Chapter 10 of 48 · 3949 words · ~20 min read

Part 10

Ligbau, ein uralter Mann, ließ sich an ein Megaphon vor dem Ratsgebäude führen, gestikulierte mit dem Ausdruck des Abscheus: „Ihr seid entlarvt. Wir haben euch schon gesehen und erwartet. Es soll alles noch einmal anfangen. Ihr glaubt, ihr seid dicht daran es durchzusetzen. Und ihr werdet es durchsetzen. Murrt nicht; sie werden es durchsetzen. Es ist unser Geschick. Ich rate euch, die ihr hier steht, nehmt es hin. Es hat keinen Zweck. Haltet es nicht auf. Es ist uns beschieden, so sind wir, so tragen wir uns. Setzt alle Verbannten und Gefangenen wieder ein. Macht keine halbe Arbeit. Die Zeit ist geschwind, haltet euch nicht mit Versuchen und Prüfungen auf. Wir wissen ja doch, wohin der Weg geht. Und es ist gut vorgesorgt, daß es diesmal rascher geht als zur Zeit des Krieges, des letzten Krieges, des vorletzten Krieges. Ich bin achtzig Jahr. Ich freue mich, ich bin glücklich, daß ich nicht im Bett zu sterben brauche. Ich brauch mich nicht anzustrengen um zu sterben; es wird mir abgenommen werden. Eine schöne Zeit; was wird es für Überraschungen geben! Juchhei! Freut euch! Sie haben schon alles durchdacht. Fragt sie nur; sie haben es schon in ihren Büchern, auf ihren Zeichenbrettern und Tafeln. Seht euch ihre Köpfe an. Da steckt es drin, was es bald regnen wird.“ Er raste und zischte. „Kennt ihr die Spree und die Havel die Oder die Elbe? Ich denke, das ist es, was sie anbeten. Das sind die Götter dieser neuen Regenten. So sollen wir werden. Matsch und Lehm, dickes und dünnes Wasser. Recht auseinandergerissen zerpreßt. Bin ich kein Hellseher, habe ich es euch nicht aus dem Kopf genommen? Ich kann es euch sagen, weil ich ein alter Mann bin. So, wie ihr, so haben vor dreißig Jahren andere ausgesehen, so haben sie gelacht. Leuchtmar und Rallignon. Ihr seid keine Neuigkeit. Eure Erfindungen sind neu; was ihr vorhabt, wird ganz neu sein, aber ihr seid sehr alt. Da seid ihr wieder, du da, du bist doch schon tot, am Asowschen Meer bist du gestorben mit der B-Armee, es war eine schöne Armee, sie war deiner würdig. Da bist du schon wieder lebendig. Deine eigenen Entdeckungen, dachte ich, hätten dich totgeschlagen. Aber es gefällt dir so gut, du kannst dir keine fünfzig Jahre Schlaf gönnen. Ist nicht die Frau da, die im Süddeutschen sich in die Maschine stürzte? Elise Frangani, die halbe Italienerin, die ja, ist sie nicht hier, ha, wer bist du sonst? Versteckst dich hinter seinem Rücken. Es ist nicht nötig. Du sitzt in seinem Kopf und seinem Leib, in vielen Köpfen hier; du bist drauf und dran zu zeigen, daß du wieder da bist. Welche Neuigkeiten für einen alten Mann. Ha, welche Überraschungen. Wie komm ich nur zu solchem Glück! Mit meinen weißen Haaren noch solches Glück!“ Er gestikulierte neben dem Megaphon; man verstand ihn nicht. Man begütigte ihn; unten standen manche, die nicht die Augen heben konnten. Er schrie: „Ich soll weiter reden. Sagt mir doch erst: ist Marke tot? Ist er in der Krim gestorben, konnte er nicht nach Hause kommen, oder ist er hergekommen. Seine Töchter haben sich erhängt. Er hat sich die Augen ausgeschlagen.“ Er tastete um sich, während sein lappiges Gesicht glührot überflammt war, die Augen ihm hervorquollen, fuchtelte krächzte: „Zur Wahl! Der neue Konsul! Wir haben einen Krieg geführt. Der Krieg ist eben zu Ende. Wir sind von der Grenze gekommen. Da war – Wüste! Wüste! Die Ruinen von Ninive sind Paläste gegen das, was wir gesehen haben. Der Euphrat fließt noch, die Grundmauern stehen da, man findet noch Ziegel, es gibt alles. Das Land aber in Rußland ist verwüstet, das Land ist nicht mehr da. Die Erde ist weggerissen. Die Krater gehen bis an die heiße Flüssigkeit in der Erde. Ich wähle – Marke! Wählt mit! Marke! Bürger, niemand als Marke soll Konsul sein.“

Dieser wurde beiseite geführt. Ein kühler sachlicher Mann sprach nach ihm. Ligbau im Krankenstuhl in seiner Nähe. Vornübergebeugt beobachtete der alte Mann mit weißen Augen den Redner; rief zu ihm herauf: „Was hast du im Kopf? Woran werden wir sterben, Giftströme, Gasströme! Sprich doch!“ Wie er fertig war, schrie er: „Wählt ihn! Er führt den nächsten Weg. Noch einmal werden wir uns nicht auf diesem Platz wiedersehen.“ Das Weib, das mit dem Mann gestanden hatte, sprang hinauf, schmähte den Alten, zeigte die Fäuste. Der Alte erhob sich vom Stuhl, stieg auf das Podium, schlug ihr mit den Fäusten gegen den Hals: „Das hast du damals nicht gewagt.“ Sie warf sich weinend auf das Podium; der Mann führte sie finster herunter.

* * * * *

Darauf wurde Marduk Konsul des Stadtwesens. Er war ein hochstirniger blasser Mann in den dreißig, mit großen ernsten Augen. Ein langes knochiges Gesicht, ruhiger gleichmäßiger Gang auf unsicheren muskelschwachen Beinen. Er hatte sich bis da nicht hervorgetan, aber in den Tagen der sich hinzögernden Wahl, während schon Zeichen der Anarchie hervortraten, – in Mecklenburg standen die Sprosse der alten Herrschaftsgeschlechter auf, im Magdeburgischen sammelten sich um den greisen fanatischen Ligbau Maschinenstürmer, – damals besaß er den Mut, aus Bernau, wo er saß, mit einer Freischar von zweihundert Menschen in eine Beratung der Eisenfreunde einzutreten bei Löwenberg, die gesamte anwesende Führerschaft dieser Bewegung aufzuheben und an einem einzigen Tage samt und sonders verschwinden zu lassen. Es ist bis zum Schluß seines langen Konsulats – er herrschte bis über die Mitte des siebenundzwanzigsten Jahrhunderts – wenigen bekannt geworden, wohin diese zweiundvierzig Männer und Frauen gelangt sind.

Marduk, selbst ein Mann vom Schlage derer, die er festgenommen hatte, hauste in den Waldungen um Löwenberg, an der mecklenburgischen Grenze, nahe dem Haupteiweißwerk. Ein kleiner Wald von Buchen stand neben seiner Arbeitsstätte hinter Mauern. Zwischen diese grünen Buchen ließ er die zweiundvierzig Gefangenen treiben. Ihnen fielen schon, wie sie durch die kleine Tür hereinwanderten, die geborstenen Stämme auf. Vor den Rissen der Stämme, auf den breiten Wunden stand dicker blasig erstarrter gelblicher Schlamm. Wo er am Baum zur Wurzel herunterrann, war er vertrocknet wie zu einem pulvrigen Rostbelag. Dunkel erinnerten sich die Männer an die Pflanzenversuche dieses Marduk, der sich stets abseits hielt. Er sollte in den Mekilaboratorien an tierischen Organteilen, besonders an Pflanzenstücken eigentümliche Wachstumsveränderungen erzeugt haben.

Finster gingen die Gefangenen in Marduks Park umher, begriffen nicht, was Gefangennahme Hertransport diese Internierung bedeutete. Marduk war einer der ihren. Es konnte möglich sein, daß er bestimmte Informationen hatte über Angriffe auf sie, sich seiner Bundesgenossen versicherte und sie vorläufig festnahm. Sie erwarteten stündlich, daß er unter ihnen erschiene und sie aufkläre. Sie hatten, von dem rauhen Frühlingswind umweht, das Gefühl, als ob sich von Zeit zu Zeit neben ihnen, an ihrer Schulter, hinter ihrem Rücken etwas bewegte. Suchten, fanden nichts. Sie setzten sich bald zusammen, bald auseinander. In der Luft war etwas Eigentümliches von der Schärfe eines dünnen Rauches. Aus den Bäumen schien Hitze zu steigen; die Bäume fühlten sich an einigen Stellen warm an. Beunruhigt wandten sie ihre Aufmerksamkeit auf die Bäume. Wie sie die Köpfe an die Rinden legten, schnurrte surrte summte es drin. Das waren die Säfte; es war Frühling. Nur war es merkwürdig, wie scharf es sich im Mark und im Holz bewegte. Verwundert ließen sie das Ohr nicht von den Bäumen, horchten da und da. Es zischte in manchen Bäumen, als ob sie kochten. Ohne daß einer den Baum berührt hätte, fiel ein begrünter Ast herunter. Ein kleines Fauchen gab es oben, als ob Säfte sich entleerten. Der scharfe Geruch, der feine dünne, wurde stärker an diesem Stamm; sie konnten sich in seiner Nähe nicht aufhalten. Der Geruch war stechend wie Ammoniak.

In ihrer Unruhe kamen einige auf den Einfall, sich gegen die Bäume zu wehren und sie umzubrechen; es war eine junge Pflanzung. Sie gingen ein zwei Bäume an, zerrten stießen an den Stämmen; einer kletterte hoch, riß brach große Äste ab, entlaubte den Baum, fiel plötzlich betäubt rücklings auf den Boden über das Laub. Der Baum atmete in Stößen einen heißen Dampf aus. Man schleppte den Bewußtlosen davon, zog sich zurück. Marduk erschien nicht. Man schob ihnen gegen Abend in Körben Nahrung und Getränke herüber über die Drahtspitzen der Mauer. Sie schliefen ein.

Gegen vier Uhr früh, als es hell wurde, suchten sie einander, wunderten sich. Der Wald war so dicht geworden, der Weg zwischen den Stämmen so eng. Die Bäume hatten ihre Massen unförmig verbreitert. Sie konnten kaum zu zweien zwischen den Bäumen gehen. Ein surrendes Geräusch, ähnlich dem von gestern, hatten sie in den Ohren. Sie zweifelten, woher es kam; die Bäume wagten sie nicht zu berühren. Man konnte, obwohl von oben deutlich Morgenlicht hereinfiel, in der Nachbarschaft Hähne krähten, die unterirdisch laufenden Wagen polterten, wenig rechts und links sehen. Ängstliches Stöhnen hier, Stöhnen da. Mancher entledigte sich seiner Jacke, seiner Bluse, um besser zu atmen. Es war sicher, der Wald wuchs. Während einige ohnmächtig lagen von Frauen und Männern, die geängstigten anderen suchend gedankenlos über sie herstiegen, während allen die Knie zitterten und sie sich durch das Dickicht wanden, wie in einem Keller sich zurechttasteten, schrien an der Mauer welche den Namen Marduk: „Erbarmen, Marduk!“ Einige suchten immer von neuem die Gänge, die sich von Stunde zu Stunde verengerten. Manche sogen an den Fingern Beeren, kauten spien Blut aus.

Um neun Uhr morgens, als schon blendend hell die Sonne schien, dieselbe Sonne, die über den Schiffen im Atlantischen Ozean, über dem weiten Ozean leuchtete, dieselbe Sonne, die ganz nah in Bernau über den Sandplätzen der Kinder stand, da gellten wahnsinnige Hilferufe, nicht abbrechend, in dem Park, wildes Wehgeschrei, als hätten Tiere einen Menschen angefallen. Die meisten sanken im Augenblick mit weißen Gesichtern auf den Boden. Die in der Nähe des Geschreis streckten die Hälse; im Halbdunkel sahen sie etwas zappeln, mit den Beinen stoßen. Füße, um die ein Rock wogte. Eine Frau; oben saß sie fest; ihr Arm wie eine Planke am Ellbogen, am halben Ober- und Unterarm festgeklemmt zwischen zwei zusammengeifernden Bäumen. Sie stand an den drängenden schwellenden Wesen, mit dem Rücken gegen sie, suchte ihnen auszuweichen, bog sich, ihr Rock saß unten fest, sie wand sich, heulte klagte brüllte: „Kommt her. Kommt. Ein Messer.“

Der Wald knackte unaufhörlich. Die unten standen lagen liefen sich zusammendrängten auflösten, wurden überspritzt von der klebrigen leimartigen Feuchtigkeit, die wie Schleimpatzen aus Vogelschnäbeln auf Gesichter und Hände fiel, oft fein wie aus Röhren sprühte. Zu dem Knistern trat immer wieder ein Sausen und Sprudeln, wie aus einer geöffneten Flasche, das zuletzt erstickte. Die Bäume verschränkten Ast in Ast, verschoben sich umeinander. Die Dunkelheit nahm zu. Ein Dach, eine hölzerne Decke bildete sich langsam über den Menschen. Der Wald verdichtete sich zu einer engen, immer engeren Kiste, von deren Deckel es heruntersickerte. Die Luft gärend bitter muffig, mit Schwaden der stechenden reizenden Gase. Der Boden aber, vorher noch eben, wellte sich, ringelte, schlängelte sich. In Wülsten schwollen die Wurzeln hervor, armdicke Adern, von denen der Sand abrollte. Der Boden wurde höher.

Die offenen Plätze suchten sie zwischen den dicken, immer dickeren Bäumen, als wenn sie nicht wüßten, daß jeder Raum vor Stunden noch offen war. Sie keuchten, wenn aus dem Halbdunkel sich einer zu ihnen durchwand ins Hellere, gifteten. Oft sprang einer auf, Mann, Weib, die Kleider abgeworfen, sprang einen Baum an, krallte, biß sich ein. Aber der Baum sonderte widrig ab, sabberte, war so feucht, so warm; die Zunge verätzte er ihnen.

Um zehn Uhr, – die Glocke von Marduks Haus scholl laut herüber, – erdrosselten sich zwei Männer mit ihren Gürteln. Die Frau, deren Arm abgequetscht war, die lechzend zwischen den Bäumen nach vorn überhing, hatten sie zuvor stumm gemacht. Stockfinster war es an den meisten Stellen des Parks. Um sie knarrten krachten wucherten die Bäume. Ein furchtbares inneres Leben dehnte die brünstigen aufgeregten Pflanzenwesen. Man sah die ungeheuren tonnigen Massen wie in Krämpfen sich langsam spiralig um sich drehen, längs klaffen und noch immer in die Breite wachsen, in die Höhe aufsteigen, bluten und noch immer wachsen, dabei rauchen; bersten, einer den andern aufschneidend und mit ihm verschmelzend, dabei zischen und prasseln. Und wo zwei Bäume Raum fanden, nieder nach vorn in die Lücke zwischen andere zu fallen mit überschweren Kronen, erhob sich vom Boden wieder der Stumpf; er trieb und wuchs. Zwischen den Ästen in den Kronen flatterten verirrte Vögel; von oben stießen sie abwärts. Riefen kratzten schlugen um sich, sobald sie sich gesetzt hatten; lösten Flügel und Füße von den klebrigen Ästen und Blättern ab, schwirrten schreiend federstreuend senkrecht hoch, suchten Lücken. Andere hingen fest, wühlten hieben mit den Schnäbeln gegen das schwellende Holz, das gierig den eingestoßenen Schnabel festhielt, ihn nicht losgab, ihn rasch umwuchernd, ihm Herz Nüstern und Augen umgießend, einleimend einsargend, wie auch der kleine Körper sich abstemmte zappelte sich nach hinten seitlich bog. An ihren tanzenden Füßen, mit ihren schlagenden Flügeln zogen sie dicke Gallerte hoch, suchten sie herunterzutreten. Abgleitend wälzten sie sich um die Stämme herum, wurden eingebettet. Den Kopf nach unten hingen sie. Der Saft lief über sie. Da tropften sie in der Masse von Ast zu Ast, noch zappelnd, klatschten auf den Boden neben einen Menschen, der sich wand, auf seine Schulter, neben seinen Hals, blieben schnabelsperrend tretend liegen. Manche festgekittet nach einigem Aufklettern und Drehen hielten gelähmt betäubt still an ihrem Ast. Sie wurden vom Holz aufgenommen, waren ein runder stoßender Wulst auf ihm, von dem Saft sprühte, ein ruhiger kleiner Knoten, ein flacher Knopf.

Das mammutische triefende krachende Wachsen zerpreßte klemmte malmte manschte die Menschen, knackte die Brustkörbe, brach die Wirbel, schob die Schädelknochen zusammen, goß die weißen Gehirne über die Wurzeln. Die Stämme berührten sich. Wurzel Stamm Krone eine Masse, ein verschmolzener wogender wühlender dampfender Klotz. Oben barst er, zischte. Unten trieb schluckte drang es auf, drang seitwärts bis an die Mauer.

* * * * *

Den übergroßen Kopf drückte Marduk gegen das Fenster: „Jetzt ist es vorbei. Ihr könnt nichts mehr.“

Jonathan Hatton, der viel jüngere, sein Freund, den man mit ergriffen hatte, stand vor ihm, lächelte: „Nun, so möge es so sein.“

„Ich weiß, du glaubst mir nicht.“

„Doch. Bei allen Dingen bei denen man schwört, Marduk, verzeih mir, ich glaub es.“

„Lach nicht, Jonathan. Lächle auch nicht. Es ist gar nicht nötig, daß du lächelst. Du hast dich lange nicht um mich gekümmert, die andern auch nicht; ihr glaubtet, es ginge auch ohne mich.“

„Marduk“ der andere trat ernst näher, „du hattest dich, du, von uns zurückgezogen.“

„Du wirst sehen, ihr hättet gut getan, euch um mich zu kümmern und anzusehen, was ich tue.“

„Was soll das.“

„Nichts. Du wirst sehen.“

„Du schließt dich uns nicht an und jetzt klagst du.“

Marduk verzog das Gesicht hart: „Ich habe nicht nötig, mich euch anzuschließen. Du, damit ist es jetzt aus, mit diesen Dingen. Ja, Jonathan. Ihr werdet jetzt alle still werden, ganz still. Ich nehme euch aus den Händen, was ihr habt. Ich will nicht, daß ihr arbeitet. Ich will nicht. Verstehst du das?“

„Nein und ja. Sag mir, Marduk, alles was du weißt und kannst. Ja sage es mir. Du wirst mich nicht überraschen. Ich bin auf Stärkeres gefaßt. Mit dem Stärksten wirst du mich nicht umwerfen.“

Strahlend stand Jonathan: „Was ich – gefunden habe, hat noch niemand gefunden.“

„Hat noch niemand gefunden“ höhnte der verhüllte Marduk.

„Wenn ich – niemand – sage, Marduk, so weißt du, daß ich nicht Schaum blase! Ich leugne so wenig gearbeitet zu haben, wie du es leugnen wirst. Warum? Das Sehen ist mir erlaubt, das Hören ist mir erlaubt. Was soll mir verbieten zu denken.“

„Weiter.“

„Nein, ich spreche nicht.“

„Schaffe deine Freunde hierher, Jonathan.“

„Ich?“

„Ja. Bring sie, Jonathan.“

„Siehst du, sie hast du gefangen genommen. Sie alle. Du kannst dich nicht mehr auf sie besinnen. Ich möchte dir beschreiben, wie wir zueinander waren. Ich träumte heute nacht, ich fühlte mich so wohl, wie auf einer Luftfahrt, ich glitt mit einem Wesen durch die Luft, ich weiß nicht, ob es Mann oder Weib oder beides war. Wie dem schönen Geschöpf die Augen strahlten. Wonnig war es. So rasch glitten wir hin. Fast war es keine Bewegung. Unten standen die Menschen und wunderten sich. So glücklich waren wir.“

Marduk warf sich unruhig in seinem Stuhl. Sein Gesicht hatte er ganz auf die Brust gedrückt. Er hob den Kopf, blickte Jonathan finster an: „Komm, ich will sie dir zeigen.“

Die Wachen vor der Haustür wies er ab. Er ging barhäuptig allein mit Jonathan der ungefesselt war. Hinter einer Wiese zog sich ein flaches langes Gebäude hin, in das sie traten. Sie gingen durch die glasgedeckte Halle der muffig warmen Anlage, in der Pflanzenreste geschichtet lagen, Körbe, niedrige Kisten. Auf einen weiten ungepflasterten Hof stiegen sie herunter; oberflächliche Röhrenleitungen traten am Boden hervor. Marduk öffnete ein Gitter; da war ein Feld, in dem viele einzelne Stücke abgezäunt waren; manche waren grün und bunt bewachsen, manche scheunenartig überdacht; auf einigen Stücken verwesten ganze Stapel unkrautartiger Gewächse. Dann senkte sich das Gelände; über den Hang, um den Boden der Senkung zog sich eine abschließende Mauer, darüber dahinter eine hohe schwarze und grüne Masse. „Sieh da. Du baust, Marduk.“

„Komm.“

Er zog eine kleine Eisentür der Mauer. Dunst schlug ihnen entgegen. Keine Öffnung, keine Helligkeit. Der Wald war an die Steinfliesen herangetreten, hatte sie nach der Tür zu umgeschoben. Zwei Stufen konnten sie heruntergehen. Jonathan hatte Marduk seine Hände entzogen, lächelte den Mann, der ihn führte, blaß mit übergroßen Blicken an: „Was machen wir hier.“

„Weiter gehen. Geradeaus.“

„Was soll das. Ich geh nicht mit dir.“

„Ich wollte dich bitten, wenn ich kurzsichtig bin und mich nicht zurechtfinde, du möchtest mich führen. Du sollst mir deine Freunde zeigen. Du hast sie besser in Erinnerung als ich. Hier meine Hand, Jonathan. Der Weg geht geradeaus.“

Der war die Stufen zurückgetreten, hatte an der Eisentür den Kopf zurückgeworfen: „Du bist verrückt, Marduk.“

„Nicht doch, Jonathan. Sie müssen alle hier sein.“

Jonathan war nach einem Blick auf das ihm zugewandte vibrierende Gesicht mit einem Sprung unten. Tastete an der klebrigen dunstenden Holzwand: „Ja. Das sind Stämme. Das sind dicke Bäume. Wo ist denn der Eingang. Hier komme ich nicht weiter.“

„Versuch einmal von hier. Versuch es. Sie versuchen es von drinnen.“

„Das ist eine Wand, eine Holzwand, Marduk. Mach doch auf. Wo ist die Tür.“

Er lief seitlich rechts und links über den harztriefenden Boden. Der Wald trat an die Mauer heran, ließ ihn nicht ein: „Es ist alles so schmierig, mit Harz, mit Leim. Warum tut ihr das? Wo ist denn die Tür.“

„Ruf sie einmal. Ruf sie.“

„Soll ich? Wirklich?“ Er rief. Der andere schüttelte sich: „Sie antworten nicht.“

Jonathan stürzte sich auf ihn: „Du hältst mich zum Narren.“

„Wie sehen, Jonathan, deine Freunde aus, wenn sie müde sind oder lustig sind?“ Der, stöhnend, nahm ihm jedes Wort von den Lippen.

„Zwischen den Bäumen – lächeln sie. In den Blättern – sitzen sie. Sie sind Vögel geworden. Sie sind so schön, daß ich sie verfolgte. Sie haben sich auf der Flucht vor mir in – Bäume verwandelt.“

„Das hast du – Marduk?“

„Das habe ich gekonnt. So stark bin ich gewesen.“ Strahlend erregt zog er den im blauen Mantel, der nicht sprach, sich schwer bewegte, durch die Eisentür, über das helle Feld in das lange Gebäude. Der Dunst, der ihnen aus dem Park entgegenschlug, auch hier. Ein Pulver lag neben einer geöffneten Kiste am Boden; Jonathan faßte automatisch danach; Marduk hielt seine Hand fest: „Faß nicht an. Du hast nichts geschluckt davon? Es ist für Menschen und Tiere Gift.“ Die verwelkten verwesenden Pflanzenhaufen starrte Jonathan an; Marduk verfolgte seinen Blick: „Ich kann sie auftreiben. In einer Stunde. Von einer halben Stunde zur nächsten.“ Phantastische getrocknete Gräser lagen auf Steinfliesen nebeneinander: „Kann ich nichts?“ Er streckte die Arme aus, bog die Fäuste: „So viel kann ich. So viel kann ich. – Jetzt will ich deine Freunde begraben. Wohl ihnen, daß sie nicht mehr Menschengestalt haben und wie wir sind. Sie sind in den Bäumen. Ich will sie begraben.“

Jonathan war schon zurück durch die Halle gegangen, er rieb gedankenlos, den Blick auf die Erde, die Handteller aneinander. Sie liefen über das von der Frühlingssonne beschienene Feld, Jonathan fiel der Umhang von der Schulter, Marduk wollte ihn aufheben, zuckte, lief weiter. An den Hang zur Mauer wollte Jonathan herunter; der andere aber, auf einen Erdhaufen sich setzend, zog ihn neben sich. Marduk griff ihn an: „Nun zeig du mir, was du kannst. Du mußt mir jetzt etwas zeigen.“

Der saß starr, stammelte mit verzerrtem offen zugewandten Gesicht.

„Hab keine Furcht, Jonathan, dir wird nichts geschehen. Du kannst es mir zeigen. Ich bin Kenner, ich bin Fachmann. Ich weiß es zu würdigen.“

„Marduk. Wen habt ihr in den Wald getrieben? Ihr habt Frauen mit hereingetrieben? Es sind alle drin, die festgenommen sind?“

„Alle. In den Löwenkäfig. In die Arena.“

„Alle? Alle Frauen?“

„Alle. Zweiundvierzig. Da haben sie fechten können. Es waren keine Löwen und Tiger da. Es waren bloß Bäume, gegen die sie kämpften. Sie haben für einen neuen Glauben gekämpft. Das war eine neue Christenverfolgung. Nein, eine Antichristenverfolgung.“

„Marduk“ schrie Jonathan besinnungslos, weinte, erhob den Arm.

Der Ältere fuhr fort: „Ja. Antichristen. Ich spiele den Christen. Ich laß sie mit ihren Götzen nicht aufkommen. Sie müssen alle ins Gras beißen.“

„Marduk. Meine Mutter war dabei.“

Der mit rollenden Augen stand auf, ballte die Fäuste, wog sie gegen ihn: „Und wenn deine Mutter dabei war. Und wenn deine Frau und dein Kind dabei war. Wenn du dabei warst. Es wird nicht besser. Ihr sollt es spüren. Ihr müßt es spüren. Es soll keiner entgehen. Ich wohl auch nicht. Es ist gut, daß es so über uns verhängt ist, daß wir es nahe spüren. Ha, jetzt spürst du, du es dicht, dicht unter der Haut. Gut so. Gut so. Wie gut, daß sie alle dabei waren.“

Und dabei klapperten seine Zähne, ein schrecklicher Frost hatte ihn ergriffen. Er hatte dies nicht gewollt, so wandte es sich gegen ihn, so griff ihn die Waffe, die er auf andere gerichtet hatte, selbst an. Er wehrte sich, die Schlange umwand ihm Füße und Arme. Jetzt würde er Jonathan verlieren.

Er stolperte auf ihn zu, bückte sich zu ihm herunter: „Ist meine Erfindung nicht herrlich. Sprich doch. Wir sind doch Kenner. Da kommt keiner mit. Was sagst du zu dem Wald unten. Keine Lücke ist mit der Hand zu finden. Wie ein Schrank, paßt Fuge an Fuge. Ist meine Erfindung nicht herrlich?“

Er rüttelte ihn.

„Ich will dir sagen, wenn du mir nicht antwortest, wird es dir nicht gut gehen. Ich werde dich dann – leben lassen. So werde ich dich wenigstens umbringen können.“

„Tu es. Marduk. Du Verdammter! Du Teufel!“

„Ich verdammt? Ich Teufel?“

Jonathan sank seitlich, ohnmächtig hin. Marduk hatte eine graue Kapsel auf seiner Brust an einem Kettchen. Daran zerrte er, öffnete die Kapsel, schüttete sich grünes Pulver auf die Finger. Er bückte sich, um es Jonathan zwischen die weißen Lippen zu schieben. Dann streute er jäh das ganze Pulver von sich, warf sich an den Ohnmächtigen, grub sein Gesicht an seinen Hals, stöhnte haßwütete noch, als der sich schon räkelte, sich aufzusetzen bemühte.

Sie standen sich an den Erdhaufen gegenüber. Schwarz vor ihnen die Masse des Waldes hinter der Mauer. Als sie sich anblickten, preßte Marduk die Lippen: „Ich bin bereit, bereit, mich dir zu stellen. Ich – tue es ohne Bedingungen.“

Heiser Jonathan: „Ich habe nichts davon, wenn du tot bist.“

„Tu, was du willst.“

Zwei Wochen fuhr Jonathan an der Ostsee hin und her. Er konnte keine Erde und keinen Baum sehen. Marduk hatte die Stadtlandschaft fest in Besitz genommen. Dann trat Jonathan in sein Haus, der schlanke braune, blaß mager ruhig, gab ihm die Hand, bot ihm seine Dienste an. Marduk betrachtete ihn lange: „Ich habe kein Recht über die Stadt. Ich habe nur Recht über mich. Willst du Recht über mich.“

„Ich will nichts, als dir beistehen.“