Part 17
Trompetenblasen von unten. Das Land bewegte sich. Wie Marduk auf das Blasen sich vorwärts bewegte, stand der weiße jünglinghafte Mensch vor ihm. So unversehens stand Jonathan vor ihm, daß Marduk Sekunden anhielt, auf den blau und schwarz gemusterten Teppich blickte und dann die Augen auf die Menschenfigur gleiten ließ, weil er nicht sicher war, ob dies ein lebender oder ein aus seinen Träumen gequollener Jonathan war. Weißgekleidet wie immer stand Jonathan im Zimmer mitten unter einem Lichtträger, mit zartblauen Stickereien an Kragen und Ärmeln, die Arme gekreuzt und sich verneigend, blühend lächelnd, die Augen dunkel, die Brauen schwärzlich dicht, als ob Raupen im Bogen über die Lider krochen. Da setzte sich der Gelbgekleidete in den Schatten. Nahm eine schwarze zusammengelegte Samtdecke von der Lehne des Sessels, zog sie sich über die Knie, betrachtete den Menschen. Und länger immer länger starrte er diese bewegliche Erscheinung an, blühende Wangen, weißen umgebogenen Seidenkragen. Bewegte die Lippen: „Ich habe an dich gedacht, Jonathan.“ „Du erlaubst, daß ich mich setze.“ „Was treibst du, Jonathan.“ „Wir haben uns lange nicht gesehen, Marduk. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, als ob du Verlangen nach mir hattest.“ „Ich freue mich, dich zu sehen. Wie herrlich jung du geblieben bist.“ „Mein Tag vergeht einer wie der andere. Ach, wenn ich mich hier umblicke –“ „Blick dich nur um.“ „Ich kann hier stehen gehen mich umblicken: es beunruhigt mich nichts.“ „So fern bist du mir. Das willst du mir sagen.“ „Ich bin dir Freund wie noch nie. Ich kann dich jetzt erst ansehen. Ich sehe dich jetzt zum ersten Male. Ich bin dir dankbar, daß du mich hast rufen lassen, daß ich dies fühle.“ „Dies willst du mir sagen.“ Und Marduks Inbrunst wuchs, wie er das hörte. „Auch ich, Jonathan, bin dir noch nie so wohlgesinnt gewesen wie jetzt. Ich freute mich schon seit Stunden dich zu sehen. Ich glaube, ich habe heute nacht von dir geträumt.“ „Soll ich dir sagen, wovon ich heute nacht geträumt habe, Marduk. Ich träumte von Elina, meiner Freundin. Ich hätte sie wochenlang nicht gesehen, sie sei mir entrissen, oder ist sie selbst fortgegangen. Ich traf sie schwebend über einer Straße, die ich selbst ging; sie konnte nicht herunterkommen. Ich ging und ging, streckte die Arme nach ihr aus, sie glitt weiter. Aber da wurden meine Arme lang, wie Ballons wurden sie, die mich zogen und trugen. Erst hing ich unter und hinter ihr, dann wurde ich höher gezogen. Sie hatte sich zu mir umgedreht. Und wie ich gerade aufwachte, in Frieden und Glück –“ „Was war, Jonathan?“ Der schwieg, lächelte zu Boden. Leise Marduk: „Ich weiß doch, was war. Da lagst du an ihrer Brust. An der Brust dieser Frau.“ Freundlich lächelte Jonathan. „Was erzähl ich dir da.“ „Ich wollte nichts anderes von dir.“ Sie sprachen noch eine Weile weiter; Marduk wurde einsilbig, aber er ließ die Augen nicht von Jonathan. Er schien aufzuatmen, als der Jüngere sich erhob. Das Sprechen beim Abschied schien ihm schwer zu werden, sein Gesichtsausdruck war ganz unkenntlich, ein Lächeln kämpfte mit einer Erstarrung.
Und kaum der weiße selige Mensch, freudestrahlend rosengesichtig, gegangen war, schlug Marduk, sich gegen die Wand pressend wild um sich starrend, von seinem Drang überwältigt, die Glocke. Die Wache erschien lautlos. „Jonathan soll eine Stunde zurückgehalten werden. Man soll in seine Wohnung schicken. Eine Frau ist da, ich will sie sehen.“
Nach einer halben Stunde senkten sich Flieger vor dem kleinen hügelversenkten Haus Jonathans, fragten nach der Frau. Als Elina sich verwundert, eine Rose in den Mund nehmend, vor das Tor begab, baten sie sie im Namen Marduks, ins Ratsgebäude zu folgen. Sie geleiteten die Verwirrte, die an dem Blumenstengel wortlos kaute, schon hinaus.
Im selben Raum, wo Jonathan, wie aus Träumen quellend, glückselig weiß gekleidet vor ihm aufgetaucht war, empfing sie Marduk, der graue, sein zitronengelbes Kleid dicht um sich ziehend, sah ihr entgegen: „Du bist die Frau, die Jonathans Freundin ist.“ „Ja. Ich heiße Elina.“ „Du ängstigst dich vor mir ohne Grund. Da ist ein Sessel, setze dich.“ „Ist Jonathan hier.“ „Er war hier. Ich habe mit ihm gesprochen. Er ist mein Freund. Er hat mir von dir erzählt.“ Sie saß, blickte an sich herunter. Nach einer Weile strich sie das Kleid unter ihren Knien zurecht: „Ist Ihre Neugierde nun befriedigt?“ „Nein, Elina. Ich weiß, Jonathan wird mir zürnen. Ich kann mir nicht helfen. Man hätte dir Zeit lassen sollen, dich anzuziehen. Du frierst. Du bleibst heute bei mir?“ „Was.“ Mit tiefer Sicherheit gab Marduk von sich: „Ja. Es bleibt nichts übrig. Du brauchst nicht zu widersprechen. Du bleibst hier. Sei nur still, Elina. Nichts geschieht dir, was dich ängstigen muß. Fürchte dich gar nicht vor mir.“ Stürmisch erhob sie sich: „Ich bleibe nicht.“ „Jonathan weiß, wo du bist. Er wird es erfahren. Du mußt hierbleiben. Sei nur nicht erregt.“ „Laß mich hinaus. Marduk. Du bist schlecht. Ich hab es schon gewußt, daß du schlecht bist. Du hast mit ihm gesprochen, daß du mich holst?“ „Nein, Elina.“ „Siehst du, wie niederträchtig du bist.“
Sie rüttelte an der Tür. Die bewegte sich nicht. Sie stand, die Fäuste hebend, einen Schrei ausstoßend, vor ihm, rüttelte an seinen Schultern: „Laß mich hinaus.“ Er bewegte sich nicht.
Das Fenster riß sie auf. Da zuckte er hoch, wich zurück, hob den Arm vor die Augen. Sie rief am Fenster: „Ich tue es, Marduk. Wenn du mich nicht fortläßt, ich tue es.“ Tiefblaß war er plötzlich geworden, seine Gesichtsmuskeln zuckten, die Augen geschlossen. Er brachte seine Lippen zu einer Bewegung; seine Stimme tonlos: „Elina. Tu es nicht. Tu es nicht.“ Sie wurde stiller, warf sich zu Boden, wimmerte, sonderbar verwirrt und angerührt: „Ich will fort. Ich will Hilfe. Jonathan, hilf mir!“ Langsam ließ Marduk seinen Arm herunter. Er öffnete seine Augen, sie lag ausgestreckt da. „Ich hab dich nicht hingeworfen. Du hast es allein getan.“
Er sah sie nicht mehr an. Sie suchte, wie sie sich aufrichtete und stand, seinen immer abgewandten Blick zu haschen. Ein unsicheres Gefühl war in ihr, als hätte sie ein Unrecht getan. Nichts sagte sie mehr. Ein leiser Schmerz war in ihrer Brust, als er sich stumm zur Tür bewegte. Sie war bestürzt, aber leicht befriedigt, als sie hörte, wie er leise sagte, den Blick am Boden: „Sei unbesorgt. Es geschieht dir nichts. Man wird dich auf ein Zimmer bringen.“ Und noch während sie von einer Wache hinausgeleitet wurde, flüsterte er: „Keine Angst. Es geschieht dir nichts.“
Auf dem Zimmer, auf dem die Balladeuse gewartet hatte, die Decke zerzupfend, mit Jonathan sprechend, wartete Elina zwei lange Tage. Sie weinte, hatte Sehnsucht nach Jonathan, nachts wilde Angst. Stundenlang dachte fühlte sie über Marduk nach und war gequält. Zwei Tage lang kam Marduk nicht.
Aber was war das für ein Mensch, der den dritten Morgen ihre Türe öffnete, an der Wand stehen blieb, sich ihr näherte, im gelben langen geschnürten Mantel, den grauen Kopf senkend, sanft: „Elina, willst du mir gestatten, daß ich hier sitze.“ Sie hatte unendliche Furcht vor ihm. „Du wirst in einer Stunde das Haus verlassen können. Und wirst hingehen, wo du willst. Nimm einen Gruß an Jonathan mit. Grüß ihn von mir. Er war ohne Grund besorgt um dich. Ich habe mich vergriffen. Ich habe es schon erkannt.“
Sie fühlte sich, auf dem Bettrand sitzend, bewegt, zu sagen, er möge doch nicht stehen. Es sei sein Zimmer, er möge sich setzen. Da fing er aus seinen großen braunen Augen sie betrachtend an: „Du liebst Jonathan. Sag mir, wie liebt ihr euch?“ Sie blickte erstaunt, dann lächelte sie auf ihren Schoß herunter: „Er ist ja mein. Ich bin ihm von Herzen zugetan. Willst du das wissen? Seit ich ihn habe, ist mir die Erde schöner geworden. Seit ich ihn habe, ist alles gut geworden. Ich selbst bin gut geworden. Er brauchte es nicht werden, Jonathan, er war immer gut. Was soll ich dir sagen, Marduk. Ich vermisse ihn jede Stunde.“ Er hielt den Kopf gesenkt: „Kannst du noch mehr sprechen.“ „Von Jonathan? Immerfort könnte ich von ihm sprechen. Du glaubst gewiß nicht, was ich sage.“ „Sprich doch weiter, Elina.“ „Du kennst ihn ja selber. Du mußt nicht glauben, daß ich seiner unwert bin. Aber er weiß es selbst. Wenn man sich liebt, glaubt man das nicht. Ich liebe ihn nicht von gestern auf heute, und morgen ist nichts mehr. So innig, so innerlich bin ich ihm zugetan, daß ich mir gar nicht denken kann, daß dies erlischt. Ja, daß dies mit mir und Jonathan stirbt. Du magst lachen, Marduk; ich glaube, wenn du mich umbringst mit Jonathan –“ „Was ist dann? Sprich nur. Ich bring euch gewiß nicht um.“ Sie saß mit geschlossenen Augen, flüsterte nach einem Schweigen: „Die Welt wird dann schöner werden. Die Erde wird dann schöner. Wir werden nicht mehr zwei Menschen sein, die an einem Fleckchen, in einem Zimmerchen sind. Wir werden wandern, hier beseelen, da beseelen, wie eine Wolke. Wir werden viele glücklich machen. Wir sind auch vielleicht bei dir. Ich dachte schon manchmal, wessen Glück auf mich übergegangen ist, welchem süßen Abgeschiedenen ich zu danken habe.“
Tränen liefen ihr aus den Augen. Er fragte nicht. „Ich weine um ihn, Marduk. Was hat er in diesen Tagen gelitten. Du bist nicht schlimm. Wie ist es ihm gegangen, bevor wir uns fanden. Er hat solche Kraft zu leiden.“ „Ich habe sie früh an ihm erkannt. Sie wird nicht absterben wie die andere Kraft, von der du sprichst.“ Sie lächelte: „So viele Menschen haben Liebe, Marduk. Auch Tiere und Vögel und Schmetterlinge. Sogar Löwen und Bären.“ Er lächelte nicht, als sie ihn anlächelte. „Du machst einen Scherz mit mir, Marduk? Ich weiß nicht recht, was du mit mir tust.“ „Geh jetzt, Elina. Ich danke dir, daß du zu mir gesprochen hast. Du bist mir nicht böse.“ „Nein, nein. Und ich kann jetzt gehen.“ „Ich öffne dir.“ Sie gab ihm die Hand, blickte ihn von der Seite an: „Lebewohl, Marduk. Leb’ recht wohl. Wovon bist du so grau? Und warum trägst du einen Bart?“ „Jonathan soll mir nicht grollen.“
Wie sie im Hause ihres Freundes war und sie sich besänftigt hatten, drang Jonathan in sie: „Flieh mit mir.“ Sie konnte nicht. „Du, Elina, ich sehe mein Geschick.“ „Was ist das?“ „Es ist das des flüchtigen Desir, des Freundes der Marion Divoise. Er haßt mich jetzt. Er will mich treffen. Er hat sich geschämt; er war zu rasch, er war zu deutlich. Aber er will mich treffen, mit dir, meiner Geliebten.“ „Ich werde nie zu ihm gehen. Ich bin nicht die Balladeuse. Ich habe nur dich, ich habe es ihm gesagt, er hat es gehört. Mit dir zusammen sein ist mein Leben. Er weiß es und es ist wahr. An ihm – ist etwas Schauerliches. Zuerst hielt ich ihn sogar für schändlich. Ich weiß nicht, wie du sein Freund sein konntest. Du, mein wonniger Jonathan.“ „War ich sein Freund? War ichs oder bin ichs? Er hat meine Mutter gemordet, ich habe es dir erzählt. So fing sein Konsulat an. Da stand er und wußte nicht weiter. Er schwankte, er schwankte noch oft; er wollte immer weg von seinem Konsulat; an mich hat er sich gehalten. Dazu war ich sein Freund. Den Schmerz in mir hat er gezüchtet, um nicht zu verzagen, nachdem er alles vernichtet hatte, woran er selbst hing, seine Pflanzen seine Bäume, die wunderbaren Dinge, die er trieb. Was will Marduk von mir? Ich bin ihm einer der Stiere, der Metallstiere Markes: ich soll ihn erinnern. Ich soll brüllen. Vor Schmerz brüllen. Sonst wird alles sinnlos, was er treibt. Sein Konsulat fällt ihm aus den Händen. Vielleicht treibt ihn jetzt die Gewalt allein und er merkt, daß er überhaupt gar nichts mehr ist. Daß er mitmachen muß, mitheulen muß. Und er möchte ja nicht, ich sage es dir, Elina, darum verfällt er auf alles mögliche, darum hat er das Land ausgedehnt und was sonst. Was wollte er denn mit dir? Die Maus in der Falle!“ Elina wich von ihm, hob die Hände: „Wie ist mein Jonathan böse! Das bist du ja gar nicht.“ „Ich bin es doch. Ich kann auch böse sein. Ich ohne Schleier. Er hat mir Schleier vorgelegt, mich nach seinem Willen gezüchtet. Ich ohne Schleier. Vor Schmerz habe ich brüllen müssen, an der Ostsee hab ich fast sterben müssen, und später gab es fast keine Woche, wo ich nicht einen halben Tag mit dem Tode rang. Das wußte er und das tat ihm wohl. Der Uralische Krieg war ich. Den preßte er in mich hinein und sättigte sich daran. Die Bilder genügten ihm nicht, Markes Schädelpyramide reichte nicht. Sieht er mich, brülle ich, so weiß er etwas, so hat er Sättigung, so kann er seinen Wahnsinn leichter herunterschlucken. Dann schmeckt er ihm.“
Sie hing ängstlich an ihrer Stuhllehne, schaute ihn mit großen Augen an: „Von dem, was du sagst, verstehe ich das meiste nicht. Aber du mußt weg hier. Das seh ich. Warum bist du nur solange hiergeblieben mit mir?“ Der weiße Jonathan stand still; langsam ließ er den Kopf sinken. Leise Elina, einen Schritt näher zu ihm: „Doch seinetwegen.“ Er schwieg, den Kopf vor der Brust, die Hände gefaltet vor die Stirn drückend. „Ich weiß es doch, Jonathan; seinetwegen.“ Er ließ die Hände, blitzschnell warf er den Kopf zurück, war er bei ihr, umschlang sie: „Ich habe dich. Ich liebe dich. Komm. Du bist mein Leben und mein Licht. Ihr Haare seid mein Glück. Die süße Haut. Du nasser Mund. Mein Hals. Du feine Brust; ich krieche in dich hinein. Und nun küß mich. Ich habe dich wieder, Elina. Elina.“ Seine Knie knickten ein: „Ich bete.“ Sie sank zu ihm herunter: „Jonathan. Nichts kann ich dir sagen. Ich bin dir ja so nahe.“
Sie gingen nach dieser Stunde wie sonst nebeneinander. Fester drückten sich ihre Arme aneinander.
* * * * *
Zerstreute Menschenherden schoben sich über die öden Flächen der Kontinente. Ein besonderes trübes Verlangen trieb Massen aus gestopft vollen Stadtschaften nach Osten in die russische verwüstete Ebene. Auf dem ungeheuren Schlachtfeld des Feuers der Gifte der Ströme kletterten sie über Schuttberge, umgingen grünlich behäutete Sümpfe, hoben Reste von Menschen- und Tierknochen auf. Die weite Tiefebene hauchte nicht mehr Gas. Regen Wind Schnee Sonne hatten lange Jahre gearbeitet. Über einen abenteuerlichen dünn übergrünten Friedhof fuhren und gingen sie. Gerste Roggen wuchs in wilden Halmen. In das verstümmelte Riesengebiet, das von Wassern sprudelte, über das der Wolgastrom der Don Dnjepr ausgekentert war, waren Pflanzenkeime, leicht schlafende Wesen, den Menschen und Tieren vorausgeeilt. Pilze, kurze stämmige Boviste und Erdsterne hatten sich an den südlichen Flußmündungen, an den Meeren und Sümpfen geöffnet, Herbststürme trugen die leichten Kugeln in das wüste nördliche Land, streuten ihr Sporenpulver auf den losen nackten Boden. Die Kiefern und Lärchen des Südens schickten geflügelte Samen her. Gräser tanzten mit Flügeln wolligem Bausch Haarschöpfen, auf Windsäcken lautlos her von dem bewachsenen Abhang des Ural, aus der Krim und von Astrachan, von Polen Galizien, in das zerwirbelte zerknirschte russische Land trieb sie die Luft; sie stiegen und sanken mit Wärme und Kälte. Drehten sich, schleierten über den Boden. Flogen mit drehenden Scheiben Platten Walzen Schrauben, waren Staubkörner, zogen hoch über endlose Strecken mit Schirmen und Segeln. Sie fielen; Blumen Gräser Halme keimten aus der behauchten Erde. Von den grünen Grenzen drangen die Pflanzen Blumen und Bäume tiefer und tiefer in das tote Innere. Die Sprengkraft der furchtbaren Flammenbergwerke hatte das Erdfundament nicht erschüttert. Die uralte Erde lag da, atmete empfing. Die wandernden Bergwerke hatten die Sonne nicht erreicht; die zog morgens vom Uralgebirge her, wärmte vergoldete die Wolken. Der Mond, oft rot, oft tief vergilbend, weiß wie ein angestrahlter Spiegel zog in den Nächten hinter der Sonne her, in der schwarzblauen Unermeßlichkeit des sternezitternden Himmels. Es gab noch alles. Die scharfen Klüfte, die die Flammenbergwerke in den Boden gerissen hatten, flachten ab, sanken zusammen. Die Schwaden verdunsteten. Und mehr und mehr zogen sich bunte Tupfen die Flüsse entlang. Als aus griechischen und rumänischen Stadtschaften kleines Menschenvolk, wagenführend, mit Kindern und Vieh suchend das holprige rissige abgründige Gebiet durchzog, stießen sie auf Menschen, die sie noch nicht gesehen hatten. Wesen, die sich wie sie bewegten, den Pflug führten, Pferde und Rinder trieben, Hunde neben ihnen, Männer und Frauen mit breiten gelben Gesichtern; sie beobachteten einander, taten sich nichts. Oft stießen sie auf solche Menschen. Chinesen Burjaken Mongolen, die die Pässe des Ural durchwandert hatten. Griechen und Rumänen besiedelten neben ihnen das Land.
An der Nordsee zog sich die ungeheure Stadtschaft Hamburg hin, schloß Lübeck Itzehoe im Norden, Bremen im Süden ein. Sie hatte, mit London verbunden, keine Umwälzung in sich geduldet, die Gewalt ihrer Herrengeschlechter nach einigen Revolten stärker befestigt. Die große Seelandschaft erschauerte bei der Annäherung der Märker. Ihre trägen Massen verlangten nach einem Wall im Westen und Süden; man sollte die feindselig Andrängenden rasch attackieren und zurückschleudern. London sah die Gefahr Hamburgs, aber die englischen senatorischen Sippen liebten die Männer und Frauen der neuen Art. Vergeblich schickte London Botschaften an Marduk, den Senat, die Führer einzelner Horden. Die britische Zentrale wollte die Märker vor einem Angriff Hamburgs bewahren. Dann verfiel man darauf, sich der Frondeure und Täuscher im märkischen Gebiet zu bedienen. Sie waren geheim vom Ausland mit Material versorgt, die Mekilaboratorien waren mit ihnen auf Weisung der fremden Senate in Zusammenhang geblieben. Früh fingen diese Täuscher, die großen gestürzten Geschlechter, an, sich zu bewaffnen. Wie Marduks Regiment wider Erwarten sich befestigte, eine unglaubliche Energie das Volk in Bewegung setzte, mischten sich die Täuscher unter die Horden. Sie bildeten eigene Gruppen, bei der allgemeinen Lockerung wenig beobachtet.
Nahe dem im Hannöverschen gelegenen Quartier des Täuschers und Hordenführers Lorenz landeten Flugzeuge. Englische Männer suchten ihn. Mit ihnen ein gigantisches Wesen, von negerischem Aussehen, schwarzbrauner Hautfarbe. Während die blassen Engländer unter Ten Kates mit dem märkischen Bandenführer verhandelten, zwischen Tannen herumgingen, mittags an einem Wasser lagerten und eine zähe barbarische Speise einzunehmen gezwungen wurden, Schenkel geschossenen Wilds, bewegte sich der Schwarze, den sie nicht ins Gespräch zogen, unauffällig unter ihnen, saß mit halb geschlossenen Augen auf dem Sandboden, die Beine untergeschlagen, schien nur begierig, eine von den schweren bunten Felddecken an sich zu ziehen, die die Engländer um sich ausbreiteten. Die nahmen lächelnd und dankend die derben Kupferschalen und Mörserkeulen an, die man ihnen bot, als sie vergeblich mit ihren schwachen Kiefern, bröckligen schwarzen Zahnstummeln das gesottene Muskelgewebe zu zerreißen suchten. Zerschnitten stampften es zu einem Brei, den sie schluckten. Den Märkern, die ihnen zuschauten, blitzten die Augen. Sie kauten bissen schnalzten; sie knackten Knochen. Nicht einmal dann mischte sich der Schwarze, der Fleisch wie die Märker schlang, ins Gespräch, als Ten Kates bei Sonnenuntergang von der Erde sich erhob und beim Herumschlendern mit den andern, den schmalen Lorenz umfassend, auf Zimbo zeigte: sie würden den hier lassen, er würde ihnen gut zur Hand gehen.
Wie ein Krokodil, das lautlos an der Oberfläche des lauwarmen Wassers treibt, sich der Sonnenwärme freut, gleichmütig von der Strömung über und über gerollt wird, in der Nähe und von weitem wie ein grünlichbrauner abgedrehter Baumstamm, am Sandufer trocknend grau und rauh wie eine Steinmasse, so unkenntlich trieb Zimbo zwischen den andern. Abends, wie die Engländer abflogen, hatte er sich entfernt. Am Morgen klopfte er an Lorenz’ Haus, setzte sich, eingelassen ungeschickt auf einen Stuhl, den man ihm bot. Legte den linken Arm auf den Tisch, fragte, womit man hier schösse. Sein Arm blutete. Lorenz bückte sich über den Tisch; der Schwarze war an einen Posten geraten, der mit Schrot schoß. Der plattnasige Mann murmelte: „Es sticht“ ließ sich verbinden. Er fragte mit seiner baßtiefen gurgelnden und rieselnden Stimme, was sie hier täten. Das Weiße seiner Augen ließ er aufschimmern. Er lachte und nickte, als Lorenz erzählte, sie hielten sich zum Schein für einen Angriff bereit, spionierten inzwischen, sorgten dafür, daß nicht zu viel in den neuen Gebieten demoliert wurde. Sie gossen sich Branntwein hinter. Was der Konsul Marduk täte, wo er sei; gibt es einen Senat. Der elastische Weiße schloß die Tür; Marduk hielte sich im Hintertreffen: zu trauen sei ihm nicht, er schiene gleichgültig zu sein, aber der Mann sei gefährlich. Wieder knurrte Zimbo, zeigte das blutig durchlaufene Weiß seiner Augen. Lorenz drang auf rasche englische Hilfe. Zimbo blickte ihn nur zwischen den verquollenen Augenlidern an, schlich die gelben starken Zähne zeigend, hinaus. Eine ganze Woche hörten die Gruppen der Täuscher, die glaubten, ihre Stunde schlüge bald, nichts von dem englischen Funktionär. Dann erfuhren sie, er triebe sich in der alten Innenstadt herum, habe sich einmal an Marduk herangemacht, sei bei den Bergwerken in der Lausitz. Wie die Zeit vorrückte und Lorenz schon verzagte, erschien Zimbo im Arbeiterkittel, von der Verden-Celler Straße her, in die sich die äußersten märkischen Posten schoben. Wieder lungerte er nur herum.
Der hamburgische Vorstoß setzte ein. Ein trüber Septembermonat. Der hamburgische Senat hatte sich nach der Infiltration der Lüneburger Heide neu konstruiert und folgte dem Druck seiner Bevölkerung, die durch Schreckensnachrichten über die Natur der östlichen Angreifer gepeinigt wurde. Man glaubte in der Seestadt rasch mit den Östlichen fertig zu werden. Heimlich vor den beobachtenden englisch-kontinentalen Freunden schickte der Senat eine Handvoll technischer Truppen mit Angriffseinrichtungen vor, die den früheren Brandmasten ähnelten, transportabel waren und kleinere Flächen bestrichen. Diese Truppen, von Bremen vorgehend, erreichten in wenigen Tagen eine radikale Säuberung der durchschrittenen Landstreifen. Nicht sehr tief und nicht in großer Breite gingen sie vor, denn man dachte durch Abschreckung das Weitere zu erreichen. Die Truppen aber, nachdem sie die schreckliche restierende Ergiebigkeit ihrer Einäscherer sahen, waren nicht zu halten. In Hamburg schlug sich der Senat noch den zweiten Tag über die Frage der Kriegsverlängerung, die Art seiner Weiterführung herum. Da legten die angreifenden Techniker schon wieder die Drähte an die großen Fernkabel, stellten die Transformatoren Blenden Konzentratoren auf die kreisrunden Wagengestelle, stießen auf ihnen nach Nordosten in die Heide hinein. Die herumvagierenden nördlichen Horden der Märker wurden vernichtet, dahinterstehende wichen gegen die Aller nach Hannover zu aus. Der Außenteil der Heide war von der östlichen Invasion befreit. Die Seelandschaft Hamburg erzitterte. Die Herrschenden stellten sich kriegerisch um; die Märker sollten ganz ausgerottet werden. Auf Hannover Hildesheim Braunschweig zogen sich die märkischen Banden zurück. Es wurde, da eine größere Zahl Männer und Frauen sich unter Waffen stellte, damals nötig, daß die Mekifabriken der künstlichen Nahrung stärker arbeiteten. Mit Widerwillen mußten sie die schon halb entwöhnte zarte mästende Nahrung nehmen. Mit Schmerz konstatierte der Senat, daß die Äcker und Kohlenbergwerke durch den Krieg ihrer Menschen beraubt wurden; er stellte auch mit Stolz und Zuversicht fest, daß man diese Periode überwinden werde.
Wie sie sich auf Hannover und östlicher zurückzogen, hielten die Täuscher den Augenblick für gekommen zu einem Schlag. An ihnen lag es, eine furchtbare rasche Aushungerung des Landes vorzunehmen. Und damit begannen sie. Fünfzehnhundert Menschen waren es, die in den Fabriken der synthetischen Nährstoffe drei Wochen nach dem Hamburger Rückschlag die Fabriken verließen, bei einer Kampftruppe auftauchten und zu erkennen gaben, daß ihre Kriegsbegeisterung sie nicht in den Fabriken dulde. Sie suchten damit Zeit zu gewinnen und ihr Leben zu retten; die Katastrophe konnte bei den geringen Vorräten nicht lange ausbleiben. Einzeln wurden sie vor den verblüfften Senat gestellt, der sie halb durchschaute. Bei den Horden erregte ihr Erscheinen im ersten Augenblick Jubel. Dann kamen die warnenden Aufklärungen des Senats.
Und schon war Marduk selbst auf dem Plan erschienen. Der graue Konsul trat in diesem Moment auf, als hätte er sein Stichwort abgewartet. Seine alten Feinde, die Männer und Frauen der Apparate, der hohen Wissenschaft, wollten dem Land an die Gurgel, sein Werk zerstören. Sein Ansehen und seine Wache verschafften ihm sofort die Führung im Senat. Er fragte die Gefangenen aus, sagte ihnen, daß sie zu den versteckten Täuschern gehörten und was sie planten. Alle fünfzehnhundert aus den Fabriken Entflohenen ließ er dann in Linden bei Hannover zusammentreiben. In Gegenwart von Abordnungen aller Horden ließ er hundert von ihnen grausam auf einer herbstlichen Wiese foltern. Dies zog er einen Nachmittag hin.