Part 14
Und sie. Die Feueresse sie, die stumme überflutete, sagte nicht „Seligkeit“; der heiße Atem strömte langsam aus ihr, aus diesem ruhenden Leib, die Luft strömte ein, feucht glänzten die weißen Zähne. Weg riß es ihn im Nu. Er schmolz. Das blitzrasch im Zickzack durch die grauen Wolken irrende Flugzeug. Was ist Leben und Sterben. Sein Mund stand offen. „Jetzt stirbst du, Marduk.“ „O Marion“, sagte es aus dem heraus, der Marduk geheißen hatte, „ich werde jetzt sterben. Du – bist die Seligkeit. Gott verzeih uns beiden.“
Nichts hörte und sah sie. Ein Zittern durchfloß sie, ein Schwirren Dröhnen durch ihren Kopf. Er fühlte nicht, wie ihre Hände ihn von sich stemmten, wie eine Kraft in ihre Muskeln trat, die sie nie gezeigt hatten. Der dunkle brennende Kopf, der schnaubende sich erhebende Kopf, Marduks Kopf war vor ihren Augen stehengeblieben. Ihre erblindeten Augen hielten nur ihn fest. Die Seligkeit überstieg überschritt durchbrach es. Der Kopf senkte sich über ihren Hals, an ihre Brust, durch die Rippen, in ihre Brust hinein. Hinein in ihre Brust. Sie biß sich die gefühllose Lippe durch. Schluckte schluchzte kurz auf. Dies war die Wette. Der Schauer. Der Graus. Die Arme fielen von ihr. Tiefe Schwärze. Die furchtbare eisenklirrende zerreißende Qual der Lust. Die streckte sie auf das Laken hin.
Sie saß neben Marduk auf. Sie schüttelte sich. Im Dunkeln tastete sie sich an die Bank. Marduks Stimme: „Wer geht?“ „Ich. Ich sitze hier. Ich sitze auf der Bank.“ Nein, sie war nicht vor Marduk erlegen. Das, das mußte etwas anderes sein. Das war etwas anderes, Entsetzliches. Sie sank vor der Bank auf die Knie, sank flach über den Boden hin. In den Händen etwas zu haben, etwas Weiches eine Puppe ein Kind. Sie streichelte den Boden. „Auf, auf“, weinte es in ihr; „ich will nicht leben.“
Sie taumelte, ging sehr leise auf den nackten Sohlen.
„Wer geht da? Du, sieh dich vor an den Wänden.“ „Ich will nur an das Fenster gehen.“ Am Fenster aber stand sie, winselte schluchzte die Balladeuse im geschlossenen Mund, trommelte mit den Fäusten gegen die Wand. Wimmernd ächzend riß sie das Fenster gegen die schwarze Nacht auf, lag mit dem Leib halb über der Umrahmung; tauchte, den Kopf voran, sich tiefer. Hob die Beine an, kreischend. Als Marduk anlief, kippte sie; schlugen die Beine hoch. Das schwarze große Fenster war leer.
* * * * *
Marduk stand mitten im Zimmer. Schüttelte den Kopf. Ging zum Fenster, strich am Brett. Schüttelte an sich. Dann. Runzelte die Stirn, hob die Fäuste, zog sich, das Kinn anhebend, knirschend auf den Boden ein. Er bückte sich mit dem Mund auf den Boden, drückte den Mund an. Sein Kreischen drang durch. Die Wache lief an auf dem Gange. Der Hauptmann der Wache klopfte schlug an die Tür, öffnete trat ein. Hob Marduk, zuspringend, auf, der mit gerunzelter Stirn an ihm hing, vor sich stierte und schrie. Er setzte ihn auf das Bett, kleidete ihn an. Führte den schüttelnden zitternden drängenden Mann durch das Zimmer. Der ging nur bis zur Zimmermitte und dann rasch zurück, fragte immer: „Was tu ich hier.“ Plötzlich krampfte er sich zusammen, machte sich steif, ließ den Hauptmann los, schrie die Arme weitend: „Wache, Wache!“ „Konsul, ich bin hier.“ „Lärm. Lärm. Ich will Lärm.“ Und gegen die Metallrückwand seines Tisches schlug er mit der Faust: „Ich will Lärm. So. Lärm.“
Er stürzte neben dem Hauptmann auf den nächtigen Hof. Man hatte die Zerschmetterte fortgetragen. Er schüttelte brüllte: „Lärm, Lärm.“ Die Soldaten schlugen gegen Blechschirme. Sie schmetterten mit Eisenstäben gegen die Platten. Es war nicht genug. In einem schwarzen engen, immer dichteren Kreis Männer stand er, die die Platten schlugen. Wehklagend, die Arme hochstreckend stürzte er über sich. Sie durften den Rest der Nacht nicht nachgeben. Gespannt stand er in dem Kreis, zitterte schrie näherte sich den Männern im Zickzack. Das Tosen scholl in die Stadt hinein.
Als es hell wurde, ließ er ein Bett in ein leeres Zimmer tragen. Da lag er bis zum Mittag; der schwarze stille Hauptmann wartete bei ihm. Diesen Mann ließ Marduk nicht aus dem Zimmer. Vor ihm weinte keuchte lechzte er sich aus ohne Scham. Am Mittag verließen sie das Zimmer.
Die schneeige Gestalt Jonathans an der ersten Treppe. Jonathan stürzte an Marduk, der die Zähne zusammenbiß, herunter, hielt sein Knie umfaßt. Es war, wie er den Kopf anlegte, als ob er um Verzeihung oder Gnade flehte. Ungeduldig bewegte der Mann oben die Knie, dachte nicht, warum der junge Mensch niederfiel. Den Umhang raffend stieg er auf sein Zimmer. „Wir werden – arbeiten“ sagte er mit übergroßen glasigen Augen zu dem Hauptmann. Sprach empfing ordnete. Dachte zwischendurch: „Ich höre nichts. Ich sehe nichts. Was geht vor.“
Leichenblaß matt schlich gegen Abend Desir, der sanfte Freund der Balladeuse, in das Gebäude. Er wollte nicht zu Marduk. Als der von ihm hörte, ließ er ihn holen. Sie standen sich gegenüber. Dem stummen Desir quollen die Tränen aus den Augen. Er ging zum Fenster, aus dem sie gefallen war, streichelte das Brett daran, warf sich am Fenster auf die Knie, schluchzte von Marduk abgewandt. „Du denkst, Desir“ zischte er plötzlich, „ich hätte Marion umgebracht.“ Der stammelte: „Ich weiß nicht, was ich denken soll.“ „Komm her, Desir, komm.“ Und wie er anschlich, betrachtete ihn Marduk lange, hielt sich, den Mann umschlingend, an ihm fest, murmelte: „Sie, sie – war gut zu dir. Du hast ihr wohlgetan. Es war gut, Desir.“ „Warum ist sie gestorben?“ „Nicht fragen, Desir. Nicht fragen.“ Und hatte den andern schon losgelassen, war schüttelnd auf den Boden gefallen, schrie stopfte sich hilflos ein Tuch in den Mund; Desir hielt ihn kniend, selber weinend.
Am nächsten Morgen wurde der zerbrochene Körper der Balladeuse verbrannt. Marduk mit dem schwarzen Hauptmann und Desir wohnten der Verbrennung bei. „Ich möchte dir etwas Gutes antun“ preßte, wie sie die Halle verließen, Marduk hervor neben dem leichenähnlichen Desir. „Du wirst dann, ich möchte dich darum bitten, die Stadt verlassen. Geh weit weg, mit dem Kinde. Ich werde es dir ermöglichen.“ „Was habe ich dir getan, Marduk?“ „Nichts. Du wirst mir die Liebe antun, da dich nichts an die Stadt bindet, wegzugehen. Du machst mir eine Freude, Desir. Du wirst es tun.“ Der blickte den Konsul an, der obwohl er starr ging, so weich zu ihm sprach wie nie. An der Treppe des Ratsgebäudes stürzte Desir an Marduk herunter: „Mir ist ein großes Leid geschehn.“ „Ich weiß, ich weiß“ flüsterte Marduk „aber du wirst die Stadt verlassen.“ Er nahm den andern beim Arm. Im Vorraum, in der einsamen blumenbestellten Glashalle, drückte er ihn an sich, hauchend: „Jetzt ist sie weg, weg, Desir. Die Balladeuse ist weg. Jetzt ist es leer. Sie ist Asche. Asche. Asche. Zu mir ist sie gekommen.“ Er zitterte fror knirschte mit den Zähnen: „Warum ist sie zu mir gekommen? Was hab ich ihr getan, daß sie – wegging? Ich habe ihr nichts getan. Sag mir, du hast sie gekannt: was hat sie von mir gewollt. Sie hat mich zerbrochen und dann ist sie weggegangen. Warum, warum?“ „Sie sagte, daß sie dich haßte, Marduk.“ „Ich habe ihr nichts getan. Sie ist dagewesen. Sie hätte gehen können.“ Marduk hatte den andern losgelassen, schüttelte mit den Armen: „Geh weg, Desir. Ich will gar keine Antwort. Steh hier nicht.“ Desir mit verträumten Augen wankte zur Tür. Marduk rang sich hinter ihm ab: „Desir. Trage es mir nicht nach. Komm noch einmal. Komm.“ Er umarmte ihn. „Du hast sie nicht geschickt. Meine Feinde haben sie nicht geschickt, Desir. Was war in ihr. Warum mußte sie davongehen. Und du hast sie lieb gehabt. Lieb. Lieb. Bist jahrelang bei ihr gewesen.“ „Was hast du mit ihr gemacht, Marduk?“ „Nichts, nichts, ich schwöre. Ich bin ja zerbrochen, zerbrochen. Siehst du es nicht.“ Und das hilflose Zittern. Desir löste sich, ging. Verließ die Stadtlandschaft, wanderte im Westen herum. Man hörte sehr früh davon, daß er gegen den verbrecherischen Marduk agitierte.
Die Politik des geschlagenen Marduk änderte sich nicht. Schwächer fühlte man ein Jahr lang seine Hand über der Stadt. In grämlicher Bitterkeit vegetierte er, fast von Monat zu Monat stärker ergrauend. Er schien ohne innere Anteilnahme, nur aus Gewohnheit die Dinge weiterzutreiben. Die näher bei ihm waren, wußten, daß er auf seinem Zimmer oft verzweifelt winselte. Einige hatten damals den Eindruck, es genüge, ihm auf die Finger zu schlagen, um seine Richtung zu verändern. Man vernachlässigte herausfordernd den Abbau der Mekifabriken, betrieb die Niederlegung von Gebäudereihen, den Aufschluß der Bodenerträge.
Er hatte schon lange nichts von Jonathan gehört. In dem Zorn seiner Tätigkeit hatte er nicht mehr den Hinweis auf diesen Schmerz bedurft. Breiter schwerer war Marduk geworden, mit eingezogenem Kopf, kleinen zwinkernden Augen, grauen Haarbüscheln an den Schläfen. „Ich bin schon grau, Jonathan, findest du. Und du, laß dich sehen.“ Schlank und reif Jonathan, im langen Silbermantel; zögernd leicht furchtsam bot er dem Älteren die Hand. „Du sollst mir helfen, Jonathan. Ich hab wenig Hilfe.“ Ob er bedroht sei. „Nein, man bedroht mich nicht.“ Lächelnd matt setzte sich Marduk; seine Zimmerwand schimmerte weißlich, als sei sie mit Blech beschlagen: „Was treibst du Jonathan, den Tag über, den Monat über.“ „Den Tag über?“ Er arbeitete wie viele andere an einem Moor; es sei keine kleine Arbeit. „Du machst mir einen Vorwurf. Du meinst, es sei eigentlich nicht nötig, ich könnte die Fabriken erweitern.“ „Nicht, Marduk. Ich meine das nicht.“ „Hast du andere Wünsche?“ Als Jonathan schwieg, ihn staunend ansah, saß Marduk schweigend matt da. Die Wache öffnete die Tür; ein bräunlicher Mann, Senator einer westlichen Stadtschaft, trat ein, verneigte sich tief vor Marduk, wagte kaum, sich aufzurichten. Marduk fragte ihn in seiner grämlichen Art nach Namen Absichten. Er wollte nur Marduk sehen, sich vor ihm verneigen. „So“ lächelte Marduk bitter „dazu kommst du her. Das nützt mir nichts, mein Freund. Das stört mich. Ihr braucht euch vor mir nicht sehen zu lassen. Ich will dir etwas sagen: ihr taugt nichts.“ Und als der gegangen war, murrte er, er werde sich in Stein aushauen lassen: dann hätten sie den Stoff, der sie seien, und sie könnten sich davor verbeugen, soviel sie wollten. Es ereignete sich, daß nach Jahren zum erstenmal Marduk in einer Senatssitzung erschien, unangemeldet, ohne ein Wort zu sprechen saß und wieder ging. Öfter kam er, horchte ging. Sein sorgenvolles ruheloses Umherwandern in der Stadtschaft. Er wurde einmal auf eine ungeklärte Weise, wahrscheinlich durch ein ungesehenes Gas, im Nordteil der Stadt betäubt und noch rechtzeitig von der ihm nachspürenden Wache aufgefunden. Als Jonathan ihn besuchte, seine helle Verzweiflung: „Sitz ich nicht wie in einer Falle. Wie lange dauert es und sie schlägt zu. Sie belauern mich von allen Seiten. Sie haben Waffen. Sie arbeiten. Ich kann nichts tun. Nicht einmal das kann ich.“
Und immer wieder: „Nicht einmal das.“ Er drängte Jonathan plötzlich ängstlich zu sehen, ob jemand vor der Tür sei, und als Jonathan zurückkam, brach er in einen Weinkrampf aus. „Sie können nichts. Ich wache über sie. Vor dem Uralischen Krieg war es nichts und jetzt ist es nichts. Wir sollen alle verderben. Weißt du, daß ich dich schon lange nicht gesehen habe. Weißt du, welchen Tag wir heut schreiben.“ Er studierte, auf dem Bett sitzend, Jonathans Gesicht. „Heute ist der Jahrestag meines Einzugs in die Stadt.“ „Ja.“ „Komm näher, Jonathan. Was war noch damals. Laß mich besinnen. Damals ließ ich dich rufen, ich ließ dich nicht fesseln. Dann habe ich mit dir eine – Ehe geschlossen.“ „Laß das, Marduk.“ „Ich weiß es noch gut. Es tut mir wohl daran zu denken, lieber Bruder. Es war eine finstere schreckliche Zeit. Aber sie war gut. Ich war der Nachfolger Markes.“ „Ich will gehen, Marduk, ich will gehen. Ich bitte dich, laß mich gehen.“ Marduk der Graubärtige zitterte. Er sah begierig bang den Jungen an, fühlte, daß er sich den Tod wollte, daß er ihn schon halb litt. Sein Körper schüttelte; er murmelte: „Wie die Versuchung sich mir immer wieder nähert. Jetzt kommt sie von dieser Seite. Ich hab es nicht erwartet.“ Stark atmend schob er an einer Vase hin und her, drückte sie dann klammernd fest auf den Tisch. Jonathans zarthäutiges Gesicht loderte, die linke Hand hielt er sich vor die Stirn. „Es ist gut, Jonathan, laß nur sein. Ich will dir zu Hilfe kommen. Ich will dir zeigen, warum du nicht gut von mir denkst.“ Er zog ihn durch die Tür über den Gang ans Fenster: „Hier siehst du es. Da liegt die Stadt. Du denkst, wie die Straßen früher gefüllt waren. Wie die Häuser aussahen und was ich alles angerichtet habe. Dies ist die Stadt. Sie versumpft verwahrlost verfällt. Das ist Marduks Gesicht. Sag es mir geradeheraus. Ich bin ein geduldiger Zuhörer.“ Stiller blickte ihn der Jüngere an, wie auf den bitteren bartumwucherten Mund ein grellroter Sonnenstrahl fiel. „Was du denkst, Jonathan, ist mir keine Neuigkeit. Ist kein Geheimnis. Viele denken es. Wenn ich keine Waffen hätte, wäre ich seit Jahren verschwunden. Sie beschuldigen mich, daß ich sie zugrunde richte, weil ich sie auf die Äcker treibe.“ „Ich beschuldige dich nicht, Marduk. Ich bitte dich ja, daß du mir verzeihst.“ „Ja ich weiß, du hattest mich schon einmal um Verzeihung gebeten. Auf der Treppe. Oder was war es. Damals. Du fielst, glaub ich, vor mir nieder. Laß gut sein.“ Er zog sich vom Fenster zurück, in das Zimmer, hielt eine Stuhllehne stumm eine Zeit gepackt; aus seinem Mund kam dann: „Ich sage dir, ich bin nicht schuld an dieser Erbärmlichkeit. Nicht ich. Ich kann nicht mehr tun. Wie ich den Stuhl in das Zimmer werfe, so sind die Menschen: sie können nichts als poltern und hinfallen, wenn man sie anfaßt. Uns fehlt etwas. Was fehlt uns. Mir ist ja nichts mehr gegeben, Jonathan. Ich kann ja nicht mehr. Sie sind schon zu Tausenden weggelaufen. Zum Schluß werden sie meinen Kopf nehmen. Als wenn sie dann etwas hätten. Ich bin imstande ihnen nachzugeben. Aber – ich tu es nicht. Bin ich schlecht, so gibt es noch Schlechteres als mich. Ich irre herum, aber über ihnen bin ich doch. – Ich bin schlecht, nicht wahr Jonathan?“ Er legte hauchend seine Stirn auf die Schulter des andern. „Du bist nicht schlecht. Wenn ich wüßte, wie ich helfen könnte.“ „Du zwingst dich. Du sagst mir etwas Gutes, Jonathan, weil ich dir leid tue. Im Grunde meinst du etwas anderes. Bleib bei mir stehen. Du mein Bruder, der mich haßt.“ „Ich möchte dir helfen, Marduk, mit allem, was ich kann. Du mußt mir zeigen. Ich will zu dir kommen und neben dir sitzen, Marduk, halt mich nicht für ein Kind. Ich bin dir nicht gram. Ich finde, wahrhaft, in mir nichts an Gram gegen dich. Ich habe dir vieles abzubitten. Gib mir Gelegenheit, Marduk, mich dir gut zu erweisen. Wer bist du, wer bist du, du armer Mensch.“ „Nicht so sprechen, nicht so sprechen“, zitterte der andere, „bleib immer so stehen bei mir. Hab ich mich vor dir enthüllt als Armer. Es sind alle arm. Nicht ich allein. Wir verderben alle. Wo ist Rettung.“ Er löste sich von Jonathan. Mit vibrierendem Gesicht, zwinkernden Augen, bösen kleinen Blicken auf den Jungen ging er um den runden Tisch, stierte von drüben den andern an: „Es ist etwas faul bei mir. Ich bleibe noch eine Weile hier im Haus. Das ist mein Mauseloch. Ich helf mir schon. Jonathan, ich helf mir schon allein. Sieh meine grauen Haare an. Vor einigen Jahren waren sie wellig und glatt. Jetzt stehen sie wie Borsten auf. Das ist das Schicksal dieses Landes. Man wird mich vielleicht bald aus dem Haus heraustragen. – Es ist genug jetzt. Ich fürchte, ich werde zum Schluß meines Lebens noch sehr böse.“
Als Jonathan ihm zum Abschied die Hand gab, hielt Marduk diese glatte warme Hand eine Weile mit seinen beiden fest. Mit einer leichten zwangmäßigen Gegenbewegung entzog sie ihm der Jüngere. „Ich werde ihn nicht mehr besuchen“, dachte Jonathan, als er frierend die Treppe herunterstieg. Entschlossen in tiefer Seele war er. „Niemals, niemals mehr werde ich ihn besuchen. Und wenn er mich tötet, mich ins Gefängnis steckt, alle Martern an mir vollstrecken läßt. Ich werde ihn nie besuchen.“ Ein riesengroßer Abscheu vor Marduk ging durch ihn. Er war hingerissen von der Gewalt dieses Abscheus. Und als er draußen war, lief er seitlich in stille Parkanlagen. Lief weinte schlug sich die Brust vor Widerwillen Empörung grenzenloser Scham. „Die Schmach“, dachte er, „die mir dieser Mensch angetan hat.“ Ein Ekel schwamm in seinem Mund. Er spie es von sich. Drängte langsamer zum Park hinaus. Als er wieder Menschen sah, konnte seine Brust tief und voll atmen. Er verachtete Marduk. „Ich gehe niemals zu ihm. Es wäre wirklich gut, man beseitigte diesen Graukopf. Der Staat könnte nur gewinnen. Alle könnten dabei gewinnen.“
In der Tat wankte Marduk damals. Er, der sonst einsam auf den Zentralen saß, ging mit deutlicher Unsicherheit herum, sah hier zu, dort zu, fragte. Es geschah oft, daß er von seinen Wachen gebeten wurde, auf sich zu achten, weil er sich in schlimme Lagen begab. Man sah den Konsul mit einem Hund durch die Straßen gehen, einem großen starken Wesen. Das Verschwinden des Tieres beendete diese gefährliche Epoche Marduks. Da verließ er die Straßen. Er war der alte immer Entschlossene, dem, wie viele sagten, an nichts so gelegen war wie an der raschen Entvölkerung der Stadtlandschaft.
Viertes Buch.
Die Täuscher
Weich und schlank, mit einer gebundenen, oft sprühenden, leicht sich erhebenden Freudigkeit ging Jonathan durch das Ratsgebäude. Bänder und Federn hingen an ihm. Er galt als der Trabant Marduks. Etwas von dem Schrecken, den der Konsul einflößte, ging auf ihn über. Es machte ihm Freude, den Schrecken zu gebrauchen. Wenn er in der Dämmerung durch die Straßen schlenderte, die leerer lichtloser lärmloser waren als früher, fiel ihm öfter seine Mutter ein. Vor seinem stolzen in sich gekehrten Blick stand sie, nicht mehr mit klaffenden Schultern, bewegungslos hängenden Armen. Unter seinen stolzen schmelzenden Blicken, unter den leidenden schmerzgesättigten heischenden bewußten Blicken gab sie nach. Von seinem Mund, seinen Wangen floß es her: sie war eine ferne sich weit hinbreitende grüne Landschaft, Wipfel Äste und Laub, Himmel darüber. Das war, er fühlte gesättigt, seine Mutter.
Als er einmal dem Ratsgebäude sich näherte, – der Ernst umschwebte ihn, seinen silbernen Mantel hatte er eng an sich gezogen, – saß da eine gelbbraune junge Person, die geschlafen hatte und ihn gerade auf sich zukommen sah. In einem jähen unsinnigen Schrecken wollte sie in das Gebäude. Das war verschlossen. Sie lief im Augenblick, stürzte die Straße entlang. Erst da achtete Jonathan auf, sah sich nach allen Seiten um, wer das Mädchen verfolgte. Verblüfft sah er nichts. Er war es selbst. Er rannte halb hinter ihr her ohne zu wollen. Straßen nach Straßen. Das Mädchen lief angstvoll, schrie. Seitlich Gehende erkannten Jonathan, blieben lachend stehen. Er stürzte lang hin. Sie stand im Augenblick erschreckt, rannte zaghaft, sich oft umdrehend, weiter. Er war verärgert, sein Knie brannte. Er verstand das Ganze nicht. Jäh stürzte er nach. Sie lief langsamer im Kreise. Er warf sie von rückwärts auf das Pflaster. Erbittert bückte er sich über sie, die auf dem Gesicht lag, zog sie an dem Kragenausschnitt hoch. Sie wehrte sich nicht, hielt den Arm vor das Gesicht. Er schrie, was sie am Ratsgebäude zu tun gehabt hätte. Sie wimmerte, ohne das Gesicht zu zeigen, daß sie Hausgehilfin sei und den Hund der Frau beschädigt hätte und die Frau hätte geschworen, sie gehe direkt zu Marduk und werde Anzeige erstatten. Jonathan fiel es ein zu sagen, die Frau hätte schon Anzeige erstattet und er werde sie vor Marduk führen. Sie kam nicht von der Stelle, bettelte, zeigte ihr fremdländisch faltenlos linienlos glattes Gesicht, die leicht abgeplattete Nase, einen weiten törichten Mund. Er verbat sich ihr Reden, sie mußte mit. Mit heimlicher Freude führte er sie streng durch die Straßen. Dann gab er sie in ihrem Hause ab, wo er Furcht erregte durch die Bemerkung, er sei von Marduk geschickt. Wie es dem Hunde gehe. Die Leute zeigten furchtsam das Tier, das hinkte. Er erklärte, daß Marduk sein Augenmerk neuerdings stark auf Hunde richte. Man dürfe nicht glauben mit dem Vieh umzugehen, als sei es beliebiges Sacheigentum. Einige Tage ging er noch hin, ließ sich, scheinbar sachverständig, den Hund zeigen. Einen Heilkundigen brachte er mit. Der katzbuckelte vor Jonathan, konstatierte an dem Tier mehrere Krankheiten; Jonathan wünschte, daß er das Tier behandle.
Abende und Nachmittage verbrachte Marduks Freund jetzt in dieser Gesellschaft. Eine ganze Zahl zerlumpter Frauen und Männer saßen da zusammen, rauchten diskutierten. Es waren Leute, die sich nicht der schweren Arbeit zuwenden wollten, nicht den Entschluß aufbrachten auszuwandern, auch viele Kranke. Solche Ansammlungen waren viel in der Stadt. In den Jahren von Marduk war die Stadtlandschaft ein halbes Feldlager. Es kam wenig zu Gewalttätigkeiten; Marduks Horden zogen stark durch die Anlagen.
Damals trat Berlin, das sonst in Häusern und Fabriken hockte, ganz auf die Felder und Plätze. Die Menschen nahmen Fühlung zueinander. Ein Gefühl der Unsicherheit und Unwirklichkeit lag auf allen.