Part 4
Wie ungeheuer hat Melise von Bordeaux gewütet. Das Weib, in dessen Adern Nigritierblut floß, gemischt mit dem der italienischen und westfranzösischen Landschaft, übersprang alle Abkommen, die ihre marklose kindische Umgebung unter sich schloß. Sie beobachtete, wie man sich Genüssen überantwortete, dabei weich und weicher wurde und zog eine Gruppe Menschen um sich zusammen. Sie war von wildester sinnlicher Leidenschaft, zugleich kalt und abstoßend, selber leidend. Wie eine Riesenschlange umfaßte sie ihre Liebhaber und Liebhaberinnen, zerknirschte sie gesättigt, ließ sie geängstigt liegen. Man wußte nie, womit es ihr ernst war, die kraushaarige dicklippige mit dem glänzenden schwarzen Blick, die viel und heftig weinte, sich und ihr Schicksal beklagte. Ihr Weinen war von der Art der Betrunkenen, sehr tonreich und ohne Hintergrund, mit Ungnade und ärgerlichem Lachen endend. Sie bewog alle Familien ihrer Stadtschaften die wichtigsten Waffen und Anlagen ihr und ihrem Anhang zu übergeben. Sie legte eine Zahl Anlagen nieder, weil sie nicht wußte, wie sie sich ihrer bedienen sollte und hielt sie daher für überflüssig. Sie unterschied bald eine Reihe Landschaften mit ihrer Herrschaft überziehend, Lieblingslandschaften und Dienerlandschaften. In die Dienerlandschaften legte sie die ernährenden und unterhaltswichtigen Einrichtungen; ihre Residenzen machte sie zu Leitern und Genießern dieser Arbeit.
Sie und ihre Umgebung nahmen großartige Manieren an. Sie spielten sich offen als Herrscher und Könige auf, erschienen, Erstaunen und Wut auskostend, mit kostbarem Gefolge und strahlend in den gemeinsamen Versammlungen der westlichen Stadtschaften. Wut erregten sie, aber auch ansteckend wirkten sie. Und sie waren, Melise von Bordeaux, die schwerlockige adlernasige gelbbraune Frau, und ihr Anhang der Anstoß zur Zertrümmerung vieler Herrschaftsgruppen, für gefährliche Umwälzungen in mitteleuropäischen Landschaften, die zwar den Willen zu ähnlichem Glanz und wilder Glorie hatten, aber nicht die Verteilung von Kraft dort und Schwäche hier. Es ging in diesen mitteleuropäischen Stadtschaften, wo ein Kapaun wild werden wollte oder eine Henne sich für einen Pfau ausgab, hart auf hart. Mit heimlichen Tötungen, tückischer Gewalttätigkeit zermürbten sich die Herrschaftskreise; gewaltsam mußte die Ordnung wiederhergestellt werden. Bisweilen tat dies London. London hatte immer die Gefahr der Massenrevolte vor Augen. Es ließ eine Weile das Spiel gehen, dann stieß es wie ein Geier auf die Streitenden nieder, zwang sie stille zu halten. Ja es kam im Herzen von Mitteleuropa, wo man nicht zur Ruhe kommen konnte, zum Zugriff von London: vor dem Ausbruch des Uralischen Krieges hatten sechs machtvolle Stadtlandschaften Mitteleuropas, darunter München und Preßburg, ihre Selbständigkeit verloren und duldeten das Dominat englischer Familien.
Melise war in Bordeaux Toulouse königinartig Alleinherrscherin, ließ sich eine Kathedrale an der Garonne südöstlich Bordeaux’ in der freien Landschaft anlegen, wo sie betete und sich verehren ließ. Denn es war nicht ganz klar, was sie und der Priester tat, den sie feierlich eingesetzt hatte, wenn sie sich neben dem Priester auf dem Altarraum hinsetzte, den Blick geradeaus schweifen ließ, die schwerberingten Hände nebeneinander, die fleischquellenden Arme bis zur Schulter bloß, Goldbrokat und elfenbeinernen Tierbehang vor der mächtigen langsam atmenden Brust. Sie war, wie ihr die süd- und ostfranzösischen Stadtschaften zufielen, niemals so vermessen, von selbst die Hand nach mehr auszustrecken. Erwies sich auch immer unterwürfig, ja kriecherisch gegen London. Ihre Macht verlockte sie nie, mit den Frauenbünden, die so üppig vegetierten, zu paktieren; sie liebte Frauen so wenig wie Männer und man konnte sie nicht auf diesen Boden herabziehen. Glorie und Unterwerfung war ihr Verlangen; darin konnte man ihr nicht genug tun. Sie tötete und entmannte Dutzende Männer, von denen sie annahm, sie wären ihr untreu. Zugleich getötet und geschlechtsunfähig gemacht wurden Frauen, die mit diesen Männern verdächtigt wurden. Sie schwankte einige Zeit in ihrer Stellung zu den Frauen hin und her; es schien als ob sie den Frauen in ihrer Eifersucht und Stolz feindlich werden würde. Da wurde diese Königin gebrochen durch ein Weib, ein Mädchen ihrer Sippe, die ihre Tochter sein konnte.
Das weißgelbe liebliche Persönchen wurde nach der Beseitigung ihres Liebhabers vor Melise gebracht. Melise trank viel. In ihrem heulenden Elend hielt sie die weiche Person bei sich fest, die verschüchtert stille hielt. Melise schlug mit ihrer stählernen Kopfbürste auf sie ein, auf die Arme, die jenen Mann umschlungen hatten, auf die Backen, die sie sich hatte küssen lassen, auf die Lippen, die sie mit den Fingern anzog, die sie mit der scharfen Bürste rasch klöppelte. Das Mädchen hielt weinend inne, kreischte, bat immer um Verzeihung und um Gnade. Sie hatte ja in der Tat nicht gewußt, wer der Mann war, der sie genommen hatte. Er hatte sie genommen, denn sie wollte von Männern nichts wissen. Melise, die Fäuste mit der Bürste und einer langen Nadel in die breiten Hüften stemmend, stand speichelnd, rot- und dickgesichtig vor dem über den Teppich gekrümmten halbnackten Mädchen, dem sie die Kleider abgerissen hatte, um zu sehen was an ihr war. Das blutende verängstigte Wesen, dem die Tränen schmierig auf den Teppich liefen über die zerstichelten Backen und aus der Nase mit den Blutstropfen, blickte hilflos und jammernd, speiend und sich verschluckend, am Teppich sich abtrocknend und hingewunden zu der rasselnden gewaltigen Frau auf. Plötzlich wurde diese Frau unter einem Blicke von dem Gefühl des Abscheus vor sich selbst getroffen. Sie nahm die Fäuste aus den Weichen, besah sich Bürste und Nadel, legte sie nachsinnend langsam auf einen Tisch. Seitlich blickte sie zu dem Mädchen herunter, das ihr aufmerksam, stärker verängstigt mit den Blicken folgte. Das Wesen, fühlte Melise, konnte für nichts, sie war nicht schuldig; der Mann hatte sie genommen, der Mann tat mit dem dummen Wesen, wie früher immer Männer mit Frauen taten. Der Mann schweifte herum, nahm die, morgen die, ein verfluchtes Geschöpf. Melise dachte keinen Augenblick an sich. Grollend kniff sie die Augen zu, schlug ein paarmal mit der Bürste auf das Mädchen ein, zog sie dann, die sich sträubte und zappelte, und stach sie mit der langen Nadel durch den Handteller, die Hand des Mädchens zwischen ihre Knie klemmend. Die Nadel ging durch die Hand der kreischenden wühlenden augenaufreißenden Person, ging in Melises Knie, die den Schmerz sich zusammenkrampfend einsog und wie das Mädchen stöhnte aus offenem Mund mit zurückgebogenem Hals. Die Nadel hervorziehend wegwerfend sank sie auf den Teppich, stöhnte. Nach dem jungen wegschnellenden Wesen hangelte sie ins Leere mit den Armen, schlüpfte ihr dann, sich am Boden hinziehend nach, drückte den zurückzuckenden Kopf, den sie an den Haaren erfaßte, unter ihren auf den nassen Teppich, heulte, ahmte das Wimmern des Mädchens nach. „Komm“ seufzte Melise „du bist mein. Es geschieht dir nichts. Sie sollen uns nichts tun. Es soll uns niemand etwas tun. Dir nicht und mir nicht. Es soll keiner etwas wagen. Oh tut das weh. Ich bin es satt. Hab ich dir weh getan. Bleib hier. Bleib bei mir.“ Und das zerschlagene gepeinigte Mädchen mußte das aufgelöste stöhnende bettelnde Weib hochziehen, sie an einen Sessel führen, wo Melise hinsank, sie an sich zog, auf die Knie an den Leib zog, das Gesicht an den zerstochenen kleinen Brüsten rieb: „Oh. Was ist das für ein Leben. Solche Mörder haben wir um uns. Wenn ich die Mörder beseitigen könnte. Sei mir nicht böse. Bist du mir böse, seid ihr mir böse, schlimme Lippen, armes Händchen. Heilt alles. Wir werden Rache nehmen.“ Und das Kind schlang einen Arm um die Frau. Die Frau fühlte eine Zärtlichkeit, die sie erstaunen machte, eine wohltuende erweichende Zärtlichkeit unter dem lächelnden Blick aus diesem zerschrammten hochgequollenen Gesicht über sich heraufziehen. Ein Kind, fühlte sie, das ist ein Kind. Was bin ich auch für ein Kind. Blieb das Gesicht andrückend an den Quell der aufsteigenden Zärtlichkeit.
Diese mißlungene Tötung besiegelte Melises Schicksal. Sie wurde jähzorniger herausfordernder als je. Hatte kein Gleichgewicht mehr zwischen Männern und Frauen. Unverändert lehnte sie die Lockungen der Frauenbünde finster ab; Männer mochte sie nicht.
Sie hatte die Laune sich aus einem dunklen Grunde Persephone zu nennen. Dies geschah lange Zeit bevor irgendeiner und auch sie wußte, was sie damit meinte. Persephone war sie, die Königin des Totenreichs, die ein schlimmes totes und todwürdiges Wesen von der Erde geraubt hatte und in die Finsternis zog. Sie wollte Persephone sein. Ihre Totengerichte in der Kathedrale bei Toulouse wurden berüchtigt. Die Priester waren erschreckt und konnten nicht mitmachen. Melise lachte, versteckte Frauen in die Priesterkleider, die mußten neben ihr stehen; aber doch konnte sie immer einige und gerade die mächtigsten der Priester neben sich sehen, die sich vor ihr fürchteten und die sie im Zaume hielt. Sie ließ Bauern Arbeiter auf der Straße in den Häusern auf den Äckern aufgreifen. Verlangte, violett und schwarz am Altar thronend, bunt geschminkt, blutrot grell beide dicke Lippen, blau umrandet die Augen, von ihnen Rechenschaft. Sie hatte wie ein mittelalterlicher Fürst eine gefürchtete Garde von Bewaffneten um sich. Die trugen Kappen und Masken, Stiefelschäfte bis an den Leib, waren Männer und Frauen. Tornister trugen sie auf dem Rücken, lanzenartige drahtumwickelte Stäbe in den Händen, standen an den Wänden und schienen keine Menschen zu sein. Die Königin hörte an, wer vor sie gebracht wurde. Wer sprach, mußte erzählen von sich, was er wußte. Darauf wurde er entkleidet und mußte weiter sprechen. Persephone besah und hörte die Menschen, Männer Frauen Mädchen Jünglinge, die vor sie gebracht wurden, von Schreck und Wut ergriffen waren, weinten, um Gnade flehten. Sie sagte: sie sei Persephone, die Königin der Unterwelt. Ob sie das Zepter in ihrer Hand nicht erkennten, ob sie nicht wüßten, daß man rasch erscheinen und da sein müsse, und daß zwischen jetzt und jetzt, Tod und Leben, Acker und Tod, Straße und Tod nur eine Sekunde liege. Die Sekunde sei übersprungen im Augenblick, wo sie die Kathedrale betreten hätten. Sie hätten ihre Arbeit zu lassen; die ginge weiter auch ohne sie; die sei ihre Hände nicht wert. Jetzt sei die Stunde für sie, die Königin Persephone, da. Ihr müßten gezeigt werden die Glieder, die Stimme, die Bewegungen; ob sie noch das Recht hätten zu leben oder herunterkommen müßten. Sie schrie, sich vom Sitz erhebend, das Zepter schwenkend, finster: „Es ist vorbei. Die Häuser Straßen Maschinen Äcker haben genug von Euch. Ihr habt ihnen genug gegeben. Jetzt ist meine Stunde.“ Aber wie sie sich setzte anhörte sah prüfte, nahm sie mit sich, was ihr behagte. Sie nahm aus ihrem schwarzen hochgetriebenen Haar die langen Nadeln, die zu beiden Seiten drin staken. Die warf sie zur Seite vor dem violetten Priesterwesen. Und vor wen die Nadel gefallen war, der wurde die Stufen hinaufgezogen vor sie.
Es waren die starken Männer, die schönen schlanken weißen, Gatten und braune Jünglinge, üppige strotzende Mädchen und Frauen, die sie zu sich nahm und von der Erde verbannte. War eine tiefe Seligkeit, die Melise empfand, ihr Zepter zur Seite der Priesterin gebend, wenn sie den Mann, das Weib empfing, umarmte. Wie es sich wand, warm weich; sie wußten nicht, waren sie begnadigt oder verurteilt. Aber sie waren begnadigt. Die Königin zog sie an sich, war aufgestanden. Drückte die Gesichter an ihre Arme, die offenen schweren Brüste. Ihre Hände glitten an den Gesichtern Schultern Leib Schenkeln entlang. Sie berührte liebkosend die Heimlichkeiten der Leiber. Die Priester und Priesterinnen hingefallen auf die Knie sangen abgewandt Lieder. In dem Menschen, den sie umschlang, entstand eine sanfte Verwirrung. Träumend wild griff das an den Hals, der sich ihm bot, wühlte sich gegen den festlich grausigen Kopf, die starken Schultern. Da war sein Schicksal da. Der Kopf, der eben noch nach dem Mund Melisens gesucht hatte, bog sich leicht stöhnend beiseite. Der nackte Leib wogte hin und her, wie auf der Suche nach einer Bewegung, die er nicht fand. Während Persephone sich in ihren Stuhl fallen ließ, trunkene Augen, das Gesicht in schluchzender Verzückung, unter der düsteren und wimmernden Musik, die wellenartig aufquoll und toste, rollte von ihr der Mensch ab, der einer gewesen war und den sie jetzt beherrschte, in sich trug. Ein Leib in sie eingegangen, hergerissen von den Äckern, der Erde.
Melise quoll auf von Wesen, die sie in sich aufgenommen hatte. Nicht mehr Persephone war sie, sondern Hades, die Unterwelt selbst. Ihr Gebiet, von Bordeaux bis über Toulouse reichend, hatte noch Bestand und England unterstützte die wachsende Kraft dieses Staates, als sie übersättigt ungesättigt hinschmolz. Die zarte kindliche feine, die sie zuerst gepeinigt hatte, die weiche Betise war die letzte, die sich ihr zu opfern hatte. Und die sich der Königin lange hingegeben hätte, wenn Melise, die wilde rastlose, sie gewollt hätte. Melise spielte mit ihr, schützte sie, ging um sie herum. Betise durfte auf keinem ihrer Züge zugegen sein, saß in einem schloßartigen Haus bei Bordeaux, bewacht von Frauen der Königin. Lange Monate suchte die Königin sie nicht auf. Auf abwesende liebevoll zerstreute halbstumme Stunden kam sie dann. Das zarte Wesen wußte, wenn Melise kopfsenkend verträumt vor ihr stand, daß sie nicht sprechen fragen durfte. Obwohl sie sie anbetete.
Die Königin trat bei Betise ein, die auf einem Kissenbündel am Boden lag, schlafend von der Sonne bestrahlt wurde. Erst wie die mächtige stark ausschreitende Frau an die Kissen stieß, fuhr Betise hoch. Kicherte reckte sich süß, hielt inne erstarrend. Daß die Frau, ein brauner fast nackter Leib, von Blutströmen Blutkrusten bedeckt war. Die Arme voll Blut, die Finger von schwarzer Borke überzogen, Brüste und Schenkel überrieselt, die Augen ausgegossen leer; trübe das Gesicht. Persephone sah das Kind an, verzog das Gesicht. Greinte, während sie dastand, die Hände schlaff an ihr herunterhingen, die Finger zuckten zitterten. Mit Blut von den Menschen, die sie umfaßte, berieselt. Unauslöschlich in ihr der Drang mehr zu tun; sie war in tiefe Verzweiflung gesunken, hatte schon Priesterinnen neben sich zu Göttinnen erhoben. „Man muß die Erde entvölkern“ sagte sie; griff die Priesterinnen, die Göttinnen, die schrien, sich wehrten, nahm sie selbst zu sich. Da stand sie stöhnend vor Betise, die sie nie gesehen hatte, ließ sich, während das Kind aufsprang, auf die warmen duftatmenden Kissen. „Ich werde dich abwaschen“, streichelte Betise, hinter ihr knieend, ihre Haare. „Warum willst du mich abwaschen. Siehst du mich. Ich bin Persephone“, sie zerbiß die Kissen, „ich bin nicht Melise. Nicht Melise.“ „Du bist Melise. Melise, du bist es. Ich werde dich abwaschen.“ „Nicht. Du wirst es nicht tun. Laß es.“ „Weg soll es. Ich will dir doch zeigen, Melise, ma douce Melise, Melise, ma pauvre fille, – wie süß, daß du zu mir kommst –, ich will dir zeigen, was du unter dem Blut hast. Was sich da versteckt hat. Sieh den Schwamm. Es ist nur ein Schwamm. Es ist Wasser daran. Paß auf, du Schöne, was die alles machen können, der gelbe Schwamm, das weiße Wasser. Das nehmen wir alles herunter, das Rote das Schwarze das Schmierige das Borkige. Das gehört nicht zu meiner dunklen schönen Königin. Sieh, was eine Königin für eine blanke glatte Haut hat, da kommt sie schon hervor, braun, wie meine, nein, noch dunkler. Sie hat nur gewartet. Wie das spiegelt in der Nässe, ei. Lieg nur ruhig. Alles nehme ich dir weg. Du brauchst kein Glied bewegen.“ „Betise, du dumme, weißt du, was hier liegt? Hast du von dem gehört.“ „Ja. Aber lieg still. Ich habe von dem gehört. Daß du die schönste braune Haut hast, die besser als meine ist. Daß du meine Königin bist und – Späße machst wie du darfst. Komm, tu die Füße voneinander. Bis über die Knie ist es dir gelaufen. Sie haben dich eingewickelt, damit man dich nicht sehen kann. War das so schön, Melise?“ „Solange, oh solange ich es fühle, Betise. Solange ich das Lebendige der Menschen umfasse, ist es schön. Solange mich das Blut berieselt, ist es schön.“ „Und mein Wasser? Schön?“ „Dein Wasser, dein Wasser“, Melise richtete sich müde auf, „bin ich jetzt fertig?“ „Dein Gürtel ist noch ganz schmierig. Und jetzt nehm’ ich dir auch deinen Gürtel ab.“ „Das tust du nicht.“ „Warum nicht. Schämst du dich vor mir. Bin ich nicht eine Frau. Jetzt bist du ganz sauber. Ich trockne dich ab. Eins nach dem andern, Betise.“ Betise lachte: „Zu dir hab ich Betise jetzt gesagt. Ja jetzt sag ich zu dir Betise.“ „Und du wirst Melise.“ „Ja, ich bin selber _ma pauvre fille_ Melise. Ich diene, weißt du wem? Der armen Betise, die in einem Zimmer sitzen mußte, immer auf Kissen schlafen mußte, trauern und warten, bis einer kam, der ihr etwas erzählte. Von der großen Königin. Hätte sie nur gewußt, was die Königin tut. Hätte die Königin sie einmal mitgenommen.“ „Ach, Betise.“ Langsam hob sich Melise, die braune schwere Frau auf, stellte sich an die blaßblauen Vorhänge neben dem Fenster. Der warme Sonnenschein fiel auf ihre Haut. Sie hielt den haarbehangenen Kopf, das leere tote Gesicht abwärts, befühlte mit den Handflächen ihre eigenen Schultern ihre Arme die Hüften den Leib, ließ sich bescheinen. Zitternd nahte ihr die Zarte: „Jetzt führe ich dich in meinen Garten. Da sollst du unter meinen lieben Ulmen gehen. Sie warten schon lange auf dich.“
Und wie sie sie um die Hüften faßte und durch die Fenstertür ins Freie auf den Sandweg führte, erzitterte das junge Geschöpf noch heftiger: „Ich schäme mich, daß ich ein Kleid neben dir trage.“ Und hatte, nachdem sie einen Augenblick das Gesicht in den Händen verborgen hatte, ganz hoch winselnd, ihr Kleid fallen lassen, die Strümpfe abgestreift und Melises Hüfte umfaßt: „Hier gehen wir; ich zeige es dir. Es ist niemand in meinem Garten. Die Frauen passen gut auf.“ „Wohin führst du mich, Betise?“ „Es ist mein Garten. Fürchte dich nicht. Die Sonne ist noch wärmer hier als drin. Wie waren doch unsere Voreltern gut daran, die im heißen Land liefen und sich nur von der Sonne anziehen ließen.“ Aus Melise kam nach einer Weile, als sie auf einer Wiese mit rotem Klee gingen und das Zittern der angeschmiegten Jungen nicht nachließ: „Und wer geht da neben mir. Sieh da, Betise. Du hast keine Furcht vor mir?“ „Wie soll ich Furcht vor dir haben“, sie zog Melise, die folgte, auf das sanfte Grün. „Weißt du, was ich tue, weil ich, ich, Melise bin?“ „Du Melise?“ „Ja, ich.“ Es blitzte in den schwarzen Augen Melises; ihr Gesicht belebte sich: „Ja, sei nur Melise. Ich hab’ dich gern. Tu einmal, tu’s an mir“, sie schrie, „sei Melise.“ „Was soll ich tun?“ „Was du magst. Wenn dus kannst.“ Tränen stürzten aus dem Gesicht der Jungen: „Lieg still. Lieg still.“ Wie ein Blockstumpf legte sich die braune Frau um. Die Junge streichelte ihre Füße die Hände, um sie kriechend. Sie streifte, während sie das Gesicht der Frau beobachtete, einen Ring von Melises kleinem Finger, den Ring, mit dem Melise ihre Liebsten tötete. Schon hing sie an Melises Hals, küßte sie, rieb die Wangen an ihr: „Persephone.“ „Ich bin es nicht.“ „Seis noch einmal. Für mich.“ „Ich kann es nicht.“ „Noch einmal.“ „Ich kann nicht.“ „Ich will aber, Persephone. Ich muß zu dir.“ „Ich kann nicht. Ich bin nicht Persephone.“ „Komm doch. Sieh mich an.“ Melise öffnete die Augen, ließ sich hochrichten.
Die schwere braungelbe Frau ließ sich durch den Garten führen. Feistschenklig brustschaukelnd ging sie, von Betise umschlungen; der wilde schwarzhaarige Kopf schwankte vor der Brust. Sie seufzte im Gehen: „Es brennt. Die Füße brennen mich.“ „Die Sonne ist hier heiß. Komm zum Bach. Da ist die Brücke. Da willst du hin.“
„Melise“ die zarte hellere, wie sie am Wasser unter der Brücke saßen, klammerte sich an die prallen Arme, die die Frau neben ihr hängen ließ, preßte den Kopf an ihren Hals. Die dämmernd stöhnte brusttief: „Was willst du also?“ Betise fuhr fühlend, beglückt aufbebend, mit den Händen Gesicht über den Leib der Königin, die sich abwesend lang umlegte. „Ich lieb dich. Ich lieb dich, Melise. Ich will dir nur sagen, daß ich dich liebe. Daß ich dich so lange, ohne Anfang und Ende lange erwartet habe. Und daß du da bist. Gib mir deinen Mund, sag: du bist meine Freundin.“ „Deine Freundin“, murmelte die andere. Betise: „Deine Freundin, ich bin es, du Hals du Kopf und Haar du nasses Haar du Brust du Arm hier und da, du Leib. Kommt, liebe Augen beide, ich will euch wohltun. Ihr seid trübe. Ich muß weinen, schreien, wenn ich euch sehe. Geht nicht auf.“ Und schob, eine Hand über Melises Augen und Nase gelegt, an dem schweren Körper. Er regte sich nicht. Da kreischte sie: „Ich rolle dich, rolle dich, Melise.“ Und stach ihr drehend rollend die Nadel des Ringes zwischen die Rippen. Widerstandslos rollte der schlaffe Leib auf das Gesicht auf den Rücken auf das Gesicht, rutschte die graue Böschung ins Wasser ab. Der Kopf Melises hob sich schnappend noch im Wasser auf. Die andere drückte, ihr nachspringend, an ihr liegend, den Kopf zurück, überschrie Schmerz und Angst: „Nicht wieder aufgehen, Augen. Bist im Wasser. Bist im Wasser. Es ist ja gut. Ich singe über dir. Hör mich, Melise. Ich bin ein Hänfling. Du fliegst mit mir. Jetzt, jetzt, wir fliegen ganz hoch, so weit meine Stimme reicht. Höher. Ja, wir fliegen riesenhoch. – Süße Melise, ich bitte dich. Du machst mich nicht mehr weinen. Deine Augen gehen nicht mehr auf.“ Sie zog ihre Hand ab, aus dem Wasser, küßte sich die nassen Finger: „Genug, arme Hand. Zitterst so. Ich auch. Genug.“ Warf sich über die verschattete Böschung zurück, das Gesicht am Gras reibend, mit den Zähnen Gras mahlend: „Wir zittern allesamt. Meine süße Königin, ich habe dir das getan.“ Sie kauerte unter der Brücke, die Kniee angezogen: „Diese Brücke haben ihre Augen zuletzt gesehen. Ich bleibe unter der Brücke. Ich kann sie liegen sehen, der glatte braune Rücken, die blanken Beine. Das Wasser springt daran hoch. Da liegt meine süße Königin. Oh wohl habe ich ihr getan.“ Lange saß sie still da, manchmal ihre Finger betrachtend, die trockneten, sich die Haare streichend: „Sag nicht so. Sag nicht so. Warum soll ich mich ertränken. Ich lieb sie ja. Es muß einer da sein auf der Welt, der Melise liebt. Bleibe alles, wie es hier ist: Brücke Schatten Sonne Garten Melise. Bleibe alles, wie es ist.“ Die Schatten wurden tiefer, Betise saß noch im Gras zwischen dem Klee: „Sie werden mich greifen. Sie werden nach ihr suchen. Mich greifen sie nicht. Ich muß leben bleiben. Es muß einer leben bleiben, der Melise liebt. Sie sollen sie nicht töten.“
Sie schmiegte sich unten zärtlich an den braunen kühlen wasserüberrieselten Leib, warf den Ring in das Wasser, huschte unter der Brücke vor, über den Klee die roten Mehlprimeln und Enziane der Wiese. Durch die offne Fenstertür schlüpfte sie ein, rieb sich den Sand von den Fußsohlen. Legte sich über den zitternden feinen Körper die buntgestreiften Hosen, die ihr Melise zuletzt geschenkt hatte, das weite blaue lange Hemd, das hellgelbe seidene mantelartige Oberkleid. Aus einem weißen Baumwolltuch band sie sich um den Kopf eine Haube. Sie warf Handküsse um sich, in den abendlichen Garten. Und schritt ruhig aus dem stillen Haus, an den Haufen der Wächter Melises vorbei, denen sie sagte, sie ginge, weil die Königin sie schicke. Blieb verschwunden, obwohl Sichtbares und Unsichtbares gegen sie aufgeboten wurde. –
Zweites Buch.
Der Uralische Krieg
Die Massen wurden gesättigt verweichlicht. Man war auf der Suche nach neuen Bedürfnissen. Ließ neue Fremdenmassen heran, erweiterte die Stadtlandschaften. Wie die Strenge unter der Herrscherschicht nachließ, kam Verrat von Geheimnissen aus Leichtsinn Prahlerei, im Trunk vor. Häufiger zeigten sich wilde schreckliche und dumme schwerfällige lenksame Figuren unter ihnen. Weiber und Männer, in der Herrscherschicht verbündet, fielen sich heftiger an. Dann stürzten sie wieder zum gemeinsamen Schutz ihrer Hoheit und Apparate heraus.
Die gefährlichen großen grausamen Gestalten stiegen nicht nur aus der Herrenschicht, sondern nun auch aus der üppigen vielformigen Masse.