Part 36
Von Osten und Süden fuhr man auf Grönland zu, näherte sich sehr langsam dem klirrenden Feuerherd. Der Wind, bisher wechselnd stark nach Norden und Westen auf den sonnenartigen Brand züngelnd, ließ nach. Sein Schlürfen Singen Stöhnen schlief ein; wie ein Gummiband erlahmte sein Zug; nur eine gelegentliche zuckende Anspannung fühlte man. Das Dröhnen und Hämmern trat ungehindert hervor. Unruhig blies es um sie. Sie mußten die spielenden schaukelnden Boote verlassen. In Schüben wurden weiße Wolkenmassen über den Himmel gestoßen. Öfter verdunkelte sich die Luft. Sanfter Regen. Während sich die Luft stärker verschattete, stürzten Wasserschauer über das Geschwader. Gossen, in Pausen nachlassend, bald so dicht, daß die Menschen blind herumgingen. Sie lächelten wie vorher; die Freude in ihnen war wie aus Erz gegossen. Sie durchfuhren die Regenwand. Windstille trat ein, der Himmel war aufgerissen vor Helligkeit. Aber von Grönland her, dort, von wo das weißeste Licht mit Blau und Rot gemischt über den Himmel floß, näherte sich ihnen, die sich in Kreuzseen bewegten, in einem strudelnden klatschenden Auf und Ab, näherte sich ihnen etwas. Eine Dunkelheit zwischen den bläulichen Flammen. Ein runder Fleck, der sich langsam ostwärts südwärts bewegte, sich her bewegte, sich um sich bewegte. Ein Buckel, von tiefer immer tieferer Schwärze, der im Norden anwuchs herwuchs, gegen sie herstieg. Lautlos die See. Lautlos die wasserdampfenden Schiffe. Die Dunkelheit, eben noch als Schatten heraufziehend, war aus einem Sack, einem Kellergewölbe über das stumme Meer entlassen. Und jetzt war im Süden, weit im Rücken der Schiffe ein Flimmern und Leuchten sichtbar, goldgelbes durchstäubtes Licht; es war Tag hinten. Dies war der sonst dunkle Tag über den Färöerinseln. Ganz klein erschien er wie ein Kindergesicht am Fenster. Sie nahmen es auf den Schiffen stumm mit Wundern an, wandten sich träumend dem Westen zu.
Der Wolkenschild, lichtverhüllend, von Grönland sich nähernd, hatte sich mit einem Glimmerschein umgeben. Am Rand der allerschwärzesten Nacht, die herantrieb, tanzte das Glimmerlicht. Rascheln, böiges Aufsausen, Wühlen, stoßweises Auftoben des Meeres. Durch die anlaufende eindeckende Schwärze zuckende Lichter, blendende Blitze. Donnermassen über dem Meer zerbrechend. Mit jedem Blitz neue Donner zerknisternd. Zwei Pauken: das Meer, der Himmel; hundert Schlägel auf und ab fahrend prallend. Der Himmel zottig schwarz über dem Wasser hängend, stöhnend am Meer. Brüllendes Ringen. In der Verfinsterung Verdampfung des Kampfes, nur ab und zu grelles Äugen. Wogende Seen. Sie hatten die Höhe eines Berges. Trugen in ihrer ganzen aufgesteilten Breite grünliche Kämme, als wären sie bemoost. Der Kamm stürzte nieder; das Grün glitt weiß zerschellend über den eingezogenen Bauch der Welle. Stürzend vergehend wuchs im Vorwärtsdonnern der Kamm. Grün schimmernd, mit ausgebreiteten Armen fuhr die See, das Wellengebirge über das Meer. Lief mit dem Orkan und ihm voraus. Der drehende Wirbel schob sich, das Glimmerlicht vor sich, über den Ozean. Der Körper des Wirbels, zwischen Meeresfläche und Himmelsschwärze donnernd, nahm seine Straße nach Süden. Mit zwanzig Kilometer Geschwindigkeit lief er. Er mähte. Seine Kraft war größer als irgendeine, die vor ihm erschien. Er wälzte den Ozean häusertief auf, schleuderte die Wasserlage vor sich in die Luft, zerriß zerstäubte sie.
Er kam über einen Teil des Geschwaders. Wie er die Schiffe nur mit dem anrollenden Saum seines eisernen Kleides berührte, drängte er sie unter die Meeresoberfläche, erschlug sie mit den aufgehobenen Wassermassen, wallte fluttoste über sie.
Das Glimmerlicht am Rande, Gewitter vor sich, fuhr der Wirbelsturm über das Atlantische Meer an der skandinavischen und britischen Küste entlang, bog nach Westen um, kreuzte den Ozean in seiner ganzen Breite, erreichte die amerikanische Nordküste, zerbrach, über Neufinnland fahrend, Gebäude zerstörend, Bäume wie aus Geschützen schleudernd, an den Randbergen Labradors. Auf seiner Zugstraße verbreitete sich Dämmerung, der Himmel färbte sich kupferrot.
Das grönländische Geschwader kämpfte sich durch. Zyklon auf Zyklon schickte der heiße Kontinent her. Dann traten sie in eine Gewitterzone. Immer von neuem brannte das rosafarbene Licht auf. Unter Katarakten der Regengüsse schlugen sie sich vorwärts. Das süße sehnsüchtige Gefühl erlosch nicht in ihnen. Sie nahmen die Wirbelstürme, Zerbrechen der Schiffe hin. So wenig Mutumbo die Gegend dieses Lichtes verlassen wollte, wollten sie es. Sie erinnerten sich ihres früheren Daseins. Wie störrisch hart sie gewesen waren. Sie weinten, hatten keine Furcht hier zu sterben. Wenn der dunkle Schleier am Firmament erschien, der einen neuen Zyklon anzeigte, – Ringe drehten sich in dem Schleier –, so rüsteten sie ihre Fahrzeuge. Aber im grausigsten Wirbel waren sie, die herumsprangen und lavierten, nicht geängstigt.
Die Gewitterzone überwanden sie. Sie waren schon nahe dem Land, in einer Meeresgegend, die sonst durch Eis versperrt war. Schwüle warme Luft. Blendende Helle, grelles Aufflackern Tag und Nacht. Grüne und braune Massen schwammen auf dem Wasser. Da hörten Schiffe öfter Schreien Schnauben Stöhnen vom Meer herauf. Einzelne Wachen berichteten: sie hätten eine zusammenhängende Bewegung unter dem Meeresspiegel bemerkt, die sich zögernd näherte und in der Nähe der Schiffe endete. Einmal wurde eine Gruppe Fahrzeuge alarmiert. Die Menschen sahen von den Decks eine abgegrenzte meterlange Strecke des Meers stürmisch aufgerührt. Ein Geräusch wurde vernehmbar zwischen dem Klatschen des Wassers: Schlingern Speien Ächzen. Sie ließen Boote herunter, stießen darauf los. Da ließ die Bewegung nach; sie fanden nur Schaum und zerrissenen Tang auf dem Meer. Nördlich der siebzigsten Breite in Höhe der Shemoninsel trieb das Gros des Geschwaders. Die Ostgrönlanddrift floß hier neben der östlichen Spitzbergenströmung. Große sonderbare Baumstämme von tropischem Charakter trug das Wasser. Ein- zweimal schwamm eine ganze offenbar losgerissene Bauminsel an ihnen dicht vorüber. Die Bäume darauf waren geknickt verbrannt; einige wie frisch angenagt. Man fand, sie umfahrend, Blattreste, die von palmenartigen Gewächsen zu stammen schienen. Lebhafter machte man auf den Schiffen Jagd auf die Wesen, die die sonderbaren Meeresgeräusche häufiger und häufiger verursachten. Es mußten unbekannte schnell schwimmende Tiere sein, Wale, die aber keinen Wasserstrahl warfen. An der Spitze des Geschwaders wurde einmal das Röhren und Schnauben ungewöhnlich heftig. Sechs Schiffe fuhren darauf zu. Motorboote wurden von von Deck gelassen, sausten nach der bewegten Meeresstelle. Dort stieg Wasser auf, jedoch nicht senkrecht wie aus Spritzlöchern der Wale. Sondern was sich bewegte, spie schwallartig wagerecht Ladungen Wasser von sich. Die Boote rannten gegen die sprudelnde Wassermasse. Da waren sie schon gekentert. Aus dem Meer aber wand sich der Rücken eines braungrünen schuppenglänzenden Untiers, eines Reptils mit langem Schnabel, seitwärts gestellten blicklosen Vogelaugen, das an seinen dünnen Vorderbeinen eine lappige schwere Haut schleppte. Auf dem Wasser rudernd schlug es die Vorderbeine über dem Rücken hoch. Die wampige Haut spannte sich. Der Schnabel fuhr schnappend hoch, der Rumpf ringelte sich aus dem Wasser auf, das Untier schlackerte mit seinen Flügeln. Stieg unbehilflich wie eine Gans, mit Ächzen und Speien, in die Luft, dicht über der gischenden Wasseroberfläche; verschwand gurgelnd über dem Meer.
Man zog die Verunglückten aus dem wieder glatten Wasser. Das Gerücht von den Tieren verbreitete sich über das Geschwader. Unsägliches Grauen lag auf den Menschen, die das furchtbare Geschöpf gesehen hatten. Es war sicher: man war von Wesen dieser Art umringt. Sie waren es, vielleicht noch andere, die seit Tagen das Geschwader beunruhigten, zwischen den Schiffen ruderten stöhnten verschwanden. Entsetzen fiel auf alle. Die Menschen hatten nicht mehr die Starre der Islandkämpfer. Sie waren in den Wochen, die sie unter dem wonnigen Licht fuhren, aufgelockert worden; Weinen und Lachen kam ihnen leicht. Jetzt wimmerten sie, das Schluchzen fuhr ihnen aus dem Hals, verkrochen sich an den Schiffen, wollten nicht weiter. Was sollte kommen. Jetzt in dem Entsetzen erinnerten sie sich Islands, der stampfenden tobsüchtigen Vulkane. Die waren es, die über Grönland brannten, diese Wesen erzeugten. Weg von ihnen, es war genug. Was taten die Stadtschaften; diese verruchten Stadtschaften, was machten sie mit ihnen. Sie umgingen zitternd die Führer, die sich selbst kaum aufrechthielten, drängten, daß man nach Süden drehe. Und doch war in die Angst vor den Untieren eine andere Angst gemischt: fort zu müssen aus diesem Meer, totes Leben sollte wieder beginnen. Sie fürchteten sich vor der Rückkehr. Die Führer wandten das Geschwader nicht. In wärmere und wärmere Luft ließen sie es treten. Stoßweise ergoß sich Glut über die Menschen, die wieder ganz von jener Furcht gebunden waren, die sie in Island stumm gemacht hatte. Sie suchten sich mühsam starr zu machen; aber das rosafarbene Licht zehrte an ihnen.
Das Wasser floß blaugrün unter ihnen. Ein Quirlen und Quellen, Wühlen und Spritzen überall. Abgerissene Bauminseln umgaben sie von allen Seiten, trieben zwischen den Schiffen hindurch, die ihnen auswichen, kein Boot mehr nach ihnen aussetzten. Zusammenfahrend, die Fäuste vor der Brust, sah man Vögel über sich fliegen, bunte singende tirilierende, in ganzen Scharen. Niemand dachte, sie zu jagen. Man stierte auf sie, ohne einen Eindruck zu empfangen, stand in Erwartung, halber Bannung. Das Wasser war von den grünen braunen Massen streckenweise so bedeckt, daß sie sie umfahren mußten. Manchmal mußten sie die dicken Schichten aufreißen. Tierische Körper waren eingesponnen, mit ihnen verfilzt: tote Ungeheuer, deren Köpfe über den Meeresspiegel traten, lammäßig ruhige Gesichter mit Bärten, blau überspült vom Wasser. Und auf Stunden, wie sich nichts ereignete, wurden die Menschen wieder von dem alten Glücksgefühl überflutet. Alles blieb still bis auf das helle Vogelgeschrei.
In ein Meer von dunkelroter Färbung fuhren sie jetzt. Ganz langsam bewegten sich die Schiffe. Stundenlang ließen sie sich nur treiben. Die Wärme war groß; kein Wind bewegte sich. Über sich an dem strahlenden Himmel sahen sie in großer Höhe schattenhafte Wolkenmassen ostwärts schwimmen. Die Oberfläche des Meeres, burgunderfarben leuchtend, spritzte manchmal Schaum, aber zog sonst gleichmäßig als ein loser und dichter Rasenteppich nach Westen. Der Teppich, aus Meerespflanzen gebildet, war straffer als der braungrüne, den sie durchfahren hatten. Es waren Wiesen, die aus der Tiefe heraufwucherten, bisweilen glitzernd über dem Wasserspiegel hervorragten und Land vortäuschten. Die Wiesen lagen ruhig; bisweilen sah man sie wie Falten eines Kleides sich hochbauschen und wieder glätten. Mit leiser Bangnis blickten die Seefahrer darauf hin, immer in Furcht, daß da ein Riesentier das Meer aufwürfe. Die bunten Vögel, die die Masten besetzten, hockten und sprangen auf der purpurnen Tangwiese unten. Handgroße Steine und Eisenstücke, die man herunterwarf, blieben auf der Wiese liegen. Kleine Tiere, die sonst nicht das Meer bevölkerten, Fledermäuse, sah man sich auf den Rasen senken; leichte weiße Schmetterlinge, die über dem nassen Kraut sich schaukelten, in Scharen die Wiese weißfleckten. Dann lief und ruderte ein schwärzliches Gewimmel durch die Röte. Kleine Tiere, eine Art Ratten, mit bunten Schöpfen auf den Scheiteln. Sie pendelten im Wasser, schwammen dicht beieinander, hielten sich an den Stielen der Algen fest, blickten mit kleinen schwarzen Augen, den Schopf kammartig aufgestellt, um sich. Zwischen ihnen blaue glänzende Zikaden, die sprangen, aber auch Flügel zu entfalten schienen. Von ihnen stammte das feine durchdringende Piepsen, das, zwischen dem großen gleichmäßigen fernen Rollen und Wühlen, aus den Pflanzenmassen herkam. Auf die Schiffe kletterten die Tiere, vor den Menschen wichen sie aus. Die Menschen selbst flüchteten vor ihnen; sie schrien; ein Hauch von Entsetzen wehte sie an, aber sie lachten wieder, kamen sich wie Kinder vor.
Der rote Teppich zerteilte sich manchmal, dann quoll er wieder zusammen. Immer mehr kleine Tiere überschlüpften die Schiffe, Schmetterlinge und Vögel belagerten Decks und Masten. Im Wasser, wenn der Rasen zerriß, sah man größere gelbe und blauschwarze Wesen schwimmen. Sie ähnelten nicht Fischen, mehr mit ihren blanken glatten Leibern Robben; sie kämpften miteinander und mit mächtigen Weichtieren, Nacktschnecken, die an der Oberfläche des Wassers hingen und da atmeten. Die beiden vorderen Fühler dieser Schnecken waren zu starken warzenbesetzten Armen ausgewachsen; mit denen griffen sie nach unten hängend nach den gelben schwimmenden Tieren, drückten, während sie sie hielten, ihre Saugfüße den schnellenden robbenartigen Wesen an den Leib, die rasch die Farbe verloren. Das Wasser um die Schnecken schlierte immer bunt und trübe.
Erstickende wilde Hitze schlug durch die Luft. Gegen eine Benommenheit rangen die Menschen auf den schwankenden Schiffen. Sie hielten sich an den Masten und Geländern fest, stierten lächelten um sich. Sie waren am Hinsinken. Sie träumten: laß kommen, was will. Ihre Brüste beklemmt. Da zitterte vor ihnen die Luft auf. Das Zittern verschwand, stellte sich in anderer Richtung wieder ein. Es schien nichts weiter zu sein, als das Vibrieren der Luft in der Hitze; sie kannten es von Island her, von dem Hauch über dem Glutmeer und über den Lavaströmen. Das Vibrieren erschien bald neben ihnen, die Hitze wuchs aber nicht. Die Flächen der purpurnen Tangwiese, die dichten Büsche des Meerkrauts, barsten manchmal; das meterhohe Zittern der Luft erschien dann, wanderte; überall auf dem Wege dieses Schwirrens wich das Tangfeld auseinander, schnellte hinter ihm wieder zusammen.
Plötzlich stand einmal die zitternde Luftmasse vor einem seitlich auf der Wiese umherirrenden Schiffe, das verschlafen stand. Die Menschen auf seinem Deck betrachteten ohne Bewegung die sonderbaren Luftwellen. Ein Surren umlief die eigentümlich wallende Luftmasse. Da schnüffelten die Menschen verwundert: ein Geruch nach Teer und Salzlake wehte in Pausen stoßend über das Schiff. Sie sahen, wie sich die vibrierende Masse ihnen langsam näherte, daß sie aus dem Meer aufwuchs, daß sie geadert war, ja durchpulst. Sie schwankte in sich. Das Luftwesen –, nun sahen sie es, staunten und erschraken nicht –, schwamm wie ein Haus hoch im Meer. Von schwarzen kleinen Massen, die sich auflösten, war es erfüllt; es mußten Algen und Lebewesen sein, die es in seinen Darm aufgenommen hatte. Vögel, Schmetterlinge hatten bei Annäherung des durchscheinenden gallertigen Gebäudes das Schiff verlassen, pfeifend sprangen ihm abgewandt die blauen Zikaden und buntschöpfigen Mäuse ins Wasser. Das bergehohe Wesen aber blies stärker über das Schiff seinen tranigen Atem. Veränderte –, erstarrt standen jetzt die Menschen, fielen bewußtlos um –, wechselte seine Haltung, drehte sein Oberstes nach vorn. Da hatte es wie ein Pflanzentier, eine Mundöffnung, von einem Kranz flimmernder Bänder umgeben, eine wogende gläserne Wölbung, aus der der strenge Salzhauch in Stößen drang. Die Bänder rollten auf, über Deck, schlangen sich um Masten Balken Menschen. Die Bänder drehten das Schiff quer, zogen es hin vor den tief gesenkten Mund des Tiers. Vor dem tief gesenkten Mund des Tiers kenterte das Schiff. Es senkte sich ins Wasser, wurde von der gallertigen Wölbung aufgefangen, die sich über die Masten und die Decks schob, sich über ihnen schloß. Die Luftmeduse richtete sich auf. Ihre Bänder spielten aufrecht in der Luft. Die Schiffsbalken wurden von ihren krampfenden Eingeweiden, mit Eisenmassen Lebewesen hoch und sichtbar über dem Meer schwebend, aufgelöst, zerflossen in ihr. Schwarze Flecken rannen durch die feine Äderung; der Mantel warf heftig Falten. Das Flirren und Flimmern der Luft ließ nach. Das Tier senkte sich. Tauchte ins Meer ein, zur Seite gedreht, Wasser schlürfend. Die purpurne Tangwiese rollte über ihm zusammen.
Auf der roten heißen Fläche endeten fünfzehn Schiffe. Die Hauptmasse des Geschwaders floh. Ein Teil raste durch das Krautmeer, blieb von Getier erfaßt, im Pflanzenwust verbacken hängen. Ostwärts südwärts stürzten die Schiffe.
* * * * *
Grönland, zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckend, vom Pol in den Atlantischen Ozean ragend, lag unter dem Schleier, den die Menschen ausgespannt hatten. Der Strom aus dem atlantischen Kabel der Menschen schoß über das Netz. Es rauschte aus den tragenden Ölwolken hoch, in deren Buchten und Beulen es sich verschoben hatte. Steif und starr wagerecht in der Spannung stand es. Schwang und zitterte wie ein Tier, das zu dem Bändiger mit der Peitsche und den scharfen Blicken aufsieht. Abschnitte des Netzes zuckten unter Pulsschlägen. Barsten. Funken sprangen aus ihnen. Um die aufgebrochenen Stellen spritzte knatterte es. Stichflammen meterhoch schenkeldick, blau dann weißer, rötlich surrten spiralig auf, jäh sanken sie zusammen nach allen Seiten abfließend. An allen Stellen schmolz das Netz. Die Flammen dehnten sich aus. In Kreisen, die sich schußschnell erweiterten, flog das Feuer nach außen. Überrieselt von einer dünnen Flammenschicht war der hundert Meilen weite Erdteil. Ihr Licht durchdrang die schwarzen Ölwolken kaum; schwach waren die Gebirgskuppen beleuchtet. Da begannen sich die Platten unter dem umsponnenen Turmalinschleier zu biegen. Sie schmolzen. Meter über Meter nach oben und unten vertiefte sich die Lichtmasse, verstärkte sich die Glut. Plötzlich schwoll brünstig haushoch eine Flammenflut von Meer zu Meer über Land und Gebirge, schwoll und wuchs wie eine Mauer in sich zusammen. Die Gaswolken wurden zerrissen, die hängenden Wetterwolken verdunstet. Tagesheller fremdartiger Schein. Tausendfacher Donner schlug in die Lichtzone ein. Durch die rosaweiße Luft zackten Blitze. Die Luft schüttete ihre Wassermassen zur Erde. Sturm fuhr in die Feuersglut ein; den schwellenden Brand konnte er nicht umfassen; er prallte von ihm zurück, rieselte warm, besänftigt auf. Über dem Meer lagen die Stützpunkte des Schleiers, Netzteile, die den Gluten widerstanden. Auf den Ölwolken dieses schmalen Randes ruhte das ganze Netz.
Die Hitze, das ungeheure losgelassene Wesen, tauchte in den Abgrund des Eislandes. Hauchte das Land an wie der Atem eine Glasscheibe. Die Luft unten trübte sich neblig, Dunst erhob sich. Das Land wogte unter grauen und weißen Wolken, die unmerklich dann wrasenartig vom Boden aufstiegen, in Schwaden über die Schnee-Ebenen, an den Berghängen sich hinkrümmten, ringelten brodelten. Wirbelnd schwollen sie, in ganzen Strudeln sich drehend, milchig verdichtet, das Land verbergend, ein aufsteigendes gasiges Meer. In Fäden tastete der Dunst nach der Glut. Die blanke Platte des Inlandeises beschlug sich mit Nässe. Auf dem Eis wollte das hintropfende Wasser wieder gerinnen, aber die Hitze hielt es, hielt es weich. Mehr mußten die Eisplatten die Höcker hergeben. Wasserrinnsal über die Ebene hin. Der Schnee der Wüsten sinterte. Die meilenweite Schneebreifläche wurde von der Glut geschoren. Sie plattete ab. Ihr reines weißes Gesicht, ihre duftige Weiche verschwand. Dunkler färbte sich das Land. Die Bäche verbreiterten sich, die Klüfte des Eises, in denen Ströme mit Tosen zogen. Es knatterte knarrte dumpf in der ungeheuren Platte des Islandeises. Es surrte auf, schoß. Spalten taten sich auf.
Die große Kraft saß oben. Ein Funken des Kabelstroms hatte sie gerufen. Für die Augen war sie kenntlich: strömte rötliche Helle, die sich nicht mehr steigerte. Die Berge, die reißenden Flüsse, die blauen Firnen, Schneewüsten, Gletscherläufe, augenlos ohrenlos gefühllos, nahmen sie im Innersten wahr. Die große Kraft, die Glut, saß nicht oben, sie drang nach oben, unten, den Seiten, schob sich in Starres und Loses ein. Wie eine Krankheit und Liebe fiel sie die Dinge an; sie erlagen und sanken. Das Größte Kleinste Festes Flüssiges griff sie an, war wie ein Ruf ins Tal: von allen Seiten hallte es wider. Wie die große Kraft sich auf das Land herabließ, lief sie in die Adern der Dinge, erweichte sie, blähte sie auf. Kein Wesen war stärker als sie. Sie wußte nichts von Fjorden Gletschern Küstengebirgen Eisplatten Bächen Schneeflächen, war blind für das Riesige Ausgedehnte; an das Feinste wandte sie sich und da fand sie den Zugang. Erkannte im Store Karajak Gletscher das Wasser, das Dunst werden konnte. Die Breite der schwer schiebenden Assatak Tuarparsuk Atlaksoak machte ihr nichts. Blau war das Eis der Firne, die Spalten der Räume spielten grünlich, die Schneebreiebenen zogen weiß durch das Inland: dies war Wasser. Und konnte Dunst werden. In die Spalten des Eises der Berge der Gletscher, in die unsichtbaren Spalten des fließenden Gewebes der Ströme Seen Bäche Brunnen senkte sich die Hitze. Jagte sie auf zu Gas Dunst Wolke.
Ein Massiv aus Granit und Gneis lagerte Grönland, von kalten Meeresströmungen umflossen, über den siebzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten und achtzigsten Länge. Die Wesen, die glühend aus dem Erdkern stiegen, Kieselsäure Magnesium Aluminium Sauerstoff, hatte die finstere Urgewalt, die Kälte, angefaßt und nicht losgelassen. Sie war die größte Macht, Herrin der Unermeßlichkeit, erfüllte den Äther. War Formerin, Gebärerin der Gestalten, die das Feuer verlodern ließ. Ungeheuer trug die Finsternis und Kälte die Gestirne, die nur Strudel in ihr waren.
Das Flackerlicht des Schleiers über Grönland nahm mit ihr den Kampf auf. Über das Ruhende Milde kam das Tosende Rasende. Hohes Singen des flammenbrünstigen Netzes; die Flamme schien alle Dinge, Luft Eis Gebirge, zu ihresgleichen zu machen. Wasser liefen über dem Gesicht des Eises. Die Felsklippen im Eis, die Nunataks, gaben ihre dünnen Schneelagen her, enthüllten bis zum Fuß ihre schwarzen Wände. In die Fugen des steinartigen Baus der Firne und Gletscher stieg die Hitze. Überrieselt wurden die Eislager, die langsam drängenden Ströme. Wie Wein einem Betäubten wurde den Bergen die strahlende Kraft eingeflößt. Sie nahmen sie mit verklemmtem Mund auf. Aber die Hitze rieselte in ihre Eingeweide. Durch die lastenden eisigen Kolosse lief die Wärme, und alles was in ihnen war, fühlte sich angefaßt. Zum Aufbeben waren sie gebracht, wie die neue Gewalt über sie kam, die sie von Urzeiten kannten. Die Firne stemmten sich auseinander, Luft saugten sie auf. Ihre Hohlräume, von Wasser plätschernd, erweiterten sich wie Lungen. Von Röhren Gängen wurden sie durchlöchert, Gewölbe unterminierten sie. Es floß von ihnen ab, Wasser, zu dem sie sich verwandelten erweichten. Das lustige weiße klingende Wasser. Schäumende Läufe in den Leibern der Firne; Schellen und Schlittenfahrt. Aus weiten Gletschertoren stürzten die Gewässer entbunden hervor. Nagend umspülten sie die blauweißen Säulen der Gletscherhallen, erwärmte schmelzende drängende Wasser. Gewölbe Firne zitterten unter der hebenden Wucht. Lechzend wühlten sich die Quellen durch das Eis, schnitten in die weißen Gemäuer ein. Von den gedehnten sturzsüchtigen Säulen troff weißes Wasser, immer neues Wasser. Im Klingen Klirren des Wolkenschleiers das Puffen Erdröhnen der sterbenden hinsinkenden Gletscher und Firne. Durch ihre Leiber, in den Eisfelsen wirbelte ein unregelmäßiges Auf und Ab von Trommelschlägen, bohrendes erregtes Wasser. Der Dunst lag bergehoch über dem Land.
Die Küstengletscher glitten rascher hin. Sie drängten in die Fjorde; von rückwärts, aus dem Inland wurden sie gestoßen. Über ihre Köpfe, ihre Rücken herauf stiegen Eismassen. Ein brandendes Eismeer war im Inland entstanden. Schollen und Schichten drängten sich zusammen, türmten sich aneinander auf, rannten sich splitternd fest. Das Inlandeis, die Firne hatten sich auf die Wanderschaft begeben. Sie schwammen auf dünnen Schichten des leckenden Wassers. Die Gewölbe unter sich hatten sie zerknickt, das Wasser aber hatten sie nicht pressen können. Das lief vor ihnen her, und wie es quoll, trug es sie. Unterschmolzen wurden die Massen; sie mußten gleiten schwimmen. Auf dem sanften biegsamen Wasser schwammen sie. Ihre Wucht war in Jahrtausenden gewachsen, in der Finsternis, zwischen langen Wintern, kurzen Sommern. Schnee auf Schnee war über sie gefallen, von Stürmen zugetragen, war geschmolzen vereist. Der Wind hatte den Schnee nicht mehr abgeblasen, immer mehr Schnee wurde an das Eis geheftet, das Gebirge konnte ihn nicht abschütteln, die Eismassen umschnürten die Felsen, wuchsen von den Hügeln auf, belagerten sie. Dann war das Land nichts als eine Fußbank unter ihnen. Sie quetschten es breit, zerrieben seine Fältelung. Jetzt waren sie erschüttert. Unsicher ließen sie ihren Sitz los. Und sie waren nicht allein. Hinter sich fühlten sie es sich schieben. Sie wurden gehoben, von ihrem Platz geschleudert, von unten herauf gehebelt. Unsichtbar noch die Bergwände Täler, die versunkenen stillen, die die Erde hochgetrieben hatte und die das umwallende Meer nicht hatte übersteigen können. Aber die Last über ihnen schwand. Die Talmulden wurden von dem wandernden Eis ausgefüllt, die Grate erklettert übertürmt. Da wogten die Gletscher aus dem Inland gegen die Küsten heran. Wie eine Frau, die die Kleider anrafft und den Straßenstaub aufrührt, peilten die trägen Grundlawinen den Boden aus, zerschrammten Felsen, mischten sie in ihre Masse. Ihre drängenden Haufen umflossen die Nunataks, knickten sie, rollten; zerrieben ihre Trümmer.
Wasser, das große Element, am wildesten von der Hitze und Kälte umkämpft, war auf dem Plan. Triefende weiße trübe Massen; dieses Schwemmen Lösen Schleppen Hinstürzen Zerplätschern. Das Wasser sprang zehnmal an, glitt ab, warf zuletzt um, eilte weiter. Es drang mit der Hitze in die Gletscher die Erde, lockerte auf. Die Nebelschleier, gasige feuchte Meere stürzten nieder. Erst regnend, dann in Flüssen kamen die Wassermassen auf das Land zurück. In der Nässe zergingen die letzten Schneefelder. Die Firne und Gletscher, die nicht ihre Lawinen ins Meer gestürzt hatten, blieben schwer liegen. Zersprangen zerflossen, vom weichen Wasser geschaukelt.
Die Berge Hügel Ebenen des zerdrückten uralten Landes zeigten, überschwemmt, von meilenweiten Seen bedeckt, katarakterfüllt, ihr verwüstetes Gesicht. An den Küsten drängten sich noch die Gletscher, die Gebirge übersteigend; ruckten sackten ins Land zurück. Blind dröhnend rannten noch Gletscher vorwärts, mit zerknisternden Decken, dann schon überflutet, von der Nässe gelähmt, standen vor Felsen, taumelten, mauerten sich an ihnen hoch, sanken ab, schnurrten, wurden kleiner grauer, wogten als Schollen.