Part 7
London wußte, daß Verwirrungen und Unruhen in allen Gebieten seines Einflusses einsetzen würden, auch, daß es zuletzt Herr der Situation sein würde. Den Atem verhaltend sahen die kontinentalen Staaten und großen Stadtschaften dem Vorgehen Londons zu, das entschlossen war, weit über Jahrhunderte voraussehend, den schwächeren Tochterstaaten zu zeigen, welcher Weg zu gehen war: der der absoluten Inbesitznahme der Machtmittel durch eine sichere Schar Menschen. Über die von England beherrschten Gebiete der britischen Inseln und Afrikas kam ein Taumel. Es ist nichts dem angstvollen Tumult zu vergleichen, der, rasch gesteigert, sich nach einigen Wochen in den Landstrichen entwickelte, die, in Südafrika vornehmlich, dem Ackerbau und der Viehzucht dienten. Als die großen Stadtschaften den Auftrieb der Viehherden ablehnten und man Viehhöfe Schlachthäuser schloß. Als man die Bewachung der Getreidespeicher aufgab; die Tore der Speicher offen ließ, das Mehl in Säcken auf die Höfe schüttete. An vielen Orten waren vor kaum einem Jahrzehnt starke Mühlenanlagen nach neuen Prinzipien errichtet worden; sie bedeckten das Areal großer Dörfer; umgeben waren die Gebiete von Spielplätzen Wohnhäusern Verkaufsstätten. Die Speicher ließ man geschlossen, dann wurden sie von lungernden Massen angezündet; die Mühlen gesprengt. Es war eine falsche bewußtlose Richtung, in der die Erregung, die flackernde oft mit Wut geladene Fassungslosigkeit der herumlagernden Massen ablief. Sie brachen von ihren Wohnsitzen auf, gingen zielsuchend an die Zentren heran. Die Stadtschaften selbst waren unterminiert, die Hallen großer Fabriken leer. Draußen trieb die Landbevölkerung an, trollten die Bauern, die durch Gerüchte erschreckt waren, wogten die Männer und Frauen, die die Eisenwerkzeuge für die Äcker gearbeitet hatten, geschmolzen gehärtet geschmiedet geschnitten erkaltet geputzt. In dem Gewühl der Menschen war ein Hin und Her der Gefühle. Niemand entbehrte Nahrung, niemand konnte sagen, daß ihm etwas entzogen war und doch bluteten sie, waren widerwillig finster, als sie von den Öfen getrieben wurden, die Mühlen stehen ließen. Man würde ihnen sagen, erfuhren sie an den Zentren, was sie zu verrichten hätten, es würde ihnen an nichts fehlen. Und der anfängliche Zweifel wurde durch die Tatsache widerlegt: die Eisenzüge mit Tonnen und Säcken rollten Tag um Tag in dieselben Schuppen, in denen das Mehl abgeladen war. Während schon alle Speicher ohne Widerspruch der Senate, ja sichtlich von ihnen begünstigt, ausgeleert und von johlenden Horden abgesengt waren, waren die Auslagen der Bäckereien mit Brot und Kuchen im Übermaß gefüllt. Ja, London wies die Senate an, auf Wochen Mehl zu verschenken, um den Eindruck zu verstärken und seinen Schlag verwirrender und wuchtiger zu führen. Die großen Hallen für Butter Öle Speisefette boten die künstlichen Stoffe aus; man hatte sie den natürlichen zum Verwechseln ähnlich gemacht im Schnitt und Strich, ihre Festigkeit war stärker als die der natürlichen. Lachend, Arm in Arm gingen in den englischen und südafrikanischen Zentralen die weißen braunen schwarzen Menschen durch die Hallen. Man träumte, war in einem Schlaraffenland. „Sie haben künstliche Tiere. Sie können Bäume machen.“ Allein die fleischartige gehärtete Gallerte, die Trägerin der Eiweißstoffe, wurde verspottet. Was überall aus den Fabriken in Waggons angefahren wurde, die schneidbare bald leber- bald knochenartige braune und rosa Grundmasse, die sich auf Kochen erweichte, bisweilen bis zur Weiche des Leims, wurde ausgespien, behagte den starken Zähnen, die reißen und zerren wollten, den Backenmuskeln, die knirsch- und mahlbegierig waren, nicht. Der Geschmack wich von dem tierischer Muskulatur ab. Den Viehzüchtern Viehhaltern war so Schonzeit gegeben, bis auch sie wichen dem Mekifleisch. Dessert für Feinschmecker wurde das gesottene gebratene gebackene gedünstete Fleisch natürlicher Vögel Fische Rinder Schalentiere.
Die Äcker verlassen, die ungeheuren Flächen Bodens, jahrtausendelang von Generation auf Generation gepflegt gebaut geliebt. Die Urwälder waren niedergebrochen worden, die umschlingenden Lianen abgerissen.
Wilde Tiere hatten abgeschossen werden müssen, der gelbe Löwe der Panther. Die Termiten waren verjagt worden; Bäche umgeleitet, Hütten gebaut, feste Häuser, Dörfer und Hunde dazu, Stallungen für Hühner Gänse Kühe.
In den südlichen Zonen gab es Gebiete, die erst vor ein zwei Jahrhunderten freigelegt abgeholzt waren. Die eiserne Pracht der Nordländer war angezogen, hatte gezerrt gerissen gewürgt an dem Boden, die Pflanzen und Wurzeln geschluckt zerbissen zerkaut. Die Steine, die der Boden barg, waren aufgehoben worden, fortgeschleudert auf Trümmerhaufen. Man hatte in das schwarze Bett, das die Baum- und Pflanzenleichen verlassen hatten, Millionen blasser zarter Keime gelegt. Der Boden nahm sie willig auf; die Keime trieben mit grünen Spitzen über die Oberfläche. Grüne weite Felder, dichte Wälder der Halme, der sanft im Wind schaukelnden Ähren erhoben sich. Sie standen jetzt mit den Scheunen Schuppen Wohngebäuden, die man zu räumen begann, da. Die Menschen zogen sich in die Riesenstädte zurück. Sie kapselten sich in den Städten ein. Gaben den größten Teil der Erde frei. Der Boden ruhte aus. Die Halme wuchsen wild, welkten; bunte Blumen, die man vorher Unkraut nannte, wucherten dazwischen, Tiere schlichen ein, die Feldmäuse sprangen offen am Boden.
Der uralte Boden lag stumm unter den auf- und abgehenden Lichtern des Himmels, mit den Winden der Wärme den Gewittern den Regenstürzen. Bezog seine Nacktheit mit Blumen Pflanzen Tieren, rollte sich wie ein Igel ein.
Die Menschenmassen, in die Städte gelockt, kamen fest in die Hände ihrer eisernen Regenten.
* * * * *
Das Spiel, das London begonnen hatte, wurde von den andern Zentralen fortgeführt. Nach einem Jahrzehnt war im westlichen Völkerkreis der Ring der großen Herrengeschlechter geschmiedet.
Das strenge leidenschaftliche Ringen der Arbeitenden konnte aufhören. Immer war seit da die westländische Bevölkerung, fast völlig von den Stadtschaften verschlungen, geteilt in die kleine Masse der Schaffenden und die Riesenmenge der Untätigen. Die Menschen der Gruppen wechselten nach Neigung und Bedarf. Mit Vergnügungen Scheinarbeiten mußte man die Massen der Lungernden beschäftigen, deren Zahl stieg. Die einförmige Zucht verlor sich schnell. Eine wüste Vielförmigkeit entfaltete sich. Die Herrschenden hatten neben sich große Stäbe von Kundigen und Scheinparlamenten, die sich mit der Ablenkung der untätigen Massen befaßten.
Noch immer erweiterten sich die großen Stadtschaften. Der Zustrom der Fremden, das Wallen hin und her nahm kein Ende.
* * * * *
Leuchtmar und Rallignon, Männer vom Schlage Inka Stochods und Yorres, die die Herrschaft in den westeuropäischen Senaten an sich gerissen hatten, fühlten, was sich unter ihren Füßen regte. Das siebenundzwanzigste Jahrhundert, das Jahrhundert der Verhängnisse für den westlichen Völkerkreis, war heraufgezogen. Dieses Sieden, unbefriedigte Rollen. Gefährliche Gleichgültigkeit, plötzlich aufgetaucht und alles zermorschend. Nichts geschah isoliert. Die Horden Menschen, die in London an den Maschinen und dem Industriekörper hingen, erlahmten zusehends unter denselben Gefühlen wie die in Paris Berlin Neuyork. Die wilden Erregungen, heftigen Reize flossen von allen ab. Man ließ in Mißtrauen Apathie von den lockenden Dingen ab, an denen man gehangen hatte. Prunk Spiele Gelage entfalteten wenig Wirkungen mehr. Modische schöne lebenpeitschende entzückenheischende Gegenstände, von den Maschinen erzeugt, standen vor den Menschen, die stumm die Lippe sinken ließen. Das wühlte herum in alten vergessenen Kostümen. Völkerschaften, gemischte, gaben sich zu erkennen, wie Kinder die müde werden, in der Zimmerecke stehen und anfangen an einem Finger zu lutschen. Deutsche hielten die schwere Bibel in der Hand, blätterten im Gesangbuch, sangen trübe im Wald. Träge ließen die schwärzlichen braunen Menschen in den südlichen Gebieten sich fallen: da lebte in ihnen das Gefühl der reichen ernährenden Landschaften auf; sie konnten das Gefühl, das wie Rauch im Regen durch sie schwelte, nicht erreichen, kamen zu keinem Frieden. Arabische Stämme, in den wallenden verschlingenden Strudel der Westvölker gezogen, wurden vom Drang zu den Apparaten, den tosenden Maschinenhäusern losgelassen. Mit verhängten Augen blickten sie auf stille Ebenen, bestiegen Pferde. Und wie sie darauf hingen, war es dumm, was sie taten; Pferde waren dumm. Die Maschinen arbeiteten wie sonst. Die Wasserfälle warfen ihre Hochspannungen über Meere Gebirge in die Städte. Es war, als wäre die Verbindung zu ihnen durch eine feindliche Gewalt gestört. Die man wegschieben mußte.
Die riesigen Massen, mit denen fast ruckartig nach der Freigabe der Entdeckung Mekis die Stadtschaften sich vollsogen und die sich untätig um die ernährenden Werke versammelten, warfen sich. Aus den Werken gingen immer kleine Scharen, müde wie sie, blinzelten, waren einsilbig. Phantastische Spiele in den Städten, um die Städte Blumen- und Tierzuchten, waren aufgeblüht; sie lockten wenige. Die Massen in allen Zentren des westlichen Völkerkreises wurden fetter träger, zuckten exotisch heftig launenhaft. Ein unterirdischer Groll wuchs in allen Zentren, in diesen hier weißen, dort negerhaften, dort bräunlichgelben üppigen Menschen, die sich Tempel Moscheen Kirchen bauten, zu dunklen Göttern mit halbem Herzen beteten, im Grunde von keinem der Wanderprediger und Propheten gefaßt wurden. Es geschah, daß an manchen Orten sich nicht genug Menschen fanden, die geneigt waren, die Werke zu betreten.
Trägheit wucherte über allen Landschaften, zusammen mit einer eigentümlichen Finsternis. Wie man in einem unsäglich sich tiefer und tiefer auswirkenden Überdrußgefühl lagerte, schwoll alte Gehässigkeit zwischen den in den Stadtschaften beisammen wohnenden Stammesresten an. Da war es Bogumil Leuchtmar aus der hamburgischen Stadtlandschaft, der mit einer Gruppe junger Regenten und Regentinnen den Anfang machte. Die Wieschinska, seine ehemalige Mitregentin in Heraklopolis, der schlesischen Stadtlandschaft, die von Berlin ihren Ausgang genommen hatte, war mit ihm; ein Weib namens Azagga, die in der bayrischen Stadtlandschaft dominierte, ferner Uru aus Palermo und der Dongod-dulu aus dem ägyptischen Zentrum. Sie waren sich klar, wie sie in Heraklopolis bei der Wieschinska zusammentrafen, daß sie einer langsamen Zersetzung oder erneuten Ausbrüchen zuvorkommen mußten. In ihnen war die Kraft der Apparate das Glück der prangende stierartige Stolz der Maschine; wie in Palmen lebte er in ihnen, suchte nach Auftrieb und Krone. Der Italiener Uru verfiel der Wieschinska; die spöttische Frau mußte das übersprudelnde Geschöpf zur Besinnung bringen, ihn, der unter ihre dienenden Männer treten wollte. Es gab Lachen unter den fünf Regenten in Heraklopolis, als der stämmige Uru in der blaugelben Schärpe des Männerharems der Wieschinska zu einer Besprechung erschien. Die Schärpe hatte er gestohlen; die Wieschinska riß sie ihm ab. Einen Augenblick zuckte in der kleinen Gruppe der fremdartige Geschlechtshaß auf; der Wieschinska schien es, als wollte Uru sie verhöhnen; die Männer blähten sich heimlich über die Niederlage der Frau. Nach zehn sachlichen Worten war der Strom abgelenkt. Sie brauchten nicht durch Heraklopolis wandern, um zu wissen, daß unberührt gefeiert vergöttert die schaffenden Apparate stehen bleiben mußten. Unberührt gefeiert vergöttert ihr Blut.
Die lohenden Standarten nahmen sie auf.
Wie Bogumil Leuchtmar, Wieschinska aus Heraklopolis, Azagga, Uru und Dongod Dulu über die norddeutsche Tiefebene flogen – Landschaft neben Landschaft ausgegossen, murrende gärende Menschenmasse getrieben zwischen Häuserreihen, unkenntliche Beobachtungs- und Bewachungsposten zwischen ihnen – da fühlten die Massen noch nicht ihr Schicksal. Wie Menschen, die feindlich in der Liebe aneinander gekettet sind, zusammengeflochten, um sich zu zerreißen zu quälen zu beißen, so umwanderten sie kopfsenkend noch die verborgenen geschützten Orte der Apparate, angriffsbereit liebesbereit umschlingensbereit. Den fliegenden Regenten war nichts unsicher. Die Standarten mit den Gestirnen und dem Feuer wehten vor ihren Apparaten.
Sie trafen nicht in London ein, wohin sie geladen waren. In Brüssel hielten sie. Leuchtmar war es, der die Fahrt hemmte. Er war es, der plötzlich die Fahne noch bevor er landete, scheinbar unabsichtlich einzog zerriß, in Fetzen fallen ließ. Die anderen waren schon in Brüssel, da schwamm er noch, gehemmt unschlüssig in der Luft, umkreiste die Stadt bis an die Nordsee, fuhr an, zurück, als müßte er sich durch ein Gestrüpp Bahn brechen. Wie auf schwellendem Moor fuhr er, ratlos. Und ratlos, – als hätten sie sich verabredet, begegneten sie sich – hielt bei Dünkirchen Rallignon. Auf dem Boden der Konferenz, die vor vier Jahrhunderten nach dem Fall Mailands den Herrengeschlechtern die unbedingte Macht in den Staaten und Städten gegeben hatte, wanderten sie nebeneinander, sahen sich nicht an. Denn auch Rallignon dachte an Krieg.
In ihm war der Kriegsgedanke berauschend aufgegangen. Aus den Apparaten wie aus Wein war er zu ihm aufgestiegen. Niemand sollte ihnen widerstehen. Man wollte sie haben, ihren Preis singen, der Welt offenbaren. An die Grenzen des Wirklichen und Möglichen sollten sie, über das Erdenkbare hinaus mußten sie fahren. Man wollte die Waffen die Kräfte nicht gegen sich, sondern um sich führen. Rallignon durchfühlte es lüstern angstvoll wie Leuchtmar. Es mußte Staat gegen Staat gehen. Welcher Staat gegen welchen Staat? Darum sahen sich Leuchtmar und Rallignon nicht an. Ein Belgier holte sie von Brüssel ein. Verstört wie sie. Diese Gedanken gingen wie Gespenster um. Wer an die Apparate rührte, jetzt, in diesem Augenblick, wurde von ihnen getroffen.
Im Wagen fuhren sie zu dritt auf Brüssel. Bogumil brusteingesunken im Wagen stöhnend höhnend: es sei sinnlos nach Brüssel zu fahren: er werde umkehren; sie müßten bedenken, was sie vorhätten. Der sehnige Rallignon neben ihm war fleckig rot, verändert. Furchtsam blickte er rechts und links zum Wagen hinaus: es sei nicht ungefährlich für sie auf dem Land zu fahren; man werde sie erkennen; wenn man sie erkannte. Er glaubte schon, man wüßte, was er in sich trug; drückte sich in die dunkle Ecke des leichten flotten Gefährts, zog die Mütze über sich: man werde sie erwürgen. Leuchtmar zu ihm gedreht: „Warum denn? Was haben wir getan?“ Aber er faßte schon nach seiner Brust, erblich: „Ich habe keine Waffen.“ Der Flame saß mit offenem Mund, drängte auszusteigen. Als der Wagen in einer Schonung hielt, hatte sich der schwere Leuchtmar über seine Knie nach vorn gelegt; nach den Händen Rallignons tastete er: „Rallignon, mein Freund. Mein Freund. Nicht mein Feind. Sag ja.“ „Ich kann nichts sagen, Bogumil. Komm. Was soll werden.“ Leuchtmar faßte sich mit den Händen an die Schläfe: „Mag sich Europa selbst zerstören. Wir wollen nichts tun. Wir wollen es nicht tun. Wir wollen uns nicht dazu hergeben.“ Rallignon war herausgesprungen. Leuchtmar ging hinter ihnen: Er hielt wie die beiden andern die Augen niedergeschlagen, konnte die Häuser Felder nicht sehen, stöhnte. Flüsterte hinter den beiden: „Nichts davon sprechen. Ich behalt es bei mir. Ich gebe nichts von mir. Man soll mich nicht dazu bekommen.“ Einzeln gingen sie in Häuser, kleideten sich um. Verkleidet kamen sie in Brüssel an.
Da hatte die Wieschinska schon erklärt: sie werde nicht nach London gehen. Die Azagga, in deren Senat englische Aufsicht überwog, schloß sich stürmisch an. Der aus Palermo und aus Kairo waren nicht weit sich der Wieschinska anzuschließen: man würde zusammenziehen was man hätte und gegen England richten. Leuchtmar, eingefallen, bat nichts zu beschließen. Man solle nach London. Die Wieschinska erkannte, daß er, der nicht von der Tischplatte aufblickte, Aufschub wollte. Sie wetterte forderte Entschluß. Leuchtmar und Rallignon, wie sie aufstanden und zurücktraten, wirkten erschütternd. Der Flame flehte: „Wir wollen nichts beschließen.“ Leuchtmar und Rallignon schienen gelähmt. Die Wieschinska wollte sie mit Fäusten angreifen. Vor dem bösen Blick Leuchtmars wich sie zurück. Ohne ihn und Rallignon war nichts zu unternehmen. Plänkelnd gab sie nach.
In London, in den geheizten Glashäusern, waren asiatische Fremde erschienen. Zufällig waren sie da. Die Mongolen hatten eine Erkundung Londons und des Zustandes der westlichen Staaten vor. Die Kontinentalen umzogen die fremde Deputation wie Hunde den Knochen. Stellten sich, sonderbar gelockt, vor sie, befragten besahen behorchten sie. Die melancholischen klugen Engländer traten beobachtend hinter ihre östlichen Gastfreunde. Wie ein Blitz senkte es sich in Bogumil, den trüben plumpen, daß er die Mongolen, die starkknochigen weichen schmunzelnden, diese für sich kichernden Japaner, diese beiden wuchtigen weithosigen Russen haßte. Seine Augen waren stier. Er haßte sie. Rallignons Backenmuskeln wie Balken; er knirschte mit den Zähnen. Sie fingen, sich bewegend, wilde Hänseleien mit den Östlichen an, die die Londoner zu schlichten suchten. Die üppige Wieschinska begriff, was in den beiden Männern vorging, kniff die Augen zu, jubelte. Azagga, der glotzäugige weibliche Koloß, Uru und der schwarzhäutige Dongod Dulu ließen sich schleppen. Die stillen Engländer brachen die Besprechungen für Tage ab, um die merkwürdige Stimmung der kontinentalen Freunde zu erkunden. Sie trafen bei denen keine Überlegung mehr an. Keine Nachricht war zu den Engländern gekommen von dem Plan, sie selbst anzugreifen. Aber vor diesem starken bluttiefen Verlangen, das sie sahen, fuhren sie zurück, dachten nach, erschraken, lenkten ein. Unten sprühte die Stadt, in dieser Minute, der nächsten, folgenden. Da zogen sich die Engländer zurück, um die Dinge zu überblicken. Die kontinentalen Gäste wußten, daß sie bis zur Entscheidung in Gefangenschaft und unsichtbarer Aufsicht der Londoner waren. Keiner unter ihnen hatte jetzt Furcht. Die Engländer erwogen nur kurze Zeit, ihre Freunde zu töten. Sie wußten, daß Kampfobjekte gesucht wurden und daß sie selbst das nächste wären. Sie setzten sich zu der Delegation Leuchtmars. Zu keiner neuen Besprechung luden sie die Asiaten. Sie seien, erklärten sie denen, durch Angelegenheiten des nahen Kontinents stark beschäftigt. Freundlich geleiteten sie die Asiaten zu ihren mächtigen Luftschiffen. Schon aus Paris wurde gemeldet, daß die asiatische Kommission in der Nähe der Stadt die Luftschiffe verlassen und, offenbar um unkenntlich zu sein, sich auf kleinen Fahrzeugen zerstreut hatte.
* * * * *
Der östliche Menschheitskreis lag stumm auf dem uralten Riesenkontinent. Die dunklen Massen Asiens hatten die Maschinen empfangen; es war etwas Fremdes, lief wie eine Raupe über sie. Sie ließen die feinen Apparate, die schweren dumpfen Eisenwesen auf ihrer Erde stehen, die griffen ihr Herz nicht an. Immer waren von den vielen hundert Millionen Menschen Scharen im Westen, sogen mißtrauisch aufmerksam die fremden Kenntnisse ein. In der Zeit der strengsten Herrengeschlechter nahm eine ausgewählte Schar der Asiaten an den verbotenen Studien teil, wurde in den Besitz der Materialien und Modelle gesetzt. Dies duldete England, weil es friedlich war und die Asiaten sich verbinden wollte. In Asien welkten blühten Rassen; kaum, daß die Westler Kenntnis von ihrem Ergehen hatten. Bombay Kalkutta hatten ihr europäisches Gesicht abgelegt. In China waren große neu entstandene europäische Städte weggefegt worden; Einheimische hausten handelten in den Ruinen Gewölben der Europäer. Es war nicht möglich gewesen, den gelben braunen Millionen westliche Bedürfnisse einzuimpfen; sie hatten Gewehre und Waffen genommen, um die Fremden zu vertreiben. Langsame Berührungen, zögernde Verhandlungen fanden mit dem immer besorgten London statt. Als in Bombay Lhassa Peking Tokio Kasan Tobolsk die nach London entsandte Kommission erschien, war man für alles gerüstet. In den westlichen Kapitalen war die Bewaffnung der Asiaten bekannt; man glaubte sich voraus. Es gab schließlich keine Bedenken. Man mußte losbrechen.
Die Apparate hatten sich in den vergangenen Jahrhunderten völlig verändert. Aus Maschinen, in Hallen durcheinander gestreut, waren Maschinenblöcke Maschinenhäuser Kolosse Pyramiden von Anordnung, Maschinenorganismen geworden. Große Menschenmassen der Periode nach Dünkirchen bis zur Zeit der Rebellen Targuniasch und Zuklati hatten sie auftürmen und bedienen müssen. Die Energiewirtschaft hatte zur Verkuppelung der Kraftwerke untereinander geführt. Der Aktionsradius für die erzeugten und transformierten Energien war ins Riesige gewachsen. Die Energien wurden an wenigen Punkten gespeichert. Neben den Krafterzeugungsblock traten die Kolosse der Sondermaschinen, für einzelne Landstriche arbeitend, im ganzen Land waren keine vereinzelten Maschinen. Dies war – gegen Ende des fünfundzwanzigsten demokratischen Jahrhunderts – die Zeit, wo die Sonderung unter den Stadtlandschaften sich unwiderstehlich durchsetzte, Glasstädte Lichtstädte Nahrungsstädte Kleidungsstädte entstanden. In den Versuchsstädten und abseits von den Sonderstädten begannen sich die Erfindungen zu häufen. Da stürzten in wenigen Jahrzehnten Blöcke und Pyramiden der Maschinen zusammen. Neue Naturkräfte, gasförmige strahlende, schon vor einem Jahrhundert aufgespürt, waren von den Zeitgenossen Mekis gefaßt, in Apparate gespannt worden. Die polternden Kolosse wurden durch Liliputapparate beschämt. Jahrzehnte Jahrhunderte von Kraft wurden wehrlos, gelähmt von dem Blick dieser Minuten. Man legte die großen Maschinenstädte nieder. Unscheinbar in geschützten Gewölben die feinen zierlichen Apparate, in denen die Naturkräfte gefangen waren wie Gespenster in der Flasche. Wenige Hände brauchten sie zu bedienen. Das Herz stand den ersten Menschen still, als sie die Apparate sahen. Gewöhnten sich an sie, lebten unter ihrer Obhut, bequem, kaum dankbar, Kinder einer reichen Familie.
Diese wunderbaren streng behüteten Apparate, die Kraft der westlichen Herrengeschlechter, waren im Besitz des Abendlandes wie der Asiaten.
Im Westen flog ein Rausch über die wimmelnden Menschenmassen, als man ihnen Kenntnis gab von den Dingen, die sich vorbereiteten. Schlagartig sank die tiefe zweifelnde Unruhe hin. Als hätte man einem schlaffen Körper Äther und Kampfer eingespritzt.
Die Asiaten riefen ihre Völker auf. Zeigten die Macht der Weißen. „Sie kommen mit Maschinen. Sollen wir uns wehren? Unterwerfen?“ Man kannte die Antwort voraus. Die Inder wußten, wie man Elefanten zähmt, Flüsse überschreitet, betet; die Chinesen, wie man Felder bestellt, Schiffe zieht, handelt; die sibirischen Steppenvölker konnten melken jagen. Sie dachten, ihren Zauber gegen die Europäer aufzubieten. Da fuhren Luftschiffe von Süden und Osten her über ihnen und alle fuhren nach Norden und Westen. Wie sich die Schiffe, bei deren Anblick ihr Herz erstarrte, tiefer senkten, winkten ihnen Inder Chinesen zu, die Blüte ihrer Länder, feine junge Männer, die lachten: „Wir fahren ihnen entgegen nach Westen und Norden.“ Die Sibirier grinsten. Die Mongolen kollerten ihr Lachen, hoben ihre Kinder hoch. Millionen Zauberformeln gingen hinter den Kämpfern.
Es war ein Kampf, der von London mit tiefer Apathie begonnen wurde. Wechselnd zwischen Verzweiflung und Resignation stimmte London dem Beginn des Krieges zu. Es gab keinen anderen Weg. Man konnte zusehen, was sich bei dem Ringen entwickeln würde. Vielleicht half man sich über Jahrzehnte weg, vielleicht ließ sich noch ein Jahrhundert plänkeln. Sie hatten begrüßt, daß man unerhörte Erfindungen unterdrückte und sich selbst behauptende Stadtschaften schuf. Aber sie sahen das Aussichtslose dieser Versuche. Die Maschine war nicht aufzuhalten, das westliche Gehirn nicht umzustellen. Als Leuchtmar Rallignon und ihre kontinentalen Freunde in London erschienen, staunten die Engländer, strichen ihre schwarzen dünnen Bärte. Diese waren unbelehrbar, Kinder. Sie freuten sich an ihnen. Die Männer und diese wilde kraftvolle Wieschinska wollten Krieg, einen Krieg für ihre Massen. Die alten Herrengeschlechter waren doch klüger. Sie hätten in diesem Augenblick alle Waffen und Apparate eingezogen, deren sie habhaft werden konnten; hätten hunderttausend Menschen, Millionen um sich massakriert. Diese hier hatten sich mit den Massen verbrüdert, es gab keine Grenze zwischen ihnen und dem „Volk“. Sie dachten nicht daran, es sich leicht zu machen: zu Hause bleiben und alles erledigen. Sie ließen sich erregen jagen. Ja, die Buben und Puppen hatten geheim vor, gegen sie, die Engländer, das große weise Mutterreich, zu kämpfen. Vielleicht mit den Parolen der alten Geschichtsbücher: Freiheit, Unabhängigkeit. Waren dumme Eintagsmenschen. Man mußte mit ihnen den törichten Weg gehen: kämpfen. Es war vielleicht ermunternd. Diese Kontinentalen hatten noch den Glauben, einen lächerlichen Glauben an die abscheulichen Instrumente, die man versenken sollte.
Leuchtmar Rallignon Gru Wieschinska Azagga Dongod Dulu setzten nach dem Kontinent über. Die östliche Erdhälfte war zu bezwingen. Man konnte nicht Feuer nach Gestirnen werfen, wenn man nicht einmal den Erdball bezwungen hatte und hundert Meilen hinter der Weichsel eine ablehnende Welt lag. Es war ein neuer Impuls, der in die tändelnden schwelenden Massen fuhr: das Bild einer riesigen Fläche, maßlos hoher Gebirge, wimmelnder exotischer Landschaften und Städte. Über diese sollten sie fallen, in die sich mischen einschwemmen. Es sollte geschehen. Sie hatten die Apparate. Jetzt sollte dies geschehen. Man hörte von der ungeheuren unausgeschöpften Kraft der Apparate. Mit anderer Seele als vorher wurden die Fahnen, Feuer und Gestirne, über die Landschaften der westlichen Kontinente getragen. Fiebernde Kraft heizte die Herzen, machte die Muskeln steif. Man hielt die Fahne; sie warf alle Willen zusammen.
Die Stadtlandschaften bewegten sich. Scharen über Scharen von Männern Frauen begehrten Einstellung zum Kampf. Mit einigen zehntausend Menschen, sachgeübten, war der Krieg zu führen. Die Überlegung riet, viele heranzuziehen, zum Beschäftigen und Vernichten. In allen Ländern wurde von der Führung eine Stelle abgezweigt, die sich mit dem Erdenken sinnloser Arbeit für die Soldaten befaßte, die Stelle B, wie sie London im Unterschied zu der wirklich kriegführenden Stelle A nannte. Die Stelle B wurde rasch mit den klügsten politischen Köpfen besetzt, die mit Technikern und militärischen Fachleuten in losem Zusammenhang standen. Der Andrang zu dem Scheinheere B war in den westlichen Kontinenten so stark, daß die anfänglichen Pläne der Leitung nicht ausreichten. Sie sahen vor Kriegsdienste nach früherer Methode; man stellte Kanonen her, ließ Verteidigungslinien aufwerfen befestigen, baute auf Festungswerken Apparate, von denen man den Kämpfern Wunder versprach, an denen sie üben mußten: mörderische Modelle. London ging weiter, im Sinn seiner früheren Überlegungen. Seine B-Leitung führte starke Menschenmassen, Regimenter begeisterter und gefährlicher Männer und Frauen auf den wirklichen Kriegsschauplatz, die russische Tiefebene; sie hatten furchtbare vergebliche Arbeit zu leisten.