Part 46
Delvil flüsterte, es dumpfte über die Ebene: „Marduk! Marduk!“ Er rief. Dringender jappste er: „Marduk, Marduk.“ Das Kinn des Konsuls löste sich von der Brust, der Scheitel stieg auf, die Nase, der Mund trat hervor. Zwei schwarze Augen stierten blicklos auf Delvils Hals. Die Hände bewegte Delvil rufend auf und ab. Heftiger traten unten die Füße. „Ah“ stöhnte der Mund, während der Kopf sich von links nach rechts drehte suchte. Eine Faust schwang Delvil vor dem Gesicht des Wesens auf und nieder. Der Kopf fing an zu folgen, senkte hob sich mit der Faust. Da hob Delvil die Faust langsam vor den eigenen Mund, vor seine Augen. Die Blicke des Wesens waren an Delvils Augen; er näherte sie den Augen Marduks, bewegte sie hin und her. Zugleich drängte er, eine Hand in Marduks Nacken gelegt: „Siehst du, du kennst mich. Marduk, du kennst mich. Ich bin Delvil.“ „Ah“, stöhnte tiefer der Mund, die weiße Unterlippe klappte herunter; zähes Wasser goß sich in einer Flut herunter. Angstvoll das Dröhnen Delvils: „Du bist Marduk. Der Konsul der Mark. Du kennst mich. Ich habe dich sprechen wollen.“ Aus dem Munde des Wesens, das jede Bewegung von Delvils Mund und Augen verfolgte, quoll ein langes „Ah“, dann ein ringendes „Was“ unter Erzittern der Gesichtsmuskeln. Dann röchelte es: „Wer, wer ich.“ Zärtlich Delvil: „Marduk bist du.“ „Ich?“ „Marduk. Ich habe dich geholt.“ „Wer – Marduk?“ „Du. Der Konsul der Mark. Wir haben hier gesprochen vor langen Jahren. Du warst in dem Haus unten.“ „Marduk.“ Das Wesen trat heftig mit den Füßen, blickte herunter zu den Sandstrudeln, stöhnte: „Los. Meine Füße.“ „Blick mich nur weiter an, Marduk. Du wirst wissen, wer du bist. Ich warte auf dich.“ „Ich – weiter. Ich – weiter.“ „Wir haben unten gelegen. Dies ist die Mark, wo du gelebt hast. Jetzt ist Zimbo hier. Der dich beendet hat. Der Schwarze. Achte, was ich sage. Du besinnst dich. Der Uralische Krieg war, du kamst nach Marke.“ Jetzt glättete sich das grauweiße Gesicht des Mannes, seine Lippen schlossen, spitzten sich; Delvil bebte: „Und nach Marke du. Die Menschen, die du geführt hast, leben noch. Sie sind wie du. Es wird dir Freude machen. Blick unter dich. Ist keine Stadt da.“
Der Sand schurrte um Marduk; er blickte herunter, zu Delvils dunklen Riesenaugen zurück, lallte: „Ich kenne. Ich erkenne.“ Delvil jubelte: „Du kennst es. Die Mark. Hier hast du gelebt. Ist keiner an dich herangekommen. Du warst groß.“ Der andere blickte zu den Wolken auf, lallte weniger: „Ich kenne. Ich kenne“, riß an seinen Beinen. Die waren bis zu den Knien im Sand vergraben, mit Adern Nerven Knochen im Sand verwurzelt: „Gehen. Weiter. Ich muß weiter.“ Lachte grunzte Delvil: „Kannst nicht weiter. Warte. Ich mach dich bald frei. Ich bin Delvil. Ein Riese. Du bist es auch. Es gibt kein lebendes Wesen, das ich sprechen möchte, als dich. Ich habe Sehnsucht nach dir. Ich muß dich hören. Du wirst mir antworten.“ „Ich bin ein Riese. Was ist das?“ „Jetzt kann ich die Hand von dir nehmen. Du verstehst mich. Willkommen, Marduk, mein Freund, meine einzige Seele. So erbärmlich sind die Menschen, nichtsnutzig, ohne Stolz. Wir hatten nach Grönland schicken müssen, Marduk, wir wußten uns keinen Rat. Das Feuer ist jetzt bei uns, Marduk, das Feuer.“ Ohne Zucken stand der andere, der weißgraue Riesenleib, vor dem Giganten Delvil, der noch kniete, den Rumpf aufgerichtet, dunkles Auge in dunklem Auge. Marduk suchte mit den Blicken den wüsten wogenden Leib Delvils ab: „Das Gesicht Delvils. Ich war einmal hier. Du sagst Marduk zu mir.“ „Sprich weiter. Es ist deine Stimme.“ „Inzwischen. Inzwischen. Da war Jonathan. Elina. Zimbo.“ „Das Ende. Du bist in seine Strahlen gelaufen.“ „An der Havel.“ „Du kamst nicht heraus, hoho. Bist erstickt. Und jetzt hier.“ „Einen furchtbaren Leib habe ich. Meine Knie stecken im Sand. Im Sand. Ich muß weiter.“ „Tot, Marduk. Du bist wie ich durch das Feuer. Wir haben es aus Island geholt, es kann uns nicht mehr genommen werden.“ Marduks Brust hob sich; seine Augen irrten nach den Seiten: „Ich – leben. Ich lebe wieder.“ „Niemand raubt dir das Leben. Wir haben das Feuer. Für alle Zeit, für endlose Zeit haben wir das Leben. Und nun siehst du es. Marduk, was wollen wir tun?“ Starrte ihm Marduk auf die Stirn, knirschte gurgelte: „Was ist das? Was redest du?“
Richtete sich Delvil auf, die Schlangen soffen an einem Havelsee. Im Wolkennebel wiegte sich, lachknurrte sein Kopf: „Feuer besitzen wir. Das besitzen wir. Unauslöschbares Feuer. Das besitzen wir. Was die Blumen macht, die Tiere und Menschen macht. Was den Wind und die Wolken macht. Was die Gase treibt. Das besitzen wir. Marduk. Alles haben wir in Händen. Ich bin kein Großmaul; ich sage: alles. Dich habe ich machen können. Meki ist nichts; wir brauchen nicht Meki. Wir haben die Urwesen selbst.“ Sein Atem dampfte oben.
Das Gesicht Marduks füllte spannte sich bei Delvils Worten. Die Erde hörte auf in gleichmäßig pulsierendem Schwall auf Marduk zuzurollen, klumpte sich, lag glatt, klatschte in seine Glieder, zu ihm auf. Marduk atmete: „Das ist es. Sprich mehr, Delvil. Ich habe lange nicht gelebt.“ „Nicht so lange. Wir gehen rasch. Nur Jahrzehnte sind vorbei. Es gibt dumme Tiere, deren kann man nicht Herr werden durch Gewalt oder Weisheit. Nur durch List und durch Zufall. Wir haben nichts gesucht und gewollt, waren selbst klein. War die Dummheit groß rechts und links. Unser Glück war doch größer. Auf Island brannten Vulkane, holten wir Feuer aus den Vulkanen. Wußten nicht, was wir hatten. Waren stolz Grönland zu enteisen, die Siedler zu bewältigen. Das Land wurde enteist. Und dann kamen die Untiere, Marduk, hoho, Untiere, zu uns herüber. Die hast du nie gesehen. Lurche Vögel Gallerten, Formen, Formen. Das Feuer hatte sie gemacht. Unsere Stadtschaften zerrissen sie. Die Häuser Bäume Menschen, Totes und Lebendiges klatschten sie zusammen. Das waren Gewaltige. Und wir verstanden noch immer nichts. Taten noch immer nichts, als uns fürchten. Marduk, wir taten vom Morgen bis Abend nichts als uns fürchten. Krochen unter die Erde. Haben die Küsten verlassen, weil der Wust durch den Ozean herankam. Bis wir der Katze auf die Krallen sahen. Marduk, hörst du. Marduk, was haben wir mit den Krallen getan? Abgeschnitten? Wir haben sie der Katze gelassen und uns neue gemacht, längere schärfere. Sieh mich an. Sieh dich an.“ „Ich höre, Delvil. Ich erkenne dich. Ach, die Mark. Da sind die Seen. Die Havel. Ich war hier erstickt. Mein Leib ist wieder lebendig.“ Delvil, das Ungeheuer, ließ sich vorsichtig tastend wieder auf die Knie: „Und nun, befühle dich, was will ich von dir im Havelland. Warum bin ich gekommen. Sieh, was hinter dir fliegt.“ „Geier.“ „Ja, sie, Gänsegeier. Mentusi und Kuraggara. Sie hacken gegen deine Füße. Sie möchten, daß du stirbst. Sie freuen sich ihrer krummen Schnäbel. Wie sie kichern, über uns. Das sind meine Gefährten. Giganten wie ich, Mann und Männin. Und das tun sie, das ist ihr Spaß. Und das, das, das ist aus uns geworden, Marduk! Aus uns Herren! Die die Apparate geschaffen haben, die die Menschen geführt haben. Sie wissen sich nicht aus noch ein. Nach Grönland getobt. London zertrampelt. Brüssel in Stücke. Sie spaßen. Ich, aber ich –“ wie keuchte Delvil, wie hob er um Marduks schwachen schlanken erzitternden Leib die beschwörenden Arme. Er sah nicht, daß Marduk schwächer schwächer wurde, daß er sich die Füße aus der Erde zerrte; im Gesicht wurden die scharfen alten Züge des ersten Marduk deutlich, als träte ein Licht, ein Feuer hinter einer Papierwand hervor, die es verdecken wollte – „Ich bin Delvil, ein Herr. Was hab’ ich in der Hand. Was ich in der Hand habe, weiß ich. Dies ist mir zugefallen. Meine Gefährten sind das nicht. Keinen habe ich. Marduk! Ich habe ein Amt. Und du auch. Rache fühle ich nicht.“ „Bist du so weit, Delvil.“ Finster schluchzend Delvil: „Nicht mißverstehen, Marduk. Du siehst jetzt anders als damals, wo ich zu dir kam. Du bist kein gezeugter Mensch. Ich habe mehr als Apparate hinter mir. Sieh dich und mich an. Du kannst jetzt nicht mehr reden wie damals in deinem Rathaus. Wir haben eine Pflicht. Das Feuer ist auf uns gefallen.“ „Die Dinge haben ihren Willen und ich habe meinen. Laß dich jagen von deinem Feuer. Delvil, schlage die Erde entzwei.“ „Ich bin nicht Kuraggara.“ „Die Erde entzwei. Was willst du anders.“ „Ich will nicht die Erde entzwei schlagen.“ „Ah, du willst nicht. Delvil kommt zu Marduk; er will nicht, was die Apparate und die Kräfte wollen. Ist etwas geschehen mit Delvil. Er hat Marduk geweckt. Es ist etwas geschehen. Hast du gewußt, daß du Marduk weckst?“ „Du bist es ja.“ „Hast du auch die Antwort gewußt, die dir Marduk geben wird. Wer A sagt, sagt B. Du brauchst mich, Delvil. Du bist kleiner als ich, du bist erlegen. Hilflos bist du. Unter Marduk bist du herunter.“
Wilder stöhnte Delvil: „Nicht mißverstehen. Da sind Krautfresser. Menschen, die siedeln und von dir sprechen. Das meinst du nicht. Kraut fressen wie die Kälber, das war nicht deine Meinung. Jetzt ist sie es sicher nicht. Was ich habe, hast du auch. Die Last ist auch deine.“ „Keine Last fühle ich. Wozu kriechst du vor mir. Wühlst mich aus dem Grab heraus. Du mußtest aus England herauskommen und stöhnst. Das hat dir deine Kraft gebracht. Was ist besser an dir, als an Kuraggara.“ „Schmäh nur, schimpfe.“ „Mich anzugreifen. Mich zu holen. Als ich lebte, wagtest du es nicht. Es gelang dir nicht. Es ist dir auch jetzt nicht gelungen. Geh weg. Hol Tote, hol Pharao, Hyäne. Husch, daß dein Feuer dich brennt.“
Es war Nacht. Marduks Körper leuchtete. Aus seinem Mund, seinen Augen, von seinem Finger sprühte mondhaft weißes Licht, zitterte wagerecht in Stößen um ihn. Delvil auf den Knien und Händen vor ihm kriechend, ihn betastend, um ihn kriechend, sah es, fragte nicht, war von Verlangen Bängnis Bitterkeit hingerissen. Die Schlangen unruhig fahrend überspritzten seinen heißen Leib. Das Pressen Krachen Knacken der roten kauenden Meduse nach Pausen des Fauchens. Delvil wühlte angstvoll am Boden. Er drückte Hügel beiseite; die umgelegten Tannen knisterten. Sein Gesicht tauchte er von einer Sehnsucht Ahnung gezogen in Marduks Licht. Der stand in seiner Grube, die sich nicht mehr bewegte. Die Beine zerrten noch an der Erde, bis zu den Knöcheln hatten sie sich befreit. Er atmete heftig, weit den Mund auf, den Kopf zurückgelegt; seine Arme ruderten durch die Luft: „Das ist es. Das kann ich. Die Erde Luft Augen; geht zu; meine Augen. Man hat mich hergeholt. Marduk, laß dich nicht rufen. Dies ist schon vorbei. Auseinander. Süße Leiber auseinander. Auf die Reise.“ Delvil suchte sich ihm mit der dampfenden, von der Urkraft umspannten Brust zu nähern, die Hände auf Marduks Schultern zu legen. Sie drangen nicht an. Seine Brust wurde seufzend schwer; sie wurde zurückgeschoben. Die Hände, Hände erlahmten. Bis in die Arme, wie unter einem Gift.
Marduk schrillte und schlürfte Luft: „Dies Kleid nicht. Marduk, auf die Reise. Marduk, geh weg. Hin!“ Die Geier sausten jauchzend auf den Rücken des hingestürzten Delvil. Luftziehend, in ächzender Begier schleppte, rappelte er sich an die mondhafte Gestalt, die leiser tönte surrte sang „Marduk, Marduk.“ Licht strömte von ihr, dehnte sich, in Punkten, gezogenen Linien über die Landschaft. Dichtere Massen schwammen, wogten von der Gestalt ab, überlagerten Delvils Gesicht und Rücken, bezogen die Bäume, und den schwarz aufgerührten Boden, hauchten um die aufflatternden Geier. „Marduk“ klang die Gestalt eintönig, wallte stob begann sich in Funken zu drehen. In Wut und Grauen tatschte Delvil zu, heulte, wie das Wesen leicht mit höherem Summen abwich, über den Boden glitt. Es war kaum mehr ein Mensch, was da glitt und hinzog, ein See ein Dampf, der sich immer mehr verbreiterte, mit einem menschenähnlichen Kern, der sich lockerte.
Hinrollte donnerbrüllte heulte Delvil: „Heran ihr! Mentusi, hilf mir. Kuraggara, sieh ihn an. Seinen Hals, faß ihn. Seinen Fuß, pack zu.“ In der schwarzen hohen Luft die Fänge und Pranken streckten die Geier, ließen sich blind über dem Wesen mit geschlossenen schlaffen Schwingen abwärts fallen, stürzten ins Leere, brachen in die Tannen. „Faßt ihn“ raste Delvil, ganz aufgerichtet, torkelnd über die Fläche watend, haschend, mit den schweren Beinen tretend.
Die Gestalt zerrann, hob sich wie Silberschuppen, schwach in dem allgemeinen weißen Schein zu erkennen. In dem Schein rutschten Mentusi und Kuraggara vom Sturz tief benommen von den zersplitterten Tannenspitzen die Stämme abwärts. Delvils Schlangen hingen schlaff; die rote Meduse war aus dem Leib gestiegen, schlotterte; weit offen der Mund; ihre wulstige Wandung kehrte sie nach außen. Delvil fühlte einen Schmerz, als würde sein Leib zerrissen. Er keuchte betäubt in das weiße Nebelmeer. Die Geier schwankten bewußtlos mit den Tannen; die Meduse zerrte an seinen Därmen. Da bückte er sich, riß die Tiere auf seinen Arm, taumelte, starr aus den Wolken herunterblickend, rückwärts nach Westen.
Schrie seine Wut gegen den schwarzen Himmel. Noch einmal jenseits der Havel machte er halt, aus der Betäubung sich raffend. Es war nicht denkbar, was geschehen war; auf seiner Brust hatte er den Schleier, der Marduk erweckt hatte. Nach Osten kehrte er um; seine Hüften versagten, schwankten nach den Seiten. Die Meduse, dem weißen Dämmer wieder genähert, stieg, als wollte sie etwas greifen, mit ängstlichen Armen empor, wulstete sich krampfend herunter. Über dem Havelland schwamm der milchig weiße Dunst. Die Bäume unten schaukelten sich langsam im Wind. Ein traumhaftes Zwitschern gaben die verborgenen Vögel von sich. In den Hütten Häusern Scheunen schliefen die Menschen. Die Erwachsenen reckten sich; sie gingen im Schlaf durch eine offene warme Landschaft, von einer weichen Gestalt geführt. Die Kinder im Stroh hatten die Augen geschlossen; ihre Münder zuckten; sie lachten. Und Delvil selber, unter allem Brennen in seinen Därmen, während er schwankte Luft schnappte, fühlte eine Müdigkeit. Die Lähmung war süß. Durch den blutgeschwollenen wolkenhohen Kopf gingen ferne Gedanken, von Menschen, sommerlichen Spaziergängen, von einem Becken mit Goldfischen. Seine Knie hatten die Neigung sich zu krümmen. Und wie er ringend mit rückwärts gebogenem Kopf in den Wolken Luft trank, stürzte er auf die Hüfte. Unerträglich peitschender Schmerz. Der jagte ihn hoch. Nach Westen, nach Westen. Die Geier raffte er auf. Er stürmte durch Hannover. Am Rhein kam er zu sich. Zwei Tage lang schrie er.
Die Geier sausten nach Westen, kehrten in Verwirrung und Wut zu ihm zurück. Auf seinem Kopf saßen sie, während er den Kanal überschritt: „Mentusi, Kuraggara, was soll mir mein Schleier. Was nutzt uns unsere Kraft. Hat er uns besiegt?“ „Er ist geflohen. Wir wollen noch einmal zu ihm kommen.“ „Ich will nicht. Nach Cornwall. Ich greife die Erde an. Das tue ich. Habt ihr ihn gesehen, wie er in Licht aufgegangen ist. Ich zerreiß’ die Erde.“ Kreischend Kuraggara: „Die ganze Erde. Samt den Menschen. Und den Felsen und Meeren.“
In Cornwall aber stand Delvil noch lange Wochen brüllend und weinend: „Er hat Recht. Ich zerreiße die Erde.“ Von Mentusi erfuhren die Giganten, was geschehen war. Delvil knirschte verzweifelt: „Alles heran, was wir haben.“ Und in einem Zerstörungstaumel brachen die Geier und Delvils Gehilfen in die nahen Festlandsstädte ein, die sie noch nicht zertobt hatten. Die Mekifabriken verwüsteten sie. Überall wo sie Teile des Turmalinschleiers wußten, schleppten sie sie heraus. Auf den Hügeln von Cornwall um den stöhnenden Delvil häuften sie sie an.
Dann machten sie sich selbst zurück. Die Geierfedern warfen sie ab. In der Dartmoorwaldung wuchs Delvil. Westlich im Bodminmoor Mentusi. Nördlich am Tawafluß Kuraggara. Einen großen Halbkreis bildeten sie, der nach Norden offen war. Es war Platz für die anderen Giganten. Die Berge der Schleier hatten sie um sich. „Soll ich Grönland machen“ höhnte Mentusi, „wollen wir die Schleier über die Erde hängen und die Erde verklumpen. Soll ich das Meer über Europa schicken. Wollen wir den Pol zum Äquator herunterziehen.“ Delvil dumpfte: „Nach Norden. Alle Kraft nach Norden. Wir sind in Fahrt. Haltet die Kraft bei euch, daß ihr nicht umgeworfen werdet.“ Vom Tawafluß Kuraggara, die aus einem Berg heraus wuchs: „Und wenn die Erde zerreißt, so fahre ich durch die Luft.“ Delvil: „Wachst! Saugt die Erde auf. Nehmt auf die Fahrt mit, was ihr könnt. Norden.“
Und in finsterem Haß richteten die Giganten die furchtbare Wucht ihrer Kräfte um sich nach Norden, gegen das Meer, von wo einmal die Lurche und die Schleier gekommen waren. „Ich schick sie wieder zurück“ schrie Delvil.
* * * * *
Über den Boden aller Landschaften, auf allen Kontinenten Inseln zwischen den aufblühenden und verwelkenden Bäumen, zwischen den schnuppernden laufenden hungrigen und gesättigten Tieren, bewegten sich die sterblichen Menschen. Fühlten ihre Arme, die greifen konnten, nahmen die Säfte an, die ihnen aus der Erde zuquollen. Und dann verdorrten sie. Alterten erschlafften ergrauten. Unheimliche Kräfte arbeiteten an ihnen. Sie hatten nur die stolzen drängenden schwellenden gekannt; jetzt weinten sie. Die Flüsse liefen wie vorher, die Berge mit den Wäldern standen ruhig, die gelbe Sonne kam mit den Tagen herauf, unverändert nachts die blaue Schwärze des Himmels: nur sie gingen hin, wurden weggedrängt.
Es fing an, sie lautlos zu bemalen. Graue Linien wurden um ihre Augen gelegt, die Lippen wurden bläulich blaß. Ein Meißel grub an den Gesichtern, unterschnitt die Jochbögen, trieb sie über den schlaffen Wangen hervor. Die Augen sanft eingesenkt, vermauerten sich, zogen sich kalt zurück. Eine unterirdische Arbeit zerlegte die Nase, legte Gruben über die Nüstern. Sie aßen und tranken, aber es war nichts aufzuhalten. Aus dem feinen Grat der Nase wurde ein breiter Pfad mit starren Wänden und dunklen feuchten Schlünden der Löcher. Die Haut, einmal flaumig, wurde dünn wie Papier über das Gesicht gezogen, eng über das Gesicht, bedrückend wie eine Maske; aus einer Maske sahen die Menschen armselig hilflos hervor. Wie einem Gebäude geschah ihnen, das auf den Grundriß demoliert wird. Sie fühlten es, schwiegen. Und die Kiefern klapperten weiter, mahlten das Brot, zerrissen das Fleisch, taten als wüßten sie nichts, und der Leib unten vertrocknete, verhärtete. Gelb wurden die dünnen knorpligen Ohren; starre Haare wuchsen in Büscheln heraus. Die Münder wurden nackt bloßgelegt, grausam die Lippen gefältet, die Lippen, die blaßroten nassen Bänder. Vom Halse herauf zogen sich Wulste quer und schräg zum Kinn; mit jeder Mundbewegung sich straffend. Knöchern die Hände, die Finger knotig zitternd. Und die Menschen saßen stumpf, gingen stumpf, erduldeten es. Bis das Letzte kam, das sie kaum mehr anrührte, der Tod, über der Leber, über dem Herz, den Hoden, der Gebärmutter, die der Krebs anfraß. Eine starre Ader in dem verdorrten Gehirn barst. Das zuckte, – die Augen irrten, lagen still, – war ein Mensch.
Von der Hochfläche Sidobra bei Toulouse brachen die Menschen auf, die Island erlebt hatten. Mit ihnen Kylin, Hojet Sala, der Steile Absturz. Aus Toulouse, wo sie wieder die Serninkathedrale betrachtet hatte, kam die gelbbraune glatthäutige Venaska zu ihm herüber, bat, mit ihm wandern zu dürfen. Schon auf dem Wege durch ein Maisfeld, sah er sie starr an: „Willst du wirklich, Venaska?“ „Laß mich mit dir.“ „Ich habe deinen Feigenzweig unter dem Oleanderbaum weggelegt.“ „Hojet Sala, hier ist ein neuer.“ „Ich habe deine Küsse unter dem Baum angenommen. Ich weiß, wie süß Menschen sind.“ „Nimm mich. Ich möchte, daß du mich liebst.“ Und während es warm durch ihn ging, summte er: „Ich will sie mitnehmen. Ich wandere mit ihr.“ Träumte, sah auf seinen Arm, und begrub den Gedanken.
Durch die blühende Ebene der Garonne fuhren sie auf Ziegengespannen nach Osten. Siedler und Islandfahrer begegneten ihnen auf den Roggenfeldern, zwischen den dichten Ansammlungen der Bäume, der laubabwerfenden stillen Wesen, die neu grünten. Wer von den Islandfahrern auf sie zukam, durfte sie begleiten; der Steile Absturz blickte weg, als Venaska die Männer und Frauen mit jungen Blättern auf ihre Art schmückte. Sie warfen sich täglich vor dem Feuer hin, das auf den Feldern angezündet wurde. Träumend stand Venaska, mit verschlafenen kleinen Augen, von den Anbetungen auf. Der Steile Absturz, immer hart und ernst, drängte nach Osten, zur Rhone; das Rhonetal aufwärts wollte er nach Lyon und nördlicher nach Paas. Durch leere Felstäler stiegen sie, Gießbäche umgingen sie. Jenseits des großen Flusses lag eine Ebene.
Da schwollen ihnen Menschen von Norden entgegen. Der Steile Absturz schickte Männer unter die wandernden Gruppen; die ließen sich nicht aufhalten. Über den Fluß fuhren nach Westen Menschen. Sie suchten in das Gebirge hinauf, fragten nach Verstecken. Und dann hörten die Menschen um Kylin –, sie waren in der Nähe der Stadtschaft Lyon –, tagelanges nächtelanges Knattern und Schreie. Brandwolken, eine ungeheure Flamme über Lyon, die sich ab und zu verschattete. Unter dem Brausen flüchteten an ihnen Massen weinender erschöpfter Menschen, heller und dunkelfarbiger, vorbei.
Der Stadtschaft Lyon hatten sich drei Giganten bemächtigt, zwei Männinnen und ein Mann. Die anderen Herren lagen erdrosselt. Sie selbst waren im Begriff sich in Dampfwolken zu verwandeln, um zu Delvil zu fahren. Ihre zähen mit Felsen und Erde genährten Leiber widerstanden der Glut. Das ganze Rhonetal hatten sie in Brand gesteckt, neue Wälder erhitzten sie. Aus der Tiefe brannte die Stadtschaft auf. Das berghohe Weib Tafunda stand breitbeinig über der Flamme, die an ihren Beinen leckte, goß ihren Harn in die Flamme, zitterte nach den beiden, sie sollten ihr helfen; aber sie schmolz nicht. Einer lag über der alten Vorstadt Macon wie ein Riesenberg blauer Seide. Sein Leib war nicht mehr zu erkennen, das Feuer zerfraß ihn; der Gigant kämpfte mit der Flamme, die ihn vernichten, verblasen wollte. Er hielt mit allen Sinnen seinen Leib, wie er sich auch streckte und wandelte, fest; das Feuer briet und röstete, er fühlte es nicht; die Flamme mußte tun, was er wollte. Er atmete selten, alles Feuchte hatte er von sich gegeben; aber der Wind bewegte seine blauen Massen noch nicht. Da riß sich der dritte Gigant, die Männin Kussussya, bis an den Hals in dem glutrasenden Erdloch Lyon im Süden, aus dem Boden: „Wir haben Zeit? Was ist das für Feuer.“ Und lachend tobend zerrte sie sich den Panzer der Giganten, den Islandschleier von der Brust, zerknäulte ihn, rieb ihn gegen einen Uferfels. Aufkrachen. Grüne Stichflammen. Ihr Leib verprasselte über den Wolken. Die Hitze hinblasend löste den Giganten bei Macon ab von der Erde. Er wallte wie ein blaues Lufttier. Molluskenhafte Arme streckte er hinstreifend nach Tafunda aus, die nach ihm schnappte loderte und nicht verbrennen konnte. Er schleppte das sich krampfende stöhnende ungeheure Gebilde.
Kylin hatte starr auf dem Pilatberge gestanden; sie sahen in der Luft über sich den Giganten von Macon mit dem schwarzen sich windenden Gebilde die Berge umkreisen, nordwestwärts ziehen. In das Flußtal wollten sie heruntersteigen; sie vermochten es nicht unter dem widrigen stinkigen Branddunst. Der Menschenstrom hatte plötzlich nachgelassen. Und wie sie die letzten Hügel nach Osten begingen, hielt der ganze Zug der Fahrer an. Das Flußtal war sumpfig erweitert, Fußtapfen der Giganten, Hügel bei dem Gigantenkampf zerrissen, von Nordwesten her das Gebirge in das Tal gestürzt. Über die Ebene gesät Häusertrümmer, die rauchten. Und daraus wanden sich hervor Menschen und Tiere. Auf die Siedlungen war der Kampf und der Brand übergegriffen. Das Feuer hatte die fliehenden Wesen wie ein Vulkanausbruch überfallen; sie lagen, schwarzbraune Flecken, zusammengekrümmt, auf den Wegen; an manchen absperrenden Mauern in Haufen.