte die ganze Wand des Abhangs entblößt. Mentusi lief unten eine sonderbar gewundene Linie ab. Er schrie und hackte. Kuraggara flog herzu. „Das sieh, Kuraggara. Was sich hier biegt. Es bewegt sich nicht. Knochen Wirbel. Da, Rippen. Hier der Kopf, die Augenlöcher.“ „Ein Drache.“ „Einer, meinst du. Hier liegen nur Drachen. Hier liegen sie alle. Es war ihnen zu kalt. Ist aus mit ihnen. Sind eingeregnet, eingeschneit.“ Und sie stöberten den Abhang ab. Er war von einem Wald mit Bärlappbäumen bestanden gewesen. In kalten modrigen Blatt- und Moosmassen rührten sie. Zwischen Geröll Stämmen Blättern lagen Gerippe und Haufen zersplitterter Knochen, Eis dazwischen wachsend, Schnee Wasser Erde darunter rieselnd. Kuraggara schrie, flog auf, schaukelte sich in der Luft über dem Abhang: „Die Drachen, die uns erschlagen wollten. Die Drachen, die die Stadtschaften verwüstet haben. Ha! Ha!“ Mentusi schaukelte sich neben ihr: „Kuraggara, über das Land, über das ganze Land.“ Sausten durch das Schneegestöber durch die Böen des eisigen Windes: „Das ganze Land unsere Fahne. Unsere Siegesfahne. Da liegen sie, da und da und da. Tausende, Millionen! Überall, wo es weiß ist. Der Schnee tut nichts als sie begraben. Und uns –“ Mentusi schnellte sich hoch, kreiste. Kuraggara, lachend: „Uns haben sie ihr Leben gebracht. Gerippe auf Grönland. Leben bei uns. Ha. Wollen noch Schnee fressen. Schnee Schnee.“ Und sie schluckten den Schnee. Der fiel über den Erdteil, versenkte die Wälder bis über die Baumkronen, brach die Stämme nieder, zerrieb sie, löste, was an Tieren zwischen ihnen lag. Auch die Fetzen des verkohlten Riesenschleiers von Turmalin, der ihn einmal beherrscht hatte.
Schrill Kuraggara: „Nun, wie gefiel dir die Fahrt, Mentusi. Ich fresse mir den Magen mit Schnee voll; er ist unser Freund. Jetzt wollen wir zurück. Ich hatte mich auf ein anderes Wunder gefaßt gemacht. Aber auch das gefiel mir.“ „Und mir. Wenn ich erst zu Hause wäre. Wir müssen viel tun, Kuraggara. Ich habe unendlichen Durst, viel zu tun. Tun, tun.“ „Komm. Ein Tag, zwei Tage, wir sind zu Hause.“
Die Berge und Eisfelder vorbei. Den Atlantischen Ozean überflogen, Meridian auf Meridian. Das lungernde Wasser, das schlackernde wehende Fell des schwarzen feuchten Untiers. Klippen und weiße Brandung: die Shetlands Orkneys und Färöer. Schottische Bergketten, die Hochflächen. Kleine Schafherden bewegten sich unten; Menschen Siedler. Tun, mehr tun. Die beiden Geier schrien warfen sich in der Luft. Sie sausten mit zurückgebogenem Hals, blinzelten begehrlich gradeaus: meilenweite Trümmerfelder bis zu den Küsten; das grollende Meer im Süden. Das war London. Die Schimmelpilze der Siedlungen hatten es am Rande überzogen. In die Schächte und Spalten hinab die beiden Geier, den Kopf voran, die Fänge an den Bauch. Sie krächzten.
Und da sie Delvil nicht sahen, taten sie, was sie wollten. Mit dem Geheul von Panthern erfüllten sie die Gewölbe der Erdstadt. Sie vervielfachten sich. Als die erschreckten Menschen die schrägen Spaltenwände hochliefen, die Schächte auffuhren, standen die stampfenden Mammute da. Die Rüssel schwangen sie wagerecht und senkrecht wie Keulen Peitschen Hämmer Steine. Wie sie die Rüssel gedreht über den platten Kopf warfen, die rote Riesenkluft der Mäuler entblößten, weiß heraus die Balken der Stoßzähne, gähnten sie klingend und rollend hell. Der Schall fuhr wie Meereswut über die wimmelnden Menschen, die auseinanderstoben. Die Mammute, die grauschwarzen, tanzten. Schächte traten sie ein. Die Menschen warfen sich aus den Erdkammern hoch. Die weiße Luft, der neblige Himmel war da, blasender Wind und Untiere, wie aus der Grönlandzeit. Sie ließen sich betäubt in die Stockwerke der Erde wieder herunter. Dann hinter ihnen das gräßliche Tiergebrüll, die Giganten. Sie waren außer Rand und Band; ihre Macht hatte sie zum Toben gebracht. Wie konnte man fliehen. Schächte eingestürzt, der Zugang zu den Mekifabriken verschüttet. Durch alle Risse quollen die Menschen herauf, verstopften die Wege. Dem Geheul der Tiere lief man entgegen. Wo das Geheul war, war eine Öffnung. Mentusi und Kuraggara, Gestalt um Gestalt wechselnd, tosten; Glück rasselte in ihren Kehlen: „Tummtumm! tumm tumm!“
* * * * *
Dann ließen sie das kreischende London los, das Strudeln krabbelnder zitternder Menschen. Es durstete sie nach Cornwall zu Delvil. Fünf Giganten waren hinter ihnen her, die letzten, die London gemacht hatte. Zwei hüpften als Heuschrecken, hoch wie ein Mann, rieben die glashellen pergamentenen Flügel gegen die Hinterschenkel, daß Schrillen mit ihnen lief. Sie schnellten sich mit dem letzten spitzwinkligen Beinpaar, flügelausbreitend, hoch, schossen im Satz über die Gesteinshalden. Die drei anderen flogen als gelbe Wolken von Blütenstaub. Der Staub schwankte und löste sich manchmal, dann ballte er sich zusammen, schoß vorwärts wie ein geworfener Stein.
Durch den Dartmoorwald ging Delvil; Cornwall verließ er eben. Eine gelbe Wolke, wie ein Mückenschwarm singend, legte sich weich vor seine großen dunklen Augen. Er hob einen Arm, um den Schwarm zu verjagen. Der legte sich dichter, nach Linden duftend, an, schwoll über seinen Nasenrücken gegen den Mund. Die Schlangen aus seinen Weichen zuckten auf, gegen eine Wolke, die sich um die Hüften legte. Die Schlangen rissen peitschend hochschnellend Spitzen von Tannen ab, zersplitterten Äste. Unter dem Hagel der Baumstücke wichen die Heuschrecken, die sich schrillend näherten, durch den schwarzen Wald. Delvil wandte seinen Rücken gegen die Wolken, nieste wischte sich die Augen mit dem behaarten Arm. Und wie er tief atmete hustete spie, – das Summen näherte sich von rückwärts seinen Ohren, er beugte den Kopf, – zerriß das Gelächter Mentusis und Kuraggaras die Luft. Ihre Flügelschläge sausten über den Tannenspitzen. Sie krächzten; rostbraun ihre gierig vorgestoßenen fast nackten Hälse; die Federn der Halskrempe grau; und sie flatterten in der Luft. Da erkannte Delvil die Giganten, mit denen er kämpfte. Er war auf dem trüben suchenden Wege wieder nach dem Festland gewesen. Er griff mit den Fäusten nach seinen Ohren, an seinen Mund, in die kitzelnden Wolken des Blütenstaubs. Die Massen, die auseinanderglitten, faßte er krampfend zwischen die Finger, quetschte, zerwarf sie, stieß mit den Ellbogen die aufdrängenden, zueinander quellenden Wolken zwischen seine Knie. Da klemmte er sie fest. Der Staub verfärbte sich, wurde rot, glühend. Aus dem Summen war ein rasch abbrechendes Zischen Zwirbeln wie ein Drosselschlag geworden. Die Schlangenmäuler weit gesperrt schnappten schlürften schluckten an der wallenden Masse.
Während die Schlangenleiber kuglig anschwollen und sich wurmartig drehten rollten schaukelnd abplatteten, hob Delvil wieder den mähnebeladenen Kopf, auf dem Tannenäste lagen. Langsam drehte er sich um. Die beiden Gänsegeier, die Weißköpfe, mit schlaff hängenden Flügeln, die Schultern hochgezogen, krächzten ihn von den Baumgipfeln übermütig an. Brüllte Delvil: „Ihr, Kuraggara, Mentusi, ihr seid’s.“ Mentusi lachte: „Sieh dir den Haken an meinem Schnabel an. Damit zerreiß ich dir das Fell.“ Kuraggara: „Ich bin heut schmutzig. Heut war es nicht Pferdeaas. Heute war es Menschenaas.“ Keuchte Delvil. Seine schwarzen feuchten Augen traten hervor. Lange sprach er nichts. Dann brüllte und weinte er: „Das tut ihr. Das tut ihr. Darum ist alles geschehen. Den großen Krieg geführt. Grönland befahren. Die Drachen verjagt.“ Kuraggara hob sich auf den blaugrauen Fängen: „Von Grönland kommen wir. Darum sind wir lustig. Die Drachen haben wir gesehen, unter Eis. Jetzt sind wir die Drachen.“ „Du, Kuraggara, bist. Und du, Mentusi, bist. Und Pferde freßt ihr. Und Menschen freßt ihr.“ Und Delvil weinte. Sein Leib war in einem furchtbaren Schütteln. Die Geier flogen rückwärts. Winselnd und leise fauchend trat aus der Magengrube Delvils der korallenrote Riesenpolyp, die Purpurrose; die Wimpern der hundert Fangarme schlugen heftig; die Fangarme krümmten sich über den Mund. Und plötzlich während die Schlangen Springbrunnen von Wasser in Stößen hochschleuderten, fuhren Steine Baumstücke aus dem würgenden Schlund des leuchtend hochgehobenen starken Polypen; die Arme erzitterten; wie Augen blitzte unter der Mundscheibe ein Kranz blauer Warzen.
„Ich lebe nicht mit euch“, ächzte Delvil, „ich bin nicht von eurem Blut. Nach dem Festland will ich. Ich will zu Marduk.“ Die Geier schrien: „Hähä! Zu Marduk. Willst Kraut fressen. Können dich brauchen. Werden sich freuen.“ Schon krachte und prasselte der Wald, Delvil ging. „Ich – zu Marduk. Ich – zu Marduk.“ Er wimmerte; stürmisch watete er vorwärts. Die Heuschrecken waren verschwunden. Der Blütenstaub lag wogend verzuckend in dicker Schicht über dem Boden. Kuraggara und Mentusi machten sich kreischend Mut, stoben hinter Delvil, saßen auf seinen Schultern, schlugen sich mit den spritzenden Schlangen.
Den brausenden Kanal überschritt Delvil. An der Küste erschien er in Wolken grünschwarz, taumelnd, schreckenerregend. Den Rhein ließ er erst nach einem Tag. So lange tranken seine Schlangen an dem Wasser. Dann goß er seinen Harn in einen See. Der Teutoburger Wald. Den Harz umging er. In das Gewimmel der märkischen Landschaft geriet er; er kannte sie. Wo war Marduk. Das himmelhohe dröhnende Unwesen stand tagelang, langsam abblasend, im Havelland. Die Geier suchten ihn zu reizen. Er schluckte und bewegte sich nicht. Hier hatte Marduk gelebt. Dann rülpste grollte schrie Delvil viele Stunden, bis das Land um ihn menschenleer war. Er ließ sich auf die Knie. Dicht drückte er sein Gesicht an den Boden. Das Haus, in dem er Marduk gesprochen hatte mit der White Baker – wo war White Baker – erkannte er. Einen Geier hielt er bei den Fängen fest: „Mentusi, in diesem Haus ist Marduk. Sein Leib. Den muß ich haben.“ Widerwillig, unter dem Gelächter Kuraggaras gehorchte Mentusi. Träge schwebte er schon wieder zu Delvil hin; in seinen Krallen schaukelte der weiße Körper des Mannes, der die Mark zum bösen Gewissen der Städte gemacht hatte. Unter den Strahlen Zimbos war er gestorben; den Weg zur Erde hatte er gefunden.
Delvil, der Gigant, lag weit nach vorn gestreckt auf den Knien. Gewitter und Sommerregen gingen über ihn nieder. Den gefrorenen Körper Marduks wühlte er in den schlammigen Sand, drückte sich mit seiner Brust, drückte die isländische Urkraft vor seiner Brust an ihn. Er hauchte stöhnte tagelang über dem Boden an der Leiche. Bis sich unter ihm der Körper zu regen begann, der Sand sich ballte, in langen Zügen, dünnen Linien auf den Körper zulief. Wie ein Gewächs stellte sich auf, stieg aus dem Boden der hagere graue Leib des Konsuls. Delvil hob sich. Er häufte mit beiden Armen Sand um den ruckenden nackten Körper, dem der Kopf fest über die Brust gebunden schien. Wie in Pulsschlägen strömten Erdhaufen unter den Armen Delvils auf den Körper zu; die Luft wirbelte und blitzte um ihn. Ihr eigenes Wasser spien die Schlangen Delvils auf den Boden aus. Als die Brust des hochgestiegenen Körpers, um den die Erde sich zu einer Grube vertiefte, zu dehnen wölben heben begann, die Finger sich spreizten, der Leib auf den gebogenen Knien sich aufzurichten mühte, löste Delvil, ein inbrünstiges Grunzen, tiefes Blöken ausstoßend, augenrollend, die Arme von dem Wesen, stemmte sich auf, blieb auf den Knien. Bis an den Hals reichte ihm Marduk, dessen silberweiße magere Beine in dem Sand wühlten.