Part 34
Da war die Raserei durch die Frau gezuckt, aus dem Herzen in ihre Arme und Beine gestürzt. Ächzend schnellte sie sich hoch, gegen den schaukelnden Rumpf des Mannes, rang stieß riß ihn um, zappelte winselnd an ihm: „Schrei nicht. Du kommst mit mir. Ich kann dich nicht lassen. Und wenn ich dich ersticke.“ Sie stopfte ihren Schleier in seinen Mund, während sie ihn preßte: sie weinte streichelte küßte: „Allah, hilf mir. Verzeih mir, was ich tue. Allah, hilf. Komm mit, komm mit, sag ja. Du bist ja meine Seele. Du bist es. Schlag mich nicht. Ich will dich nicht töten. Allah, hilf.“
Den Trommler holte sie, auf ein Pferd trugen sie den gebundenen Mann. Die Pferdehufe umwickelte sie. Durch die Nacht wehten sie davon.
Zwei Tage irrten sie auf der Steinebene herum. Bis sie den El Habis hinter sich hatten, die Häuser von Damaskus auftauchten.
Und so verängstigt war die Frau, in Furcht vor den Anaze, die ihr den Mann rauben konnten, daß sie noch lange in dem mächtigen Stadtreich herumzog, das Quartier wechselte, bis sie der Trommler zu dem Freund ihres Bruders führte.
Einen Halbtoten hatte sie von Beni-Sochr nach Damaskus gebracht. Er lag verwirrt auf dem Zimmer, das sie ihm bereitete. Amulette von ihr aus blauen Perlen, Zauberfische Zauberschwerter um den Hals. Sie durfte sich ihm nicht nähern, der Trommler pflegte ihn. Sein Gebrüll, wenn sie eintrat: „Da kommt sie, da kommt sie.“
Als er stehen, klar blicken konnte, wandte er eines Morgens das geisternde Gesicht auf sie, wie sie an der Türspalte erschien: „Djedaida! Djedaida! Komm herein. Bin ich gefangen? Hältst du mich gefangen?“ Sie, eintretend, sich verneigend, murmelte, hell erblassend: „Du kannst gehen, wohin du willst.“ „Ich kann. Ist das wahr?“ Und schleppte sich, mit Stöcken stampfend, an ihr vorbei, die Stufen herunter, ohne ein Wort. Wild weinend knirschend winselnd lag sie zertreten auf der Schwelle.
Wie er nach Tagen anklopfte, hatte sie den breiten Kragen ihres dunklen Mantels über den Kopf geschlagen, begrüßte ihn demütig. Stumm nahm er es an, saß am Fenster. Er war versteinert. Sie zaghaft bettelnd hängte sich an ihn, trieb ihn zum Leben zurück. Riß an ihm. Eine Wonne, fast von Art eines Schreckens, dämmerte in ihm auf. Wie sie den schwarzbärtigen braungebrannten Mann in seinem Stuhl betrachtete, zitterte durch sie – sie mußte den Kopf senken – das Bild des Lagers der Anaze und wie er auf den Klepper gebunden war, bei den Tieren lag, wie er geschrien hatte, sterben wollte in der Nacht. Und das durch sie. Was war sie? Sie konnte den qualvoll süßen Gedanken nicht abweisen. Und Bou Jeloud selber kam herauf, der schöne stolze Anaze, den dieser Mann geliebt hatte. Kam er nicht über das Meer, war er das nicht? Wie schwoll es über ihr Herz. Jeloud, der junge kindliche, über dem Wasser. Er ritt zu ihr, er kam: sie war bei ihm, sie waren verbunden, Jeloud und sie, ritten in eins, umschlungen verschmolzen nach Damaskus, wo etwas Dunkles, gewalttätig Wonniges saß, sie erwartete, das Ungetüm von Freude, das sie verschlang.
An den Hüften des langbärtigen Weißen hing sie: „Lieb mich, Holyhead. Wie du Jeloud geliebt hast. So lieb mich auch. Ich will dir geben, was er dir gegeben hat. Ich will dir sein, was er dir gewesen ist. Lieb mich, wie du ihn geliebt hast. Geradeso. Umarme mich!“
Und während er sie umfaßte, stöhnte sie selig: „Gut. Gut. Das erleiden wir von dir. Wie gut du lieben kannst. Wie süß du uns bestrafst.“
Mit Beben nahm der Mann aus den großen westlichen Stadtschaften ihre Zärtlichkeiten an, vertiefte sich in ihr Gesicht, tastete ihre schmale Gestalt ab: „Zwei Arme, zwei Brüste, zwei Schenkel. Wessen Arme, wessen Brüste? Eines Menschen. Zwei Arme, ein Hals, nichts als dies. Und das ist Sättigung bei den Menschen.“
Und dann ging sie auf den Straßen herum, seine Sklavin. Eine spitze vergoldete Kappe hatte er ihr geschenkt, über die sie einen weißen Schal zog. Eine farbige Jacke trug sie über dem weißen Musselinhemd. Die Messingwalze zwischen sanften dunklen Augen. Sie blickte auf ihre feinen Sandalen, kniete neben die Nachbarn hin, zeigte lächelnd ihre blitzenden Zahnreihen, atmete tief: „Ach Bahdudah, ich bleibe hier, ich wandere nicht mehr. Schenk mir noch ein Pferdehaar, daß mir nichts geschieht. Ach, Bahdudah, es ist nichts Süßeres, als einem Mann dienen zu können.“
* * * * *
Grönland, das Massiv aus Gneis und Granit, schob sich, ein Keil, vom Pol in das atlantische Wasser. Zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckte es. Das Urgebirge seines Körpers hatten der Wind, strömende Wasser, Kälte, schauernde Gletscher verstrichen. Die mächtigen Falten waren abgetragen eingeebnet. Weiter rissen die Elemente an dem starken Rumpf. Einen Eisschild von tausend Fuß Dicke trug das Land. Seinen Ostrand umzog ein hoher Bergkamm, Eisdrift versperrte die Küste; Bäche stürzten über die Talboden die Gehänge. Im Westen stand ein Bergland mit scharfen Gipfeln und Graten. Ungeheure Gletscher drangen über die Berge an die Küsten. Durch Talkrümmungen wanden sie sich herunter, stiegen zerklüftet über Steilstufen. Wulstig wellenförmig ihre Oberfläche. Aus den Firnmulden flossen sie ab, langsam wie Schnecken bewegten sie sich zum Meer, brachen in die Fjorde ein, verstopften die Buchten.
Zwölf Kilometer breit, sechzig lang, stieß der Frederikshaabgletscher in den Ozean; seine Schuttfläche warf er breit vor sich auf.
Der Store Karajak. Er hatte eine Geschwindigkeit von zwölf Metern am Tag.
Unter dem siebzigsten Grad der Jakobshavngletscher, der Uparmwick unter dem dreiundsiebzigsten, Ullaksoak unter dem achtundsiebzigsten.
Der Torsukatak Assatak Tuarparsuk Tasarmiant Umartorsik Kangardluksuak Itliarsuak Alangordlak.
Die Erde schoben sie in Dämmen vor sich, warfen den Abbruch der Berge, Schutt ihres Grundes, in Moränen um sich auf, schliffen Felsen ab. Unter ihnen kamen weiße Flüsse zum Vorschein, ließen Lehm und Kies auf die Böden der Fjorde sinken.
Mit dieser Aufschwellung der Erde am Nordpol hatte sich das Wasser vermählt; es hatte das Land nicht wie die andern Kontinente losgelassen und sich zur Meeresfläche zurückgezogen. Es wühlte hämmerte riß an dem uralten Gestein. Fiel wirbelnd unaufhörlich aus der dunklen und erhellten Luft, Schnee, Milliarden flimmernder sechsstrahliger Kristalle Sternchen Stäubchen, überschütteten erdrückten lautlos weich die riesigen starren Kuppen Zacken Mulden. Und wie sie sinterten und gefroren, geronnen sie, wurden zusammenzementiert zu dem grünlichen glasigen Eis, das die alte Eisdecke überschichtete. Und durch seine Spalten floß neues Wasser, gefror weiter in der Tiefe. Das Eisgebirge wuchs. Überall wuchs still Eis auf dem großen öden Land. Eiswüsten breiteten sich über das Inland hin. Schwarze Berggipfel, die Nunataks, ragten aus dem gefrorenen großen Wasser auf. Das stieg an und gedieh in den Firnen, auf den Hochflächen, zog nach den Fjorden, gletscherschiebend, ab. Nach Norden buckelte sich die Ebene des Eises hoch. Wellig unermeßlich zog sie sich hin vom sechzigsten bis über den achtzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten und sechzigsten Länge. Sie überdeckten Schneebreiflächen, trockene Schneewüsten, auf Höhenzügen das Höckereis. Wassergefüllte Senken waren in sie eingetragen, im Kreis von Haufen des wilden tiefen Schnees umgeben. In ihre Seen entleerten sich Gletscherbäche und tosten über Rissen des Eises in bodenlose Klüfte Brunnen, deren blaue Wände senkrecht abfielen.
Weißblau der Himmel über diesem Kontinent. Der glühende Gasball der Sonne belichtete wärmte hier nur wenige Monate. In einer Dämmerung lag das Land, durch die der stumme Mond und die fernen zuckenden Sterne blickten, in der märchenhaft das wechselnde Nordlicht tanzte. Winde wurden über Gebirge Ebenen Gletscher des Landes geworfen, Föhne mit Wärme, Nordweststürme, die den Schnee zu Wolken peitschten, ihn wie einen Vorhang vor sich trieben. Der fegende Sturm schmolz Kehlen in die Firne und Gletscher, modellierte die Eismassen, zog Dünen in sie ein mit flachen Böschungen. Den gefrorenen Boden hobelte er zu einer Platte glatt.
Tiere und Pflanzen wagten sich in die Einöde vor. Tangwälder wuchsen in den Tiefen des polaren Meeres. Der bellende Eisfuchs, wandernde Renntiere, braun im Sommer, Eisbären, die auf den Inseln nach Vogeleiern suchten, Lemminge Eulen der zottige Moschusochse Robben Alken Lumme.
Als Rasen krochen Moose an windfreien Abhängen über den Boden. Graue Flechten hingen an den Felsen. Den Schnee, die Sternchen Stäbchen des Wassers, überzogen Völker einzelliger Algen; grau braun rosa violett färbten sie den Boden.
Von Europa kamen, von der belgischen und britischen Küste in nicht endendem Zug die Meeresstraßen herauf die schwarz beteerten Arbeitsschiffe, die schwimmenden Fabriken, Ölwolkenschiffe, stampften durch den Ozean. Eisbrecher ihnen zur Seite und voraus. Schweigend schoren sie das Wasser. Sie verteilten sich, das brennende Island passierend, nach Norden und Süden, umringten Grönland. Und wie das Eis Grönland mit einer Barriere umzog, umzogen sie es mit ihren schwarzen tiefeintauchenden Gebäuden. Immer neue quollen nach. Sie bliesen, wie sie an ihren Standorten hielten, empfangen von der schweigenden Besatzung der Islandflotte, aus ihren Luken den schweren Rauch von sich, den Ölhauch Holyheads, in dem sich mit einer weißen Masse grünliche blaue rote Schwaden vermischten. Die Schiffe setzten versuchend bald von dieser, bald von jener Schwadenart zu. Langsam und kaum vom Wind zur Seite getrieben erhob sich der Rauch, dem immer neuer nachquoll, verstärkte sich, blieb, als wenn er ein Tier wäre, das vor seinem Stall ist, gleichmäßig in einer Höhe stehen. Die farbigen Gasmassen stiegen senkrecht auf, verlangsamten mit zunehmender Höhe ihre Bewegung, dann bei einer bestimmten Höhe war ihr Auftrieb erlahmt. Sie sammelten sich an, breiteten sich wagerecht allmählich aus, als wären sie Öl auf einer Wasserschicht.
Am Scoresbysund der Ostküste, an der Südspitze, an der Diskobai im Westen wurden Proben für die Höhe der Ölwolken bestimmter Zusammensetzung gemacht. Sie sollten die höchsten Gletscher überragen, annähernd gleichmäßig den ganzen Kontinent bedecken. Als das Gemisch der Gase bestimmt war, begann der um Grönland versammelte Ring der Schiffe seine Arbeit. Ohne auf Föhne und kalte Stürme Rücksicht zu nehmen, stießen sie die dunkelfarbigen Dämpfe aus, die sich in der ungeheuren Höhe ansammelten, von den nachfolgenden über das Land hingetrieben wurden. Die seewärts drängenden Wolken dirigierten Fliegerreihen mit Böenbomben. Die zusammengeschleuderten Gasballen hingen zähklebig aneinander. Flächig plattenartig lagerten sich immer dunklere Massen hin, wurden fester, je dichter sie sich anhäuften. Sie waren ein unnachgiebiges den Raum erfüllendes Zwischending von Gas und starrem Körper. Regen, der über sie fiel, konnte die starken aufwachsenden Wolkenbänke nicht durchdringen. Wasser Schnee lagerte sich in Buchten des Gases, stürzte in der randlichen Schiffsgegend herab, vermochte aber das Gas nicht herunterzudrücken. Das seitliche Ausweichen blieb die größte Gefahr. Scharen von Fliegern und Frachtluftschiffen wurden in der grausigen Höhe stationiert, die immer in Gefahr waren, von den aufrollenden Wolken erfaßt zu werden, zu kentern und abzustürzen. Eine ganze ununterbrochene Barre von Explosionen mußte man um die Gaszone legen, das Verschwimmen Zerkrümeln Verbröckeln der Dämpfe aufzuhalten. Die Furcht der Ingenieure, die Auftriebskraft der Gase könnte in der Höhe allmählich nachlassen, die Wolkenmasse sich langsam senken, bestätigte sich nicht. Die dunkle gewaltige Luftbank über Grönland blieb in ihrer Höhe; man konnte ihr vertrauen, Flöße wie auf ein Meer auf sie werfen.
Mit ihrer finsteren stummen Entschlossenheit gingen die Islandfahrer an diese Arbeit in der Luft. Von dem Grauen der leuchtenden Turmalinschiffe sahen sie weg; keiner rührte mit einem Wort daran. Die Schiffe lagen fest. Die Neuanfahrenden hielten die Ungetüme nicht für Schiffe, wie sie überwuchert waren von baumartigen bunten Algengewächsen, von Vogelscharen belagert. Dicht beieinander hatte man an den Standorten die Turmalinfrachten geschoben, abseits von dem übrigen Geschwader, als wären sie verseucht. Die ruhenden Gebäude waren längst zusammengewachsen: die Gewächse hatten Brücken zwischen ihnen geschlagen, die nur selten von segelnden Eisblöcken zerrissen wurden. Vögel spazierten und nisteten auf den grauen roten Brücken, in denen sich Mollusken und Fische fingen, spielten und verendeten. Wie besäte Hügel wuchsen die ruhenden Schiffe in der eisigen Luft auf. Wie sie nebeneinander lagerten in den Buchten, am Eingang der Fjorde, schienen sie steile und bucklige Inseln zu sein. Man sah manchmal die grauen und roten Massen zucken und schaukeln.
Die Islandfahrer warfen Planken von riesiger Breite auf die Ölwolken herab. Und wie sie sie bestiegen, zogen sie benachbarte heran, richteten sie auf, nieteten sie zusammen. Bisweilen schwankten die Flöße, auf die sie sprangen, sanken schräg abwärts in ein Wolkenloch, stellten sich hoch, kenterten. Im grauen rosa violetten Rauch zappelten die abgerutschten Menschen. Sie suchten sich aus dem gallertartigen schwammigen morastigen Gewebe hochzuarbeiten, schlugen um sich, hangelten, unfähig sich abzustoßen, nach den Brettern. Neue Gasmassen, von seitwärts anschwebend, schoben sich um sie, über sie. Sie wurden eingebettet verkittet, griffen sich nach Brust Nase Mund, aus denen Blut schoß; wurden japsend den Kopf zur Seite legend, erdrückt. Dort oben stolperten im Beginn viele, lagen schräg mit hängenden Armen über dem prallen Gas. Das dunkle Quellen schob an ihren Leibern, klemmte hier ein Glied fest, riß es vom Körper; dehnte, wie die Hände zugriffen, die Füße tretend eingetrieben waren, die Leiber mit sich, länger, länger. An den Grenzen zog sich das Gewebe auseinander; da fiel ein erstickter Flieger, schwarzgesichtig, ein abgerissener abgedrehter Körperteil auf das Eis oder in das Wasser. Sie liefen oben, warfen Planken neben Planken.
Der Kampf gegen die Winde begann. Der Nordoststurm, mit Nebel und dichtwirbelndem Schnee, riß an den Außenseiten der wachsenden Wolkenbänke, jagte Fetzen. Kleine Scharen und Einzelne segelten mit den Abrissen über das abgrundtief liegende Land, verkamen. Auf den Platten standen sie, taumelten; es war schlimmer als auf der See. Schwankten mit den Brettern meterweit auf und nieder, hin und her. Es hieß in furchtbarer Eile Platte neben Platte auf den dampfenden ins Land wachsenden Boden werfen. Besinnungslos standen sie oft oben, warfen sich hin, erbrachen, geschaukelt zerwirbelt, von den flutenden rollenden Brettern getragen, die manchmal wie ein Spiel sich voneinander entfernten, von einem Wolkenknäuel übereinandergehoben und aufeinandergeklatscht wurden. Sie hingen an den Rändern über dem unermeßlichen Eisland. Dunkel lagen die Wasserspiegel der Fjorde unter ihnen, im Osten stiegen die Gipfel todesstarr bis dicht unter sie, die Kämme der Gebirge berührten sie fast. Der Eishauch der Firne wehte zu ihnen auf. Die blauweißen Gletscher bewegten sich träge nach unten in die weiße Ebene, durch die eingerissenen Felsgassen. Ihre Trümmer und Lawinen hingen über Bergstufen quer wie Riesenleichname. Wie sie auf Island Brücken von der Küste warfen am Myvatn Krabla Leirhukr, an der Eyafsbucht, von der unglücklichen Heraldsbucht her, auf den schmetternden Brücken in der ascheschwirrenden Luft schwebten, über dem Jökulsa, an der Fiski-Ebene, über den Gletschern des Ostens, wie sie den gewaltigen Vatna erklommen, bevor sie von den himmelzerreißenden auflohenden Vulkanen verbrannt und zerblasen wurden, so stiegen sie jetzt über das stumme Land. Die Winde tobten über dem Eis. Das Land ruhte, wie ein Blinder, über den ein Geschick heraufzieht. Von allen Küsten schwollen sich sehnsüchtig die Wolkenschichten entgegen. Die Menschen wollten die wogenden Massen bis auf eine inselartige Lücke gegeneinander vortreiben.
An der Diskobucht, über dem Onemokfjord erschienen unter den finsteren Bänken der Ölgase bläuliche ovale Wolken, die ein Föhn vor sich trieb. Die auffahrenden Frachtflieger sahen sie. Die Luft wurde still und warm. Die Gasmassen senkten sich, erst langsam, dann im Sturz. Wie auf Kähnen, die in einer wilden Strömung fahren, die Schiffer mit langen Stangen stehen, sich von den gefährlichen Ufern abstoßen, sich unten abstemmen, hin und her springen, so warfen sich die himmelhoch schwebenden Arbeiter auf die Planken, hielten sich mit Balken frei, preßten die Nachbarplatten zur Seite. Auf und ab stiegen die Gasmassen, auf und ab taumelten rollten die Menschen. Die Schichten noch nicht schwer und dicht genug, beulten sich. Die Menschen hin- und hergerissen schlugen sich mit den Planken. Auf dem Boden tief unter ihnen bewegte es sich. Der dicke ballige Schnee geriet ins Laufen, er wich dem blasenden Föhn aus. An der Eisfläche arbeitete etwas mit großer wachsender Gewalt, schrubberte die Fläche Stoß auf Stoß, Schub auf Schub. In kleinen großen unregelmäßigen Würfen flog der Schnee. Die Schnee-Ebene brandete. Dampfartig stieg es vom Boden auf und zerwehte. Wie sie sich oben verklammerten. Wie von den Arbeitsschiffen an der Küste der träge Qualm herblies, hilflos langsam, herüberblies, abgebogen wurde in der trommelnden Luft, sich spiralig um sich selbst drehte und abgeknickt wurde. Am Rand oben wurden zersprengt die himmelhoch schwebenden Wolkenballen, über den Himmel im Föhn schossen sie hin wie kleine Lämmerwolken, wurden rettungslos geschleudert. Der Föhn hetzte die dünnen sich verflüchtigenden Gasschichten auf das Meer. Die Platten, lose aufgeworfen, abgehoben wirbelten wie Papier im Sturm. Menschen Balken Bretter trieb der Sturm geradewegs vor sich, trug sie auf dem zergehenden Gas kilometerweit wie ein Löwe im Maul mit sich fort, ließ sie dann unter sich fallen in das tosende schwarze Wasser, auf die jagenden Eisschollen. Flieger zuckten hinterher, raketenartig stiegen sie auf, wurden vom Wind zur Seite gestoßen. In dem Tosen hob sich noch aus den Arbeitsschiffen der armselige Rauch, den der Sturm brach. Die Schiffe selbst wurden gerüttelt gehoben ergriffen gedrängt. Krochen erzitternd um sich, stellten sich hin, wehrten sich, während oben der bleierne Himmel sichtbar wurde, in dessen Leere rote und blauschwarze Wolken, bunte Fetzen blitzten und sich auflösten. Zerblasen die Wolkenbank der Diskobucht, im Süden Norden; die Bänke bis tief ins Land aufgeschlitzt. Draußen torkelten die Menschen, glitten ab, wurden an Beinen schlagenden Armen kneifenden Augen züngelnden beißenden spuckenden Mündern von dem Gas überzogen. Wie eine Haut streiften stießen sie es weg. In der Luft, im heulenden Föhn, balgten sie sich mit dem Gas herum, waren eingewickelt darin, rund wie ein Igel zusammengebogen. Sie sausten abwärts, auf Eis, legten sich langsam, vom Eis entlassen, hin.
Von den Färöer und Shetlands stampften neue Ölwolkenschiffe herüber, zogen einen zweiten Ring um das grönländische Massiv. Meterdick lag über dem Land schon die schillernde Wolkenmasse, leicht auf und ab pendelnd, in sich verbacken. Die Stürme pfiffen wie an Steinmauern dagegen. Über der Bank ging wie seit Jahrtausenden für wenige Stunden die Sonne auf. Ihr Licht drang nicht mehr durch. Der Kontinent war von dem alten weißen Himmel, dem stummen Mond, dem sprühenden Nordlicht, den kleinen funkelnden Gestirnen abgeschnitten. Die Wasserdämpfe des Landes sammelten sich an der Unterfläche der Wolkenbank, zerstreuten sich sehr langsam, entleerten sich im Schneegestöber, in Schlammregen. Sie konnten nicht abziehen; mit schwerem Wasserdunst bedeckte sich das Land, die Temperatur stieg. Zugleich wuchs die Finsternis. Der Tiere bemächtigte sich eine Unruhe. Renntiere zogen in Scharen über das Eis, ihre Weideplätze verließen sie, sie irrten umher. Die Scharen fanden keine Führung, Rudel trieben zusammen, ängstlich hielten sie auf den Küsteninseln. Die Bären und Füchse wurden aus ihren Höhlen gejagt. Ihnen war beklommen, sie liefen und schnupperten, fanden nichts verändert, waren nicht beruhigt. Das ängstliche Schreien der Raben. Glatte Robben tauchten auf, zogen sich über das Eis, suchten neues Wasser. Die Tiere wurden wachsamer eins auf das andere, griffen sich, wo sie sich befeindeten, gereizter an. Über den Gebirgen und Eiswüsten schwamm von Osten Süden Westen Wolkenschicht auf Wolkenschicht zu. Fetzen von der Gegenseite flatterten schon an. Auf losgelösten Wolken fuhren einzelne verunglückte Plankenwerfer über das Land, kamen unbeschädigt auf der Bank jenseits an. Als die aber auf den Platten im Westen und Osten sich mit bloßen Augen sahen, schrien sie nicht auf, winkten nicht. Manche sanken schlaff hin.
Die Gasschiffe verstärkten die Wolken. Gegen Ende August zogen sie sich zurück. Die menschenverlassenen Turmalinschiffe mußten angefaßt werden. Es machte keine Schwierigkeiten, von allen Geschwadern Menschen zu ihnen zu kommandieren; straff, wie unter einer Blendung, taten die Grönlandfahrer alles was nötig war, ohne Befehl.
Aber das überstürzende Grauen, wie sie sich auf kleinen Schiffen den bunten schwirrenden Inseln näherten. Keine Umrisse von Schiffen waren zu erkennen. Wale erschwerten die Annäherung an die Inseln. Man mußte Sprengstoffe gegen sie werfen; das Wasser rötete sich gräßlich; die dunklen Leiber schwammen eine Weile auf dem Wasser. Wie das Fangnetz eines Schleppers hingen Tangmassen um die Inseln. Man mußte sich schneidend hauend brennend durch sie arbeiten. Boote zogen die abgelösten Stiele und Geflechte ins offene Meer. Schritt für Schritt rissen sie das wuchernde Kraut los; Schicht auf Schicht mußten sie abtragen. Die Boote wechselten stundenweise; es gab immer wieder Menschen, die den Trieb nicht überwanden sich hinzugeben und mit Gewalt zurückgeführt werden mußten. Man drang schließlich, nach Sprengung der Algenbrücken und Reinigung des Wassers, an die Schiffsrümpfe heran. Wie sonderbar sie verändert waren. Die Außenhaut der Frachter legte man oben bloß; man sah schon, wie die Brücken und schwersten Tangmassen beseitigt waren, daß die Frachter wie befreit heftig zuckten, sich langsam von der Stelle bewegten, ruckweise zerrende Bewegungen nach oben machten. Schon glitten die Schiffe leicht, die Boote hinterher; man mußte fürchten, daß sie sich über das Wasser, aus dem Wasser herausheben würden. Oben am Bordrand waren alle Bleche gelöst, die Verschalungen geborsten. Von außen, von innen trieben Sprossen Äste dünne Balken durch die Schiffswand. Die wenigen Kabinen des Oberdecks waren von einem Dampf erfüllt; aber das schien nur so, als man die Türe öffnete. Sie waren ausgefüllt von einer Art Spinngewebe. An ihrem Rand, den Aufhängseln der grauweißen Gewebe hatten sich die wuchernden Hölzer der Wände, die Äste der Türen Luken selbst beteiligt, mit einem Flechtwerk von Fasern. Man sah aber keine Spinnen in den Räumen. Und wie man das dünne Gewebe mit der Hand und Stöcken zerriß, erkannte man es als feinste haarartige grasartige Austreibung der gequollenen Blätter, Röhren Stränge der Hölzer der Spinde der Decken des Bodens. Außerhalb der Hölzer und weit von ihnen entfernt hatten die Pflanzen mauerartige Organe gebildet. Jede Kabine war hauchdünn wie Mark aufgelockerter Stämme; in längerer Zeit mußte der Raum zuquellen verholzen. Man ging auf schaukelnden Lagen. Wie man den Boden aufschlug, um in die Speicher zu kommen, schlugen stickige Gase heraus. Schwammartig erweicht und verwoben waren die Decken. Aus den tiefen Knorren der Masten sprangen frische wulstige Äste hervor, die sonderbar behaarte samtene Blätter trugen; sie schlossen sich oft dicht blütenartig zusammen. Wimmelnde Käfer und Ameisen. Man brauchte nicht nach den Speichern suchen. Von ihnen aus den Tiefen der Schiffe ging das intensive ruckweise sich verstärkende Leuchten aus, das oft blendende Aufglimmen, das in der allgemeinen gleichmäßigen Dunkelheit das Kabellicht überflüssig machte. Die Decke zu den Hallen schlugen sie ein, mit Beilen Sägen Feuer brachen sie durch; seitlich rissen sie die Wände des ganz verfilzten Gebäudes ein. Ins Wasser wurden Balken und Bleche geworfen, die Fische schwammen hinter den Hölzern her, bewegten sie mit den Mäulern vorwärts, kauten an ihnen, trugen sie auf ihren Rücken in See.
Frei lagen die Berge der Netze. Zauberhaft ihr Anblick, wie sie sich durch die Buchten der Schiffe spannten. Mit glattem gewalzten Metall waren die Wände der Hallen bekleidet gewesen. Märchenhaft hatte sich das Metall bewegt. Seine ebene Glätte war verschwunden. Wellig hatte es sich geworfen, Beulen Wülste Kugeln vorgewölbt. Aus der Ebene der Wellen und Wölbungen stachen strahlige glitzernde Kristalle lang vor, die das Metall um sich aufzogen, so daß um sie die Platten rissig wurden. Das Eisen blühte von den Wänden den leuchtenden Schleiern entgegen. Der schreckliche Glanz der Schleier. Ihr Verdunkeln Aufstrahlen. Der Modergeruch, die anschwellende Wärme. Die Haken der Flieger griffen nach ihnen, die ruhig hingen, wie man sie aufgehängt hatte. Schleier um Schleier wurde durch die dunkle regentriefende Luft hochgetragen. Auf den Ölwolken lagen schon die Platten, die sie zum Glühen bringen sollten.
Von den Schiffen herauf wurden an Hunderten Punkten die Drähte auf das Wolkenlager gezogen, die das große Kabel mit den Schleiern verbanden. Man arbeitete stürmisch, war der Erschöpfung nahe. Anfang September waren die Turmalingebäude entleert. Die leeren Frachter waren schon wieder verfilzt; manche zerfielen.
Da rissen sich die Ölwolkenschiffe Menschentransporter von den Küsten des finsteren eisumlagerten eisdrängenden Landes, sausten süd- west- ostwärts. Stoben ab von Grönland, das sie in schwere Nacht geworfen hatten, das einsam mit seinen wimmernden unruhigen Tieren hinter ihnen lag unter der Ölwolkenbank und den glimmenden Schleiern. Scharen der Flieger und Luftschiffe rasten wild den Meeresschiffen voraus. So rasch mußte man den Ozean überqueren, wie man konnte. Zwei Tage fuhren die Meeresschiffe; die Küste des Baffinlandes streiften die westlichen, die im Osten hatten den zehnten Längengrad überschritten.
In der Nacht zum dritten Tag wurde der Kabelstrom auf die Isolierung der Schleier losgelassen. In diesem Augenblick verlangsamten alle Meeresschiffe ihre Fahrt, die Flieger ließen sich auf die Decks und auf das schäumende Wasser nieder. Erschauern Zittern ging durch die Menschen, die sich über die finsteren Decks scharten, aus den Kabinen rannten.