Chapter 43 of 48 · 3926 words · ~20 min read

Part 43

Er lockte sie wieder am andern Tag, wieder am andern Tag. Zart war sie immer da, braunschwarzes Kräuselhaar, das schlanke Figürchen, immer rege, leicht ermattend, der Blick erst schwach ergeben um Bäume Erden Menschen, täglich mehr wie die Herrin strahlend und offen. Sie trug die strenge Arbeitstracht der britischen Siedler, graue braune lange Jacke, schwarze Frauenhosen, lose, um die Knie und Knöchel gebunden. Als sie sich den bunten Foulard um den Hinterkopf wand, stand er unter dem Kirschlorbeer auf. „Ja, Servadak! Und dir bringe ich etwas. Eine bunte Jacke. Sieh doch, was sie für bunte Jacken tragen.“ „Wer trägt bunte Jacken?“ „Die Schlangen. Die Männer. Viele.“ „Light-for-me, ich bin ja gar keine Schlange.“ Sie erschrak, kam näher: „Sag das nicht, was sagst du. Wir sind es doch alle.“ „Du weißt es selbst.“ „Nein, nicht weiter sprechen. Ich will nicht hören. Mach mir nicht bange.“ „Was willst du mir geben, ein Tuch? Eine Jacke? Wenn du willst, wenn sie von deiner Hand ist, will ich sie tragen.“ „Ich dank dem Himmel, daß du willst. Ach Servadak, steh doch auf von dem Baume: du wirst nicht besser unter dem Baum. Du siehst blaß aus wie wenn du eben aus London gekommen wärst.“ „Hundert Jahre bin ich aus London weg. Es ist nicht wahr, daß ich noch blaß bin. Ich arbeite, sieh meine Reben an, mein Licht.“ „Ich bring’ dir die bunte Jacke.“ „Und komm du!“ Sie war bei ihm. „Was faßt du mich an, Servadak. Sollst deinen Kittel ausziehen. Sieh, das ist grüne Wolle. Gefällt sie dir? Sie ist schön. Ach wirst du aussehen.“ „Ich werde gut aussehen? Zeig. So. Wie sehe ich aus?“ „Gut, gut. Herrlich. Sieh dich doch selbst an.“ „Ich will sie immer tragen.“ „Nein, du darfst mich nicht immer anfassen. Ich muß dich doch betrachten. Bist du nicht schön. Wirst du mit mir morgen singen gehen?“ Und sie führte ihn fröhlich durch seinen Acker, rief die Bohnenranken an, zeigte ihn dem Kirschlorbeer: „Jetzt wird Servadak dir untreu, Lorbeerbaum. Jetzt sitzt er nicht mehr bei dir. Er braucht Licht. Er will sich bewegen. Er muß stolzieren.“ Sie führte ihn auf ihr Feld: „Das ist Servadak. Wie gefällt euch seine bunte Jacke. Ist sie nicht schön wie mein Foulard. Komm, ich setze dir eine frische Bohnenranke an den Hals. Nun Rankchen, was sagst du zu Servadaks Jacke?“ „Gib mir die Ranke her.“ „Laß sie doch an deinem Hals.“ „Ich will sie in meine Hand nehmen. Sie ist von dir. Du hast sie gepflegt. Und wenn sie welk ist, halte ich sie zwischen den Handtellern und bis in meine Schultern hinein lebt sie, nein lebst du.“ Sie drehte aufseufzend den Kopf beiseite. „Was ist, mein Licht.“ „Nenne mich anders.“ „Du bist doch mein Licht.“ „Nenne mich anders. Ich möchte Krokus heißen oder Lüftchen oder – ich bin Majelle, wie ich immer war.“ „Du bist traurig.“ „Ja, du magst meine Ranke nicht, Servadak, magst nichts. Ich nehme sie dir schon ab.“ „Mein Licht.“ „Sag Majelle zu mir. Du magst das Licht doch auch nicht.“ „Oh!“ „Oh. Ja, oh, Servadak, mein Nachtfalter. Oh bist du krank von London.“ „Ich habe so viel, so viel Menschen entbehrt, Majelle. Jetzt habe ich dich. Sei mir nicht gram.“

Die braune Majelle blieb ganz für sich, kein Wort sagte sie bei den großen Zusammenkünften zur Diuwa, der Führerin dieser Gruppe der Schlangen. Oft kam Servadak, lud sie zu der Hütte ein; sie machte glücklich und traurig die Wanderung mit ihm. Wartete, ob er sich verändere. Aber von jeder Wanderung kam er wilder sehnsüchtiger zu ihr. Ihr Acker lag dicht bei Servadaks. Seine Blicke lagen halbe Tage auf den Baumstämmen dem Boden den Schoten Artischockenkraut Gewürzblumen ihres Ackers. Immer wartete sie, ob er die Kräuter Obstbäume ansehe, ob er sich über ihre Hühner freue. Er freute sich, aber sein Lächeln zeigte, er freute sich über sie. Dicht bei ihren Feldern lag ein ruhiger See. Sie schwamm wonnig in dem lauen flachen Wasser, Servadak jauchzte neben ihr; sie ließ sich im Wasser von ihm küssen umschlingen, sah sein glutverzehrtes Gesicht. Sie lief in ihre Hütte, warf sich: „Oh was was was was soll ich tun! Was soll ich tun! Ist er nicht krank. Ich möchte ihm gut sein, er ist schrecklich. Er leidet. Er verschlingt mich. Was soll ich tun.“

Zur Diuwa, der milden glanzäugigen ließ sie sich führen. Die lachte: „Weißt du, Majelle. Ich will dir sagen: du wohnst weit von uns allen entfernt mit deinem Servadak. Würdest du näher wohnen und öfter zu uns kommen, wüßtest du schon: das kommt tausendfach vor. Es ist bei Männern und Frauen nicht sonderbar. Sie sind so froh alle, einer den andern zu haben. Nach so langem Entbehren. Und nun überfroh.“ „Ich bejammere ihn ja, Diuwa. Er arbeitet. Was er muß, arbeitet er. Aber nichts betrachtet er. Er ißt, ohne zu schmecken. Ich habe es gesehen, als er bei mir saß: es hat ihm nichts ausgemacht, ob ich ihm Gurke oder Senf oder gebackene Trüffeln gab. Er schluckt lacht und ist froh.“ „Weil du da bist.“ Majelle weinte: „Ja weil ich da bin. Aber ist er nicht wahnsinnig.“ „Du Kind. So sind viele.“ Majelle weinte: „Hilf mir doch, Diuwa. Er ist gut, Servadak. Er hat grausig in London gelitten. Er kannte nichts als Maschinen und das Spiel und Lungern. Er hat es mir erzählt. Und dann ist er zu uns gekommen. Wie schön konnte es bei uns werden. Und es wird nicht.“ Diuwa hielt die junge Majelle auf dem Schoß, sann: „Eins will ich dir sagen. Als du von London kamst: dies mußt du nicht glauben, daß du allen Schmerz zurückgelassen hast. Majelle. Der Schmerz das Unglück ist nicht nur in London. Das kommt überall mit, wo man den Fuß hinsetzt. Sogar hierher, wo alles weich wie ein Garten Eden ist, hier an der Garonne.“ „Ich fürchte mich vor dem Schmerz nicht.“ „Du könntest Servadak rasch töten, Majelle, wenn du mit ihm in der Hütte bist auf einer Wanderung. Willst du das. Ja. Das haben schon manch andere getan, Mädchen und Männer. Es ist keine Qual. Es ist kaum ein Schritt, du weißt es selbst, zwischen einer Wanderung mit dem Geliebten und dem Hinsterben. Es ist er nicht, dein Freund, dieser Servadak, das stirbt. Wenn er entrückt ist, an deinem Leib sich zurückbiegt, sich fallen läßt, sich verströmt, hat er nicht mehr die Seele Servadaks. Du ersparst ihm nur die Rückkehr. Laß ihn drüben. Jetzt bist du still.“ Lange war Majelle still, auf dem Schoß der Führerin, an ihre Brust verkrochen. Hauchte: „Das kann ich nicht.“ „Ich weiß schon. Weil du dann selbst mit ihm wanderst.“ Geduckt saß Majelle. „Gut, Kind. Wir wollen etwas anderes denken.“ Majelle an ihrer Brust atmete: „Er ist so zart. Mein Nachtfalter; kann ihm nichts tun.“ „Wir denken etwas anderes.“ Majelle umhalste die Frau: „Du bist mir böse, Diuwa.“ „Nicht spielen, lieber Schmetterling. Willst du mir deinen Nachtfalter überlassen?“ „Dir?“ „Vielleicht zähme ich ihn. Vielleicht ist er eine Schlange, eine richtige mit Giftzähnen, und ich muß ihm den Ring vom Fuß nehmen.“ „Soll ich’s tun? Tu ihm nichts. Du hilfst.“

„Servadak, Diuwa läßt dich bitten.“ „Ich gehe nie mehr zu den andern, Majelle, mein Licht. Nie mehr. Willst du mich wegschicken.“ „Sie will dich sehen.“ „Ach, ich darf jetzt zu dir kommen. So lange habe ich an meinem Lorbeerbaum gesessen. Nun bin ich bei dir. Ich weiß, du hast mich verklagt. Majelle, du bist zur Diuwa gegangen und hast um Hilfe gegen mich gebeten. Es tut mir nicht weh. Du hast mich ja vor mir selbst so oft angeklagt. Aber ich kann doch nicht von dir lassen. Ich muß dir ein Geständnis machen meine Hand, mein Hals, mein Kräuselhaar, mein Planet, meine Sonne, meine Erde, meine Nacht, mein Tag. Ich kann dir nur den zehnten Teil sagen von dem, was ich zu dir fühle. Ich wagte es ja auch nicht mehr. Aber ich kann es nicht rückhalten.“ „Drück mich nicht so, Servadak, süßer Servadak.“ „Jetzt schämst du dich, weil du bei der Diuwa meinetwegen warst.“ „Was willst du mir denn sagen, Servadak, süßer Servadak. Du fliegst ja so.“ „Gleich.“ „Warum machst du denn die Augen zu, Servadak, süßer Servadak.“ Er hielt sie auf der Bank fest umklammert, den Kopf neben ihrem Kopf: „Jetzt – mache ich die Augen nicht wieder auf. Nie wieder.“ „Ach tu’s doch. Mach sie doch auf.“ „Nie mehr.“ „Laß mich los, Servadak.“ „Nie mehr.“ „Was soll das.“ „Nichts. Die Gehilfen der Diuwa von den Schlangen werden mich holen. Einmal werden sie mich doch holen. Sie haben schon andere geholt. Ich habe es gehört.“ „So laß mich doch los.“ „Nein, Majelle, ich bin da. Da. Bei dir. Bei deinem blauen und grünen Foulard, komm, ich wickle ihn mir noch um den Hals. Jetzt ist dein Fleisch bei meinem. Sie müssen mich von dir abhacken. Ich habe dich. Hier meine Knie an deinem, mein Kopf an deinem.“ „Mich los, Servadak. Ich ersticke.“ „Ich ersticke dich nicht.“ „Ich falle.“ Und sie stürzten von der Bank, auf die weiche Graserde. „Majelle, süßes Leben, ich weiß alles, was kommt. Es mag recht sein, was kommt, aber ich will es nicht erdulden. Eia, eia, da bist du.“ Er schnaubte, wühlte an ihr. Sie schrie. „Jetzt wirst du schreien, mein Leben.“ „Was habe ich dir getan, Servadak. Ich war immer gut zu dir. Ich habe dir im Garten geholfen. Wie oft bin ich in der Hütte mit dir gewesen.“ „Wenn du da warst, war es gut. Wenn du nicht da warst, war es vorbei. Jetzt ist es gut. Ich habe mich vor Sehnsucht verbrannt. Ich fühle sie fast noch, wo ich dich umschlungen halte. Ich will sie nicht mehr ertragen. Ich kann nicht mehr. Sei gut und ergib dich drein, Majelle, verfluche mich nicht.“ „Ich sterbe, Servadak, in deinen Armen. Du darfst mich hier nicht umarmen. Zerreiß meine Kleider nicht.“ Er stöhnte litt, war im Entzücken begraben: „Der hier bei dir liegt, ist Servadak. Dem nichts geschehen wird. Du kannst ihn töten. Greif nach meinem Gartenmesser, bring mich um. Ich gehe nicht mehr von deinem Hals. Ich bleibe immer hier. Immer. Immer.“ „Hilfe. Wer hilft mir.“ Sie wimmerte nur noch. Dann zog sie mit einem hohen Seufzer die weißen Lippen von den Zähnen hoch. Lag schlaff ohnmächtig.

Nach einer Weile erst merkte der brünstig Verwühlte ihr Verstummen. Er stemmte sich auf, schlug sich ihren leichten Körper über die Schulter, wanderte zu seinem Feld herüber, legte sie in seinem Holzhaus auf das Bett. Wie sie sich aufrichtete. Wie sie um sich blickte. Er lag am Boden, lächelte sie an. „Was ist. Wo liegst du?“ „Bei dir, Majelle.“ Sie sprang auf, ihre Blicke durch den Raum: „Das ist dein Haus.“ „Ja.“ „Du sollst zur Diuwa.“ „Ich sollte. Und statt dessen ist Majelle zu mir gekommen.“ „Nein; ich will gehen.“ „Du bleibst jetzt immer bei mir, Majelle. Immer bleibst du jetzt bei mir.“ „Ich gehe auf mein Feld.“ „Das kannst du. Das wirst du. Es ist auch mein Feld. Dieses Haus ist dein Haus und mein Haus. Hier wohnst du jetzt.“ „Nein.“ „Gewiß wohnst du jetzt hier, Majelle. Ich kann nichts anderes erlauben. Du kannst nicht verlangen, daß ich mich umbringe. Hier habe ich dich. Und behalte dich.“ „Du bist krank.“ „Es kann sein. Ich kann nicht ohne dich leben.“ „Und ich?“ „Du bist Majelle, mein Leben, ein Stück meines Körpers. Jetzt bist du hier und wirst immer bei mir sein. Wie ein Baum und sein Schatten gehören wir zusammen; man kann sie nicht auseinanderreißen.“ Er zitterte, seinen Arm hatte er um ihre Hüfte. Sie wußte nicht, wer er war. Ihr war zum Schreien vor Schmerz. Sie drehte sich zu ihm, legte die Hände auf seinen Kopf, zog sein Gesicht zu sich, küßte es, blickte es an, bettelte klagte schüttelte ihn: „Nun, Servadak! Du bist doch mein Freund. Servadak! Du bist doch mein süßer Stamm unter dem Kirschlorbeer. Komm hin, setz dich da. Ich werde mich neben dich setzen. Du siehst zu mir herüber. Du hörst meine Hühner gackern und rufst ihnen zu. Du wirfst nach den Spatzen mit Steinen, damit sie meine Schoten nicht aufpicken. Der Lindenbaum blüht neben meinem Häuschen. Servadak. Du! So wonnig ist alles.“ „Nur du bist wonnig.“ „Sag das nicht. Hör mich doch. Oh du ängstigst mich so. Du bist doch auch mein Glück.“ „Du bist mein einziges Glück.“

Da schrie sie auf in Entsetzen, so gell, daß er sie ließ und stehen blieb. Sie huschte an die Tür, drehte sich um zu ihm, der sich entgeistert am Bett hielt, lief noch einmal zu ihm. Er murmelte mit dem Blick eines Stiers, der den Todesschlag empfängt: „Nicht weggehen. Oh, Majelle. Nicht weggehen“, und hob keine Hand. Sie rang sich noch ab, wie sie ihn auf das Bett gelegt hatte, er ließ mit sich tun –: „Ich will in mein Haus. Ich komme bald wieder zu dir.“ Und dann ging sie leise, drückte still die Tür ins Schloß, stand horchend an der Tür, stürzte auf ihr Feld. Auf der Wiesenfläche vor ihrem Häuschen warf sie sich zwischen den aufflatternden Hühnern und Tauben hin, beschwor ihren Schmerz stille zu sein, weinte schluchzte sich die Brust müde.

Und dann mußte sie ihr Kopftuch nehmen, ihr Gesicht war rot und dick: „Diuwa, ich bin zu dir gekommen. Ich selber. Servadak, mein Freund, wollte nicht. Ich weiß nicht, was werden soll. Heile ihn. Hilf uns. Mach mit uns, was du willst.“ „Du hast geweint. Was willst du?“ „Ich weiß nicht, was ich will.“ „Nun sitz ganz still. Nicht weinen. Nicht wieder weinen, Majelle, du Feder, du Seide. Bleibe, was du bist. Kennst du den Abenduntergang, Majelle, am Meer, nach der Gironde zu, wo drüben Bordeaux liegt. Da sind gewaltige Farben, schwimmt alles von Gold und Blut, braust und donnert durcheinander. Und das Meer kann nicht stille halten; die ganze Wasserfläche zittert und die Luft; das Glühen, Purpur. Und dann wird es stiller. Dann siehst du von deinem Hügel mit einmal Bäume. Sind Bäume aufgetaucht aus dem Boden; die verborgenen schwarzen Äste gegen den hellen Himmel. Waren vorhin auch da, aber du hast sie nicht gesehen. Und während du hinschaust, wie sie verschnörkelt sind, die dicken Stämme umfaßt, alles schwarz –, bleicht der Himmel. So weißlich leer wird er. Aber auch das scheint nur so, im ersten Augenblick; er ist nicht weiß. Die bläulichen zarten Farben sind schon da, Striche und Dünste wie gehaucht –, ein rötliches Violett, es ist schon ganz ins Weiße aufgelöst, ich sehe es Abend um Abend, wie es vom Meer über uns hingeht. Da stehst du zuletzt und jetzt sind die Bäume ganz da: Die Felder und Hügel liegen vor dir. Dunkel, ins Dunkle eingerundet, und immer tiefer mit uns selbst ins Dunkle einsinkend. Majelle, so kommt man immer zu mir: mit diesem purpurnen und goldenen Glanz. Es gibt keine Felder, keine Bäume, keine Trüffeln Artischocken Erbsen. Man weiß nichts von Hühnern. Nur Purpur Donnern Untergang Tod. Was machen deine Gräser und Schoten, Majelle? Ich bin Diuwa. Wir sind an der Garonne, von London und den britischen Inseln vertrieben.“ „Ich will dir sagen, Diuwa, ich bin so gekränkt, daß ich mich vor mir schäme. Ich bin durch Servadak so beleidigt und entwürdigt. Ich fühl’ es nur, ich weiß fast nicht wodurch. O ich muß mich bezwingen.“ „Es gibt Hühner auf dem Feld. Was machen sie? Sollen sie weglaufen und sterben. Du hattest Artischocken gepflanzt.“ „Und meine Bäume sind gut, und die Tiere sind gut, und der Tag ist gut. Und alles wäre gut und Servadak. Nein“, sie winselte plötzlich, drückte sich an die Frau, die die Augen weit öffnete – „er war gut. Tu ihn weg von mir. Es muß geschehen. Ich kann dir nicht sagen warum. Führ ihn weg. Ich will nicht hassen. Ich verliere mich, euch alle.“ „Aber ich will es tun, Majelle. Ist das nun das Purpur oder das Violett und die Bäume.“ „Wegtun, Diuwa. Meinen süßen Freund, nimm ihn. Ich kann mich nicht halten. Tu es für mich.“

Die Drosseln, die sie beide oft gehört hatten, sangen. Die Tauben flatterten von ihren Plätzen auf. Die Boten der Schlangen traten in Servadaks Haus, der sie schon erwartete. „Nehmt mir den Ring nicht ab“ ächzte er, als sie an seinem Fuß nach dem Schlangenabzeichen griffen. Sie führten ihn nach Westen in eine andere Siedlung. Wie ein Brand, den man in einen stürmischen Schornstein tut, verbrauste er. Der würzige dunkelrote Medokwein lief durch ihn. Servadak sprang, sein Leib wurde gedehnt. Majelle war fern, blieb fern.

Gewaltiges Blutrot über Bordeaux, zitternde, in Flammen verbrennende verprasselnde Wasserfläche. Vergilbender Himmel, hinbleichende Luft, große wie ein Riesenschiff aus dem Meer anwogende Nacht. Rebgelände Bäche Menschensingen. Und durch Servadak lief der Wein. Die Sterne glommen. Da waren Kastanien, dunstende Rosenbüsche, Magnolien. Das gab es. Das alles gab es. Servadak bog sich in seiner Hütte auf dem Stroh. Wann würde er die Überfahrt von London beenden. In ihm weinte es: Ganz hinten an der Garonne gab es – wen? Light – for – me. Majelle. Sie ging über ihren Acker, um den Kirschlorbeer, Kräuselhaar, offene braune Augen. Nicht daran denken. Wegtun Majelle.

* * * * *

Um Toulouse, im heiteren Gebiet der milchweißen Magnolien, der Jukkastauden mit den gelben hängenden Glocken, bewegte sich Venaska, eine schlanke Frau von braungelblicher Hautfarbe und schwarzem dichten Haar. Sie war in dieses Gebiet der Schlangen von Süden gekommen. Der Schnitt ihrer Augen, die Modellierung ihres Gesichts war mehr malayisch als europäisch. Manche nannten sie Mondgöttin. Sie nahm in der milden Fruchtflur der jungen Garonne bald einen ähnlichen Platz ein wie Diuwa im Norden. Mit ihren ruhigen sicheren langsamen Bewegungen, die ein kühlwarmer Leib ausführte, – zierliches Knochengerüst, flaumzarte Haut – drang sie unauffällig in alle Kreise der Schlangensiedler. Ein leicht mokantes Lächeln um die vollen Lippen. Das Gesicht von einem stillen Ernst bedeckt, der ganz seelenhaft war, so seelenhaft, daß die ihr begegneten betroffen waren, zugleich beschämt und erfreut, und sich leicht von ihr führen ließen. Mit einer kleinen Zahl Frauen und Männer, die ihr anhingen, wohnte sie eine Zeitlang am breiten Canal du Midi, am Flüßchen Saune. Man kannte sie nicht, wenn man sie in der sommerlichen gelben Siedlertracht herumgehen sah, die sie anlegte, obwohl sie nichts tat. Man arbeitete ja für sie, brachte ihr von den Fischereiplätzen Hummer, kleine schmackhafte Sardinen, fetten Lachs. Man stritt sich, wer ihr von seinem Feld die süßlich feine Gurke, die Aubergine bringen sollte. Wer den Wein brachte, trank ihn mit ihr. In gelben losen Siedlerhosen ging sie herum, mit der weiten Bluse, an der Brust grüne und schwarze Bänder, ging umschlungen mit Männern und Frauen, sah hier auf zu der fetten Weideflur bei den Hirten, ging lächelnd und träumend unter dem Geplauder ihrer Begleitung die gewundenen Hügelwege, spielte mit den langen Korallohrringen, winkte mit ihrer gelben Hand einer Bäuerin im bunten Kopftuch. Warf ihnen schon weitergehend über die Schulter einen Blick aus ihren dunklen aufstrahlenden Augen zu: das Herz stand ihnen still. Wer vor ihr stand, wen sie ansprach, besonders Frauen, war erregt gebannt. Alle hatten das Verlangen, nach der kühlen festen immer leicht zuckenden Hand. Und war Venaska vorbei, so kam ihnen vor, im Hals, in der Brust, als wäre ihnen etwas geschehen. Sie liefen rasch, es war ihnen zum Ersticken in ihren Kleidern, ihre Augen glänzten. Sie mußten sprechen schwatzen; ihre Herzen klopften rasch, sie kamen nicht zur Beruhigung. Einmal hatte im Norden, zwischen den Kieferwaldungen und Seen der Mark die herrische Marion Divoise gelebt, die Balladeuse, die Mädchen und Männer an sich lockte, ohne daß sie wußte, wie das kam, und die ängstlich sah, wie man auf sie zudrängte, und erregt einsam blieb. Die braungelbe Venaska gab nichts von sich, was sie nicht fühlte. Oft wenn sie mit einer fremden Frau stand, mit ihr Blick in Blick über einem Zaun, einem Busch, die Hand hinüberstreckend, wurde sie blaß, biß sich die Lippen, wandte sich verwirrt ab. So schwächte sie, was sie von sich gab. Von Island fuhren durch das arktische Meer zwischen den Schiffen des Expeditionskorps die großen Frachter, die Hallen mit den ausgespannten leicht surrenden glimmenden Turmalinnetzen. Fische Vögel zogen um die schwimmenden Frachter, Tang Algen wuchsen aus dem Meeresboden; nachts leuchteten die Schiffe, stießen sich von der Meeresoberfläche ab. So wandten sich die Menschen auf den Hügeln und an den Ufern des Canal du Midi und der Saune von ihrem Boden, von der Egge der schlanken aufrechten Gestalt zu, die wie ihresgleichen war, und deren Blick Stimme ihnen mit schmerzhafter Schärfe ins Herz zuckte.

Man hatte ihr, die aus der Marseiller Gegend heraufkam und erzählte, sie wollte nicht mit den Stadtschaften in die Erde gehen, ein flaches Siedlerhaus aus Buchenholz gezimmert unter einer alten Mauer. Feigenbäume mit lockeren dunklen Kronen hielten sich an dem alten Gestein, schüttelten jenseits die bräunlichen Zweige herüber. Dunkelgrün waren ihre Blätter, rauh mit Borsten, an der Unterseite hell weichhaarig. Die birnförmige violette Frucht hielt Venaska oft zwischen den Händen, rollte sie, hob sie zum Kinn. „Das ist ein Gott, wißt Ihr, eine Göttin. Ist so glatt außen, wird noch dunkler, braun schwarz. Und inwendig ist grünes Fleisch, rotes Fleisch, das schmeckt wohl. Die Nüsse hält sie damit, die Früchte. Das ist die Feige, meine Göttin.“ Sie nestelte sich in das schwarze Haar Zweige mit der jungen Frucht, beschenkte die anderen mit den kostbaren von ihr bestrichenen behauchten Blättern. So ging sie an der sanft fließenden Saune, schlank und biegsam auf hohen Beinen mit leicht vorgewölbtem Leib. Wem sie im Vorüberziehen den Arm um die Schulter legte, ernst und sonderbar fremd, der fühlte, verzaubert in ihr glattes Gesicht blickend: er hatte noch nie gewußt, was ein Weib ist. Fast, was ein Mensch ist.

Sie war ohne Scham. Als wenn sie sich bedrückt fühlte, warf sie am Tag oft ihre leichte Jacke ab, bewegte sich, ging mit nacktem wiegenden Oberkörper, bräunliches ebenmäßiges Gebäude, umhauchte Brusthügel, tiefdunkel flach. Und dann, in Menschennähe, waren ihre Arme nur Ranken, die etwas suchten, worum sie sich winden sollten. Ihre Brust atmete leise, gleichmäßig und immer glückvoll. Andere menschliche Ranken, Arme von Männern und Mädchen, schlangen sich mit ihren zusammen. Venaska, Blick in Blick mit dem andern ruhend, gurrte, sprach lieblich, kehlte. Sie wußte nicht, wie streng sie wirkte. Das andere, das an ihrem Körper hing, schauerte in Entzücken, öffnete hingegeben, schon nicht mehr drängend, die Lippen. Hatte in rasch verschwindenden Sekunden einen Hang, sich zu lösen, abzuziehen. Venaskas Augen fingen an, sich zu weiten, tiefschwarz mütterlich leidend zu gluten. Ein Erliegendes hatte sie an ihrer Brust. Dem streichelte sie die Schultern, die Ohren, den Hinterkopf, strich über seinen Nasenrücken; ihre Augen blitzten auf. Es kam ein Augenblick, wo das andere schlief in ihren Armen, ihre Berührung erduldete. Was war das für ein Wesen, das seinen hingleitenden Körper umrang, ihn befühlte, Armfläche gleitend über Rumpf und Schenkel, mit jedem Teil seines Leibs verlangte in dem andern zu wurzeln. Als wäre Venaska eine Blase und spritzte aus Stichen und Rissen. Dies Andrängen Zubodenrollen Herumgleiten Herabgleiten Heraufgleiten Sichannageln Abreißen Abwerfen. Das herrische zornige Schreien Keifen wie mit einem Wesen, das nicht anwesend ist, das Sprudeln Stöhnen Keifen Flehen Drohen Wüten. Und wieder Abzittern Lächeln sanftes Flüstern Betteln schmeichelndes Umschlingen. Ruckweises Erstarren, wie wenn die Kraft sich in ihr anstaute. Der Leib versteifte sich bis zu den gestreckten Zehenspitzen, den gebogenen Fingern, den nach rückwärts gedrehten Armen, als vermöchte er sich nicht zu entladen. Und dann ächzendes erschütterndes blindes Hinbrechen, Wolken Blitze Gewitter lodernd. Das Wesen aber an dem Körper der braunen flutenden Venaska wurde bewegt, gehoben wie ein Schiff auf dem Meer. Sein Leben aufgewühlt. Sein Körper rang sich zu behaupten. Der Unterschied von Tod und Leben verschwand. Das schluckte ertrinkend stürmisch die Süße. Zuckte an der tosenden Venaska. Ihre Leiber brausten aneinander.