Part 2
Am Tage drauf wurden die Minister dieses Landes beiseite geschleppt. Das Heer war längst in der Hand der großen technischen industriellen Gruppen. Es bestand, wie überall in Europa, aus jungen Menschen, die aus den Fabriken Werkstätten stammten, in denen sie die Herstellung und Bedienung ihrer Waffen erlernt hatten. Sie hatten nur Ehrfurcht vor den Männern und Frauen in den Werken, faßten nicht, was die sogenannten Politiker taten. Die Massen in den Städten rebellierten nicht; wurden rasch beruhigt. Sie waren alle selbst innigst nur an die Maschinen gebunden, verlangten Luxus Brot und freie Bahn für die Kräfte der Maschinen. Die politischen Ministerien wurden zur Durchforschung ihrer Arbeit von den technischen und Industriezentralen beschickt. Dann wurden die Baulichkeiten für andere Zwecke verwandt. Die Wohlfahrtseinrichtungen wurden der Arbeitsüberwachungs- und Verteilungsstelle der großen Verbände angegliedert. Der Verkehr mit anderen Staaten war schon vorher im angelsächsischen Imperium vertrauliche Sache der großen Verbände.
Ungeheuer wirkte der in Belgien fast lautlos sich abspielende Vorgang auf die Nachbarstaaten. Es verlief kein Jahrzehnt, da hatten freiwillig oder unfreiwillig, zum Teil dem Druck Englands folgend, die politischen Regierungen, die nur hemmende und dekorative Rudimente waren, den Industriekörpern Platz gemacht. Scheinparlamente, bedeutungslose ordnende Selbstverwaltungskörper liefen neben ihnen her. In den großen Reservoirs der Menschen, den Stadtreichen Stadtschaften, bildeten sich Senate, deren Hauptsitz die Menschen der Apparate einnahmen.
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Die Stadtschaften lagen frei da. Aber unsichtbar umgab sich jede mit einem System von Verteidigungsanlagen. Die Peripherie der unübersehbaren Gebiete von Bergen und Niederungen Flüssen Seen Sümpfen, überrieselt wie mit einer Zuckerglasur von flachen Häusern, kilometerlangen Werken, dichten und lockeren Menschensiedelungen, war überall unscheinbar umzogen mit Reihen von Masten aus Holz. Sie standen ohne Verbindung miteinander im Gelände, glichen abgeästeten sehr hohen Pappeln. Sie schienen Wegweiser zu sein, trugen Tafeln von Straßen, maskierten sich als Telegraphenstangen. Im Innern waren die Masten hohl und als Eingeweide trugen sie Bündel meterlanger zusammengebogener elastischer Metalldrähte. Die Masten waren auf Granitplatten montiert, welche das Endstück eines Kabels enthielten. Die Metalldrähte waren verschieden geformt. Das Drahtbündel konnte durch eine Schalterbewegung in der Stadt aus dem Mast heraus in die Höhe geschnellt werden. Wie ein lebendiges Band konnte es sich steif in die Höhe strecken, und im Moment, wie es aufrecht stand, warf es einen tötenden Wirbel von Strahlen um sich.
Die Stadtlandschaften hatten, was wenige wußten, Verteidigungswerke und Abwehrgürtel schon in der Zeit vor dem Uralischen Krieg.
Die Beherrscher der stärksten Industrieanlagen und Riesenwerke hatten sie in geheimer Gemeinschaft mit den Senaten angelegt, als die einzelstaatliche Gewalt in dem europäisch-amerikanischen Völkerverband erlosch und in Südamerika, in dem ehemaligen Griechenland, in Kapland Südfrankreich, zuletzt in Dänemark militärische anarchische Gebilde hochschossen. Die Rebellionsschläge ängstigten die Kontinente.
Mit Bangen erfuhr man von der geradezu höhnenden Leichtigkeit, mit der der Franzose Bourdieu, ein einfacher Techniker, sich des Mittelmeerzentrums Marseille bemächtigte. Im Nu waren Tausende, aus dem Dunkel der Städte auftauchend, wie magisch gerufen um ihn versammelt gewesen. Er hatte nichts getan als eine Anzahl krafterzeugender Fabriken und Sammelstationen mit einer Handvoll trotzigen Gesindels besetzt. Aus den Stoffen, die die Zeit lieferte, verstand er im Augenblick furchtbare Abwehr- und Angriffswaffen zu schaffen, die herzustellen man bisher keine Veranlassung gehabt hatte. Er gab das erste Beispiel einer systematischen Störung der den Erdball umlaufenden Verständigungsapparate. Schlag um Schlag hatte er nun, im geheimen arbeitend, die Siedlungen und Wirtschaftsanlagen der Provence, ganz Südfrankreichs bis vor Bordeaux besetzt. Vor Bordeaux kam der flinke Mann durch seine eigenen Waffen um, indem er einen der Blitze, die seine Maschinen erzeugen konnten und die Brand auf Kilometer in das getroffene Objekt warfen, statt im Winkel nach oben tief auf den Boden richtete. Der Blitz, ohne durch den schon abgesandten zweiten wolkenhochlaufenden Strom nach unten reflektiert zu werden, funkelte breit vorwärts, veraschte den blassen Bourdieu und eine Anzahl seiner Leute, die vor seinem Lager schlenderten und in deren Rücken das heiße Ungetüm kam. Es verlohte auseinander rauschend an einer Zypressenwaldung. Dies war bei Begles in der Garonne. Der Kerntrupp Bourdieus ließ kostbare Zeit verstreichen; das rückwärtige eroberte Land, aus dem Wirtschaftsverband mit der übrigen Welt gerissen, lag wartend kritisierend lachend. Bis von Marseille selber ein unbeobachteter Trupp junger Einwohner, die von Kampfstimmung angesteckt waren, dazu eine Schar gemieteter überfalldurstiger Marokkaner von der Küste aufbrach, die Fernsprüche und Weisungen der Truppe Bourdieus täuschend aufnahm, die fünfhundert Menschen, aus denen Bourdieus Korps bestand, zu einer bestimmten Morgenstunde auf ein Feld südlich Begles lockte und während jene da warteten, ihre Flammen-Wurf- und Verteidigungsmaschinen vernichteten, sie selbst mit dem Rest der Apparate massakrierte. Der siegreiche Trupp, der den Handstreich verübt hatte, kam aber nicht vollzählig in Marseille an. Man hatte dort beim Anrücken der Schar vor ihr nicht weniger Furcht wie vor dem beseitigten Bourdieu. Unterwegs kam die Weisung an den Führer der Mannschaft, sich der Marokkaner, soweit sie in den Besitz gewisser Geheimnisse oder gar Apparate gekommen seien, rasch und lautlos zu entledigen. Er ließ sie nach einigen Tagen vor sich her die schöne starkfließende Loire in sechs bewimpelten, freudig musikschmetternden Schiffen in großem Abstand fahren. Während der Fahrt setzte er wie Blutegel die kleinen Versenkerkasten unter der Wasserlinie an die Schiffe an. So daß einem unwiderstehlichen Antrieb folgend Schiff auf Schiff sich ins Wasser drängte, gezogen von den lautlos neben sie geführten, rasend neben sie niedergehenden, dicht an sie geschmiegten Unterwasserbooten, die sich mit Ketten Saugern Tastern an sie hängten. Die leeren biegsamen gläsernen Gehäuse, abwärts gestoßen durch den wütenden mit Hammergewalt einsetzenden Druck komprimierter Gase, der von rückwärts auf ihre Deckplatten niederfuhr, zwängten im Nu die Marokkanerschiffe unter den Wasserspiegel, ihre Kraft von Sekunde zu Sekunde steigernd, angeklammert und die Umklammerung nicht loslassend, bis Schiff und Boot, die aufgerissene weiß zusammenklatschende Wasseroberfläche verlassend sturzartig auf den Grund des dunklen Stromes stießen, verkrampft den Sand aufrührten, sich ruckweise warfen zuckten strudelten. Die restliche Führerschaft sah ihr eigenes Schicksal voraus. Sie riet den übrigen Truppen sich zu zerstreuen. Sie selbst erschienen unaufgefordert einzeln auf den Hügeln vor Marseille, vernichteten im Freien von Apparaten, was sie besaßen, vor den Augen des zugezogenen Senats. Entgingen dadurch dem Tode, nicht aber dem Schicksal, in der Stadt sogleich aus ihrem Arbeitsbereich gedrängt zu werden. Der Senat war wachsam geworden.
Für einige Zeit war seit dieser Epoche jedes Zentrum der afrikanisch-europäisch-amerikanischen Erde vor bestimmten Bedrohungen sicher. Wenige feste, geheim gehaltene Hauptstellen für die Verteilung der Energie hatte man überall eingerichtet. Man war immer im unklaren darüber, ob man zu viel oder zu wenig Menschen mit dem Vorhandensein der stärksten Kraftanhäufung vertraut machte. Man hatte keine Furcht mehr wie in früheren Zeiten vor Fernbeschießungen Bomben- und Kanonenkugeln. Die eisernen Geschosse konnten mit voller Wucht in die energiegeladene Luft stürzen. Sie war verdichtet wie die Luft des Erdballs für den Meteor, der aus dem dünnen Äther saust. Schon kilometerweit vor den Städten verlangsamte sich unter dem entgegentosenden elektrischen Orkan der Masten der Lauf des Geschosses, um zuletzt zerrieben, glühend pulverförmig abzufallen. Die Schwäche dieser größten Anlagen bestand darin, daß der Stromwirbel sich geradeaus pflanzte, mit einer Schicht die Städte von oben her abschloß, aber in der Tiefe bis zur Häuserhöhe kein weitreichender Dauerschutz möglich war. Denn diese ausgeworfene Energie wirkte zerstörend und verbrennend auf alles was in seinen Bereich fiel. Eine Sekunde nach Anschalten der Masten in Höhe der Häuser wäre alles, Stein Holz Fleisch Metall in einen glühenden Brei verwandelt verkohlt verkrümelt, als hätte sich Ätzlauge über die Stadt geworfen.
Von einer leisen, spielerisch abgelehnten, innerlich nie verhehlten Furcht wurden seit den Rebellionen alle Länder und Kantone durchzittert, es könnten im geheimen Menschen die Wissenschaft auf gefährliche Dinge durchstudieren und zähere ernstere härtere Männer als Bourdieu möchten darauf zu Entschlüssen kommen. Langsam bildete sich in den Städten eine Herrenklasse heraus. Sie kannten alles; saßen über Zeichenbrettern konstruierten standen vor Modellen arbeiteten mit Gasen erdigen Stoffen in den Laboratorien. Aus ihnen stammten die Errichter der Anlagen und Werke, Besitzer der Werke. Sie begannen, mit der Verbreitung bestimmter Kenntnisse anzuhalten. Fremde, ihnen nicht Sichere mühten sich vergeblich in den Spezialschulen Zugang zu gewinnen. Lächelnd wurden sie mit alten Kenntnissen abgespeist, mit Teilarbeit beschäftigt. Der Besitz der angeschwollenen gefahrvollen Kenntnisse konnte nicht allen gestattet werden. Mathematik Ingenieurwissenschaft Chemie Elektrotechnik Biologie Radiotechnik waren nur Ausgewählten gestattet, deren Zahl man von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verringerte. Diese standen unter strenger Aufsicht. Die politischen Behörden übten die Aufsicht selbst aus. Mit einem Geheimnis umgab man die theoretischen Wissenschaften. Man zerstückelte die Disziplinen, um keinem, der nicht bestellt war, eine Übersicht zu gestatten.
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Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob man zur Einführung der Sklaverei schreiten würde. Das schwallartige Heranwogen unermeßlicher Scharen Farbiger und Mischlinge aus den Ländern Afrikas, die sich mit der Aufnahme der freigestellten Kenntnisse und Genüsse begnügten, begünstigte die Neigung dazu. Bald kam es in spanischen und italienischen Stadtlandschaften, die den wildesten Andrang der Massen zu bewältigen hatten, die auch ein außerordentlich leidenschaftliches unduldsames Herrengeschlecht erzeugten, zu Vorfällen, die zu einer raschen Änderung in der Behandlung der Massen aufforderten. San Francisco wie London rieten schon längst den Herren von Barcelona Madrid Mailand Palermo zu größter Strenge und Aufmerksamkeit. Man könnte Fremde, sagten sie, denen der Mondgottesdienst noch im Blut steckte, die für einen Schluck kalten Biers ihre Habe und Arbeitskraft verkauften, nicht behandeln wie Menschen nördlicher Herkunft. Die westliche und nördliche Kultur war von ihnen aufzunehmen, nicht aber zu verschlucken. Ungestüm und aufdrängend, wie die Abkömmlinge der Berber und Haussa waren, waren sie geneigt im Grunde nichts zu achten.
Der wulstnackige schmerbäuchige Mailänder Ravano della Carceri, dessen Großvater noch Elefanten mit schwarzen Sklaven gejagt hatte, hatte in seinem Glaswerk den ersten von ihm provozierten Ausbruch der Arbeitermassen nur erwartet. Er ließ, um ein warnendes Beispiel seinen lauen Freunden in der Stadt zu geben, die Zügel schleifen. Man zertrümmerte, als er zwei Mulatten niederschoß, seinen Direktionssitz im Stadtzentrum. Er tat, als ob er erschreckt floh und alles im Stich ließ. Er hatte noch Zeit, unter Hohn die Verflutung seiner Werke mit dem erhitzten Volk zu beobachten. Die Revolte blieb in den Anfängen stecken. Bei dem Getümmel der Leute Carceris wurden die angegliederten Werke Sanudos und Horzis unruhig; dann die angrenzenden in der Landschaft Pisa. Fremdenviertel wurden alarmiert, die Massen wogten durcheinander, sie sangen ihre Heimatlieder, Landsmannschaften gliederten sich, in alberner Erregtheit rief man Frauen und Kinder. Das strahlte ahnungslos festlich. Glücklich sahen sie zu den endlosen niedrigen zauberhaften Werkfronten auf, die sie einst bestaunt hatten, an denen sie furchtsam wie unter Dämonenblicken gekrochen waren; dort liefen jetzt auf dem Dach schwarze Plattgesichter, machten Männchen.
Als noch Morosinis Lebensmittelwerk und zwei unterirdische Linien die afrikanischen Sprünge erduldet hatten, lief ein bunter Wirrwarr von Schreiern in langen Sätzen zum Senat der Stadt, um seine Demission zu erzwingen. Sie rannten, als käme es darauf an zu zeigen, wer der erste war. Ravano della Carceri war bei dieser Audienz anwesend. Die Hauptlärmer der Deputation, zwei Mulatten, schon im heimatlichen Hemd über dem europäischen Arbeitskittel, beachteten oder erkannten ihn nicht, den Herrn ihres Werks. Das versetzte ihn in große Wut und hinderte ihn, wie er sich vorgesetzt hatte, weiter im Hintergrund hinter dem hohen Lehnstuhl des Vorsitzenden zu bleiben. Er stellte sich stampfend vor die beiden, die er anfaßte, denen er das Hemd über der Brust lüftete; ob sie wüßten wer er sei. Und dann, was sie zu dieser Zeit hier zu suchen hätten. Auf ihre ungläubige schüchterne Lache und die kichernde Bemerkung, er solle sich nach seinem Werk umsehen, – was hinge zum Beispiel jetzt auf dem Dache? die Mulatten grinsten sich an und brüllten vor Spaß – griff er dem einen heiser an den Schlips auf dem Arbeitskittel, sie sollten sich ihrer Wege scheren. Da war er von dem starken Farbigen abgeschüttelt, lag am Boden. Im Nu auf den Beinen hing er sich dem Mann an den Hals, wurde mit einem Ruck an den Boden geschleudert, mit Fußstößen traktiert, von den anlaufenden Farbigen am Boden vor den Herren, die wegsahen, die Hände rangen, sich blaß auf die Lippen bissen, mit Riemen verwalkt. Die Riemen in der Hand, unflätig schimpfend, traten sie vor die Herren, denen niemand beistand; was sie nun dächten. Die erbaten sich nicht aufsehend Bedenkzeit, mußten auf das grobe Drohen der Farbigen das Zimmer räumen. Den halb besinnungslosen Carceri durften sie unter dem Gespött der Deputation, die sich auf den Senatssitzen, an den Sprechapparaten breit machte, aufheben. Ein fürchterlicher Stockhieb sauste noch über sie an der Türschwelle; der zerbrach dem grauen schweren Sanudo, der Carceri um die Hüfte führte, den Unterarm, so daß er den schwankenden Mann fallen ließ, den die Farbigen aus dem Zimmer rollten, um knallend die Tür hinter ihnen zuzuschlagen und ein prahlendes Fernsprechen in die Nachbarorte zu beginnen. Carceri kam in dem Erdgeschoßzimmer, in das sie sich auf einer Hintertreppe geflüchtet hatten, zur Besinnung. Er sah schrecklich aus; die Zähne waren ihm ausgeschlagen; er lallte, ein Zahn hatte seine Zunge durchbohrt; er lehnte luftschnappend mit fausthohen Stirnbeulen auf der Bank, spie Blut, schluckte einen Branntwein nach dem andern. Verfluchte sich innerlich, daß er sich für die anderen hergegeben hätte.
Der alte Sanudo saß auf der Erde. Sie schnitten ihm den Ärmel auf; er weinte. Carceri stöhnte aus seinem verschwollenen Gesicht zu den anderen, die ihn hielten: „Tut ihr nur, was ihr wollt. Ich tue was ich werde.“ Und dann, als sie flüsternd zu diskutieren anfingen, er steif zurückgelehnt: „Tut was ihr wollt. Was ihr wollt.“ Sie berieten, während es in den Gängen hinter der verriegelten Tür von Liedern hallte, wohin man sich zurückziehen sollte, um das Weitere abzuwarten. Sowohl die jungen wie die älteren waren einig, daß die Revolte noch rascher als die früheren militärischen abklingen werde. Man zuckte mit den Achseln; sie dachten, wie sie sich bleich ansahen und an den Wänden zusammendrängten: einmal werde sie doch ihr Schicksal erreichen; es sei im Grunde viel, daß sie sich bis jetzt gehalten hätten. „Und was kommt nachher?“ wimmerte Sanudo. „Wann?“ Carceri riß hinten die Augen auf, sie quollen ihm zu. „Wenn wir nicht mehr sind. Sie sagen doch, es sei schon viel, wenn wir uns so lange halten. Also was ist dann? Was werden sie können? Wir werden ihnen alles übergeben, den Säufern. Und was werden sie daraus machen?“ Carceri versuchte zu lächeln: „Ich kanns mir ausdenken. Wir werden dann auch noch ein paar Jahre leben, wofern sie uns nicht vorher zum Zeitvertreib totgeschlagen haben. Sie kehren vielleicht in ihrer Begeisterung wieder zu den heimatlichen Sitten zurück und fressen uns auf. Ich gratuliere euch allen zu dem warmen Wohnsitz, der euch bevorsteht. Neben Knoblauch und Sellerie und Branntwein.“ Sie machten sich, als der Lärm draußen verklang, heimlich davon. Erreichten den Platz vor dem Ratsgebäude. Man erkannte sie nicht. Das Tosen auf den nahen Straßen war ein Gemisch von Freude kindlicher Gutmütigkeit Blutrünstigkeit. Der Aufruhr war noch nicht über ganz Mailand ausgedehnt, aber man schlug sich schon auf den Straßen um Rang und Beute. Man sah schon schlaue Europäer, die zu den Farbigen hielten, auf und daran, sich der Bewegung zu bemächtigen, in den überall gebildeten Konventikeln horchen, die klügsten der Redner beiseite ziehen, den und jenen mit sich vor die gebrüllerfüllten Ratszimmer führen.
Ravano della Carceri erlebte eine feierliche, sicher ihn durchsteigende Wut, als auf den Straßen nördlich Mailands Peitschen knallten, und Farbige aufrecht auf den Pferderücken stehend ihre Tiere jagten, die Arme warfen, die Pferde schnaubten. Wagerecht warfen sie ihre Beine, die braunen Rümpfe dicht über dem Boden hängend. Diese Menschen würden nicht die italienischen Menschen und Werke beherrschen; es ging alles seinen guten Weg. Er kniff dem jungen Guistiniani, schwarzhaarig und gelbblasses nervös zitterndes Gesicht, in den Arm, wie sie seitwärts in eine Pinienschonung umbogen, wies ihm schweigend die vorüberstürmende Jagd. Guistiniani bebte, blickte weg: „Das muß ich mit ansehen. Ich schäme mich. Ich werde nicht lange leben, um dies anzusehen.“ „Du bist jung. Blick mein Gesicht an. Hast du das heute morgen noch für möglich gehalten. Weine nicht. Weine ich denn. Wie sie mich auf den Boden geworfen haben. Wer war es eigentlich, der mich mit dem Fuß getreten hat.“ „Ich weiß nicht.“ „Hätt es gerne gewußt. Ein tüchtiger Mann. Möchte ihn weniger einen Kopf als einen Fuß kürzer machen.“ Der junge schlug den linken Arm um Carceris Brust, klammerte sich mit seinem rechten an ihn an, stöhnte: „Dann weine ich für dich, weil es meine Art ist. Und ich sage dir, Carceri, du magst von mir denken, was du willst, weil ich weine; ich werde aber gewiß nicht stille halten. Ich stand mit den andern im Gedränge, als sie dich anpackten und das Gräßliche losging. Wir waren alle ja – hilflos. Nein, ich war nicht hilflos. Aber von den anderen ging dieses Gefühl, dieses niederträchtige auf mich über; ich hätte allein stehen können neben denen, ich hätte mich auch nicht für dich bewegen können. Aber: ich bin bestraft genug worden, daß ich zusah. Es ist einmal geschehen, wird nicht wieder geschehen.“ „An mir wird es nicht wieder geschehen, Guistiniani. Danach haben sie auch keinen Appetit mehr. Sie werden annehmen, ich habe fürs erste genug. Aber da sind ja noch andere, an denen sich allerhand versuchen läßt. Was meinst du zum Beispiel, Guistiniani, zu einem schlanken jungen Mann mit schwarzem Haar und unruhigem unzufriedenem Ausdruck, der den verdammten Ravano della Carceri nach Hause begleitet. Sie werden dir dein Gesichtchen, das dein Mütterchen immer gewaschen gepudert gesalbt gestrichen hat noch einmal salben und streichen. Ein feines Pulver haben sie, afrikanischer Wüstensand, Kieselsteine aus dem Atlasgebirge, das wirst du erleben. Soll ich dich küssen, Bübchen Guistiniani, auf dein zartes Gesicht. Ich glaube, morgen tue ich es nicht mehr.“ Sie gingen; Guistiniani, den Kopf gesenkt, den Blick auf das Gras, strenge Stirnfalten: „Du bist ein so unbändiger Mann, Carceri. Du mußt mir Farbe bekennen. Du mußt sagen, was du meinst. Ich bin aus dem ältesten Geschlecht unseres Landes, du mit mir. Ich gebe nicht nach. Den stinkigen Afrikanern. Dem Gesindel, dessen Kraft worin liegt? In den Lenden. In den Hoden der Männer, im Bauch der Weiber. Diese Plapperaffen Fettwanste Papageien. Ich schäme mich, von Menschen zu sprechen. Sie sind von den Bäumen gekrochen und spucken auf uns.“ „Und mein Gesicht? Und der Arm von Sanudo?“ „Ich will nicht, Carceri. Oh lieber Carceri, höre auf und sprich nicht so.“
Da zog Carceri den jungen Menschen beiseite, setzte sich mit ihm unter einen Baum, fragte ob jemand in der Nähe sei. Und dann, dicht an Guistiniani gelehnt, murmelte er, gestikulierte. Es sei gut, nicht zu laut zu reden. Der Junge solle sich vorsehen. Vor den anderen Männern und Frauen ihrer Kreise. Wenn die hörten, was er von Blut, altem Geschlecht und so weiter gesagt habe, so würde er etwas bemerken. „Wie viel altes Blut gibt es. Wer hat nicht ein Tröpfchen Afrika in der Ader. Nicht drüber reden. In ein zwei Generationen sind wir hops. Sind Nachspeise, Dessert, Schokolade, Käsebrötchen im Lande; das Hauptfutter sieht gelb und schwarz aus. Vom Tiber zum Po werden Kamele getrieben. Ich wollte auch, sie wären grün wie Gras und ich könnte sie zertrampeln; sieh mal, so. Aber deine Freunde, die Schufte geben schon nach. Ihr Blut taugt nichts. Es ist ihnen gleich, ob sie morgen noch da sind, wenn sie nur leben. Die Schufte, ja, die mit der Hilflosigkeit von vorhin. Ein Segen, daß sie dem Sanudo den Arm zerschmettert haben. Das merken sie besser als mein Gesicht, das ist für sie dickere Galle. Unsere Brüder, unsere Freunde! Mutloses Gesindel, Pack, das sein Los verdient. Weißt du, was ich täte, jetzt, wenn ich nicht das Gesicht schon hätte?“ Er schrie; der junge neben ihm im Gras hielt ihm ängstlich den Mund zu. „Ich ginge zu den Kannibalen. Stellte mich auf ihre Seite. Ja. Ich zeigte diesem Stinkvolk, was sie tun müßten. Tu dus doch! Ratzekahl alles! Das sollten sie tun! Schwamm drüber. Ein Volk, ein Pack.“ „Still“ schmiegte sich Guistiniani an, „nun ist gut. Nun hast du gesprochen. Nun ist alles gesprochen. Du darfst nichts mehr sagen. Nun will ich dir etwas von dem Gras erzählen. Sieh mal, ich bitte dich, sieh her, Carceri, das Moos an der Rinde. Und hier wieder Gras. Es ist ganz hellgrün, du kannst es wohl nicht sehen. Ich will es dir genau beschreiben. Es sind, fühle, ganz lange kurze mittelgroße Halme. Man kann sie zwischen den Fingern ziehen, ja nimm nur, nimm doch nur, ich will dir alles sagen. Zieh sie ganz lang zwischen den Fingern aus, bis zur Spitze, aber nicht daran schneiden, sie haben einen scharfen Rand. So, das ist lauter Grashalm. So sind alle Grashalme. Und weißt du, wo ich sie herhabe, die du eben da hältst? Alle? Ein paar von den Füßen, wo du eben draufgetreten hast, die Afrikaner, die du zuerst zertreten wolltest. Sie sind noch glatt, sie haben sich wieder aufgerichtet, einige sind geknickt, es sind ganz wenige. Und hier die – sind von deinem Kopf: da hast du doch, Carceri, wütend mit dem Kopf gegengedrückt; sie haben eins abbekommen, sind aber noch lebendig. Was glaubst du, sind das Afrikaner? Vielleicht. Aber vor allem: ich bin es auch und du bist es auch, Carceri. Ich geh nicht zu den Farbigen den Kannibalen. Denn warum sollte ich nicht auf das Grashälmchen hören, das unter dem Fuß ruhig weiter wächst. In den alten Liedern, die die Frommen haben, heißt es immer vom Gras, es hätte Ähnlichkeit mit dem Menschen, oder der Mensch mit dem Gras. Und wenn der Wind über sie weht, verschwindet ihre Spur. Ist schon richtig. Aber das Gras ist auch immer wieder da. Was ist mehr: das Weggehen oder das Wiederkommen? Ich halte mich an das Wiederkommen.“ Der unten hatte die Arme unter den seitlich gesunkenen Kopf verschränkt. „Und so denkst du, Guistiniani, mit den Bunthemdigen fertig zu werden. Sehen möchte ich dich einmal, wenn die Angst aus dem Gedränge kommt. Sehen werde ich dich einmal.“ Carceri kroch auf allen vieren hoch; der andere half, während der mächtige Mann knurrte: „Ihr seid alle nicht viel wert. Was meinst du“, er wankte vorwärts, sprach, die Hand vor dem Mund, „du glaubst, mir machen die Bunthemden angst. Weil sie die Werke haben. Ich habe schon noch abseits für alle Notfälle ein paar kleine Waffen, und Sanudo hat welche; schöne Geräte. Sieht aus wie nichts, und wenn du sie ansiehst, bist du schon nichts. Der beste Spiegel für gewisse Menschen: sie blicken hinein und finden nichts. Wir könnten damit so in der Nacht oder spät abends, wenn das Gedränge groß ist, auf den Senat spazieren. Magistrat sagen sie; sie halten das glaub ich, für eine nordische Suppe. Wir könnten ihnen eine Einlage in die Suppe machen. Nur den Sanudo und Morosini und unsere anderen lieben Freunde möchte ich von der Suppe nicht ausschließen. Du bist von der Partie? Sag ja. Bist doch von der Art der Grashalme; unvergänglich aber naiv.“