Chapter 39 of 48 · 3914 words · ~20 min read

Part 39

Ten Keir wagte sich über den Kanal. Delvil empfing ihn zwischen den Physikern, umarmte ihn wild; flüsterte: „Ich schäme mich nicht mehr. Die Krise geht vorüber. Gott, was war das für eine Zeit. Ich habe nicht gelebt, Ten Keir. Sieh mich an, wie mein Gesicht ist: zwanzig Jahre in zwei Monaten. Sie sollen es büßen. Ich werde wieder gesund. Gesunder als ich gewesen bin.“ „Ihr seid schon weit, Delvil?“ „Wir wollen Brüder werden“; er zog den Brüsseler beiseite; sie gingen durch die straßenähnlichen unterirdischen Anlagen; „ich vergesse dir nichts. Weißt du, Ten Keir, wie du mich behandelt hast, als ich einmal bei dir war, vor der Grönlandexpedition? Nein, es war gut. Du hast mich gut behandelt. Ich hatte ja noch mit den Siedlern geliebäugelt. Du hast mich zurecht gestaucht. Gut, Ten Keir. Ich vergesse es dir nicht. Ich war im Begriff mich zu verlieren. Ich war im Begriff mich unter die Hunde zu begeben. Wie hätte ich jetzt geheult über Lurche und Echsen. Ich brauche mich nicht mehr zu schämen. Du auch nicht, Ten Keir, Bruder Ten Keir. Wir wollen Brüder sein. Es kommt der Tag. Glücklich, daß ich dafür aufbewahrt bin. Ich habe Grönland auf dem Gewissen, Island. Ich will noch mehr auf dem Gewissen haben. Sie sollen mich fürchten.“ „Wer denn, Delvil. Wir werden sie bezwingen. Und gut.“ „Nein, nicht gut. Das sagst du, nicht ich. Was mir geschehen ist –“ Delvils Augen blickten starr; Ten Keir erinnerte sich seiner Worte in Brüssel, wie er die Fäuste hob, auf dem Schemel saß und stöhnte: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem Herzen sage ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht mehr da.“ Delvil zwang die Dinge. Er haßte sie. Durch Ten Keirs Kopf zuckte einen Augenblick der Gedanke: dieser Delvil hatte selbst etwas von den grauen und grauenhaften Urtieren an sich. Wie sein Gesicht sich wirklich verändert hatte, seit er ihn gesehen hatte; die Züge schwer beweglich, tief eingetragen, die Haut von der Aschfarbe des Betons, zwischen dem er lebte, die Bewegungen langsam und drängend, kein Zucken; seine Stimme selbst ohne Modulation. „Es kann mir nicht genug sein, Ten Keir, daß ich die Lurche besiege. Wir werden sehen, was die Versuche ergeben. Ich will sie an dem Ort aufsuchen, wo sie entstehen. Ich gehe ihnen entgegen. Sie werden nicht leben. Der Boden, der sie geboren hat, wird nicht leben.“ Ten Keir suchte ihm in die Augen zu blicken. Delvil ging weiter: „Wir werden sehen. Unsere Arme werden wieder frei, Bruder Ten Keir. Mein ist die Rache, spricht der Herr.“ Er merkte nicht, daß der Belgier mit gekreuzten Armen unbeweglich dastand.

* * * * *

Als im Sommer der Schwall der grönländischen Urtiere nachließ, war den Helfern Delvils das erste gelungen. Vor die Südspitze von Skandinavien, Jütland, über die Nordsee, auf die schottischen Berge südlich des Moray Firth legte man die neuen Waffen. Das war das Sonderbarste Schrecklichste, was die Erde bisher gesehen hatte. Man errichtete im Ozean auf den stärksten Schiffen, im schottischen Gebirge auf dem tausend Meter hohen Carrin Gorm, dem Meall Thonail, Creay Meaghaidh, hohe turmartige Gebilde. Von weitem waren es schlanke Felsen mit unregelmäßigen Auswüchsen. Aber wer sie lange Zeit beobachtete, bemerkte, daß sie ihre Umrisse veränderten, hier breiter wurden als da, dort einen Auswuchs höher trugen als vorher, unten einsanken, in die Höhe sich streckten. Dunkel waren die Gebilde wie großflockiger Porphyr, Partien schienen runzlig wie eine Haut, andere warfen die Lichtstrahlen zurück, glänzten wie Fell.

Auf dem Boden der Schiffe, den Kuppen der schottischen Berge hatte man diese Unwesen errichtet, mit Hilfe der Turmalinschleier. Man hatte Steine und Stämme zusammengehäuft und sich vermählen lassen. Wie sie unter dem Feuer der Strahlungen ins Wachsen gerieten und bevor sie erloschen, schüttete man wie auf glimmende Kohlen Schichten Tierleiber Pflanzen Gräser auf sie. In diesen Boden trug man zuletzt Menschen ein. Die Biologen und Physiker der Mekifabriken waren mit den Techniken am lebenden Organismus vertraut; sie hatten rasch gesehen, die Strahlungen der Schleier stellten unbändige zuerst gar nicht dosierbare Reizstoffe für die lebende Substanz dar. Die Trieb- und Wachstumskraft, die in dem einzelnen geformten Tier- Pflanzen- Steinkörper begrenzt war, die die Tierkörper reifen, dann aber altern und sterben ließ, strömte massiv und wie ein Katarakt aus den Gefäßen der Turmalinkristalle und ohne Ende. Man hatte rein in Händen dieses im Feuer der Erde und Gestirnen hausende Urwesen. Sie konnten die Nähr- und Reizlösungen entbehren, die noch Glossing und Marduk für ihre Versuche an Pflanzen und Bäumen verwandt hatten. Das fürchterlich Zerstörende dieser Gewalt wurde bei den Versuchen klar: sie zersprengte jeden Zusammenhang, trieb Teile hervor, unter Vernichtung des Organismus. Sie war wie eine Flamme gleichgültig gegen Bewegtes Ruhendes Hartes Weiches. Es gelang in Pflanzen-, dann in Tierversuchen, die strömende Reizmasse auf die Drüsen und Strangsysteme zu richten, die den Organismus von sich aus zum Wachsen bringen. Die Jugend der Organismen wurde verlängert. Der Körper wurde nicht zerstört. Dann hatte man Siedler aufgegriffen und zu Menschenversuchen verwandt. Die Menschen, die man jetzt auf den Stein- und Baumfundamenten einpflanzte, waren Anhänger der Senate selbst. Delvil hatte sich angeboten, man hatte ihn zurückgehalten. In den Scharen, die mit ihm auf die Vernichtungszüge gegen die britischen Siedler gezogen waren, fanden sich dann genug, die sich hergaben.

Gerüste wurden auf den Schiffen und Bergen errichtet; Türme aus lebenden Stoffen gebaut. Zum erstenmal standen Menschen da auf Gerüsten Galerien Plattformen um die Fundamente, dirigierten, dosierten Schleierteile, dämpften mischten arbeiteten das tierische und pflanzliche Leben aus dem Material heraus. Ihr Entzücken; Ingenieure Biologen Physiker blickten auf Delvil, der streng gespannt wie immer beobachtete und wanderte. Er hatte den Skandinavier, der den Urtieren entronnen war, gefragt, ob er von den Gewölben an der flandrischen Küste schweigen werde. Dieser Mann, der verneinte, war auf den Meall Thonail in Schottland geschleppt worden, in die unterste Masse der Steine und Balken eingebacken worden: „Es macht dir ja nichts aus“ lächelte den Mann Delvil an, wie man ihn aufs Gerüst brachte; „du hast schon einmal unter den Lurchen gelegen. Es wird dich nicht überraschen. Du lebst selber von Gnaden der Schleier. Du wirst einem nützlichen Zweck dienen.“ Der langhaarige Skandinavier heulte vor Entsetzen, auf den wuchernden Teig schauend, auf den rechts und links Moos Erde Bretter geworfen wurde. „Das geschieht, unser Freund, damit die anderen, die oben sind, unsere Männer und Frauen, euch verzehren. Willst du schweigen.“ Dessen Züge waren gequält, aber strahlend frisch wie vorher: „Wenn ich deinen Turm sehe, Delvil, so preise ich die Macht der Erde. Du wirst sie nicht besiegen. Ich preise die große Macht. Ich fühle mich in ihr. Es ist keine Grenze zwischen ihr und mir. Ich fürchte mich nicht. Ihr werdet mich auflösen. Laß nur. Ich will dahin.“ Und wie man ihn faßte, nackt, die Riesenzange aus Kristall ihn unter dem Rippenbogen packte, über den Teig hielt, sang er dämmernd und lallend sein Loblied auf die Erde. Dann wucherten seine herabhängenden Hände und Füße, von der aufdrängenden Bewegung gefaßt, wulstig klobig in den Teig. Die Zange ließ ihn. Er stand, fiel auf die Hand. Bog sich, als wolle er sich hochbuckeln, vom Boden losmachen; aber aus seinem Rücken stachelten die Wirbelfortsätze; wie eine Tonne wölbte sich sein Brustkorb. In die Bodenmasse versenkt sein Kopf; Balken, Äste treibend, schlossen ihn in ihren Filz ein.

Etagenweise wurde der Bau aufgerichtet. Dann wurde der Turm mit den ausgewählten Menschen, den Anhängern der Senate, beschickt. Wochenlang dauerte ihr Einpflanzen, das Zementieren eines einzelnen Menschen. Auf den erlöschenden Nähr- und Stützteig wurden sie gestellt, die noch armselig kleinen nackten Mannes- und Frauenkörper auf den knisternden begierigen Brei. Die Ausläufer und Zacken des Unterturms senkten sich langsam und immer wieder von den Leitern gehemmt in die Beine und Arme der Menschenkörper. Je mehr Ranken und Sprossen des Unterturmes sich an den Körper legten, mit ihrer Haut verschmolzen, um so stärker trieb man die Leiber der sich Opfernden auf. Man verständigte sich mit ihnen: Die Sprache der Opfer wurde schwerfälliger lallend, dem Wachsen der Zunge entsprechend. Man mußte warten, bis sich der Körper der Schädel die Kiefer angepaßt hatten. Man band mächtige Schalltrichter vor die Münder der Opfer; bald erwies sich, daß man sie nicht benötigte. Die Opfer auch fürchteten, die Trichter würden mit ihnen zusammenwachsen und rissen sie sich ab. Ihre Stimme dröhnte tief, klang dabei fern unklar verschollen. Die Errichter der lebenden Türme mußten alles daran setzen, die Opfer bei Bewußtsein zu erhalten. Das knochentreibende gehirnweitende Wachstum, wenn auch langsam mit Nachlaß und Pausen getrieben, gefährdete immer wieder die Besinnung der Turmmenschen. Sie waren oft im Begriff, ihren Geist und ihr Menschenwesen aufzugeben und ins bloße Wuchern und Wachsen einzudämmern. Bis man wieder ihre Stimme hörte, ihre Augen, deren quellende Lider zugefallen waren, sich öffneten, trübe fragende Blicke nach den Galerien gingen, wo die kleinen Menschen des Experiments standen und winkten, – mit grellen Fahnen, später mit Lichtzeichen, weil die Turmmenschen nahe und nackte Gegenstände nicht unterschieden.

Ihre Augäpfel waren größer als ein lebender Mann; sturmartig blies der Atem aus ihrem Mund, den sie offen hielten, als wenn sie schrien. Die Kiefer waren ihnen im Anfang zu schwer und hingen. Wenig und selten wurde Nahrung in ihren Mund, über die hängenden Kiefer gefahren und gestürzt; die Riesenwesen, mühselig gurgelnd und schluckend, wurzelten in dem Tier- und Pflanzenboden. Ihre Beine waren von den Hüftgelenken, dem Becken an knollig versteift; breit standen die Beine, verbreiterten sich massig nach abwärts, gingen in Stränge aufgelöst, ihren Fleischcharakter verlierend, in die Bodenmasse über. Von da strömten Säfte und Nährmassen in ihren Leib. Durch ihre Bauchdecken, in die Weichen wucherten Baumstämme und Tierrümpfe in sie, breiteten sich in dem Gekröse aus, brachen in die Därme ein, verlöteten mit ihnen. Tierblut, Pflanzensäfte ergossen sie in die Därme, die sich langsam hoben senkten, wurmartig zusammenzogen und streckten. Dies war die Bewegung, die man in halber Höhe der Menschentürme sah: das langsame Hin und Her der Därme, die sich versteiften hoben und ihren Krampf lösend wieder herunterstiegen. Mit sich zogen sie jedesmal den schwankenden lockeren Abhang an sich, den aufklimmenden Wald, die hingedehnten, aus dem Wald sprießenden Tierleiber: die übergroßen Pferde, die aufrecht standen, die Vorderbeine in den Leib des Tiermenschen vergraben, mit ihren Hälsen sich aus seinem Leib windend und bewußtlos an den Blättern, dem weichen Baumholz kauend. Die Rinder, die aus der Bauchhöhle des Menschenriesen zu springen schienen, ganz wie wollüstig im Freßdrang in die Gräser des Waldbodens unten gewühlt; aber ihre Körper bogen sie nach hinten hoch auf; was sie fraßen, fraßen sie nicht für sich; ihre Hüften und Hinterschenkel sah man nicht mehr; sie waren im Bauch der Turmmenschen verschwunden und mit ihm verbacken. Sie waren mahlende Rinder und ein Mund, den der Riese über ihnen öffnete, eine Röhre aus der er sog. Die Hoden der Männer verschmolzen mit Baumwipfeln und Blüten; die strömten ihren Saft in die runden Körper, die sie wie Beeren trugen. Oft sah man die Riesen unter der Überfülle der Säfte sich biegen, stöhnen und ihren Samen vergießen. Immer wieder dämpften die Leiter die gefährlichen traumhaft ausfahrenden Bewegungen. Über die nackte Haut der Rümpfe, die erstarren konnte, warf man Hühner Schwäne. Schafe mit dicker Wolle breitete man über die Arme. Man wagte es an einer skandinavischen Insel, zwei starkmähnige Löwen, die an der afrikanischen Nordküste gefangen waren, aus Käfigen lebend auf die Schultern des Turmmenschen springen zu lassen. Sie bissen sich, krallten sich, während der Riese – es war einstmals Quick Baker, ein Sohn der Siedlerin White Baker – zwinkerte, an seinem Hals fest. Das war der Ort, den man ihnen zugedacht hatte, den sie decken sollten. Sie zogen die Zähne nicht mehr aus der bluttriefenden Haut. Die Tatzen ließen sie los; aber schlaff hingen die gelben Körper über dem rotüberrieselten Nacken; ihr Fell schmiegte sich an den Riesen; ihre Beine waren nur Wülste auf der Menschenhaut. Über ihnen pulsierte der meterhohe Kopf des Turmwesens, von langen buschigen Haaren überschaukelt. Dumpfe fast stumme Wesen, unbeweglich luftschnaufend waren sie. Unendlich träge ihre Bewegungen. Nach Menschenart die Bildungen des Mundes der Nase der Ohren, aber verstrichen wie mit Stein und Holz gemauert. Das Blut der Steine und Pflanzen wallte auch in ihnen.

Man hatte, als man die Türme errichtet, die Gerüste abgebrochen hatte, auf den Schiffen, die eigentlich verankerte Flöße waren, noch nötig, das Meerwasser durch die untersten Steinmassen aus Röhren laufen zu lassen, von Zeit zu Zeit neue Erde und Pflanzenhaufen über den Fuß des Turmes zu schaufeln. Dann konnte man den Riesenmenschen sich, dem Wind, dem Regen, der Wärme Kälte überlassen. Die Wesen auf den Bergspitzen Schottlands speiste man mit Quellen.

Eine Zahl dieser Türme wurde schon während des Baus von den Untieren vernichtet. Die Gründung der Seetürme nahm man dann an versteckten Stellen der Irischen See vor. Fast hundert stellte man her, dann noch zweihundert. Die schleppte man nach Norden vor die schottische Küste. In ihrem Rücken, unter ihrem Schutz vollendete man den Bau der Bergtürme. Eine Verteidigungslinie wurde mit den Giganten vom Sognefjord nach Süden um die jütische Küste über die Nordsee zu den Britischen Inseln gezogen. Im Ozean, auf den Gebirgen standen die Menschentürme. Ihre Arme hingen schlaff herab. Vor der Brust, die man geschützt hatte, trugen sie lose weiße Netze bis herab zum Nabel; das war ein Stück des Turmalinschleiers. Und wie die Lurche, die Riesenvögel mit den bezahnten Kiefern, die schwimmenden Drachen, wandernden Gallerten sich ihnen näherten, fühlten sie sich von den Menschentürmen gelockt. Wonne ging von dem Schleier aus. Was im Umkreis an gejagtem und verendendem grönländischen Getier sich bewegte, drängte auf sie, lechzte gegen das Floß, schob sich schnuppernd schlurfend gegen die Brust des Menschenturms. Von der Seite zuckten rascher und rascher die Arme des menschlichen Gebäudes vor. Die trüben Augen oben zwinkerten, die Stirnen legten sich in finstere Querfalten. Da konnten die Arme die Lurche Vögel Quallen Gallerten fassen. Hungrig war immer das Turmwesen. Dumpf stöhnte es. Quetschte mit der Kante des Ellbogens das anklimmende Tier. Das Maul sperrte es. Der Kopf bog sich herunter. Das japsende Tier zergriffen zerpflückten die Finger, die Hände wühlten in dem Sud, stopften triefende Stücke in den Abgrund des Rachens, der dampfte. Und die Lippen Wangen Halswampen zitterten dem Unwesen, dem Menschenbaum, als wollte es lachen. Seine Augen schloß und öffnete es rasch einigemal.

Der Turm in den Bergen schmetterte die Lurche, die gierigen Drachen unter sich. Unten wuchs sein Boden, neue Säfte stiegen in ihm auf; er zwinkerte, das Wasser troff aus seinem Mund. Traurig dumpf brüllte das Wesen.

* * * * *

Sehr eng und fest schlossen sich unter dem Unheil in den Stadtschaften die Menschen zusammen. Die Senate, schon während der Grönlandexpedition sehr auf der Hut und fast Bündnissen genähert, machten sich keine Sorge mehr um die Menschen. Die Stadtschaften waren ihnen gleichgültig. Sie waren kindisch gewesen, daß sie sich um das Auslaufen der Städte, um die Siedler bekümmert hatten. Angst, daß die Menschen über sie fallen würden, kannten die Senate nicht mehr. Sie waren bis auf die Zähne bewaffnet, die Maschinen konnten nur sie bauen; die Anlage, den Sinn, die Bedienung der feinen Apparate, der Elementumsetzer Kraftverwandler Kraftspeicher kannten nur die Männer und Frauen ihres Kreises; sie konnten die Mekifabriken still legen und alle verhungern lassen. Und nun ragten die Menschentürme!

Wegweiser der Senate war der gigantische haßgetragene Delvil. In London Brüssel Paris Lyon Hamburg Christiania Kopenhagen standen die Senate: „Laßt sie verkommen, die Stadtschaften. Machen wir uns Platz.“ Die Ereignisse vor der Grönlandexpedition hatten schon an den Senaten wie an einem Sieb geschüttelt. Jetzt fielen die letzten schwankenden nieder. Sicherheitskonvente nannten sich die Senate. Die Worte, die sie gebrauchten, waren die alten: „Errettung der Stadtschaften“, aber sie waren jetzt nicht mehr passiv für ihre eigene Sache wie vor der Expedition. Escoyez in Barcelona sagte: „Autonom sind wir. Niemandes Diener. Niemandes Sachwalter. Wer in unserem Schatten ruhen will, gut. Wer nicht, nicht. Wer die Macht hat, hat die Freiheit. Wir haben die Freiheit. Wir wissen, wem wir Verantwortung schulden. Niemand wird uns bewegen, anderen Zwecken zu dienen als unseren. Verrucht ist, wer etwas anderes mit uns vorhat.“ Wie in längst vergangenen Jahrhunderten gingen Mitglieder der Senate verschleiert und unsichtbar unter den Menschen der Stadtschaften. Was Delvil nördlich Londons im großen übte, das Verjagen und Vernichten der Siedlertruppen, wurde im kleinen überall geübt. Die einzelnen Männer und Frauen in den Senaten waren von großer Wildheit Raschheit. Es gab Spannungen unter ihnen; man wußte auch, daß eine kleine Gruppe hinter Ten Keir stand, der von Delvil an die Wand gedrückt wurde, – hinter Ten Keir, der den alten Weg der Ausbreitung der Stadtschaften gehen wollte. Aber die neue revolutionäre Schicht der Herrengeschlechter ließ ihn nicht aufkommen.

Von dem Boden unter die Erde wurden die Massen der westlichen Stadtschaften getrieben; unter der Erde konnte sich die ganze und alleinige Kraft der Herren entwickeln. Nachdem die Fliehenden die einfachen Wohnsitze vorläufig unter den Boden verlegt hatten, legten die Herren, stolz und freudig, Fabriken Apparate Waffen unter die Erde. Die Mekifabriken waren in Hamburg und Christiania von Bestien vernichtet worden: das war das Stichwort, alles an Anlagen unter die Erde zu werfen. Jubel der Herren überall, wo dies geschah; man konnte zeigen, was man war.

In die Erde wühlten sich die Menschenmassen ein, vor den verderbenden Untieren und getreten von den stolzen Männern und Männinnen. Wie ein Baum, ein Wald mit den Wurzeln nach oben wuchsen die Städte in die Tiefe. Meterdicke Beton- und Felsplatten bedeckten die Stellen der früheren Plätze und Straßen, oder sie lagen wüst. Als die Mekifabriken vor Jahrhunderten aufkamen, hatte man Äcker und Wälder verlassen, sie ihrer menschenlosen Wildnis zurückgegeben, sich in den Stadtreichen zusammengezogen; wie Fliegen an der Honigstange hingen die Menschen an den Apparaten. Jetzt gab man noch den Platz der Stadtschaften frei. Wohnte, wie man konnte, nicht wie ein Ameisenhaufen, der sich nach dem Boden richtet. Man konnte die Erde aufreißen, schuf Stück für Stück von dem, was man brauchte, mit eigener Hand. Nistete sich in die Erde ein wie eine Käferfamilie in tiefer Baumborke; wühlte sich tiefer und tiefer ein.

Einige Monate nach den ersten betäubenden Überfällen war, getrieben von den Racheausbrüchen Delvils, der nächst dem Kanal gelegene Teil Londons, die Gegenden Colchester Ipswich, später die südlichen Vorstädte Hastings Ramsgate Dover von der Erdoberfläche verschwunden, auf der sie viele Jahrhunderte gestanden hatte. Zwischen den gesprengten Häusern bewegten sich die Wildnis und der Wald. Die Betonplatten ließ man frei liegen unter dem Licht; Moos und grüne Flechten überzogen sie. In den Platten waren verdeckte Öffnungen gelassen für Luft und die Einfuhr der Rohstoffe. Zwischen die wechselnden Schichten der Erde trieb man Schächte wie in ein Bergwerk. Man baute an einem Korallenstock. Von vielen Stellen zugleich stieß man vor, dann berührte man sich in der Tiefe. Die Sande Schotter des Alluvium und Diluvium durchsetzte man; tiefliegendes Grundwasser drängte man ab, in die Lagen undurchlässigen Tons schnitt man sich ein. Ruhig gewaltig dehnten sich abgrundtief unter der Erde die neuen Städte mit den Menschen, das Lebendige von London Oxford Reading Colchester Hastings Ramsgate Luton Hartford Aldershot. In den Boden eines alten abgeschwemmten Meeres ließen sie sich herunter, zwischen Mergel und Kalke, rumorend zwischen den stummen Resten der dünnschaligen Muscheln einer vergangenen Erdperiode, den Trümmern jahrtausendalter Kopffüßler. Sie bogen Erdwände auseinander, wo einmal mit der Hochflut Myriaden Flügelschnecken, Generation auf Generation, gespielt hatten, kristallklare Wesen mit starken Ruderfüßen, die sie beim Schwimmen durch das schäumende Wasser wie Flügel auf und ab bewegten.

Als Stockwerk auf Stockwerk in die Tonmassen gestoßen waren, immer größere Höhlen aufgerissen, die Erdmassen, gesprengten Felsen zwischen den oberirdischen Häuserreihen zu Schutthalden aufgestapelt, hatte niemand mehr ein Furchtgefühl. Sie flohen nicht vor den Urtieren. Sie waren auf einer neuen gewaltigen Expedition. Die Senate riefen: „Von der Erde weg“ und sie gruben sich wonnig ein; das Wunder des menschlichen Könnens, das die Grönlandfahrer erlebt hatten, erlebten sie jetzt selbst.

Noch einmal übten damals die westlichen Stadtschaften Europas ihre ungeheure Saugkraft aus. Das von Furcht eingeleitete, von Rachegefühl befeuerte Vorgehen der Westlichen faszinierte die anwohnenden Menschenmassen. Man hatte nicht mehr daran gedacht, Rücksicht auf die Siedler zu nehmen; keine Wirkung hatte man mit der großen Polarexpedition erzielt. Jetzt, im Haß gegen die Siedler gekehrt, verführte man sie. Von Westen und Norden waren Menschen auf der Flucht vor den anwandernden sterbenden Tierscharen, vor der Tierlava, die der grönländische Vulkan um sich schüttete. Zugleich wallten Massen von Süden und Osten an die Küsten, Haß, heiße Freude über das Verderben der stolzen Stadtschaften in ihnen, dann die Lust, den Kampf zu sehen. Aber zuletzt wurden sie betört, selber eingestrudelt. Die Riesenstädte, vor die sie kamen, waren wie von Bränden Erderschütterungen zerwühlt. Die schrecklichen, sich über sie erhebenden zusammengewachsenen Reste der Leiber von Urtieren Häuserbalken Wäldern Menschen, die verfaulenden Stadtteile, ein einsinkender Morast von Verwesung, der seine grünschwärzliche Brühe, ammoniakalischen und schwefeldunstenden Wust durch leere Straßen rieseln ließ. Auf diesen schwärzlichen kilometerlangen haushohen Morasten, die absanken, wie Gletscher troffen, ihre Lachen vergossen, hockten schwarze Schwärme von Raben ein, geschwollene starke Tiere. Weit hörten die aufziehenden Menschen das Geschrei der nistenden Vogelvölker. Die Menschen, die von Süden heraufzogen, glaubten Gas Rauch zu sehen; wie sie sich näherten, wirbelten die Vögel auf, die sich mästeten. Die Urtiere, über den Stadtlandschaften der Nordseeküste, der Ostsee, des westlichen Frankreichs und Deutschlands liegend und zerfallend, hatten über die Häuser Anlagen Plätze den grünbraunen quellenden Boden eines Sumpfes getragen. Sie hatten, sich bewegend wachsend zerschnitten und auseinanderrollend, Häuser Erde und Lebendiges ineinander gemahlen; ein neuer Boden war gebildet; der Wind rührte schon daran, Waldtiere rückten gegen ihn vor. Ein Schwall östlicher Menschen trieb über die deutsche Tiefebene hin; durch Süddeutschland bewegten sie sich, die starkbewehrte Mark berührten sie und lösten Menschen aus den Hordenverbänden. Asiaten waren unter ihnen, Mischlinge aus den russischen Steppen. Sie setzten sich auf die Trümmer der alten Städte. Fuhren in die Schächte ein.

Erst waren die Mekifabriken unter die Erde gestiegen neben die großen Laboratorien, die man schon seit langen Jahrzehnten in die Erde geschoben hatte. Die Apparate Fabriken folgten. Zuletzt kamen die Menschenmassen, die sich eine Weile in vorläufigen Betonhöhlen versteckt hatten oder nach Osten geflohen waren.

Sie waren abgetrennt von dem Himmel. In diesen meilenweiten warmen Bezirken in der Erdrinde gab es nicht Tag und Nacht. Keine Vögel sangen; Gräser Pflanzen Bäume wuchsen nicht. Man hatte keinen Schnee, keinen Hagel Regen Wind. Die Jahreszeiten wechselten nicht. Betonplatten sperrten die seitlich und von oben andrängenden Erdmassen zurück. In den Buchten Gewölben, den meilenweiten Gängen die Häuser Fabriken Plätze Alleen. Die Schächte und Höhlen waren in die Erde gebrannt. Den Sauerstoff der Luft stellten sie mit Maschinen her, trieben ihn in diese Gänge und Schluchten, die wie Blasen in der Erde waren. Das Wasser der Themse zwangen die Londoner in ihre Gruft herunterzusteigen; durch die Alleen ließen sie den Fluß ziehen, Brücken schlugen sie über ihn. In großem Bogen wand sich der Fluß durch die Betonstadt in dem Bett, das man ihm gezogen hatte. Zuletzt ließ man ihn anschwellen; er stürzte eine Betonwand herunter in ein Tal, das nicht ausgekleidet war. In diese Ton- und Kalkmassen sickerte er ein, konnte nicht zurückschlagen; seine schäumenden, immer wieder polternden Reste wurden um die Stadtanlagen im Kreis herumgeführt, bis sie sich in Sand und Schotter erschöpften.

Das Sonnenlicht kam nicht herunter. Aber die starken Londoner ließen es herabsteigen. Da stand der glühende Gasball, die Sonne, in abenteuerlicher Ferne im Äther, das gelbweiße Flammenmeer, das mit dem Eis des Äthers kämpfte; die Menschen auf der britischen Insel fingen sein Licht zum Hohn in Spiegeln auf, warfen es in die Tiefe über die lachenden herumvagierenden Massen. Da war es dünn bleich blutlos wie Mondschein am Tage, starb neben dem weißen brillierenden farbenspritzenden Lichtgewoge an den Decken der Gewölbe.