Chapter 21 of 48 · 3899 words · ~19 min read

Part 21

Lange Minuten schwieg Marduk auf der Polsterbank an der Wand. Er schien, den Kopf zurückgelegt, immer wieder einzuschlafen. Der Kopf sank ihm auf die Schulter. Dann suchten seine großen Augen sie. Sie saß seitlich von ihm am Fenster. „Du, Elina.“ „Was, Marduk?“ „Was tust du, was tust du hier?“ „Ich wohne hier.“ „Es wohnt sich hier nicht schön.“ Er suchte einen Gedanken: „Der Schutt liegt so hoch. Es ist kalt. Sehr kalt ist es. Der Winter hört nicht auf. Was tust du eigentlich hier, Elina.“ „Ich wohne hier.“ „Du wohnst hier. Du müßtest hier nicht wohnen. Du müßtest das Haus abbrechen lassen. – Jonathan ist tot. Also auch. Das war ein schöner Jüngling, den ich kannte. Und du hast ihm verziehen, Elina. Du hast ihm verziehen.“ Sie sah fragend zu ihm herüber. „Du hast ihm verziehen. Sag’ ja.“ „Ich hatte nichts zu verzeihen.“ „Er wußte nicht, was er tat, bevor er starb. Als er dich wegschickte.“ „Er hat mich nicht weggeschickt.“ „Doch. Du sagtest, – sagtest du nicht, er ist allein gestorben.“ „Ja.“ „Dann hat er dich doch weggeschickt.“ „Nein.“ „Er wußte nicht, was er tat, Elina.“

„Er hat mich nicht weggeschickt.“ Marduk hob den Hinterkopf von der Wand ab, unsicher: „Du bist doch zu mir gekommen. Bist du nicht –?“ „Ja. Du hast mich dann ins Gefängnis gesteckt.“ „So bist du doch zu mir gekommen.“ „Ja, aber er hat mich nicht weggeschickt.“ „Und was ist denn geschehen?“ „Ich – bin – selbst fortgegangen.“ „Von ihm? Wie er – wie sagtest du noch – wie er brannte? Bist du fortgegangen. Nein, Elina, das sagst du nur.“ „Ich bin fortgegangen, Marduk. Ich sag’ es dir. Ich verberg es nicht.“ „Du hast ihn verlassen“ er stierte sie an. Jetzt bebte sein Mund. Er stützte die Arme auf die Knie. Er hob beide Arme über sich: „Das hast du ihm angetan. Du hast ihn verlassen. Wider seinen Willen.“ Sie knirschte: „Ja.“

Ihre Finger krallten sich, ihre Augen funkelten zu ihm herüber; in Grimm und Schmerz war ihr Mund verzogen: „Hätte ich es nicht getan! Hätte ich es nicht getan.“ Ihre Füße stießen sie hoch; sie drängte an die Tür, preßte sich an den Pfosten, stöhnte zum Boden: „Weißt du, Marduk. Weißt du. Es ist gut, daß das Haus feststeht. Und daß ich kein Riese bin und es umreißen kann. Ich würde es jetzt machen. Ich würde, ich müßte das Haus anfassen, und – und – umreißen. Und über mich schütten. Über mich. Und – über dich – auch.“ Sie griff in das Holz des Pfostens. Er sah ihr rasendes Gesicht an, sie schluchzte: „Hin. Hin.“

Dann lief sie in kleinen Schritten, immer wieder anhaltend, in das weite Zimmer.

Marduk fühlte, wie ihn etwas hochschob. Eine ferne Angst zuckte pucherte über sein Herz. Er wankte hinter ihr her, er mußte hinter ihr herwanken. Ungleichmäßig, traumbefangen atmete er. Der Schlaf in allen seinen Bewegungen. Wollte sich nicht ein alter wohlbekannter Schleier über ihn legen. „Lauf mir nicht weg, Elina. Warum tust du das. Ich bin kein Mörder. Ich habe, habe keine Waffen. Ich tue dir nichts. Halt einen Augenblick still. Ich komme nicht mit. Damit ich dich sehen kann. Ich tu dir nichts. Lauf nicht. Ich muß dir etwas sagen. Du mußt mir etwas sagen. So. Du stehst. Du stehst, du. Setz dich. Ich kann nicht stehen.“ In ihm klirrte es ganz dunkel. Scheiben einer Stadt bei einer fernen Schlacht. Aber es hielt nicht an. Es war wie hinter einem Berg. Es wurde keine Qual.

„Laß mich dein Gesicht sehen, Elina.“

„Was willst du von meinem Gesicht.“ „Ich muß dein Gesicht sehen.“ In ihm klirrte es nicht mehr. Er fühlte die Ruhe seiner Muskeln, die abweichende Beängstigung, die tiefe fast drückende Besänftigung seines Herzens. Wie sanft der Schlaf war, der sich über ihn ausbreitete. Er nahm ihn hin; er wehrte sich nicht gegen ihn. Er konnte neben ihr sitzen. Er konnte neben ihr sitzend, die ihm den Rücken zuwandte, träumen. Es träumte in ihm: „Ich habe schon einmal bei dir gesessen, Elina. Auf meiner Burg. In der Stadt. Ich war Konsul. Wenn du dich an mir rächen willst, tu es. Ich kann es nicht verhindern. Lehne dich an mich. O lehne dich an mich.“ Sie drehte sich langsam um. Tief erzitternd murmelte sie: „Warum? Warum soll ich mich an dich lehnen.“

Und dann beugte sie ihren Kopf gegen seine Brust, zitterte und stöhnte stärker. „Lehn dich an mich, Elina.“ „Ich kann es nicht, Marduk. Warum soll ich mich an dich lehnen. Ich kann, ich kann dich – ja – umfassen.“

Und preßte sich an ihn. Drückte seinen Kopf von rückwärts an ihren. Er unverändert hielt sie schlaff, blinzelte in ihr Haar: „Das tust du. Das tust du.“ „Das – ja jetzt. Und du bist da. Du läßt dich von mir umfassen.“ „Ich will nicht. Es hat keinen Sinn.“

„Hab Gnade mit mir, Marduk. Blick mich an.“ Es war schwarz über seinen Nacken und seinen Kopf heraufgelaufen. Sein Gehirn wurde von einer dichten, immer dichteren Schwärze erfüllt. Seine blassen Lippen sprachen halbbewußte Worte: „Zum Fenster hinaus. Ich bin zum Fenster hinausgesprungen. Halt mich. Fest. Ich falle.“

Sie schüttelte an ihm. Sein Körper war weich. Der Kopf lag auf ihrer Schulter. Sie fühlte, wie sie hintastete, Nässe auf ihrer Schulter. Es war geschehen, daß Marduk auf ihrer Schulter weinte.

Sie konnte seinen Kopf nicht hochheben. Durch ihn träumte es: „Ich falle. Radspuren entlang. Einen Feldweg entlang.“

Er bewegte sich. Richtete sich auf. Sie sah ihm in die weiten Augen. Er wußte, daß er auf ihrer Spur gewesen war seit dem Lager in Linden, seit er sie ins Gefängnis schickte.

Sie hielt ihn ganz fest, studierte sein bartüberwuchertes erloschenes Gesicht. Hauchte drängte: „Marduk. Verzeihung. Sieh mich an.“ „Ich sehe.“ Seine harte Wange an ihrer, sein Hals gab weiter nach: „Versucherin.“ „Nicht Versucherin. Ich bin keine Schlange. Hab Erbarmen mit dir. Hab Gnade mit dir. Du, mit dir.“

Er machte sich los. Sah ihr gespannt in die Augen. Stand auf, stotterte tief erblassend, zu ihr herunterblickend: „Jetzt, jetzt, jetzt, – Elina! Jetzt falle ich um!“

Und schwankte vorwärts rückwärts. Polterte, ohne einzuknicken, nach hinten über einen Schemel, riß ihn seitwärts mit sich hin. Er lag ausgestreckt am Boden, auf der Schemellehne. Tief bewußtlos. Sie zog den Schemel unter ihm weg. Hielt die Hand an seinen Mund; der warme Hauch kam. Fahl seine Backen, der Mund offen.

Zum zweiten Male lag er da. Sie tastete unter seinen Kopf. Kein Blut. Die Mütze schob sie ihm unter.

Sie hastete zusammenfahrend an die Tür, lauschte. Der Krieger stand draußen unbeweglich am Schutthaufen, er hatte nichts gehört.

Und wie sie Schritt für Schritt zurückkehrte, ihn liegen sah, das graue bärtige Gesicht, den langen Körper im weißen Fell, auf der Diele ihres Hauses, warf sie sich, den Kopf zurückbiegend, die Arme aufhebend, in wilder überflutender Wonne auf ihn. Den Pelz riß sie von sich. Die Jacke, das Hemd riß sie von ihrer Brust, drückte die nackte Haut an sein kaltes feuchtes Fell. Eng preßte sie sich mit Leib, Armen, Beinen an ihn, umschnürte, überwogte ihn. Sie achtete nicht, was mit ihm war. Herzte seine Hände, deckte das Fell auf, küßte sein Knie. Sie öffnete zerrte den Pelz von seiner Brust. Küßte die Reihe seiner Rippen entlang, wühlte rieb ihre Brust gegen seine.

Sie sprang glühend auf, an das Fenster. Das öffnete sie still rasch, nahm eine Hand voll Schnee, klemmte das Fenster zu, wärmte den Schnee an ihrem Mund, blies ihn an, rieb ihn, hinlaufend auf Spitzen, über Marduk kniend gegen seine Stirn Augen seine Lippen.

Es war ihr eine zerreißende Süße, als er im Traum seine Lippen spitzte, an dem Schnee sog. Sie ließ ihn saugen. Hielt den Schnee in ihrem Mund. Er sog an ihrem Mund.

* * * * *

Nach einer Stunde schob sich Marduk aus der Tür, schickte den Mann weg. Er selbst ging langsam mit Elina die Straße hinter dem Mann. Es dämmerte. Die Wiese den Wald durchzogen sie. Am Waldausgang, sie sahen den Mann kaum, wurden Marduks Knie weich. Er ließ sich herunter auf den Boden. Nebel in Schwaden von dem nahen Flusse her. Trübe kleine Augen machte Marduk, den Kopf drehte er beiseite. „Schönes Leben“ flüsterte er, „schöne Bäume, schöne Nebel.“ Sie hob ihn, er strich über ihre Schultern: „Warum stierst du mich an, Marduk?“ „Das ist mehr, als ich für möglich hielt.“ Sie hatte leuchtende Augen; er hatte noch immer den Hang, in Schwindel zu verfallen, sah von ihren gefährlichen Augen weg. „Schöner Nebel, schöner Baum“, er hielt sie an sich, „schöner Mensch. Schöner Mensch. Menschenhaare. Menschenfinger. Menschenohren. Menschenhals.“ „Sie waren immer da.“ „Menschenhaare. Menschenhand. Kranke Schulter. Was hab ich gesündigt.“ „Ich habe noch eine Schulter, Marduk.“ „Gute Schulter, armes Gelenk, Marduk bittet euch ab.“

In den Mooren südlich des Grinderwaldes begann Marduk wieder seine Arbeit. Die Truppe hatte sich, wegen der Gefährlichkeit der Arbeit und des verdächtigen Namens des Konsuls in dieser Landschaft nicht vermehrt. Sollte ein Resultat erzielt werden, mußte jetzt rasch Zimbo und die Horden ihrer Waffen beraubt werden. Marduks hannoversche Truppe war einer Anzahl von Unglücksfällen ausgesetzt. Der Erfolg ging hin und her. Die zarte Elina kämpfte mit.

Bei dem großen Vorstoß, der von Marduk geführt, mit der Zertrümmerung fast aller schweren Waffen bei den ostelbischen Banden, der alten Horde, endete, rüstete Marduk, der stark und kalt wie ein Hirsch herumging, Elina selbst aus. Spiegelkleider trugen sie alle, an hellen sonnigen Tagen mußten sie vorgehen.

Wie Marduk die Spiegelfacetten am Gewand Elinas ordnete, die dachziegelartig übereinandergeschobenen blechernen Streifen, die nach dem Licht auseinandergezogen und wie Segel gedreht werden mußten, häkelte sie mit ihrer Hand an ihrem schon geschlossenen Kragen, warf die gesichtverhängende Kappe hoch. „Steh ruhig“, bat Marduk.

Sie hob die Kappe ab, zog sich von Marduk weg, schloß die Tür seiner Kammer: „Nicht das Kleid. Nicht das Kleid. Mich.“ „Wir kämpfen, Elina.“ „Kämpfen. Aber wir. Und wofür kämpfen wir.“ „Du weißt es.“ Sie hauchte dicht bei ihm: „Ich noch – um dich. Du mußt mich kennen.“ „Nicht jetzt, Elina.“ „Jetzt oder wann sonst. Jetzt.“

Wie sie sich im Stroh umarmten, sah er die ersten Augen Arme. Sie, den harten sehnigen behaarten Leib umklammernd, stammelte: „Nichts an mir, was nicht dir gehörte. Laß nichts an mir. Alles, nimm alles weg. Laß nichts zurück.“ Sie tauchte in ihm unter, erweichte verwehte. Er atmete: „Sag nicht Marduk zu mir. Wer ist das.“

Sie starb fast in der Umarmung, wünschte zu sterben. Er stammelte an ihrem Hals: „Ich lebe ewig. Ich lebe ewig.“

* * * * *

Der große Vorstoß, der auf die Gegend von Helmstedt und Gardelegen erfolgte und den abtrünnigen Banden den Verlust fast aller schweren Waffen brachte, verminderte die Zahl der Mitläufer Marduks um die Hälfte. Hier kam Elina um. Wie sie, selbst unsichtbar, einen unbewacht stehenden Riesenbrandwerfer, von der Art derer aus dem Gefängnis, auf eine dicht vorüberziehende Führergruppe der Horde richtete, – im Übermut, denn nichts hinderte sie an der Zerstörung des Apparates, – schlug die Flamme auf sie zurück, äscherte sie mit den Männern ein.

Marduk spornte die Zurückkehrenden an. Man mußte sich beeilen. Nun war Zimbo, noch im Besitz von Waffen, ungeheuer den Horden überlegen und konnte sie in die Knie zwingen. Wenig Apparate hatte man beim letzten Vorstoß erbeutet, die Spiegelhüllen sehr beschädigt. Es war ein verzweifeltes Wagnis, das Lager Zimbos, der sich mit starken Sicherungen versehen hatte, anzugreifen.

Der Versuch mißlang. Mit selbstmörderischem Mut kämpften die überfallenden Männer, kaum fünfzig, die noch zu Marduk hielten. Wie eine Maschine, eine Lokomotive nicht an eigenen Schutz denkt, sondern auf ihren Schienen losrast, sich und fremde Züge zerschmettert, so drangen sie tollkühn, oft deutlich in ihren zerrissenen Masken sichtbar, an, zertrümmerten mit Hieben und Schüssen die empfindlichen Eingeweide der Apparate, die sie erwischten. Der Hauptteil dieser Leute verendete unter dem Strahlenschutz vor den feindlichen Apparaten, gegen die keine Maske half.

Marduk lief in den Bereich einer Maschine, deren Anwesenheit er aus den eigentümlichen Kappen und Schutzmänteln der herumspürenden Männer erschlossen hatte. Nicht weit entfernt von dieser Maschine stand aber eine zweite, die er nicht erkannte.

Plötzlich, aufrecht über den gefrorenen Lehmboden schleifend, fühlte sich der lange unerbittliche Mensch an den Beinen gehindert, seine Knie zurückgedrängt, die Füße auf den Boden gedrückt. Weiter drängte er vor, schob sich an, suchte, sich drehend mit der Flanke durchzubrechen. Dann ablassend, machte er einen Ruck, um sich loszureißen und loszuprallen oder zu entweichen. Er fühlte sich federnd, dann starrer pressender festgehalten. Er senkte den Kopf, trieb keilte das Knie abwärts. Das gelang. Gesicht und Hals glühten und schwollen ihm unter der Anstrengung auf. Und langsam langsam konnte er das eine Knie krümmen. Konnte langsam langsam, als wollte er schweben und fliegen, den Arm vom Rumpf abspreizen. Er arbeitete wie gegen Stein. Das andere Knie krümmte er, um sich auf den Boden herunterzulassen. An der Brust war er festgehalten. War oben so eng gewaltig verklammert, daß er ringend dagegen die Füße vom Boden abhob, beide Füße vom Boden abzog. Quer gedreht erblickte er sie unten und ächzte; quer hingen seine Füße unten handbreit über dem harten Lehm. Ein Schuh hing über der Erde, vom Fuß abgezogen; er stand deutlich sichtbar in der Luft, auf der Spitze, unter dem nackten weißen Fuß, unter leicht spielenden Zehen. Marduk schwebte. Er sackte langsam abwärts. Und wie er sich auch mühte durch Stunden zähen Wühlens Schlagens Stemmens, er drückte seinen Rumpf nicht auf die Erde herunter.

Vornüber mit Hals und Rumpf schwebte er über dem Boden wie im Sturz, nach dem Boden drängend, den er nicht erreichte. Die Arme, gekrümmt erlahmend erschlaffend, lagen wie auf Kissen, und doch fest wie zwischen Zangen. Nicht die Finger der flach hingestreckten Hände vermochte er zu krümmen. Und als er sich im Beginn neuen Anringens wütend um sich selbst werfen wollte, hielt er unter schrecklichem Schmerz inne. Er suchte auf seine linke Hand zu blicken. Von da, da kam der brennende heulende Schmerz. Die Finger, er sah sie, standen unnatürlich gestreckt, nach oben abgebogen über dem Handrücken, so wie sie vorher gestanden hatten. Sie waren gebrochen umgeknickt. Leise stöhnte Marduk.

Er rang mit seinen Augenlidern. Die Hornhäute vertrockneten ihm, die Lider, die Lider waren nicht zu schließen. Oh sie schließen können. Er hielt seinen Rumpf still, er kämpfte nur mit diesen kleinen Muskeln, den Lidern. Millimeter um Millimeter drückte er sie herunter, bis nur noch ein Spalt da war. Jetzt, das Glück, er sah nichts mehr.

Hinter seiner Stirn taumelten Gedanken: „Sie, sie, sie haben mich. Zimbo hat mich. Ich bin verloren. Die Verbrecher haben mich. Alles war umsonst.“ Heißer wütender namenloser Schmerz über ihn. Hinter den blinkenden Streifen des Spiegelschutzes erzitterte sein blau anlaufendes, dick hochschwellendes Gesicht. Die Lidspalten füllten sich mit Tränen. Der Brustkorb, der Hals suchte zu schluchzen. Aber nur ein Heulen Röcheln kam durch die gepreßten Zähne. Elina war gestorben. Warum war er nicht mit ihr zur Seite gegangen, nach Westen, nach Süden, und lebte mit ihr. Warum wollte er nicht mit ihr leben. Die süße Elina war hingegangen, für nichts, ins Dunkle Leere, und er ging nach. Jonathan, auch der war gestorben.

Die Gedanken schwollen wirr hinter seiner Stirn. Ein wachsender Wald war da, Pferde mit gefangenen Frauen an einem Strick; man schleifte sie durch die Luft herunter, an dem endlos langen Strick, über Feldspuren.

Mühsam zog er Luft ein. Der Spiegelschutz scharrte gegen seine Kehle. Er wollte ihn abreißen. Rüttelte, zuckte gegen seine schon toten Hände, konnte nicht zu ihnen hinfinden. Wollte seinen schwarzen Hauptmann, Angelelli, rufen. Die Zunge rührte sich nicht.

Eingeschlossen eingespannt in einen Sarg war er.

Er weinte bewußtlos immer wilder um Elina. Durcheinander stürzten über einen Wasserfall, ein Rad, seine Gedanken. Das Rathaus Schnee-Ebenen Pferde. Und immer wieder Elina.

Sein Mund lutschte. Er sog, wärmer summend brummend knurrend schnalzend an etwas, das man ihm in den Mund steckte. Elina steckte ihm etwas in den Mund, gab ihm zu trinken. Er sog schnarchte im Schlaf.

In tiefster Betäubung der hängende, langsam abgleitende Körper, als auch der Brustkorb sich nicht mehr erweitern konnte, im Innern das Herz seine Schläge verlangsamte.

Es war Nacht. Der Schuh hing mit der Spitze neben dem gekrümmten Bein. Da froren die langsam abwärts geronnenen Tränen über dem verhängten unbeweglichen Gesicht, froren die Lider zu. Die beiden dünnen Eislagen senkten sich über die Lippe in den klaffenden Mund. Die Zunge umwuchsen sie. Den Rachen kleideten sie aus.

Gegen Morgen prüften Männer des Zimbo den Apparat, verschoben ihn. Da dumpfte und knallte im Nebel der Körper des zweiten Konsuls auf die gefrorene Erde. Sein Kleid zersprang. Die aufhorchenden Männer Zimbos sahen auf dem Feld eine schwarze Masse liegen. Und wie sie näher schlichen, war es ein Menschenkörper, wie ein Tier starr auf Knien und Händen unbeweglich am Boden. Vom Kopf hingen ihm metallene Bänder. Ganz langsam sickerten Blutstropfen aus dem offenen Mund.

Eine schwarze Lache unter ihm.

* * * * *

Das Gerücht von Marduks Tod wurde von Zimbo unterdrückt. Als er die Waffenlosigkeit der märkischen Horden festgestellt hatte, ließ er einen starken Teil seiner bewaffneten Krieger gegen das märkische Lager nahe Magdeburg marschieren. Er selbst zog unbemerkt hinter ihnen mit seiner Horde her. Und als die Krieger sich in einem langen sumpfigen Tal unterhalb des Lagers der märkischen Führer sammelten, – Zimbo war schon unter den Führern – gab er seine eigenen Truppen den Horden in die Hand. Er ließ zu, daß seine Männer, die vertrauensselig folgten, entwaffnet, gefangengenommen wurden. Am Abend trieb man sie auf einen Haufen, wollte sie zum Hohn an Marduk schicken. Zimbo hielt da an und warf seinen Trumpf. Er zeigte ihnen den gefrorenen Körper Marduks.

Tief erschreckt standen sie mit Fackeln vor der Leiche, vor dem sonderbar und unheimlich verbogenen Leib, an dem Zimbo die Kraft seiner Apparate demonstrierte.

Sie kamen in Beratungen der ganzen Nacht zu keinem Resultat. Finster forderten sie zurückkehrend von Zimbo, er solle den größten Teil der Waffen vernichten oder ihnen übergeben. Sie haßten Zimbo, weil er Marduk getötet hatte. An ihm sich zu vergreifen war nicht seine Sache. Sie sprachen nicht viel mit dem schwarzen Plattnasigen, der sich in seinem Zelt hinter seiner Horde und einem unbezwinglichen Waffenschutz versteckte. Er fühlte, daß sie knirschten. Die Waffen versprach er ihnen lächelnd. Nur sei es, mit Rücksicht auf die Gefahr von Hannover und Hamburg, unklug, sie zu zerstören.

Zwischen Stendal und Wittenberg wurden große Hordenversammlungen veranstaltet, bei Stendal eine Führerversammlung. Zimbo, nur selten um sich aus engen Lidspalten blickend, erschien hier demütig ruhig glatt wie immer. Die märkischen Führer staunten seine List und seinen Riesenkörper an. Er murmelte, er verlange keine Unterwerfung, sondern seine Wahl zum Konsul. Er sei von England geschickt, um das Land für den Völkerkreis zu gewinnen, habe umgelernt. Er werde die Politik Markes und Marduks weiterführen.

Marduks Körper war einbalsamiert worden. Bei Stendal mußte Zimbo auf den eisigen Körper schwören, – der war in der gekrümmten Haltung balsamiert, wie er auf dem Feld verendet war –: er werde die nachuralische Tradition fortführen, die Ausbreitung der Märker betreiben, die Mekifabriken sobald als möglich vernichten. Das Murren unter den Horden hörte auch nach dem Schwur und den Besprechungen nicht auf. Bis Zimbo sich durch zwei Handlungen legitimierte: rasches brutales Niederwerfen eingedrungener Hamburger in der Lauenburger Gegend, und nach der Rückkehr Beseitigung von zwanzig widerstrebenden Hordenhäuptlingen.

* * * * *

Vor Ausgang des Winters bezog Zimbo das Ratsgebäude der Stadtschaft Berlin. Er war der dritte Konsul der Stadtschaft, der erste, der nicht hier aufgewachsen war. Zu der Zeit, wo der listige herrschsüchtige Afrikaner den Saal des Ratsgebäudes betrat und den Raum mit der Schädelpyramide bewohnte, die er mit den Knochen der getöteten Täuscher und Hordenführer erhöhte, lösten sich die kriegerischen Märker aus dem engeren Felde der Stadt, schwemmten wieder über Stendal Wittenberg ins Hannoversche, reinigten durch Überfälle die Lüneburger Heide. Noch im Winter zogen Siedlermassen, die sich ins Ausland unter den Schutz der Mekifabriken geflüchtet hatten, hinter ihnen her. Zimbo selbst besetzte die restlichen Mekifabriken mit Männern und Frauen, die ihm durch den Feldzug gefolgt waren, und hielt sie in Stand, so daß eine große Zahl Menschen, die sich vergrämt und zur Arbeit auf die östlichen Äcker geworfen hatte, für den Westen frei wurde und Kriegsdienst tat.

Das gefahrdrohende Treiben an der Grenze der hamburgischen Seelandschaft hatte wieder begonnen. Statt des fanatischen zum Ausgleich geneigten Marduk saß ein Renegat des Völkerkreises, ein machtdurstender listiger falscher brutaler Mann im Zentrum des märkischen Reichs.

Die kontinentalen großen Zentralen südlich und westlich Berlins verlangten Ausrottung der märkischen Pest, Beruhigung des Erdteils. Ihr Aufbäumen war angstvoll, aber lahm. Es war der hitzige Trieb erliegender Wesen.

Fünftes Buch.

Das Auslaufen der Städte

Unaufhaltsam auf allen Kontinenten des Völkerkreises der nachuralische Drang. Die Kämpfe der Stadtschaften gegeneinander waren lärmvoll und gefährlich gewesen; in der Tiefe und Breite liefen andere mächtige Wünsche. Der heiße afrikanische Kontinent, von einer unbeständigen Menschenmasse erfüllt, zuckte zuerst auf. Überfälle, wie in der Mark auf die westliche Umgebung, erfolgten hier auf die Zentren von allen Seiten. Die Riesenländer Ebenen Gebirge Haine Flußufer waren nie völlig leer geworden. Immer tauchten neue Menschenmassen aus ihnen hervor; die Städte entleerten in die überreichen Steppen und Urwälder ihre Massen, die gefährlich stöhnend von Zeit zu Zeit zurückkehrten. Die Schwächung und Entartung der Stadtmassen gelang nie tief; unterlaufen durchrieselt waren die afrikanischen Küstenzentralen im Westen Osten Süden, an der Mittelmeerküste von den Männern und Frauen aus dem wilden Hinterland.

Die Brotbäume Ölpalmen Wassermelonen hatten nie Erholung gebraucht, jetzt wuchsen sie in toller Üppigkeit. Das große Nilland trieb wuchernd Felder von Reis Weizen sechszeiliger Gerste. Das Sorghumkorn schoß hoch von Ägypten bis zum Kapland. Die Tiere, Störche Rohrdommeln Papageien Reiher Halsvögel flogen in Scharen herum, Leoparden und Löwen trieben sich herum, das rötliche Buschschwein Antilopen hausten zwischen den Bananen. Die Rudel grauweißer Elefanten; sie fraßen die gelben runden Palmfrüchte. Ein Heer von gierigen Affen hockte auf den Bäumen. Regen Stürme Hitze. Die trägen, von Haschisch Opium, neuen Giften geschwächten Herren schüttelten sich vor diesen Menschentieren, die aus den Wäldern und Wüsten unter ihnen auftauchten. Suchten sie zurückzujagen, wollten sie gefügig machen, nahmen sie auf, ließen die Städte vor ihnen beschützen. Zentrale auf Zentrale wurde von den Unwesen zerstört. Die aus den Wäldern herangetriebenen Geschöpfe gingen satanisch mit den schwachen hilflosen Massen um. Es gab Städte, die sich den starken listigen Stämmen rasch ergaben, und ebenso rasch zerrissen und zertrümmerten die bösen stolzen Geschöpfe das Gerüst der vertrauensseligen Städte. Dann irrten Hunderttausende in die offene Wildnis hinein, erlebten eine kurze Zeit Tag Nacht Sturm Hitze wilde Tiere, ehe sie verkamen. Auf dem stürmisch lebenden heißen Erdteil waren längst die Stadtschaften auf das wuchernd reiche Land ausgelaufen, als in den nördlichen westlichen Kontinenten die Stadtschaften noch dumpf zerfallen nebeneinanderlagen und nach sich griffen. In Süd- und Nordamerika tosten die großen Stadtschaften, voll des höchsten Schmuckes, zugleich lecke Fässer, die ihren Inhalt nicht mehr hielten. Überall kämpfend oder getragen Senate Herrengeschlechter Tyrannen, die die Zügel hielten und nicht wußten, wohin sie lenken sollten.

* * * * *

An der gebirgigen Nordwestküste Nordamerikas loderte es um die Zeit, wo der alte Kontinent auf die märkischen Konsulate blickte. Von den Japanischen Inseln her, Kiuschiu Schikoku Hokkaido Sachalin Formosa waren in dem Uralischen Krieg asiatische Scharen, angreifende Mongolen und Sibirier über das Riesenwasser gefahren. Sie hatten, nur wenige Tausend, die alte westliche Stadtlandschaft Franzisko und nördlicher Portland am Kolumbiafluß besetzt, waren, rasch überfallend, über den Salzsee nach Cheyenne und Denver gedrungen. Die überraschten Senate hatten kaum Widerstand geleistet. Was an geübten Männern und Frauen zu den Städten gehörte, stand zwischen Ural und Wolga, flog und fuhr mit dem Geschwader.