Chapter 32 of 48 · 3807 words · ~19 min read

Part 32

Und plötzlich wurden sie der Turmalinschiffe, der schwimmenden Fracht unter sich gewahr. In den Bäuchen der Schiffe ruhten die Schleier, die mit der Glut der Vulkane geladen waren. Im Stoß den rasenden hauchenden Feuerflächen entrissen. Da fuhr mit ihnen das dröhnende geliebte Island. Die achtkuppige Hekla, sprudelnd die Lava von der Thorsar bis zum aufgischenden Meer. Die Schiffe des Myvatngeschwaders fuhren mit ihnen. Sie hatten die Gruppe der Turmalinschiffe nach den Vulkanen benannt, denen ihre Kraft entstammte. Das war die Klasse der Leirhukrschiffe. Der breitschultrige Herdubreid, der schreckliche Dyngja. Die Katla, am Südhang des Vatnagletschers der gigantische Öräfa. Es war, wie die Menschen es bedachten, ein Widerwillen in ihnen nach Grönland zu fahren, diese Schleier, dies Leben und Blut wegzugeben, über das Land zu breiten nach dem Befehl der Stadtschaften. Herdubreid Katla Hekla Myvatn fuhren mit ihnen; sie waren ihrer Obhut übergeben. Kein Führer erriet, daß eine Anzahl der Menschen, die mit ihnen über dem Meer, dem südwärts treibenden Ostgrönlandstrom hingen, im Kopf hatten, die Turmalinschiffe mit ihrer Liebe zu decken. Sie wollten die Frachthallen sprengen. Geschützt von den Menschentransportern fuhren die Turmalinklassen, in langem Zug. Leichte Fahrzeuge bahnten ihnen den Weg durch das Packeis. Vorsichtig zwischen Eisbergen führten sie sie hindurch. Aus allen Schiffen umschwärmten die Turmalingebäude immer Boote; immer waren sie ihnen nahe wie die Hand einer Pflegerin. Da kam, nachdem sie ziellos eine Woche gekreuzt hatten, unerwartet der Befehl, alle Maschinen anzusetzen und sich nach einem Plan um Grönland zu verteilen, vom Melvilleland jenseits des achtzigsten Breitengrades bis zum Kap Farwel unter der sechzigsten Breite. Sie sollten die Dänemarkstraße im Osten durchziehen, im Westen die Baffinbai bis zum Ellesmereland. Es kam auch der Befehl, nur wenige Schutzschiffe für die Turmalinschiffe zu stellen, niemand sollte sich zu dicht den großen Frachtern nähern. Die an die Versenkung der Frachter gedacht hatten, fühlten sich im Augenblick ertappt. Sie erfuhren bald, was die Führer zu der Warnung bewogen hatte.

Ruhig schwammen die Hallen mit der Last der Vulkangluten über dem Wasser. Die Schiffe begannen eine merkwürdige Gesellschaft zu bekommen. Bald hinter Island bemerkten die Menschen der Begleit- und Wachtschiffe die große Zahl von Fischen, die sich um die Flotte sammelte. Sie schoben es auf die besonderen Fahrrinnen, die sie gerade nahmen. Schon nach zwei drei Tagen erkannten sie, daß die Fische hinter den Turmalinfrachtern her waren. Der braune Tang löste sich nicht von dem Schiffskörper. Wellen schlugen ihn nicht ab. Wenn Eisschollen eben einen Teil des Bugs glatt gescheuert hatten, so hingen fast im Augenblick, wie magnetisch gezogen, fast wie aus dem Schiffe sprießend, neue Tangbüschel an seinem schweren Rumpf. Die Turmalinfrachter zogen den Tang wie Barthaare hinter sich. Bei langsamer Fahrt waren die Schiffsleiber von den braunen grünlichen nassen Büscheln ungeheuer umwallt. Die Schrauben schmetterten und schlugen sich ihre Drehflächen frei; aber in den langen Schraubentunnel wucherten die Pflanzen ein, tauchten in den dunklen engen Kanal am Boden der gewaltigen Fahrzeuge, umwanden die schweren glatten rollenden Metallbalken. Die Männer mußten herunter in die eisigen Räume, mit Haken und Messern die bunten Büschel abziehen, die im Begriff waren, das Schiff zu ersticken. Sie brachten zum Erstaunen der Besatzungen den schweren Pflanzenfilz herauf. Es waren nicht die gallertigen Gebilde der zierlichen Algen, die auf den Wellen unter ihnen schaukelten, wiesenartig dicht beieinander, das Meer olivgrün färbend. Sondern armdick quellende Sträucher, vielfach verästelt, mit zollangen scharfgezähnten Blättern; apfelgroße Beeren trieben sie, die ihnen als Schwimmblasen dienten; wie Köpfe erhoben sie sie. Reinigungskommandos traten auf allen Frachtern in Tätigkeit. Mit Besen mußten sie die Algenbüschel von den Treppen herunterstoßen; mit Stöcken schlugen sie sie vom Gestänge ab. Um die Turmalinfrachter, als wären sie durch Signale, durch einen Ton, einen Geruch bezeichnet, schwammen Wale. In wellenförmigem Auf- und Absteigen begleiteten sie die großen Frachter, drängten sich blind durch die Wachschiffe. Man sah sie mit offenem Rachen schwimmen, von den rasch stoßenden Schwanzflossen getrieben. Sensenförmig gebogene lange schmale Zähne standen zu Hunderten honiggelb auf den großen Kiefern; das Wasser quoll zwischen den Zähnen in den Schlund; wurde in Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf den schwarzen Scheitel gespritzt. Das Gewimmel der glänzenden dunklen Rücken, die hohen Wasserstrahlen. Die scheuen Tiere fuhren wie verbissen hinter den Transportern her. Als die Begleitschiffe Boote gegen sie aussetzten mit Harpunen, die sie sich zur Unterhaltung anfertigten, wichen die Tiere aus. Wie man ihnen aber den Weg hinter den Frachtern verstellte, gingen sie schwanzschlagend mit Zorn auf die Boote los. Die Lichtanlagen und der Verständigungsdienst von den Frachtern wurde in diesen Tagen schwächer. Die Ingenieure erkannten, daß die Vulkanschiffe die Störung in sich selbst tragen mußten. Keine Hitze strömten die Berge der Steinschleier aus. Man beging die Hallen, durch deren ganze Weite die Schleier ausgespannt waren. Die ölige Isolierung war nirgends durchbrochen. Es waren andere Substanzen, unbekannte, die ausgeströmt wurden. Düster brannten nachts die Vulkanschiffe, hinter einem Nebel fuhren sie; die Lampen zuckten erloschen zu manchen Stunden. Da gaben die Führer, in Unruhe geratend, die Weisung, das ziellose Kreuzen zu beenden, alles bereit zu halten, den Angriff auf Grönland vorzunehmen.

Die Vulkanschiffe aber, schwer sich durch die Eiswüste wälzend, waren von einem Zauber berührt. Sie fuhren, als wollten sie im Eis versinken. Eine Nacht langsamer Fahrt genügte, um die Schiffe wie mit Tauen an das Meer zu fesseln. Der schwimmende abgerissene sterbende Tang wuchs auf, trieb neue Stiele und Blätter. Die Kanten der Eisschollen waren mit den Algenvölkern überzogen, die sich an die Schiffsleiber mit langen Stengeln, palmblattartigen Organen hefteten und die Schiffe mit dem Eis verklammerten. Mit Brennen und Sprengen wurden die Frachter freigemacht. Die Menschen auf den Schiffen selbst und in ihrer Nähe wurden eigentümlich mitgenommen. Nur für wenige Tage konnten Menschen zu den Turmalinfrachtern abkommandiert werden. Nach kaum einem Tag gingen sie in einer Müdigkeit herum, die zwangsartig war und die sie vergeblich durch Bewegungen Waschen von sich entfernten. Wie Opiumraucher setzten sie sich hierhin, dorthin, taten mühselig ihre Arbeit. Es wurde ihnen schwer das Gesicht zu bewegen. Mit diesem maskenartigen Ausdruck brach der Zustand aus. Dabei war ihr Inneres süß bewegt; sie blickten oft zwischen den Leitern Türen hindurch die Wände Decken, den Himmel an, sahen Landschaften, in denen sich Bäume überpurzelten, die Wolken sich lang auszogen, warm heruntertropften, ihnen auf die Brust, die Lippen; sie leckten, schluckten. Ein heftiges bald unbezwingbares Liebesempfinden durchlief sie. Die Männer zitterten im Frost der Erregung, die Frauen schüttelten sich, gingen zuckend langsam. Jedes Glied an ihnen war mit Wollust geladen, jede Bewegung brachte sie dem ausbrechenden Taumel näher. Sie umschlangen sich, und wenn sie ihre Leiber vermischt hatten und voneinander ließen, waren sie ungesättigt. Sie küßten und umarmten Seile, rieben und schlugen Arme und Beine, den Rumpf an Treppenstufen. Über Bord ragten die mächtigen Algenstiele; die zogen sie her, zu denen fühlten sie Verlangen. Das wonnige Wimmern, das ratlose Seufzen, angstvolle Stöhnen der Nichtzuberuhigenden. Dann lachten sie wieder, ließen sich und die Dinge los, taten dämmernd eine Arbeit. Aber der Speichel lief ihnen aus dem Mund, es drehte so weich hinter ihren Stirnen; sie warfen die Köpfe in den Nacken. Man mußte beim Fortgang der Eisfahrt schon am Ende des zweiten Tages die Menschen von Bord reißen. Alle entbehrlichen Kräfte wurden von den Vulkanschiffen genommen. Die Flotten stürmten durch den Ozean ihren Bestimmungsorten zu.

Jetzt sah man schon nachts mit bloßen Augen, was in den Riesengebäuden der Vulkanfrachter lag. Wenn die Sonne versank, Lichter auf den andern Schiffen aufflammten, fuhren die Hekla Leirhukr Dyngja Katla Myvatn, als wären sie, auf denen keine Lampe brannte, in ein dünnes Licht gehüllt. Man konnte die Schiffe im schwarzen Wasser im ganzen Umfang bis zum Kiel herab erkennen; Schrauben Masten Seile, die andrängenden Pflanzenmassen zitterten ein feines weißes Licht. Von Stunde zu Stunde wuchs die Intensität des Hauches. Im Finstern sah man, daß das Wasser viele Meter um die Schiffe leuchtete. Weiter und weiter entfernten sich die Menschentransporte und Begleitschiffe von den schwimmenden Speichern; nur für Stunden wagten sich kleine Mannschaften herüber. Ein Schrecken hatte alle befallen. Sie lagen zerknirscht auf den Schiffen herum. Was sollten sie tun? Was sollte man tun mit den schrecklichen Vulkanhallen, die man hinter sich herzog, die wie Ungeheuer über sie herwuchsen. Keiner dachte mehr an Sprengung. Die Führer wurden angefleht, die Turmalinhallen in das hohe Eis hinaufzuführen und dann zu fliehen. Aber was würde geschehen mit den Schleiern. Die Speicher konnten lostauen, ins Meer nach Süden getrieben werden, ihre Isolierung konnte zerbrechen; sie konnten als furchtbare Flammen- und Strahlenwesen gegen die Kontinente vorgehen. Man mußte sich ihrer entledigen, aber man konnte nicht fliehen. Nach Grönland. Und die Führer und Besatzungen zitterten, was geschehen würde, wie es verlaufen würde. Man fuhr. Metallisch blitzten im Wasser die Scharen der Fische auf. Die Lachse blaugrau mit dunklen wedelnden Flossen. Der Schwarm der scheuen Makrelenhechte gefolgt von Thunen und aufspringenden jagenden Boniten. Es war, als wenn sich die Pflanzenwiesen vom Meeresboden hochhoben losrissen, an die Schiffskörper hingen. Mit ihrem lebenden Gewichte beschwerten sie die riesigen Turmalinfrachter. Die schienen nichts davon zu fühlen. Ihr Bug hob sich von Stunde zu Stunde höher aus dem spritzenden Ozeanwasser. In den Nächten liefen sie wie glühende Wesen über dem Wasser. Das Mittschiff folgte, das Achterschiff. Die Schiffe schienen sich bereit zu machen über den Ozean zu fliegen. In nicht ausdenkbarer Weise, ein Graus der begleitenden Menschenflotte, überragten die Vulkanklassen die anderen Schiffe. Mit Bug und Steven, entblößter Außenhaut, liefen sie ohne zu schwanken auf der Meeresoberfläche wie auf Schienen. Bald mußte der Kiel die Wasserlinie erreicht haben, die Schiffsschrauben leer in die Luft schlagen. Und wie sie bergig hoch über den andern in den Geschwadern rollten, begannen ihre Rümpfe zu torkeln. Wild und brünstig hoben sich die Schiffe an. Toben und Klatschen war um sie; die Maschinen in ihren Leibern arbeiteten; eine todesmutige alle Angst verbeißende Besatzung, stündlich wechselnd, hielt sie in Gang. Die seilartigen Stiele der Pflanzen, die sich über die Planken und Masten legten, rissen die fahrenden Schiffe entzwei. Die Eismassen, die sich an ihre Leiber schmiegten, sich mit ihnen verlöteten, schüttelten sie von sich. Kilometerweit um die Frachter stießen Vögel auf sie zu; sie fielen über die Gebäude her, setzten sich auf die kriechenden Algen, auf Stengeln Blättern an der Außenverschalung krabbelten sie pfeifend zwitschernd schreiend herum. Tausende von Eistauchern, hell schreiend, flatterten auf Drähten Tauen, durch die Luken Deckfenster, bedeckten mit ihren zuckenden befiederten Leibern die Außenbordstreppen, unbehilflich springend, hielten sich dicht über dem Kiel am Schiffsrumpf angeklammert. Andrängende aufschnellende Fische jagten sie hoch, der starke Strahl der Wale wirbelte sie betäubend in die Luft. Über das Eis von Grönland kamen Vögel herübergeweht.

Es waren keine Schiffe mehr. Es waren Berge Wiesen. Und die Schiffe klangen. Sie klangen mit demselben hohen Ton, den die Schleier von sich gegeben hatten, als die Fluggeschwader sie von den Feuerseen Islands abzogen. Durch das Flügelschlagen Krächzen Zwitschern drang unheimlich der helle gleichmäßige Ton, der leise sanft aufsurrte, wie der Dampf aus den Düsen einer Turbine.

Das Land, das die Seefahrer zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Längengrad suchten, war nicht zu sehen. Eine starke Eisbarriere hatte es um sich gelegt. Aus der Richtung, in der es lag, schwoll scharfe Kälte und immer neues weißes Eis. Das helle glasige Eis schob sich über die ozeanische Fläche in Blöcken Schollen Bergen. Je mehr sich die Geschwader auf der östlichen und westlichen Seite dem grönländischen Erdteil näherten, um so höhere Berge hatten sie zu umwandeln. Von Küsten, die man nicht sah, segelten die weißen und bläulichen Massen an. Eisschollen flogen vor dem Nordsturm her, mit Höckern und Zacken, drehten sich, knirschten und krachten gegeneinandergeschoben, eine auf die andere getürmt, kippten überlastet um, schwappten im offenen Wasser auf und ab. Burgen und Zinnen näherten sich, übereinander gerammte hohe Stockwerke der Schollen. Durch die Nächte schimmerten sie. Das Wasser, aus dem sie entstanden waren, spülte an ihnen hoch, troff von ihnen herunter. Es fiel im Schwall über sie, nagte Spalten in sie hinein. Sie zogen durch die dämmrigen Nächte wie Fabelwesen, armlange Zapfen hingen an ihren Balkons, gläsern klirrten sie; mit einem Schlag fielen die zerbrechlichen Galerien auf die treibenden Schollen.

Die Seefahrer suchten Grönland. Sie waren, wie sie hinter den sprengenden und rammenden Hilfsschiffen fuhren, schon im Bereich des Landes; das waren die Vorboten der Gletscher. Wie ein reicher alter Baum wachsend Jahr um Jahr seine Früchte trägt, die Äpfel, die immer neu aus diesem Boden steigen, von demselben Stamm, demselben Wesen gebildet und geboren werden, so lag Grönland jenseits in der Dämmerung, Millionen Meter breit, trächtig, auf dem schwarzen Meer; Eis wuchs auf ihm, das Land schüttelte sich nicht. Schweigend, aus der Überfülle glitten die Massen ins Meer.

Im Osten hinter der breiten Eisbarre trat die Küste, wildes Alpenland hervor. Dunkle Wasserspiegel der Fjords, schwarze Berggipfel. Von allen Bergstufen stiegen Gletscher in die Tiefe der Felsgassen. Über die Gebirgskämme schoben sich Eispyramiden. Die Talfurchen von den weißen Trümmern gefüllt. In Gaal Hanikas Bai am vierundsiebzigsten Breitengrad fuhr ein Geschwader ein, in panischer Furcht vor den Turmalinfrachtern, die sie eskortierten. Sie hatten nur das rasende Gefühl, vor diesen Schiffen fliehen zu müssen. Sich der Turmaline um jeden Preis entledigen. Insel Clavering lag in der Bai, gebirgig vergletschert wie das Land. In den Felsboden der Küste brannten diese Menschen, ihrer Sinne nicht mächtig, hohe leichte Stangen und Pfeiler ein. Auf Klippen des flachen Wassers nahe der Küste setzten sie Hilfsträger. Über Pfeiler Stangen Träger warfen sie die Kristallschleier ihrer Schiffe, verbrannten augenblicklich die Frachter, die sie entleert hatten. Sie waren wie Menschen, die Blut an den Fingern nach einem Mord haben und sich keinen Rat wissen, als sich rasch die Finger abzuhacken. Unter die Schleier breiteten sie fiebernd die Platten zur Aufnahme der elektrischen Spannung; zweigten, sich überstürzend, Drähte von dem großen Kabel ab, das die Expedition hinter sich zog. In einer Nacht fuhr der Strom aus dem Kabel über die Platten. Die Isolierung der Schleier schmolz. Weißrote Grelle. Erderschütterndes Donnern. Die Insel warf weiße Wolken hoch, Dampf rot von unten angeglüht; er schoß wild in unablässigem Sprudeln auf. Die Anlage zerstört, Pfeiler und Hilfsträger geschmolzen. Der Schleier quer wirr auf dem Gletscher, fraß sich in ihn ein. Der hielt nicht still, riß Spalten auf, der Schleier senkte sich in die Schluchten. Der Gletscher stürzte über den Schleier; das Eis verdampfte. Dann aber wogten zwei Berghäupter gegen den Schleier an, der von den angeglühten niedergehenden Gletscherblöcken eingerissen war. Und wie sie über den lohenden surrenden Kristallen, in das Wolkengebrodel klafterten und sich breit schleudernd über das Gewebe senkten, wie ein Ringkämpfer über die Brust des niedergeworfenen Gegners, zersprangen verbrausten die Kristalle. Die Bergmassen rutschend begannen sich zu bewegen, als wäre etwas Lebendiges unter ihnen. Sie drückten die knisternden Schleiertrümmer herunter, rollten überschoben sich fielen zusammen. Krachend öffneten sie sich über dem begrabenen erloschenen Gewebe; wie aus einem Schlot gischten Dämpfe aus ihnen. Stundenlang gischten die weißen und schwarzen Schmelzdünste über der Insel in hohen auf- und abschwellenden Strahlen. Die besinnungslose nahe Mannschaft des Geschwaders war mit ihren Schiffen über die Bai geworfen, auf die Klippen, zwischen die Schollen gestaucht.

Um die Zeit des Vorgehens dieser Schiffe schien eine Panik sich bei allen Flotten auszubreiten. Man drängte trotz des schweren Ausgangs der Affäre in Gaal Hanikas Bai auf zahlreichen Schiffen zu ähnlichen gewaltsamen Akten. Rückwärtsbewegung einzelner Flottenteile, zersprengtes Vordringen auf das Festland wurde gemeldet. Steinern blieben De Barros Kylin Wollaston; sie erschienen unter den Besatzungen, die nach einem Halt suchten. Beschwörend bezaubernd gingen Frauen mit ihnen über die Flotte; griffen die Verwirrten an: „Denkt an den Myvatn, an den Herdubreid. Denkt, was ihr schon verrichtet und bewältigt habt, was hinter euch liegt. Wir geben nicht nach. Niemand von uns wird nachgeben. Wir erliegen nicht. Ihr vergeßt nicht, wer ihr seid.“ Die keuchenden Menschen schluckten bissen die Zähne zusammen. Eine entsetzliche Zeit verlief bis zur Ankunft der Ölwolkenschiffe.

* * * * *

An dem europäischen Sammelplatz der Geschwader, den Shetlandinseln und Färöer, wurde der Gedanke gefaßt, der die Fortführung der Expedition und die Ausbreitung der Turmalinschleier erst ermöglichte. Hier arbeiteten auf den technischen Schiffen, in ihren Laboratorien, Männer, die den Gedanken der märkischen Angela Castel nachgingen, der Erfinderin der kriegerischen Rauchbläser. Sie hatte zuerst im großen die trägen Wolken hergestellt, die sie zur Einhüllung und Fesselung von Heeresmassen brauchte. Diese schwarzen schweren und violetten Rauchmassen der Castel waren ohne Zähigkeit; sie zerflossen nach einiger Zeit; Tragkraft besaßen sie nicht; die Castel hatte sich sehr bemüht, aber vergeblich, die Massen so kompakt zu machen, daß sie die eingehüllten und gefangenen Heeresteile zugleich erstickten. In diesen Wochen nun, während die westlichen Physiker Biologen Chemiker schon schlaff herumgingen unter den schweren Ereignissen auf Island, unter den gefährlichen Nachrichten von der Flotte, wurde die Sache des trägen Rauches durch den Londoner Holyhead, der bald verscholl, weit vorwärts getrieben. Er kam durch besondere Antriebe dazu, das eigentümliche Gemisch zu finden, das luftähnlich gasartig sich in der Luft bewegte, sehr zäh zusammenhing wie eine Gallerte, und mit eigener spezifischer Spannung den Raum erfüllte, in einer bestimmten Lufthöhe verblieb, ein Zwischending von Gas und Flüssigkeit.

Ein Syrier Bou Jeloud war auf die erregende Nachricht von dem Plan dieser Expedition mit Leuten seiner Sippe in den Bereich der nördlichen Stadtschaften geflogen. Er kam aus der Steppe südlich von Damaskus. Die Wüsten Il Horra, Il Ledscha und Diret il Filul hatten ihn getragen. Über die flachen Kegel, schwarzen Blöcke der trockenen heißen Landschaft war er mit den Anaze, seinem Stamme, dessen Reste sich erhoben hatten, im Sommer wie ein Vogel geschossen. Im Winter ritten sie durch die Steppe nach Arabien, die Ortschaften zu brandschatzen. Er war nur einmal an ein Wasser gekommen, an das Tote Meer. Nur Pferde und Kamele hatte er bestiegen. Die braungelben Männer, sehnig, mit spärlichen schwarzen Bärten, fuhren mit Entzücken über das sturmbestrichene Meer nach dem Sammelort, den nördlichen Shetlands. Sie zeigten sich die Wellen am Bug ihres Schiffes, die Streifen an den Seiten, die Gischt am Ruder. Es war die Wüste, eine andere Wüste. Nicht satt zu sehen an diesem Rieseln Überschaukeln Sichdurchkreuzen Schwingen. Dünen, die der Wind schnob und ebnete. Sie verstanden sie gut, die Wellen. Dann tauchten Quallen im Wasser auf, braunschwarze vielarmige Kopffüßler, Fischschwärme zickzackten. Sie hatten keinen Wunsch, dies zu ändern. Auf den Schiffdecks stehen gefiel ihnen, und die Sucht unten zu sein, auf dem Wasser selbst, das der Wind strich.

Gäbe es ein Pferd, ein Kamel, das darauf reiten könnte, über das Wasser weg. Und die braungelben Männer, wie sie sich im weißen Burnus über das Eisengeländer legten, kniffen die Augen, lächelten: „Die schwarzen Steppen von Diret il Filul. Ah, die Luft ist hier kalt. Ei, es wäre schön, schön, über das Wasser zu reiten in einer langen Linie.“ Sie summten unter sich.

Holyhead, ein stiller Londoner Ingenieur, lächelte Bou Jeloud an: „Ich mache dir Eis. Dann kannst du über dem Wasser reiten, soweit du willst.“ „Weißt du, was ich will?“ „Ich blase dir Sand unter die Füße. Ich streue Sand auf das gefrorene Wasser. Ihr könnt, wenn ihr wollt, zu Fuß oder reitend nach Grönland.“

„Du machst mir Mondlandschaften vor. Hah! Was seid ihr für Krämer. Will ich Theater! Ich glaube schon, daß ihr alles könnt. Aber mir liegt nichts an dem, was ihr könnt. Nicht soviel.“

Holyhead lächelte ernst und freundlich, als die Gelbbraunen feierlich davongegangen waren. In seinem Innern aber schwieg etwas. Er hatte den Wunsch, dem schlanken Bou Jeloud wohlzutun. Welche kindlichen schönen Wesen sie waren. Er wollte ihnen gewähren schenken, was er konnte. Sie sollten ihn wieder anlächeln. Holyhead, der plumpe schwarzbärtige melancholisch über sich hängende Mann, war schon gelähmt wie viele auf den Schiffen, die sich ansammelten. Das Schweigen der Senate über den Verlauf der Expedition täuschte ihn nicht. Die furchtbaren Vorgänge auf Island, das menschenverschlingende geheimnisvolle Geschehen erschütterte, schwächte ihn, machte ihn müde. Was war noch das Leben. Er fuhr auf sein Arbeitsschiff. Bou Jeloud sollte lächeln.

Er traf eines Morgens die Beduinen in ihrer gewohnten Haltung, neugierig freundlich zärtlich an dem Geländer ihres Schiffes liegen. Das Wasser flutete unten, Wind floß um sie. Eisschollen von Norden angetrieben. Bou Jeloud schob die Hände unter seinen Gürtel: „Nicht auf dem Schiff sein. Wir warten noch eine Woche, vielleicht zwei, bis unsere Flotte zusammen ist. Das soll ich ertragen. Und dann die Seefahrt.“ Der ältere breite El Irak: „Wir werden Geduld haben.“ „Wozu, El Irak? Niemand zwingt uns Geduld zu haben.“ „Was meinst du?“ „Es ist nicht meine Sache. El Irak, ich bin ein Gefangener. Ich steh am Gitter und blicke herunter. Ich mag ein Schiff nicht.“ „Nun, Jeloud.“ „Ich bleibe nicht lange hier.“ Sie flüsterten finster zusammen. Plötzlich war der auflachende El Irak verschwunden. Und wie sich der weiße Holyhead dem jungen Jeloud näherte, starrte der schlanke Mann im Burnus gespannt auf das Wasser, schrie, warf die Arme hoch: „Seht! Da! Da Irak! El Irak! El Irak!“ Das Geländer umsäumt von gurrenden schwatzenden Menschen. Unten ein leeres Boot. Auf einer Eisscholle gebückt der breite Irak, Wasser schöpfend; er spritzte es hoch um sich. Er spazierte lachend am Rand, der Scholle entlang. Glücklich kreischend winkten sie ihm von oben, traten mit den Füßen. Die Scholle fuhr, umfuhr eine Klippe. Rasch entfernte sie sich seitwärts. Sie streckten die Hälse. Da wurde wieder Irak auf der Scholle sichtbar; er war gestürzt, kletterte hoch. Mit dem abgerissenen Burnus winkte er nach dem Schiff herüber angstvoll. Die Beduinen schrien. Auf dem Hinterdeck machte sich ein Flieger los. Da hatte sich auf dem freien Wasser der Scholle Iraks eine möwenbesetzte zweite Scholle genähert, eine kantige bergartige. Iraks überflutete Eisplatte krachte gegen den trägen weißen Berg, schob sich splitternd an ihm hoch; die Möwen schossen pfeifend auf. Unter den gläsernen Trümmern El Irak verschwunden. Flieger Boote im Wasser. Schollenlager und Eisbröckel segelten feierlich im Meer. Die Möwen senkten sich, liefen die Randlinien des Blocks ab.

Holyhead verbarg sich die nächsten Tage vor den Syriern, die stundenlang auf einem umzäunten Deckteil Gebete verrichteten. Eine Frau mit vollen braunen Armen stand bei dem finsteren Jeloud. „Dir ist nicht wohl bei uns, Djedaida. Du möchtest lieber in Il Horra sein.“ „Ach, Jeloud, ich möchte lieber in Il Horra sein.“ „Ich auch, Djedaida. Wir sind eine Handvoll Esel. Die Stadtschaften wollen einen neuen Erdteil machen. Was geht es mich an.“ Djedaida warf die üppigen Lippen auf: „Der Wind ist schön. Das Wasser könnte so schön sein. Es ist nicht sehr kalt.“ Die Fäuste ballte Jeloud: „Ich geh vom Schiff. Wir wollen von den Schiffen. Ich laß mich nicht verhöhnen und versuchen wie El Irak. Ich fahre nach Hause. Spring ins Wasser. Ich hasse das Schiff. Vielleicht wollen sie uns verführen, daß wir ins Wasser springen. Ich lieg nicht wie ein angebundenes Pferd. Es ist genug, Djedaida.“ Sie machte trübe Augen. Das Meer klatschte rollte schwer, züngelte über Riffe.

„Ich will ihn zum Lächeln bringen“, dachte der schwarzbärtige Holyhead. Djedaida von Damaskus, in ihrem gelben Kleid, das feine gelbe Gesicht blickte ihn verächtlich an; sie zog den Schleier über den Mund. „Auch sie ist lieblich, diese Djedaida. Sie trauern. Oh, wenn sie nicht weggehen. Wieviel schöner ist es, ihnen wohlzutun, als an Grönland zu denken.“