Part 22
Die Japaner, die Herrschaftssippen verjagend ausrottend, verließen beim Erlöschen des Krieges nicht den Kontinent. Sie saßen da, nicht im Auftrag ihrer Völker, auf eigene Faust, zum Hohn den Westlichen, unter Billigung ihrer Völker, durchschauten das ihnen fremde eigentümliche Gefüge dieser großen Städte mit Neugier. Und wie die Asiaten unter dem Schutz ihrer Waffen einige Jahre durch die lungernden schlaffen läppischen Volksmassen geschlichen waren, dachten sie die Städte und um die Städte herum alles zu verderben. Sie waren frei von der Sorge der westlichen Senate. Die Völkerstämme, die in diese großen Stadtreiche des Westens eingeströmt waren, arbeitend genießend schmarotzend sich vermehrend, stammten aus den Prärien von Nebraska Dakota Nevada, – Reste von Weißen Mestizen Zambos Negerabkömmlingen indianischen Mischlingen. Es wäre nach dem Zerreißen des alten Völkerkreises in den Städten alles neu einzurichten gewesen. In diesen pazifischen Zentralen unter mongolischer Oberhoheit stockte bald alles. Die Asiaten setzten die Selbstverwaltungen von Franzisko Portland und die im Hinterland Okkupierten unter Druck. Die letzten großen Sippen, deren Familiengut technische Mysterien waren, hielten noch die Mekifabriken in Betrieb, suchten Zusammenhang mit den Massen. Die Städte, desorganisiert hungernd sich stärker zersetzend, gärten. Man saß gefangen in einer fremden Festung, in einer Belagerung; der Feind mitten unter ihnen. Eine wutgeheizte unbeschäftigte Masse trieb sich in den Riesenstraßen herum, spärlich aufgeklärt über die Dinge, die draußen abliefen, auf der Suche nach Bundesgenossen.
In der Masse herrschte der alte indianische Glaube von einer guten und bösen Macht; das Volk befragte Erde Aschen Vogelknochen. Es traten in Dakota – und wurde rasch über die Westküste verbreitet – Gerüchte auf: man müsse ausbrechen aus den Städten, nach Norden, ins Kanadische, ins Land der Irokesen, an die zerklüftete Küste, auf den Archipel der großen Inseln, in das Yukonbergland. In den Anlagen von Franzisko erschienen Männer aus westlichen Städten, die rote runde fremdartige Steine aus ihren Bergen mit weißen zerschlugen, aus den Splittern überraschend über die nächsten Vorkommnisse aussagten, den Durchbruch nach Norden prophezeiten. Wie in der märkischen Landschaft warfen die Gefesselten in diesen Städten sich auf Ringen Jagen Anschleichen List und Wildheit, bildeten kriegerische Geheimbünde. Der Krieg Marduks mit dem Völkerkreis wurde dunkel bekannt; der Name Marduk lief als Geheimzeichen um. Die Asiaten hörten ihn, lachten verspotteten die Städter: „Marduks!“
Sie wurden still, als eines Tages die angesammelten Lebensmittelvorräte, auch ihre eigenen, in Franzisko und Portland Flammen zum Opfer fielen. Sie standen vor der Frage, ob sie Millionen verhungern lassen sollten oder ihre Herrschaft aufgeben. Sie warfen Funken nach Westen in ihre Heimat. Man beruhigte sie: ob sie Furcht hätten oder Sachwalter amerikanischer Wilder seien. Sie verdoppelten die Massensicherung um die Städte.
Drei Wochen nach der ersten Vernichtung der Nahrungslager erfolgte in Franzisko und Portland am gleichen Tage das Niedersengen der Fabriken selbst. Geheim eingeführte Sprengstoffe wurden verwandt. Zugleich erfolgte ein Angriff auf die Wohnsitze der mongolischen Eroberer, der sich zu einem Sturm der ganzen Stadt auf diese Wohnsitze gestaltete. Nur eine Stunde war nach der Sprengung der Fabriken vergangen, als die ersten geängstigten, das Leben wagenden Menschenmassen von der Brandstätte der Fabriken gegen die Strahlenbarriere der Fremden um das Ratsgebäude liefen. Sie waren halbnackt verwahrlost dem Tode nah, Menschenfresser, gehässig auf sich. Sie erstickten in den Strahlen, fielen auf den gelben welken Wiesenflächen um die Gebäude. Neue Massen stürmten. Ein Teil der Haufen kam spät, wollte nach der Peripherie, sah sich gefangen wie sonst, setzte sich gegen das Zentrum in Bewegung. Um die Gebäude der Mongolen bildete sich ein Ring von Toten, der sich von Minute zu Minute erhöhte. Die schmierigen Menschen, Weiber, die noch Kinder trugen, die gereizten rasenden Männer, wußten, daß es kein Erbarmen für sie gab und daß das Mildeste, das sie gegen sich tun konnten, war, hier zu verenden. Die gefährdeten Krieger, die Mitglieder der Geheimbünde, hielten noch im Hintergrunde, hetzend: „Fangt sie, fangt sie!“ Ihr Geschrei brauste in Wellen stundenlang gegen die stummen Gebäude der Mongolen. Schon war der Berg der Leichen auf allen Seiten um die freiliegenden Gebäude so hoch, daß man ihn nur auf Leitern erklettern konnte.
Da begannen unbemerkt Klansbündler sich unter die Menschen zu mischen. Plötzlich in der Raserei ein Krach: Krach und Schlag. Krieger, einzeln vorgehend, den Berg als Deckung vor sich, warfen Sprengstoffe herunter, herüber, wie sie sie morgens gegen die Fabriken gebraucht hatten. Die Mongolen, gereizt, verloren ihre Ruhe nicht. Jetzt war ihnen sicher, die Unterworfenen wollten Entscheidung.
Da rollten sie die eisernen Tore der Gebäude auseinander. Die Unterjocher traten sichtbar für die, die oben auf dem Leichenwall verendeten, heraus. Nur für Sekunden sichtbar. Sie wechselten ihre Farben mit dem Boden, den sie berührten, mit dem Hintergrund. Schillernde graugrünliche Körper, von rollenden blitzenden und flimmernden Gestellen umgeben. Sehr rasch, kaum den Boden berührend, fuhren sie über die welke Wiesenebene vor dem Gebäude. Bei ihrer Annäherung rauchte der Leichenwall, schwelte schmolz. Die Andrängenden hinter ihm wichen. Aber nur die nächsten. Hinter ihnen lebte die ganze Stadt. Durch den rauchenden fließenden Leichenwall, durch die brandenden Menschen gingen die Japaner, die grünlich schillernden Körper, ab und zu anhaltend und sich vermindernd unter einem Donnerschlag, aber immer rascher sich bewegend, nach allen Seiten zuckend. Räumten die Stadt fast aus, leerten die Straßen. Flogen über die Straßenzüge, schleuderten Feuer herunter. Sie besänftigten die Menschen nicht, die ihnen nachliefen, neu auf den dampfüberlagerten Plätzen auftauchten.
Die glitzernden Körper fuhren bis zum Abend. Im Dunkeln sausten sie über die schwelenden Anlagen hinunter, tauchten in das Ratsgebäude.
Die Kleider warfen sie ab, stiegen in die heißen Badebassins. Sie kicherten, machten Späße. Ihre Frauen erschienen mit Wein bei ihnen; sie liefen durch das Haus her, umarmten die Männer. Und als sie sich voneinander gelöst hatten, schlug ein Tamtam. Sie gingen in bunten langen Kleidern langsam, Blumen auf den Händen in die große Halle des Erdgeschosses, den Sitzungssaal. Ein farbiges Buddhabild hing an der Wand. Sie legten die Blumen vor sich, verneigten sich auf den Boden, gingen hinaus. Ernst stumm saßen sie im geschmückten Speisesaal an niedrigen Tafeln, tranken aßen. Der beizende beklemmende Rauch zog von dem mächtigen Platz herein, obwohl Fenster und Türen geschlossen waren. Nach halbstündigem Schweigen wies der am Kopf der Tafel sitzende Kahlkopf die beiden Sängerinnen hinaus, die mit ihren Lauten eintraten.
Das Kinn auf die Hand stützend blickte er die Männer in seiner Nähe an: „Wie alt sind meine Freunde? Sehr jung. Ist es schade, daß sie die Heimat verlassen haben, über das Wasser hergeflogen sind? Sie sind sehr jung; da ist nichts schade. Wann sind Dinge schade, die man in der Jugend begeht? Wenn sie zu lange dauern.“ Nach erneutem Schweigen blickte der untersetzte Yari an sich herunter: „Dank, daß du gesprochen hast. Ich hab’ ein buntes Kleid an; das trägt der Sieger. Ich möchte Sieger bleiben. Du hast gesagt, was ich tun muß.“ Sie murmelten und nickten an den Tischen. Nach und nach standen alle auf. Waren nicht mehr ernst. Lächelten sich an. Einer rief: „Mögen die Sängerinnen kommen.“ Der Kahlköpfige strahlte. Und als fünf Mädchen, zierlich, mit roten Schärpen, augenglitzernd zwischen den Tischen gingen, faßten die jungen Männer sie bei den Händen. Vor dem zusammengedrängten Saal, der sich kaum ruhig halten konnte, der summte flüsterte kicherte, sangen sie zu zweien dreien fünfen.
Im Vollmondlicht durchschnitten sie nach zwei Stunden die Luft über der dumpfen flammenerhellten Stadtschaft. Lautlos zerstörten sie die Sperre an der Peripherie, wogten nach Westen, gegen das uralte rauschende Meer.
Wellen, Wellen, mondbeschienene flinkernde rollende sich verschlingende Flächen, schwellender tragender Wind. In diesen Tagen verzogen sich die asiatischen Besatzungen aller amerikanischen Stadtschaften.
Die Küste aber entlang ergossen sich nach Norden in das Gebirge hinein die noch lebenden Menschenmassen, die die zurückgelassenen Städte zuletzt verwüstet hatten. Führer der jetzt nicht mehr geheimen Bünde rissen die Massen in das freie Land. Nevada Washington Oregon Idaho ließen sie hinter sich, in Columbia traten sie wandernd ein, erfüllten, Städte auf Städte nach sich ziehend, die Flächen zwischen der inselreichen Küste und den felsigen öden Rocky Mountains. Bis nach Yukon herauf, wo sich der Eisgipfel des gewaltigen Eliasberges reckte, schwollen sie. Manche überstiegen die Pässe des Gebirges nach Osten, sahen Athabaska vor sich liegen. Tausende versagten unterwegs und schlugen sich rückwärts. Vorn trieben und zogen die anfeuernden Steine und Erde befragenden Führer unaufhaltsam. Ohne Mißtrauen, oft freudig wurden sie von den Resten der an der Nordwestküste hausenden Muttervölker, den in kleinen Dörfern hausenden Tlinkit Haidas Tschimssiwas Biballas empfangen gepflegt geleitet. Viele verelendeten verunglückten in den nächsten Jahren. Der jähe Übergang aus der Fürsorge der Riesenstädte an die wilde Kraft des Meeres, an den Kampf mit Tieren war gnadenlos. Holzfällen, Jagd auf Lachse mit Speeren und Fallen, Fang von Dorsch Stint Heilbutten zwischen Inseln, an der Dixoneinfahrt, in der Chatamstraße, Bärenjagden hieß jetzt das Leben. Trinken von rohem warmen Blut, Essen von rohen Lebern wurde heilig. Marduk war schon tot, der machtdürstende Zimbo saß in dem Ratsgebäude der märkischen Stadtlandschaft, als die ersten dumpfen Warnungen und Drohungen von diesen indianisierten unter Propheten stehenden Horden der amerikanischen Nordwestküste ausgingen.
* * * * *
Der Völkerkreis aber, sich schließend und eben erst festigend, bewältigte diese beiden Feuer, das märkische und westamerikanische, nicht. Im Londoner Senat erschienen amerikanische Vertreter. Sie waren in der schwelenden Landschaft des Nordwestens zu Hause. Man hatte sie in Washington ausgewählt zu sprechen. Klokwan war der älteste dieser vier langsamen Menschen, die in Wolldecken auf den Bänken der Londoner saßen, die Straßen stumpf betrachteten. Sie hockten stundenlang. Erst bei ihrem Stäbchenspiel, dem die Östlichen verwundert zusahen, wurden sie lebendig. Sklaven hatten sie bei sich, Mestizen, und eine Anzahl tabakkauender Frauen, die hinter ihnen herliefen, bei den Besprechungen auf Matten an der Erde lagen, mit Otterfellen bedeckt, den Kopf auf einen Arm stützend. Man mußte sich mit ihnen in Gärten, im Park unterhalten. Geschlossene Räume, besonders die Londoner Riesentürme, ängstigten sie.
Francis Delvil, der Londoner Senator, ließ ihnen oft zum Wärmen Weine reichen. Der hagere wohlwollende Mann hatte ein schlaffes müdes Gesicht bekommen. Sie saßen im herbstlichen Park von Aldershot zusammen. Seine englischen Freunde lächelte er melancholisch an, kniff die Lider: „Seh ich recht, sind wir in derselben Lage wie – soll ich es sagen? – zu einer schlimmen Zeit. Wie damals als Rallignon, der große Franzose Rallignon, und Leuchtmar über das Festland fuhren. Dann kam der Krieg am Ural.“ „Wer ist unser Feind?“ der rundgesichtige Klokwan, mit tiefbraunem welken Laub spielend, das man vor ihm aufhäufte, wischte sich die langen grauen Haarsträhnen von der Nase zurück. „Der Feind, Klokwan, gewiß, den zu bestimmen ist jetzt schwer. Du hast es gefunden.“
„Ich weiß nicht, ob es das Schwerste ist. Wir kommen aus Amerika, wir flogen auch an der Westküste von Afrika entlang. Wir sahen da nichts anderes als bei uns, vielleicht schärfer, es ging wild zu. Die Stadtschaften brennen, sie schlagen sich. Viele stehen halb leer. Die Menschen sehen ihr Verderben. Sie fürchten sich davor. Das Mekibrot das Mekifleisch schmeckt ihnen nicht.“
„Sie wollen sich in der Wildnis von den Tieren zerreißen lassen?“ „Es scheint, Delvil. Ich weiß es nicht. Es geht in Dakota am Mississippi in Mexiko am Salzsee und ganz im Süden bei uns nicht anders. Ich meine: man muß dies nicht vergessen. Wie soll man diese Menschen halten. Sie kommen nicht mehr zu uns. Es liegt eigentlich, verzeih mir, gerade umgekehrt wie zu der Zeit Rallignons und Leuchtmars, die einen Krieg anstifteten um ihre Menschen wegzuschleudern, – es ist doch so? Wir wissen aber nicht, wie sie festhalten.“
Delvil riß finster an seiner starken Halskette: „Also wo liegt der Fehler? Welchen Fehler machen wir?“
Die stämmige breite rotbäckige White Baker: „Erinnerst du dich, Delvil, und – wo ist Pember? ah du, – du Pember, unseres Besuchs bei Marduk? In diesem sonderbaren Stadthaus in der Mark, an der Schädelpyramide, vor den schrecklichen Bildern. Mich schauert, wenn ich daran denke. Marduk wollte nicht nachgeben. Wir sagten ihm, es sei kein Sinn in dem, was er täte. Er blieb hart. Zuletzt riet ich zum – zum Zugreifen. Delvil, da warst du es, der den Arm wie ein Boxer krümmte und sagte: Ist das Land still, so sind wir auch still und sanft. Wir begießen es wie Regen. Das sagtest du. Ich erinnere mich gut. Will der Konsul aber anders, so können wir auch Gewitter spielen. Sagtest du. Wir halten den Marduk zwischen den Fingern.“ „Das sagte ich. Was willst du damit?“ „Nichts, Delvil, über deinen Irrtum und über Pember. Was nützt es jetzt. Wir haben darüber oft gesprochen. Aber ich wiederhole nun dasselbe wie damals: zugreifen.“ Delvil bog wieder den Arm: „So hab’ ich damals gemacht, White Baker, nicht wahr? Aber unser Freund Klokwan hat schon die entscheidende Frage gestellt. Und sag’ du mir: wo, wenn ich schieße und schlage, wo ist das Ziel?“ „Es gibt nur den Völkerkreis oder die anderen. Delvil und ihr, ihr könnt doch nicht daran zweifeln. Und daß sie uns an den Hals wollen. Daß wir im Begriffe sind, vernichtet aufgelöst zu werden.“
Klokwan hatte seine Decke fallen gelassen, gespannt zugehört: „Ich frage die Frau nochmal, wie der Herr Delvil, wohin sie ihren Bogen richtet. Francis Delvil, mein großer Freund, meinte zuerst, wir stünden wie unsere Voreltern vor dem Uralischen Krieg. Ich sagte nicht so. Wir stehen schlimmer. Er sieht es selbst. Weil wir doch den Feind nicht haben.“ White Baker lachte stolz: „Unsere Voreltern hatten auch keinen Feind. Wahrhaftig sie hatten ihn nicht. Sie machten ihn. Es ist leicht Menschen zu Feinden zu machen, wenn man überlegen ist. Sie hatten einen Schmerz in der Brust und dann schlugen sie – auf die andere Brust!“ Die Frauen auf den Matten lachten ihr mit blinkenden Augen zu. Klokwan hob seine Decke wieder, blickte stumm über die Frauen. Seine drei männlichen Gefährten saßen verhüllt, die Decken über dem Kopf, nur Mund und Nase freilassend. Klokwan: „Und ihre eigene Brust? Der Schmerz in ihrer eigenen Brust war dann vergangen?“ White Baker: „Ja.“
Einer der Männer neben Klokwan hatte seine Decke auf die Schulter heruntergezogen. Er tuschelte mit einer Frau zu seinen Füßen; der Mann flüsterte dann mit Klokwan. Alle in dem kleinen winddurchhauchten Zelt blickten ihn an. Klokwan senkte den Kopf zu seinem Nachbarn, bat dann sprechen zu dürfen. Eine Frau seiner Sippe, die Ratschenila, wüßte etwas, sie möchte es erzählen.
Die Frau am Boden spuckte den Tabak neben sich, richtete sich auf, strich sich ihr schwarzes Haar glatt, redete leise und langsam, während sie die Hände bald auf dem Schoß hielt, bald rechts und links an ihren Ohrringen. Sie blickte nur die Frauen neben sich an. Man erzähle bei ihnen in den amerikanischen Städten eine Geschichte aus der Zeit, wo noch ihr Volk in den Bergen jagte. Es seien einmal mehrere Mädchen zum Früchtesuchen in den Wald gegangen, die Tochter eines Vornehmen war dabei. Sie kamen an einer Tierspur vorbei und da lag Losung eines Bären. Die Tochter des Vornehmen fing da an, über das wilde Tier zu spotten: es sei ein langsamer blinder dicker dummer Gesell. Gegen Abend gingen sie wieder zurück. Da fiel der Häuptlingstochter der Korb mit den Früchten aus der Hand. Sie schüttete sie aus, sammelte sie ein; die Gefährtinnen halfen ihr. Aber nach hundert Schritt fiel ihr wieder der Korb weg, und nach hundert Schritt wieder. Da wurden die anderen Mädchen ärgerlich, gingen weiter, ließen sie allein sammeln. Und wie die Häuptlingstochter zuletzt die Früchte wieder eingesammelt hatte, waren ihr die anderen aus den Augen gekommen. Sie stand allein an einem Baum, in der Dämmerung, fand nicht den Weg. Da kam von der Seite ein junger schlanker Mann auf sie zu, in einer schwarzen Pelzkappe, ein ernster ruhiger Mann. Der bat sie, ob er von ihren Früchten essen könne. Sie gab ihm, erzählte, wie es ihr ginge und daß sie sich verlaufen hätte. „Warum hast du dich denn verlaufen.“ „Die andern sind so rasch gegangen, sie haben mir nicht geholfen.“ Und gleich erzählte sie von der Bärenspur und der Losung am Weg, lachte und spottete wieder. Der Jüngling aß nicht mehr von ihren Früchten, kaute an seinen Nägeln, sagte er wisse den Weg, sie solle kommen. Sie gingen lange; es war schon ganz dunkel. Da fragte der hübsche Mann nach einiger Zeit, ob sie noch den Korb trage, und dann nahm er ihn und warf ihn weg. Sie schlug nach ihm, weinte. Er sagte, man könne so besser und rascher gehen, es sei noch weit. Sie wollte weglaufen. Er nahm sie aber bei der Hand. Da bekam sie Angst, weil sie jetzt erst merkte, wie er sonderbar ging, der junge Mann, plump und langsam, so wacklig watschlig. Sie schrie, sie hätte Herzstiche, sie könne nicht mehr gehen. Und dann: der Leib täte ihr weh vom Beerenessen. Er sagte, sie solle nur kommen; sie seien bald da. Da wo das Licht brenne, sei seine Wohnung. Er sagte aber nicht Wohnung, er sagte: Wohne. Sie kicherte, faßte ihn an seine Brust, sah ihn an: es heiße doch nicht „Wohne“, es heiße „Wohnung“. „Doch. Wir sagen Wohne.“ „Das ist ja Unsinn. Wer seid Ihr denn?“ „Wir? Du kennst uns doch. Du wirst gleich sehen. Komm nur rasch.“
Und da war schon ein riesiger gespaltener Baumstamm da, ein alter toter Ahorn. Aus dem kam rotes Licht und Qualm. Sie stiegen wie in eine Dachluke ein, gingen vorsichtig tief herunter, bis sie zu den Wurzeln unter der Erde kamen. Ein kleines Feuer brannte. Zwei schwarze Grislybären schliefen da nebeneinander, ein junger und ein alter. Die schnarchten. Ein großer alter aber kam grunzend mit aufgehobenen Vorderpfoten auf den jungen Mann und die Häuptlingstochter zu. Die schrie, wollte kreischend weglaufen. Der Mann hielt sie fest; sie stürzte über eine Wurzel und riß die Erde herunter. Davon erwachten auch die beiden anderen Bären. Standen brummend auf, rieben sich die Augen, schüttelten schwarze Erde von sich, fragten: wer ihnen ihre Wohne zerstöre. Sie schrien: „Wer zerstört unsere Wohne?“ Das Mädchen lachte, trotz seiner Angst, über den Ausdruck, das tölpische Knurren Getue der Grislys. Der junge Mann nahm da rasch ihren Fuß, warf sie um. Die beiden Bären taperten an. Da wurde sie ohnmächtig. Und wie sie aufwachte, saß bei dem Freund ein alter Mann und eine alte Frau. Die hatten traurige Gesichter. Der junge hübsche Mann saß neben ihnen, aß Fisch. Die Häuptlingstochter fragte, wo sie sei. Sie sah ihren Korb, wollte ihn haben und nach Hause gehen. Der alte Mann und die alte Frau blickten sie aber so traurig an und sagten, sie sei zu ihnen gegingt in ihre Wohne; ob sie nicht bei ihnen bleiben wolle. Sie sprachen falsch wie kleine Kinder, stießen mit der Zunge an. Der hübsche junge Mann gab ihr den Korb zurück. Sie solle die Früchte mit ihm zusammen futtern. Die Eltern hätten auch schon davon gefuttert, er ließe sie nicht fort. Sie wollte erst nicht, weinte. Sie sah, daß das die dummen schwarzen Grislys von gestern waren, und der hübsche junge war nur ein junger Bär. Aber sie konnte nicht weg. Der junge Bär nahm sie zu seiner Frau. Und – und – und –: sie blieb da wohnen.
Die Frau lachte die andern an, legte sich auf ihren Arm am Boden zurück. Der grauhaarige Klokwan sah zu ihnen herunter: „Und nun spottet ihr nicht mehr über den dicken dummen schwarzen Bär. Er war doch nicht so dumm.“ „Eine sonderbare Geschichte, die du uns erzählt hast“, lächelte nach einem Schweigen Francis Delvil. Dann sah er zu White Baker herüber, die ihr ernstes Gesicht keinen Augenblick verzogen hatte, ja deren Gesicht während der Erzählung tiefrot aufgeblüht war: „White Baker.“ „Was willst du?“ „Ich möchte dich hören.“ „Wir sprechen ein andermal.“ „Du kannst ruhig hier sprechen. Wir sind noch bei unserer Frage von vorhin.“ Sie hob abwehrend beide Arme, schüttelte den Kopf: „Laß, Delvil.“ „Ja, wo ist das Ziel, auf das ich schießen soll. Blick doch hin, unsere eigene Brust.“ White Baker stand auf. Sie war blaß geworden. Die Art der fremden Frau hatte sie offenbar verwirrt.
Als sie später draußen mit Delvil allein ging, sagte sie stockend, diese Männer und Frauen könne sie nicht als Vertreter Amerikas anerkennen. Es seien mehr Angehörige der gefährlichen Wilden aus der Yukon- und Alaskagegend als Amerikaner. Sie redete erregt und unklar. „Das mag sein“, fand Delvil sie anblickend, „aber Washington und Neuyork hat sie ausgesucht und läßt uns durch sie informieren. Das will allerdings verstanden sein. Es heißt, so sind schon unsere Leute. Wir sind dankbar für den Wink. Wir sehen. Es ist dieselbe Nuß, die unseren Zähnen Schwierigkeiten macht.“ White Bakers Augen blitzten: „Zuschlagen, sage ich. Ich bleibe dabei. Abtrennen. Ja oder nein. Marduk oder wir. Glaubst du“, und sie stemmte die Arme in die Hüften, sah ihn erschreckt an, „ja ich glaube, du torkelst in den toten Baum, in den Ahorn, zu den Bären.“
Bei den Unterhaltungen mit Klokwan und in Ferngesprächen mit Washington und Neuyork wurde klarer, daß man dort schon keine Möglichkeit für einen neuen Völkerkreis sah. Die Vorgänge an der Westküste hatten ungeheuren Eindruck gemacht. Die fürchterliche Bewegung stand noch nicht. Das Auslaufen ganzer großer Stadtschaften in Afrika erregte Europa und Amerika aufs tiefste. Die amerikanische Deputation, immer geneigt abzureisen, wurde von den ängstlich gewordenen Engländern in London festgehalten. Ein heftiger Streit begann zwischen London und Neuyork. London ließ durchblicken, daß nach seiner Ansicht drüben den Industrien und Senaten Männer und Frauen vorstünden, die aus schwächlichen Sippen wären. Die alte Tradition sei unterbrochen. Sie fochten mit Worten über dem Meer hin. Die tücherbehangene Deputation der Männer Frauen und Sklaven spazierte indessen in den Anlagen der Stadt, drängte: sie könne nichts weiter sagen und was sie nach ihrem Kontinent melden sollten.
Es war in diesen kritischen Monaten, in denen der Völkerkreis schon wieder sich zu lösen begann, wo eben dieselbe White Baker, die kluge und tatkräftige Frau, umschwenkte, sich auf seiten Delvils stellte. Aufs heftigste waren Delvil wie Pember ergriffen, als sehr blaß und still die White Baker eines Morgens zu ihnen in das Senatszimmer trat, jene bräunliche tuchverhängte Ratschenila an der Hand, sich setzte und lange nicht sprach. Die Ratschenila lachte die weiße Frau an, streichelte ihr die Backen, lehnte den Scheitel an ihren Hals. White Baker sah wie ein verschämtes junges Mädchen auf ihren Schoß und ließ es sich gefallen. Auch als sie mit den beiden Männern sprach, hielt sie die ringgeschmückte Hand der fremden Frau fest. Ratschenila lächelte die Männer an: „Glaubt ihr, ich sei schuld, daß White Baker trübe ist und anders redet? Man erzählt bei uns, es habe einer, ein Mann einen andern, der Jelch den Kanuk, ärgern wollen und ihm in der Nacht Hundekot unter die Decke geschoben. Er weckte ihn und sagte: es stinkt hier. Du Kanuk, steh auf, du hast dich schmutzig gemacht. Ich – hab’ der White Baker nichts getan.“ Die weiße Frau drückte ihr fester die Hand, machte kleine Augen: „Wie kommt es, Delvil, daß ihr schon viel früher wußtet als ich, was man tun soll? Wie seid ihr Männer. Oder liegt es nur an mir. Ich bin jetzt“, und sie senkte den starken braunhaarigen Kopf, „fast bin ich jetzt mehr geneigt, zu Marduk, zu Zimbo zu gehen als in London zu sein.“ Der ruhige Pember klopfte ihr Knie: „Es ist gut, daß es so ist. Man kämpft besser, wenn man weiß, wie stark der Feind ist.“ „Ich sehe keinen Feind, Pember.“ „Doch. Heute nicht und morgen doch.“