Part 29
Und die Erde kam ihnen entgegen; das Geschwür war im Begriff zu platzen. Man verständigte sich mit den nachfolgenden Geschwadern. Unter dem Brüllen des gähnenden Krabla, zischendem Aschenregen fand am Hunafjord in einer Bucht eine Begegnung der Führer der Kolonnen statt. Kylin hielt sich zurück. De Barros vom zweiten Geschwader wies in die Richtung des Krabla: „Da hört euch das Ding an und meine Stimme. Können die beiden gegeneinander aufkommen? Nein. Seht meinen Kopf an oder meine Hand und den Krabla. Oha, der ist groß, der Krabla. Schluckt sechstausend, sechs Millionen Menschen und wird davon nicht dicker. Wir wollen mit dem Goliath reden. Er wird prahlen mit seinem Kopf, mit dem Wanst, wird toben. Indianergeschrei. Eins in die Flanken und er ist hin. Bleibt nichts von ihm wie ein Schutthaufen.“ Der biegsame Kylin, der lange elastische oft finstere Hauptführer der Expedition, hatte sich wieder gefunden. Er war ein stolzes klares Wesen. Er zog, auf den Rauch schielend, die glatte kurze Oberlippe hoch: „Dies wird der Anfang sein. Es ist gut, ja es ist gut, daß wir uns zusammengefunden haben. Schlimm, so weit von den Kontinenten. Aber kein Schade. Wir werden vielleicht selber – wie Vulkane uns über die schlafenden und blödsinnigen Kontinente machen, samt ihrem Inhalt und ihrer Auflagerung.“ Und er träumte: Besinnung, endlich, bei Island.
In der Breite von sechzig Kilometer Luftlinie nahmen die Arbeitsschiffe Stellung an der Nordostküste der Insel. In den Tistillfjord fuhr eine östliche Gruppe. Vor der Halbinsel Rifstangi angesichts des kahlen Svalbardberges ankerten Kylins Mannschaftsschiffe. Bis zum Eyjafjord unter den Schneestürzen des Rimar dehnte sich die westliche Gruppe. Der Sturm peitschte unablässig das Meer. Die Schiffe waren Kolosse von der Höhe eines Berges. Rückwärts und getrennt von ihnen schwankten flachere runde kleinere: hier lagerten Maschinen Apparate Vorräte Erden Sprengmaterialien Metalle; dies waren die technischen Beischiffe. Die Geschwader entnahmen ihre Antriebskräfte den gewaltigen Kabeln, die die Arbeitsschiffe selbst auf ihrem Weg hinter sich herzogen und von Skandinavien über den Schelf des Festlandes, den Abgrund der Tiefsee, die arktisch-schottische Bodenschwelle gespannt hatten. Die Kabel, in Isolatoren gebettet, trugen von Strecke zu Strecke Entnahmewülste. Der Draht, der von oben nach ihm suchte, das Kabel abtastete, in der Flachsee von Booten geführt, hakte und haftete mit seinem Kopf in dem Wulst fest. Wühler und Reiniger liefen dem Ladedraht vorauf, schoben die Sandmassen vor dem Draht beiseite, glitten anhebend an dem Kabel entlang. Ein Ladestrom vom Ort eröffnete den Wulst. Und schon schwollen die Energien der fernen Länder, die Gewalt der Katarakte in dem erzitternden Kabel hoch, warfen sich über die aufschmetternden Maschinen, tosten durch die Schiffe.
Nördlich vom schwarzen aschenbestreuten Myvatn, dem Mückensee, raste und fauchte unsichtbar der Krabla. Und neben ihm Leirhukr. Jubelnd blickte Prouvas von der Höhe des Svalbard über die Schnellen und Wirbel des klippenversenkten Jakutsa zu dem Vulkan herüber. Zur selben Zeit lachte zehn Meilen von ihm am Rimar, auf der Höhe des stummen staubbesäten Myrkarrgletschers der breite Wollaston. Er trampelte auf dem Boden, bis das Weiß des Schnees hervorkam. Stieß mit seinem Stock in den Schutt: „Daß du herauskommst, Gletscher! Myrkarr, großer Myrkarr! Daß du uns ansiehst. Es gibt ein Spektakel. Seitdem du auf den Beinen bist, hast du so eins nicht gesehen. Der Krabla spuckt noch. Bald ist es kein Spucken mehr. Er streckt die Zunge aus dem Hals. Hat sich ausgejagt.“ Er erstickte fast im Qualm: „Bald sieht keiner was von euch, Krabla und Leirhukr.“
Als das mittlere Geschwader zum Brückenbau schritt, hatte der Sturm aufgehört, Windstille mit Regen war gekommen. Die Insel rollte wie sonst. Der Qualm zog hoch nach Osten ab. Die Feuersäulen leuchteten durch die Nacht. Sie schlugen Brücken von Axarfjord herauf zur Höhe des Burfell, von der Spitze der Rimarhalbinsel über die Hügel weg auf den Gipfel des Rimar, von der Rifstangihalbinsel am Tistillfjord auf den Svalbard. Die Brücken stiegen schräg auf aus der Meeresbrandung, dann schwangen sich die weiten lichten Fluchten der Viadukte ins Land, über Bäche die von Bergen schäumten, über Geröllhalden Moore tote Laven, durch die nebeldurchzogene regenverhangene kühle Luft zum hohen Svalbard, zum großen Myrkarrgletscher, zum zackigen Rimargipfel.
Die Pfeiler und Widerlager rammten sie nicht in den Boden. Metallflieger stiegen auf, ließen sich zu zwanzig dreißig auf den Klippen, an den Abhängen nieder. Sie schlugen grob Schutt und Steine beiseite, wühlten mit Spitzhacken und Hämmern, brannten flache Löcher in dem Felsen frei. Da hinein legten sie die dünnen Platten, die, unscheinbare blaugrüne leichte Scheiben handgroß viereckig, kleine Schilder, vor ihrem Brustleder hingen. Die Scheiben schlossen sie zum Laden an den Zweig des Kabeldrahtes an, den sie mit sich führten. Und schon, wenn es in den Platten knackte, ließen sie sie los, auf das flache Loch fallen, schwirrten davon. Die Platten, aufeinander gepreßte Blätter, glühten. Das oberste geladene Blatt strahlte schmolz. Und wie sich seine Masse mit der des zweiten Blattes mischte, stieg ihre Hitze. Die brünstig ineinander brennenden ersten und zweiten rissen das starre dritte in den Brand. Knisternd spaltete sich das, tropfte seitlich und an der Bruchstelle, um plötzlich erweichend mit einem Schrei sich in das Feuer zu geben, das weiß niedrig immer bläulich durchsichtiger wurde. Und wie die pfeifenden keuchenden streng und starr sengenden saugenden sich rund rollten, bog sich das letzte Blatt, streckte sich wie in einem Krampf, schlug sich um, gezogen gespannt zu einem haarfeinen Glas, einer schillernden Haut um die singenden drei. Die Kugel wuchs hoch, weiß, blauweiß, hellblau, dehnte sich, dehnte sich. Schmelzend zersprang sie und im Augenblick war jede Farbe aus dem armhohen Brand verschwunden. War nichts da als ein strenger starrer befehlender Hauch, ein Röcheln. Und schon war alles weggerutscht von der Felsplatte, abwärts gesunken in den Fels hinein, metertief gestürzt. Sein Leben im Brand von sich gebend verdampfte verstöhnte es in der Tiefe, während über ihm gallertig der geschmolzene Fels auslief.
Die kreisenden Flieger stießen auf die schmelzenden wieder gerinnenden Felsen herunter. Rammwagen fuhren an die gischenden Öffnungen, bohrten hochausholend Pfeiler in die schmorende Masse, hielten sie, bis das Zittern der Luft nachließ, der Felsbrei glasartig die Pfeilerfüße umklammerte.
Pfeiler auf Pfeiler wurden über das Land im Gestein gegründet. Eine Pfeilerreihe vom Lager Kylins überquerte den Jakutsa. Eine Reihe stieg vom Axarfjord über den Burfell. Eine Reihe wuchs gewaltig vom Rimar her, griff über den Myrkarrgletscher, stieß zum Skjalfanda; auf dem qualmschweren Odadablachfeld machte sie halt. Es war ein breites steingegossenes Wesen, das hier wuchs; Nachbarstück berührte Nachbarstück. Über dem Fundament waren aufgepflanzt ringförmige Trommelträger, die Rollenlager trugen. Von Strecke zu Strecke konnte das bewegliche Tragwerk, eine Pfeilergruppe bedeckend, auf seinem Drehtisch hereingeschwenkt herumgeworfen werden, das Fahrgut gerettet, die Pfeiler entblößt werden. Mit mächtiger Lichtweite übersetzten die fliegenden Brücken das Gebiet von dem tosenden Meer bis zum schwarzen Myvatn, dem See. Unter ihnen lagen tief im Rauchschwall die gespaltenen graublauen Gletscher, die Geröllebenen, Täler mit schmaler Sohle und felsig abstürzender Lehne. Furchtlos rannten die Pfeiler vor gegen das speiende Plateau der Vulkane.
Es war keine Woche um, da sausten die ersten Wagen auf Schienen, die sie selbst um sich warfen, über die glatte Fahrbahntafel. Überrollt war der Zug und unterrollt von dem bogenförmig langgespannten, hoch vor- und zurückgedehnten Paar Schienen, die als langgezogenes Oval die Wagenreihen zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsauste sie der Zug, der die stählernen um sich drehte, immer neu überrannte, von oben her zu seinen tretenden Füßen herabriß. So überdonnerten sie die Brücken, blendende Lichter vor sich werfend, bei Tag und in der völligen Finsternis des Rauchs und der Nacht, den magnetisch in die Brückentafel eingetragenen Spuren folgend. Unter den frisch einsetzenden Böen wurden aus den Schiffsbäuchen der drei Geschwader geschleppt, auf Wagen geschoben und montiert die Maschinen, vor denen vergehen sollten der Krabla, der gurgelnde Vulkan, und der Leirhukr, das dampfende bergezerreißende gasende Unwesen.
Kylin hatte in die Maschinen neue Kräfte eingespannt. Er war aus Marduks Schule. Wie Marduk die Bäume auftrieb, ihr Leben in furchtbarster Weise reizte, so zu tosendem Wuchs und Überwuchs zwang, so hatte der schwedische Schüler die Gesteine und Kristalle bewältigt. Er hatte das Futter gefunden, mit dem man Gesteine speist. In hingerissenen Stunden hatte er das Sprießen und Sichfügen der Kristalle geschaut. Das Wachsen der Schneenadeln der Eisblumen auf der Glasscheibe aus dem hauchenden Atem war sein erstes Wunder gewesen. Und wie er den langen großen Marduk, den Botaniker, mit trockenem Samen Keimlingen langhaarigen Wurzeln Reisern abgeschnittenen Laubblättern arbeiten sah, – unter dem Anhauch der Nährgase und Reizlösungen streckten sich in den Stengeln die Gewebsstränge, Siebe und Gefäße, die Vegetationskegel der blassen Tannennadel trieben ihre Wülste aus, Zellhaut legte sich über Zellhaut, – überfiel Kylin der Wunsch, auch mit seinen Steinen und Kristallen so zu spielen. Es war etwas Üppiges Freches Niedriges in dem Wunsch, aber es zog ihn dahin; das hitzig trübe Gefühl lag über ihm. Ja, er fühlte sich, vor den Schwemmkästen und Heizröhren liegend, in die er seine Kristalle eingespannt hatte, herausgefordert; sie gediehen nicht wie er wollte; er mußte Herr werden. Mußte sie wie Tiere jagen können; ist ein Stein mehr als ein Pferd? Hitze, wechselnde Lösungen, elektromagnetische Kräfte verhängte er über sie. Bis hier und da etwas anfing in ihnen biegsam zu werden. Dann tastete er sie mit Strahlen ab, die von ihnen abprallten, die sie durchließen, sie kalt ließen, zum Erhitzen brachten. Er erkannte, daß diese Steine empfindlich waren und sich auswählen ließen von Hitze Druck und Strahlen wie Tierrassen von einem Blutserum. Es kam nicht auf die zufällige Kristallgestalt an, sondern auf die kleinsten Teile, auf die Urwesen, die sich in den Kristallen gefesselt hatten, auf die Art, wie sie sich verschränkt, gelagert, gebunden hatten. So konnte man sie auftreiben, ihre Verwandlung durchspüren, wie man wollte.
Auf den rundlaufenden, brummend anziehenden, höher und höher singenden Schienen jagten an einem Nebelmorgen die schlanken Maschinen über die weitgespannten Brücken. Kaum zwei Meter hoch waren die Maschinen, flach und lang wie die Wagen, auf denen sie montiert waren. Sie hatten am Kopf Durchbohrungen, Augenlöcher, die sich mit dem Kopf zur Seite, nach oben und unten wenden konnten. An fünfzig erwählte Männer und Frauen lagen an jeder Maschine. Die Luft war von schwirrenden Fliegern erfüllt, die weder der Aschenregen noch die Furcht vor dem Kommenden zurückhielt. Der Jökulsafluß mit seinen Schnellen brauste in seinem sandigen Bett. Weither von einem Laufgletscher kam er, schmutziggrau wälzte er sein Wasser an dem tobenden Krabla vorüber. Wenn sich der Rauch vom Myvatn, dem See, hob, wurde die Linie des dunklen Lachsflusses sichtbar, der wie ein gepeitschter schreiender geifernder Dämon aus dem See fuhr, hochgebäumt, von Lavabomben überschüttet. Er überrannte zertrat sie, ließ sie seitwärts fallen. Man hörte bis zur Höhe das kehlige Röcheln des rüttelnden Wassers, sah die ingrimmige Gischt über die Blöcke spritzen. Schwarz und still lagen hinter ihnen die Spitzen der Fiski-Ebene. Die Berge ruhten um die Vulkane.
Da kam, während sie eben noch ruhten, ein sonderbares Leben über sie. Als zuckten sie leicht mit den Wimpern, schlossen die Lider, zuckten wieder mit den Wimpern. Der Krabla begann. Und bald fing der Leirhukr an. Ihre Ostwand Nordwand Westwand verschob sich, ihre Lasten ruckten, ruckten höher, als jucke sie etwas. Ihre schweren Wände, den zierlichen Brückenpfeilern zugewandt, wurden überrieselt von einem Steinsturz, der nicht nachließ, der die Wände mit einem Nebel umhüllte. Der Nebel nahm zu. Und während er sich im Kreis ausdehnte, von den Bergen wegwuchs, hörten sie auf den Brücken ein Krachen, das über alles irdische Ausmaß war. Ein unendliches Schurren Grollen Dröhnen, das mit seinem gleichmäßigen Anwachsen das Schnattern und Prasseln des Vulkans überscholl überstieg, so überstieg, daß niemand wußte, wie es zum Himmel aufwuchs, aus welcher Richtung es kam. Es brummte und brüllte aus Süden Westen Osten Norden, und doch brüllte es nur von den Wänden der Vulkane, die hinter den Steinstürzen langsam in die Höhe stiegen, als höben sie sich, von einem Beben gehoben, aus dem weichen Boden empor. So wuchsen die Wände, wie wenn einer langsam den Finger hebt. Wie ein Schlafender sich aufrichtet, langsam den Rücken gerade biegt, die Arme aufstemmt, den Blick noch nach unten, träumend; die Zunge drückt er an den Gaumen und schmatzt.
Unter den Blicken von Kylins Maschinen wuchsen sie, von ihnen gesteigert gebläht. Hinter den wallenden immer tieferen Steinschleiern, an den hebenden Wänden stürzten die toten Lavablöcke, die die Blicke nicht anfaßten, rannen abgeschüttet die gefalteten krustigen Lavaströme, zerbrechend, wie Schiefer polternd, knirschend, sich an sich selbst zerreibend. Die Wände dehnten sich hoch und hoben sich von einem unsichtbaren Kern ab wie Blasen.
Der Krabla, der träge, bekam Beine. Sein Steinmantel überrieselte schon den schmutzigen Jakutse, der von dem Askjagletscher abschmolz und heranfloß. Die Steine und Laven, die schwarzen porösen Auswürflinge tanzten noch eben über die Wasserfläche, wühlten die sprühende Fläche auf, und schon hatten sie den Fluß in Kilometerbreite überlaufen, ihn bedeckt, schon wulsteten die Steinmassen aus dem Flutendrang empor, war der Fluß verschüttet, verbarrikadiert, vom Meer abgeschnitten. Im Norden und Westen umging der Steinschleier die Bergwände. Westlich des Krabla rauchten die Wände des Leirhukr. Die Löcher in den alten Schuttfeldern stopfte der Steinregen aus, drückte und trümmerte nieder die mannshohen Tuffhöhlen.
Da knickte die Spitze des Krabla, stürzte ab. Keinen Laut hörte man davon unter dem gleichmäßigen Brüllen und Rollen der sich dehnenden Berge. Und zugleich erlosch der steile Feuerstrahl des Krabla. Schwarzer Qualm wirbelte an seiner Stelle, der sich heftiger und heftiger ballte, in rauschenden Stößen hochschnellte, meilenhoch den erstickten Krabla überlagerte. Da waren zugleich die Wände des Vulkans, die wachsenden, immer höher sich hebenden, von neuem abstürzenden, hinter den Steinschleiern schattenschwarz in ein Wiegen und Rollen gekommen, wie ein Laken, an das der Wind schlägt. Diese Berge wandernd waren keine Berge mehr. Wuchsen in die Höhe, rückten in das Land, über die splitternden Lavafelder, an die Ufer des Myvatn. Dampften und flammten. Flämmchen, bläulich und grün, erschienen zauberhaft verstreut auf ihnen. Das blitzte wie Bergmannslampen auf, erlosch, blitzte wieder. Darunter wogte rollte die Wand des Vulkans, des wolkenhohen Riesenschiffs, das in das schwarze Land einbrach. Häufiger, massenhaft, während die Berge sich dehnten, züngelten die Flämmchen; oben neigte sich von neuem die aufgetriebene aufgetürmte Bergmasse, stürzte in den Krater, den qualmbrodelnden, lautlos ab.
Urplötzlich mischte sich in das ungeheure Dröhnen und Murren ein tiefurtiefes abgrundtiefes bodenentstandenes Schnauben Hauchen. Ein Schmauchen Blasen wie aus einem Kessel. Langsam ließ es nach, lähmend schwoll es an. Dabei flammten ununterbrochen die grünblauen Lichter auf den schreitenden Bergwänden. Gelbe Flammen brachen zwischen den grünen hervor, zuckten stachen geradeaus, drehten sich um sich selbst. Ungeheuer schwarz wirbelte der Rauch über den verschütteten Vulkanen.
Da Riß Schlag Schlag Knall.
Zerschleudert die Bergmasse, zerstäubt Krabla und Leirhukr.
Glühendes erdweites Auflohen, feuriges Anblaffen des Himmels.
Fliegende Basalt- und Granitblöcke, auf- und abschießende Lavabomben. Unter Tosen Absinken der Bergmassen.
Es war niemand mehr von den Menschen in der Nähe. Die Züge zurückgerasselt, die Brücken abgeschwenkt. Der Krabla und Leirhukr waren noch eben zwei Vulkane; der Erdboden zwischen ihnen war verschwunden. Ein Feuersee lag zutage. Ein Spalt war in der Erdhaut. Der Feuersee lief in den Myvatn, ihn auszudörren. Aus dem Riß der Erde ergossen sich Glutströme, geschmolzenes Gestein aus dem Erdinnern, dazu der brennende Leib der zerrissenen Vulkane. Brüllend nahmen die Flammenströme ihren Weg ins Land. Im Süden standen noch schwankende angestrahlte Wände der Vulkane, zerklüftet verstümmelt. Sie bröckelten stürzten über, legten sich in das heiße saugende Bett. Nach Süden überrannte der Feuerstrom das Land bis zum Fuß des mächtigen Blaffjal. In den schwarzen Myvatn wälzte sich der Feuerstrom; drang in das Wasser bis auf die Tiefe des Sees, die er entlang kroch, ohne zu erlöschen. Das Wasser faßte er mit seinen Zähnen an, verschluckte es. Es siedete und verdampfte auf seinem Rücken. Er sprang am Boden des Sees herum. Zerschleuderte zerfaserte zerpaffte sengte, was ihm in den Weg kam. Blutrot sein langer Schlangenleib. Er raste durch die ganze Seenbreite an das südliche Ufer.
Während an dem verfinsterten Himmel der Glutschein sich ausbreitete, weißer und weißer wurde, sammelten sich die Führer auf dem Schiffe De Barros’ an der Nordküste im Axarfjord. De Barros grunzte vor Freude, umarmte Kylin, den blonden schweigenden: „Kylin, die Welt wird von dir reden. Die Erde redet schon von dir. Hör diesen Dialekt. Bist du noch traurig über die Weiblein und Kindlein?“ Das harte glatte Gesicht des Schweden: „Ich bin nicht traurig, De Barros.“ De Barros tanzte mit dem dicken Prouvas: „Kylin, was ist mehr: ein Mensch oder ein Berg? Ein Mensch oder ein Vulkan? Ist ein Vulkan nichts? Wir klagen dich an des Mordes! Haha! Des Mordes an zwei Vulkanen. Alsdann an einem niedlichen schwarzen See, ferner an einem ausgewachsenen Fluß.“
„Laß das, De Barros.“ „Ich bin für Ordnung und Gerechtigkeit. Und wieviel Tiere hast du geröstet erstickt erdrückt verstümmelt und läßt sie unbeerdigt und bringst ihnen keine Hilfe. Da sind die Spinnen, die in den Bergritzen saßen, eine halbe Million an der Zahl. Sechsunddreißigtausend junge und erwachsene Fliegen, nebst ihrer noch lebendigen Vor- und Nachkommenschaft. Familien, Mütter. Hingemordet, erloschen. Wie konntest du das, wer konnte das! Und in den Flüssen die Lachse, die Mücken auf dem See, und der Farn, Moos, das Gras auf dem Boden: vorbei. Ruchlosigkeit, Ruchlosigkeit. Haha! Kylin, vor dem Gott der Mücken wirst du einst erscheinen, vor dem Gott der Lachse der Fliegen der Spinnen.“ „Ich lach’ ja gar nicht, De Barros“, Kylins Schwester blickte glückselig auf den flammenden Himmel, nach rückwärts sich überbiegend. Sie lachte, ohne Kylin anzusehen, stolz: „Ja, was ist mehr, ein Vulkan oder ein Mensch?“ „Ein Vulkan.“
Den Tag über quollen die weißen heißen Massen aus dem Leib der Erde in Bächen und überschwappenden Katarakten. In wütendem Rasseln übergossen sie die alten starren Lavafelder am Skalfandafluß. Die kurze fauchende Nacht verging. Das fahle Sonnenlicht war wieder am Rand der schwarzen und braunroten Wolken. Durch die rote und schwarze Finsternis der Insel schlugen die brennenden Aschen, rieselten durch die heiße schwefel- und ammoniakgeschwängerte Luft. In den Eyjafjord versteckten sich die menschlichen Angreifer. Von den Felswänden begannen Lawinen zu rutschen, das Meer aufzupeitschen. In die Luft mit Masken aufsteigend warfen die Angreifer Böen vor sich, unter sich gegen die verstümmelte heulende Erde. Weggerissen wurden die trägen Rauchwolken vom Boden; sie sahen und maßen die Weite der nackten Feuerschlote unten, der zackigen Riesenschlünde, die senkrecht in die Tiefe des geborstenen Bodens führten.
Die Insel zitterte, schüttelte sich angstvoll, gepeinigt. Zwischen dem ausgedörrten Myvatn und dem atemlos hintosenden von Schmelzwasser überladenen Skalfanda tat sich, während sie flogen, plötzlich ein meilenlanger, das alte Seebett durchquerender Spalt auf, neben dem niedrige Kegel in Reihen hochstiegen, wie von einer Faust aufgetrieben. Braunen Schlamm und Dampf keuchten sie. Das Wogen Stoßen des Bodens ließ nicht nach. Knarren und Knistern rollte die Spaltenränder entlang. Sie sanken wie schmollende Lippen ein. Die Kegel gaben minutenlang keinen Atem von sich. Und während die Spalte sich wurmartig warf, wuchs geräuschlos an ihr ein Kegel auf, breit, breiter, nahm an seinen steigenden Wänden die anderen mit, überstieg mit seinem Fuß die ausgefüllte Spalte. Das Land zog der unaufhörlich getriebene Kegel rechts vom Ufer des Salmflusses mit. Und hundert Meter, tausend Meter ansteigend, schwefeldampfumhellt, zerriß die Spitze des neuen Vulkans, wie ein Kanonenrohr zerreißt. Der Himmel heulte, gelb und schwarz, mit einem viertelstundenlangen Schrei, von Laven- und Feuerauswurf in mächtigen senkrechten Strahlen angespritzt. Der Salmfluß verdampfte in den Lavaströmen, wie der Jökulsa östlich vom Myvatn verdampfte. Der gewaltige Skalfandafluß, von den ewigen Gletschern des Trölladyngja genährt, warf seine breiten eisigen Massen gegen die neuen Feuerläufe: auflohte der Strom zu weißem Dampf. Das Feuer lief sein Bett entlang; sie fuhren dem gewaltigen Strom in den Rachen und machten ihn hin. Er staute sich, vom Meer abgesperrt, nicht auf zu einem See. Als Luft jagte er in die Höhe; die unauslöschliche Hitze trieb ihn, er mochte stürzen wie er wollte, kilometerhoch über sich; der eisige Sturm oben trug ihn nach Westen an die ungeheure See.
Island war verschwunden vom Jökulsa bis zum Skalfanda. Vor den beiden tobsüchtig anzüngelnden Strömen aber war das heiße Erdinnere hochgestiegen. Hatte wie ein Riese erst einen Fuß auf die Treppe gesetzt; die tastende Hand war sichtbar, er war im Begriff höher zu steigen, durch die Luke zu treten, sich sprengend nach allen Seiten Platz zu machen.
Noch war nicht ein Tag vergangen, seit die kleinen fleischernen Angreifer die Berge Krabla und Leirhukr zusammengestürzt hatten. Da lohte Island auf Meilen im Geviert aus zwei strahlenden Riesenbecken, östlich und westlich des Skalfanda.
* * * * *
Das Odadahraun, das Lavafeld der Missetaten, lag zwischen den strahlenden Becken. Es war hundert Quadratmeilen groß, zog sich im Süden des schwarzen Myvatn zwischen dem Skalfanda und Jökulsa hin. Kohlschwarze Lava war sein Boden. Schwarzer vulkanischer Sand überflog ihn. Die Brandschlacken waren wie Eisschollen übereinander verschoben. Stumm standen in seinem Süden die Krater des Dyngjafjölls und das weite Gebirgstal Askja mit einem dunkelgrünen See. Die Krater des Dyngjafjölls murrten schon längst; das Tal Askja hatte seinen See verschluckt. Dafür war Feuer aus seinem Boden getreten, der Schein erlosch manchmal, in das wüste Odadahraun zischten dünne Aschen herunter.
Die Geschwader verließen die Nordküste, gingen von Osten die Vulkane des Odadahraun an, in das die Feuerströme der geborstenen Krabla und Leirhukr sich entleerten. Der Vopnafjord schnitt tief ins Land; aus dem Vopnafjord warfen sich die ersten Brückenreihen vor. Die Brücken hatten einen ungeheuren Weg zu durchlaufen. Von Süden kamen andere hervor, aus dem Mjosifjord, aus dem Reidarfjord. Die Menschen drangen, während die Insel unter dem Schlagen der Vulkane erzitterte, über die Gletscher der Ostküste, deren Höhen von Aschen bestreut waren. Vulkan neben Vulkan zog sich in nördlich-nordöstlicher Richtung nach dem lebenden Lavafeld der Missetaten. Erwacht waren der große Dyngja Herdubreid Tögl. Der große Dyngja hatte einen Krater von sechzehnhundert Meter im Durchmesser, den sein eigenes Geröll verstopfte. Er brannte aus einem Schlot in der Mitte. Freistehend mit steilen dunklen Wänden der breitschultrige Herdubreid. Mit einem Schneedach war der Bergriese belegt; Flüsse rannten daraus hervor. Der uralte Skjaldbreidur; sein Krater schachtelförmig, maß zweihundert Fuß im Durchmesser; er war seit einem Erdzeitalter erloschen; Eis hatte sich über ihn gelegt, von dem waren Wasserfluten zu Tal gefahren. Der Berg schnob und gurgelte. Er hatte die Lava hergegeben, aus dem das schwarze gewaltige unheimliche Odadahraun geschaffen war. Er zischte, aus Rissen seiner östlichen Wände kamen lange Rauchfäden. Er rollte und stieß.
Die Angriffszüge überrollten die eisigen aschendurchwehten östlichen Bergketten. Die Brücken waren untereinander verbunden; alle Züge konnten, wenn Brücken hinter ihnen zerrissen oder verschüttet wurden, Nachbargleise suchen. Die Angreifer hatten einen Schutz der Wagen und kostbaren Maschinen vor den heißen Auswürflingen geplant. Aber man sah, daß auf dem wogenden flammenbergenden Boden weder Pfeiler noch Wagen ernsthaft zu schützen waren. Die Schiffe zentrierten sich nach Ablassen der Zerstörerzüge südlich des Vopnafjords hinter Gebirgsvorlagerungen in der Heraldsbucht. In diese Bucht wälzte sich schmutziggrau herunter der Brückenfluß. Aus drei Gletscherquellen gespeist zwang er sich durch die Klüfte; Bäche stürzten von rechts her in sein Bett, Sand häufte er neben sich auf; sandig glatt waren seine Ufer, wo er sich dem Meer im Osten näherte. Neben ihm lief der Lagarfluß, aus einem viertausend Meter hohen Gletscher quoll sein milchig weißes Wasser. In Katarakten ergoß er sich, seenbreit erweiterte er sich, schüttete, wie er in die Heraldsbucht trat, Gletscherkies und Lehm von sich. Vor die weiten Mündungen der beiden Flüsse legten sich die Schiffe der Geschwader, warfen nicht Anker; ihre Antriebsmaschinen blieben in voller Arbeit. Der Wind ging scharf vom Land her. Der feine Aschenstaub flog über das Gebirge an das Wasser.
Weit hinten in See dämmerte der Morgen. Mit Ruck und Stoß betraten die Wagen ihren gezeichneten Weg auf den Brückentafeln. Krachend zogen sie an, schmetterten Pfeiler auf Pfeiler ab. Die Schiffe in der finsteren Heraldsbucht steuerten langsam ostwärts in See hinaus.
* * * * *
Das Gestein der Berge jenseits der Küstengletscher, im Süden des schwarzen zitternden Odadahrauns, trank noch gierig die Säfte, die ihm der Schnee eingab, der mit Tonnengewichten auf ihm lag. Die Quellen der Ströme ließen sie über sich herlaufen; die Kraft, die aus der Erde kam, schüttelte an ihnen, tot lagen sie, verwitterten; unendlich lange Zeit hatten sie, dünne Dämpfe ringelten zwischen ihren Körpern hoch. Da war den Steinen, als wäre jeder von ihnen bei seinem Namen aufgerufen.